Monthly Archives: October 2014

Dagger Awards 2014: Preise für Wiley Cash und Robert Harris

(c) Fischer

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Die begehrten Dagger Awards, neben dem Edgar aus meiner Sicht die wichtigsten Krimipreise, sind vergeben! Der “Gold Dagger” für den besten Kriminalroman des Jahres geht heuer an Wiley Cash. Robert Harris wurde für den besten Thriller mit dem “Steel Dagger” geehrt und der mir noch unbekannte Ray Celestin erhielt den “New Blood Dagger” als bester Newcomer.

Die gute Nachricht: Sowohl “Schaut nicht zurück” von Wiley Cash als auch “Intrige” von Robert Harris sind bereits auf Deutsch erschienen.

Ich habe im Vorjahr Cashs Erstling “Fürchtet euch” gelesen und war recht angetan: “Cash erzählt ohne Hast, scheut jegliche Art von Gefühlsduselei und verleiht dem Buch dadurch ein hohes Maß an Authentizität. Eindrucksvoll zeigt er, wie knapp unter der Oberfläche das Grauen manchmal lauert und wie die unglückliche Verkettung kleiner Ereignisse zu großen Katastrophen führen kann.” Ich habe damals 7 von 10 Punkten vergeben. In “Schaut nicht zurück” entführt ein Vater seine zwei Töchter ohne zu bedenken, in welche Gefahr er seine Kinder dadurch bringt. Fest steht: Cash schreibt keine rasanten Pageturner, er ist ein behutsamer Erzähler. Ich bin gespannt, denn sein Buch steht schon seit längerem fix auf meiner Leseliste, nun rückt es noch eine Spur weiter vor.

(c) Heyne

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Dass Robert Harris niveauvolle Thriller schreibt, weiß man eigentlich seit seinem ersten Welterfolg “Vaterland”. Zuletzt hat er mich mit “Angst” nicht ganz überzeugt, dennoch dürfte sich die Lektüre von “Intrige” auf alle Fälle lohnen. Harris erzählt darin die Dreyfus-Affäre nach und verschiebt darin den Blickwinkel. Meine Kollegin Duygu Özkan sprach von einem bemerkenswert gut choreografierten Buch. “Was das Buch nicht gestrig macht, ist das ewige Spiel um Macht und Kontrolle. Zudem schreibt Harris in der Gegenwartsform, ein raffinierter Griff, um die Affäre seinen Lesern so darzustellen, als passierte sie gerade.”

“The Axeman’s Jazz” spielt im New Orleans des Jahres 1919. In Celestins Krimi treibt ein Serienkiller sein Unwesen. Das Buch ist bislang nicht übersetzt.

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Krimis, die man 2014 lesen sollte (X)

(c) Droemer

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Seit 1. Oktober ist Don Winslows neuer Thriller “Missing New York” erhältlich. Rein inhaltlich klingt das nicht wirklich nach Winslow: Als ein siebenjähriges Mädchen spurlos verschwindet, gibt nur Polizist Frank Decker nicht auf. Er gibt viel auf, um die Suche nach Hailey, dem Mädchen, fortzusetzen. Ein interessantes Detail: Das Buch ist wie der umstrittene Vorgänger “Vergeltung” bislang nicht in den USA erschienen. Das ist wirklich ungewöhnlich. Ob das für oder gegen das Buch spricht, werde ich hier demnächst zu erklären versuchen.

(c) Rütten & Loening

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Sehr gespannt bin ich auf Stuart Nevilles “Der vierte Mann”. Das Buch ist seit 6. Oktober im Handel erhältlich. Nachdem ich die Jack-Lennon-Reihe (“Die Schatten von Belfast”, “Blutige Fehde”, “Racheengel”) verpasst habe, werde ich die Gelegenheit nutzen, um den Schotten endlich kennenzulernen. Sein 1963 angesiedelter Krimi, in dessen Zentrum in Irland untergetauchte Nazis stehen, war 2013 für den begehrten “Steel Dagger” nominiert und steht 2014 in der Short-List bei den Barry Awards in der Kategorie Thriller. Mit anderen Worten: Ein Muss.

(c) Heyne

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Apropos Muss. “Ruhet in Frieden” (seit 13. Oktober im Handel) von Lawrence Block gehört auch in diese Kategorie. Wie am Cover gut erkennbar, wurde das Buch verfilmt und kommt mit Liam Neeson in der Hauptrolle Anfang November ins Kino. Es dürfte sich um einen harten Unterwelt-Krimi handeln, das müsste also eigentlich gut passen. Block ist einer meiner immer weniger werdenden blinden Krimiflecken. Blocks Serie um Matthew Scudder soll eine seiner besten sein. Von Block wurde in den vergangenen Jahren nur wenig ins Deutsche übersetzt. Bleibt zu hoffen, dass sich das nun ändert und nicht bloß eine Eintagsfliege ist.

(c) Heyne

(c) Heyne

Ebenfalls seit 13. Oktober ist Denise Minas Krimi “Das Vergessen” in den Regalen zu finden. Sie wurde bereits mit Dagger Award und Barry Award ausgezeichnet. Die Ausgangssituation klingt vielversprechend: “Ein unmöglicher Mord. Ein wohlhabender Pakistaner wurde getötet. Am Tatort die Fingerabdrücke des Straftäters Michael Brown. Doch der sitzt im Gefängnis. Alex Morrow beginnt zu ermitteln…”, heißt es im Verlagstext. Neugierig macht mich auch folgendes Zitat der Autorin: “Ich bin Feministin und schreibe feministische Bücher. Ich sehe mich weniger in der Krimitradition als in der von feministischen Autorinnen.”

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Seit 20. Oktober ist die von Thrillermeister David Baldacci herausgegebene Krimi-Anthologie “Face Off” erhältlich. Das besondere daran: Namhafte – und in diesem Fall ist das kein leeres Versprechen irgendeiner PR-Abteilung des Verlags – Krimiautoren haben sich paarweise zusammengetan, um ihre bekanntesten Ermittler gemeinsam auf die Leser loszulassen. So führt laut Verlag ein Mordgeständnis Ian Rankins John Rebus in den englischen Süden zu Peter James’ Roy Grace, Lee Childs Jack Reacher trifft in einer Bostoner Bar auf Joseph Finders Nick Heller, und Michael Connellys Harry Bosch bringt ein alter Fall zu Dennis Lehanes Patrick Kenzie. Eine geniale Idee für Liebhaber des Genres!

(c) Heyne Hardcore

(c) Heyne Hardcore

Und hier habe ich gleich eine weitere Chance, eine Krimilücke zu schließen. Altmeister James Lee Burkes “Regengötter” (seit 20. Oktober im Handel) könnte perfekt im mein aktuelles Lese-Beuteschema passen. Der Verlagstext klingt jedenfalls danach: “Ich bin hinter der alten Kirche in Chapala Crossing und habe gerade neun Leichen gefunden, die hier begraben wurden. Alles Frauen. Benachrichtigen Sie bitte das FBI und rufen Sie auch die Kollegen vom Brewster County und vom Terrell County an. Die sollen Unterstützung schicken.” Sheri Hackberry Holland steht vor einem Rätsel, wer hinter dem Massenmord im Niemandsland nahe der mexikanischen Grenze steckt. Und er legt sich mit dem organisierten Verbrechen an, das keine Gefangenen macht. Das klingt so stark nach Don Winslow (“Tage der Toten”) und Robert Crais (“Straße des Todes”), dass ich davon meine Finger nicht lassen kann.

(c) Diogenes

(c) Diogenes

Bleibt nur noch Dennis Lehanes “The Drop”, das am 29. Oktober erscheint. Es handelt sich dabei um die Romanvorlage zum Film mit Tom Hardy und dem verstorbenen James Gandolfini in seiner letzten großen Rolle. Lehane hat mich zuletzt mit “In der Nacht” mehr als überzeugt. Die Kleingangster-Geschichte “The Drop” klingt ebenfalls sehr interessant. Ich bin begeistert, binnen kurzer Zeit mit “Ruhet in Frieden” und “The Drop” zwei Krimis lesen zu können, deren Verfilmungen ich mir dann gleich im Kino ansehen kann (oder mache ich es doch umgekehrt?). Das kommt wirklich nicht oft vor.

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Gene Kerrigan: Die Wut

(c) Polar

(c) Polar

In Gene Kerrigans Krimi “Die Wut” sind weder Verbrecher noch Polizisten davor gefeit, dem titelgebenden überwältigenden Gefühl nachzugeben. Mit anderen Worten: Das Gefühl von Wut kennt kein Gut und Böse. Kerrigan hat mit diesem lupenreinen Noir 2012 den begehrten “Gold Dagger Award” gewonnen – zu Recht.

Kerrigans Geschichte spielt in Irland am Höhepunkt der Immobilienkrise. Wohin man sieht, gibt es Verlierer. Als in dieser aufgeladenen Atmosphäre ein Banker ermordet wird, zeigt sich schon bald, wie die Dinge so laufen. Die Polizeiarbeit gerät ins Hintertreffen, politische Interessen treten in den Vordergrund. Wer warum getötet hat, interessiert schon bald außer einem engagierten Polizisten niemanden mehr. Genauso wie es niemanden interessiert, dass ein Berufsverbrecher, der sich gerade ergeben will, von der Polizei erschossen wird. Niemanden, außer seinem Bruder, der ebenfalls die kriminelle Laufbahn eingeschlagen hat.

Was vereint nun den gegen Windmühlen kämpfenden Polizisten und den Verbrecher? Das Gefühl der Wut. Denn in dieser Welt der Gleichgültigkeit gibt es offenbar nur dieses Ventil, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Kerrigan hat ein authentisches, glaubwürdiges und düsteres Buch geschrieben, in dem Verbrecher, Polizisten und Zivilisten nur unwichtige Nebendarsteller sind, wenn es gilt nationale Einheit angesichts der Krise zu demonstrieren.

“Die Wut” bietet keine Wohlfühllektüre, sondern zeigt, wie Menschen, die unter Druck geraten, in Ausnahmesituationen ticken. “Die Wut” zeigt, wie schwer eine Gewaltspirale zu stoppen ist, wenn sie sich erst einmal zu drehen begonnen hat – denn jede Handlung zieht unausweichlich Konsequenzen nach sich. “Die Wut” ist somit auch eine Art Spiegel – ein Spiegel, in den wir nicht sehen wollen.

Das meinen andere Blogger:

“Mehr Noir geht nicht. Mehr Wahrhaftigkeit aber auch nicht. Sehr beeindruckend”, zeigt sich Nicole auf mycrimetime begeistert. “Gene Kerrigan schreibt anders, keine simple Whodunit-Story, kein cosy-crime, keine Schenkelklopfer-Comedy. Kein melancholischer Alk als Cop”, meint Philipp bei Krimilese.

8 von 10 Punkten

Gene Kerrigan: “Die Wut”, übersetzt von Antje Maria Greisiger, 292 Seiten, Polar Verlag.

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Liza Cody: Lady Bag

(c) Argument Verlag

(c) Argument Verlag

Die namenlose Obdachlose mit dem ausrangierten Rennhund “Elektra” wird mir lange in Erinnerung bleiben. Liza Codys “Lady Bag” ist ein Meisterwerk der Kriminalliteratur. Die Autorin, selbst gossenerfahren, erzählt eine Geschichte von ganz unten – aus der Sicht einer Frau, an der man auf der Straße rasch und angeekelt vorbeigehen würde, weil sie betrunken und stinkend um Geld bettelt.

Ohne ihren Hund wäre diese Frau wohl schon längst irgendwo in einem dunklen Eck krepiert. Durch Elektra kann sie überleben, obwohl sie sich ständig Sprüche wie folgenden anhören muss: “Das ist für den Greyhound, nicht für Sie. Sie müssen versprechen, dass Sie es für ihn verwenden.” Leute mögen Hunde nun mal lieber als Menschen. Die Obdachlose selbst sieht das nicht einmal problematisch: “Und Sie haben recht damit. Einem Hund kann man tatsächlich helfen. Menschen kann man nie wirklich helfen.”

Zur Geschichte: Die namenlose Obdachlose beschließt, dem Teufel, der ihr auf der Straße über den Weg läuft, zu folgen. Danach nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Von diesem Teufel-Aspekt darf man sich allerdings nicht abschrecken lassen, denn dieser Teufel ist realer als man es vielleicht vermuten mag.

“Wir leben von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Wenn wir Geld haben, essen und trinken wir. Wir horten kein Geld für schlechte Tage, weil alle Tage schlecht sind.”

Das Buch beinhaltet viele großartige Dialoge. Und teilweise auch Nicht-Dialoge. Denn wenn die Obdachlose im Suff unverständliches Zeug murmelt und sich vergeblich verständlich zu machen versucht, liest sich das wirklich witzig. Man muss sich das Lachen stellenweise verkneifen, weil es so unpassend wirkt. Dann wieder erzählt die Frau von ihrem Alltagsleben als Bettlerin, kleine Sätze sagen mehr als so manches dickes Buch: “Andererseits hat mir eine etwas merkwürdige alte Krähe mal einen Fünfer geschenkt, weil ich, wie sie sagte, seit einer Woche der erste Mensch war, der mit ihr sprach.”

“Lady Bag” ist ein grandioses, realistisches, witziges, trauriges und berührendes Buch. Cody hält der anonymen Großstadt einen Spiegel vor. Sie fällt dabei aber keine moralischen Urteile und führt den Leser in eine Welt, die er sonst nie kennenlernen würde. Sie erfüllt damit eine der Hauptbedingungen für großartige Literatur. Noch nie zuvor habe ich die Welt von so weit unten gesehen. Noch selten zuvor wurde ich so sehr aus dem Elfenbeinturm meines Alltagslebens gerissen und in eine kalte, übelriechende, grausame Welt geworfen. Und sogar  und vielleicht gerade in dieser Welt ist Humor möglich – was bleibt einem denn noch? Danke, Liza Cody, für dieses Buch.

“(…) aber dann, als mein Herz starb, wanderte mein Hirn auch auf die Versehrtenliste.”

10 von 10 Punkten

Liza Cody: “Lady Bag”, übersetzt von Laudan und Szelinski, 317 Seiten, Argument Verlag.

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Johanna Sinisalo: Finnisches Feuer

(c) Tropen

(c) Tropen

Heuer gibt es einen Finnland-Schwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse. Wer mehr über finnische Krimis wissen will, kann sich bei Nicoles Blog mycrimetime umsehen, dort wird seit Tagen jeden Tag ein finnischer Krimi besprochen (auch im Blog zeilenkino findet ihr momentan übrigens viel rund um den finnischen Krimi – vor allem interessante Interviews). So richtig zufrieden ist Nicole bislang aber nicht. Das passt auch zu meinem Beitrag. Denn “Finnisches Feuer” hat zwar eine gute Idee und beginnt wirklich interessant, umso länger ich gelesen habe, desto mehr war es mir allerdings egal, wie die Geschichte nun ausgehen würde.

Zugegeben, “Finnisches Feuer” ist kein klassischer Krimi. Eigentlich ist es überhaupt keinem Genre klar zuzuordnen, was mich ja prinzipiell nie stört – im Gegenteil. Denn Die Geschichte spielt in einem Finnland in der nahen Zukunft. Allerdings in einem Finnland, das sich bereits seit Jahrzehnten anders entwickelt hat. Dort herrscht eine Art Allgemeinwohl-Diktatur. Frauen haben nichts zu sagen und dienen vor allem zur Fortpflanzung. Die erwünschte Frau ist eine sogenannte “Eloi” – hier greift Sinisalo auf H.G. Wells Roman “Die Zeitmaschine” zurück. Im von Sinisalo erfundenen “Wörterbuch der finnischen Gegenwartssprache” steht über “Elois”: “Bezieht sich auf eine Unterart des weiblichen Geschlechts, die auf dem Paarungsmarkt aktiv ist und sich in jeder Hinsicht für die Mehrung des Wohlbefindens des männlichen Geschlechts einsetzt.” In einem Auszug aus der “kurzen Geschichte der Domestizierung der Frauen” steht überhaupt: “Die Ehe und der von ihr bewirkte natürliche, für das geistige Wohlbefinden des Mannes wichtige Dominanzstatus sowie das regelmäßige Sexualleben, das der Bund der Ehe mit sich bringt, sind Grundrechte (…).”

Zwar ist es teilweise faszinierend zu lesen, wie Hauptfigur Vanna in diesem frauenfeindlichen Umfeld überlebt. Denn Vanna passt nicht in diese Welt, ganz im Gegensatz zu ihrer verschwundenen Schwester Manna. Sinisalo schildert Vannas Suche nach ihrer Schwester und offenbart langsam ein düsteres Geheimnis. Gefesselt hat mich die Geschichte aber nicht.

Irgendwie ist ihr Buch trotz des außergewöhnlichen Settings ziemlich konventionell geraten. Es ist kein klarer erzählerischer Faden zu erkennen, zu sehr werden dann plötzlich die Chilischoten (siehe Cover) zum eigentlichen Hauptdarsteller. Die in den Einschüben (Wörterbuch etc.) radikal und repressiv geschilderte Welt wird nicht wirklich greifbar. Angst, Wut und Hilflosigkeit, die Widerständler in einem solchen Regime haben müssen, werden nicht spürbar. Die Kulturgeschichte von Chili sowie die Schilderung von intensiven Chili-Trips ist zwar interessant, aber nicht so scharf, wie es der Verlag auf dem Rückentext des Buches verspricht. Mildes Chili sozusagen.

Wer H.G. Wells mag, wird es wohl spannend finden, ein Buch seiner finnischen Erbin zu lesen. Mir hat etwas Würze gefehlt.

Marten Hahn vom Deutschlandradio hat Sinisalo hingegen überzeugt: “Entstanden ist ein unterhaltsamer, feministischer und politischer Roman im Finnish-Weird-Stil.”

5 von 10 Punkten

Johanna Sinisalo: “Finnisches Feuer”, übersetzt von Stefan Moster, 318 Seiten, Tropen Verlag.

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11 Wege, zu guten Krimis zu kommen (I): Süchtige unter sich

Ich will hier in den nächsten Wochen abseits der üblichen Besprechungen, KrimiZeit-Abgleiche und Krimi-Tipps eine kleine Serie starten. Das Motto: 11 Wege, zu guten Krimis zu kommen (wobei ich mir vorbehalten will, dass diese Serie letztlich auch 15 oder 33 Wege heißen könnte). Denn das ist gar nicht so einfach bei den unzähligen Neuerscheinungen. Wie bahne ich mir also den Weg durch diesen Krimi-Dschungel? Weg Nummer eins ist einer der schönsten: Es geht doch nichts über das Gespräch mit Gleichgesinnten, oder? Allerdings ist das in größeren Runden für weniger begeisterte Krimileser manchmal ziemlich ermüdend. Denn das klingt dann oft in etwa so: “Hast du eigentlich auch schon was von xy gelesen?”, “Ja, aber nicht die Serie mit xy”, “Und was hältst du von…?”

Tja, so bin ich erst kürzlich wieder auf den Südafrikaner Deon Meyer gestoßen, der schon so lange auf meiner Muss-ich-endlich-mal-Lesen-Liste steht. Und dann bin ich auch gleich wieder an seinen Landsmann Mike Nicol erinnert worden, der ein ähnliches Schicksal in meinem Regal erleidet. Auf der anderen Seiten kann man selbst Lesetipps geben.

Das ist mitunter sehr befruchtend, wenn man ähnliche Vorlieben hat. Aber selbst wenn nicht, wird man auf Autoren aufmerksam, die man sonst nicht so am Radar hätte. Wenn jemand für einen Autor besonders schwärmt, schürt das natürlich meine Neugier. Da muss doch etwas dran sein, selbst wenn es nicht meinen Geschmack trifft. Was kann der jeweilige Autor, um solchen Eindruck zu hinterlassen?

Seit ich meinen Krimi-Blog führe, werde ich auch öfter von Personen darauf angesprochen, bei denen ich gar nicht damit gerechnet hätte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man Krimis immer noch verpönt am besten still und heimlich liest, während man im Regal die “hohen Literaten” platziert. Und natürlich komme ich im Gespräch auch immer wieder darauf, dass das Verständnis von “Krimi” ein sehr weitgefächertes ist. Denn während ich bei Krimi – besser ja eigentlich Crime Fiction – nie an Donna Leon & Co. denke, verbinden natürlich weiterhin viele Leser mit dem Genre entweder bloß seichte Whodunits, harmlose Land-und-Dorf-Krimis und kulinarische Rezeptbuch-Krimis oder aber wahllose Serienkiller-Gemetzel und voyeuristische Blutorgien.

Umso schöner ist es dann, wenn man Gleichgesinnte findet, mit denen man in die Welt seiner Lieblingskrimis abtauchen kann.

In Teil zwei will ich ebenfalls über hoch geschätzte Seelenverwandte schreiben: die Krimi-Blogger.

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Joakim Zander: Der Schwimmer

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Ich habe in letzter Zeit ein Problem mit Thrillern. Nach der spannenden Lektüre bleibt allzu oft ein Gefühl der Leere zurück. Ich meide klassische Thriller daher zunehmend. Ich habe heuer zwei Ausnahmen gemacht und zweimal Glück gehabt. Im April hat mich der Österreicher Bernhard Aichner mit “Totenfrau” über weite Strecken überzeugt. Und nun hat mich “Der Schwimmer” von Joakim Zander gefesselt.

Der Schwede ist zweifellos eine der großen Neuentdeckungen dieses Krimijahrs. In seinem Politthriller lässt er die Leser in die beunruhigende Welt der Geheimdienste, privater Militärfirmen und der EU-Politik eintauchen. Der Vorteil: Zander ist ein EU-Insider – er arbeitete für das Europäische Parlament und die Europäische Kommission. Worüber er schreibt wirkt glaubwürdig. In einem Interview mit Günter Keil gewährt er diesbezüglich interessante Einsichten, die auch erhebliche Zweifel an der Arbeitsmoral bzw. -effizienz in Brüssel aufkommen lassen: “Im EU-Parlament gibt es ständig Sitzungen, die viele Stunden oder einen ganzen Tag lang andauern. Da sitzen dutzende Menschen an langen Tischen, und meistens ist nur ein kleiner Teil der Gespräche für die eigene Arbeit relevant”, sagt Zander darin. “So hatte ich die Gelegenheit, mit nur einem Ohr zuzuhören und nebenbei an einzelnen Szenen oder Kapitelübergängen zu feilen. Sonst wäre ich wohl nie mit dem Roman fertig geworden.” Fein für den Leser natürlich, aber ob das sinnvoll ist?

Im Zentrum seiner Geschichte stehen die EU-Referentin Klara und der Lobbyist George. Das sind für einen Thriller ziemlich ungewöhnliche Helden. Besonders hat mir die Figur der Klara gefallen. Endlich wieder einmal eine richtig starke Frau, womit wir wieder eine Parallele zu “Totenfrau” hätten. Weitere Pluspunkte: Es gibt keine irren Serienkiller, keine sinnlosen und voyeuristischen Gewaltszenen sowie keinen missmutigen, depressiven Kommissar. Zander umschifft zudem Genreklischees und -platitüden. “Der Schwimmer” ist ein moderner Politthriller, der sich hinter den Großen seines Genres nicht verstecken muss. Wer sich heuer von Olen Steinhauer und Oliver Bottini überzeugen hat lassen, wird sich auch bei Zander wohl fühlen. Der Mann kann schreiben: Einprägsame Charaktere und glaubwürdige Dialoge sprechen für sich.

In einer starken Szene wirft ein hochrangiger Manager bei einer Lobbyistenfirma die Münze. “Tabak oder Cognac?”, fragt er seinen Untergebenen. Mit anderen Worten: Welcher Konzern soll die Rechnung für ein pseudogeschäftliches, halbprivates Essen zahlen? Das ist wohl näher an der Realität, als einem lieb sein kann. Lediglich das eigenartig weihnachtliche Ende verwirrt ein wenig. “Aber das gehört wohl einfach zur selbstironischen Attitüde dieses faszinierenden Autors”, wie Peter Münder im crimemag schreibt.

7 von 10 Punkten

Joakim Zander: “Der Schwimmer”, übersetzt von Ursel Allenstein und Nina Hoyer, 432 Seiten, Rowohlt Paris.

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