Monthly Archives: January 2019

Deutscher Krimipreis 2019 – und wie Männer über Literatur von Frauen schreiben

(c) Suhrkamp Nova

Simone Buchholz hat mit “Mexikoring” den Deutschen Krimipreis gewonnen. Gratulation! Auch ich hatte das Buch ganz weit vorn in der Liste meiner liebsten Kriminalromane 2018. Zuerst hatte ich Probleme, zu ihrem Stil Zugang zu finden. Da passt auch gut dazu, was die Autorin im “Zeit”-Interview anlässlich ihres Erfolges sagt: “Wenn man will, dass die Leute einem zuhören, muss man so schreiben, dass sie beim Lesen stolpern.” Ja genau, so ging es mir am Anfang. Ich bin gestolpert. “Es spielt mir aber auch in die Hände, dass ich eine merkwürdige Hauptfigur habe, mit einem eher komplizierten Zugang zu Gefühlen.” Und noch einmal: ganz genau! Längst bin ich schwer begeistert und freue mich echt auf jede Neuerscheinung.

Interessant ist das Interview mit Buchholz auch deshalb, weil sie offen thematisiert, auf welche unterschiedliche Art über Literatur von Frauen und Männern gesprochen wird. Ihre Bitte: “Ach Jungs, achtet doch auf die Feinheiten! Beziehungsweise die Grobheiten.” Als Beispiel nennt sie, dass man ihr Buch als “lichte Unterhaltung” bezeichnet, während beim männlichen Preisträger von “existenzialistischer Literatur” die Rede ist. Darüber sollte jeder einmal einem Moment (oder besser noch länger) nachdenken. Ich tue das jedenfalls.

Darum schreibe ich diesmal einfach auch nur über die zwei Preisträgerinnen – die ausgezeichneten Krimiautoren werden das aushalten.

(c) Ariadne

“Es muss nicht immer ein schockierender Tabubruch sein, um zu fesseln. Manchmal reicht ein klarer Blick auf die Realität – und der von Denise Mina ist gestochen scharf”, habe ich über Denise Minas “Blut Salz Wasser” geschrieben. Soviel auch zu dem Klischee, dass nur Männer realistische Kriminalromane schreiben können. Jurorin Sonja Hartl sieht das im “Deutschlandfunk” ganz ähnlich: Sie sieht im Preis für Mina “eine längst überfällige Anerkennung von einer wirklich großartigen Schriftstellerin, die seit Jahren sozialkritische, spannende, unglaublich präzise beobachtete Krimis schreibt.”

Die Preisträger im Überblick:

Kategorie national

  1. Simone Buchholz: “Mexikoring”
  2. Matthias Wittekindt: “Tankstelle von Courcelles”
  3. Max Annas: “Finsterwalde”

Kategorie international

  1. Hideo Yokoyama: “64”
  2. Tom Franklin: “Krumme Type, krumme Type”
  3. Denise Mina: “Blut Salz Wasser”
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Krimi-Bestenliste im Jänner: Ein Abgleich

(c) Ariadne

Auf der aktuellen Krimi-Bestenliste standen im Dezember nur drei deutschsprachige Autoren, kritisiert Matthias Bischoff in einem Artikel des Goethe-Instituts. Bischoff stört sich an dieser Unausgewogenheit. Tja, im Jänner sind es mit Anne Goldmann und Christoph Peters überhaupt nur zwei Autoren, die den Sprung in die Liste geschafft haben. Ich sehe das allerdings weniger problematisch, denn es gibt auch immer wieder Zeiten, in denen viele deutschsprachige Krimiautoren auf der Liste vertreten sind. Aber das ist eben das Ding mit solchen Listen – man kann es nie allen recht machen.

Der Kulturjournalist schreibt in seinem Text aber vor allem über das Leben in getrennten Welten – gemeint sind Kritiker und Leser von Kriminalromanen. “Was den Kritikern gefällt, hat mit dem, was die Leser kaufen und goutieren, wenig bis gar nichts zu tun”, schreibt Bischoff. “Hier dürfen Leserbedürfnisse nicht befriedigt werden, hier müssen Genreregeln gebrochen, infrage gestellt, ignoriert werden, hier darf es kein Happy End geben, keine Identifikation mit der Ermittlerfigur.”

Hmm, naja, dann kann es sich also doch nicht um Bücher der Krimi-Bestenliste handeln. Denn diese Bücher befriedigen sehr wohl Leserbedürfnisse und ermöglichen Identifikation. Klar, Genreregeln zu brechen – das ist erwünscht. Und was macht es für einen Sinn, eine Jury aus Neuerscheinungen auswählen zu lassen, wenn dann am Ende die Krimi-Bestenliste mit der Beststeller-Liste übereinstimmt?

Erfolgreiche Autoren wie Sebastian Fitzek oder Andreas Gruber brauchen ohnehin keine Krimipreise – sie haben ihre treuen Leser und das ist auch gut so. Die Krimi-Bestenliste hilft aber wunderbar, tolle Kriminalromane abseits des Mainstreams zu finden. Ja, auch solche Krimileser gibt es – und die haben ebenso Lesebedürfnisse und wollen im Erscheinungsdschungel ein wenig Licht sehen.

So, das wurde jetzt länger, daher diesmal nur kurz zur aktuellen Liste. Meine Kollegin Doris Kraus hat die neue Nummer eins, Sara Paretskys “Kritische Masse”, gelesen und für sehr gut befunden.

Meine aktueller Abgleich: Zwei Krimis der Liste gelesen (“Der Nachbar”, “Das größere Verbrechen”), eines lese ich gerade (“Die Plotter”).

Die Liste im Überblick:

1. Sara Paretsky: Kritische Masse (1)
2. Un-Su Kim: Die Plotter (-)
3. Patrícia Melo: Der Nachbar (5)
4. Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin (3)
5. Louise Penny: Hinter den drei Kiefern (2)
6. Tana French: Der dunkle Garten (-)
7. Christoph Peters: Das Jahr der Katze (9)
8. Anne Goldmann: Das größere Verbrechen (6)
9. Cloé Mehdi: Nichts ist verloren (-)
10. James Anderson: Desert Moon (-)

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Sechs Jahre crimenoir!

Sechs Jahre betreibe ich nun meinen Krimi-Blog schon. Und ich muss zugeben, ich bin ein wenig schreibmüde geworden. Weiterhin ist die Kriminalliteratur genau mein Genre. Daran hat sich nichts verändert. Aber die Muse, diese zu reflektieren, ist mir in den letzten Monaten spürbar abhanden gekommen. Auch einigen anderen Krimibloggern scheint es leider ähnlich zu gehen. Einige Blogs melden sich nur mehr sporadisch zu Wort. Die Gründe kann ich mir denken.

Ohne mir nun deshalb einen Neujahrsvorsatz aufzuzwingen habe ich allerdings das Gefühl, dass sich diese Blogger-Müdigkeit bei mir in nächster Zeit wieder legen könnte.

Das liegt auch an so tollen Blogs wie Krimiscout.de, den ich erst jetzt so richtig entdeckt habe. Ja, freie Tag sind halt etwas Feines! Bloß war mir zuletzt kaum Zeit geblieben, die vielen tollen Texte der Blogger-Kollegen zu lesen. Auch das hervorragende Crimemag hält leuchtturmartig seine Stellung und lässt mich manchmal zweifeln, ob meine Stimme überhaupt noch nötig ist. Denn dort wird so umfangreich und so viel ausführlicher als bei mir über gute Kriminalliteratur geschrieben. Eigentlich ist da schon fast alles gesagt.

Aber eben nur fast alles: Denn wenn es Aidan Truhens “Fuck You Very Much” – für mich der mit Abstand katastrophalste Krimi des Jahres – tatsächlich auf Platz vier der Jahresbestenliste des Crimemag 2018 schafft, sehe ich mich gezwungen, auch weiterhin meinen eigenen Senf abzugeben 😉

Also auf ins neue Krimijahr.

Und hier auch gleich jene fünf Kriminalromane, denen ich am meisten entgegenfiebere:

  • Attica Locke: “Bluebird, Bluebird”
  • James Sallis: “Willnot”
  • Don Winslow: “Jahre des Jägers”
  • Lou Berney: “Destination Dallas”
  • Adrian McKinty: “Cold Water”

Diese Liste sagt jetzt zwar etwas anderes aus (vier Männer, nur Attica Locke ist eine Frau), aber ein Grund, warum mir Kriminalliteratur momentan so viel Spaß macht, liegt sehr maßgeblich daran, dass ich immer mehr Genre-Autorinnen für mich entdecke. Keine Ahnung, warum ich so lange dafür gebraucht habe. Vermutlich habe ich jahrelang die falschen, vorhersagbaren, mainstreamigen Autorinnen probiert und falsche Vorurteile aufgebaut. Man darf eben nie aufhören sich selbst und seine Lesegewohnheiten zu hinterfragen! Um hier nur kurz Werbung zu machen: Anne Goldmann und Simone Buchholz (aber auch Gudrun Lerchbaum) etwa haben unverwechselbare Erzählerinnnen-Stimmen. Genauso Denise Mina und Candice Fox.

Auch 2019 wird in diesem Sinne gut: Ellen Dunnes “Schwarze Seele” erscheint schon in wenigen Tagen, Sara Grans “Das Ende der Lügen” im Februar und Melissa Scrivner Loves “Lola” im März. Im Mai kommt dann endlich auch “Der dunkle Bote” von Alex Beer auf den Markt. Zudem hoffe ich auf Neues von Monika Geier.

Eine Hoffnung habe ich auch noch: Dass André Pilz (zuletzt “Der anatolische Panther”) demnächst wieder mit einem außergewöhnlichen Kriminalroman aufwartet.

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Krimis, die man 2019 lesen sollte (I)

Das neue Jahr bringt vielversprechenden und diskussionswürdigen Lesestoff, wie meine Vorstellung der vielversprechenden Krimi-Neuerscheinungen des ersten Monats zeigen.

(c) Blanvalet

Bereits am 14. Jänner erscheint Ian Manooks Kriminalroman “Der Mongole”. Die Mongolei ist für mich bislang ein blinder Fleck, erst recht aus kriminalliterarischer Sicht. Ich bin echt gespannt.

Der Verlag schreibt dazu: Kommissar Yeruldelgger hat selten gute Tage, aber heute ist ein besonders schlechter: Erst wird in der mongolischen Steppe die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden, tief in der Erde vergraben auf seinem Dreirad. Kurz danach entdeckt man in der Hauptstadt die entstellten Leichen chinesischer Geschäftsleute. Zwei Fälle, die Kommissar Yeruldelgger vor ein Rätsel stellen. Er ahnt noch nicht, dass die Verbrechen zusammenhängen. Und dass sie Teil eines perfiden Plans sind, der Jahre zuvor sein Leben fast zerstört hat – und ihm jetzt das wenige zu nehmen droht, das ihm noch geblieben ist …

(c) Insel Verlag

Ellen Dunnes “Harte Landung”, Auftakt der Patsy-Logan-Serie, wollte ich lesen. Immer wieder kommen mir auch sehr wohlwollende Kritiken unter. Ich bin dann aber nicht dazu gekommen. Daher möchte ich nun “Schwarze Seele” unbedingt unterbringen. Das Buch erscheint ebenfalls am 14. Jänner.

Ein ertrunkener Ire wird aus dem Schwabinger Bach im Englischen Garten gefischt. Spuren gibt es keine, Motive dafür umso mehr. Keine gute Ausgangslage für Patsy Logan, deutsch-irische Kommissarin bei der Münchner Mordkommission. Mehr als je zuvor ist ihr Instinkt gefragt – doch ausgerechnet der scheint sie plötzlich im Stich zu lassen.

Patsy Logan ist im seelischen Tief: ihr Kinderwunsch will sich nicht erfüllen, die Hormonbehandlungen setzen ihr zu. Da kommt ihr der Fall um einen toten Iren gerade recht: Donal McFadden, ein Mann mit Charme und vielen Feinden, war in München, um seine Exfrau Fiona zurückzugewinnen, wenn nötig mit Gewalt. Doch ob er aus Versehen im Wasser gelandet ist oder jemand nachgeholfen hat, lässt sich nicht sagen. Gründe, ihn loszuwerden, hatten jedenfalls viele – Gelegenheit auch. Und Patsys Theorien führen eine nach der anderen in die Sackgasse. Erst ein zweiter Todesfall scheint einen entscheidenden Hinweis zu liefern. Ungünstig nur, dass Patsys Krise sich ausgerechnet jetzt wieder in den Vordergrund drängt …

(c) Blanvalet

Bei Chris Landows “Parceval” (ab 21. Jänner), dem Auftakt einer neuen Serie, bin ich ein wenig skeptisch. Die Aufmachung lässt mich ein befürchten, dass hier etwas gepusht werden soll, was dann nicht ganz so toll ist, wie es verspricht zu sein. Aber vielleicht täusche ich mich ja.

Ralf Parceval sitzt lebenslänglich ein. Er hat fünfzehn Menschenleben auf dem Gewissen. Nach deutscher Rechtsauffassung ist er ein Mörder. Nach seiner eigenen Rechtsauffassung ist er ein Versager. Denn er hat die falschen Männer erwischt.

In Berlin wird die Tochter eines reichen Unternehmers entführt. Der Täter wird bei der Geldübergabe geschnappt, doch die Polizei bekommt kein Wort aus ihm heraus. Die Zeit für das Mädchen wird knapp, und der Chef der Berliner Kripo greift zu verzweifelten Mitteln: Er holt Ralf Parceval aus dem Knast …

(c) Zsolnay

Franzobel als Autor von Kriminalromanen. Ich habe mich damit noch nicht ganz anfreunden können und bisher die Finger davon gelassen. Sein dritter Kriminalroman “Rechtswalzer” (ab 28. Jänner) weckt nun meine Neugier. Ich bin mir aber auch hier nicht ganz sicher – dieser Opernball-Verweis im Verlagstext lässt mich – gewollt oder ungewollt? – unweigerlich an Josef Haslingers “Opernball” denken. Handelt es sich hier wirklich um Kriminalliteratur oder vielleicht doch eher um ein hochpolitisches, literarisches Essay?

Der erfolgreiche Getränkehändler und Barbesitzer Malte Dinger ist ein Glückspilz. Als er jedoch unverschuldet in die Fänge der Justiz gerät, steht plötzlich seine ganze Existenz auf dem Spiel. Für den Balkan-Casanova Branko ist das Leben da schon vorbei. Vieles deutet darauf hin, dass er das Opfer abseitiger sexueller Praktiken geworden ist, doch Kommissar Groschen glaubt nicht recht daran. Das Verhältnis Brankos zu der lustig gewordenen Witwe des Bautycoons Hauenstein bringt dann die Machenschaften der neuen rechtsnationalen Regierung ans Licht, die den bevorstehenden Opernball als Propagandaspektakel inszenieren will. Franzobels neuer Krimi spielt in der Zukunft, ist aber brandaktuell.

(c) Tropen Verlag

Und auch bei Jonathan Lethams “Der wilde Detektiv” (ab 31. Jänner) bin ich mir nicht sicher, ob es sich hier nicht mehr um eine Abrechnung mit Donald Trump als um einen Kriminalroman handelt. Am besten lesen, dann weiß man es.

Als die arbeitslose Phoebe Siegler erfährt, dass die Tochter ihrer besten Freundin vermisst wird, bricht sie von Brooklyn aus auf, um in der kalifornischen Provinz nach dem Teenager zu suchen. Im dunklen Herzen der Wüste trifft sie auf Aussteiger, die jenseits von Recht und Gesetz in Stammesgruppen leben. Der Einzige, der ihr Zugang zu diesen ehemaligen Hippie-Kommunen verschaff en kann, ist Charles Heist – genannt der »wilde Detektiv«.

Nach dem Wahlsieg von Donald Trump kündigt Phoebe Siegler ihren Job bei einem Radiosender, weil sie sich mit schuldig fühlt, dass es so weit gekommen ist. Als sie der Hilferuf ihrer Freundin Rosalyn erreicht, fliegt sie nach Kalifornien, um deren Tochter Arabella zu finden. Sie landet in einer Stadt am Rande der Wüste, zu deren merkwürdig zusammengewürfelten Bewohnern auch Charles Heist gehört, den sie den wilden Detektiv nennt. Ihre gemeinsame Suche führt die beiden in die gefährliche Gesellschaft der Stämme, die dort ohne Stromversorgung autonom leben. Während Phoebe und der wilde Detektiv mehr über das verschwundene Mädchen herausfinden, geraten sie in immer größere Lebensgefahr. All dies in einer Zeit, in der es wegen Donald Trump und des Todes von Leonard Cohen sowieso nicht viel zu feiern gibt.

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