Tag Archives: 8 Punkte

Joe Ide: IQ

(c) Suhrkamp

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Isaiah Quintabe hat Köpfchen – deshalb wird er auch IQ genannt. Sein Bruder Marcus hat daher vor allem die Sorge, dass IQ sein Talent in seinem Hood in Los Angeles wegwirft. Er predigt ihm daher: “Gott hat dir keine Begabung geschenkt, damit du Hedgefonds-Manager wirst. Wenn du diesen Weg einschlägst, mich enttäuschst, dir einen Bentley kaufst oder ein Grundstück mit Golfplatz, dann tret – ich – dir – in den Arsch.”

Das Buch wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Einerseits gerät IQ im Jahr 2005 nach einem Todesfall völlig aus der Bahn, nämlich auf die schiefe Bahn. Er wird als Einbrecher kleinkriminell – aber immer mit Köpfchen. Das hat er mit seinem leichtsinnigen Gehilfen Dodson auch schwer nötig, um sich aus verzwickten Situationen zu retten. Autor Joe Ide liefert da wirklich ein paar genial-komische Szenen. Das macht richtig Spaß beim Lesen.

Und dann gibt es die zweite Zeitebene, die parallel zur ersten erzählt wird. Im Jahr 2013 hat IQ die Kurve gekratzt. Er hat sich in seinem Hood als Detektiv, der seinen Nachbarn hilft, einen Namen gemacht. Nun muss er herausfinden, wer hinter den Mordanschlägen auf Rapper-Ikone Murda One steckt.

“Wobei Calvin eigentlich gar keine wollte, aber Kinderkriegen war gerade angesagt, ein Fashion Statement. Wenn man kein Baby hatte, das man Zippy oder Apple Pie taufte, war man echt total out.”

Es ist faszinierend, wie leichtfüßig Joe Ide eine schlüssige Detektivgeschichte mit viel skurrilem Personal erzählt, ohne je in billigen Klamauk abzudriften. Er liefert sehr einfühlsame, tiefe Momente. Es geht auch um Schuld und Sühne. Wie kann  man nach schlimmen Taten weitermachen? Kann man, obwohl man Böses getan hat, auch noch Gutes tun?

8 von 10 Punkten

Joe Ide: “IQ”, übersetzt von Conny Lösch, 388 Seiten, Suhrkamp.

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Steve Hamilton: Ein kalter Tag im Paradies

(c) Dumont

Nach der Lektüre von “Das zweite Leben des Nick Mason” wollte ich wissen, wer nun der echte Steve Hamilton ist. Denn mit “Der Mann aus dem Safe” hatte ich eigentlich einen anderen Autor kennengelernt. Also griff ich zum Auftakt der alten Alex-McKnight-Serie. Und ja, da war er wieder, der echte Steve Hamilton. Das ist der Autor, der es versteht, spannend und gleichzeitig sehr charmant, warm, einfühlsam zu schreiben.

“Ein kalter Tag im Paradies” ist ein sehr feiner Kriminalroman. Es wundert mich nicht, dass Hamilton dafür einst sowohl Edgar- und Shamus-Award für den besten Krimierstling erhalten hat. Das ist übrigens bisher keinem weiteren Autor gelungen.

Die Geschichte spielt in Michigan, Paradise – daher auch der Titel. Der Ort liegt fast an der amerikanisch-kanadischen Grenze. Dorthin hat es den Ex-Polizisten Alex McKnight gezogen, nachdem er seine Laufbahn als Gesetzeshüter aufgegeben hat, weil sein Kollege im Dienst getötet wurde. Er selbst kam nur knapp mit dem Leben davon und trägt seit den traumatischen Geschehnissen eine Kugel direkt neben seinem Herzen. Eher widerwillig lässt er sich dazu überreden, den Job eines Privatdetektivs anzunehmen. So muss er nicht nur von seiner Berufsunfähigkeitsrente leben. Als ihn nun mitten in der Nacht ein Anruf erreicht und er plötzlich vor einer übel zugerichteten Leiche steht, gerät er langsam in einen Fall, der auch vieles in seinem Leben in Frage stellen wird.

Hamilton hat mit Alex McKnight einen sympathischen Privatermittler erfunden, der zwar seine seelischen Verwundungen hat, diese aber nicht wie Markenzeichen herumschleppt. Er hat auch kein Alkohol- und Drogenproblem. Er hat seine Probleme, ist aber nicht gebrochen. Er wirkt erfrischend normal. Die Handlung ist wendungsreich und wird unaufgeregt erzählt. Hamilton trägt dabei nicht dick auf, sondern erschafft Figuren, die schon bald zu echten Menschen werden. Es gibt keinen Super-Ermittler und es gibt auch keine Super-Bösen. Hamilton ist ein Meister der feinen Töne, er hat ein Gespür für Nuancen, für Details. Das macht seine Geschichten so charmant.

Ich bin schon gespannt auf die weiteren Teile der Serie.

8 von 10 Punkten

Steve Hamilton: “Ein kalter Tag im Paradies”, übersetzt von Volker Neuhaus, Dumont, 297 Seiten.

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Adrian McKinty: Rain Dogs

(c) Suhrkamp Nova

Was soll ich zu Adrian McKinty noch sagen? Er ist der momentan vielleicht beste Autor von Kriminalromanen. “Rain Dogs” fügt sich perfekt in seine geniale Sean-Duffy-Reihe ein. Das Buch hat mich zwar nicht ganz so umgehauen wie der Vorgänger “Gun Street Girl”, aber “McKinty liefert immer”, wie so passend auf der Rückseite steht. Mich fasziniert diese Stabilität, mit der McKinty Qualität abliefert. Dieser Typ hat es einfach drauf.

Und er pfeift sich nichts um Genre-Normen und Das-muss-man-so-machen-um-erfolgreich-zu-sein. Er macht einfach sein ganz eigenes Ding. Sein nächster Sean-Duffy-Roman etwa heißt im Original “Police at the Station und they don’t look friendly”. Das ist eine Textzeile aus einem Tom-Waits-Song, wie übrigens auch alle anderen Original-Titel der Sean-Duffy-Serie. Dieser Autor bringt seinen Verlag bestimmt zur Verzweiflung: So kann man einen Kriminalroman doch nicht betiteln! Das muss kurz und knackig sein, das muss fetzen. McKinty verstößt da gegen alle Erfolgsregeln und ist wohl deshalb so erfolgreich.

McKinty baut sich mit der Sean-Duffy-Serie ein eigenes Nordirland der 1980er Jahre – kein geschöntes, aber fast schon poetisches Nordirland. Seine Bücher sind reich an Zitaten und popkulturellen Anspielungen. Er mischt etwa in “Rain Dogs” historische Fakten mit historischen So-hätte-es-sein-Können-wenn-Muhammed-Ali-in-Belfast-gewesen-wäre-Variationen. Er schreibt Bücher, die ihm Spaß machen – und offenbar auch immer mehr Lesern.

Ich kann mir auch nur wenige Autoren vorstellen, die bewusst – mit nur einem Buch Abstand dazwischen – ihren Ermittler zwei Mal in ihrer Karriere vor einem “Locked Room Mystery” stehen lassen. Doch McKinty thematisiert das ganz bewusst und kratzt elegant die Kurve. Die Lösung des Rätsels ist überzeugend, es wirkt nicht abgeschmackt, er ist eben ein Meister seines Faches. Er ist in seinem Genre verwurzelt, schreibt aber doch viel mehr als simple Kriminalromane. Es sind beeindruckende Gesellschaftsporträts und wohl auch immer wieder kleine McKinty-Selbstporträts. Er kann hemmungslos seine Lieblingssongs einfließen lassen und böse U2- und Depeche-Mode-Witze (wie mittlerweile einige wissen: Ich bin großer Depeche-Mode-Fan) machen:

“Was ist der Unterschied zwischen einer Platte von U2 und einer vollgeschissenen Hose? … Wenn man sich einscheißt, stinkt man zwar, kommt aber wenigstens mit dem Selbstekel klar”, sagte ich.

“Ach, Sir, das ist doch nur ein aufgewärmter Depeche-Mode-Witz”, beklagte er sich.

(c) Suhrkamp Nova

Fragen-und-Antwort-Bögen per E-Mail nimmt er meist nicht ernst – auch dann nicht, wenn sie über Standard-Formulare hinausgehen, wie folgendes Beispiel, das auf seinem Blog zu finden ist, zeigt:

q) How do you work? Do you have a special writing place?

a) I write in the shower. Its not a very productive place to work and I’ve ruined many a laptop but at least I come out clean.

Das kann man überheblich und unmöglich finden – oder amüsant. Wie muss es schließlich einem Autor gehen, der ständig mit Fragebögen bombardiert wird? Ich habe selbst einmal von Joe Lansdale eher lieblose E-Mail-Antworten erhalten. Das hat mich im ersten Moment geärgert, aber mittlerweile kann ich das verstehen. Zudem waren auch meine Fragen wohl nicht so berauschend anders, wie ich mir das gewünscht hätte. Das ist eben etwas ganz anderes als ein Interview.

Alles in allem bleibt mein Fazit: Lesen!

P.S: Der sechste Band der Duffy-Serie, “Dirty Cops” (“Police at the Station and they don’t look friendly”), erscheint im Februar 2018 (ich bin gespannt, ob es bei dem vorläufigen Cover bleibt).

8 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Rain Dogs”, übersetzt von Peter Torberg, 404 Seiten, Suhrkamp.

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Peter May: Moorbruch

(c) Zsolnay

(c) Zsolnay

Ich war skeptisch, mit dem dritten Teil einer Trilogie zu beginnen. Aber ich wollte Peter May endlich kennenlernen. Und man kann diesen dritten Teil auch problemlos alleinstehend lesen. Wieder einmal hat sich bestätigt, dass schottische Krimis einfach zu meinen Lieblingsbüchern zählen. Gleich zu Beginn lernt man auch, was man unter dem titelgebenden “Moorbruch” zu verstehen hat. Das war gleich einmal sehr aufschlussreich, da ich von diesem Phänomen noch nie gehört hatte.

Es ist die perfekte Einstimmung darauf, was dann auf 330 Seiten folgt. Ein wunderbarer Kriminalroman, der von lebensechten Charakteren, kargen Landschaften und einer außergewöhnlichen Handlung mit zahlreichen Wendungen lebt. May ist ein begnadeter Erzähler, das spürt man schon nach wenigen Seiten. Hat er einen einmal gepackt, lässt er einen auch nicht mehr los.

Worum es geht? 17 Jahre sind vergangen, seit Roddy Mackenzie verschwunden ist. Doch ein Moorbruch fördert das Wrack von Mackenzies Flugzeug zu Tage. Ex-Polizist Fin Macleod (um den sich die Serie dreht), der Mackenzie einst kannte, beginnt zu ermitteln. Dabei verwebt der Autor gekonnt teilweise zwei Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse mit aktuellen Geschehnissen. Er entschlüsselt überzeugend ein in der Vergangenheit liegendes Geheimnis.

Die Hauptfigur des Fin Macleod bleibt über die Lektüre hinaus haften. Es ist seine Menschlichkeit, die ihn auszeichnet. Er hat genügend Fehler in seinem Leben gemacht, dennoch – oder gerade deswegen – versucht er, das Richtige zu tun. Er bleibt sich treu, auch wenn ihm das Nachteile bringt.

“Moorbruch” ist kein rasanter Thriller, aber er nimmt den Leser auf eine ganz besondere, stimmungsvolle Reise mit. Es zahlt sich aus, sich darauf einzulassen.

8 von 10 Punkten

Peter May: “Moorbruch”, übersetzt von Silvia Morawetz, 333 Seiten, Paul Zsolnay Verlag.

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Liza Cody: Miss Terry

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Zwei Jahre nach dem genialen “Lady Bag” legt die Britin Liza Cody wieder einen außergewöhnlichen Kriminalroman vor. Die titelgebende dunkelhäutige “Miss Terry” heißt eigentlich Nita Tehri, aber ihr Nachname wird meist falsch ausgesprochen. Nita ist eine beliebte Lehrerin, deren Leben vollkommen aus den Fugen gerät, als ein totes Baby mit dunkler Hautfarbe in einem Container vor ihrem Haus gefunden wird. Ab sofort sieht sich Nita mit Beschuldigungen und Verdächtigungen konfrontiert. Es ist ein sehr zeitgemäßes Buch: Gerade in unserer terrorhysterischen Zeit sind die Menschen schnell mit ihren Urteilen, das kann auch schnell in Hetze umschlagen.

Liza Cody hat einen einfühlsamen Krimi über alltäglichen Rassismus und Vorurteile geschrieben, ohne dabei je anklagend zu werden. Dennoch ist dieses Buch zutiefst optimistisch – eine wahre Kunst angesichts der drückenden Thematik. Cody schreibt mit viel Ironie, etwa wenn die in Bedrängnis geratene Nita sich in ihre Kochkünste flüchtet:

“Nichts ersetzt eine makellose Küche als Bollwerk gegen eine ungerechte Gesellschaft.”

Die Autorin lässt uns gut nachfühlen, wie sich jemand wie Nita Tehri, die sich aufgrund ihrer dünkleren Hautfarbe ständig mit Vorurteilen konfrontiert sieht, tagtäglich durchs Leben schlagen muss. Aber wie gesagt mit feiner Ironie: “Ich komme mir schon vor, als wäre ich gar nicht mehr ich, sondern nur noch ein Migrantinnenklischee”, sagt Nita einmal. Sie bleibt sogar dann noch höflich – weil ihr das einfach anerzogen wurde – als sich die Polizei ihr gegenüber schon längst äußerst rüde benimmt.

Liza Cody lässt aber auch die Handlung nicht aus den Augen. Zwar bleibt unklar, wo diese hinführen wird. Die Autorin löst das Rätsel um das weggeworfene Baby aber schlüssig auf, das geht unter die Haut. Überhaupt schafft Cody unheimlich starke Frauenfiguren – ohne dabei auf klischeehafte Powerfrauen zurückzugreifen, sondern einfach auf echte Frauen, wie sie uns alltäglich begegnen.

8 von 10 Punkten

Liza Cody: “Miss Terry”, übersetzt von Martin Grundmann, 320 Seiten, 17,50 Euro.

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Malla Nunn: Zeit der Finsternis

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Ich weiß auch nicht warum, aber der südafrikanische Kriminalroman ist bis jetzt so ziemlich an mir vorbeigegangen. Und Max Annas “Die Mauer” ist ja doch eher ein deutscher als ein südafrikanischer Krimi.

Doch nun habe ich Malla Nunns “Zeit der Finsternis” gelesen. Dieses Buch ist vor allem eine fesselnde Geschichtsstunde. Nunn nimmt den Leser auf eine packende Zeitreise mit ins Jahr 1953, als in Südafrika die Apartheid noch jung war. Detective Sergeant Emmanuel Cooper wandelt selbst ständig auf Messers Schneide, weil er ein “unreines” Verhältnis bzw. Kind hat. Gleichzeitig muss er in einem Fall ermitteln, in dem schon bald klar ist, dass der verdächtige schwarze Jugendliche nicht der Täter sein kann.

Doch wie dessen Unschuld beweisen, wenn der korrupte Polizeiapparat gegen dich arbeitet?

“Er musste auftreten wie ein Diplomat, aber bereit sein, einen verdeckten Krieg zu führen.”

Nunn überzeugt durch einen feinen Blick für Details. Einmal heißt es, man müsse warten, bis eine der Sekretärinnen vom Polizeirevier entreffe, bevor die Zeugin befragt werden könne, denn sie brauche “weibliche Einfühlung”:

“Weibliche Einfühlung war Polizeijargon für ‘Die Zeugin ist hysterisch und hört nicht auf zu heulen, obwohl wir es angeordnet haben.'”

Der Autorin gelingt es, die Zeit von damals begreifbar, fast fühlbar, zu machen. Nachvollziehbar wird, unter welchem Druck alle Menschen angesichts dieses erbarmungslosen Regimes standen. Wenn Cooper seine verheimlichte Frau ganz normal zum Tanz ausführen will, offenbart sich, wie abnormal die ganze Situation in der südafrikanischen Gesellschaft des Jahres 1953 eigentlich ist.

8 von 10 Punkten

Malla Nunn: “Zeit der Finsternis”, übersetzt von Laudan & Szelinski, Ariadne Kriminalroman, 304 Seiten.

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André Pilz: Der anatolische Panther

(c) Haymon

(c) Haymon

Warum der gebürtige Vorarlberger André Pilz nicht schon längst zu den ganz großen deutschsprachigen Krimiautoren zählt, ist mir ein Rätsel. Er ist bestimmt einer der meistunterschätzten Autoren von Spannungsliteratur. Vermutlich hat es damit zu tun, dass seine Geschichten von Skinheads, Drogendealern und wie nun in “Der anatolische Panther” von vorbestraften, türkischstämmigen Kleinkriminellen handeln. Wer sich davon abschrecken lässt, ist aber selbst schuld. Raus aus den Wohfühlzonen, ab ins Leben der Anderen!

Nur kurz zur Handlung: Nachdem in seiner Wohnung ein gestohlener Flachbildfernseher gefunden wird, hat ein Polizist den jungen Tarik, der in diesem Fall allerdings gänzlich unschuldig ist, in der Hand. Er soll sich in die Moschee des Hasspredigers Derwisch einschleusen. Tarik, der selbst über sich sagt, er sei “nur ein Kanake”, muss mitspielen, um den schwerkranken Baba – seinen Großvater, der für ihn aber wie ein Vater ist – zu beschützen. Schließlich sieht sich der Verzweifelte gezwungen, die Hilfe eines weiteren gesellschaftlichen Außenseiters, des “Zigeuners” Ibo, anzunehmen. Tja, und dann gibt es da noch den kleinen Fonso, der eigentlich nicht Fußballspielen kann, aber die ungarische Fußball-Legende Ferenc Puskás vergöttert. Wie schön das allein schon ist: Kein Ronaldo, kein Messi – nein: Puskás. Außerdem noch zu erwähnen: Sugo-Joe, Doogie und Yiannis. Gemeinsam mit Tarik sind sie die Möchtegern-Bad-Boys des Münchener Stadteils Giesing.

Pilz siedelt seine Geschichte im München des Vorjahres an, das sich mit massiven Flüchtlingsströmen konfrontiert sieht. Sehr spannend ist in diese Zusammenhang auch eine kleine Debatte, die sich nach einer Rezension von Eva Erdmann in “Der Freitag” entwickelt hat. Denn “Der Schneemann” wird nicht ganz schlau aus dem Text. Wirft die Autorin Pilz nun “spätbürgerliche Sozialromantik” vor, oder nicht? Vermutlich schon. Doch selbst wenn: Wen stört das schon? Gute, harte Kriminalliteratur muss nicht nur dem reinen Realismus frönen. Alles in allem ist die Lektüre keine übliche Underdogüberhöhung, sondern ein mit Sympathie für seine Figuren erzählter Kriminalroman, verknüpft mit einer wunderbar altmodischen Liebesgeschichte. Tarik und seine Begleiter bleiben über die Lektüre hinaus haften.

Mich überrascht aber noch mehr eine andere Feststellung in dem Text: “Die Aktualität dieses Krimis liegt in der spannenden Verschiebung fort vom Auftakt einer vollstreckten Tat, die möglicherweise nicht einmal statttgefunden hat, zu einem hpyothetischen Verbrechen ans Ende der Geschichte.” 

Viele der herausragenden Kriminalromane der letzten Jahre tun doch genau das: Sie fokussieren nicht traditionell auf ein Verbrechen zu Beginn, das am Ende auch immer gelöst wird. Der moderne Kriminalroman hat sich davon meiner Meinung nach aber schon seit Jahren höchst erfolgreich gelöst. Er ist kein Gefäß mehr, um sich ein bisschen Grusel zwischendurch abzuholen, bloß um sich am Ende dann doch einfach wieder wohl zu fühlen (weil Täter gefasst, bestraft oder getötet). Der Kriminalroman ist längst nicht mehr berechenbar – übliche Whodunnits, Wohlfühl-Regiokrimis, Psycho- und Serienkiller-Thriller ausgenommen.

Und vielleicht habe ich ein anderes Buch gelesen, aber die verübten Verbrechen am Ende der Geschichte sind eigentlich nicht nur hypothetisch…

Die Aktualität des Krimis liegt aus meiner Sicht vielmehr im gekonnten Verweben der Krimihandlung mit den prägenden Geschehnissen unserer Tage: Migration und die mögliche Gefahr durch Islamismus bis hin zur zweifelhaften Rolle von Geheimdiensten (Unterwanderung von radikalen Islamisten, aber auch der NSU). Und gerade angesichts der tragischen Geschehnisse von Berlin kam mir zwangsläufig der von allen gesuchte und gejagte “Terror-Tarik” in Erinnerung. Wer damit jetzt nichts anfangen kann: Lest das Buch!

André Pilz: Der anatolische Panther, Haymon Verlag, 448 Seiten.

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