Tag Archives: 8 Punkte

Don Winslow: Broken

(c) HarperCollins

Mit seiner epischen Drogentrilogie (“Tage der Toten”, “Das Kartell”, “Jahre des Jägers”) hat Don Winslow seinen Ruf als einer der besten Thriller-Autoren unserer Zeit gefestigt. Dass er aber nicht nur bis zur Unerträglichkeit realistische Bücher schreiben kann, beweist er eindrucksvoll mit “Broken”: sechs Kurzgeschichten, jeweils um die 80 bis 90 Seiten lang.

Ausgerechnet die erste und titelgebende Geschichte, “Broken”, ist die schwächste. Sie liest sich wie eine Kurzfassung seines Cop-Thrillers “Corruption”. Hier begibt sich der Polizist Jimmy McNabb auf einen gnadenlosen Rachefeldzug. Brutal, so könnte man das Auftaktstück mit einem Wort beschreiben. Davon sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen.

Denn bereits die zweite Geschichte, “Crime 101”, die er Schauspiel-Legende Steve McQueen gewidmet hat, zeigt ihn von einer ganz anderen Seite. Juwelendieb Davis begeht all seine Raubzüge nur auf dem Highway 101 und folgt dabei einem strikten Verbrecher-Kodex. Das liest sich wunderbar altmodisch. Man würde sich hier einen Roman in voller Länge wünschen.

In “San Diego Zoo” zeigt sich Winslow, der die Geschichte seinem Vorbild Elmore Leonard gewidmet hat, von seiner komischen Seite. Der Schimpanse, der mit einem Revolver die Stadt unsicher macht und der junge, beherzte Polizist Chris Shea, der sich deshalb zum Esel macht – das bleibt in Erinnerung.

In “Sunset” wiederum, das Raymond Chandler gewidmet ist, tritt nicht nur eine seiner Kultfiguren, der Kopfgeldjäger Boone Daniels, auf. Er lässt ihn auch mit einer weiteren einprägsamen Charakter seines schreiberischen Universums, dem in die Jahre gekommenen ehemaligen Meisterdetektiv Neal Carey, aufeinanderprallen.

Wirkt die Zusammenführung der beiden Figuren ein wenig erzwungen, so funktioniert dies in “Paradise” umso besser. Ben, Chon und O., bekannt aus den unkonventionellen und sprachlich sprühenden Kriminalromanen “Zeit des Zorns” (verfilmt von Oliver Stone) und “Kings of Cool”, versuchen sich mit ihrem florierenden Marihuana-Business auf Hawaii zu etablieren. Dass auch “Frankie Machine” und “Bobby Z” aus den gleichnamigen Romanen ihre Auftritte haben, macht wirklich Spaß. Das ist eine gelungene Geschichte für Fans.

Zu Höchstform läuft Winslow aber mit seinem Schlussstück “The Last Ride” auf. Bereits der erste Satz packt zu: “Als er das Kind zum ersten Mal sah, war es in einem Käfig.” Die Rede ist zwar von einem “Auffanglager” an der US-mexikanischen Grenze, doch Grenzschützer Cal Strickland findet dafür keine andere Bezeichnung, denn “wenn man einen Haufen Menschen hinter einem Maschendrahtzaun einpfercht, dann ist es ein Käfig.” Man kann die Kurzgeschichte als Anklage gegen die Trump-Regierung begreifen. Und tatsächlich ist der Autor ein lautstarker Kritiker der Trump-Adminstration. Man kann “The Last Ride” aber auch als eine Essenz all dessen lesen, was Winslow je geschrieben hat. Humanität in Zeiten größter Ungerechtigkeit – es ist die zentrale Frage, die den Schriftsteller umtreibt.

Don Winslow: “Broken”, übersetzt von U. Wasel, K. Timmermann, J. Stefanidis, P. Friedrich, K. Fricke, HarperCollins, 512 Seiten.

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Horst Eckert: Im Namen der Lüge

(c) Heyne

Horst Eckerts Kriminalromane sind schon fast ein fixer Bestandteil dieses Blogs. Seit dem Finanzkrisen-Thriller “Schwarzer Schwan” habe ich fast alle seine Bücher gelesen: Sowohl “Schwarzlicht”, den Auftakt zu seiner Vincent-Veih-Reihe, sowie “Wolfsspinne”, den dritten Band aus dieser Reihe; und zuletzt den Stand-alone, “Der Preis des Todes”. Kaum ein deutscher Krimiautor liefert so zuverlässig anspruchsvolle politische Kriminalromane ab.

Nun ist “Im Namen der Lüge” erschienen. Vincent Veih kommt darin erneut vor, doch die eigentliche Hauptfigur ist diesmal Melia Khalid, die das Referat für Linksextremismus beim Inlandsgeheimdienst leitet. Eckert führt die beiden Figuren nur langsam zusammen und lässt sie auch erst mal so richtig aufeinander prallen. Hier der Polizist, der der jungen, ehrgeizigen Geheimdienstlerin misstraut – und natürlich gilt das auch umgekehrt.

Der Autor packt sehr viele Themen in seinen Roman: Links- und Rechtsextremismus, Migration, undemokratische Auswüchse der Geheimdienste und vieles mehr. Das Umfeld der Figur der Melia Khalid ist komplex. Ihr Vater ist ein Spitzenpolitiker mit Geheimdienst-Vergangenheit, die Mutter eine politisch Verfolgte, die einst in Somalia gefoltert wurde. Melia hat wegen ihrer Herkunft also doppelt gegen Vorurteile zu kämpfen. Da ist “die Migrantin”, noch dazu protegiert von ihrem einflussreichen Vater. Umso zielstrebiger und teilweise auch recht empathielos führt sie ihre V-Leute.

Ihre Behörde ist jedenfalls alarmiert, als ein Geheimpapier auftaucht, das die Gründung einer neuen RAF ankündigt. Melia ist eher skeptisch. Handelt es sich gar um eine rechte Verschwörung nach dem “False Flag”-Prinzip? Horst Eckert ist ein Skeptiker, was die Rolle der Geheimdienste in der Demokratie betrifft. Das hat man schon im überzeugenden NSU-Thriller “Wolfsspinne” gemerkt, aber auch “Im Namen der Lüge” ist das spürbar. Im Nachwort schreibt er dazu: “Die Frage, was der Inlandsgeheimdienst wirklich schützt, ist berechtigt. Die Verfassung scheint es nicht zu sein.”

Fast 600 Seiten lang versteht es der Autor zu fesseln. Doch so schlüssig sich der Fall am Ende des Buches lösen mag, seinen realistischen Blick legt Eckert nicht ab. “Alles beim Alten, trotz des Skandals”, heißt es da. “Auch beim Verfassungsschutz ändert sich nichts.” Am Ende stolpern doch immer nur irgendwelche Sündenböcke über die Skandale. Das System ändert sich nicht.

8 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Im Namen der Lüge”, Heyne Verlag, 574 Seiten.

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Massimo Carlotto: Blues für sanfte Halunken und alte Huren

Manche Verlage bewerben den banalsten Regionalkrimi als Noir. Wer wirklich wissen will, was zu diesem Genre gehört, kommt allerdings am Italiener Massimo Carlotto nicht vorbei. Sowohl seine Kriminalromane rund um Marco Buratti, den “Detektiv ohne Lizenz”, als auch jene rund um den bösartigen Verbrecher Giorgio Pellegrini (“Am Ende eines öden Tages”) zeigen die Menschen von ihren hässlichsten Seiten. Diesmal lässt der Autor die beiden Figuren aufeinanderprallen.

Verschärfend kommt in diesem Fall hinzu, dass Pellegrini – den Buratti und seine Kollegen verfolgen – als V-Mann mit der Polizei kollaboriert. Und dann gibt es da noch die Dottoressa Marino, die im Innenministerium ihr ganz eigenes Süppchen kocht.

Moral? Fehlanzeige – sowohl diesseits als auch jenseits des Gesetzes. Besonders reizvoll: Wien ist ein Hauptschauplatz dieses abgründigen Werks.

8 von 10 Punkten

Massimo Carlotto: “Blues für sanfte Halunken und alte Huren”, übersetzt von I. Ickler, Folio Verlag, 223 Seiten.

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Attica Locke: Heaven, My Home

(c) Polar Verlag

Der schwarze Polizist Darren Mathews wurde einst in seinem Heimatstaat Texas Ranger, weil er an Veränderung glaubte: an mehr schwarze Gesetzeshüter, mehr Gerechtigkeit. Bereits im Debütroman “Bluebird, Bluebird” von Autorin Attica Locke war Mathews’ Weltbild ins Wanken geraten, in “Heaven, My Home” ist der Polizist desillusioniert. Dann soll er ausgerechnet den verschwundenen Levi finden, Sohn eines Angehörigen der Arischen Bruderschaft. Mathews ermittelt, gepeinigt von Selbstzweifeln, Eheproblemen und alltäglichem Rassismus.

Entstanden ist ein beeindruckendes Sittenbild des ländlichen Amerika, das zeitlich zwischen der Wahl und Inauguration von US-Präsident Trump spielt – ohne Vorwürfe, aber mit einem sehr genauen Blick verfasst. Denn es ist bereits eine Zeit, die zu absurden Auswüchsen führt. So ist Mathews Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund überzeugt, dass er, wenn er einen Schwarzen eines Hassverbrechens überführt, das künftige Justizministerium gewogen stimmen kann und den Beweis führen kann, dass das FBI ausgewogen ermittelt.

Empfehlenswert ist es auch das Nachwort “Das Ende der Versöhnung” von Sonja Hartl zu lesen. Sie schreibt darin vom Konzept der Vergebung, das bis in die Zeit der Sklaverei zurückreicht. Mit Vergebung sei aus Sicht der Schwarzen Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft. Doch wohin habe dieses Konstrukt geführt, fragt sich Hartl: “Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus.” Um es in den Worten von Darren Mathews zu sagen: Was mache die Vergebung aus ihnen: Heilige oder Handlanger?

“Heaven, My Home” ist keine Anklage, aber ein Buch, das neben allen seinen Spannungselementen nachdenklich macht.

8 von 10 Punkten

Attica Locke: “Heaven, My Home”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 322 Seiten.

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Jeanine Cummins: American Dirt

(c) Rororo

Eigentlich war alles gut, als Jeanine Cummins’ Buch “American Dirt” Anfang des Jahres in den USA erschien. Thrillerautor Don Winslow verglich ihr Buch mit John Steinbecks “Früchte des Zorns”, Horror-Großmeister Stephen King war ebenfalls voll des Lobes, und TV-Ikone Oprah Winfrey empfahl es in ihrem einflussreichen “Book Club”. Doch dann schrieben 142 mexikanische Autorinnen und Autoren einen offenen Brief an Winfrey, in dem sie baten, diese Empfehlung rückgängig zu machen. Der Vorwurf: Das Buch sei großteils ausbeuterisch, zu vereinfachend und von einer schlecht informierten Autorin geschrieben. Es verirre sich in Trauma-Fetischismus und der Sensationalisierung von Migration und mexikanischer Lebenskultur. Die Stimmung kippte, eine geplante Lesereise musste abgesagt werden. Doch das eigentliche Problem war ein anderes: Darf eine Weiße über Latinos schreiben?

Natürlich darf sie das. Tatsächlich berührt die fiktive Geschichte der 2600 Meilen langen Flucht der mexikanischen Buchladenbesitzerin Lydia. Gleich zu Beginn wird fast ihre gesamte Familie, insgesamt 16 Menschen, von Killern eines Drogenkartells brutal ermordet. Bloß sie und ihr achtjähriger Sohn Luca überleben das Gemetzel. Lydia, Frau eines Journalisten, der ein kritisches Porträt über einen Drogenboss verfasst hat, zögert nicht und packt zwei Rucksäcke. Es gibt nur eine Chance: die Flucht nach Norden, in die USA.

Die Fahrt auf “La Bestia”

Der Vorwurf, dass die Autorin in den Traumata ihrer Figuren bade, mutet meiner Ansicht nach angesichts der geschilderten Geschehnisse ein wenig seltsam an. Würde die von der Situation überforderte Mutter zwischendurch nicht immer wieder wanken und verzweifeln, hätte man Cummins vermutlich fehlender Empathie bezichtigt. Einzig die in Rückblicken erzählte platonische Romanze zwischen Lydia und dem diabolischen Drogenboss “La Lechuza” ist entbehrlich. Umso eindringlicher schildert die Autorin die furchteinflößende Reise der Migranten auf “La Bestia”, den Zügen, die aus dem Süden in Richtung USA fahren (das hat übrigens der oben erwähnte Don Winslow in seinem Buch “Jahre des Jägers” auch schon eindrucksvoll getan). Wer beim Erklimmen einen falschen Schritt macht oder auf den monströsen Zügen einschläft, riskiert Amputation oder Schlimmeres.

Man spürt, dass Cummins ihren Figuren gerecht werden will. An billigem Sensationalismus orientierte Autoren hätten die erschütternden Vergewaltigungsszenen viel plakativer gestaltet. Der Spagat mag nicht immer gelingen, letztlich aber macht die Schriftstellerin die ausweglose Situation der Migranten begreifbar.

Natürlich haben auch schon viele Latino-Autorinnen und -autoren vor ihr darüber geschrieben und hätten größere Aufmerksamkeit verdient. Ad hoc fällt mir dazu etwa Antonio Ortuños “Die Verbrannten” ein. Auch verstehe ich, dass sich manche über die nicht gerade mexikanisch klingenden Namen der beiden Hauptfiguren Lydia und Luca wundern. Und auch PR-Maßnahmen bei Lesungen (bevor diese gestoppt wurden), wo Teile eines Stacheldrahts neben die Bücher drapiert wurden, mögen geschmacklos sein. Das macht dieses über vier Jahre akribisch recherchierte Buch aber nicht automatisch schlecht.

Der Fluch des losen Nachworts

Ein Hauptteil der Kritik ist ohnehin auf das Nachwort der Autorin zurückzuführen. Darin schreibt Cummins zwar, dass sie abgestoßen sei von der Art, wie Latino-Migranten im öffentlichen Diskurs dargestellt werden. Aber sie formuliert eben auch Sätze wie diese: “Im schlimmsten Fall nehmen wir sie als Mob wahr, als Invasion von Kriminellen, die unsere Mittel aufsaugen wollen, und im besten Fall als eine Art hilflose, verarmte, gesichtslose braune Masse, die auf unserer Türschwelle um Hilfe schreit. Wir sehen sie selten als Mitmenschen”. Wen meint sie bloß mit “wir” im geschilderten “besten Fall”?

Cummins – übrigens mit einem ehemaligen Illegalen verheiratet, ihre Großmutter stammt aus Puerto Rico – schreibt darüber hinaus selbstkritisch von ihren Zweifeln, ob sie als Nicht-Mexikanerin und Nicht-Migrantin ein derartiges Buch schreiben dürfe. Doch erneut sorgt eine Formulierung für Empörung: “Ich wünschte mir, dass jemand es schreiben würde, der etwas brauner ist als ich.” Es sind Worte, die sie selbst mittlerweile bereut.

Aber am besten macht man sich selbst ein Bild von ihrem Roman – und liest ihn.

8 von 10 Punkten

Jeanine Cummins: “American Dirt”, übersetzt von Katharina Naumann, rororo, 556 Seiten.

 

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John le Carré: Federball

(c) Ullstein

Ich muss zugeben, ich war nie ein großer Fan von John leCarré. Mir waren seine Bücher stets zu trocken, zu langatmig, zu moralisierend. Da habe ich lieber Frederick Forsyth gelesen. Ausgerechnet mit seinem Spätwerk “Federball” hat mich der britische Autor nun aber überzeugt.

Der in die Jahre gekommene Spion Nat befindet sich am Abstellgleis. Das erinnert stark an Mick Herrons “Slow Horses” und irgendwie auch an Tony Scotts Film “Spy Game”. Am liebsten spielt Nat Badminton. „Badminton ist List, Geduld, Tempo, man wartet in Lauerstellung auf seine Gelegenheit zum Angriff“, erklärt der Ich-Erzähler in John le Carrés neuem Spionageroman. Eines Tages lernt er im Sportverein den jungen Ed kennen, der ihn herausfordert – nicht nur sportlich, sondern auch, was seine Sicht der Welt betrifft. Denn Ed ist ein inbrünstiger Brexit- und Trump-Hasser. Genau wie sein literarischer Erfinder le Carré.

Tatsächlich muss es der 88-jährige Autor als eine Art Verrat empfinden, was in Großbritannien gerade geschieht. Anfang der 1960er-Jahre war er selbst als Spion, getarnt als Diplomat, in Deutschland unterwegs – als „Wanderprediger“ für einen EWG-Beitritt der Briten, wie er selbst sagt. Vor den Trümmern seiner eigenen historischen Verdienste stehend, schreibt le Carré nun über den US-Präsidenten, „der gekommen ist, um die schwer erkämpften Beziehungen zu Europa zu verhöhnen und die Premierministerin zu erniedrigen, die ihn eingeladen hat“. Die politische Elite seines Heimatlandes, ausgebildet auf Kaderschmieden wie Eton, verachtet er. Deren Absolventen sind aus seiner Sicht verkommene, egoistische Emporkömmlinge, denen nur die eigene Karriere wichtig ist.

Nichts ist, wie es scheint

Lässt man diese Emotionen beiseite, konstruiert der Autor sehr gekonnt eine wunderbar altmodische Spionagegeschichte mit allen typischen Zutaten: Nichts ist, wie es scheint. Der Feind ist nicht klar auszumachen und sitzt nicht selten im eigenen Land. Den Glauben an einen moralisch höher stehenden Westen hat le Carré schon lange verloren. Das kann man vor allem in seinen letzten Büchern nachlesen. Trump, Putin, Johnson – für den Autor sind sie alle Halunken. Die Guten gibt es nicht. Sein Interesse gilt ohnehin den kleinen Rädchen im Spionagegetriebe, den offenkundigen Verlierern, die ihr Gewissen bewahrt haben – was wohl auch ein Hauptgrund für ihren beruflichen Abstieg ist.

8 von 10 Punkten

John le Carré: “Federball”, übersetzt von Peter Torberg, Ullstein Verlag, 352 Seiten.

 

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Tess Sharpe: River of Violence

(c) dtv

Tess Sharpes Buch “River of Violence” packt einen schon mit dem ersten Satz:

“Ich bin acht, als ich zum ersten Mal erlebe, wie mein Daddy einen Mann umbringt.”

Danach erzählt sie auf 500 Seiten die fesselnde Geschichte von Harley McKenna, die von ihrem Vater gnadenlos gedrillt wird, um einmal sein Drogenimperium zu erben. Doch dieses Mädchen reift zu einer jungen Frau heran, die ganz genau weiß, was sie will. So hat es sich Harley zur Lebensaufgabe gemacht, von Männern geschlagenen Frauen Schutz zu bieten. Sie verfolgt ihre eigenen Ziele, die sie ebenso skrupellos umzusetzen weiß wie ihr Vater.

Der Vergleich zu “Lola”  (das ich im letzten Beitrag besprochen habe) drängt sich natürlich auf. Sowohl Harley als auch Lola sind jung, weiblich und Drogendealerin. Sie stehen auf der anderen Seite des Gesetzes, schrecken vor Mord nicht zurück und sind machtbesessen. Sie handeln unmoralisch und mit Drogen. All dies war in Kriminalromanen bislang Männern vorbehalten.

Bloß ist die Figur der Harley McKenna wesentlich glaubwürdiger als Lola. Ihre unglaublich grausame Kindheit, ihre inneren Kämpfe – das wird spürbar.

8 von 10 Punkten

Tess Sharpe: “River of Violence”, übersetzt von Beate Schäfer, dtv, 512 Seiten.

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Wallace Stroby: Der Teufel will mehr

(c) Pendragon

“Der Teufel will mehr” ist bereits der vierte Teil um die nüchtern kalkulierende Berufsverbrecherin Crissa Stone – und angeblich der letzte. Was wirklich schade wäre. Denn US-Autor Wallace Stroby hat sich von Band zu Band gesteigert und seiner Antiheldin, die sich in der von Alpha-Männchen nur so strotzenden Unterwelt beweisen muss, zunehmend Ecken und Kanten verliehen.

Richard Starks Kultfigur Parker und Garry Dishers australischer Brother-in-Crime Wyatt haben also ihr weibliches Pendant gefunden. Und umso öfter ich Kriminalromane aus der Sicht der Verbrecher lese, desto mehr begeistern sie mich (wenn sie gut sind natürlich). Aus der Polizistensicht wird ohnehin so viel erzählt, auch aus dem Blickwinkel irgenwelcher gruseligen Serienmörder. Aber der nüchterne, professionelle Berufsverbrecher, der oft von gierigen Dilletanten umgeben ist – das kann echt was. Denn wer Stones kriminellen Werdegang verfolgt, kann nur zu einer Erkenntnis kommen: Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Vor allem aber darf man Komplizen niemals trauen. Niemals! Mit anderen Worten: Verbrechen lohnt sich nicht.

Lesen schon. Denn nicht nur der Teufel will mehr, auch der krimibegeisterte Blogger 🙂

Teil 1: Kalter Schuss ins Herz

Teil 2: Geld ist nicht genug

Teil 3: Fast ein guter Plan

8 von 10 Punkten

Wallace Stroby: “Der Teufel will mehr”, übersetzt von: Alf Mayer, Pendragon, 320 Seiten.

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Mick Herron: Slow Horses

(c) Diogenes

Sie werden “Slow Horses” genannt, die ausrangierten MI5-Agenten, die im Slough House, einer unscheinbaren Außenstelle des britischen Geheimdienstes in London, ihr Dasein fristen. Hier versammeln sich all die Gescheiterten und Verstoßenen, deren Karrieren mehr als nur einen kleinen Knick erlitten haben. Als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und seine Enthauptung live im Internet übertragen werden soll, wittern die Außenseiter ihre Chance – an ihrer Spitze der uncharismatische, dickbäuchige, aber mit allen Wassern gewaschene Jackson Lamb.

Der britische Autor Mick Herron hat daraus keinen reißerischen Thriller mit vielen skurrilen Charakteren (wie zuletzt Sophie Hénaff in “Kommando Abstellgleis” durchaus gewitzt) gemacht. Im Gegenteil, er nimmt sich viel Zeit, um diese Existenzen und ihren tristen Alltag zu porträtieren. Von Glanz und Glamour keine Spur. Charakterstudie statt kniffliger Spionage. Aber man sollte sich von den ersten 200 Seiten nicht täuschen lassen, denn Herron führt die Leser in die Irre.

Was folgt, ist ein Spionageroman mit vielen Wendungen und noch mehr Charme. Die Uhr tickt. Nicht jeder scheint zu sein, wer er ist. Der Autor lässt die Leser an einem raffinierten Ränkespiel innerhalb des Geheimdienstes teilhaben, bei dem das eigentlich zu befreiende Opfer schon bald zur Nebensache wird. Mit “Slow Horses” beweist Herron eindrucksvoll, dass der klassische Spionageroman lebt – auch ohne technologischen Firlefanz.

Das vorliegende Buch ist übrigens der Auftakt zu einer vielfach ausgezeichneten Serie. Im Herbst soll Teil zwei auf Deutsch erscheinen.

8 von 10 Punkten

Mick Herron: “Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb”, übersetzt von Stefanie Schäfer, Diogenes-Verlag, 472 Seiten.

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Un-Su Kim: Die Plotter

(c) Europaverlag

Der größte – und einzige – Schwachpunkt des Roman “Die Plotter”? Die unpassende Etikettierung als Thriller! Spannung hat das Buch zwar reichlich zu bieten, aber für einen fiebrigen Pageturner ist der Aufbau zu langsam.

Das tut der Begeisterung für diesen Roman aber keinen Abbruch und beginnt schon mit dem Cover, auf dem Blutspritzer stilisiert sind, die sich bis über die Seiten ausbreiten. Neugierige Blicke bei der U-Bahn-Fahrt sind sicher, wie der Selbsttest gezeigt hat. Aber der südkoreanische Autor Un-Su Kim weiß auch innerhalb der Buchdeckel zu überzeugen. Seine Hauptfigur Raeseng wird dem Leser unweigerlich sympathisch, auch wenn er einem unsympathischen Beruf nachgeht: Er ist Auftragsmörder.

(c) Europaverlag

Großgezogen wurde Raeseng von Old Raccoon, der aus seiner Bibliothek heraus eine Art Killerfabrik verwaltet. Jahrzehntelang wurden alle politisch motivierten Morde über diese „Library of Dogs“ abgewickelt. Raeseng ist ein Teil dieser gut funktionierenden Tötungsmaschine, doch irgendwann begeht er den Kardinalfehler aller Killer. Er beginnt, zu fühlen und nachzudenken.

Un-Su Kim hat daraus einen stellenweise fast schon poetischen Roman gemacht, der ganz nebenbei auch die Gesellschaft in Südkorea porträtiert. Der Autor erzeugt durch gekonnt eingestreute, märchenhafte Sequenzen immer wieder schöne Bilder im Kopf des Lesers. Viel mehr kann ein guter (Kriminal-)Roman nicht leisten.

8 von 10 Punkten

Un-Su Kim: Die Plotter, übersetzt von Rainer Schmidt, 360 Seiten, Europaverlag.

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