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Éric Plamondon: “Taqawan”

(c) Lenos Verlag

Kanada wäre heuer Gastland der Frankfurter Buchmesse gewesen, der Auftritt wurde aber auf 2021 verschoben. Dadurch sind auch einige kanadische Romane ein wenig untergegangen. Aus den Neuerscheinungen sticht meiner Meinung nach “Taqawan” besonders hervor.

Éric Plamondon erzählt in seinem eindringlichen, gerade einmal 200 Seiten dünnen, inhaltlich aber fast epischen Roman vom Lachskrieg, der 1981 im kanadischen Québec zwischen der Polizei und den seit Jahrtausenden dort lebenden Mi’gmaq tobte. Er tut das aus mehreren Blickwinkeln – aus Sicht der Mi’gmaq, der Québecer sowie einer Französin aus Europa – und mit vielen historischen Einschüben. “Taqawan” (die Bezeichnung für einen Lachs, der erstmals in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt) liest sich wie eine kurze Geschichte Kanadas, mit allen Folgen und Problemen, die bis heute nachwirken.

Tausende Jahre lebten die Mi’gmaq – Nomaden, die über die Beringstraße nach Amerika kamen – vom Lachsfang. Sie befolgten dabei eine Weisheit: “Wenn man in einem Jahr zu viele Fische fängt, gibt es im Folgejahr weniger. Wenn man jahrelang zu viele Fische fängt, gibt es irgendwann gar keine mehr.” Doch dann kamen vor rund 500 Jahren die Europäer, und der Fischfang wurde Regeln unterworfen. Während im Westen dem weißen Mann die Ausrottung der Indianer durch die Ausrottung der Bisons gelang, waren es im Osten die Lachse. “Man fischte mit Hilfe von Staudämmen, Reusen und Netzen, bis die Bestände erschöpft waren.”

Wortgewandt offenbart Plamondon in seinem gelungenen Noir die Widersprüche, die sich in Québec auftun, macht die täglichen Ungerechtigkeiten und Parallelwelten in der Gesellschaft spürbar. Wenn Kanada ergriffen Céline Dions Song “Ce n’était qu’un rêve” (“Es war bloß ein Traum”) lauscht, müssen die Mi’gmaq, die gegen den Entzug der Lachs-Fischrechte kämpfen, ernüchtert zur Kenntnis nehmen: “Es ist nicht bloß ein Traum.”

Diese Diskriminierung besteht aus vielen kleinen Puzzlestücken. Was macht es zum Beispiel mit Menschen, wenn sie jahrhundertelang als “Wilde” bezeichnet wurden? Während sich die nach Unabhängigkeit strebenden Québecer selbst von Kanada unterdrückt fühlen, fehlt ihnen selbst jegliches Verständnis für die Situation der Mi’gmaq.

Wie diffus die Lage ist, zeigt sich, als die in Kanada unterrichtende französische Lehrerin Caroline den Einheimischen Yves fragt: “Und warum will die Québecer Regierung den Indianern dann nicht zugestehen, was sie selbst von der kanadischen Regierung fordert? Warum will man das Recht auf französische Kultur und Sprache in Québec innerhalb Kanadas, aber kein Recht auf Kultur und Sprache der Mi’gmaq innerhalb Québecs?”

8 von 10 Punkten

Éric Plamondon: “Taqawan”, übersetzt von Anne Thomas, Lenos Verlag, 200 Seiten.

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Marcie Rendon: “Stadt Land Raub”

(c) Ariadne Verlag

Jahrzehntelang wurden Indigenen in den USA systematisch ihre Kinder weggenommen (landesweit 25 bis 30 Prozent, in einzelnen Bundesstaaten wie Minnesota sogar unvorstellbare 60 Prozent) und als Pflegekinder in weiße Familien gesteckt.

Die widerspenstige 19-jährige Cash Blackbear, die Marie Rendon in ihrem Buch “Stadt Land Raub” porträtiert, teilt dieses Schicksal. Nur schwer findet sich die Außenseiterin im Alltag zurecht. Dennoch ist sie die Einzige, die sich für das Verschwinden einer Reihe weißer, blonder Mädchen interessiert.

Nach ihrem Debüt “Am roten Fluss” (habe ich leider nicht gelesen) schreibt die Autorin erneut über die triste Lage der Native Americans in den 1970ern. Verbessert hat sich aber bis heute nicht viel: Jährlich werden in den USA rund 3000 indigene Frauen entführt oder ermordet.

Verlegerin Else Laudan schreibt über Rendons Buch im Vorwort: “Ihre Erzählweise, seltsam entschleunigt, changiert mit ganz eigenem Rhythmus zwischen Hardboiled-Krimi, Countryballade und staubtrockenem Truth-Telling über die US-Realität der 1970er Jahre und die vielfältig beraubten Native Americans”. Besser kann man es nicht zusammenfassen.

8 von 10 Punkten

Marcie Rendon: “Stadt Land Raub”, übersetzt von Jonas Jakob, Ariadne-Verlag, 237 Seiten.

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Steph Cha: “Brandsätze”

(c) Ars Vivendi

Neben der Coronakrise stand das Jahr 2020 in den USA ganz unter dem Eindruck der “Black Lives Matter”-Bewegung. Dass diese bereits im Jahr 2013 nach dem Freispruch des Polizisten George Zimmerman entstand, der den afroamerikanischen Teenager Trayvon Martin getötet hatte, wird dabei leicht vergessen.

Auch in Steph Chas “Brandsätze” geht es um Rassismus und Diskriminierung. Wie komplex und verworren die Situation tatsächlich oft ist, macht sie am Schicksal zweier Familien klar. Da ist einerseits Shawn Matthews, dessen Schwester Ava im Jahr 1991 von einer koreanischen Ladenbesitzerin erschossen wurde. Und andererseits Grace Park, die Tochter der Täterin von damals, die ungestraft davon kam. Während Grace im Jahr 2019 von den Geschehnissen von damals nichts weiß, hat Shawn mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen.

Schuld, Reue, Rache und Vergebung – darum dreht sich der mitreißende Roman der US-Autorin mit koreanischen Wurzeln. Cha interessiert sich für Opfer und Täter. Sie zeigt auf, wie leicht man von dem einen zum anderen werden kann, wie verschwimmend die Grenzen zwischen richtig und falsch sein können.

Schnell taucht die Frage auf: Wie hätte ich gehandelt? Wie kann man nach traumatischen Ereignissen weiterleben? Über diese persönlichen Fragen hinaus schafft es die Autorin auch, zu zeigen, mit welchen Problemen die Gesellschaft in den USA zu kämpfen hat.

Als ergänzende Lektüre empfiehlt sich “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis, dessen überzeugender Thriller im Los Angeles des Jahres 1992 angesiedelt ist, als es nach der Misshandlung von Rodney King durch Polizisten zu Unruhen kam, die 52 Menschenleben forderten.

8 von 10 Punkten

Steph Cha: “Brandsätze”, übersetzt von Karen Witthuhn, Ars Vivendi Verlag, 336 Seiten.

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Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Mit “Sommer bei Nacht” hat der deutsche Krimiautor Jan Costin Wagner ein außergewöhnliches Buch über Trauer, Verlust und Ängste geschrieben.

Ben Neven ist Polizist. Der Vater einer Tochter ermittelt im Fall eines verschwundenen Kindes. Nach einem stressigen Tag sitzt der Ermittler vor seinem Notebook. Er ruft einschlägige Videos auf, um sich Erleichterung zu verschaffen – und onaniert. So weit ist das nicht ungewöhnlich. Doch er betrachtet dabei zwei kleine Buben, die nackt am Strand spielen.

Ein pädophiler Ermittler? Darf das sein? Ja, denn Jan Costin Wagners “Sommer bei Nacht” ist ein außergewöhnlicher Kriminalroman. Es geht ihm nicht darum, eine sensationalistische Geschichte geschmacklos auszuschlachten. Multiperspektivisch erzählt er davon, was passiert, wenn sich die heile Welt von einem Moment auf den nächsten in Luft auflöst: aus Sicht der Eltern des Entführten, dessen Schwester, diverser Ermittler und auch des Täters sowie eines Mitwissers. Hier hat wirklich jede Figur ihre ganz eigene Stimme.

Dem Autor geht es nicht darum, Gut-gegen-Böse-Stereotype zu befördern, vielmehr versucht er, allen Beteiligten gerecht zu werden – ohne zu verurteilen. Er erzählt von Menschen, nicht von Monstern. Es sind anrührende kleine Szenen, die er schildert und für die im Krimi-Genre sonst kaum Platz ist.

Auch deshalb bezeichnet man ihn gern als den Literaten unter den deutschsprachigen Kriminalschriftstellern (“Tage des letzten Schnees”). Wie auch immer: Trauer, Verlust und Ängste – kaum jemand versteht es so gut wie Wagner, diese Gefühle literarisch abzuhandeln.

8 von 10 Punkten

Jan Costin Wagner: “Sommer bei Nacht”, Galiani Berlin Verlag, 312 Seiten.

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Don Winslow: Broken

(c) HarperCollins

Mit seiner epischen Drogentrilogie (“Tage der Toten”, “Das Kartell”, “Jahre des Jägers”) hat Don Winslow seinen Ruf als einer der besten Thriller-Autoren unserer Zeit gefestigt. Dass er aber nicht nur bis zur Unerträglichkeit realistische Bücher schreiben kann, beweist er eindrucksvoll mit “Broken”: sechs Kurzgeschichten, jeweils um die 80 bis 90 Seiten lang.

Ausgerechnet die erste und titelgebende Geschichte, “Broken”, ist die schwächste. Sie liest sich wie eine Kurzfassung seines Cop-Thrillers “Corruption”. Hier begibt sich der Polizist Jimmy McNabb auf einen gnadenlosen Rachefeldzug. Brutal, so könnte man das Auftaktstück mit einem Wort beschreiben. Davon sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen.

Denn bereits die zweite Geschichte, “Crime 101”, die er Schauspiel-Legende Steve McQueen gewidmet hat, zeigt ihn von einer ganz anderen Seite. Juwelendieb Davis begeht all seine Raubzüge nur auf dem Highway 101 und folgt dabei einem strikten Verbrecher-Kodex. Das liest sich wunderbar altmodisch. Man würde sich hier einen Roman in voller Länge wünschen.

In “San Diego Zoo” zeigt sich Winslow, der die Geschichte seinem Vorbild Elmore Leonard gewidmet hat, von seiner komischen Seite. Der Schimpanse, der mit einem Revolver die Stadt unsicher macht und der junge, beherzte Polizist Chris Shea, der sich deshalb zum Esel macht – das bleibt in Erinnerung.

In “Sunset” wiederum, das Raymond Chandler gewidmet ist, tritt nicht nur eine seiner Kultfiguren, der Kopfgeldjäger Boone Daniels, auf. Er lässt ihn auch mit einer weiteren einprägsamen Charakter seines schreiberischen Universums, dem in die Jahre gekommenen ehemaligen Meisterdetektiv Neal Carey, aufeinanderprallen.

Wirkt die Zusammenführung der beiden Figuren ein wenig erzwungen, so funktioniert dies in “Paradise” umso besser. Ben, Chon und O., bekannt aus den unkonventionellen und sprachlich sprühenden Kriminalromanen “Zeit des Zorns” (verfilmt von Oliver Stone) und “Kings of Cool”, versuchen sich mit ihrem florierenden Marihuana-Business auf Hawaii zu etablieren. Dass auch “Frankie Machine” und “Bobby Z” aus den gleichnamigen Romanen ihre Auftritte haben, macht wirklich Spaß. Das ist eine gelungene Geschichte für Fans.

Zu Höchstform läuft Winslow aber mit seinem Schlussstück “The Last Ride” auf. Bereits der erste Satz packt zu: “Als er das Kind zum ersten Mal sah, war es in einem Käfig.” Die Rede ist zwar von einem “Auffanglager” an der US-mexikanischen Grenze, doch Grenzschützer Cal Strickland findet dafür keine andere Bezeichnung, denn “wenn man einen Haufen Menschen hinter einem Maschendrahtzaun einpfercht, dann ist es ein Käfig.” Man kann die Kurzgeschichte als Anklage gegen die Trump-Regierung begreifen. Und tatsächlich ist der Autor ein lautstarker Kritiker der Trump-Adminstration. Man kann “The Last Ride” aber auch als eine Essenz all dessen lesen, was Winslow je geschrieben hat. Humanität in Zeiten größter Ungerechtigkeit – es ist die zentrale Frage, die den Schriftsteller umtreibt.

Don Winslow: “Broken”, übersetzt von U. Wasel, K. Timmermann, J. Stefanidis, P. Friedrich, K. Fricke, HarperCollins, 512 Seiten.

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Horst Eckert: Im Namen der Lüge

(c) Heyne

Horst Eckerts Kriminalromane sind schon fast ein fixer Bestandteil dieses Blogs. Seit dem Finanzkrisen-Thriller “Schwarzer Schwan” habe ich fast alle seine Bücher gelesen: Sowohl “Schwarzlicht”, den Auftakt zu seiner Vincent-Veih-Reihe, sowie “Wolfsspinne”, den dritten Band aus dieser Reihe; und zuletzt den Stand-alone, “Der Preis des Todes”. Kaum ein deutscher Krimiautor liefert so zuverlässig anspruchsvolle politische Kriminalromane ab.

Nun ist “Im Namen der Lüge” erschienen. Vincent Veih kommt darin erneut vor, doch die eigentliche Hauptfigur ist diesmal Melia Khalid, die das Referat für Linksextremismus beim Inlandsgeheimdienst leitet. Eckert führt die beiden Figuren nur langsam zusammen und lässt sie auch erst mal so richtig aufeinander prallen. Hier der Polizist, der der jungen, ehrgeizigen Geheimdienstlerin misstraut – und natürlich gilt das auch umgekehrt.

Der Autor packt sehr viele Themen in seinen Roman: Links- und Rechtsextremismus, Migration, undemokratische Auswüchse der Geheimdienste und vieles mehr. Das Umfeld der Figur der Melia Khalid ist komplex. Ihr Vater ist ein Spitzenpolitiker mit Geheimdienst-Vergangenheit, die Mutter eine politisch Verfolgte, die einst in Somalia gefoltert wurde. Melia hat wegen ihrer Herkunft also doppelt gegen Vorurteile zu kämpfen. Da ist “die Migrantin”, noch dazu protegiert von ihrem einflussreichen Vater. Umso zielstrebiger und teilweise auch recht empathielos führt sie ihre V-Leute.

Ihre Behörde ist jedenfalls alarmiert, als ein Geheimpapier auftaucht, das die Gründung einer neuen RAF ankündigt. Melia ist eher skeptisch. Handelt es sich gar um eine rechte Verschwörung nach dem “False Flag”-Prinzip? Horst Eckert ist ein Skeptiker, was die Rolle der Geheimdienste in der Demokratie betrifft. Das hat man schon im überzeugenden NSU-Thriller “Wolfsspinne” gemerkt, aber auch “Im Namen der Lüge” ist das spürbar. Im Nachwort schreibt er dazu: “Die Frage, was der Inlandsgeheimdienst wirklich schützt, ist berechtigt. Die Verfassung scheint es nicht zu sein.”

Fast 600 Seiten lang versteht es der Autor zu fesseln. Doch so schlüssig sich der Fall am Ende des Buches lösen mag, seinen realistischen Blick legt Eckert nicht ab. “Alles beim Alten, trotz des Skandals”, heißt es da. “Auch beim Verfassungsschutz ändert sich nichts.” Am Ende stolpern doch immer nur irgendwelche Sündenböcke über die Skandale. Das System ändert sich nicht.

8 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Im Namen der Lüge”, Heyne Verlag, 574 Seiten.

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Massimo Carlotto: Blues für sanfte Halunken und alte Huren

Manche Verlage bewerben den banalsten Regionalkrimi als Noir. Wer wirklich wissen will, was zu diesem Genre gehört, kommt allerdings am Italiener Massimo Carlotto nicht vorbei. Sowohl seine Kriminalromane rund um Marco Buratti, den “Detektiv ohne Lizenz”, als auch jene rund um den bösartigen Verbrecher Giorgio Pellegrini (“Am Ende eines öden Tages”) zeigen die Menschen von ihren hässlichsten Seiten. Diesmal lässt der Autor die beiden Figuren aufeinanderprallen.

Verschärfend kommt in diesem Fall hinzu, dass Pellegrini – den Buratti und seine Kollegen verfolgen – als V-Mann mit der Polizei kollaboriert. Und dann gibt es da noch die Dottoressa Marino, die im Innenministerium ihr ganz eigenes Süppchen kocht.

Moral? Fehlanzeige – sowohl diesseits als auch jenseits des Gesetzes. Besonders reizvoll: Wien ist ein Hauptschauplatz dieses abgründigen Werks.

8 von 10 Punkten

Massimo Carlotto: “Blues für sanfte Halunken und alte Huren”, übersetzt von I. Ickler, Folio Verlag, 223 Seiten.

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Attica Locke: Heaven, My Home

(c) Polar Verlag

Der schwarze Polizist Darren Mathews wurde einst in seinem Heimatstaat Texas Ranger, weil er an Veränderung glaubte: an mehr schwarze Gesetzeshüter, mehr Gerechtigkeit. Bereits im Debütroman “Bluebird, Bluebird” von Autorin Attica Locke war Mathews’ Weltbild ins Wanken geraten, in “Heaven, My Home” ist der Polizist desillusioniert. Dann soll er ausgerechnet den verschwundenen Levi finden, Sohn eines Angehörigen der Arischen Bruderschaft. Mathews ermittelt, gepeinigt von Selbstzweifeln, Eheproblemen und alltäglichem Rassismus.

Entstanden ist ein beeindruckendes Sittenbild des ländlichen Amerika, das zeitlich zwischen der Wahl und Inauguration von US-Präsident Trump spielt – ohne Vorwürfe, aber mit einem sehr genauen Blick verfasst. Denn es ist bereits eine Zeit, die zu absurden Auswüchsen führt. So ist Mathews Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund überzeugt, dass er, wenn er einen Schwarzen eines Hassverbrechens überführt, das künftige Justizministerium gewogen stimmen kann und den Beweis führen kann, dass das FBI ausgewogen ermittelt.

Empfehlenswert ist es auch das Nachwort “Das Ende der Versöhnung” von Sonja Hartl zu lesen. Sie schreibt darin vom Konzept der Vergebung, das bis in die Zeit der Sklaverei zurückreicht. Mit Vergebung sei aus Sicht der Schwarzen Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft. Doch wohin habe dieses Konstrukt geführt, fragt sich Hartl: “Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus.” Um es in den Worten von Darren Mathews zu sagen: Was mache die Vergebung aus ihnen: Heilige oder Handlanger?

“Heaven, My Home” ist keine Anklage, aber ein Buch, das neben allen seinen Spannungselementen nachdenklich macht.

8 von 10 Punkten

Attica Locke: “Heaven, My Home”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 322 Seiten.

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Jeanine Cummins: American Dirt

(c) Rororo

Eigentlich war alles gut, als Jeanine Cummins’ Buch “American Dirt” Anfang des Jahres in den USA erschien. Thrillerautor Don Winslow verglich ihr Buch mit John Steinbecks “Früchte des Zorns”, Horror-Großmeister Stephen King war ebenfalls voll des Lobes, und TV-Ikone Oprah Winfrey empfahl es in ihrem einflussreichen “Book Club”. Doch dann schrieben 142 mexikanische Autorinnen und Autoren einen offenen Brief an Winfrey, in dem sie baten, diese Empfehlung rückgängig zu machen. Der Vorwurf: Das Buch sei großteils ausbeuterisch, zu vereinfachend und von einer schlecht informierten Autorin geschrieben. Es verirre sich in Trauma-Fetischismus und der Sensationalisierung von Migration und mexikanischer Lebenskultur. Die Stimmung kippte, eine geplante Lesereise musste abgesagt werden. Doch das eigentliche Problem war ein anderes: Darf eine Weiße über Latinos schreiben?

Natürlich darf sie das. Tatsächlich berührt die fiktive Geschichte der 2600 Meilen langen Flucht der mexikanischen Buchladenbesitzerin Lydia. Gleich zu Beginn wird fast ihre gesamte Familie, insgesamt 16 Menschen, von Killern eines Drogenkartells brutal ermordet. Bloß sie und ihr achtjähriger Sohn Luca überleben das Gemetzel. Lydia, Frau eines Journalisten, der ein kritisches Porträt über einen Drogenboss verfasst hat, zögert nicht und packt zwei Rucksäcke. Es gibt nur eine Chance: die Flucht nach Norden, in die USA.

Die Fahrt auf “La Bestia”

Der Vorwurf, dass die Autorin in den Traumata ihrer Figuren bade, mutet meiner Ansicht nach angesichts der geschilderten Geschehnisse ein wenig seltsam an. Würde die von der Situation überforderte Mutter zwischendurch nicht immer wieder wanken und verzweifeln, hätte man Cummins vermutlich fehlender Empathie bezichtigt. Einzig die in Rückblicken erzählte platonische Romanze zwischen Lydia und dem diabolischen Drogenboss “La Lechuza” ist entbehrlich. Umso eindringlicher schildert die Autorin die furchteinflößende Reise der Migranten auf “La Bestia”, den Zügen, die aus dem Süden in Richtung USA fahren (das hat übrigens der oben erwähnte Don Winslow in seinem Buch “Jahre des Jägers” auch schon eindrucksvoll getan). Wer beim Erklimmen einen falschen Schritt macht oder auf den monströsen Zügen einschläft, riskiert Amputation oder Schlimmeres.

Man spürt, dass Cummins ihren Figuren gerecht werden will. An billigem Sensationalismus orientierte Autoren hätten die erschütternden Vergewaltigungsszenen viel plakativer gestaltet. Der Spagat mag nicht immer gelingen, letztlich aber macht die Schriftstellerin die ausweglose Situation der Migranten begreifbar.

Natürlich haben auch schon viele Latino-Autorinnen und -autoren vor ihr darüber geschrieben und hätten größere Aufmerksamkeit verdient. Ad hoc fällt mir dazu etwa Antonio Ortuños “Die Verbrannten” ein. Auch verstehe ich, dass sich manche über die nicht gerade mexikanisch klingenden Namen der beiden Hauptfiguren Lydia und Luca wundern. Und auch PR-Maßnahmen bei Lesungen (bevor diese gestoppt wurden), wo Teile eines Stacheldrahts neben die Bücher drapiert wurden, mögen geschmacklos sein. Das macht dieses über vier Jahre akribisch recherchierte Buch aber nicht automatisch schlecht.

Der Fluch des losen Nachworts

Ein Hauptteil der Kritik ist ohnehin auf das Nachwort der Autorin zurückzuführen. Darin schreibt Cummins zwar, dass sie abgestoßen sei von der Art, wie Latino-Migranten im öffentlichen Diskurs dargestellt werden. Aber sie formuliert eben auch Sätze wie diese: “Im schlimmsten Fall nehmen wir sie als Mob wahr, als Invasion von Kriminellen, die unsere Mittel aufsaugen wollen, und im besten Fall als eine Art hilflose, verarmte, gesichtslose braune Masse, die auf unserer Türschwelle um Hilfe schreit. Wir sehen sie selten als Mitmenschen”. Wen meint sie bloß mit “wir” im geschilderten “besten Fall”?

Cummins – übrigens mit einem ehemaligen Illegalen verheiratet, ihre Großmutter stammt aus Puerto Rico – schreibt darüber hinaus selbstkritisch von ihren Zweifeln, ob sie als Nicht-Mexikanerin und Nicht-Migrantin ein derartiges Buch schreiben dürfe. Doch erneut sorgt eine Formulierung für Empörung: “Ich wünschte mir, dass jemand es schreiben würde, der etwas brauner ist als ich.” Es sind Worte, die sie selbst mittlerweile bereut.

Aber am besten macht man sich selbst ein Bild von ihrem Roman – und liest ihn.

8 von 10 Punkten

Jeanine Cummins: “American Dirt”, übersetzt von Katharina Naumann, rororo, 556 Seiten.

 

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John le Carré: Federball

(c) Ullstein

Ich muss zugeben, ich war nie ein großer Fan von John leCarré. Mir waren seine Bücher stets zu trocken, zu langatmig, zu moralisierend. Da habe ich lieber Frederick Forsyth gelesen. Ausgerechnet mit seinem Spätwerk “Federball” hat mich der britische Autor nun aber überzeugt.

Der in die Jahre gekommene Spion Nat befindet sich am Abstellgleis. Das erinnert stark an Mick Herrons “Slow Horses” und irgendwie auch an Tony Scotts Film “Spy Game”. Am liebsten spielt Nat Badminton. „Badminton ist List, Geduld, Tempo, man wartet in Lauerstellung auf seine Gelegenheit zum Angriff“, erklärt der Ich-Erzähler in John le Carrés neuem Spionageroman. Eines Tages lernt er im Sportverein den jungen Ed kennen, der ihn herausfordert – nicht nur sportlich, sondern auch, was seine Sicht der Welt betrifft. Denn Ed ist ein inbrünstiger Brexit- und Trump-Hasser. Genau wie sein literarischer Erfinder le Carré.

Tatsächlich muss es der 88-jährige Autor als eine Art Verrat empfinden, was in Großbritannien gerade geschieht. Anfang der 1960er-Jahre war er selbst als Spion, getarnt als Diplomat, in Deutschland unterwegs – als „Wanderprediger“ für einen EWG-Beitritt der Briten, wie er selbst sagt. Vor den Trümmern seiner eigenen historischen Verdienste stehend, schreibt le Carré nun über den US-Präsidenten, „der gekommen ist, um die schwer erkämpften Beziehungen zu Europa zu verhöhnen und die Premierministerin zu erniedrigen, die ihn eingeladen hat“. Die politische Elite seines Heimatlandes, ausgebildet auf Kaderschmieden wie Eton, verachtet er. Deren Absolventen sind aus seiner Sicht verkommene, egoistische Emporkömmlinge, denen nur die eigene Karriere wichtig ist.

Nichts ist, wie es scheint

Lässt man diese Emotionen beiseite, konstruiert der Autor sehr gekonnt eine wunderbar altmodische Spionagegeschichte mit allen typischen Zutaten: Nichts ist, wie es scheint. Der Feind ist nicht klar auszumachen und sitzt nicht selten im eigenen Land. Den Glauben an einen moralisch höher stehenden Westen hat le Carré schon lange verloren. Das kann man vor allem in seinen letzten Büchern nachlesen. Trump, Putin, Johnson – für den Autor sind sie alle Halunken. Die Guten gibt es nicht. Sein Interesse gilt ohnehin den kleinen Rädchen im Spionagegetriebe, den offenkundigen Verlierern, die ihr Gewissen bewahrt haben – was wohl auch ein Hauptgrund für ihren beruflichen Abstieg ist.

8 von 10 Punkten

John le Carré: “Federball”, übersetzt von Peter Torberg, Ullstein Verlag, 352 Seiten.

 

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