Tag Archives: 8 Punkte

Tess Sharpe: River of Violence

(c) dtv

Tess Sharpes Buch “River of Violence” packt einen schon mit dem ersten Satz:

“Ich bin acht, als ich zum ersten Mal erlebe, wie mein Daddy einen Mann umbringt.”

Danach erzählt sie auf 500 Seiten die fesselnde Geschichte von Harley McKenna, die von ihrem Vater gnadenlos gedrillt wird, um einmal sein Drogenimperium zu erben. Doch dieses Mädchen reift zu einer jungen Frau heran, die ganz genau weiß, was sie will. So hat es sich Harley zur Lebensaufgabe gemacht, von Männern geschlagenen Frauen Schutz zu bieten. Sie verfolgt ihre eigenen Ziele, die sie ebenso skrupellos umzusetzen weiß wie ihr Vater.

Der Vergleich zu “Lola”  (das ich im letzten Beitrag besprochen habe) drängt sich natürlich auf. Sowohl Harley als auch Lola sind jung, weiblich und Drogendealerin. Sie stehen auf der anderen Seite des Gesetzes, schrecken vor Mord nicht zurück und sind machtbesessen. Sie handeln unmoralisch und mit Drogen. All dies war in Kriminalromanen bislang Männern vorbehalten.

Bloß ist die Figur der Harley McKenna wesentlich glaubwürdiger als Lola. Ihre unglaublich grausame Kindheit, ihre inneren Kämpfe – das wird spürbar.

8 von 10 Punkten

Tess Sharpe: “River of Violence”, übersetzt von Beate Schäfer, dtv, 512 Seiten.

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Wallace Stroby: Der Teufel will mehr

(c) Pendragon

“Der Teufel will mehr” ist bereits der vierte Teil um die nüchtern kalkulierende Berufsverbrecherin Crissa Stone – und angeblich der letzte. Was wirklich schade wäre. Denn US-Autor Wallace Stroby hat sich von Band zu Band gesteigert und seiner Antiheldin, die sich in der von Alpha-Männchen nur so strotzenden Unterwelt beweisen muss, zunehmend Ecken und Kanten verliehen.

Richard Starks Kultfigur Parker und Garry Dishers australischer Brother-in-Crime Wyatt haben also ihr weibliches Pendant gefunden. Und umso öfter ich Kriminalromane aus der Sicht der Verbrecher lese, desto mehr begeistern sie mich (wenn sie gut sind natürlich). Aus der Polizistensicht wird ohnehin so viel erzählt, auch aus dem Blickwinkel irgenwelcher gruseligen Serienmörder. Aber der nüchterne, professionelle Berufsverbrecher, der oft von gierigen Dilletanten umgeben ist – das kann echt was. Denn wer Stones kriminellen Werdegang verfolgt, kann nur zu einer Erkenntnis kommen: Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Vor allem aber darf man Komplizen niemals trauen. Niemals! Mit anderen Worten: Verbrechen lohnt sich nicht.

Lesen schon. Denn nicht nur der Teufel will mehr, auch der krimibegeisterte Blogger 🙂

Teil 1: Kalter Schuss ins Herz

Teil 2: Geld ist nicht genug

Teil 3: Fast ein guter Plan

8 von 10 Punkten

Wallace Stroby: “Der Teufel will mehr”, übersetzt von: Alf Mayer, Pendragon, 320 Seiten.

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Mick Herron: Slow Horses

(c) Diogenes

Sie werden “Slow Horses” genannt, die ausrangierten MI5-Agenten, die im Slough House, einer unscheinbaren Außenstelle des britischen Geheimdienstes in London, ihr Dasein fristen. Hier versammeln sich all die Gescheiterten und Verstoßenen, deren Karrieren mehr als nur einen kleinen Knick erlitten haben. Als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und seine Enthauptung live im Internet übertragen werden soll, wittern die Außenseiter ihre Chance – an ihrer Spitze der uncharismatische, dickbäuchige, aber mit allen Wassern gewaschene Jackson Lamb.

Der britische Autor Mick Herron hat daraus keinen reißerischen Thriller mit vielen skurrilen Charakteren (wie zuletzt Sophie Hénaff in “Kommando Abstellgleis” durchaus gewitzt) gemacht. Im Gegenteil, er nimmt sich viel Zeit, um diese Existenzen und ihren tristen Alltag zu porträtieren. Von Glanz und Glamour keine Spur. Charakterstudie statt kniffliger Spionage. Aber man sollte sich von den ersten 200 Seiten nicht täuschen lassen, denn Herron führt die Leser in die Irre.

Was folgt, ist ein Spionageroman mit vielen Wendungen und noch mehr Charme. Die Uhr tickt. Nicht jeder scheint zu sein, wer er ist. Der Autor lässt die Leser an einem raffinierten Ränkespiel innerhalb des Geheimdienstes teilhaben, bei dem das eigentlich zu befreiende Opfer schon bald zur Nebensache wird. Mit “Slow Horses” beweist Herron eindrucksvoll, dass der klassische Spionageroman lebt – auch ohne technologischen Firlefanz.

Das vorliegende Buch ist übrigens der Auftakt zu einer vielfach ausgezeichneten Serie. Im Herbst soll Teil zwei auf Deutsch erscheinen.

8 von 10 Punkten

Mick Herron: “Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb”, übersetzt von Stefanie Schäfer, Diogenes-Verlag, 472 Seiten.

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Un-Su Kim: Die Plotter

(c) Europaverlag

Der größte – und einzige – Schwachpunkt des Roman “Die Plotter”? Die unpassende Etikettierung als Thriller! Spannung hat das Buch zwar reichlich zu bieten, aber für einen fiebrigen Pageturner ist der Aufbau zu langsam.

Das tut der Begeisterung für diesen Roman aber keinen Abbruch und beginnt schon mit dem Cover, auf dem Blutspritzer stilisiert sind, die sich bis über die Seiten ausbreiten. Neugierige Blicke bei der U-Bahn-Fahrt sind sicher, wie der Selbsttest gezeigt hat. Aber der südkoreanische Autor Un-Su Kim weiß auch innerhalb der Buchdeckel zu überzeugen. Seine Hauptfigur Raeseng wird dem Leser unweigerlich sympathisch, auch wenn er einem unsympathischen Beruf nachgeht: Er ist Auftragsmörder.

(c) Europaverlag

Großgezogen wurde Raeseng von Old Raccoon, der aus seiner Bibliothek heraus eine Art Killerfabrik verwaltet. Jahrzehntelang wurden alle politisch motivierten Morde über diese „Library of Dogs“ abgewickelt. Raeseng ist ein Teil dieser gut funktionierenden Tötungsmaschine, doch irgendwann begeht er den Kardinalfehler aller Killer. Er beginnt, zu fühlen und nachzudenken.

Un-Su Kim hat daraus einen stellenweise fast schon poetischen Roman gemacht, der ganz nebenbei auch die Gesellschaft in Südkorea porträtiert. Der Autor erzeugt durch gekonnt eingestreute, märchenhafte Sequenzen immer wieder schöne Bilder im Kopf des Lesers. Viel mehr kann ein guter (Kriminal-)Roman nicht leisten.

8 von 10 Punkten

Un-Su Kim: Die Plotter, übersetzt von Rainer Schmidt, 360 Seiten, Europaverlag.

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Wallace Stroby: Fast ein guter Plan

(c) Pendragon

Bereits zum dritten Mal lässt Autor Wallace Stroby die professionelle Räuberin Crissa Stone ihren kriminellen Tätigkeiten nachgehen – und wieder einmal geht alles schief: Drogendealer in Detroit werden zwar erfolgreich ausgeraubt, doch ein Mitglied von Crissas vierköpfigem Team ist gierig – beim Aufteilen des Geldes tappt sie in eine Falle. Ganovenehre? Gibt es nicht.

Stroby wird von Buch zu Buch ( Teil 1: Kalter Schuss ins Herz”, Teil 2: “Geld ist nicht genug”) besser, seine angenehm unheroische Hauptfigur erhält immer mehr Konturen. Er erzählt zurückhaltend und unglaublich puristisch von einer Frau, die sich im beinharten Milieu der männerdominierten Unterwelt ständig neu beweisen muss.

Auch wenn ich mich wiederhole, aber Crissa ist eine Seelenverwandte von Richard Starks Antihelden Parker und Garry Dishers Berufsverbrecher Wyatt. Diese drei Figuren gehören definitiv zu meinen liebsten des Genres. Das Feine aber ist, dass Crissa nicht nur irgendein billiger Abklatsch ist.

Schade eigentlich, dass die Serie mit “Der Teufel will mehr”, dem vierten Band und seit ein paar Tagen im Handel, ein Ende findet.

8 von 10 Punkten

Wallace Stroby: “Fast ein guter Plan”, übersetzt von Alf Mayer, Pendragon Verlag, 312 Seiten.

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Denise Mina: Blut Salz Wasser

(c) Ariadne

Denise Mina schreibt keine Kriminalromane zum Wohlfühlen. “Blut Salz Wasser” ist ganz nah dran am echten Leben. Mit viel Sympathie für ihre Figuren schafft die Autorin es dennoch, sogar niederträchtigen Mördern humane Seiten abzugewinnen. Ganz einfach deshalb, weil sie nicht über superböse Serienmördermonster schreibt (die sich ohnedies unaufhaltsam im Genre ausbreiten), sondern über erschreckend Alltägliches.

Es muss nicht immer ein schockierender Tabubruch sein, um zu fesseln. Manchmal reicht ein klarer Blick auf die Realität – und der von Denise Mina ist gestochen scharf. Wie schon bei “Das Vergessen” fehlt bei der Autorin einfach der Kuschelfaktor, wie es Thomas Wörtche gut beschreibt. Das macht sie einer breiteren Leserschaft nicht so zugänglich. Aber naja, selbst Schuld, kann man da nur sagen.

8 von 10 Punkten

Denise Mina: “Blut Salz Wasser”, übersetzt von Zoë Beck, Ariadne Verlag, 363 Seiten.

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Jordan Harper: Die Rache der Polly McClusky

(c) Ullstein

Die 11-jährige Polly McClusky und ihren Stoffbären, die beiden vergisst man auch nach der Lektüre nicht. Dem erfolgreichen Drehbuchautor Jordan Harper ist mit “Die Rache der Polly McClusky” ein überzeugendes Debüt gelungen. Der letzte kriminalliterarische Road-Trip der mich ähnlich gut auf die Reise mitgenommen hat, war Tom Eppersons “Hyänen”.

Zum Inhalt: Das Mädchen Polly befindet sich mit ihrem Vater Nate, der die letzten Jahre im Gefängnis gesessen hat, auf der Flucht. Auf der Flucht vor der Neonazi-Gang Aryan Steel, die ein Todesurteil über Nate, seine Ex-Frau und Tochter Polly ausgesprochen hat. Doch Nate hat einen Plan, um den Spieß umzudrehen. Dabei wird auch seine Tochter über sich hinauswachsen.

Es gibt Szenen, in denen Nate seine Tochter in die Geheimnisse der Anwendung von überlebenswichtiger Gewalt einführt. Das ist schon ungewöhnlich und erinnert teilweise an den Film “Leon, der Profi”, in dem Natalie Portman als Mathilda in die Kunst des Tötens eingewiesen wird. Jordan Harper trifft aus meiner Sicht aber immer den Ton. Es ist nicht unheikel, derartige Szenen zu schreiben, doch der Autor tut das mit feinem Gespür für seine Charaktere. Sie sind schräg, aber nicht zu schräg. Es ist nachvollziehbar, dass Polly, die mit Brutalität und Gewalt konfrontiert wird, nicht wie ein braves, liebes Mädchen auf die Situation reagiert.

Harper lässt den Leser die Welt aus den Augen des Mädchens sehen. Ab sofort ist Polly mit einem ihr fast unbekannten Mann mit “Revolverheldenaugen” (ihr Vater) auf der Flucht vor bösen Männern mit “blauen Blitztattoos” auf den Armen (Neonazi-Gangmitglieder). Jedes dieser Tattoos steht übrigens für einen Getöteten.

Einziger Begleiter und Halt für Polly ist ein einäugiger, kaputtgeliebter Teddybär. Sie tut gern so, als wäre dieser lebendig, obwohl sie natürlich weiß, dass er das nicht ist. Dennoch hilft ihr das Plüschtier dabei, mit der Brutalität und Angst, die nun ihr Leben dominieren, besser zurechtzukommen. Mit diesem Stoffbären, “der nicht echt, aber wahr ist”, ist Harper ein genialer Kniff gelungen, um die brutalen Geschehnisse, wie sie auf ein Kinder wirken müssen, noch begreifbarer zu machen.

Und wieder einmal bestätigt sich: Egal, was Conny Lösch übersetzt, das Lesen zahlt sich aus.

8 von 10 Punkten

Jordan Harper: “Die Rache der Polly McClusky”, übersetzt von Conny Lösch, 285 Seiten, Ullstein.

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