Tag Archives: Joakim Zander

Krimis, die man 2016 lesen sollte (VI)

(c) Heyne

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Denise Minas “Das Vergessen” konnte mich im Vorjahr überzeugen. Auch “Die tote Stunde” (seit 13. Juni im Handel), der Mittelteil einer Trilogie, klingt vielversprechend – ich weiß bloß noch nicht, wann ich Zeit dafür haben werde. “Ein Roman, der von seiner dickköpfigen Heldin lebt”, schreibt darüber Marcus Müntefering auf “Spiegel Online”.

Der Verlag schreibt: Als die Journalistin Paddy Meehan einer häuslichen Auseinandersetzung nachgeht, öffnet ihr ein gut gekleideter Mann. Er versichert, dass alles in Ordnung sei. Bevor er die Tür wieder schließt, steckt er Paddy Geld zu. Tatsächlich wurde die Frau gefoltert und starb noch in dieser Nacht. Paddy bleiben nur wenige Tage, um die Wahrheit herauszufinden, bevor die Zeitung von der Bestechung erfährt und die Polizei die Ermittlungen aus ganz eigenen Gründen einstellt. Einzig Paddy lässt der düstere und grausame Fall nicht los, dessen Aufklärung einen Karrieresprung für sie bedeuten könnte – oder aber ihren Tod.

(c) Suhrkamp

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In den 1970er Jahren wurde “Die drei Tage des Condors” mit Robert Redford in der Hauptrolle zu einem Filmerfolg. Der Film basierte auf dem gleichnamigen Buch des Autors James Grady, der nun seinen Condor mit “Die letzten Tage des Condor” (seit 13. Juni) wiederauferstehen lässt und in die Jetztzeit transportiert. Und wieder schwärmt Marcus: “Er schafft es, gleichermaßen old school und absolut auf der Höhe der Zeit zu sein.”

Ronald Malcolm alias Vin alias Condor ist zurück. Der einstige Whistleblower und spätere Top-Agent hatte die letzten Jahre in einem Irrenhaus der CIA verbracht und arbeitet jetzt in der Library of Congress in Washington. Routinemäßig wird er von der inzwischen neu gegründeten Homeland Security überprüft. Als einer deren Agenten tot in Condors Wohnzimmer gefunden wird, scheinen alle Geheimdienste hinter ihm her zu sein. Manche davon so geheim, dass niemand weiß, wer oder was sie überhaupt sind. Washington verwandelt sich in einen kafkaesken Bau, ständig von neuester Technologie überwacht. Nichts ist mehr harmlos, nichts ist unschuldig, nichts durchsichtig. Geschossen wird sofort und ohne Rücksicht auf Verluste. Der Condor und die CIA-Agentin Faye Dozier versuchen sich in Sicherheit zu bringen, aber vor wem eigentlich?

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Auf Paolo Roversis “Schwarze Sonne über Mailand” (seit 17. Juni) bin ich ganz besonders gespannt. 2013 hat mich sein Krimi “Milano Criminale” zwar nicht so ganz begeistert, aber das Buch ist irgendwie haften geblieben – immer wieder muss ich daran denken. Das passiert mir sehr selten. Es kann also nicht so schlecht gewesen sein. Und ich stehe im Moment auch total auf Retro-Krimis dieser Art, die ein Stück in der Vergangenheit spielen.

Im Mailand der 1980er Jahre versuchen drei Gangster, die norditalienische Metropole in ihre Hand zu bekommen: der sizilianische Kleinganove Ebale, genannt Catanese, der als Dealer von endlos gestrecktem Koks anfängt. Faccia d’Angelo, der nach einem Banküberfall zum skrupellosen Bordell- und Glücksspielkönig aufsteigt. Und der blutjunge Roberto, der bei einem Raubüberfall einen Polizeibeamten tötet. Kommissar Antonio Sarti, ein junger Familienvater, setzt alles daran, den dreien das Handwerk zu legen. Und da alle drei Gangster im selben Teich fischen, ist es unausweichlich, dass ihr Aufstieg Rivalität und tödlichen Verrat mit sich bringt.

diegejagtenSeit ich im Vorjahr “Der Anhalter” gelesen habe, bin ich ein großer Fan von Lee Child bzw. seiner Kultfigur Jack Reacher. Seine Thriller mögen literarisch nicht besonders hochwertig sein, doch sie sind schlicht die perfekte Unterhaltung – ideal für den Sommerurlaub. Ein Muss für heiße Tage. Ach ja, und aus “Die Gejagten” (seit 27. Juni) wird im Herbst ein Film mit Tom Cruise: Ich gehöre zwar zu den wenigen, die Cruise durchaus mögen, aber als Jack Reacher ist er einfach eine glatte Fehlbesetzung. Also besser lesen als ins Kino gehen.

Jack Reacher betritt den Stützpunkt seiner ehemaligen Einheit bei der Militärpolizei, und ahnt nicht, was ihm bevorsteht. Er ist nach Virginia gereist, um seine Nachfolgerin Major Susan Turner kennenzulernen. Doch wenig später wird klar, was für ein großer Fehler es war, einen Militärstützpunkt zu betreten. Denn wie jeder ehemalige Soldat der USA ist Reacher Reservist. Prompt erhält er seinen Einberufungsbefehl und wird außerdem des Mordes angeklagt und verhaftet. Reacher gelingt die Flucht aus dem Gefängnis, doch seine wichtigste Frage bleibt zunächst ungeklärt: Wer versucht ihn auf diese Weise kaltzustellen?

 

(c) Rowohlt Polaris

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Joakim Zanders Thrillerdebüt “Der Schwimmer” war mehr als solide. Nun legt er mit “Der Bruder” (seit 27. Juni) nach. Mal sehen, ob der Schwede sein Niveau halten kann.

Yasmine Ajam ist ihrer Vergangenheit und der rauen Stockholmer Trabantenstadt Bergort entflohen, sie arbeitet als Trendscout in New York. Doch eine alarmierende Nachricht lässt sie nach Jahren zurückkehren: Ihr jüngerer Bruder Fadi wird vermisst, angeblich ist er tot. Und in den Straßen der Vorstadt droht die Gewalt zu eskalieren – Autos brennen, Schlägertrupps sind unterwegs. Hat Fadis Verschwinden damit zu tun? Yasmine gibt die Hoffnung nicht auf, ihren Bruder lebend zu finden. Klara Walldéen forscht in London für eine renommierte Menschenrechtsorganisation. Im Vorfeld einer internationalen Sicherheitskonferenz wird ihr Computer gestohlen, kurz darauf kommt ein Kollege zu Tode. Dass ihre Arbeit brisant ist, weiß Klara. Aber wer könnte bereit sein, dafür töten? Die Spuren führen nach Schweden. In Stockholm begegnen sich die jungen Frauen: Beide auf der Suche nach der Wahrheit. Beide in höchster Gefahr.

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Joakim Zander: Der Schwimmer

(c) Rowohlt Polaris

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Ich habe in letzter Zeit ein Problem mit Thrillern. Nach der spannenden Lektüre bleibt allzu oft ein Gefühl der Leere zurück. Ich meide klassische Thriller daher zunehmend. Ich habe heuer zwei Ausnahmen gemacht und zweimal Glück gehabt. Im April hat mich der Österreicher Bernhard Aichner mit “Totenfrau” über weite Strecken überzeugt. Und nun hat mich “Der Schwimmer” von Joakim Zander gefesselt.

Der Schwede ist zweifellos eine der großen Neuentdeckungen dieses Krimijahrs. In seinem Politthriller lässt er die Leser in die beunruhigende Welt der Geheimdienste, privater Militärfirmen und der EU-Politik eintauchen. Der Vorteil: Zander ist ein EU-Insider – er arbeitete für das Europäische Parlament und die Europäische Kommission. Worüber er schreibt wirkt glaubwürdig. In einem Interview mit Günter Keil gewährt er diesbezüglich interessante Einsichten, die auch erhebliche Zweifel an der Arbeitsmoral bzw. -effizienz in Brüssel aufkommen lassen: “Im EU-Parlament gibt es ständig Sitzungen, die viele Stunden oder einen ganzen Tag lang andauern. Da sitzen dutzende Menschen an langen Tischen, und meistens ist nur ein kleiner Teil der Gespräche für die eigene Arbeit relevant”, sagt Zander darin. “So hatte ich die Gelegenheit, mit nur einem Ohr zuzuhören und nebenbei an einzelnen Szenen oder Kapitelübergängen zu feilen. Sonst wäre ich wohl nie mit dem Roman fertig geworden.” Fein für den Leser natürlich, aber ob das sinnvoll ist?

Im Zentrum seiner Geschichte stehen die EU-Referentin Klara und der Lobbyist George. Das sind für einen Thriller ziemlich ungewöhnliche Helden. Besonders hat mir die Figur der Klara gefallen. Endlich wieder einmal eine richtig starke Frau, womit wir wieder eine Parallele zu “Totenfrau” hätten. Weitere Pluspunkte: Es gibt keine irren Serienkiller, keine sinnlosen und voyeuristischen Gewaltszenen sowie keinen missmutigen, depressiven Kommissar. Zander umschifft zudem Genreklischees und -platitüden. “Der Schwimmer” ist ein moderner Politthriller, der sich hinter den Großen seines Genres nicht verstecken muss. Wer sich heuer von Olen Steinhauer und Oliver Bottini überzeugen hat lassen, wird sich auch bei Zander wohl fühlen. Der Mann kann schreiben: Einprägsame Charaktere und glaubwürdige Dialoge sprechen für sich.

In einer starken Szene wirft ein hochrangiger Manager bei einer Lobbyistenfirma die Münze. “Tabak oder Cognac?”, fragt er seinen Untergebenen. Mit anderen Worten: Welcher Konzern soll die Rechnung für ein pseudogeschäftliches, halbprivates Essen zahlen? Das ist wohl näher an der Realität, als einem lieb sein kann. Lediglich das eigenartig weihnachtliche Ende verwirrt ein wenig. “Aber das gehört wohl einfach zur selbstironischen Attitüde dieses faszinierenden Autors”, wie Peter Münder im crimemag schreibt.

7 von 10 Punkten

Joakim Zander: “Der Schwimmer”, übersetzt von Ursel Allenstein und Nina Hoyer, 432 Seiten, Rowohlt Paris.

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Krimis, die man 2014 lesen sollte (IX)

(c) Rowohlt Polaris

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Der September startet gleich mit einer besonders interessanten Neuerscheinung: “Der Schwimmer” von Joakim Zander (seit 1. September). Das Buch gilt als eine der großen Thriller-Neuentdeckungen des Jahres. Zander erzählt darin über die Welt der Geheimdienste und die Politik sowie Lobbyisten in der EU. Günter Keil hat übrigens ein interessantes Interview mit Zander geführt, das auf seinem Blog zu lesen ist. Zander hat sich demnach ein Beispiel an Stephen King genommen: “Mein Ziel war, jeden Tag tausend Wörter zu schreiben, egal, welche Aufgaben ich sonst noch hatte. Wenn meine Frau früh ins Bett ging, schrieb ich oft bis in die Nacht. Und nicht selten stellte ich mir den Wecker auf 5 Uhr morgens, um noch schreiben zu können, bevor ich unsere Kinder wecken musste.” Zander, der als Anwalt für die EU-Kommission und das Europäische Parlament arbeitet, gibt zu, dass er sogar in Meetings in Brüssel geschrieben hat.

(c) Manhattan

(c) Manhattan

Ian Rankin habe ich ja erst voriges Jahr sehr spät für mich entdeckt. “Mädchengrab”, Teil 18 seiner Serie um den Ermittler John Rebus, hat mich damals überzeugt: “Ich bin begeistert. Das Buch mag sich zwar nicht genial auflösen, aber ich habe selten ein derart atmosphärisch dichtes Werk gelesen, das auch mit gekonnter Charakterzeichnung auftrumpft”, schrieb ich. Nun folgt Band 19, “Schlafende Hunde” (seit 8. September). Der interne Ermittler Malcolm Fox, der Rebus nicht über den Weg traut, spielt wieder eine wichtige Rolle. Die beiden müssen wohl miteinander auskommen – ob sie wollen oder nicht. Klingt spannend. Übersetzt übrigens erneut von Conny Lösch.

(c) Kunstmann

(c) Kunstmann

Mit William McIlvanney “Laidlaw” (seit 10. September) werde ich eine weitere Lücke schließen. Das Buch ist ja ein Klassiker und erstmals im Jahr 1977 erschienen. McIlvanney gilt als Begründer des schottischen Noir. Der Verlag schreibt über die Kultfigur des Detective Jack Laidlaw: “William McIlvanneys Romane um den legendären Ermittler Jack Laidlaw sind in Großbritannien schon lange Kult und gehören schlicht zum Besten, was Kriminalliteratur zu bieten hat.” Und der oben erwähnte Ian Rankin meint: “Ohne McIlvanney wäre ich wohl kein Krimiautor geworden. Da war dieser literarische Schriftsteller, der sich dem urbanen, zeitgenössischen Krimi zugewandt hatte und zeigte, dass das Genre große moralische und soziale Fragen angehen konnte.” Übersetzt übrigens ebenfalls von Conny Lösch.

(c) Diaphanes

(c) Diaphanes

Ganz besonders freue ich mich auf Nathan Larsons “Boogie Man” (ab 24. September). Erst im April habe ich hier Teil eins seiner Trilogie, “2/14”, um Dewey Decimal besprochen. Dieser Future Noir hatte mich damals echt aus den Socken gehauen. Mein Urteil damals: “Es ist ein schrilles, abgefahrenes und witziges Buch – mit stillen und tiefen Momenten. Eine ganz wild Mischung eben.” Ich freue mich darauf, Dewey Decimal erneut ein Stück auf seiner abgedrehten Reise begleiten zu dürfen.

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