Liza Cody: Lady Bag

(c) Argument Verlag

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Die namenlose Obdachlose mit dem ausrangierten Rennhund “Elektra” wird mir lange in Erinnerung bleiben. Liza Codys “Lady Bag” ist ein Meisterwerk der Kriminalliteratur. Die Autorin, selbst gossenerfahren, erzählt eine Geschichte von ganz unten – aus der Sicht einer Frau, an der man auf der Straße rasch und angeekelt vorbeigehen würde, weil sie betrunken und stinkend um Geld bettelt.

Ohne ihren Hund wäre diese Frau wohl schon längst irgendwo in einem dunklen Eck krepiert. Durch Elektra kann sie überleben, obwohl sie sich ständig Sprüche wie folgenden anhören muss: “Das ist für den Greyhound, nicht für Sie. Sie müssen versprechen, dass Sie es für ihn verwenden.” Leute mögen Hunde nun mal lieber als Menschen. Die Obdachlose selbst sieht das nicht einmal problematisch: “Und Sie haben recht damit. Einem Hund kann man tatsächlich helfen. Menschen kann man nie wirklich helfen.”

Zur Geschichte: Die namenlose Obdachlose beschließt, dem Teufel, der ihr auf der Straße über den Weg läuft, zu folgen. Danach nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Von diesem Teufel-Aspekt darf man sich allerdings nicht abschrecken lassen, denn dieser Teufel ist realer als man es vielleicht vermuten mag.

“Wir leben von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Wenn wir Geld haben, essen und trinken wir. Wir horten kein Geld für schlechte Tage, weil alle Tage schlecht sind.”

Das Buch beinhaltet viele großartige Dialoge. Und teilweise auch Nicht-Dialoge. Denn wenn die Obdachlose im Suff unverständliches Zeug murmelt und sich vergeblich verständlich zu machen versucht, liest sich das wirklich witzig. Man muss sich das Lachen stellenweise verkneifen, weil es so unpassend wirkt. Dann wieder erzählt die Frau von ihrem Alltagsleben als Bettlerin, kleine Sätze sagen mehr als so manches dickes Buch: “Andererseits hat mir eine etwas merkwürdige alte Krähe mal einen Fünfer geschenkt, weil ich, wie sie sagte, seit einer Woche der erste Mensch war, der mit ihr sprach.”

“Lady Bag” ist ein grandioses, realistisches, witziges, trauriges und berührendes Buch. Cody hält der anonymen Großstadt einen Spiegel vor. Sie fällt dabei aber keine moralischen Urteile und führt den Leser in eine Welt, die er sonst nie kennenlernen würde. Sie erfüllt damit eine der Hauptbedingungen für großartige Literatur. Noch nie zuvor habe ich die Welt von so weit unten gesehen. Noch selten zuvor wurde ich so sehr aus dem Elfenbeinturm meines Alltagslebens gerissen und in eine kalte, übelriechende, grausame Welt geworfen. Und sogar  und vielleicht gerade in dieser Welt ist Humor möglich – was bleibt einem denn noch? Danke, Liza Cody, für dieses Buch.

“(…) aber dann, als mein Herz starb, wanderte mein Hirn auch auf die Versehrtenliste.”

10 von 10 Punkten

Liza Cody: “Lady Bag”, übersetzt von Laudan und Szelinski, 317 Seiten, Argument Verlag.

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4 Comments

Filed under Rezensionen

4 responses to “Liza Cody: Lady Bag

  1. My Crime Time

    Wow! Volle Punktzahl! Das freut mich jetzt wirklich sehr, denn mich hat das Buch ja schließlich auch ziemlich nachhaltig beeindruckt. Und ich finde es sehr schön, dass wir uns dieses Mal wieder einig sind, lieber Peter. 😉

  2. Philipp Elph

    Du hast mir die Qual der Wahl, was denn als nächstes zu lesen sei, abgenommen! Lady Bag wird es sein!

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