Tag Archives: 10 Punkte

Sarah Schulman: Trüb

(c) Ariadne Verlag

“Alle waren komplett verwirrt, denn der Präsident war ein Irrer.” Mit diesem wuchtigen Satz beginnt Sarah Schulmans außergewöhnlicher Kriminalroman “Trüb”, der in einem unter US-Präsident Donald Trump aus den Fugen geratenen New York City spielt.

Aber keine Angst, die Autorin ergötzt sich nicht an billigem Präsidenten-Bashing, vielmehr porträtiert sie Maggie Terry, eine Ex-Polizistin, deren Alkohol- und Drogensucht ihre eigene kleine Welt erschüttert hat. “Ihr inneres Chaos spiegelt auf tragikomische Weise das ihrer Stadt”, formuliert es Schulmans deutsche Herausgeberin und Übersetzerin Else Laudan. Und das der USA, könnte man hinzufügen.

Terry ist seit über einem Jahr clean, als sie zu Beginn des Buchs einen neuen Job als Privatdetektivin antritt. Jeder Tag ist eine Qual, verzweifelt taumelt sie durch ihr Leben. In der Mittagspause, vor und nach der Arbeit schleppt sie sich zu “Narcotics Anonymous”-Meetings, um den nie verschwindenden Verlockungen der Sucht zu widerstehen. Das Verständnis ihres ermittelnden Partners (sowie des gesamten Teams) für diese abgewrackte Kollegin ist enden wollend. Wie soll man mit dieser Frau zusammenarbeiten, Fälle lösen?

Man will dieser Maggie aufmunternd auf die Schulter klopfen, um im nächsten Moment an ihr zu verzweifeln. Selten war Trostlosigkeit so hoffnungsvoll, und auch Komik und Ernst sind in diesem Roman eineiige Zwillinge.

Das Buch ist intim, fesselnd, komisch, traurig, aufwühlend – kurz: grandios.

Ich weiß, ich habe gerade erst die Höchstnote an ein Buch aus dem Ariadne Verlag vergeben, aber:

10 von 10 Punkten

Sarah Schulman: “Trüb”, übersetzt von Else Laudan, Ariadne Verlag, 269 Seiten.

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Hannelore Cayre: Die Alte

(c) Ariadne Verlag

Die Mittfünfzigerin Patience Portefeux hört als Dolmetscherin tagtäglich für die französische Kriminalpolizei Telefonate ab, um diese zu übersetzen. Sie kommt damit kaum über die Runden, muss sie doch die im Altersheim im Sterben liegende Mutter mitfinanzieren.

Da erfährt sie eines Tages aufgrund eines abgehörten Telefonats von Dingen, die ihre Geldsorgen mit einem Schlag beseitigen könnten. Sie lässt diese Chance nicht ungenützt verstreichen, gerät aber in einen Strudel unabsehbarer Folgen, die sie selbst bald in Gefahr bringen. “Die Alte” erinnert ein wenig an “The Wire” und “Breaking Bad”, allerdings hat Autorin Hannelore Cayre etwas ganz Eigenständiges geschaffen, mit dem man möglicherweise in Zukunft andere Kriminalromane wird vergleichen können.

Begeistert hat mich auch der Wien-Bezug ihrer Hauptfigur sowie deren kleine neurologische Absonderlichkeit. Denn Patience Portefeuxs Gehirn verbindet mehrere Sinne: “Bei mir sind Farben und Formen mit Geschmack oder mit Empfindungen wie Behagen oder Sattheit gekoppelt”. Sie “sammelt” daher Feuerwerke, wann immer sie welche sehen kann, denn diese lösen in ihr ein Gefühl der Erfüllung aus: “Wie ein Orgasmus.”

Ich will hier abschließend kurz den Rückentext zitierten, weil er das Buch meiner Meinung nach perfekt auf den Punkt trifft. “Ein rotziger, amoralischer Roman, der eine schwarze Tragödie sein könnte, wäre er nicht eine krachend realistische Komödie”, schreibt “Lire”. Eine realistische Komödie!

10 von 10 Punkten

Hannelore Cayre: “Die Alte”, übersetzt von Iris Konopik, Ariadne Verlag, 203 Seiten.

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Lisa McInerney: Blutwunder

(c) Liebeskind

Voriges Jahr ist Lisa McInerneys Debüt “Glorrreiche Ketzereien” erschienen. Ich habe das Buch nicht gelesen – definitiv ein Fehler. Denn “Blutwunder”, Band zwei ihrer in Cork spielenden Unterwelt-Trilogie, hat mich auf allen Ebenen überzeugt. Die Irin blickt vor allem tief in das Herz ihrer Figuren, da ist nichts Schablonenhaftes dabei.

Es beginnt schon mit dem ersten Satz:

„Wie so vieles, was Ryan verkackt, geht es mit Ecstasy los.“

Und so viel sei verraten, Kleindealer Ryan Cusack wird so gut wie alles verkacken. Die Hauptfiguren sind weitgehend dieselben wie bei “Glorreiche Ketzereien”, deren chaotische Lebensumstände ebenfalls. Wer geglaubt hat, dass Cusack, der schon im Debütroman immer tiefer abgerutscht ist, nicht noch weiter sinken kann, der wird sein Wunder erleben.

Denn als ihn Langzeitfreundin Karine abserviert, torkelt Ryan noch vor der Tür des Nachtclubs in die Arme von Natalie, mit der er umgehend Sex haben wird. Beziehungsprobleme werden aber schon bald seine geringste Sorge sein. Ein paar Beispiele gefällig? Sein Boss, der aufstrebende Drogendealer Dan Kane, übt Druck auf ihn aus. Ein mit der neapolitanischen Camorra eingefädelter Ecstasy-Deal läuft schief. Und ausgerechnet Kanes Konkurrent Jimmy Phelan, der die Drogengeschäfte in Cork kontrolliert, will Ryan, über den er belastende Dinge weiß, für seine Interessen nutzen. Von der Lebensmüdigkeit nach dem Tod seiner Mutter sowie dem schwierigen Verhältnis zu seinem dahinvegetierenden Vater, Tony, gar nicht erst zu reden.

Ryan, der nette Dealer von nebenan

Herausragend ist, dass McInerney zwar von trostlosen Milieus erzählt, niemals aber das Gefühl von Tristesse aufkommt. Ihre Bücher als Krimigrotesken zu bezeichnen, würde ihnen aber ebenso wenig gerecht werden wie irgendwelche anderen verkaufsträchtigen Image-Stempel. McInerney hat die irische Hafenstadt Cork auf die Krimi-Landkarte geholt und damit Ähnliches geleistet wie Adrian McKinty für das nordirische Belfast. Während McInerneys Bücher für den lokalen Tourismusverband aber eher das Worst-Case-Szenario darstellen dürften, profitieren die Leser von ihrem feinen Gespür für Menschen und Details. Empathisch porträtiert sie Dealer, Prostituierte und Sozialhilfeempfänger als facettenreiche Persönlichkeiten, die einen zweiten Blick wert sind – mit all ihren hässlichen wie liebenswerten Seiten.

Lisa McInerney beschreibt präzise und verurteilt nicht. Das alles geschieht mit einer Lässigkeit und Leichtigkeit, die staunen lässt. Ryan betreibe „das Geschäft junger, wilder Kerle überall auf der Welt“, heißt es an einer Stelle, „das Verschieben illegaler Rauschmittel aus seinen prekären Kreisen in die Hände, Münder und Nasen derer, die es besser wissen sollten“. Er gebe sich „großkotzig, um den Umstand zu verbergen, dass er weder frei atmen noch gut schlafen kann“.

Es ist der ganz eigene, schräge Blick der Schriftstellerin auf die Dinge, der so angenehm abweicht von all den durch Creative-Writing-Schulen gegangenen, angepassten Kriminalschriftstellern, die vorhersehbare, nach immer gleichen Formeln und Mustern funktionierende Spannungsromane produzieren. Die Figuren sind nicht auf Funktionen reduziert. Die Irin porträtiert Unterweltbosse als Söhne, Dealer als verliebte Narren und Frauen generell als selbstbewusste Störenfriede männlich dominierter Gesellschafts- und Unterweltstrukturen.

Lisa McInerney bei der Wiener Kriminacht

Vor wenigen Tagen, am 15. Oktober, hat Lisa McInerney im Zuge der Kriminacht in Wien in der Hauptbücherei aus ihrem Buch gelesen – in Anwesenheit des irischen Botschafters übrigens, der betonte, beide Bücher gelesen zu haben. Es ist immer wieder spannend, Autoren und Autorinnen, die man nur von irgendwelchen kleinen Fotos im Buch kennt, tatsächlich aus ihren Werken lesen zu hören/sehen. Das macht deren Bücher einfach noch einmal begreifbarer.

McInerney betonte ihr Prinzip: “Character first”, der Plot sei nur zweitrangig. Das kann man beim Lesen spüren, wobei ich auch den Plot überzeugend fand. Sehr interessant auch, dass sich die Autorin ihrer Figur Maureen am nähesten fühlt – diese könnte eine ältere, hexenhafte Ausgabe von ihr selbst sein, meinte sie scherzend. An ihrer Hauptfigur Ryan verzweifle auch sie selbst immer wieder, dennoch mache es Spaß ihn bei seiner literarischen Abwärtsspirale zu begleiten. Über das Schreiben generell sagte sie, das schönste Gefühl sei das abschließende, ein Buch geschrieben zu haben. Das Schreiben selbst sei schwere Arbeit, sie zwinge sich daher auch tagtäglich zu den gleichen Zeiten an den Schreibtisch. Zum Glück! Ach ja, der abschließende Teil der Trilogie sei so gut wie fertig und liege in den Händen ihres Lektors. Noch eine gute Nachricht also.

10 von 10 Punkten

Lisa McInerney: “Blutwunder”, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind, 336 Seiten.

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André Georgi: Die letzte Terroristin

Ein Krimi über die RAF? Interessiert das überhaupt noch irgendjemanden? Das habe ich mir vor der Lektüre gedacht. Wer ebenso denkt und zweifelt, der sollte unbedingt “Die letzte Terroristin” lesen. Es zahlt sich aus.

Bereits 2015 befasste sich “Tatort”-Drehbuchautor André Georgi in seinem Debüt, “Tribunal”, mit einem politischen Thema: Es ging damals um einen serbischen Kriegsverbrecher, dem der Prozess gemacht werden sollte. War sein erstes Buch in Ansätzen außergewöhnlich, kann der Autor das Niveau diesmal über die volle Länge halten.

Er erzählt eine spannende Geschichte, hat aber darüber hinaus ein wunderbares Auge für all die kleinen Dinge, die das Menschsein ausmachen. Großartig.

Die Verfilmung: Besser nicht ansehen

Weniger großartig war allerdings der auf dem Buch basierende ZDF-Zweiteiler “Der Mordanschlag”. Zwar hat Georgi hier offenbar auch das Drehbuch verfasst, aber was im Buch so wunderbar lebendig, so berührend ist – im Fernsehen ist davon leider nichts zu spüren. Das wirkt nur hölzern und kommt gar nicht rüber. Sehr schade. Also Finger weg davon und die Seiten aufgeschlagen!

10 von 10 Punkten

André Georgi: “Die letzte Terroristin”, Suhrkamp Verlag, 362 Seiten.

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David Whish-Wilson: Die Ratten von Perth

(c) Suhrkamp

David Whish-Wilsons “Die Ratten von Perth”, Auftakt zu einer Trilogie, kann man durchaus als Gegenthese zu den wilden, schrägen Thrillern seiner australischen Landsfrau Candice Fox (“Crimson Lake”) betrachten. Denn der Autor ist ein nüchterner Erzähler. Sein Buch ist das einfühlsame Porträt eines unbeugsamen, einsamen Aufrechten, der gegen ein allgegenwärtiges korruptes System ankämpft.

Die Geschichte spielt im Perth des Jahres 1975. Die Chefin eines Luxusbordells ist ermordet worden. Offenbar will niemand so genau wissen, was passiert ist, denn alle Ermittlungen verlaufen im Nichts. Bloß Superintendent Frank Swann will das nicht akzeptieren. Dabei hat er noch an einer zweiten Front zu kämpfen: Seine Tochter ist spurlos verschwunden.

Das Besondere an dem Buch: Von Beginn an ist klar, dass die Polizei hier nicht zu den Guten zählt. Die Verdächtigen sind rasch ausgemacht, bei den Tätern handelt es sich wohl um Polizisten. Aber wie soll man ihnen die Tat beweisen?

Alf Mayer beschreibt Wish-Wilsons Stil auf crimemag folgendermaßen: “Kühl, aber nicht unemotional, ein grimmiges Glühen, eine Unerbittlichkeit im Erzählstrom. Ohne Pose, ohne Fett oder Schnulze, mit Gefühl für Timing, Licht und Schattenwurf. Klasse Prosa, lakonisch und elegant. Fein abgewogen. Präzisionsarbeit. Klug, erdig, erwachsen, kein Firlefanz. Sonne fürs Kritikerherz.”

Und in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” schreibt Hannes Hintermeier: “Wie viele der überzeugenden Autoren seiner Generation sieht er die Aufgabe des Kriminalromans weniger in der Lösung einer Whodunit-Aufgabe, sondern in der Offenlegung von Doppelmoral, Habsucht und Skrupellosigkeit.”

Ich habe ein wenig gebraucht, um mit dem Stil des Autors zurechte zu kommen. Dann mochte ich die unaufgeregte, realistische Art zu schreiben aber sehr. Ich freue mich bereits auf Teil 2, “Die Gruben von Perth”, der im August 2018 erscheinen wird.

10 von 10 Punkten

David Whish-Wilson: “Die Ratten von Perth”, übersetzt von Sven Koch, Suhrkamp Verlag, 298 Seiten.

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Monika Geier: Alles so hell da vorn

(c) Ariadne Kriminalroman

Mit Bettina Boll, der Teilzeitpolizistin, hat Autorin Monika Geier eine Figur erschaffen, die auch nach der Lektüre nicht gleich wieder verschwindet. “Alles so hell da vorn” ist ein außergewöhnliches Stück Kriminalliteratur und bereits der siebente Band der Boll-Reihe.

Wie die Kriminalkommissarin ihren Job und die beiden Kinder oft mehr schlecht als recht unter einen Hut bringt, liest sich sehr authentisch. Einmal kommt Boll nach einem anstrengenden Arbeitstag völlig ausgelaugt nach Hause, wo sich ihr das übliche Chaos bietet: “Das Wohnzimmer sah aus wie Sau, die Schulranzen lagen in der Küche auf dem Boden, neben den Jacken.” Die Kinder sitzen natürlich vor dem Fernseher. Als Boll ausrastet und anklagend wissen will, wie es hier aussehe, bekommt sie von ihrer Tochter ein lapidares “So wie immer” und von ihrem Sohn ein hochnäsiges “Ganz normal” zu hören. Das kommt mir sehr bekannt vor. Es ist eine Szene aus dem ganz normalen Leben – gekrönt mit der Forderung des Pubertierenden: “Was gibt’s eigentlich zu essen?”

Monika Geier ist eine großartige, vielschichtige Erzählerin, die mit einem ausgeprägten Gespür für Details viel über unsere Welt zu sagen hat. Sie formuliert pointiert und zeichnet ihre Charaktere sehr feinfühlig.

Man darf sich auch nicht täuschen lassen, die heitere Erzählweise kippt nie ins Gemütliche – dazu ist das Hauptthema der Kinderprostitution zu schwerwiegend: Ausgerechnet in einem Vorstadtbordell wird Bolls ehemaliger Kollege Ackermann von einer jungen Prostituierten erschossen. Als die Täterin kurz darauf in einer Schule eine weitere Bluttat begeht, wird alles immer rätselhafter. Die Polizistin sieht sich mit einem heiklen Fall konfrontiert, der immer mehr Fragen über die Hintergründe aufwirft. Auch das Verschwinden eines kleinen Mädchens vor einem Jahrzehnt scheint dabei eine Rolle zu spielen.

Geiers Blick auf die dunkle, abgründige Seite der Provinz und die ständigen Kompetenz- und Machtverschiebungen innerhalb des Polizeisystems ist sehr klar. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass es Boll als Frau im Männerverein der Polizei nicht immer einfach hat. Alphamännchen-Gehabe zwischen Männern beschreibt die Autorin aber auf ihre typisch humorvolle Weise so: “Er sah ihm in die Augen, Zerche blickte hypnotisiert zurück, es war wie Armdrücken, nur ohne Kalorienverbrauch.”

Geier schafft es immer wieder zu überraschen. Ihre Figur Boll hat einiges zu durchleben, Wendungen gibt es bis zum Schluss. Auch ein Ende mit sieben Epilogen findet man selten, wobei mir die letzte Seite einen besonderen Stoß ins Herz versetzt hat. Das ist gehobene Krimikunst.

Ariadne-Herausgeberin Else Laudan schreibt sehr treffend im Vorwort über ihre Autorin: “Monika Geier klagt nicht an, belehrt uns nicht, sie beschränkt sich strikt aufs Erzählen, kunstvoll, spannend und verschmitzt.” Viel mehr kann ein moderner Kriminalroman, ob von Frauen- oder Männerhand verfasst, nicht tun.

10 von 10 Punkten

Monika Geier: “Alles so hell da vorn”, 352 Seiten, Ariadne.

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Antonin Varenne: Die Treibjagd

(c) Penguin

Antonin Varenne erzählt in seinem Krimi “Die Treibjagd” nüchtern eine aus der Zeit gefallene Geschichte mit einem einsamen Helden – und viel, viel Wald. Man könnte es auch einen Western in Frankreich nennen. Statt Indianern ziehen Sinti, die im Ort ebenso angefeindet werden wie Umweltschützer, durch die Landschaft. Das Buch erinnert unweigerlich an US-Krimiautor James Lee Burke, der wie kaum ein anderer Natur und Wildnis stets viel Raum in seinen Geschichten einräumt. Wenig verwunderlich spielt die eigentliche Hauptrolle der Schauplatz: R., ein Ort im Zentralmassiv.

Seit Generationen kämpfen dort zwei einflussreiche Familien um die Herrschaft. Über die Jahre haben sie alle kleinen Bauernhöfe aufgekauft, die Gegend mehr oder weniger zweigeteilt. Bloß Revierjäger Remi Parrot, der seit einem Unfall entstellt ist, lässt sich von keiner Seite vereinnahmen. Er ist der einsame Held, wie man ihn eben aus amerikanischen Western kennt – mit ganz eigenem Moralkodex. Einfach ist für Parrot nichts in seinem Leben, fühlt er sich zudem auch zu Michèle Messenet, der Angehörigen eines der beiden Clans, hingezogen. Als Förster Philippe plötzlich verschwindet und eine aufwendige Suchaktion beginnt, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Remi begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Gleichzeitig seziert Varenne erbarmungslos die Strukturen kleinstädtischen Lebens, ohne dieses zu verdammen. Mit viel Feingefühl für seine Figuren und einem scharfen Blick für Details liefert er nicht weniger als einen der besten Kriminalromane der Saison. Darum vergebe ich endlich wieder einmal die vollen Punkte!

Varenne hat einfach meinen Nerv getroffen, er hat mich von Beginn an auf die Reise mitgenommen. Beispielhaft kann man das erste Kapitel hernehmen, in dem der Autor eine eigene Geschichte für sich erzählt: Vom Niedergang der Stadt R., geschildert von  der oben erwähnten Michèle. Als sie geboren wurde, gab es noch die Philips-Fabrik: “Es gab hier genauso viele Gründe, hier zu leben, wie anderswo.” Als junge Erwachsene verließ sie die Stadt und nach der Rückkehr ist alles anders:

“Die Hälfte der Häuser steht leer, alles ist heruntergekommen, die Geschäfte in der Hauptstraße wechseln jedes Jahr den Besitzer, und die Hälfte der Läden steht zum Verkauf. Die Bevölkerung muss die älteste von ganz Europa sein, und die Jungen versammeln sich zum Komasaufen. Sie raufen nicht mehr, sie hängen sich am nächsten Baum auf. Die kleinsten Höfe haben hundertfünfzigtausend Hektar, und meine Familie besitzt den größten von allen.”

Mit diesen vier Sätzen beschreibt er die Ausgangslage der Geschichte perfekt. Sie geben die Stimmung des Buches sehr gut wieder. Es ist unglaublich wie vielschichtig Varenne auf den ersten sieben Seiten erzählt. Großartig. Der Vorgänger “Die sieben Leben des Arthur Bowman” wird wohl in Kürze in mein Regal wandern.

10 von 10 Punkten

Antonin Varenne: “Die Treibjagd”, übersetzt von Susanne Röckel, 302 Seiten, Penguin Verlag.

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