Tag Archives: 5 Punkte

Uwe Laub: Sturm

(c) Heyne

Uwe Laubs “Sturm” ist ein klassischer Wissenschaftsthriller – mit seinen typischen Vor- und Nachteilen. Der Pluspunkt: Man lernt erschreckend viel darüber, wie sehr das Wetter heute schon manipuliert werden kann – vor allem, wie sehr das Wetter tatsächlich bereits manipuliert wird. In gewisser Weise ist es also ein augenöffnendes Buch.

Der Minuspunkt: Andererseits schwächelt auch “Sturm”, wenn es um Charakterzeichnung und überzeugenden Plot geht. Zwar nicht ganz so schlimm, ich habe das schon viel platter gelesen. Irgendwann geht der Geschichte aber einfach die Luft aus. Man hat erfahren, was man erfahren muss – das Ende ist bereits absehbar. Sehr hollywoodesk. Eigentlich schade.

5 von 10 Punkten

Uwe Laub: “Sturm”, Heyne, 399 Seiten.

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Felicia Yap: Memory Game

(c) Penhaligon

Vielleicht liegt es daran, dass ich momentan von sehr feinen deutschen Krimis wie Monika Geiers “Alles so hell da vorn” oder Simone Buchholz’ “Beton Rouge” verwöhnt bin. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich zunehmend ein Problem mit konstruierten Thrillern habe. Fest steht: “Memory Game” ist ein perfekter Thriller. Das ist aber gleichzeitig sein größter Schwachpunkt. Ich empfand die Geschichte überkonstruiert, seltsam glatt, fast schon seelenlos.

Dabei hat die britische Autorin Felicia Yap eigentlich eine ungewöhnliche Alternativwelt erschaffen, die sich in Monos und Duos unterteilt. Monos können sich nur an die Ereignisse des vorangegangenen Tages erinnern, das Gedächtnis von Duos reicht zwei Tage zurück. Das mag auf den ersten Blick kaum einen Unterschied machen, entscheidet aber über die gesellschaftliche Stellung. Nur Duos erhalten gute Jobs und leben in guten Vierteln. Monos hingegen werden allerorts diskriminiert.

Ob man Mono oder Duo ist, stellt sich erst mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Erstere vergessen ab dem Alter von 18 Jahren, Zweitere ab 23. Ein spannender Aspekt: Durch Auswendiglernen kann man wichtige Erinnerungen, die man in einem Tagebuch festhält, ins Langzeitgedächtnis transportieren.

Ausgerechnet Duo-Schriftsteller Mark Henry Evans, verheiratet mit der Mono Claire und Aushängeschild einer Bewegung für die Gleichstellung der beiden Arten von Menschen, wird in “Memory Game” des Mordes verdächtigt. Und die Tote ist keine gewöhnliche Frau: Sophia ist ein Fehler im System, sie kann sich an alles erinnern. Daher konnte in ihr auch der Plan reifen, Rache zu nehmen, und zwar an Mark. Warum ist unklar, klar ist allerdings: Nur wer ein Gedächtnis hat, kann nachtragend sein.

Es ist also ein faszinierendes Gedankenspiel, an dem Yap ihre Leser teilhaben lässt. Für das unkonventionelle Setting ist das Buch allerdings dann doch recht konventionell geraten. Zudem hatte ich ein ziemliches Problem mit den wechselnden Erzählerstimmen. Ob Claire, Mark oder der Polizist Hans: es wirkt, als sprächen sie alle mit einer Stimme. Besonders bei Hans gab es einige Szenen, wo ich mir dachte: So denkt jetzt seine Autorin, aber nicht der männliche Polizist. Lediglich die niederträchtige Sophie weicht ab.

Störend fand ich auch die recht plumpe Einführung des “iDiary” gleich zu Beginn. Schon klar, ein digitales Tagebuch ist unabdingbar. Wie sollte man sein Leben auch sonst organisieren? Was nicht aufgeschrieben wird, ist unwiederbringbar vergessen. Mir kam das aber eher wie plumpes Product-Placement vor.

“Memory Game” steht ganz in der Tradition von Gillian Flynns “Gone Girl” und Paula Hawkins “Girl on the Train”. Letztlich ist es auch eine recht biedere Welt, die Yap da präsentiert. So richtig spürbar werden die Konflikte zwischen Duos und Monos nicht. Marks Entschuldigungen bei seiner Ehefrau mit unglaublich riesigen Blumensträußen kamen mir seltsam kitschig vor. Keine Ahnung, diese Welt ist so furchtbar sauber, kein bisschen Schmutz. Da ist nichts “dirty”. Konstruktion steht im Vordergrund, ich konnte aber die Menschen nicht spüren. Daher waren mir ihre Schicksale auch gleichgültig.

5 von 10 Punkten

Felicia Yap: “Memory Game”, übersetzt von Bettina Spangler, 448 Seiten, Penhaligon.

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Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

(c) Ullstein

Sven Heucherts “Dunkels Gesetz” hinterlässt mich ein wenig ratlos. Vielleicht sind es die vielen Lobeshymnen, die mich verunsichern. Aber so ganz mein Fall ist dieses Stück Provinz Noir nicht.

Ja, so düster war ein deutschsprachiger Kriminalroman noch selten. So trist, so herabgekommen – ein konsequenter Anti-Regio-Krimi sozusagen. Das müsste doch eigentlich passen. Aber gleichzeitig war mir das dann auch deutlich zu klischeehaft. Zu viel des Dunklen. Und dass die Hauptfigur auch noch so heißen muss, naja. Beim Lesen war ich geneigt, weiterzublättern. Das passiert mir nicht so oft. Die Figuren ließen mich kalt, die erzählte Geschichte auch.

Nein, es ist nicht schlecht, was Sven Heuchert da schreibt. Aber so richtig überzeugt hat es mich eben auch nicht. Ich schwanke hin und her. Handwerklich einerseits gut, aber andererseits auch zu gewollt, zu bemüht, zu einseitig. Da fehlt die gewisse Raffinesse.

Es wirkt nicht ganz echt, künstlich. Ganz im Gegensatz etwa zu Ottessa Moshfeghs “Eileen”, das ich gleich im Anschluss gelesen habe. Moshfeghs titelgebende Hauptfigur kommt auch aus einem unglaublich tristen Umfeld, aber diese Eileen ist bereits nach wenigen Seiten viel mehr als nur eine Figur, man glaubt sie fast schon zu kennen.

Thomas Wörtche findet für “Dunkels Gesetz” in seinem Leichenberg ebenfalls ziemlich harte Worte: “Natürlich ist alles ganz furchtbar und noirnoirnoir, im Zwischenmenschlichen keimt Hoffnung, wie sich’s für Kitsch Noir gehört. Und das ganze ohne jegliche Überraschung, ohne Drehs und Wendungen, ohne Komik, ein bisschen wie der Kohlsuppennaturalismus früherer Zeiten. Das ist keine vergiftete Provinz wie manchmal bei Manchette, sondern ein 1:1-Katalog der Klischees, die aber mit großer Pose penibel abgearbeitet und abgehakt.”

Ganz im Gegensatz zum Kaffeehaussitzer übrigens, der ins Schwärmen gerät: “Das Wort „Noir“ wird heute zur Charakterisierung von Kriminalliteratur schon beinahe inflationär gebraucht. Aber wenn jemand in Deutschland Noir vom Feinsten schreibt, dann ist es Sven Heuchert, der mich mit seiner Story-Sammlung Asche schon begeistern konnte. Sein erster Roman „Dunkels Gesetz“ steht in bester Tradition der Werke etwa Daniel Woodrells, dem großen Noir-Meister aus den USA.”

5 von 10 Punkten

Sven Heuchert: “Dunkels Gesetz”, Ullstein Verlag, 192 Seiten.

 

 

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Nicholas Petrie: Drifter

(c) Suhrkamp

Nicholas Petries “Drifter” war immerhin für den Edgar Award als bester Newcomer nominiert. Ich konnte das, im Gegensatz zu Joe Ides (“IQ”) Nominierung nicht ganz nachvollziehen. Da die Lektüre nun schon recht lange zurückliegt, will ich nur kurz auf das Buch eingehen.

Worum geht es? Seit seiner Rückkehr aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak leidet Peter Ash unter dem “weißen Rauschen”: In geschlossenen Räumen hält er es nicht mehr aus. Nach einem Jahr Auszeit in der Natur versucht er nun, in den Alltag zurückzufinden. Er hilft der Frau eines Kameraden, der Selbstmord begangen hat, bei der Sanierung des Hauses. Als er unter der Veranda einen Koffer mit Geld und Sprengstoff findet, nimmt die rasante Geschichte ihren Lauf.

Am faszinierendsten an der sehr soliden, aber sonst eher genreüblichen Lesekost ist Ashs außergewöhnliche Freundschaft mit dem wohl hässlichsten Hund der Welt.

Sehr ähnlich sieht das Hang Jörg Wangner in seiner Kritik in der Stuttgarter Zeitung: “Petrie strickt daraus einen konventionellen Thriller mit holzschnittartigen Figuren (der mutige Held, die toughe Witwe, der psychopathische Multimillionär, die patente Ex-Hubschrauberpilotin . . .) und ebensolcher Sprache („die Pistole locker in der Hand wie fucking Wyatt Earp“).”

Nicholas Petrie: “Drifter”, übersetzt von Thomas Stegers, Suhrkamp, 415 Seiten.

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Max Annas: Illegal

(c) Rowohlt

Schon “Die Mauer” von Max Annas konnte mich  nicht so richtig überzeugen. Mir hatte der Autor da einfach zu viel hineingepackt. Und das ist nun bei “Illegal” wieder der Fall. Für viele mag dieser Roman der passende Krimialroman unserer Zeit sein. “Ein Porträt unserer Gesellschaft”, wie der Verlag schreibt. Denn es geht um den Ghanesen Kodjo, der seit Jahren in Deutschland lebt – illegal. Als er dann einen Mord beobachten muss – “Das Fenster zum Hof” lässt grüßen – gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Aus dem Unsichtbaren wird ein Gejagter. Nicht nur die Polizei ist hinter ihm her, auch die Häscher des wahren Täters. Müsste man das Buch in vier Worten zusammenfassen: Flüchtling auf der Flucht. Oder: Kodjo hetzt durch Berlin.

Doch meiner Meinung nach will Annas zu viel. Zwar umschifft er gekonnt gängige Klischees. Kodjo ist etwa nicht der typische Illegale. Er stammt aus wohlhabendem Hause und hat erst später seinen Aufenthaltsstatus verloren. Auch dass in jenem Lokal, in dem Kodjo illegal arbeitet, der Song “7 Seconds” bei der Musikanlage als Code verwendet wird, wenn Behördenvertreter auftauchen, damit er sich rasch verstecken kann, wirkt nachvollziebar. Und ja, er kann erzählen und er peitscht seine Geschichte rasant voran.

Doch einiges in dem Buch war für mich nicht stimmig. Es beginnt mit der ersten Szene bei der roten Ampel. Für mich benehmen sich Kodjo und sein Begleiter Saif viel zu auffällig. Als Illegale müssten sie doch geschult darin sein, wie man sich unauffällig durch die Stadt bewegt. Elmar Krekeler lobt aber etwa in seiner Kritik “Stell dir vor, du bist illegal und schwarz” gerade diese Szene. Zu den Unstimmigkeiten zählt für mich aber auch die oben erwähnte “Fenster zum Hof”-Szene, die mir beim Lesen ein wenig unrealistisch und uninspiriert erschien. Immer wieder lässt Annas auch Szenen einfließen, die klar machen sollen, dass Kodjo in dieser Geschichte der Gute ist und viele der Legalen gar nicht so gute Menschen sind. Das sind einfach ein paar dieser Szenen zu viel (z. B. Seite 145: “Es ist Gas … Sie meinen die Gaskammer.”). Man würde es auch so verstehen. Doch Sozialkritik ist dem Autor wichtig, er will mehr als nur einen Kriminalroman schreiben. Das liest sich dann manchmal erzwungen.

Und irgendwann habe ich dann bei dieser endlosen Verfolgungsjagd – übrigens nicht der ersten und auch nicht der zweiten – am Ende des Buches auch abgeschaltet. Wie gesagt, mir war das zu viel. Schnell kann so etwas ins Künstliche kippen, ein wenig wie bei “Lola rennt”. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist natürlich nicht klamaukhaft und überhöht wie bei “Lola rennt”, aber ich war mehr ermüdet als gefesselt.

Alles in allem ist “Illegal” ein solider Thriller, der sich meiner Meinung nach aber nicht so sehr von anderen Kriminalromanen abhebt, wie das die meisten Kritiker sehen.

5 von 10 Punkten

Max Annas: “Illegal”, 236 Seiten, Rowohlt Verlag.

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Bernhard Aichner: Totenrausch

(c) btb

(c) btb

Blum und ich. Jetzt ist Schluss. “Totenrausch” ist der perfekte Pageturner, der perfekte Thriller. Schnell durchgerast, schnell erledigt. Mehr aber nicht. Blums Welt ist mir zu künstlich. Zu schwarz-weiß. Brünhilde Blum tötet ständig, weil die Bösen alle so richtig böse sind. Sie haben es verdient, zu sterben. Männer sind entweder total lieb (die sterben – allerdings nicht durch ihre Hand) oder total böse (die sterben auch – durch ihre Hand).

Bernhard Aichner hat mit der Totenfrau-Trilogie (“Totenfrau”, “Totenhaus” und nun “Totenrausch”) sein Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt, aber nun hoffe ich auf etwas Neues. Bei einem möglichen vierten Teil, der nicht ganz ausgeschlossen ist, wäre ich als Leser jedenfalls nicht mehr dabei. Ich mag seinen rasanten Stil, aber mir fehlen in der Trilogie die Zwischentöne, die aus Figuren echte Menschen machen. Aichner setzt viel auf Effekte, das liest sich eigentlich wie ein perfektes Drehbuch für eine mögliche Verfilmung. Aber mir fehlt die Tiefe, die innere Zerrissenheit. Ich nehme dieser Brünhilde Blum ihren inneren Zwiespalt nicht ab, ich kann ihn beim Lesen nicht spüren.

Auch in Scott Smiths Krimiklassiker “Ein ganz einfacher Plan” sieht sich Hauptfigur Hank damit konfrontiert, ständig töten zu müssen. Das tat beim Lesen richtig weh, weil man sich immer wieder dachte: “Ja, das hätte ich jetzt vielleicht auch gemacht”. Das fehlt mir beim abschließenden Teil der Trilogie – das Töten ist immer moralisch gerechtfertigt, weil Blums Opfer letztlich durchwegs Schweine sind. Das ist mir aber zu einfach, klischeehaft, zu glatt. Wie würde es Blum ergehen, müsste sie einen Menschen töten, der nicht einfach in die Schachtel “böse, darf sterben” passt?

Das ist natürlich meine persönliche Wahrnehmung. Handwerklich kann man Aichner überhaupt nichts vorwerfen. Thriller-Fans werden bestens bedient. Da kann man eine absolute Kaufempfehlung geben. Das ist kurzweilig, spannend, gut konstruiert. Das kann im deutschsprachigen Raum auch wirklich kaum jemand so gut. Mir ist es halt zu wenig. Ciao, Blum. Vor allem deinen Kindern wünsche ich alles Gute!

5 von 10 Punkten

Bernhard Aichner: “Totenrausch”, 472 Seiten, btb.

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Olen Steinhauer: Der Anruf

(c) Blessing

(c) Blessing

Mit “Kairo-Affäre” konnte sich US-Autor Olen Steinhauer mehrere Monate in der KrimiZeit-Bestenliste halten. Das ist ihm mit seinem neuen Spionagethriller “Der Anruf” auch gelungen. Bloß kann ich dem konkreten Fall die zahlreichen Lobeshymen nicht ganz nachvollziehen. Verliebt in die reizvolle Idee, einen kammerspielartigen Spionageroman zu schreiben, der nur an einem Tisch spielt, hat Steinhauer meiner Meinung nach ein wenig vergessen, diese an sich feine Idee mit zusätzlichem Fleisch zu versehen.

Überhaupt hatte ich das Gefühl, den amerikanischen Agenten ist ihr eigenes Wohlergehen wichtiger als das der 120 Geiseln, die in einem Flugzeug am Wiener Flughafen festgehalten werden. Glaubt man dem Autor, gehen Spione lieber essen als die Welt zu retten. Das fand ich ein wenig verwunderlich und befremdlich. Würde man nicht eher seinen McDonalds-Burger oder Subway-Sandwich in sich hineinschlingen, weil man sich selbst in einer Ausnahmesituation befindet? Aber dann lieber fein essen gehen? Ich fand das nicht ganz glaubwürdig.

Auch die Szenerie im Restaurant, um die sich alles in diesem Buch dreht, konnte mich nicht richtig überzeugen. Der erfahrene Agent tappt letztlich wie ein naiver Lehrling in die gestellte Falle. Und irgendwie war mir das viel zu schnell klar.

Das Buch ist auf alle Fälle unterhaltsam, mich hat vor allem der Schauplatz Wien gefreut. Man muss dem Autor hier auch zugute halten, dass er, was Lokalitäten und Parteienlandschaft betrifft, gut recherchiert hat. Dennoch konnte mich Steinhauer diesmal nicht so wirklich überzeugen.

Aber ich dürfte mit dieser Meinung eher alleine stehen. Es gibt Lobeshymnen, wohin man sieht: Ob in der “Süddeutschen”, bei “Freitag” oder bei “Spiegel”.

5 von 10 Punkten

Olen Steinhauer: “Der Anruf”, übersetzt von Friedrich Mader, Blessing Verlag, 272 Seiten.

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