Tag Archives: 5 Punkte

Lee Child: Im Visier

(c) Blanvalet

“Im Visier” ist Jack Reachers 19. Abenteuer. Ich liebe die Figur von Lee Child einfach, daran kann auch dieser eher mittelmäßige Band nichts ändern. Diesmal verlässt der ehemalige Militärpolizist sogar sein gewohntes Terrain, die US-Bundesstaaten des Mittleren Westen, um sich einem Scharfschützen in Europa entgegenzustellen. Überraschenderweise dauert es rund 100 Seiten, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt. Sehr ungewöhnlich für einen Reacher-Roman. Zwischen den Seiten 100 bis 300 spielt der Autor dann auch gekonnt alle seine Stärken aus. Nette Wendungen, Reachers untrüglicher Instinkt und sein typisches Wissen über alles Mögliche.

Dann verflacht die Geschichte leider wieder. Bei einem Scharfschützen als Gegenspieler hätte ich mir einen besseren Showdown erwartet, stattdessen wird es zunehmend unlogisch. Auffallend waren diesmal auch die vielen Fehler, die das Lektorat übersehen hat. Selten entdeckt man so viele Fehler. Dennoch freue ich mich schon auf den nächsten Reacher im nächsten Sommer – noch.

5 von 10 Punkten

Lee Child: “Im Visier”, übersetzt von Wulf Bergner, Blanvalet, 414 Seiten.

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Bill Clinton/James Patterson: The President is Missing

(c) Droemer

Wer sich mit “The President is Missing” einen spannenden Politthriller erhofft, der wird nicht enttäuscht sein. Tiefere Einblicke in das Leben im Weißen Haus oder die politischen Entscheidungsprozesse darf man sich allerdings nicht erwarten. Das dürfte auch daran liegen, dass jene Passagen, in denen der ehemalige Präsident Bill Clinton in die Tasten klopfen durfte, wohl eher überschaubar sind. Der Hauptteil geht zweifellos auf das Konto von James Patterson und seinem mehrköpfigen Schreibteam – denn normalerweise schreibt der Bestsellergarant schon längst nicht mehr selbst.

Clinton trug vermutlich maßgeblich zu den ersten beiden und dem letzten Kapitel bei. Am Anfang muss sich der fiktive Präsident Duncan einem Sonderausschuss des Repräsentantenhauses stellen, um ein Amtsenthebungsverfahren abzuwenden. Da konnte der Ex-Präsident, gegen den nach seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky 1998 ein entsprechendes Verfahren eingeleitet wurde, auf eigene bittere Erfahrungen zurückgreifen. Der Stachel dürfte immer noch tief sitzen, denn zu Beginn wird das Bild einer moralisch verrotteten Politikerkaste in der Hauptstadt Washington, D.C., gezeichnet: „Die Haie ziehen ihre Kreise, riechen Blut“, heißt es im zweiten Satz des Buches. Die TV-Serie „House of Cards“ lässt grüßen.

Am Schluss des Buches wiederum darf der Präsident eine flammende und patriotische „Schulterschluss-über-alle-Parteigrenzen-hinweg“-Rede halten. Es ist ein kaum getarntes Gegenstatement zur Politik des real amtierenden US-Präsidenten Donald Trump: „Die gegenwärtige Abwärtsspirale hin zu kleinlichen Fehden, voreiliger Polarisierung und wutschäumender Feindseligkeit kann unsere Demokratie auf Dauer nicht überleben.“

Handwerklich gibt es an dem Buch wenig auszusetzen. Patterson hat einen soliden Politthriller mit brisantem Bedrohungsszenario konstruiert: Was passiert, wenn die USA ohne Strom dastehen? „Die Vereinigten Staaten von Amerika werden zum größten Dritte-Welt-Land der Erde“, heißt es. Alle Spannung erzeugenden Zutaten sind angerichtet: Cliffhanger, rasante Action-Szenen, Schusswechsel, überraschende Wendungen (wobei der Verräter in den eigenen Reihen nach dem Agatha-Christie-Prinzip ziemlich früh erraten werden kann), ein kniffliges (allerdings ein wenig unschlüssig geratenes) Passworträtsel und ein nervenaufreibender Countdown. Der fiktive Präsident Duncan, natürlich ein sympathischer Kerl, weist zahlreiche Parallelen zu Clinton auf. Bloß Sex fehlt – auf Hillarys Drängen hin?

Das Buch liest sich zügig, ist aber nach der Lektüre genauso schnell wieder vergessen.

5 von 10 Punkten

Bill Clinton/James Patterson: “The President ist Missing”, übersetzt von Anke Kreutzer und Eberhard Kreutzer, Droemer, 480 Seiten.

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Uwe Laub: Sturm

(c) Heyne

Uwe Laubs “Sturm” ist ein klassischer Wissenschaftsthriller – mit seinen typischen Vor- und Nachteilen. Der Pluspunkt: Man lernt erschreckend viel darüber, wie sehr das Wetter heute schon manipuliert werden kann – vor allem, wie sehr das Wetter tatsächlich bereits manipuliert wird. In gewisser Weise ist es also ein augenöffnendes Buch.

Der Minuspunkt: Andererseits schwächelt auch “Sturm”, wenn es um Charakterzeichnung und überzeugenden Plot geht. Zwar nicht ganz so schlimm, ich habe das schon viel platter gelesen. Irgendwann geht der Geschichte aber einfach die Luft aus. Man hat erfahren, was man erfahren muss – das Ende ist bereits absehbar. Sehr hollywoodesk. Eigentlich schade.

5 von 10 Punkten

Uwe Laub: “Sturm”, Heyne, 399 Seiten.

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Felicia Yap: Memory Game

(c) Penhaligon

Vielleicht liegt es daran, dass ich momentan von sehr feinen deutschen Krimis wie Monika Geiers “Alles so hell da vorn” oder Simone Buchholz’ “Beton Rouge” verwöhnt bin. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich zunehmend ein Problem mit konstruierten Thrillern habe. Fest steht: “Memory Game” ist ein perfekter Thriller. Das ist aber gleichzeitig sein größter Schwachpunkt. Ich empfand die Geschichte überkonstruiert, seltsam glatt, fast schon seelenlos.

Dabei hat die britische Autorin Felicia Yap eigentlich eine ungewöhnliche Alternativwelt erschaffen, die sich in Monos und Duos unterteilt. Monos können sich nur an die Ereignisse des vorangegangenen Tages erinnern, das Gedächtnis von Duos reicht zwei Tage zurück. Das mag auf den ersten Blick kaum einen Unterschied machen, entscheidet aber über die gesellschaftliche Stellung. Nur Duos erhalten gute Jobs und leben in guten Vierteln. Monos hingegen werden allerorts diskriminiert.

Ob man Mono oder Duo ist, stellt sich erst mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Erstere vergessen ab dem Alter von 18 Jahren, Zweitere ab 23. Ein spannender Aspekt: Durch Auswendiglernen kann man wichtige Erinnerungen, die man in einem Tagebuch festhält, ins Langzeitgedächtnis transportieren.

Ausgerechnet Duo-Schriftsteller Mark Henry Evans, verheiratet mit der Mono Claire und Aushängeschild einer Bewegung für die Gleichstellung der beiden Arten von Menschen, wird in “Memory Game” des Mordes verdächtigt. Und die Tote ist keine gewöhnliche Frau: Sophia ist ein Fehler im System, sie kann sich an alles erinnern. Daher konnte in ihr auch der Plan reifen, Rache zu nehmen, und zwar an Mark. Warum ist unklar, klar ist allerdings: Nur wer ein Gedächtnis hat, kann nachtragend sein.

Es ist also ein faszinierendes Gedankenspiel, an dem Yap ihre Leser teilhaben lässt. Für das unkonventionelle Setting ist das Buch allerdings dann doch recht konventionell geraten. Zudem hatte ich ein ziemliches Problem mit den wechselnden Erzählerstimmen. Ob Claire, Mark oder der Polizist Hans: es wirkt, als sprächen sie alle mit einer Stimme. Besonders bei Hans gab es einige Szenen, wo ich mir dachte: So denkt jetzt seine Autorin, aber nicht der männliche Polizist. Lediglich die niederträchtige Sophie weicht ab.

Störend fand ich auch die recht plumpe Einführung des “iDiary” gleich zu Beginn. Schon klar, ein digitales Tagebuch ist unabdingbar. Wie sollte man sein Leben auch sonst organisieren? Was nicht aufgeschrieben wird, ist unwiederbringbar vergessen. Mir kam das aber eher wie plumpes Product-Placement vor.

“Memory Game” steht ganz in der Tradition von Gillian Flynns “Gone Girl” und Paula Hawkins “Girl on the Train”. Letztlich ist es auch eine recht biedere Welt, die Yap da präsentiert. So richtig spürbar werden die Konflikte zwischen Duos und Monos nicht. Marks Entschuldigungen bei seiner Ehefrau mit unglaublich riesigen Blumensträußen kamen mir seltsam kitschig vor. Keine Ahnung, diese Welt ist so furchtbar sauber, kein bisschen Schmutz. Da ist nichts “dirty”. Konstruktion steht im Vordergrund, ich konnte aber die Menschen nicht spüren. Daher waren mir ihre Schicksale auch gleichgültig.

5 von 10 Punkten

Felicia Yap: “Memory Game”, übersetzt von Bettina Spangler, 448 Seiten, Penhaligon.

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Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

(c) Ullstein

Sven Heucherts “Dunkels Gesetz” hinterlässt mich ein wenig ratlos. Vielleicht sind es die vielen Lobeshymnen, die mich verunsichern. Aber so ganz mein Fall ist dieses Stück Provinz Noir nicht.

Ja, so düster war ein deutschsprachiger Kriminalroman noch selten. So trist, so herabgekommen – ein konsequenter Anti-Regio-Krimi sozusagen. Das müsste doch eigentlich passen. Aber gleichzeitig war mir das dann auch deutlich zu klischeehaft. Zu viel des Dunklen. Und dass die Hauptfigur auch noch so heißen muss, naja. Beim Lesen war ich geneigt, weiterzublättern. Das passiert mir nicht so oft. Die Figuren ließen mich kalt, die erzählte Geschichte auch.

Nein, es ist nicht schlecht, was Sven Heuchert da schreibt. Aber so richtig überzeugt hat es mich eben auch nicht. Ich schwanke hin und her. Handwerklich einerseits gut, aber andererseits auch zu gewollt, zu bemüht, zu einseitig. Da fehlt die gewisse Raffinesse.

Es wirkt nicht ganz echt, künstlich. Ganz im Gegensatz etwa zu Ottessa Moshfeghs “Eileen”, das ich gleich im Anschluss gelesen habe. Moshfeghs titelgebende Hauptfigur kommt auch aus einem unglaublich tristen Umfeld, aber diese Eileen ist bereits nach wenigen Seiten viel mehr als nur eine Figur, man glaubt sie fast schon zu kennen.

Thomas Wörtche findet für “Dunkels Gesetz” in seinem Leichenberg ebenfalls ziemlich harte Worte: “Natürlich ist alles ganz furchtbar und noirnoirnoir, im Zwischenmenschlichen keimt Hoffnung, wie sich’s für Kitsch Noir gehört. Und das ganze ohne jegliche Überraschung, ohne Drehs und Wendungen, ohne Komik, ein bisschen wie der Kohlsuppennaturalismus früherer Zeiten. Das ist keine vergiftete Provinz wie manchmal bei Manchette, sondern ein 1:1-Katalog der Klischees, die aber mit großer Pose penibel abgearbeitet und abgehakt.”

Ganz im Gegensatz zum Kaffeehaussitzer übrigens, der ins Schwärmen gerät: “Das Wort „Noir“ wird heute zur Charakterisierung von Kriminalliteratur schon beinahe inflationär gebraucht. Aber wenn jemand in Deutschland Noir vom Feinsten schreibt, dann ist es Sven Heuchert, der mich mit seiner Story-Sammlung Asche schon begeistern konnte. Sein erster Roman „Dunkels Gesetz“ steht in bester Tradition der Werke etwa Daniel Woodrells, dem großen Noir-Meister aus den USA.”

5 von 10 Punkten

Sven Heuchert: “Dunkels Gesetz”, Ullstein Verlag, 192 Seiten.

 

 

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Nicholas Petrie: Drifter

(c) Suhrkamp

Nicholas Petries “Drifter” war immerhin für den Edgar Award als bester Newcomer nominiert. Ich konnte das, im Gegensatz zu Joe Ides (“IQ”) Nominierung nicht ganz nachvollziehen. Da die Lektüre nun schon recht lange zurückliegt, will ich nur kurz auf das Buch eingehen.

Worum geht es? Seit seiner Rückkehr aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak leidet Peter Ash unter dem “weißen Rauschen”: In geschlossenen Räumen hält er es nicht mehr aus. Nach einem Jahr Auszeit in der Natur versucht er nun, in den Alltag zurückzufinden. Er hilft der Frau eines Kameraden, der Selbstmord begangen hat, bei der Sanierung des Hauses. Als er unter der Veranda einen Koffer mit Geld und Sprengstoff findet, nimmt die rasante Geschichte ihren Lauf.

Am faszinierendsten an der sehr soliden, aber sonst eher genreüblichen Lesekost ist Ashs außergewöhnliche Freundschaft mit dem wohl hässlichsten Hund der Welt.

Sehr ähnlich sieht das Hang Jörg Wangner in seiner Kritik in der Stuttgarter Zeitung: “Petrie strickt daraus einen konventionellen Thriller mit holzschnittartigen Figuren (der mutige Held, die toughe Witwe, der psychopathische Multimillionär, die patente Ex-Hubschrauberpilotin . . .) und ebensolcher Sprache („die Pistole locker in der Hand wie fucking Wyatt Earp“).”

Nicholas Petrie: “Drifter”, übersetzt von Thomas Stegers, Suhrkamp, 415 Seiten.

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Max Annas: Illegal

(c) Rowohlt

Schon “Die Mauer” von Max Annas konnte mich  nicht so richtig überzeugen. Mir hatte der Autor da einfach zu viel hineingepackt. Und das ist nun bei “Illegal” wieder der Fall. Für viele mag dieser Roman der passende Krimialroman unserer Zeit sein. “Ein Porträt unserer Gesellschaft”, wie der Verlag schreibt. Denn es geht um den Ghanesen Kodjo, der seit Jahren in Deutschland lebt – illegal. Als er dann einen Mord beobachten muss – “Das Fenster zum Hof” lässt grüßen – gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Aus dem Unsichtbaren wird ein Gejagter. Nicht nur die Polizei ist hinter ihm her, auch die Häscher des wahren Täters. Müsste man das Buch in vier Worten zusammenfassen: Flüchtling auf der Flucht. Oder: Kodjo hetzt durch Berlin.

Doch meiner Meinung nach will Annas zu viel. Zwar umschifft er gekonnt gängige Klischees. Kodjo ist etwa nicht der typische Illegale. Er stammt aus wohlhabendem Hause und hat erst später seinen Aufenthaltsstatus verloren. Auch dass in jenem Lokal, in dem Kodjo illegal arbeitet, der Song “7 Seconds” bei der Musikanlage als Code verwendet wird, wenn Behördenvertreter auftauchen, damit er sich rasch verstecken kann, wirkt nachvollziebar. Und ja, er kann erzählen und er peitscht seine Geschichte rasant voran.

Doch einiges in dem Buch war für mich nicht stimmig. Es beginnt mit der ersten Szene bei der roten Ampel. Für mich benehmen sich Kodjo und sein Begleiter Saif viel zu auffällig. Als Illegale müssten sie doch geschult darin sein, wie man sich unauffällig durch die Stadt bewegt. Elmar Krekeler lobt aber etwa in seiner Kritik “Stell dir vor, du bist illegal und schwarz” gerade diese Szene. Zu den Unstimmigkeiten zählt für mich aber auch die oben erwähnte “Fenster zum Hof”-Szene, die mir beim Lesen ein wenig unrealistisch und uninspiriert erschien. Immer wieder lässt Annas auch Szenen einfließen, die klar machen sollen, dass Kodjo in dieser Geschichte der Gute ist und viele der Legalen gar nicht so gute Menschen sind. Das sind einfach ein paar dieser Szenen zu viel (z. B. Seite 145: “Es ist Gas … Sie meinen die Gaskammer.”). Man würde es auch so verstehen. Doch Sozialkritik ist dem Autor wichtig, er will mehr als nur einen Kriminalroman schreiben. Das liest sich dann manchmal erzwungen.

Und irgendwann habe ich dann bei dieser endlosen Verfolgungsjagd – übrigens nicht der ersten und auch nicht der zweiten – am Ende des Buches auch abgeschaltet. Wie gesagt, mir war das zu viel. Schnell kann so etwas ins Künstliche kippen, ein wenig wie bei “Lola rennt”. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist natürlich nicht klamaukhaft und überhöht wie bei “Lola rennt”, aber ich war mehr ermüdet als gefesselt.

Alles in allem ist “Illegal” ein solider Thriller, der sich meiner Meinung nach aber nicht so sehr von anderen Kriminalromanen abhebt, wie das die meisten Kritiker sehen.

5 von 10 Punkten

Max Annas: “Illegal”, 236 Seiten, Rowohlt Verlag.

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