Stephen Greenall: Winter Traffic

(c) Suhrkamp

Stephen Greenalls “Winter Traffic” ist definitiv der außergewöhnlichste Kriminalroman des Jahres 2021. Ich weiß, das ist eine gewagte Behauptung, wir haben ja gerade einmal Anfang April – aber schon allein die leidenschaftliche Kontroverse um dieses Buch zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Culturmag-Autor Alf Mayer sucht ihresgleichen. Während FAZ-Autor Kai Spanke an “Winter Traffic” und dem “Möchtegernpoeten” Greenall kein gutes Haar lässt, verteidigt Mayer den australischen Autor in einer wütenden Replik. Mayer nennt Spanke einen “empörten Spießer”. Ein Krimi rund um einen Krimi also.

Nachdem ich kurz zuvor bereits Mayers exzellentes Interview mit Greenall gelesen hatte, war mein Interesse also endgültig geweckt. Und eines vorweg – Mayer schreibt ganz richtig: “This is not your normal Kriminalroman”. Man kann überhaupt darüber diskutieren, was “Winter Traffic” eigentlich ist. Ein Thriller, so wie es auf dem Cover steht? Oder doch ein klassischer Kriminalroman? Gar hohe Literatur (Fans griechischer Mythologie werden mit diesem Buch eine wahre Freude haben)?

Das Etikett “Thriller” tut dem Buch jedenfalls nicht gut. Da erwartet man sich dann doch etwas anderes. Einen Pageturner. Das ist “Winter Traffic” nicht. Es ist vielmehr ein kriminalliterarisches Vexierspiel im besten Sinne. Es ist ein Gedulds- und Verwirrspiel, eine Scharade folgt auf die andere. Gerade zu Beginn weiß man nicht, wohin diese Reise geht. Wird hier nach vorn oder rückwärts erzählt? Die Kapitel jedenfalls zählen wie ein Countdown nach unten (und sogar darüber hinaus). So gesehen könnte man dieses Buch durchaus auch als eine moderne, raue, verwegene Art Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie sehen.

Einer Illusion sollte man sich nicht hingeben: dass man alles verstehen wird. Übersetzerin Conny Lösch hat es Mayer gegenüber folgendermaßen ausgedrückt: “Du, ich hab auch nicht alles verstanden. Mit jedem Durchgehen erschließt sich mir mehr, aber es wird immer Reste geben. Schattenzonen. Es muss sich nicht immer alles in Wohlgefallen auflösen. In der Literatur gibt es kein Recht dazu.” Das ist ein Punkt, der mir gut gefällt. Ich selbst liebe es, von guten Autoren eine schlüssige Geschichte erzählt zu bekommen. Ich ziehe das immer noch vor, denn auch das ist große Kunst: mit klarer Sprache zu erzählen. Aber: Ich muss nicht immer alles verstehen. Das ist eine Erkenntnis, die ich nach der Lektüre von “Winter Traffic” mitnehme.

Und ja, die Lektüre war zwischendurch echt anstrengend. Das ist kein Buch zum fröhlichen Aufschnupfen, das ist mitunter echte Lesearbeit. Aber es war sie wert. Man muss sich allerdings darauf einlassen, sonst sollte man es lieber sein lassen. Da war auch Frustration dabei: Bin ich echt so daneben, dass ich keine Ahnung habe, wo das nun hinführt? Aus wessen Sicht wird da gerade erzählt? Lese ich hier wirklich aus der Sicht eines Hundes? Und was zum Teufel ist ein Inkrementaler?

Somit wäre “Winter Traffic” wohl das perfekte Buch für die Frage: “Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?”. Denn wie oft man dieses Werk wohl lesen mag, man würde immer wieder neue Dinge entdecken. Würde vermeintliches Wissen wieder über den Haufen werfen, weil doch alles anders ist.

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, eine Inhaltsangabe zu versuchen. Die Geschichte spielt in Sydney im Jahr 1994. Im Zentrum der Handlung stehen zwei vom Leben gebeutelte Männer: Der korrupte Polizist Rawson und sein Kumpel Sutton, der Verbrecher. Und dann wäre da noch Karen Millar. Aber welche Rolle spielt diese aufstrebende Polizistin eigentlich? Hatte sie nun mal etwas mit Rawson oder nicht? Will sie Rawson, den alten Haudegen in Uniform, nun zu Fall bringen oder steht sie doch auf seiner Seite?

Teilweise fühlt man sich so, als würde man ständig alle Möglichkeiten der Geschichte abwägen. Man sucht als Leser immerfort nach gültigen Bedeutungen des soeben Gelesenen. Es ist fast so, als würden die Figuren ständig vor Wegkreuzungen stehen und alles wäre offen. Gehe ich nach links oder rechts oder doch geradeaus? Greenall führt mit seinem Text vor Augen, dass es so etwas wie “die eine Wahrheit” nicht gibt. Diese liegt im Auge des Betrachters.

Man könnte “Winter Traffic” auch als eine nette Zitatesammlung für alle mögliche Gelegenheiten verstehen. Hier nur zwei Beispiele:

“Überall befindet sich ein Tatort, man muss nur weit genug in der Zeit zurückgehen.”

“Menschen müssen sich gegenseitig Etiketten aufkleben, sich gegenseitig auf eine Art Essenz einkochen. Aber du hast die Vorstellung immer gehasst, auf den ersten Blick durchschaubar zu sein.”

Puuh, ich merke, ich könnte endlos weiterschreiben. So gesehen hat der Australier irgendwas wohl verdammt richtig gemacht. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich vor einigen Jahren nichts mit diesem Buch hätte anfangen können. Jetzt aber hat es mir wirklich Spaß gemacht. Wer Krimi sehr eng definiert (also: am Ende steht die Lösung des Falls), sollte wohl tunlichst die Finger davon lassen. Greenall zeigt jedenfalls, wozu gute Kriminalliteratur fähig ist.

Die übliche Punkte-Bewertung unterlasse ich diesmal bewusst. Dieses Buch entzieht sich jeder Art von Kategorie.

Stephen Greenall: “Winter Traffic”, übersetzt von Conny Lösch, Suhrkamp Verlag, 493 Seiten.

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Philip Kerr: 1984.4

(c) Rowohlt Rotfuchs

Der vielseitige britische (Nicht-nur-)Krimiautor Philipp Kerr ist 2018 überraschend und viel zu früh gestorben. Ich bin froh, dass ich den sympathischen Briten im Zuge der Kriminacht 2015 in Wien live erleben durfte. Bekanntheit erlangte er vor allem mit seiner Serie rund um Kultfigur Bernie Gunther, der in der Nazi- und Nachkriegszeit ermittelt. Darüber hinaus schrieb er aber auch Wissenschaftsthriller, fantasievolle Kinderbücher und ziemlich gelungene Fußball-Krimis (“Die Hand Gottes”).

Drei Jahre vor seinem Tod hat der Autor eine Hommage auf George Orwells Meisterwerk “1984” verfasst, die nun posthum erschienen ist. Orwells Werk gilt bis heute als eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Der alles sehende und alles wissende “Große Bruder” wurde zum Synonym des allmächtigen Überwachungsstaats. Kurz nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump etwa erreichte das 1948 verfasste Werk angesichts von Trumps laxem Umgang mit Fakten in diversen Bestsellerlisten Platz eins.

Kerr hatte mit seiner Version allerdings keine simple Kopie im Sinn, sondern wollte sein Buch als ein in einem Paralleluniversum entstandenes Werk verstanden wissen, das Orwells großem Roman ähnle, gleichzeitig aber sehr anders sei. Das steht im Vorwort des Autors. Beides ist ihm mit “1984.4” tatsächlich gelungen, an die Wucht und Tiefe des Originals kommt Philip Kerr aber nicht heran.

Die “Ruhestandsvollstrecker” des “Senior Service”

Worum es in Kerrs Buch geht? Alle Menschen, die vor “1984.4” geboren wurden und nun über fünfzig sind, müssen sich einem vollständigen Körperscan unterziehen, um präzise vorhersagen zu können, wann jeweils der geistige Verfall einsetzt. Der “Plan zur freiwilligen Euthanasie” (PFE) legt fest, dass all jene, die ihr errechnetes Ablaufdatum überschritten haben, in den “Ruhestand” – also den Tod – gehen sollen: “Auf diese Weise können die Menschen Vorsorge für ihren eigenen würdigen Abschied aus dem Leben treffen.” In Wirklichkeit geht es aber darum, dass demente und kranke Menschen für die Gesellschaft nicht leistbar sind und daher verschwinden müssen. Sie belasten das Gesundheitssystem und verursachen immense Kosten.

Jene Alten, die sich nicht daran halten, werden gnadenlos vom “Senior Service” (SS) eliminiert. Für die Tötung der alten Menschen beschäftigt das Senior Service sogenannte Ruhestandsvollstrecker. Rekrutiert werden Jugendliche, die – ähnlich wie in einem freiwilligen sozialen Jahr – Dienst für die Gesellschaft versehen. Eine davon ist die 16-jährige Florence, die zu Beginn des Buches keine Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer blutigen Tätigkeit hat. Alte Menschen jagen und töten, das ist ganz normal. Doch als sie zufällig Eric kennenlernt und sich in diesen verliebt, beginnt ihr Weltbild zu wanken.

Kenner werden in der literarischen Würdigung des Orwell’schen Werkes viele Personen wiedererkennen. Aus der am System zweifelnden Hauptfigur Winston wird in der neuen Version die Jugendliche Florence. Nicht ohne Ironie wird dafür in Kerrs Buch aus Winston der bedrohliche große Bruder, gegen den Florence aufbegehrt. Auch wichtige Personen aus dem Original wie Folterer O’Brien und Buchmensch Mr. Charrington sind in “1984.4” wiederzufinden. Und sogar Autor Aldous Huxley findet kurz Erwähnung.

Hoffen auf Bernie Gunthers letzte Rückkehr

Zweifellos hatte Kerr erheblichen Spaß, mit Versatzstücken des Orwell’schen Universums zu spielen. Herausgekommen ist aber etwas ganz anderes. Das Buch liest sich durchaus unterhaltsam, aber auch ein wenig belanglos. Von Orwells niederschmetternd pessimistischer und düsterer Zukunftsversion ist nichts geblieben. Florences Wandlung von der fanatischen Mitläuferin zur Revolutionärin mutet seltsam an – in beiden Rollen wirkt sie naiv. Während bei Orwell alles grau ist, scheint Florence nur schwarz oder weiß zu kennen.

“1984.4” sei das letzte Buch des Autors, steht im Klappentext. Es bleibt zu hoffen, dass das so nicht stimmt. Denn “Metropolis”, der abschließende vierzehnte Band der Bernie-Gunther-Serie, wurde bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt. Und in diesem von ihm erschaffenen Universum historischer Krimis ist Kerr unerreicht.

6 von 10 Punkten

Philip Kerr: “1984.4”, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, Rowohlt Verlag, 320 Seiten.

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Ryan Gattis: Das System

(c) Rowohlt Hundert Augen

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich einen Autor nach nur zwei erschienenen Büchern zu einem meiner Lieblingsautoren zähle. Bei Ryan Gattis ist das aber der Fall. Sowohl “In den Straßen die Wut” als auch sein Nachfolger “Safe” haben mich perfekt auf Lesereise mitgenommen. Und gleich vorweg: Auch bei seinem neuesten Buch “Das System” war das nicht anders. Auf diesen Autor ist Verlass.

Spielt “In den Straßen die Wut” direkt zur Zeit der Unruhen im April 1993 in Los Angeles nach den Vorfällen rund um die Misshandlung von Rodney King durch Polizisten, handelt das aktuelle Buch von Geschehnissen im Dezember 1993. Im Zentrum der Handlung steht “Dreamer”, der unschuldig im Gefängnis landet, weil er eines Mordversuchs bezichtigt wird. Wie schon in seinen beiden Büchern davor erzählt Gattis aus multiperspektivischer Sicht: neben jener von Dreamer aus jener der Ex-Freundin, seines vermeintlich besten Freundes Wizard, des Anwalts, der Staatsanwältin, eines Polizisten, eines Junkies und jenes Bewährungshelfers, aufgrund dessen Falschaussage Dreamer im Gefängnis sitzt. Diese Art der Erzählweise hat sich der Autor zu einer Art Markenzeichen gemacht.

Das erbarmungslose Gefängnissystem der USA

Anschaulich schreibt Gattis vor allem über eines: Das titelgebende “System” – das erbarmunglose Gefängnissystem in den USA. In den 1990er Jahren beginnt sich die Macht der Gangs von der Straße in die Haftanstalten zu verlegen. Dort wird bestimmt, was zu geschehen hat. Als Dreamer ins Gefängnis wandert, hat er – will er überleben – keine andere Wahl, als die Regeln dieses Systems zu akzeptieren. Er muss seine Rolle einnehmen, ob er will oder nicht. Er muss sich unterordnen und auch Gewalt anwenden. Anderenfalls wird er tot sein, ehe vor Gericht seine Unschuld bewiesen werden kann. Sein knasterfahrener Kumpel Wizard steht ihm zur Seite, und dennoch wird Dreamer erkennen müssen, dass sich der Begriff Freund im Gefängnis relativiert. Wenn er Schwächen zeigt oder sich auf die falsche Seite stellt, kann ihm auch der beste Freund nichts helfen. Nicht zufällig ist einem der Kapitel ein Zitat von Charles Bukowski vorangestellt: “Wenn du wissen willst, wer deine Freunde sind, dann lass dich einbuchten.”

Dreamer reift hinter Gittern zu einem jungen Mann heran, der schnell lernen muss, wie hart die Realität aussehen kann. Als Individuum wirst du im Gefängnis ausgelöscht, du bist Teil deiner Gang. Etwas anderes gibt es nicht. Gewalt ist nicht nur eine Option, sondern Überlebensbedingung. Er erkennt dabei, was wichtig ist, was zählt. Dennoch stellt sich ihm die Frage: Wird er so lange überleben können, bis er wieder selbstbestimmt darüber entscheiden kann, was er mit seinem restlichen Leben macht? Wird er seine zweite Chance überhaupt erhalten?

Gattis neigt dabei niemals zu Sentimentalitäten, sein Buch will auch keine beherzte Anklageschrift gegen das Gefängnissystem sein. Durch seine Perspektivenwechsel will er nicht die eine Wahrheit erzählen, sondern zeigen, aus wie vielen unterschiedlichen Puzzleteilen die Wahrheit besteht. Er seziert das “System” messerscharf und offenbart es als das, was es ist: Ein unbarmherziges, ungerechtes System zur Aufbewahrung schuldiger, aber oft auch unschuldiger Menschen. Oder, wie es an einer Stelle des Buches heißt: “Zellen sind einfach große Schließfächer, bloß für Menschen.”

9 von 10 Punkten

Ryan Gattis: “Das System”, übersetzt von Ingo Herzke und Michael Kellner, Rowohlt Hundert Augen, 542 Seiten.

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John Ball: In the Heat of the Night

(c) Penguin

Das erste Mal schreibe ich in diesem Blog einen Beitrag über einen Kriminalroman, den ich im englischen Original gelesen habe. Zu verdanken habe ich das Stefan Heidsiek, der vor Kurzem in der crimealley über die deutschsprachige Ausgabe von “In der Hitze der Nacht” geschrieben hat. Nachdem er mich so neugierig gemacht hatte und ich nicht auf die Zusendung eines antiquarischen Exemplars warten wollte, habe ich zur Originalausgabe als E-Book gegriffen.

Tatsächlich muss man “In the Heat of the Night” als Klassiker der modernen Kriminalliteratur einordnen. Das 1965 geschrieben Buch erlangte vor allem durch seine Verfilmung (fünf Oscars) weltweite Bekanntheit. “Sie nennen mich Mister Tibbs!” liegt laut American Film Institute auf Platz 16 der wichtigsten Filmzitate, der Film selbst auf Rang 75 der besten Filme aller Zeiten. Ball, der Erfinder des schwarzen Polizisten Virgil Tibbs (im Film dargestellt von Sidney Poitier – natürlich erhielt damals Rod Steiger den Oscar als bester Hauptdarsteller und nicht Poitier, aber das ist eine andere Geschichte) ist im deutschsprachigen Raum aber längst in Vergessenheit geraten. Seine Bücher werden schon seit vielen Jahren nicht neu aufgelegt. Leider, kann man nur sagen.

Worum es geht? In dem Südstaaten-Kaff Wells wird ein Toter aufgefunden. Der Mann ist nicht ganz unprominent, sollte er doch ein ökonomisch einträgliches Musikfestival in den Ort bringen. Zudem war er gut vernetzt zu wichtigen Männern der Stadt. Als zufällig Virgil Tibbs, ein erfahrener Mordermittler mit schwarzer Hautfarbe aus Kalifornien, auftaucht, sieht sich der lokale Polizeichef Gillespie, ein ehemaliger Gefängniswärter gezwungen, auf dessen Hilfe zurückzugreifen. Sehr widerwillig natürlich, weil gewisse wichtige Männer der Stadt das so wollen. Aber er erkennt rasch den Vorteil der Situation: sollte der Schwarze die Ermittlungen unter seiner Führung erfolgreich voranbringen, dann kann Gillespie das als seinen Erfolg verbuchen. Sollte er scheitern, dann könnte man Tibbs das Versagen anlasten. Eine win-win-Situation also für den Polizeichef.

Tibbs ist jedenfalls der einzige Profi, wenn es um Mordermittlungen geht. Die lokalen Polizisten sind ahnungslose Stümper. Doch auch Tibbs, der stets Selbstbewusste und Allwissende, befindet sich auf einer falschen Spur, verdächtigt den Falschen. Sowohl Polizist Sam Wood als auch sein Chef Gillespie halten zu Beginn der Geschichte nicht viel von Schwarzen im allgemeinen und Tibbs im speziellen. Sie sind tief im Süden der USA verwurzelt und sozialisiert. Doch mit Fortlauf der Ermittlungen wächst ihr Respekt für den fähigen Mann aus Kalifornien.

Die Krimihandlung mit genretypischen Wendungen ist schlüssig. Autor Ball braucht nicht viele Worte, um die Situation eindrucksvoll darzustellen. Auf nicht einmal 180 Seiten erzählt er von alltäglichem Rassismus und Vorurteilen, aber auch von Menschen, die bereit sind, über ihren Schatten zu springen.

Einiges wirkt ein wenig altbacken aus heutiger Sicht, vor allem die zart angedeutete Romanze zwischen dem Polizisten Sam Wood und der Tochter des Opfers. Die Szene in der Zelle – das wirkt ein wenig deplatziert in diesem Roman, wurde vom Autor aber wohl auch gewählt, um die Anspannung kurzzeitig zu lösen. Alles in allem hat Ball aber einen klassischen Krimi im besten Sinne geschrieben, der durch seine schnörkellose Art besticht und sich auch 55 Jahre nach seinem Entstehen sehr gut liest.

9 von 10 Punkten

John Ball: In the Heat of the Night, Penguin Verlag, 176 Seiten.

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Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders

Der Schotte Ian Rankin ist einer der besten Kriminalschriftsteller der Gegenwart. “Das Souvenir des Mörders” ist der achte Teil seiner Serie rund um Kult-Ermittler John Rebus. Und dennoch ist es nicht irgendein Teil, sondern vermutlich jener, der eine Art Initialzündung war, was seine Breitenwirksamkeit anbelangt. Bis zu diesem Buch war er einfach ein guter Krimiautor, einer von vielen. Doch mit diesem Buch erreichte Rankin ein anderes, höheres Level. Nicht zufällig hat das 1997 erschienene “Black and Blue” (Originaltitel) auch einen Platz in dem Kompendium “Books to die for”, in dem namhafte Krimiautoren ihre Lieblingskrimis empfehlen, gefunden.

Wie ich auf das Buch gestoßen bin? Ein Beitrag auf der crimealley hat mich neugierig gemacht: “Die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist.” Wer mehr über “Das Souvenir des Mörders” wissen will, sollte einfach Stefans Beitrag lesen – nirgendwo werdet ihr besser und umfassender informiert als an dieser Stelle.

Nichtsdestotrotz will ich meine persönlichen Eindrücke hier kurz wiedergeben. Beim Lesen fiel mir ein anderer genialer Autor ein: Jo Nesbø (wobei mir auch Michael Connellys Harry Bosch und James Lee Burkes Dave Robicheaux in den Sinn kamen). Dessen Kriminalroman “Der Erlöser” hat einen ähnlich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das sind wirklich in Worte gegossene Kunstwerke, mit starken Charakteren, eingebettet in überzeugende soziale Umfelder. Und ich habe beide Bücher geliebt, obwohl eine Krimi-Zutat darin vorkommt, die für mich oft ein Grund ist, die Finger davon zu lassen: Serienmörder (in Rankins Buch genau genommen sogar zwei!). Da schrillen bei mir normalerweise immer die Alarmglocken.

Gut-Böse-Schemata, die simple Suche nach einem Täter und am Ende des Rätsels Lösung: Das wird man in “Das Souvenir des Mörders” vergebens suchen. Politik, Polizei, Journalismus, Großkonzerne und Organisierte Kriminalität: Hier bestehen Abhängigkeiten und unerwartete Seilschaften. Sehr beeindruckt haben mich die Porträts der schottischen Städte Aberdeen, Glasgow und Edinburgh. Fesselnd waren auch die Szenen auf der Ölplattform in der rauen Nordsee.

John Rebus ist in gewisser Weise auch ein Seelenverwandter von Sean Duffy, der Hauptfigur der Kriminalromane von Adrian McKinty. Beide Männer sind Raubeine mit einer sentimentalen Ader. Vor allem eines eint sie: Sie sehen auch dann noch hin, wenn es niemanden mehr interessiert und ihrer Karriere abträglich ist. Sie sind auf der Suche nach der Wahrheit und haben einen fast schon zwanghaften Sinn für Gerechtigkeit.

>>> Zu meiner Besprechung von “Mädchengrab” (John Rebus, Band 18)

10 von 10 Punkten

Ian Rankin: “Das Souvenir des Mörders”, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Goldmann Verlag, 614 Seiten.

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Doug Johnstone: Der Bruch

(c) Polar Verlag

Der 17-jährige Tyler versucht anständig zu bleiben, ein guter Mensch zu sein. Das sagt sich leichter als es ist, denn der Jugendliche lebt in einem herabgekommenen Viertel in der schottischen Stadt Edinburgh und wird von seinem sadistischen Bruder Barry gezwungen, gemeinsam mit Schwester Kelly in fremde Häuser einzubrechen. Von der Mutter ist keine Hilfe zu erwarten, sie hängt an der Nadel und wandelt von Überdosis zu Überdosis.

Tylers Rettungsanker ist seine kleine Schwester Bean, um die er sich liebevoll kümmert. So gut er kann, versucht er für das Kind die Realität auszublenden, um dem Mädchen eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Mit ihr sitzt er abends auf dem Dach des Greendykes House, einem von zwei verbliebenen Hochhäusern (umgeben von Brachland und einer riesigen Baustelle), und erzählt ihr Geschichten, in denen sie eine Superheldin ist.

Als Barry bei einem Einbruch eine Frau niedersticht und lebensgefährlich verletzt, laufen die Dinge endgültig aus dem Ruder: Bei dem Opfer handelt es sich um niemand geringeren als die Frau des gefürchteten Gangsterbosses Deke Holt, der auf Rache gegen die unbekannten Täter schwört.

Tyler nimmt sein Schicksal an, so bitter es auch sein mag. Die gut gemeinten Aufmunterungen von Lehrerinnen und Polizistinnen ob seiner familiären Situation erträgt er kaum: “Er hatte dieses Mitgefühl so unendlich satt.” Für Selbstmitleid ist ohnehin kein Platz. Er kennt kein anderes Leben. Wie sehr seine Mutter auch gesunken sein mag, sie ist seine Mutter. Genauso verhält es sich mit seinem Bruder, von dem er verachtet wird. So sehr Tyler den tyrannischen Bruder auch hassen mag, verraten würde er ihn nie. Seine Familie kann man sich nicht aussuchen.

Als Lichtblick in seinem verkorksten Leben entpuppt sich schließlich Flick, ein Mädchen aus gutem Hause, das Tyler zufällig kennenlernt. Ihre beiden Leben könnten unterschiedlicher nicht sein, dennoch sind sich die beiden durch ihre gesammelten Erfahrungen ähnlicher als man vermuten könnte. Das zart aufkeimende Gefühl der Hoffnung wird aber schon bald abrupt durch die absolute Auswegslosigkeit der Situation, in der er sich befindet, abgewürgt.

Empathie, nicht Gefühlsduselei, ist es, was “Der Bruch” ausmacht. Dadurch berüht der Autor, der die Geschichte eines Jugendlichen erzählt, der versucht, sich selbst zu finden und treu zu bleiben. Ich habe mich beim Lesen an Bill Beverlys “Dodgers” (Platz zwei meiner Lieblingskrimis 2018; ich habe gerade entsetzt festgestellt, dass ich das Buch hier nie extra besprochen habe – das muss ich bald nachholen!) und Steve Hamiltons “Der Mann aus dem Safe” erinnert gefühlt, die zu jenen Kriminalromanen zählen, die bei mir lange nachgewirkt haben. Auch in den beiden erwähnten Büchern stehen jeweils ein 15-jähriger und ein 17-Jähriger im Zentrum der Geschichte.

Was mir auch gut gefallen hat: Immer wieder stöpselt Tyler die Kopfhörer ein und taucht in seine eigene Welt ab. Er hört Boards of Canada, Jon Hopkins, Four Tet und Hannah Peel – alles Künstler, die mir bis zur Lektüre nichts gesagt haben, deren Musik ich über Spotify aber beim Lesen gehört habe. Großteils blubbernde Elektronik, passend minimalistisch zur verwahrlosten Gegend. Johnstone hat also den Soundtrack zu diesem Buch gleich mitgeliefert.

“Eine schonungslose, aber sympathische Darstellung von Edinburghs ignorierter Unterschicht, mit großartigen Charakteren”. So beschreibt der schottische Krimi-Großmeister Ian Rankin das Buch. Treffender kann man es nicht formulieren. Oder vielleicht doch: Der schottische Autor Doug Johnstone hat einen Kriminalroman geschrieben, wie man ihn nur alle paar Jahre liest.

10 von 10 Punkten

Doug Johnstone: “Der Bruch”, übersetzt von Jürgen Bürger, Polar Verlag, 308 Seiten.

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Mike Knowles: Tin Men

(c) Polar Verlag

Am Beginn von “Tin Men” steht der bestialische Mord an einer Polizistin. Das geht auch an hartgesottenen Kollegen wie Os nicht spurlos vorbei. “Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatten ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet”. Os, ein Polizist, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, soll gemeinsam mit zwei ebenfalls wenig vertrauenserweckenden Polizisten Teil eines Ermittlertrios sein: Cop zwei, Woody, hat ein Drogenproblem und Außenseiter Dennis, Cop drei, sucht bei transsexuellen Prostituierten Trost.

Oft ist es so, dass die Männer in Uniform mehr gegeneinander als miteinander kämpfen. Wenig verwunderlich eigentlich, dass am Ende dieses Dramas eine weitere furchtbare Tat stehen wird, die sogar die Lösung des Falls in den Schatten stellt.

Mike Knowles hat definitiv ein “Police Procedural” der anderen Art geschrieben. Der Autor überzeugt dabei in vielen Belangen. Die Handlung ist schlüssig, die Charaktere sind gut gezeichnet. Und auch die Aufschlüsselung des Falls finde ich ausgesprochen gelungen (ich hatte angesichts des furchtbaren Verbrechens zu Beginn schon das Schlimmste befürchtet). Für mich auch erkenntnisreich: Die Geschichte spielt in der kanadische Großstadt Hamilton (rund 500.000 Einwohner) in der Provinz Ontario. Ich hatte von dieser Stadt noch niemals gehört, und stellte mir zu Beginn der Lektüre fälschlicherweise eine verschlafene Kleinstadt vor.

Nach Éric Plamondons “Taqawan” bin ich nun in kürzester Zeit erneut von einem kanadischen Kriminalroman vollends überzeugt worden. Ich hoffe sehr, dass sich der Polar-Verlag nun auch der sechsteiligen Serie des Autors um den Killer Wilson annehmen wird, die im Nachwort des Romans erwähnt wird. Denn hier ist wirklich ein Könner am Werk.

9 von 10 Punkten

Mike Knowles: “Tin Men”, übersetzt von Karen Witthuhn, Polar Verlag, 337 Seiten, 14,60 Euro

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Meine Lieblingskrimis 2020

Die Zeit der Jahresrückblicke ist eigentlich schon vorbei, aber ich wollte mich nicht unter Stress setzen und habe mir deshalb Zeit gelassen. 2020 war vielleicht nicht das beste Krimijahr, aber schlecht war es auch nicht.

Ich will allerdings nicht lange herumreden und einfach beginnen. Diesmal habe ich zwölf Kriminalromane ausgewählt, sechs haben Männer geschrieben, sechs Frauen verfasst.

Platz 12 – Steph Cha: “Brandsätze”

(c) Atrium Verlag

In Steph Chas “Brandsätze” geht es um Rassismus und Diskriminierung in den USA. Wie komplex und verworren die Situation tatsächlich oft ist, macht die Autorin am Schicksal zweier Familien klar. Da ist einerseits Shawn Matthews, dessen Schwester Ava im Jahr 1991 von einer koreanischen Ladenbesitzerin erschossen wurde. Und andererseits Grace Park, die Tochter der Täterin von damals, die ungestraft davon kam.

Schuld, Reue, Rache und Vergebung – darum dreht sich der mitreißende Roman der US-Autorin mit koreanischen Wurzeln. Cha interessiert sich für Opfer und Täter. Sie zeigt auf, wie leicht man von dem einen zum anderen werden kann, wie verschwimmend die Grenzen zwischen richtig und falsch sein können.

Platz 11 – Jeannine Cummins: “American Dirt”

(c) Rororo

Jeannine Cummins “American Dirt” hat im Vorjahr für einiges Aufsehen gesorgt. Vor allem ihr Nachwort löste eine Welle der Kritik aus. Meiner Meinung nach nur begrenzt berechtigt. Denn tatsächlich berührt die fiktive Geschichte der 2600 Meilen langen Flucht der mexikanischen Buchladenbesitzerin Lydia.

Gleich zu Beginn wird fast ihre gesamte Familie, insgesamt 16 Menschen, von Killern eines Drogenkartells brutal ermordet. Bloß sie und ihr achtjähriger Sohn Luca überleben das Gemetzel. Lydia, Frau eines Journalisten, der ein kritisches Porträt über einen Drogenboss verfasst hat, zögert nicht und packt zwei Rucksäcke. Es gibt nur eine Chance: die Flucht nach Norden, in die USA.

Platz 10 – Frank Göhre: “Verdammte Liebe Amsterdam”

(c) Culturbooks

“Verdammte Liebe Amsterdam” ist ein beeindruckendes Krimi-Destillat, das im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht. Der deutsche Krimi-Veteran Frank Göhre befreit sich von jeglichem Wörterballast und bleibt immer am Punkt.

Er treibt seine Geschichte voran, die Köster zur soeben zur Polizistenwitwe gewordenen Martina, deren neuem Freund Klaus – noch dazu einem Kollegen des Verstorbenen – und deren verschwundener Tochter Suse führt. Hat der Tod seines Bruder mit dem Verschwinden des 15-jährigen Mädchens zu tun? Und wo ist das Mädchen jetzt?

Platz 9 – Don Winslow: “Broken”

(c) Harper Collins

Mit seiner epischen Drogentrilogie (“Tage der Toten”, “Das Kartell”, “Jahre des Jägers”) hat Don Winslow seinen Ruf als einer der besten Thriller-Autoren unserer Zeit gefestigt. Dass er aber nicht nur bis zur Unerträglichkeit realistische Bücher schreiben kann, beweist er eindrucksvoll mit “Broken”: sechs Kurzgeschichten, jeweils um die 80 bis 90 Seiten lang.

Ausgerechnet die erste und titelgebende Geschichte, “Broken”, ist die schwächste. Was dann folgt, macht aber echt Spaß. Zu Höchstform läuft Winslow mit seinem Schlussstück “The Last Ride” auf. Bereits der erste Satz packt zu: “Als er das Kind zum ersten Mal sah, war es in einem Käfig.”

Platz 8 – Dominique Manotti: “Marseille.73”

(c) Ariadne Kriminalroman

In “Marseille.73” begibt sich die französische Großmeisterin des politischen Kriminalroman zurück ins Jahr 1973. Die französische Regierung hat soeben beschlossen, Migranten – vor allem jene aus Algerien – stärker zu kontrollieren. Sie schreibt darüber, wie schwer es für Polizisten sein kann, zu ermitteln, wenn das System kein Interesse am Tod eines Einzelnen – weil unbedeutend – hat.

Manotti nimmt sich sehr stark vermeintlich männlicher Themen an: Kriminalität und Korruption. Sie widerlegt damit das geläufige Vorurteil, wenn es um die Unterscheidung von Kriminalliteratur männlicher Autoren und weiblicher Autorinnen geht: “Frauen schreiben populäre Kriminalromane, Männer relevante.”

Platz 7 – Denise Mina: “Götter und Tiere”

(c) Ariadne Kriminalroman

Die Schottin Denise Mina lässt in “Götter und Tiere” erneut die Polizistin Alex Morrow Licht in die Schattenseiten von Glasgow bringen. Als bei einem Raubüberfall in einer Postfiliale ein älterer Mann erschossen wird, ist nichts so klar, wie es im ersten Moment erscheint.

Neben der Krimihandlung erzählt die Autorin die Geschichte des politischen Auf- und Abstiegs des Gewerkschafters Kenny Gallagher, dessen Weste alles andere als sauber ist. Mina will genau hinsehen, Geschehnisse sezieren und Bruchlinien in der Gesellschaft erkennbar machen. Und das tut sie auf bestechende Art und Weise.

Platz 6 – Mike Knowles: “Tin Men”

Am Beginn von “Tin Men” steht der bestialische Mord an einer Polizistin. Das geht auch an hartgesottenen Kollegen wie Os nicht spurlos vorbei. “Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatten ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet”. Os, ein Polizist, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, soll gemeinsam mit zwei ebenfalls wenig vertrauenserweckenden Polizisten Teil eines Ermittlertrios sein: Cop zwei, Woody, hat ein Drogenproblem und Außenseiter Dennis, Cop drei, sucht bei transsexuellen Prostituierten Trost.

Oft ist es so, dass die Männer in Uniform mehr gegeneinander als miteinander kämpfen. Knowles hat ein “Police Procedural” der anderen Art geschrieben.

Platz 5 – Garry Disher: “Hope Hill Drive”

Garry Disher ist eigentlich ein Fixstarter auf meiner jährlichen Liste.

Der Polizist Paul Hirschhausen fristet in der Kleinstadt Tiverton ein beschauliches Dasein. Garry Dishers Kriminalroman “Hope Hill Drive” nimmt nur langsam Fahrt auf, so als hätte er sich an die Umgebung seiner Hauptfigur angepasst. Denn viel scheint im australischen Outback nicht zu passieren. Doch spätestens als ein Massaker an Pferden die Einwohner erschüttert, wird klar, dass auch das Nirgendwo kein idyllischer Ort ist. Der Autor beweist, dass es keine mit Action vollgepackte Handlung braucht, um Spannung zu erzeugen. Diese entsteht subtil, durch alltägliche Schilderungen und das Zusammenspiel der Charaktere.

Platz 4 – Oyinkan Braithwaite: “Meine Schwester, die Serienmörderin”

(c) Blumenbar

Oyinkan Braithwaites erstes – drei Zeilen umfassendes Kapitel – von “Meine Schwester, die Serienmörderin” wird sich wohl in Zukunft in zahlreichen Lehrbüchern darüber finden, wie man einen (Kriminal-)Roman perfekt beginnen kann: “Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.”

Die nigerianisch-britische Autorin hat eine erfrischende Mischung aus fesselndem Thriller und seziermesserscharfem Gesellschaftsporträt geschrieben. Während sich der Leser auf der einen Seite gut unterhält, bringt sie diesem die patriachalisch geprägte Gesellschaft Nigerias näher. Sie zeigt, wie sich zwei Frauen – auf ihre eigene Art und Weise – gegen diese von Männern dominierte Welt zur Wehr setzen.

Platz 3 – Zoë Beck: “Paradise City”

(c) Suhrkamp

“Paradise City” spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Algorithmen – und nicht die Politik – über viele Bereiche des Lebens entscheiden. Deutschland, das von Seuchen und Umweltkatastrophen heimgesucht wurde, befindet sich endlich wieder im Aufschwung. Der Regierungssitz wurde nach Frankfurt verlegt, Berlin dient nur mehr als Kulisse für Touristen. Es scheint eine schöne neue Welt zu sein, die hier entstanden ist. Bloß sollte man keinen zweiten Blick darauf werfen.

Es mag zwar Thriller auf dem Cover stehen, doch das Buch ist viel mehr als bloße Spannungsliteratur. Es macht nachdenklich und hinterlässt Spuren, Hauptfigur Liinas Leidensweg berührt.

Platz 2 – Adrian McKinty: Alter Hund, neue Tricks

“Alter Hund, neue Tricks”, Band acht der Sean-Duffy-Serie, überzeugt erneut in allen Belangen. Duffy, nur mehr Teilzeitpolizist, zweifelt an der Version eines aus dem Ruder gelaufenen Autodiebstahls. McKinty punktet mit Duffys inneren Monologen, popkulturellen Referenzen und Verweisen auf eigene Werke.

Angeblich soll nach Band neun mit Sean Duffy Schluss sein. Doch die Hoffnung bleibt bestehen: Möge dieser Ermittler niemals in Pension gehen!

Platz 1 – Wallace Stroby: “Zum Greifen nah”

Auf Platz eins ist diesmal ein Buch gelandet, das eine klassische Kriminalgeschichte erzählt. Wallace Stroby bricht damit keine Genregrenzen, setzt keine neuen Maßstäbe und erfindet auch nichts neu. Aber es ist ihm gelungen, innerhalb des Genres eine Geschichte zu erzählen, die mich 2020 so gut auf Lesereise mitgenommen hat wie kein anderes Buch.

Noch vor seiner großartigen vierteiligen Crissa-Stone-Serie (“Kalter Schuss ins Herz”, “Fast ein guter Plan”, “Geld ist nicht genug”, “Der Teufel will mehr”) hat Stroby dieses Buch rund um eine weitere starke Frau, die Polizistin Sara Cross, geschrieben. Mit “Zum Greifen nah” liegt der gepflegte Noir nun erstmals auf Deutsch vor. Cross gerät in ein Dilemma, als sie an der Notwehr-Version eines Kollegen (noch dazu ihr Ex-Freund) zu zweifeln beginnt. Eine knifflige Situation, fesselnd zu lesen.

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Candice Fox: Dark

(c) Suhrkamp

Candice Fox und ich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Als 2016 der massiv gehypte erste Teil der “Hades”-Trilogie erschien, war ich ziemlich enttäuscht: “Für Fans wilder Serienkiller- oder Horror-Thriller ist das wohl das gefundene Lesevergnügen – und vermutlich wird sogar ein Hollywood-Vielteiler daraus. Aber für mich ist das Kapitel erledigt.”

Und tatsächlich habe ich um die Teile zwei und drei einen großen Bogen gemacht. Aber als dann “Crimson Lake”, der Auftakt zu ihrer nächsten Serie, erschien, gab ich der australischen Autorin noch einmal eine Chance. Zum Glück. Denn da erst wurde mir klar, wie gut diese exzentrische Schreiberin wirklich ist. Erbarmungslos schräg und unkonventionell.

Candice Fox ist nicht die feinfühligste Krimiautorin. Sie steht für abgründig, plakativ und schrill. Wer es realistisch mag, sollte die Finger von ihr lassen. Wenn eine verurteilte Mörderin, die einst als Kinderärztin ein vorbildliches Leben geführt hat, mit jener Polizistin (die von ihren Kollegen gemobbt wird, weil sie eine Villa erbt) gemeinsame Sache macht, die sie einst verhaftet hat, dann klingt das nicht gerade wie aus dem Leben gegriffen.

Das vermisste Mädchen, um deren Suche es eigentlich geht, gerät auch rasch in den Hintergrund. Man sollte sich davon aber nicht abschrecken lassen und auch nicht davon, dass die Australierin den Schauplatz ihrer Geschichte erstmals in die USA verlegt hat. Denn eines kann sie perfekt: spannend unterhalten.

Das beweist sie bereits mit dem ersten Satz: “Ich blickte direkt in die Mündung einer Waffe.” Danach geht es rasant weiter. Man muss nicht alles hinterfragen, was da passiert, sondern sollte sich einfach wohlwollend durch die Geschichte treiben lassen. Das Erzähltalent der Autorin ist unbestreitbar. Da ist nichts verkopft, amüsante Dialoge sind Programm. Und zwischendurch hat sogar eine kleine Maus ihren großen Auftritt.

Auffällig auch: Wie schon in Zoë Becks “Paradise City” spielen Männer hier nur Nebenrollen. Während einem die Mörderin, die Diebin, die Gangsterchefin und die Polizistin ans Herz wachsen, sind Männer hier meist einfach nur Grobiane und Unsympathler. Das ungewöhnliche, selbst anpackende Frauen-Quartett braucht keine heldenhaften Männer.

Kein Wunder also, dass es Fox mit ihrem Buch auch auf Platz 1 der aktuellen Krimi-Bestenliste geschafft hat. Dieser Autorin ist nichts heilig, schon gar nicht irgendwelche Genrekonventionen – und das ist gut so.

8 von 10 Punkten

Candice Fox: “Dark”, übersetzt von Andrea O’Brien, Suhrkamp Verlag, 395 Seiten.

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Lang lebe die Krimi-Bestenliste!

Seit April 2005 gibt es die Krimi-Bestenliste, die zu Beginn bei der “Welt”, dann bei der “Zeit” und die letzten Jahre bei der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” beheimatet war. Sie hat mich also mein ganzes Bloggerleben lang begleitet. Und sie war immer ein Fixpunkt für mich. Manchmal habe ich ihr regelrecht entgegen gefiebert: Wie sehr würde die aktuelle Liste mit meinen eigenen Lesegewohnheiten übereinstimmen?

Mitunter habe ich es bedauert, dass ich nicht alle auf der Liste empfohlenen Bücher lesen konnte. Sie war für ein zwangfreies Krimibloggen also nicht immer hilfreich. Sie hat ordentlich Druck ausgeübt. So viele Krimis, die es noch zu lesen gäbe – bloß dass man niemals alle schaffen würde. Der monatliche Abgleich ist zu einem Ritual geworden: Wieviele der Bücher habe ich schon gelesen? Welche davon werde ich noch lesen? Und im besten Fall, die Adelung sozusagen: War ich bei meiner Lektüre gar der Liste voraus?

Nun hat sich aber auch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” von diesem Projekt verabschiedet. Als Partner ist leider nur der Deutschlandfunk Kultur übrig geblieben. Das ist natürlich schade, aber ich hoffe Krimikritiker Tobias Gohlis und sein lesemotiviertes Team lassen sich nicht davon zurückhalten, den Lesern weiterhin ein Leuchtturm im Dschungel der Krimi-Neuerscheinungen (ich weiß, dieses Bild ist schief, aber ich lasse es dennoch hier hängen!) zu sein.

Denn in den Untiefen des Regio- und Psychothriller-Ozeans gehen die Krimiperlen (dieses Bild ist jetzt ein wenig besser) leicht verloren. Die Krimi-Bestenliste ist da ein geeigneter Kompass, um die edlen Krimi-Gustostücke zu heben (so, jetzt höre ich auch schon wieder mit dieser Metaphern-Orgie auf, versprochen!).

Im Ernst: Wie oft habe ich geglaubt, alle Neuerscheinungen bestens im Blick zu haben. Ständig doktore ich an meinen analogen Zetteln herum, erweitere und ergänze. Tja, und dann erscheint die Krimi-Besteliste und dann kann ich gleich wieder etwas hinzufügen, meine Lesepläne über den Haufen werfen. Weil da dieses eine Buch (manchmal sind es aber auch zwei, drei oder vier Krimis) Buch lockt. Rasch wird neu gekauft, bereits Gekauftes ins Regal gestellt.

Wie bei allem, das man schätzt, war ich nicht immer nur begeistert. Manchmal erschien mir die Liste zu einseitig. Zu sehr und zu erzwungen auf politische Relevanz ausgerichtet, zu wenig auf klassische Krimis fokussiert. Warum fand sich etwa ein außergewöhnlicher Krimiautor wie Adrian McKinty nur selten und unprominent auf der Liste? Vermutlich ist aber auch die eigene Wahrnehmung sehr selektiv.

Gleichzeitig macht das diese Liste aber auch aus, dass sie das Genre nicht eng fasst, sondern sehr breit auslegt. Dadurch stößt man eben auf neue Bücher, die einen anderen Blick auf das Genre ermöglichen. Mein anfängliches, fast schon zwanghaftes Bemühen um möglichst große Übereinstimmung ist der Dankbarkeit gewichen, einen verlässlichen Hinweisgeber für tolle Bücher an meiner Seite zu wissen.

So verbleibe ich mit dem frommen Wunsch: Möge die Krimi-Bestenliste lange weiterleben!

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