Éric Plamondon: “Taqawan”

(c) Lenos Verlag

Kanada wäre heuer Gastland der Frankfurter Buchmesse gewesen, der Auftritt wurde aber auf 2021 verschoben. Dadurch sind auch einige kanadische Romane ein wenig untergegangen. Aus den Neuerscheinungen sticht meiner Meinung nach “Taqawan” besonders hervor.

Éric Plamondon erzählt in seinem eindringlichen, gerade einmal 200 Seiten dünnen, inhaltlich aber fast epischen Roman vom Lachskrieg, der 1981 im kanadischen Québec zwischen der Polizei und den seit Jahrtausenden dort lebenden Mi’gmaq tobte. Er tut das aus mehreren Blickwinkeln – aus Sicht der Mi’gmaq, der Québecer sowie einer Französin aus Europa – und mit vielen historischen Einschüben. “Taqawan” (die Bezeichnung für einen Lachs, der erstmals in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt) liest sich wie eine kurze Geschichte Kanadas, mit allen Folgen und Problemen, die bis heute nachwirken.

Tausende Jahre lebten die Mi’gmaq – Nomaden, die über die Beringstraße nach Amerika kamen – vom Lachsfang. Sie befolgten dabei eine Weisheit: “Wenn man in einem Jahr zu viele Fische fängt, gibt es im Folgejahr weniger. Wenn man jahrelang zu viele Fische fängt, gibt es irgendwann gar keine mehr.” Doch dann kamen vor rund 500 Jahren die Europäer, und der Fischfang wurde Regeln unterworfen. Während im Westen dem weißen Mann die Ausrottung der Indianer durch die Ausrottung der Bisons gelang, waren es im Osten die Lachse. “Man fischte mit Hilfe von Staudämmen, Reusen und Netzen, bis die Bestände erschöpft waren.”

Wortgewandt offenbart Plamondon in seinem gelungenen Noir die Widersprüche, die sich in Québec auftun, macht die täglichen Ungerechtigkeiten und Parallelwelten in der Gesellschaft spürbar. Wenn Kanada ergriffen Céline Dions Song “Ce n’était qu’un rêve” (“Es war bloß ein Traum”) lauscht, müssen die Mi’gmaq, die gegen den Entzug der Lachs-Fischrechte kämpfen, ernüchtert zur Kenntnis nehmen: “Es ist nicht bloß ein Traum.”

Diese Diskriminierung besteht aus vielen kleinen Puzzlestücken. Was macht es zum Beispiel mit Menschen, wenn sie jahrhundertelang als “Wilde” bezeichnet wurden? Während sich die nach Unabhängigkeit strebenden Québecer selbst von Kanada unterdrückt fühlen, fehlt ihnen selbst jegliches Verständnis für die Situation der Mi’gmaq.

Wie diffus die Lage ist, zeigt sich, als die in Kanada unterrichtende französische Lehrerin Caroline den Einheimischen Yves fragt: “Und warum will die Québecer Regierung den Indianern dann nicht zugestehen, was sie selbst von der kanadischen Regierung fordert? Warum will man das Recht auf französische Kultur und Sprache in Québec innerhalb Kanadas, aber kein Recht auf Kultur und Sprache der Mi’gmaq innerhalb Québecs?”

8 von 10 Punkten

Éric Plamondon: “Taqawan”, übersetzt von Anne Thomas, Lenos Verlag, 200 Seiten.

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Marcie Rendon: “Stadt Land Raub”

(c) Ariadne Verlag

Jahrzehntelang wurden Indigenen in den USA systematisch ihre Kinder weggenommen (landesweit 25 bis 30 Prozent, in einzelnen Bundesstaaten wie Minnesota sogar unvorstellbare 60 Prozent) und als Pflegekinder in weiße Familien gesteckt.

Die widerspenstige 19-jährige Cash Blackbear, die Marie Rendon in ihrem Buch “Stadt Land Raub” porträtiert, teilt dieses Schicksal. Nur schwer findet sich die Außenseiterin im Alltag zurecht. Dennoch ist sie die Einzige, die sich für das Verschwinden einer Reihe weißer, blonder Mädchen interessiert.

Nach ihrem Debüt “Am roten Fluss” (habe ich leider nicht gelesen) schreibt die Autorin erneut über die triste Lage der Native Americans in den 1970ern. Verbessert hat sich aber bis heute nicht viel: Jährlich werden in den USA rund 3000 indigene Frauen entführt oder ermordet.

Verlegerin Else Laudan schreibt über Rendons Buch im Vorwort: “Ihre Erzählweise, seltsam entschleunigt, changiert mit ganz eigenem Rhythmus zwischen Hardboiled-Krimi, Countryballade und staubtrockenem Truth-Telling über die US-Realität der 1970er Jahre und die vielfältig beraubten Native Americans”. Besser kann man es nicht zusammenfassen.

8 von 10 Punkten

Marcie Rendon: “Stadt Land Raub”, übersetzt von Jonas Jakob, Ariadne-Verlag, 237 Seiten.

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Steph Cha: “Brandsätze”

(c) Ars Vivendi

Neben der Coronakrise stand das Jahr 2020 in den USA ganz unter dem Eindruck der “Black Lives Matter”-Bewegung. Dass diese bereits im Jahr 2013 nach dem Freispruch des Polizisten George Zimmerman entstand, der den afroamerikanischen Teenager Trayvon Martin getötet hatte, wird dabei leicht vergessen.

Auch in Steph Chas “Brandsätze” geht es um Rassismus und Diskriminierung. Wie komplex und verworren die Situation tatsächlich oft ist, macht sie am Schicksal zweier Familien klar. Da ist einerseits Shawn Matthews, dessen Schwester Ava im Jahr 1991 von einer koreanischen Ladenbesitzerin erschossen wurde. Und andererseits Grace Park, die Tochter der Täterin von damals, die ungestraft davon kam. Während Grace im Jahr 2019 von den Geschehnissen von damals nichts weiß, hat Shawn mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen.

Schuld, Reue, Rache und Vergebung – darum dreht sich der mitreißende Roman der US-Autorin mit koreanischen Wurzeln. Cha interessiert sich für Opfer und Täter. Sie zeigt auf, wie leicht man von dem einen zum anderen werden kann, wie verschwimmend die Grenzen zwischen richtig und falsch sein können.

Schnell taucht die Frage auf: Wie hätte ich gehandelt? Wie kann man nach traumatischen Ereignissen weiterleben? Über diese persönlichen Fragen hinaus schafft es die Autorin auch, zu zeigen, mit welchen Problemen die Gesellschaft in den USA zu kämpfen hat.

Als ergänzende Lektüre empfiehlt sich “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis, dessen überzeugender Thriller im Los Angeles des Jahres 1992 angesiedelt ist, als es nach der Misshandlung von Rodney King durch Polizisten zu Unruhen kam, die 52 Menschenleben forderten.

8 von 10 Punkten

Steph Cha: “Brandsätze”, übersetzt von Karen Witthuhn, Ars Vivendi Verlag, 336 Seiten.

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Adrian McKinty: Alter Hund, neue Tricks

(c) Suhrkamp Nova

Mit dem Thriller “The Chain” gelang dem Nordiren Adrian McKinty im Vorjahr der größte Erfolg seiner Schriftstellerkarriere – paradoxerweise mit seinem schwächsten Buch. Wer wissen will, was der Autor tatsächlich drauf hat, muss allerdings seine Sean-Duffy-Reihe lesen.

Band acht, “Alter Hund, neue Tricks”, überzeugt erneut in allen Belangen. Duffy, nur mehr Teilzeitpolizist, zweifelt an der Version eines aus dem Ruder gelaufenen Autodiebstahls. McKinty punktet mit Duffys inneren Monologen, popkulturellen Referenzen und Verweisen auf eigene Werke.

Angeblich soll nach Band neun mit Sean Duffy Schluss sein. Doch die Hoffnung bleibt bestehen: Möge dieser Ermittler niemals in Pension gehen!

Die Sean-Duffy-Romane in der richtigen Reihenfolge:

“Der katholische Bulle”

“Die Sirenen von Belfast”

“Die verlorenen Schwestern”

“Gun Street Girl” (mein persönlicher Favorit)

“Rain Dogs”

“Dirty Cops”

“Cold Water”

9 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Alter Hund, neue Tricks”, übersetzt von Peter Torberg, Suhrkamp Nova, 368 Seiten.

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Zoë Beck: Paradise City

(c) Suhrkamp


Bislang hat sich Zoë Beck vor allem einen Namen als Autorin ausgezeichneter Kriminalromane gemacht. Technik spielte dabei in ihren zeit- und sozialkritischen Thrillern immer eine wichtige Rolle. In “Die Lieferantin” ging es um Drogenhandel per Drohne und in “Brixton Hill” um ein Luxus-Hochhaus, in dem der Strom ausfällt. Mit “Paradise City” macht die in Berlin lebende Deutsche so gesehen nun eigentlich nur einen weiteren logischen Schritt.

Das Buch spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Algorithmen – und nicht die Politik – über viele Bereiche des Lebens entscheiden. Deutschland, das von Seuchen und Umweltkatastrophen heimgesucht wurde, befindet sich endlich wieder im Aufschwung. Der Regierungssitz wurde nach Frankfurt verlegt, Berlin dient nur mehr als Kulisse für Touristen. Es scheint eine schöne neue Welt zu sein, die hier entstanden ist. Bloß sollte man keinen zweiten Blick darauf werfen.

Bürgerrechte? Kein Interesse

Die Demokratie, wie wir sie kennen, hat in der jahrzehntelangen Krisenzeit massiv gelitten. Für Bürgerrechte scheint sich niemand mehr zu interessieren. Staatliche Nachrichtenagenturen beherrschen die Medienlandschaft. Unabhängiger Journalismus, dessen Hauptrolle mittlerweile darin besteht, Fake News aufzudecken und den Wahrheitsgehalt der staatlichen Quellen zu hinterfragen, wird von allen Seiten in Verruf gebracht. An investigativen Journalismus ist kaum mehr zu denken. Ohnehin glaubt niemand mehr an die Existenz einer objektiven Wahrheit: “Der Mensch glaubt sowieso nur, was er glauben will”, heißt es an einer Stelle. Das Gesundheitssystem basiert auf schwer nachvollziehbaren Entscheidungen, die eine Software trifft; auf Datenschutz beharrt nur, wer etwas zu verbergen hat. Wer sogenannte Videoblocker verwendet, um die automatische Gesichtserkennung zu verhindern, macht sich verdächtig.

Liina ist Rechercheurin bei Gallus, einem der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenportale. Als sie in die Provinz geschickt wird, um den ungewöhnlichen Fall einer angeblichen Schakal-Attacke zu untersuchen, fühlt sie sich von ihrem Chef ausgebootet. Als dieser kurz darauf bei einem seltsamen Unfall beinahe stirbt, wird Liina aber langsam klar, dass es bei all dem um viel mehr gehen dürfte – und dass auch sie selbst, die vor Jahren eine lebenswichtige Organtransplantation erhalten hat, dabei eine wichtige Rolle spielt.

Die vielseitige Autorin, die auch Bücher von Genre-Größen wie Gerald Seymour und Denise Mina übersetzt hat, als Synchron-Regisseurin sowie als Verlegerin (CulturBooks) tätig ist, hat in “Paradise City” nicht bloß die Handlung in die Zukunft verlegt. Ihr dystopischer Roman lässt sich in keine Schublade stecken. Es mag zwar Thriller auf dem Cover stehen, doch das Buch ist viel mehr als bloße Spannungsliteratur. Es macht nachdenklich und hinterlässt Spuren, Liinas Leidensweg berührt. Becks Stärke liegt darin, diesen nicht voyeuristisch auszuschlachten, sondern Stück für Stück ihre Figur begreifbar zu machen. Puzzleteil für Puzzleteil wird die Persönlichkeit offenbart – inklusive all der Rätsel, die jedem Individuum anhaften, wie gut man es auch zu kennen glaubt.

Apokalypse ohne Helden

Ebenso wie ihrem Kriminalschriftsteller-Kollegen Tom Hillenbrand (“Drohnenland”, “Hologrammatica”, “Qube”) gelingt es Beck perfekt, einen faszinierenden Blick in eine mögliche Zukunft zu werfen. Und ihre Botschaft ist klar: So düster und maschinengetrieben die Welt dann auch sein mag, letztlich zählt doch vor allem die Menschlichkeit.

Auffällig ist, dass neben Liina nahezu alle relevanten Charaktere der fesselnden Geschichte Frauen sind – Beck steht damit im besten Sinne in der Tradition der großartigen Margaret Atwood. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der wichtigste Mann, Liinas Chef, bezeichnenderweise zum Opfer wird. Zoë Beck bestätigt eindrucksvoll: Apokalyptische Szenarien kommen auch ganz gut ohne einsame, schweigsame Cowboys aus.

9 von 10 Punkten

Zoë Beck: “Paradise City”, Suhrkamp Verlag, 281 Seiten.

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Tommie Goerz: Meier

(c) Ars Vivendi

Zehn Jahre lang hat Meier im Gefängnis gesessen, wegen Mordes – unschuldig. Als er wieder in Freiheit kommt, versucht er sein Leben in den Griff zu bekommen. Er agiert wohlüberlegt und schreckt auch vor kriminellen Taten nicht zurück, um sich finanziell über Wasser zu halten. Autor Tommie Goerz porträtiert in “Meier” einen vom Leben Betrogenen, der nicht akzeptiert, Opfer zu sein. Als sich Meier durch Zufall die Möglichkeit zur Rache bietet, zögert er nicht.

Atmosphärisch sehr dicht erzählt, überzeugt diese “Ballade des zufriedenen Knackis”, wie die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” schreibt, in vielen Punkten. Einziges Manko des schmalen Buches: Es sind dann doch ein paar Zufälle zu viel: Dass er den eigentlichen Schuldigen seiner Haftstrafe zufällig wiedersieht, ein Beweisstück zufällig auftaucht – an einem Ort, an den Meier wohl nie im Leben kommen würde. Das ist nicht ganz glaubwürdig. Das ist wohl dem Umstand geschuldet, dass der Autor sein Buch ohne wirklichen Plan geschrieben hat, wie er auf “BR.de” sagt. Das ist einerseits sein großes Plus, weil es nicht in irgendein Schema hineinfällt, aber eben auch sein großes Minus.

Für den ersten Versuch im Hardboiled-Genre ist “Meier” aber eine echte Überraschung im positiven Sinne, zumal der Autor bislang vor allem für seine “Bierkrimis” um den schrullig-kauzigen Kommissars Friedemann “Friedo” Behütuns bekannt war.

7 von 10 Punkten

Tommie Goerz: “Meier”, Ars Vivendi Verlag, 160 Seiten.

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Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Mit “Sommer bei Nacht” hat der deutsche Krimiautor Jan Costin Wagner ein außergewöhnliches Buch über Trauer, Verlust und Ängste geschrieben.

Ben Neven ist Polizist. Der Vater einer Tochter ermittelt im Fall eines verschwundenen Kindes. Nach einem stressigen Tag sitzt der Ermittler vor seinem Notebook. Er ruft einschlägige Videos auf, um sich Erleichterung zu verschaffen – und onaniert. So weit ist das nicht ungewöhnlich. Doch er betrachtet dabei zwei kleine Buben, die nackt am Strand spielen.

Ein pädophiler Ermittler? Darf das sein? Ja, denn Jan Costin Wagners “Sommer bei Nacht” ist ein außergewöhnlicher Kriminalroman. Es geht ihm nicht darum, eine sensationalistische Geschichte geschmacklos auszuschlachten. Multiperspektivisch erzählt er davon, was passiert, wenn sich die heile Welt von einem Moment auf den nächsten in Luft auflöst: aus Sicht der Eltern des Entführten, dessen Schwester, diverser Ermittler und auch des Täters sowie eines Mitwissers. Hier hat wirklich jede Figur ihre ganz eigene Stimme.

Dem Autor geht es nicht darum, Gut-gegen-Böse-Stereotype zu befördern, vielmehr versucht er, allen Beteiligten gerecht zu werden – ohne zu verurteilen. Er erzählt von Menschen, nicht von Monstern. Es sind anrührende kleine Szenen, die er schildert und für die im Krimi-Genre sonst kaum Platz ist.

Auch deshalb bezeichnet man ihn gern als den Literaten unter den deutschsprachigen Kriminalschriftstellern (“Tage des letzten Schnees”). Wie auch immer: Trauer, Verlust und Ängste – kaum jemand versteht es so gut wie Wagner, diese Gefühle literarisch abzuhandeln.

8 von 10 Punkten

Jan Costin Wagner: “Sommer bei Nacht”, Galiani Berlin Verlag, 312 Seiten.

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Wallace Stroby: Zum Greifen nah

(c) Pendragon Verlag

Mit der Berufsverbrecherin Crissa Stone (“Kalter Schuss ins Herz”, “Fast ein guter Plan”, “Geld ist nicht genug”, “Der Teufel will mehr”) hat US-Krimiautor Wallace Stroby eine Kultfigur erschaffen – ein weibliches Pendant zu zwei echten kriminellen Serien-Größen des Genres: Parker (von Richard Stark) und Wyatt (von Garry Disher).

Noch vor seiner vierteiligen Crissa-Stone-Serie schrieb Stroby aber bereits ein Buch rund um eine weitere starke Frau, die Polizistin Sara Cross. Mit “Zum Greifen nah” liegt der gepflegte Noir nun erstmals auf Deutsch vor. Cross gerät in ein Dilemma, als sie an der Notwehr-Version eines Kollegen (noch dazu ihr Ex-Freund) zu zweifeln beginnt. Eine knifflige Situation, fesselnd zu lesen.

Das Buch ist mehr als nur eine Fingerübung für die spätere Crissa-Stone-Serie. Glaubwürdig schildert Stroby die Zwickmühle, in der Sara steckt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrem manipulativen Ex-Freund, ihrem Vorgesetzten und ihrer Rolle als Mutter eines Sohnes, den sie beschützen will. Jede dieser drei Saras hat eine andere Loyalität. Schon bald ist ihr klar, dass die Suche nach der Wahrheit gefährlich ist. Wie kann sie das Richtige tun?

Fazit: Stroby hat es drauf, egal ob er aus Polizisten- oder Verbrechersicht erzählt. Bleibt zu hoffen, dass der Pendragon-Verlag diesem Autor treu bleibt und uns in den nächsten Jahren noch mehr Stoff liefert.

Wallace Stroby: “Zum Greifen nah”, übersetzt von Bernd Gockel, Pendragon Verlag, 357 Seiten.

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Frank Göhre: Verdammte Liebe Amsterdam

„Am zwanzigsten kurz nach neun nahm Schorsch den Anruf entgegen.“ Mit diesem unprätentiösen Satz beginnt Frank Göhres nur 168 Seiten schmaler Kriminalroman „Verdammte Liebe Amsterdam“. Es ist ein Telefonat, das das Leben von Schorsch Köster verändern wird. Denn der Anrufer setzt ihn darüber in Kenntnis, dass sein Bruder Michael tot auf einem Rastplatz aufgefunden wurde. „Nah stand er ihm schon lange nicht mehr, aber wie auch immer, er war das einzige noch lebende Familienmitglied gewesen.“ Schorsch begibt sich also auf eine Spurensuche, die ihn auch mit seinen eigenen düsteren Geheimnissen konfrontieren wird.

In Rückblenden erzählt der Autor von der Beziehung zweier Brüder, die niemals eine einfache war. Er schreibt davon, wie sie sich nach dem Tod der Mutter gegen die neue Frau an der Seite des Vaters zur Wehr setzen mussten und wie es sie beide, als Jugendliche und auch als Erwachsene, zur gleichen egoistischen Frau hinzog.

Beeindruckendes Krimi-Destillat

Zehn Jahre sind vergangen, seit Göhres letzter Roman „Der Auserwählte“ erschienen ist. Anderen Krimiautoren könnte man angesichts der geringen Seitenanzahl vielleicht vorwerfen, dass ihnen nichts eingefallen sei, doch der 76-jährige Autor ist ein Meister der wenigen Worte. Er braucht keine 400 oder 600 Seiten, um zu beweisen, was er kann. Sein Buch ist ein beeindruckendes Krimi-Destillat, das im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht. Vergleichbar ist es vielleicht am ehesten mit den Werken des außergewöhnlichen US-Autors James Sallis.

Der deutsche Krimi-Veteran befreit sich von jeglichem Wörterballast und bleibt immer am Punkt. Er treibt seine Geschichte voran, die Köster zur soeben zur Polizistenwitwe gewordenen Martina, deren neuem Freund Klaus – noch dazu einem Kollegen des Verstorbenen – und deren verschwundener Tochter Suse führt. Hat der Tod seines Bruder mit dem Verschwinden des 15-jährigen Mädchens zu tun? Und wo ist das Mädchen jetzt?

Göhre verbindet die Leben dieser Figuren und erzählt aus mehreren Perspektiven. Es sind vor allem seine präzisen Beschreibungen, sein Gespür für das Detail, die seine schlichten Sätze zu kriminalliterarischen Leckerbissen machen. Er muss nicht endlos das Aussehen von Martinas goldenem Kleingarten-Käfig schildern, um die alltägliche Ödnis begreifbar zu machen. „Die Gartenstühle waren mit der Lehne an die Tischplatte gekippt, der Grill musste gesäubert werden, und auch sonst gab es draußen wie drinnen einiges zu tun.“ Und ihr Sexleben? „Blömke drang in sie ein, erschlaffte rasch und knutschte sie wild ab, Mund, Hals, Brüste.“

Fast ein lupenreiner Noir

Dennoch frönt das Buch keineswegs der gepflegten Tristesse. Milieustark schreibt der Autor über Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise zu überleben versuchen. Liebe wird, wenn sie nicht überhaupt unausgesprochen bleibt, durch wenige Worte und kleine Gesten erkennbar.

Und zwischendurch leuchten immer wieder Sätze wie folgender: „Schorsch kippte den lauwarmen Wodka runter, Vergangenes wurde gegenwärtig, Gegenwärtiges wurde zum Spiegel des Vergangenen.“ Wunderbar.

Das Fazit? Wären da nicht die letzten beiden Sätze, man könnte „Verdammte Liebe Amsterdam“ als lupenreines Stück Noir bezeichnen. Doch die letzten Zeilen warten dann eben doch mit einem wohligen Gefühl bösartiger Gerechtigkeit auf.

10 von 10 Punkten

Frank Göhre: “Verdammte Liebe Amsterdam”, CulturBooks Verlag, 168 Seiten.

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Robert Pobi: Manhattan Fire

Es ist eigentlich ein unmöglicher Schuss: Mit höchster Präzision tötet ein Scharfschütze mitten in New York City einen FBI-Agenten – noch dazu, während ein Blizzard die Stadt heimsucht. Deshalb wird Lucas Page, brillanter Ballistiker und Ex-Kollege des Toten, herangezogen, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Mit der Figur Lucas Page hat Autor Robert Pobi eine Figur erschaffen, die ein Fixpunkt des Krimigenres werden könnte. Der körperlich Versehrte verfügt über ein unglaubliches Talent räumlicher Wahrnehmung und kann Tatorte “lesen”. Er ist eine Art “Tatortflüsterer”.

Die ungewöhnliche Familiensituation der Hauptfigur verleiht der Lektüre darüber hinaus einen besonderen Reiz. Page und seine Frau kümmern sich um Kinder, die das US-Sozialsystem ausgespuckt hat. Es ist eine sympathisch unperfekte – um nicht zu sagen: chaotische – Familiensituation. Kaum wo werden die Werte der Familie so betont wie in den USA. Da kann man diese Konstellation durchaus als Kritik verstehen.

Besonders spannend fand ich es auch, dass es dem Autor gelungen ist, die USA als tief gespaltenes Land zu porträtieren. Denn “Manhattan Fire” wartet mit einer ordentlichen Portion Medienkritik auf. Sowohl CNN als auch Fox News bekommen ihr Fett ab. Es ist eine mitunter scharfe Abrechnung mit den beiden TV-Giganten. Die Wahrheit findet weder da noch dort, sondern irgendwo in der Mitte statt.

7 von 10 Punkten

Robert Pobi: “Manhattan Fire”, übersetzt von Wolfgang Thon, Aufbau Verlag, 445 Seiten.

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