S. A. Cosby: Blacktop Wasteland

(c) Ars Vivendi

Noir nennt sich heutzutage schnell etwas. Doch “Blacktop Wasteland” ist wirklich ein überzeugendes Stück Noir. Wenn man will, kann man diesen harten Genreknochen auch als Neo-Noir titulieren. Denn noch selten hat man einen derartig actiongeladenen Noir gelesen. Die Auto-Verfolgungsjagden erinnern frappant an die Action-Filmreihe “Fast and Furious”. Und noch ein uramerikanischer Wert eint Filmserie und Buch: family – Familie ist alles.

Zoomen wir gleich in das Buch. “Wenn du in Amerika schwarz bist, trägst du jeden Tag die Last der niedrigen Erwartung anderer Leute mit dir herum.” So klingt es, wenn Beauregard “Bug” Montage seinen zwölfjährigen Sohn Javon davon überzeugen will, dass Bildung wichtig ist. Der selbst großteils vaterlos aufgewachsene Bug weiß, wovon er spricht. Er saß mehrere Jahre im Jugendgefängnis und versucht verzweifelt, als Automechaniker ein ehrliches Leben zu führen.

Doch das ist einfacher gesagt als getan. Eine neue Konkurrenz-Werkstatt und dadurch ausbleibende Kunden führen zu notorischer Ebbe in der Kasse, das Pflegeheim seiner Mutter wiederum saugt das spärlich hereinkommende Geld wie ein Schwamm auf. Als der wenig vertrauenserweckende Ronnie auftaucht und ihm einen Job als Fluchtwagenfahrer bei einem Überfall auf ein Juweliergeschäft anbietet, hat er, genau genommen, keine Wahl.

Bug ist nicht naiv, er weiß wie der Hase läuft: Unter Dieben gibt es keine Ehre. Und natürlich wird nichts so laufen wie geplant. Doch Bug ist gewappnet – wie aussichtslos die Situation auch gerade sein mag. Und das wird sie des öfteren sein.

Seziermesserscharfe Porträts

S. A. Cosby porträtiert seine Figuren punktgenau. Rasiermesserscharf, nein: seziermesserscharf. Über Ronnies Herkunft schreibt er etwa: “Wenn man in Armut aufwuchs, gewöhnte man sich ans Warten. Warten auf den Sozialhilfescheck in der Posten, warten auf die Almosen der Kirche, Warten, dass die Gemeindemitglieder einen mit ihrer säuerlichen Mitleidsmiene ansahen (…).”

Der Autor erzählt aber auch viel über Söhne und Väter und deren nicht immer einfaches Verhältnis. Bug etwa gerät letztlich in das ganze furchtbare Schlamassel nur, weil er sich von jenem Auto nicht trennen kann, das einst seinem Vater Anthony, der schließlich spurlos verschwand, gehörte. Dabei wusste der von seinem Sohn vergötterte Vater nicht einmal die wichtigsten Dinge aus dem Leben seines Filius. “Alles klar. Wir besorgen dir den größten Erdbeershake, den sie haben”, sagt Anthony einmal. Dabei ist Bugs Lieblingssorte Schoko, wie er enttäuscht flüstert. Als er später in der Geschichte einen Schokoshake haben will, antwortet der Vater: “Klar. Immer wieder was Neues.” Er weiß einfach nichts über seinen Sprößling.

Bug will daher bei seinen Söhnen alles richtig machen. “Ich habe mich sehr angestrengt, ein besserer Vater zu sein. Aber es ist fast so, als hätte ich meine Jungs mit einer Krankheit angesteckt”, muss er resigniert feststellen, nachdem sein zwölfjähriger Sohn Mist gebaut hat – letztlich auch, weil er so handelt, wie er glaubt, dass Bug handeln würde. Welche Krankheit? “Neigung zu gewalttätiger Konfliktlösung.” Eine Erkenntnis bleibt aber am Ende: Auch ein schlechter Vater ist besser als kein Vater.

10 von 10 Punkten

S. A. Cosby: “Blacktop Wasteland”, übersetzt von Jürgen Bürger, Ars Vivendi, 320 Seiten.

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Horst Eckert: Die Stunde der Wut

(c) Heyne

Horst Eckert zählt für mich zu den besten deutschen Krimiautoren. Nach “Im Namen der Lüge” legt er nun mit “Die Stunde der Wut” den zweiten Teil seiner Serie rund um Melia Adan und Vincent Veih (“Schwarzlicht”, “Wolfsspinne”) vor. Keiner beherrscht im deutschsprachigen Raum das Genre des “Police Pocedural” so traumwandlerisch gut wie Eckert – mit Ausnahme von Norbert Horst (“Mädchenware”) vielleicht.

Auch die Machenschaften der Geheimdienste spielen in seinen letzten Büchern eine große Rolle. Sehr spannend war es daher auch, als Eckert im Zuge des virtuell übertragenen “Crime Day 2021” in einer Debatte auf Stephan R. Meier, den Autor des Politkrimis “44 Tage” (indem es um den RAF-Terror im Jahr 1977 geht) traf. Gegensätzlicher könnten die beiden Autoren in ihrer Grundeinstellung kaum sein. Während Eckert die Tätigkeiten der Inlandsgeheimdienste Deutschlands äußerst skeptisch betrachtet, steht Meier diesen wesentlich wohlwollender gegenüber.

Kein Wunder, ist Meier doch der Sohn des ehemaligen Verfassungsschutzchefs. Und gibt unumwunden zu, dass er seinem Vater ein literarisches Denkmal setzen wollte. Das ist natürlich verständlich, zumal Meiers Familie tödliche Bedrohung hautnah miterlebte. “Das gleitet jedoch oft in eine allzu plumpe, schon peinliche Glorifizierung des im Roman „Roland Manthey“ (=Richard Meier) genannten Präsidenten des Amtes für Verfassungsschutz – und auch einiger anderer Protagonisten – ab”, schreibt etwa der Literaturblog.

Eckert, wie gesagt, ist von einer Glorifizierung der Geheimdienste weit entfernt. “Du weißt doch, dass seit der NSU-Geschichte das Vernichten von Unterlagen verboten ist, weil herauskam, dass wir etliche NSU-Helfer auf diese Art geschützt haben. So etwas wie die Aktion Konfetti soll es nie wieder geben”, heißt es da an einer Stelle. “Deshalb lässt man Akten, die niemand lesen soll, nicht mehr verschwinden, sondern belegt sie mit einem Auswertungsverbot.”

Gekonnt führt der Autor lose Fäden aus “Im Namen der Lüge” weiter. Melia ist im zweiten Band zur Kriminalrätin aufgestiegen, Kriminalhauptkommissar Vincent Veih ist ihr mittlerweile unterstellt. Melia will noch immer den Tod einer Kollegin klären, deren Leiche bis dato nicht gefunden wurde. Und Veih hat sich noch immer mit seiner Mutter, einer ehemaligen RAF-Kämpferin, herumzuschlagen. Wohl auch deshalb ist ihr Streben nach Gerechtigkeit so ausgeprägt. Aber auch so wichtig wie nie: Denn der Feind lauert in den eigenen Reihen. Ränkespiele und Korruption stehen auch bei der Polizei an der Tagesordnung.

7 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Die Stunde der Wut”, Heyne Verlag, 445 Seiten.

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Simone Buchholz: River Clyde

(c) Suhrkamp Nova

Simone Buchholz hat mich zu einem anderen, offeneren Leser gemacht. Ich weiß nicht, ob ich ohne ihre Bücher für das zuletzt hier besprochene “Winter Traffic” bereit gewesen wäre. Wenn ich an meine erste Lese-Begegnung mit ihr zurückdenke, dann war ich nach der Lektüre von “Blaue Nacht” einigermaßen verwirrt. Das war kein klassischer Kriminalroman. Da war ich noch ein wenig skeptisch. Ich konnte mit dem Faller, Klatsche, Stepanovic und wie sie alle heißen nicht allzu viel anfangen. Doch spätestens seit dem nächsten Buch “Beton Rouge” würde ich mich als großen Fan bezeichnen.

Nun ist also der zehnte Chastity-Riley-Roman “River Clyde” erschienen – und wie ich leicht entsetzt feststellen musste, offenbar auch der letzte der Serie. Also noch einmal Zeit, darüber nachzudenken, was diese Bücher so großartig macht. Da ist natürlich dieser ganz ganz eigene Stil, den wohl nur wenige Verlage in einer Krimi-Serie zulassen würden. Dann diese beschädigte Hauptfigur Chastity Riley – beschädigt wie wir alle natürlich. Uns allen setzt das Leben zu – und dennoch ist es dieser ganz eigene Humor, mit dem Buchholz Verlust, Angst, Abschied, Schmerz und all die anderen bösen Dinge erträglich macht. Ihre Bücher sind Balsam. Wie Pflaster können wir sie über unsere Wunden legen. Und ganz nebenbei hat sie Hamburg für mich zu einem Sehnsuchtsort gemacht!

Das ist so echt, was Buchholz schreibt. Da ist in “River Clyde” zum Beispiel dieser wunderbar aus dem Leben gegriffene “Fortnite”-Dialog (kürzlich sehr ähnlich im Kinderzimmer gehört): “Handlanger, low, pass auf.” – “Denken, die können sich verstecken.” – “Hab einen. Der war lost.” Ganz großes Kino!

Normalerweise gab es eine schlüssig abgehandelte kriminalliterarische Handlung, wenn sie auch niemals im Vordergrund stand. Im abschließenden Band zerfällt allerdings Chastitys Welt endgültig in Stücke. Deshalb macht sie sich auf nach Glasgow, und spürt dort ihren Wurzeln nach. Es ist also logische Konsequenz, dass auch die Krimihandlung in diesem Buch auseinanderbröselt. Im Interview mit der “Presse” gibt die Autorin das auch unumwunden zu: “Ich habe immer wieder kleine Irritationen gesetzt, aber mich meistens zurückgehalten. Jetzt habe ich mir gedacht, es ist der letzte Band der Reihe, da kann ich mich trauen.”

Rein als Kriminalroman betrachtet ist “River Clyde” also eher vernachlässigbar – als konsequenter Abschluss einer außergewöhnliche Krimi-Serie um eine Frau, frei von Konventionen und Zwängen aber perfekt in Szene gesetzt.

3 (als Krimi) / 10 (als Abschluss einer genialen Serie) von 10 Punkten

Simone Buchholz: “River Clyde”, Suhrkamp Nova, 228 Seiten.

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Stephen Greenall: Winter Traffic

(c) Suhrkamp

Stephen Greenalls “Winter Traffic” ist definitiv der außergewöhnlichste Kriminalroman des Jahres 2021. Ich weiß, das ist eine gewagte Behauptung, wir haben ja gerade einmal Anfang April – aber schon allein die leidenschaftliche Kontroverse um dieses Buch zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Culturmag-Autor Alf Mayer sucht ihresgleichen. Während FAZ-Autor Kai Spanke an “Winter Traffic” und dem “Möchtegernpoeten” Greenall kein gutes Haar lässt, verteidigt Mayer den australischen Autor in einer wütenden Replik. Mayer nennt Spanke einen “empörten Spießer”. Ein Krimi rund um einen Krimi also.

Nachdem ich kurz zuvor bereits Mayers exzellentes Interview mit Greenall gelesen hatte, war mein Interesse also endgültig geweckt. Und eines vorweg – Mayer schreibt ganz richtig: “This is not your normal Kriminalroman”. Man kann überhaupt darüber diskutieren, was “Winter Traffic” eigentlich ist. Ein Thriller, so wie es auf dem Cover steht? Oder doch ein klassischer Kriminalroman? Gar hohe Literatur (Fans griechischer Mythologie werden mit diesem Buch eine wahre Freude haben)?

Das Etikett “Thriller” tut dem Buch jedenfalls nicht gut. Da erwartet man sich dann doch etwas anderes. Einen Pageturner. Das ist “Winter Traffic” nicht. Es ist vielmehr ein kriminalliterarisches Vexierspiel im besten Sinne. Es ist ein Gedulds- und Verwirrspiel, eine Scharade folgt auf die andere. Gerade zu Beginn weiß man nicht, wohin diese Reise geht. Wird hier nach vorn oder rückwärts erzählt? Die Kapitel jedenfalls zählen wie ein Countdown nach unten (und sogar darüber hinaus). So gesehen könnte man dieses Buch durchaus auch als eine moderne, raue, verwegene Art Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie sehen.

Einer Illusion sollte man sich nicht hingeben: dass man alles verstehen wird. Übersetzerin Conny Lösch hat es Mayer gegenüber folgendermaßen ausgedrückt: “Du, ich hab auch nicht alles verstanden. Mit jedem Durchgehen erschließt sich mir mehr, aber es wird immer Reste geben. Schattenzonen. Es muss sich nicht immer alles in Wohlgefallen auflösen. In der Literatur gibt es kein Recht dazu.” Das ist ein Punkt, der mir gut gefällt. Ich selbst liebe es, von guten Autoren eine schlüssige Geschichte erzählt zu bekommen. Ich ziehe das immer noch vor, denn auch das ist große Kunst: mit klarer Sprache zu erzählen. Aber: Ich muss nicht immer alles verstehen. Das ist eine Erkenntnis, die ich nach der Lektüre von “Winter Traffic” mitnehme.

Und ja, die Lektüre war zwischendurch echt anstrengend. Das ist kein Buch zum fröhlichen Aufschnupfen, das ist mitunter echte Lesearbeit. Aber es war sie wert. Man muss sich allerdings darauf einlassen, sonst sollte man es lieber sein lassen. Da war auch Frustration dabei: Bin ich echt so daneben, dass ich keine Ahnung habe, wo das nun hinführt? Aus wessen Sicht wird da gerade erzählt? Lese ich hier wirklich aus der Sicht eines Hundes? Und was zum Teufel ist ein Inkrementaler?

Somit wäre “Winter Traffic” wohl das perfekte Buch für die Frage: “Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?”. Denn wie oft man dieses Werk wohl lesen mag, man würde immer wieder neue Dinge entdecken. Würde vermeintliches Wissen wieder über den Haufen werfen, weil doch alles anders ist.

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, eine Inhaltsangabe zu versuchen. Die Geschichte spielt in Sydney im Jahr 1994. Im Zentrum der Handlung stehen zwei vom Leben gebeutelte Männer: Der korrupte Polizist Rawson und sein Kumpel Sutton, der Verbrecher. Und dann wäre da noch Karen Millar. Aber welche Rolle spielt diese aufstrebende Polizistin eigentlich? Hatte sie nun mal etwas mit Rawson oder nicht? Will sie Rawson, den alten Haudegen in Uniform, nun zu Fall bringen oder steht sie doch auf seiner Seite?

Teilweise fühlt man sich so, als würde man ständig alle Möglichkeiten der Geschichte abwägen. Man sucht als Leser immerfort nach gültigen Bedeutungen des soeben Gelesenen. Es ist fast so, als würden die Figuren ständig vor Wegkreuzungen stehen und alles wäre offen. Gehe ich nach links oder rechts oder doch geradeaus? Greenall führt mit seinem Text vor Augen, dass es so etwas wie “die eine Wahrheit” nicht gibt. Diese liegt im Auge des Betrachters.

Man könnte “Winter Traffic” auch als eine nette Zitatesammlung für alle mögliche Gelegenheiten verstehen. Hier nur zwei Beispiele:

“Überall befindet sich ein Tatort, man muss nur weit genug in der Zeit zurückgehen.”

“Menschen müssen sich gegenseitig Etiketten aufkleben, sich gegenseitig auf eine Art Essenz einkochen. Aber du hast die Vorstellung immer gehasst, auf den ersten Blick durchschaubar zu sein.”

Puuh, ich merke, ich könnte endlos weiterschreiben. So gesehen hat der Australier irgendwas wohl verdammt richtig gemacht. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich vor einigen Jahren nichts mit diesem Buch hätte anfangen können. Jetzt aber hat es mir wirklich Spaß gemacht. Wer Krimi sehr eng definiert (also: am Ende steht die Lösung des Falls), sollte wohl tunlichst die Finger davon lassen. Greenall zeigt jedenfalls, wozu gute Kriminalliteratur fähig ist.

Die übliche Punkte-Bewertung unterlasse ich diesmal bewusst. Dieses Buch entzieht sich jeder Art von Kategorie.

Stephen Greenall: “Winter Traffic”, übersetzt von Conny Lösch, Suhrkamp Verlag, 493 Seiten.

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Philip Kerr: 1984.4

(c) Rowohlt Rotfuchs

Der vielseitige britische (Nicht-nur-)Krimiautor Philipp Kerr ist 2018 überraschend und viel zu früh gestorben. Ich bin froh, dass ich den sympathischen Briten im Zuge der Kriminacht 2015 in Wien live erleben durfte. Bekanntheit erlangte er vor allem mit seiner Serie rund um Kultfigur Bernie Gunther, der in der Nazi- und Nachkriegszeit ermittelt. Darüber hinaus schrieb er aber auch Wissenschaftsthriller, fantasievolle Kinderbücher und ziemlich gelungene Fußball-Krimis (“Die Hand Gottes”).

Drei Jahre vor seinem Tod hat der Autor eine Hommage auf George Orwells Meisterwerk “1984” verfasst, die nun posthum erschienen ist. Orwells Werk gilt bis heute als eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Der alles sehende und alles wissende “Große Bruder” wurde zum Synonym des allmächtigen Überwachungsstaats. Kurz nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump etwa erreichte das 1948 verfasste Werk angesichts von Trumps laxem Umgang mit Fakten in diversen Bestsellerlisten Platz eins.

Kerr hatte mit seiner Version allerdings keine simple Kopie im Sinn, sondern wollte sein Buch als ein in einem Paralleluniversum entstandenes Werk verstanden wissen, das Orwells großem Roman ähnle, gleichzeitig aber sehr anders sei. Das steht im Vorwort des Autors. Beides ist ihm mit “1984.4” tatsächlich gelungen, an die Wucht und Tiefe des Originals kommt Philip Kerr aber nicht heran.

Die “Ruhestandsvollstrecker” des “Senior Service”

Worum es in Kerrs Buch geht? Alle Menschen, die vor “1984.4” geboren wurden und nun über fünfzig sind, müssen sich einem vollständigen Körperscan unterziehen, um präzise vorhersagen zu können, wann jeweils der geistige Verfall einsetzt. Der “Plan zur freiwilligen Euthanasie” (PFE) legt fest, dass all jene, die ihr errechnetes Ablaufdatum überschritten haben, in den “Ruhestand” – also den Tod – gehen sollen: “Auf diese Weise können die Menschen Vorsorge für ihren eigenen würdigen Abschied aus dem Leben treffen.” In Wirklichkeit geht es aber darum, dass demente und kranke Menschen für die Gesellschaft nicht leistbar sind und daher verschwinden müssen. Sie belasten das Gesundheitssystem und verursachen immense Kosten.

Jene Alten, die sich nicht daran halten, werden gnadenlos vom “Senior Service” (SS) eliminiert. Für die Tötung der alten Menschen beschäftigt das Senior Service sogenannte Ruhestandsvollstrecker. Rekrutiert werden Jugendliche, die – ähnlich wie in einem freiwilligen sozialen Jahr – Dienst für die Gesellschaft versehen. Eine davon ist die 16-jährige Florence, die zu Beginn des Buches keine Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer blutigen Tätigkeit hat. Alte Menschen jagen und töten, das ist ganz normal. Doch als sie zufällig Eric kennenlernt und sich in diesen verliebt, beginnt ihr Weltbild zu wanken.

Kenner werden in der literarischen Würdigung des Orwell’schen Werkes viele Personen wiedererkennen. Aus der am System zweifelnden Hauptfigur Winston wird in der neuen Version die Jugendliche Florence. Nicht ohne Ironie wird dafür in Kerrs Buch aus Winston der bedrohliche große Bruder, gegen den Florence aufbegehrt. Auch wichtige Personen aus dem Original wie Folterer O’Brien und Buchmensch Mr. Charrington sind in “1984.4” wiederzufinden. Und sogar Autor Aldous Huxley findet kurz Erwähnung.

Hoffen auf Bernie Gunthers letzte Rückkehr

Zweifellos hatte Kerr erheblichen Spaß, mit Versatzstücken des Orwell’schen Universums zu spielen. Herausgekommen ist aber etwas ganz anderes. Das Buch liest sich durchaus unterhaltsam, aber auch ein wenig belanglos. Von Orwells niederschmetternd pessimistischer und düsterer Zukunftsversion ist nichts geblieben. Florences Wandlung von der fanatischen Mitläuferin zur Revolutionärin mutet seltsam an – in beiden Rollen wirkt sie naiv. Während bei Orwell alles grau ist, scheint Florence nur schwarz oder weiß zu kennen.

“1984.4” sei das letzte Buch des Autors, steht im Klappentext. Es bleibt zu hoffen, dass das so nicht stimmt. Denn “Metropolis”, der abschließende vierzehnte Band der Bernie-Gunther-Serie, wurde bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt. Und in diesem von ihm erschaffenen Universum historischer Krimis ist Kerr unerreicht.

6 von 10 Punkten

Philip Kerr: “1984.4”, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, Rowohlt Verlag, 320 Seiten.

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Ryan Gattis: Das System

(c) Rowohlt Hundert Augen

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich einen Autor nach nur zwei erschienenen Büchern zu einem meiner Lieblingsautoren zähle. Bei Ryan Gattis ist das aber der Fall. Sowohl “In den Straßen die Wut” als auch sein Nachfolger “Safe” haben mich perfekt auf Lesereise mitgenommen. Und gleich vorweg: Auch bei seinem neuesten Buch “Das System” war das nicht anders. Auf diesen Autor ist Verlass.

Spielt “In den Straßen die Wut” direkt zur Zeit der Unruhen im April 1993 in Los Angeles nach den Vorfällen rund um die Misshandlung von Rodney King durch Polizisten, handelt das aktuelle Buch von Geschehnissen im Dezember 1993. Im Zentrum der Handlung steht “Dreamer”, der unschuldig im Gefängnis landet, weil er eines Mordversuchs bezichtigt wird. Wie schon in seinen beiden Büchern davor erzählt Gattis aus multiperspektivischer Sicht: neben jener von Dreamer aus jener der Ex-Freundin, seines vermeintlich besten Freundes Wizard, des Anwalts, der Staatsanwältin, eines Polizisten, eines Junkies und jenes Bewährungshelfers, aufgrund dessen Falschaussage Dreamer im Gefängnis sitzt. Diese Art der Erzählweise hat sich der Autor zu einer Art Markenzeichen gemacht.

Das erbarmungslose Gefängnissystem der USA

Anschaulich schreibt Gattis vor allem über eines: Das titelgebende “System” – das erbarmunglose Gefängnissystem in den USA. In den 1990er Jahren beginnt sich die Macht der Gangs von der Straße in die Haftanstalten zu verlegen. Dort wird bestimmt, was zu geschehen hat. Als Dreamer ins Gefängnis wandert, hat er – will er überleben – keine andere Wahl, als die Regeln dieses Systems zu akzeptieren. Er muss seine Rolle einnehmen, ob er will oder nicht. Er muss sich unterordnen und auch Gewalt anwenden. Anderenfalls wird er tot sein, ehe vor Gericht seine Unschuld bewiesen werden kann. Sein knasterfahrener Kumpel Wizard steht ihm zur Seite, und dennoch wird Dreamer erkennen müssen, dass sich der Begriff Freund im Gefängnis relativiert. Wenn er Schwächen zeigt oder sich auf die falsche Seite stellt, kann ihm auch der beste Freund nichts helfen. Nicht zufällig ist einem der Kapitel ein Zitat von Charles Bukowski vorangestellt: “Wenn du wissen willst, wer deine Freunde sind, dann lass dich einbuchten.”

Dreamer reift hinter Gittern zu einem jungen Mann heran, der schnell lernen muss, wie hart die Realität aussehen kann. Als Individuum wirst du im Gefängnis ausgelöscht, du bist Teil deiner Gang. Etwas anderes gibt es nicht. Gewalt ist nicht nur eine Option, sondern Überlebensbedingung. Er erkennt dabei, was wichtig ist, was zählt. Dennoch stellt sich ihm die Frage: Wird er so lange überleben können, bis er wieder selbstbestimmt darüber entscheiden kann, was er mit seinem restlichen Leben macht? Wird er seine zweite Chance überhaupt erhalten?

Gattis neigt dabei niemals zu Sentimentalitäten, sein Buch will auch keine beherzte Anklageschrift gegen das Gefängnissystem sein. Durch seine Perspektivenwechsel will er nicht die eine Wahrheit erzählen, sondern zeigen, aus wie vielen unterschiedlichen Puzzleteilen die Wahrheit besteht. Er seziert das “System” messerscharf und offenbart es als das, was es ist: Ein unbarmherziges, ungerechtes System zur Aufbewahrung schuldiger, aber oft auch unschuldiger Menschen. Oder, wie es an einer Stelle des Buches heißt: “Zellen sind einfach große Schließfächer, bloß für Menschen.”

9 von 10 Punkten

Ryan Gattis: “Das System”, übersetzt von Ingo Herzke und Michael Kellner, Rowohlt Hundert Augen, 542 Seiten.

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John Ball: In the Heat of the Night

(c) Penguin

Das erste Mal schreibe ich in diesem Blog einen Beitrag über einen Kriminalroman, den ich im englischen Original gelesen habe. Zu verdanken habe ich das Stefan Heidsiek, der vor Kurzem in der crimealley über die deutschsprachige Ausgabe von “In der Hitze der Nacht” geschrieben hat. Nachdem er mich so neugierig gemacht hatte und ich nicht auf die Zusendung eines antiquarischen Exemplars warten wollte, habe ich zur Originalausgabe als E-Book gegriffen.

Tatsächlich muss man “In the Heat of the Night” als Klassiker der modernen Kriminalliteratur einordnen. Das 1965 geschrieben Buch erlangte vor allem durch seine Verfilmung (fünf Oscars) weltweite Bekanntheit. “Sie nennen mich Mister Tibbs!” liegt laut American Film Institute auf Platz 16 der wichtigsten Filmzitate, der Film selbst auf Rang 75 der besten Filme aller Zeiten. Ball, der Erfinder des schwarzen Polizisten Virgil Tibbs (im Film dargestellt von Sidney Poitier – natürlich erhielt damals Rod Steiger den Oscar als bester Hauptdarsteller und nicht Poitier, aber das ist eine andere Geschichte) ist im deutschsprachigen Raum aber längst in Vergessenheit geraten. Seine Bücher werden schon seit vielen Jahren nicht neu aufgelegt. Leider, kann man nur sagen.

Worum es geht? In dem Südstaaten-Kaff Wells wird ein Toter aufgefunden. Der Mann ist nicht ganz unprominent, sollte er doch ein ökonomisch einträgliches Musikfestival in den Ort bringen. Zudem war er gut vernetzt zu wichtigen Männern der Stadt. Als zufällig Virgil Tibbs, ein erfahrener Mordermittler mit schwarzer Hautfarbe aus Kalifornien, auftaucht, sieht sich der lokale Polizeichef Gillespie, ein ehemaliger Gefängniswärter gezwungen, auf dessen Hilfe zurückzugreifen. Sehr widerwillig natürlich, weil gewisse wichtige Männer der Stadt das so wollen. Aber er erkennt rasch den Vorteil der Situation: sollte der Schwarze die Ermittlungen unter seiner Führung erfolgreich voranbringen, dann kann Gillespie das als seinen Erfolg verbuchen. Sollte er scheitern, dann könnte man Tibbs das Versagen anlasten. Eine win-win-Situation also für den Polizeichef.

Tibbs ist jedenfalls der einzige Profi, wenn es um Mordermittlungen geht. Die lokalen Polizisten sind ahnungslose Stümper. Doch auch Tibbs, der stets Selbstbewusste und Allwissende, befindet sich auf einer falschen Spur, verdächtigt den Falschen. Sowohl Polizist Sam Wood als auch sein Chef Gillespie halten zu Beginn der Geschichte nicht viel von Schwarzen im allgemeinen und Tibbs im speziellen. Sie sind tief im Süden der USA verwurzelt und sozialisiert. Doch mit Fortlauf der Ermittlungen wächst ihr Respekt für den fähigen Mann aus Kalifornien.

Die Krimihandlung mit genretypischen Wendungen ist schlüssig. Autor Ball braucht nicht viele Worte, um die Situation eindrucksvoll darzustellen. Auf nicht einmal 180 Seiten erzählt er von alltäglichem Rassismus und Vorurteilen, aber auch von Menschen, die bereit sind, über ihren Schatten zu springen.

Einiges wirkt ein wenig altbacken aus heutiger Sicht, vor allem die zart angedeutete Romanze zwischen dem Polizisten Sam Wood und der Tochter des Opfers. Die Szene in der Zelle – das wirkt ein wenig deplatziert in diesem Roman, wurde vom Autor aber wohl auch gewählt, um die Anspannung kurzzeitig zu lösen. Alles in allem hat Ball aber einen klassischen Krimi im besten Sinne geschrieben, der durch seine schnörkellose Art besticht und sich auch 55 Jahre nach seinem Entstehen sehr gut liest.

9 von 10 Punkten

John Ball: In the Heat of the Night, Penguin Verlag, 176 Seiten.

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Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders

Der Schotte Ian Rankin ist einer der besten Kriminalschriftsteller der Gegenwart. “Das Souvenir des Mörders” ist der achte Teil seiner Serie rund um Kult-Ermittler John Rebus. Und dennoch ist es nicht irgendein Teil, sondern vermutlich jener, der eine Art Initialzündung war, was seine Breitenwirksamkeit anbelangt. Bis zu diesem Buch war er einfach ein guter Krimiautor, einer von vielen. Doch mit diesem Buch erreichte Rankin ein anderes, höheres Level. Nicht zufällig hat das 1997 erschienene “Black and Blue” (Originaltitel) auch einen Platz in dem Kompendium “Books to die for”, in dem namhafte Krimiautoren ihre Lieblingskrimis empfehlen, gefunden.

Wie ich auf das Buch gestoßen bin? Ein Beitrag auf der crimealley hat mich neugierig gemacht: “Die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist.” Wer mehr über “Das Souvenir des Mörders” wissen will, sollte einfach Stefans Beitrag lesen – nirgendwo werdet ihr besser und umfassender informiert als an dieser Stelle.

Nichtsdestotrotz will ich meine persönlichen Eindrücke hier kurz wiedergeben. Beim Lesen fiel mir ein anderer genialer Autor ein: Jo Nesbø (wobei mir auch Michael Connellys Harry Bosch und James Lee Burkes Dave Robicheaux in den Sinn kamen). Dessen Kriminalroman “Der Erlöser” hat einen ähnlich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das sind wirklich in Worte gegossene Kunstwerke, mit starken Charakteren, eingebettet in überzeugende soziale Umfelder. Und ich habe beide Bücher geliebt, obwohl eine Krimi-Zutat darin vorkommt, die für mich oft ein Grund ist, die Finger davon zu lassen: Serienmörder (in Rankins Buch genau genommen sogar zwei!). Da schrillen bei mir normalerweise immer die Alarmglocken.

Gut-Böse-Schemata, die simple Suche nach einem Täter und am Ende des Rätsels Lösung: Das wird man in “Das Souvenir des Mörders” vergebens suchen. Politik, Polizei, Journalismus, Großkonzerne und Organisierte Kriminalität: Hier bestehen Abhängigkeiten und unerwartete Seilschaften. Sehr beeindruckt haben mich die Porträts der schottischen Städte Aberdeen, Glasgow und Edinburgh. Fesselnd waren auch die Szenen auf der Ölplattform in der rauen Nordsee.

John Rebus ist in gewisser Weise auch ein Seelenverwandter von Sean Duffy, der Hauptfigur der Kriminalromane von Adrian McKinty. Beide Männer sind Raubeine mit einer sentimentalen Ader. Vor allem eines eint sie: Sie sehen auch dann noch hin, wenn es niemanden mehr interessiert und ihrer Karriere abträglich ist. Sie sind auf der Suche nach der Wahrheit und haben einen fast schon zwanghaften Sinn für Gerechtigkeit.

>>> Zu meiner Besprechung von “Mädchengrab” (John Rebus, Band 18)

10 von 10 Punkten

Ian Rankin: “Das Souvenir des Mörders”, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Goldmann Verlag, 614 Seiten.

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Doug Johnstone: Der Bruch

(c) Polar Verlag

Der 17-jährige Tyler versucht anständig zu bleiben, ein guter Mensch zu sein. Das sagt sich leichter als es ist, denn der Jugendliche lebt in einem herabgekommenen Viertel in der schottischen Stadt Edinburgh und wird von seinem sadistischen Bruder Barry gezwungen, gemeinsam mit Schwester Kelly in fremde Häuser einzubrechen. Von der Mutter ist keine Hilfe zu erwarten, sie hängt an der Nadel und wandelt von Überdosis zu Überdosis.

Tylers Rettungsanker ist seine kleine Schwester Bean, um die er sich liebevoll kümmert. So gut er kann, versucht er für das Kind die Realität auszublenden, um dem Mädchen eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Mit ihr sitzt er abends auf dem Dach des Greendykes House, einem von zwei verbliebenen Hochhäusern (umgeben von Brachland und einer riesigen Baustelle), und erzählt ihr Geschichten, in denen sie eine Superheldin ist.

Als Barry bei einem Einbruch eine Frau niedersticht und lebensgefährlich verletzt, laufen die Dinge endgültig aus dem Ruder: Bei dem Opfer handelt es sich um niemand geringeren als die Frau des gefürchteten Gangsterbosses Deke Holt, der auf Rache gegen die unbekannten Täter schwört.

Tyler nimmt sein Schicksal an, so bitter es auch sein mag. Die gut gemeinten Aufmunterungen von Lehrerinnen und Polizistinnen ob seiner familiären Situation erträgt er kaum: “Er hatte dieses Mitgefühl so unendlich satt.” Für Selbstmitleid ist ohnehin kein Platz. Er kennt kein anderes Leben. Wie sehr seine Mutter auch gesunken sein mag, sie ist seine Mutter. Genauso verhält es sich mit seinem Bruder, von dem er verachtet wird. So sehr Tyler den tyrannischen Bruder auch hassen mag, verraten würde er ihn nie. Seine Familie kann man sich nicht aussuchen.

Als Lichtblick in seinem verkorksten Leben entpuppt sich schließlich Flick, ein Mädchen aus gutem Hause, das Tyler zufällig kennenlernt. Ihre beiden Leben könnten unterschiedlicher nicht sein, dennoch sind sich die beiden durch ihre gesammelten Erfahrungen ähnlicher als man vermuten könnte. Das zart aufkeimende Gefühl der Hoffnung wird aber schon bald abrupt durch die absolute Auswegslosigkeit der Situation, in der er sich befindet, abgewürgt.

Empathie, nicht Gefühlsduselei, ist es, was “Der Bruch” ausmacht. Dadurch berüht der Autor, der die Geschichte eines Jugendlichen erzählt, der versucht, sich selbst zu finden und treu zu bleiben. Ich habe mich beim Lesen an Bill Beverlys “Dodgers” (Platz zwei meiner Lieblingskrimis 2018; ich habe gerade entsetzt festgestellt, dass ich das Buch hier nie extra besprochen habe – das muss ich bald nachholen!) und Steve Hamiltons “Der Mann aus dem Safe” erinnert gefühlt, die zu jenen Kriminalromanen zählen, die bei mir lange nachgewirkt haben. Auch in den beiden erwähnten Büchern stehen jeweils ein 15-jähriger und ein 17-Jähriger im Zentrum der Geschichte.

Was mir auch gut gefallen hat: Immer wieder stöpselt Tyler die Kopfhörer ein und taucht in seine eigene Welt ab. Er hört Boards of Canada, Jon Hopkins, Four Tet und Hannah Peel – alles Künstler, die mir bis zur Lektüre nichts gesagt haben, deren Musik ich über Spotify aber beim Lesen gehört habe. Großteils blubbernde Elektronik, passend minimalistisch zur verwahrlosten Gegend. Johnstone hat also den Soundtrack zu diesem Buch gleich mitgeliefert.

“Eine schonungslose, aber sympathische Darstellung von Edinburghs ignorierter Unterschicht, mit großartigen Charakteren”. So beschreibt der schottische Krimi-Großmeister Ian Rankin das Buch. Treffender kann man es nicht formulieren. Oder vielleicht doch: Der schottische Autor Doug Johnstone hat einen Kriminalroman geschrieben, wie man ihn nur alle paar Jahre liest.

10 von 10 Punkten

Doug Johnstone: “Der Bruch”, übersetzt von Jürgen Bürger, Polar Verlag, 308 Seiten.

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Mike Knowles: Tin Men

(c) Polar Verlag

Am Beginn von “Tin Men” steht der bestialische Mord an einer Polizistin. Das geht auch an hartgesottenen Kollegen wie Os nicht spurlos vorbei. “Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatten ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet”. Os, ein Polizist, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, soll gemeinsam mit zwei ebenfalls wenig vertrauenserweckenden Polizisten Teil eines Ermittlertrios sein: Cop zwei, Woody, hat ein Drogenproblem und Außenseiter Dennis, Cop drei, sucht bei transsexuellen Prostituierten Trost.

Oft ist es so, dass die Männer in Uniform mehr gegeneinander als miteinander kämpfen. Wenig verwunderlich eigentlich, dass am Ende dieses Dramas eine weitere furchtbare Tat stehen wird, die sogar die Lösung des Falls in den Schatten stellt.

Mike Knowles hat definitiv ein “Police Procedural” der anderen Art geschrieben. Der Autor überzeugt dabei in vielen Belangen. Die Handlung ist schlüssig, die Charaktere sind gut gezeichnet. Und auch die Aufschlüsselung des Falls finde ich ausgesprochen gelungen (ich hatte angesichts des furchtbaren Verbrechens zu Beginn schon das Schlimmste befürchtet). Für mich auch erkenntnisreich: Die Geschichte spielt in der kanadische Großstadt Hamilton (rund 500.000 Einwohner) in der Provinz Ontario. Ich hatte von dieser Stadt noch niemals gehört, und stellte mir zu Beginn der Lektüre fälschlicherweise eine verschlafene Kleinstadt vor.

Nach Éric Plamondons “Taqawan” bin ich nun in kürzester Zeit erneut von einem kanadischen Kriminalroman vollends überzeugt worden. Ich hoffe sehr, dass sich der Polar-Verlag nun auch der sechsteiligen Serie des Autors um den Killer Wilson annehmen wird, die im Nachwort des Romans erwähnt wird. Denn hier ist wirklich ein Könner am Werk.

9 von 10 Punkten

Mike Knowles: “Tin Men”, übersetzt von Karen Witthuhn, Polar Verlag, 337 Seiten, 14,60 Euro

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