Philippe Pujol: Die Erschaffung des Monsters

(c) Hanser Berlin

Frankreich-Schwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse. Auch ich habe daher vier Bücher gelesen, die sich mit der dunklen, abgründigen Seite des Landes auseinandersetzen. Den Auftakt mache ich hier mit einem Sachbuch, das sich aber großteils wie ein Kriminalroman liest.

“Marseille ist eine schillernde Stadt, ein Knäuel von Fantasien und Lügen, Trugbildern und Täuschungen”. Das steht im Nachwort von “Total Cheops”, dem Auftakt der Marseille-Trilogie von Jean-Claude Izzo. Nach der Lektüre von Philippe Pujols Sachbuch  “Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille” ist von einer schillernden Stadt nicht mehr viel zu erkennen. Pujol porträtiert sie als kriminell und korrupt. Platz für Fantasie bleibt da nicht mehr.

Pujol zeichnet kein schönes Bild der Stadt. “Wo Menschen sind, stinkt es nach Scheiße”, heißt es gleich auf der ersten Seite. Kleinkriminalität ist in der perspektivlosen Welt einiger Stadtviertel keine Option, sondern die einzige Möglichkeit, zu überleben. Pujol gewährt hier einen erschreckenden, aber gleichzeitig faszinierenden Einblick in seine Heimatstadt. Denn arm zu sein, bedeutet nicht, dumm zu sein. So sehen sich alle Bandenmitglieder ähnlich, um die Kameras zu täuschen, zudem findet ständig ein Kleidertausch statt, um die Polizei zu verwirren.

Gewinnerlose des Pferdewettanbieters PMU wiederum eignen sich bestens zur Geldwäsche: Ein Spieler mit einem Gewinnlos über 1000 Euro kommt zu einem Kerl, der „Gewinnlose! Ich kaufe und verkaufe“ schreit. Der Gewinner erhält dafür 1100 Euro. Kurz darauf kommt jemand, der Geld aus einem illegalen Geschäft hat, und kauft das Gewinnlos für 1200 Euro, das er dann offiziell einlöst. Alle profitieren: Gewinner und Zwischenhändler haben um 100 Euro mehr, der Straftäter hat sein Geld gewaschen.

Pujol beschränkt sich aber nicht auf diesen “Mikrokosmos voller kleiner Tricksereien”, sondern zeigt, wie Klientelismus und Korruption in der Stadt, im Département sowie in der Region funktionieren. Im Zentrum steht der seit mehr als zwanzig Jahren amtierende Bürgermeister: Jean-Claude Gaudin. In diesem “System Gaudin” profitieren, ähnlich dem geschilderten Beispiel der Gewinnlose, alle. Das schließt auch Gangster und den rechtspopulistischen Front National nicht aus. Als ein Schlüsselelement bezeichnet der Autor die Erpressung mit Baugenehmigungen.

Die Wut des Autors ist zwischen den Zeilen spürbar, auf jeder einzelnen Seite. Er versucht dabei aber immer fair zu bleiben, sein Zorn richtet sich nicht gegen die Menschen, die in prekären Verhältnissen vegetieren müssen, sondern vor allem gegen die politischen Verantwortlichen und jene, die mit dem Elend Geschäfte machen.

Und ja: Es wäre eine gute Gelegenheit, die Marseille-Trilogie von Jean-Claude Izzo wieder zur Hand zu nehmen.

8 von 10 Punkten

Philippe Pujol: “Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille”,  übersetzt von Oliver Ilan Schulz und Till Bardoux, Hanser Berlin, 287 Seiten.

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Das Ende des Polar Verlags – und was es bedeutet

(c) Polar Verlag

Erst wenn manche Dinge nicht mehr da sind, merkt man, wie sehr man sie geschätzt hat. Für wie selbstverständlich man sie genommen hat. Das ist nun auch beim Polar Verlag, der Insolvenz angemeldet hat, der Fall. Die umstrittene Crowdfunding-Aktion, über die etwa Martin Compart kritisch schreibt, hat also auch nicht gefruchtet. Schade, dieser Verlag war innerhalb von vier Jahren zu einem Fixpunkt für Krimileser geworden, die nicht nur Mainstream wollen. Dass das finanziell schwer zu stemmen ist, hat ja zuletzt auch die sehr kurze Existenz des ambitionierten Metrolit-Verlags gezeigt. Aber man muss wohl auch als Leser akzeptieren, dass das Bestehen reiner, sehr spezieller Krimi-Verlage neben den global tätigen Branchenriesen kaum möglich ist. Offenbar gibt es den Markt dafür einfach nicht, so ehrlich muss man wohl sein.

Das ist traurig, aber passionierte Krimileser haben ohnehin ein geschärftes Auge für Realität. So funktioniert die Welt nun mal, auch wenn es einem nicht passt. Kein Grund zum Jammern. Denn es gibt sie sehr wohl noch, die Klein(st)verlage – etwa Ariadne, Pulp Master und Pendragon – die seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten, außergewöhnliche Stücke (Kriminal-)Literatur publizieren.

Was kann man also als Leser tun?

Erstens findet sich gute Crime Fiction zum Glück natürlich nicht nur in diesen Kleinverlagen. Auch die “bösen” globalen Verlage, die ihr Geld oft mit anderen populären Büchern machen, haben sehr gute Crime Fiction in ihrem Programm.

(c) Polar

Zweitens: Amerikaner, Briten und Australier können die meisten Leser ohnehin problemlos im Original lesen. Und ja, das kann auch das Gute an dieser Pleite sein: Nehmen wir doch wieder mehr Bücher im Original zur Hand. Ich denke da gleich einmal an Bill Beverly (“Dodgers”) und Reed Farrel Coleman.

Drittens blendet das zwar einen großen Teil der Welt aus – dafür gibt es dann aber etwa den Unionsverlag, der sich guter Kriminalliteratur auf ungewöhnlichen Schauplätzen angenommen hat. Gary Victor aus Haiti wiederum wird vom kleinen Litradukt-Verlag herausgegeben. Qualität findet doch oft ihren Platz. Es besteht also durchaus Hoffnung, dass Vielfalt bestehen bleibt. Und sehr gute französische Krimis sind momentan – hoffentlich ist das nicht nur dem Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse geschuldet – auch auf dem Markt.

Der Polar Verlag hat es für Crime Fiction Fans sehr gemütlich gemacht. Da wusste man, dass jede Neuerscheinung potenziell von Interesse sein wird. Dieser Luxus fällt nun wieder weg. Schön, dass du da warst, Polar Verlag – deine Bücher bleiben ohnehin bestehen. Aber wir Crime Fiction-Leser lassen uns das Lesen jetzt nicht verderben.

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Ottessa Moshfegh: Eileen

(c) liebeskind

Ottessa Moshfeghs außergewöhnlicher Kriminalroman “Eileen” befand sich im Vorjahr sowohl auf der Short List für den John Creasey (New Blood) Dagger Award (also als bester Kriminalroman eines Neulings) als auch für den Man Booker Prize. Das ist äußerst beachtlich. Genau genommen handelt es sich aber auch nicht unbedingt um einen Kriminalroman, nennen wir es einfach ein Stück Noir.

Was mir sofort aufgefallen ist: Diese relativ junge Autorin (geb. 1981), sehr fein von Anke Caroline Burger übersetzt, ist sprachlich sehr beeindruckend. Sehr stilsicher, jeder Satz scheint wohl überlegt. Man taucht schneller als einem lieb ist in die triste Welt der titelgebenden Eileen ein:

“Wohnzimmer, Esszimmer und die Schlafzimmer benutzten wir kaum. Alles stand einfach da und staubte ein; jahrelang lag eine Zeitschrift aufgeklappt auf der Sofalehne, in einer Bonbonschale sammelten sich tote Ameisen.”

Allein diese beiden Sätze erzählen mehr als viele Autoren auf unzähligen Seiten ausrollen. Moshfegh liefert ein einfühlsames Porträt einer jungen Frau, die mit ihrem alkoholkranken, boshaften Vater zusammenlebt. Wir schreiben das Jahr 1964. Eileen arbeitet im lokalen Gefängnis für Jugendstraftäter als Sekretärin. Sonderlich aufregend ist das nicht. Sie schwärmt allerdings für einen der Aufseher.

Moshfegh blickt Eileen ganz tief in die Seele, sie lässt den Leser aus ihren Augen die Welt sehen. Das hat mich vor allem zu Beginn sehr beeindruckt. Die Autorin hat mich in ihr Buch hineingezogen. Allerdings wird mit der Zeit alles ein wenig redundant. Die ständigen, kritischen Selbstbetrachtungen hätte man auch kürzer fassen können. 200 Seiten statt knapp über 300 und es wäre aus meiner Sicht die perfekte Lektüre gewesen.

“Eileen” ist ein düsteres Leseerlebnis, dessen Spannung sich wie nebenbei durch die intensive Auseinandersetzung mit dieser nicht sonderlich sympathischen, aber auch nicht sonderlich unsympathischen Hauptfigur entwickelt. Und hier kommen wir vielleicht zu dem entscheidenden Punkt: Eileen ist nicht bloß eine Figur, sie ist mit all ihren Stärken und Schwächen ein echter Mensch. Nicht immer ganz nach vollziehbar, aber eben darum sehr glaubwürdig. Das geschieht ohne Effekthascherei, sehr reduziert.

8 von 10 Punkten

Ottessa Moshfegh: “Eileen”, übersetzt von Anke Caroline Burger, liebeskind, 334 Seiten.

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Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

(c) Ullstein

Sven Heucherts “Dunkels Gesetz” hinterlässt mich ein wenig ratlos. Vielleicht sind es die vielen Lobeshymnen, die mich verunsichern. Aber so ganz mein Fall ist dieses Stück Provinz Noir nicht.

Ja, so düster war ein deutschsprachiger Kriminalroman noch selten. So trist, so herabgekommen – ein konsequenter Anti-Regio-Krimi sozusagen. Das müsste doch eigentlich passen. Aber gleichzeitig war mir das dann auch deutlich zu klischeehaft. Zu viel des Dunklen. Und dass die Hauptfigur auch noch so heißen muss, naja. Beim Lesen war ich geneigt, weiterzublättern. Das passiert mir nicht so oft. Die Figuren ließen mich kalt, die erzählte Geschichte auch.

Nein, es ist nicht schlecht, was Sven Heuchert da schreibt. Aber so richtig überzeugt hat es mich eben auch nicht. Ich schwanke hin und her. Handwerklich einerseits gut, aber andererseits auch zu gewollt, zu bemüht, zu einseitig. Da fehlt die gewisse Raffinesse.

Es wirkt nicht ganz echt, künstlich. Ganz im Gegensatz etwa zu Ottessa Moshfeghs “Eileen”, das ich gleich im Anschluss gelesen habe. Moshfeghs titelgebende Hauptfigur kommt auch aus einem unglaublich tristen Umfeld, aber diese Eileen ist bereits nach wenigen Seiten viel mehr als nur eine Figur, man glaubt sie fast schon zu kennen.

Thomas Wörtche findet für “Dunkels Gesetz” in seinem Leichenberg ebenfalls ziemlich harte Worte: “Natürlich ist alles ganz furchtbar und noirnoirnoir, im Zwischenmenschlichen keimt Hoffnung, wie sich’s für Kitsch Noir gehört. Und das ganze ohne jegliche Überraschung, ohne Drehs und Wendungen, ohne Komik, ein bisschen wie der Kohlsuppennaturalismus früherer Zeiten. Das ist keine vergiftete Provinz wie manchmal bei Manchette, sondern ein 1:1-Katalog der Klischees, die aber mit großer Pose penibel abgearbeitet und abgehakt.”

Ganz im Gegensatz zum Kaffeehaussitzer übrigens, der ins Schwärmen gerät: “Das Wort „Noir“ wird heute zur Charakterisierung von Kriminalliteratur schon beinahe inflationär gebraucht. Aber wenn jemand in Deutschland Noir vom Feinsten schreibt, dann ist es Sven Heuchert, der mich mit seiner Story-Sammlung Asche schon begeistern konnte. Sein erster Roman „Dunkels Gesetz“ steht in bester Tradition der Werke etwa Daniel Woodrells, dem großen Noir-Meister aus den USA.”

5 von 10 Punkten

Sven Heuchert: “Dunkels Gesetz”, Ullstein Verlag, 192 Seiten.

 

 

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Alex Beer: Der zweite Reiter

(c) Limes Verlag

Autorin Alex Beer hat vor wenigen Tagen den mit 5000 Euro dotierten Leo-Perutz-Preis für Wiener Kriminalliteratur 2017 gewonnen. Wie gut, dass mein Text zu ihrem Buch so gut wie fertig war!

Wien im Jahr 1919. Polizeiagent August Emmerich hat es ohnehin nicht leicht: Nicht nur muss er mit den Folgen einer schweren Kriegsverletzung kämpfen, gleichzeitig muss er diese im Polizeidienst auch verheimlichen, weshalb er zu Schmerzmitteln aller Art (auch Heroin) greift. Und auch sein privates Glück löst sich plötzlich in Luft auf. Dem nicht genug:

“Denn sein neuer Vorgesetzter, Abteilungsinspektor Leopold Sander, ein ehemaliger hochdekorierter Offizier der K.-u.-k.-Armee, der viel Ahnung von Kriegsführung, aber keinen blassen Schimmer von Polizeiarbeit hatte, war auf die glorreiche Idee gekommen, ihm einen Assistenten beizustellen – Ferdinand Winter, einen Neuling, der seine Ausbildung gerade beendet hatte und mehr Bürde denn Entlastung darstellte.”

Als er die Leiche eines angeblichen Selbstmörders entdeckt, hat Emmerich erhebliche Zweifel. Das wird ihm noch mehr Probleme bescheren.

Es sind die alltäglichen Kleinigkeiten, die in “Der zweite Reiter” neben einer spannenden Geschichte für hohe Authentizität sorgen: Ob es nun die geheizten, strombetriebenen Straßenbahnen sind, in die sich die Wiener an kalten Wintertagen flüchten oder jene Kleinkriminellen, die günstige Schiffsreisen ins paradiesische Exil versprechen, um sich daran zu bereichern. Man saugt Seite für Seite neues historisches Wissen auf.

Zudem zeichnet Beer ihre Figuren sehr fein, mit viel Sympathie. Kaum zu glauben, dass es sich hier um das Debüt der Autorin handelt. Das liest sich eher wie das Buch einer Autorin, die bereits vier, fünf Bücher lang geübt hat.

Am besten hat mir definitiv der letzte Satz im Buch gefallen: “Diese Geschichte war noch nicht vorüber.” Gut so, ich will mehr davon lesen!

8 von 10 Punkten

Alex Beer: “Der zweite Reiter”, Limes Verlag, 384 Seiten.

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Krimi-Bestenliste September: Ein Abgleich

(c) Suhrkamp Nova

Was für eine coole Krimi-Bestenliste gibt es da im September: Gleich drei Frauen stehen an der Spitze. Ottessa Moshfeghs “Eileen” (sprachlich toll, aber manchmal ziemlich redundant) und Zoë Becks “Die Lieferantin” (überzeugend) habe ich bereits gelesen, auf “Beton Rouge” (schon jetzt eines meiner Krimi-Lieblings-Cover 2017, vor allem auch in Kombination mit dem Titel) freue ich mich ziemlich. Und auch “Alles so hell da vorn” von Monika Geier ist fix eingeplant.

Außerdem habe ich Sven Heucherts “Dunkels Gesetz” (naja, hat mich nicht ganz so begeistert) schon gelesen und stecke gerade in der Lektüre von Antonin Varennes “Die Treibjagd” (nach knapp einem Drittel sage ich nur: Wow!).

“Giftflut” klingt nach Thomas Wörtches aktuellem Leichenberg dann ebenfalls ziemlich interessant.

Die Liste im Überblick:

1. Simone Buchholz: Beton Rouge (5)
2. Ottessa Moshfegh: Eileen (-)
3. Zoë Beck: Die Lieferantin (1)
4. Antonin Varenne: Die Treibjagd (2)
5. Sven Heuchert: Dunkels Gesetz (-)
6. Graeme Macrae Burnet: Das Verschwinden der Adèle Bedeau (8)
7. Lisa Sandlin: Ein Fall für Delpha (-)
8. Robert Hültner: Lazare und der tote Mann am Strand (10)
9. Monika Geier: Alles so hell da vorn (6)
10. Christian v. Ditfurth: Giftflut (-)

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Jo Nesbø: Der Erlöser

(c) Ullstein

Die Liste kriminalliterarischer Kultfiguren, denen ich noch nicht begegnet bin, wird immer geringer. Einer fehlte mir aber immer noch: Harry Hole. In meinem Urlaub konnte ich das nun ändern. Nach einer eindringlichen Empfehlung habe ich daher “Der Erlöser” (Band 6 der Serie) gelesen.

Was soll ich sagen: Wow! Man erkennt sehr, sehr schnell, dass hier ein echter Könner am Werk ist. Da macht jede Seite echt Spaß. Ich will gar nicht aufschlüsseln, warum das so ist. Es mag manches ein wenig zu viel sein, aber das auszubreiten, wäre einfach nur kleinlich.

Grundsätzlich ist das Buch für Fans der Kriminalliteratur einfach nur zum Genießen. Ich halte mich daher kurz, verbeuge mich und sage nur mehr: Lesen!

10 von 10 Punkten

Jo Nesbø: “Der Erlöser”, übersetzt von Günther Frauenlob, Ullstein, 528 Seiten.

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