Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

(c) Ariadne

Dove Carnahan, vor Kurzem 50 Jahre alt geworden, ist Polizeichefin von Buchanan, einem Ort mitten in einer vom exzessiven Kohleabbau zerstörten Landschaft. Als eines Tages die Leiche eines Mädchens in einer glühenden Erdspalte gefunden wird, ist es mit der Beschaulichkeit – in diesem Fall ohnehin eher Trägheit statt Gemütlichkeit – rasch vorbei.

Verwüstet sind hier vor allem die Menschen: Sie sind feindselig, verhärmt und wortkarg. Doch Autorin Tawni O’Dell porträtiert ihre gewöhnungsbedürftigen, oft unsympathischen Figuren ausgewogen. Auch wie sich Frauen in dieser unfreundlichen Welt durchschlagen müssen, wird glaubwürdig thematisiert. “Wenn Engel brennen” überrascht bei allem Realismus allerdings auch mit trockenem Humor und unverhofftem Optimismus.

“Wer auf faszinierende Charaktere steht, wird bei Tawni O’Dell grandios bedient”, schreibt Herausgeberin Else Laudan im Vorwort. Ganz genau.

9 von 10 Punkten

Tawni O’Dell: “Wenn Engel brennen”, übersetzt von Daisy Dunkel, Ariadne Verlag, 352 Seiten.

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Johannes Groschupf: Berlin Prepper

(c) Suhrkamp

Gewappnet für die Katastrophe: “Berlin Prepper” ist einer jener Kriminalromane, die es sich gerade jetzt zu lesen lohnt. All die Menschen, die Klopapier horten, hat man belacht. Doch wenn man “Prepper” besser verstehen will, lohnt die Lektüre durchaus.

Worum es geht? Walter Noack ist in einer Berliner Zeitungsredaktion für das Löschen von Hasspostings zuständig. Noack ist darüber hinaus auch einer der erwähnten “Prepper”: Er wappnet sich für Katastrophen jeglicher Art, seine Wohnung gleicht einem Lager von Ravioli-Konservendosen. Als er von Unbekannten niedergeschlagen wird, gerät sein Leben aus den Fugen.

Autor Johannes Groschupf porträtiert Berlin in seinem Thriller als durch Fremdenfeindlichkeit geprägte Stadt. Beklemmend und düster, aber die eindimensionale Darstellung des Wandels normaler Personen zu hasserfüllten Menschenverächtern hat mich enttäuscht. Auch die Darstellung des Putztrupps für Online-Hasskommentare, für den Noack arbeitet, konnte ich – ich habe selbst Erfahrungen damit – nicht so ganz nachvollziehen. Mir war das ab einem gewissen Zeitpunkt zu plakativ und klischeehaft.

6 von 10 Punkten

Johannes Groschupf: “Berlin Prepper”, Suhrkamp Verlag, 237 Seiten.

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Crime Fiction beats Corona Reality

(c) Blanvalet

Dieser Blog ist in den vergangenen Monaten langsam entschlummert. Mein letzter Beitrag ist drei Monate her. In Zeiten wie diesen – ja, wie oft hört man diese Phrase “in diesen Tagen” 😉 – muss man aber jede Art von Beitrag leisten, um der Virus-Tristesse entgegenzuarbeiten. Mit anderen Worten Widerstand leisten! Also werde ich hier ab sofort wieder meine Krimi-Tipps präsentieren. Ganz nach dem Motto: Crime Fiction beats Corona Reality.

Im Gegensatz zur Vergangenheit werde ich hier aber nur mehr jene Kriminalromane besprechen, die mich wirklich begeistert haben bzw. die aus meiner Sicht für das Genre von Bedeutung sind. Denn: Für schlechte Bücher ist gerade in Zeiten wie diesen keine Zeit 😉

Beginnen will ich mit einem Buch, das mir viel Spaß gemacht hat: mit dem Thriller “Parceval. Auf der Flucht”. Ralf Parceval hat in Afghanistan aus Rache 15 Menschen getötet und gilt als Mörder. Im ersten Band von Chris Landows (das ist übrigens das Pseudonym eines deutschen Bestsellerautors – wer bloß dahinter stecken mag?) Reihe gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis. Im zweiten Teil lebt er – gesucht von der Polizei und selbst auf der Suche nach seiner verschwundenen Schwester – unauffällig als U-Boot im Land. Als er Zeuge eines Anschlags wird, handelt er dennoch, um Unschuldige zu retten. Landow hat eine Figur erschaffen, die Kultpotenzial besitzt. Ein deutscher Jack Reacher sozusagen. Zwar ist vieles überzeichnet und unrealistisch – aber das ist ideal, um ein paar Stunden aus der Realität zu flüchten.

7 von 10 Punkten

Chris Landow: “Parceval. Auf der Flucht”, Blanvalet Verlag, 411 Seiten, 10,30 Euro

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Der Deutsche Krimipreis: Eine ambivalente Angelegenheit

Die Deutschen Krimipreise 2019 sind vergeben worden. Ein wenig seltsam, denn eigentlich ist das schon zu Beginn des Vorjahres geschehen. Vermutlich handelt es sich eigentlich um die Krimipreise des Jahres 2020. Oder man hat beschlossen, die Preise ab sofort erst Ende des jeweiligen Krimijahres vergeben. Klar erkennen lässt sich das auf der offiziellen Webseite leider nicht – eine kurze Anmerkung wäre hilfreich gewesen.

Aber egal. Kommen wir zu den Preisträgern.

Kategorie National

Johannes Groschupf hat mit “Berlin Prepper” in der Kategorie “National” Platz eins belegt. Das ist wenig überraschend. Die Platzierungen auf der Krimibestenliste und viele begeisterte, hymnische Rezensionen lassen den dünnen Kriminalroman als logischen Sieger erscheinen. Meine Begeisterung hielt sich allerdings ein wenig in Grenzen. Zwar nahm mich das Buch zu Beginn perfekt auf die Reise mit. Die Prepper-Szene war mir bis dahin unbekannt und auch die düstere Atmosphäre fand ich stimmig. Alles in allem erschien mir aber vor allem der Wandel normaler Menschen zu hasserfüllten Menschenverächtern zu eindimensional und nicht nachvollziehbar.

Platz zwei belegt Regina Nösslers “Die Putzhilfe” und ist eines jenes Bücher, das ich bedauere, 2019 nicht gelesen zu haben. Das klingt wirklich nach einer außergewöhnlichen Lektüre. Auf Platz drei folgt Max Annas mit “Morduntersuchungskommission”. Über sein neues Buch, das offenbar Auftakt einer Serie ist, kann ich nichts sagen. Seine Vorgänger “Illegal” und “Die Mauer” haben mich jedenfalls nicht überzeugt.

Kategorie International

Wunderbar finde ich hingegen die Wahl der Französin Hannelore Cayre auf Platz eins in der Kategorie “International”. Ich war hin und weg von ihrem dünnen Kriminalroman “Die Alte” – ein wahrlich außergewöhnliches Büchlein. Bitte lernt Madame Portefeux doch einfach kennen und lest das Buch! Einfach Wunderbar.

Der Israeli Dror Mishanis “Drei” hat es auf Platz zwei geschafft. Ich habe einst sein erstes auf deutsch verlegtes Buch “Die Möglichkeit eines Verbrechens” gelesen und habe keinen Zweifel, dass Mishani erneut außergewöhnliche Qualität liefert. Dasselbe traue ich mir ungelesen auch von Denise Minas “Klare Sache” zu behaupten. Die Autorin hat mich mehrfach (“Blut Salz Wasser”, “Das Vergessen”) überzeugt.

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Clementine Skorpil: Max Leitner, Ausbrecherkönig

(c) Edition Raetia

Clementine Skorpil kann also nicht nur historische China-Krimis (“Gefallene Blüten”, “Guter Mohn, du schenkst mir Träume”,  Kurztext zu “Langer Marsch”), sondern auch zeitgenössischen Südtirol-True-Crime-Krimi. So könnte man es nach der Lektüre von “Max Leitner, Ausbrecherkönig” formulieren. Vor allem zeigt das Buch aber, wie man Dichtung und Wahrheit perfekt miteinander verbinden kann.

“Max ist nicht tot, aber auch nicht lebendig. Es ist schlimmer als tot sein. Er sitzt im Gefängnis. Lebendig begraben.”

In sein Schicksal gefügt hat sich der erwähnte Max aber nie. Fünfmal ist der mittlerweile 61-jährige Südtiroler aus Gefängnissen ausgebrochen, genauso oft wurde er wieder geschnappt. Fast sein halbes Leben hat er hinter Gittern verbracht. Leitner selbst sieht sich bis heute als ein Justizopfer. Er werde wie ein wildes Tier gejagt, „zu Tode gehetzt“, sagte er 2011 auf der Flucht in einem aufsehenerregenden Video. „Ich habe zwar Banken und Geldtransporter überfallen, jedoch nie einem Menschen ein Haar gekrümmt.“

Der Mythos des Ausbrecherkönigs – Skorpil erliegt ihm nicht, auch weil sie aus zwei Perspektiven erzählt. Sie stellt Max einen fiktiven Antagonisten, den italienischen Staatsanwalt Fabio Pagano, der sich Leitner an die Fersen heftet, gegenüber. Das Buch hat mich dadurch an Paolo Roversis Kriminalromane “Milano Criminale” und “Schwarze Sonne über Mailand” erinnert.

“Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet”

Es ist aber genau diese literarische Freiheit, die den Roman von den unzähligen Das-wahre-Leben-Büchern unterscheidet. Vieles ist erfunden. „Dennoch folgt dieser Roman Max Leitners Spuren, und viele der unglaublichsten Episoden haben sich tatsächlich zugetragen“, schreibt die Autorin im Nachwort. Gemeint sind damit etwa die unvorstellbaren Szenen in der Hecke und der Hundehütte, die über die Lektüre hinaus nachwirken.

Tatsächlich sind es vor allem die im Buch geschilderten schier unglaublichen Katz-und-Maus-Situationen zwischen Leitner und der ihn verfolgenden Polizei, die zeigen, über welch unbändigen Willen dieser widerspenstige Geist in aussichtslosester Lage verfügte. Es ist eine der großen Stärken der Autorin, dass man sich während der Lektüre oft fragt, was denn nun vom Erzählten wirklich geschehen ist – und was nicht.

Ganz nebenbei gewährt Skorpil einen Einblick in das österreichische und italienische Justiz- sowie Gefängniswesen. Bei seiner ersten Verhaftung in Österreich wird Max von der Polizei angeschossen. Als er sich wundert, warum er noch lebt, erklärt ihm ein Polizist, dass Warn- und Streifschüsse sowie Schüsse, „um den Täter unschädlich zu machen, also Knie, Hand et cetera“, zulässig seien. „Aber wenn einer ex geht bei einer Schießerei, hast du nur Scherereien.“ „Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet“, will Max wissen. „Könnte man so sagen“, antwortet der Polizist todernst.

Porträt eines Unbeugsamen

Das Buch liest sich auch als eine Reise durch die Zeit: Anfang der 1990er-Jahre, als Max erstmals verhaftet wird, haben Computer, Internet und Handys noch nicht bis in die verstaubtesten Schreibstuben der Behörden und komplett in den Alltag Einzug gehalten. Skorpil hat zudem ein gutes Gefühl für die kleinen Momente. Die Insassen des Gefängnisses in Stein etwa findet Max widerlich. „Einer hat Prostituierte stranguliert. Aber nein, der wurde vor zwei Jahren entlassen, weil er so schön Gedichte geschrieben hat.“ Gemeint ist Frauenmörder Jack Unterweger.

Herausgekommen ist ein Buch, das Max Leitner nicht als von der Staatsmacht verfolgten Helden verklärt, wie er sich das wohl selbst wünschen würde. Es wurde vielmehr die außergewöhnliche Geschichte eines Unbeugsamen mit all seinen Licht- und Schattenseiten.

9 von 10 Punkten

Clementine Skorpil: “Max Leitner, Ausbrecherkönig”, Edition Raetia, 312 Seiten.

Der Transparenz zuliebe will ich darauf hinweisen, dass Clementine Skorpil und ich den selben Arbeitgeber haben (ohne allerdings zusammenzuarbeiten). Die Qualität ihrer Bücher spricht aber für sich.

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Frederick Forsyth: Der Fuchs

(c) C. Bertelsmann

Mit einem Schakal hat alles begonnen und mit einem Fuchs könnte alles enden. Als Jugendlicher haben mich Frederick Forsyths multiperspektivische Politthriller “Die Faust Gottes” und “Das schwarze Manifest” nachhaltig beeindruckt – ebenso wie die Verfilmung von Forsyths Debütroman “Der Schakal” (natürlich das Original aus dem Jahr 1973 mit Edward Fox als Schakal). Nun ist also “Der Fuchs” erschienen, angeblich das letzte Buch von des mittlerweile 81-jährigen Autors (seinen Vorgänger-Thriller “Die Todesliste” habe ich hier vor sechs Jahren besprochen).

Ganz anders als bei dem anderen Altmeister des politischen Thrillers, John le Carré (siehe letzter Beitrag “Federball”), sind bei Forsyth die Rollen stets ganz klar verteilt. Die Briten und ihr amerikanischer Verbündeter sind die Guten – Nordkorea, Iran und Russland sind die Bösen.

Worum es diesmal geht? Als ein junger britischer Hacker, der einsiedlerisch im Dachzimmer seines Wohnhauses haust, im Alleingang in die sichersten Computersysteme der USA eindringt, erkennen die westlichen Geheimdienste rasch sein wahres Potenzial. Das unbedarfte Genie wird zur perfekten Waffe umfunktioniert, um die Schurkenstaaten das Fürchten zu lehren. Wie gewohnt beschreibt Forsyth minutiös militärische Kommandoaktionen und die Zusammenarbeit von Geheimdiensten. Seine Sympathie gilt den unsichtbaren, aber stets patriotischen Geheimdienstmitarbeitern und Soldaten.

Forsyth ist kein Zweifler

Sehr fesselnd beschreibt der 81-jährige Autor außenpolitische Hintergründe und Zusammenhänge. Wie hängen Irans und Nordkoreas Bestrebungen zur Erreichung der Atombombe und die Giftattentate auf russische Verräter zusammen? Forsyth hat nichts verlernt, gebannt rast man durch die Seiten. Eines ist aber klar: Zweifelnde Zwischentöne sind nicht so sein Ding.

7 von 10 Punkten

Frederick Forsyth: “Der Fuchs”, übersetzt von Rainer Schmidt, C. Bertelsmann, 320 Seiten.

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John le Carré: Federball

(c) Ullstein

Ich muss zugeben, ich war nie ein großer Fan von John leCarré. Mir waren seine Bücher stets zu trocken, zu langatmig, zu moralisierend. Da habe ich lieber Frederick Forsyth gelesen. Ausgerechnet mit seinem Spätwerk “Federball” hat mich der britische Autor nun aber überzeugt.

Der in die Jahre gekommene Spion Nat befindet sich am Abstellgleis. Das erinnert stark an Mick Herrons “Slow Horses” und irgendwie auch an Tony Scotts Film “Spy Game”. Am liebsten spielt Nat Badminton. „Badminton ist List, Geduld, Tempo, man wartet in Lauerstellung auf seine Gelegenheit zum Angriff“, erklärt der Ich-Erzähler in John le Carrés neuem Spionageroman. Eines Tages lernt er im Sportverein den jungen Ed kennen, der ihn herausfordert – nicht nur sportlich, sondern auch, was seine Sicht der Welt betrifft. Denn Ed ist ein inbrünstiger Brexit- und Trump-Hasser. Genau wie sein literarischer Erfinder le Carré.

Tatsächlich muss es der 88-jährige Autor als eine Art Verrat empfinden, was in Großbritannien gerade geschieht. Anfang der 1960er-Jahre war er selbst als Spion, getarnt als Diplomat, in Deutschland unterwegs – als „Wanderprediger“ für einen EWG-Beitritt der Briten, wie er selbst sagt. Vor den Trümmern seiner eigenen historischen Verdienste stehend, schreibt le Carré nun über den US-Präsidenten, „der gekommen ist, um die schwer erkämpften Beziehungen zu Europa zu verhöhnen und die Premierministerin zu erniedrigen, die ihn eingeladen hat“. Die politische Elite seines Heimatlandes, ausgebildet auf Kaderschmieden wie Eton, verachtet er. Deren Absolventen sind aus seiner Sicht verkommene, egoistische Emporkömmlinge, denen nur die eigene Karriere wichtig ist.

Nichts ist, wie es scheint

Lässt man diese Emotionen beiseite, konstruiert der Autor sehr gekonnt eine wunderbar altmodische Spionagegeschichte mit allen typischen Zutaten: Nichts ist, wie es scheint. Der Feind ist nicht klar auszumachen und sitzt nicht selten im eigenen Land. Den Glauben an einen moralisch höher stehenden Westen hat le Carré schon lange verloren. Das kann man vor allem in seinen letzten Büchern nachlesen. Trump, Putin, Johnson – für den Autor sind sie alle Halunken. Die Guten gibt es nicht. Sein Interesse gilt ohnehin den kleinen Rädchen im Spionagegetriebe, den offenkundigen Verlierern, die ihr Gewissen bewahrt haben – was wohl auch ein Hauptgrund für ihren beruflichen Abstieg ist.

8 von 10 Punkten

John le Carré: “Federball”, übersetzt von Peter Torberg, Ullstein Verlag, 352 Seiten.

 

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