Michael Mann/Meg Gardiner: Heat 2

(c) HarperCollins

Es war für mich eine der größten Überraschungen des Krimijahres: 27 Jahre nach “Heat” schreibt Regisseur Michael Mann mit Krimiautorin Meg Gardiner eine Fortsetzung seines Klassikers. “Heat” ist für mich nicht irgendein Film, ich würde ihn neben Luc Bessons “Leon, der Profi” und Kathryn Bigelows “Strange Days” zu meinen drei Lieblingsfilmen der 1990er Jahre zählen. Es würde wohl zwei, drei Blogeinträge füllen, zu erklären, warum “Heat” so ein Ausnahmefilm ist, aber eigentlich will ich hier über die kriminalliterarische Fortsetzung schreiben, und warum diese im Großen und Ganzen sehr gelungen ist. Aber es gibt da auch ein paar Dinge, die mir nicht so zugesagt haben.

Michael Manns Film “Heat” aus dem Jahr 1995 genießt unter Filmkennern zu einem wesentlichen Teil wegen seinen beiden Hauptdarstellern Kultstatus. Al Pacino als erbarmungsloser Polizist Vincent Hanna und Robert de Niro als charismatischer Berufsverbrecher Neil McCauley prallten das erste Mal gemeinsam in einem Film (in Coppolas “Der Pate 2” hatten sie keine gemeinsamen Szenen) aufeinander, in einer denkwürdigen Diner-Szene. Unweigerlich hat man auch beim Lesen Al Pacino und Robert de Niro als auch Val Kilmer vor Augen, auf dessen Charakter Chris Shiherlis der Fokus des Buches liegt.

“Heat 2” ist Pre- und Sequel in einem. Dem Autorenduo gelingt es dabei ausgezeichnet, die Figuren wieder aufleben zu lassen. Es ist die große Stärke des Buchs, dass hier fehlende Puzzleteile aus dem Leben Hannas und McCauleys schlüssig eingefügt werden. Deren Handlungsweisen und Besessenheiten werden noch klarer. Der Fokus liegt diesmal aber wie erwähnt auf dem Charakter von Chris Shiherlis. Er war der Einzige aus McCauleys Bande, der am Ende entkommen konnte.

In “Heat 2” findet er in Paraguay Unterschlupf. Er verdingt sich ab sofort für die taiwanesisch-paraguayanische Familie Liu, die eine mächtige kriminelle Organisation aufgebaut haben. Schon bald kann er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen und sich eine neue kriminelle Karriere aufbauen. Die USA sind für ihn aber Tabu, würde er heimkehren, würde er sofort verhaftet werden, da er weiterhin steckbrieflich gesucht wird. Das zerreißt ihn innerlich, denn Frau und Kind leben in den USA, Kontakt zu den beiden wichtigsten Menschen ist ihm aber nicht möglich.

Sehr faszinierend sind auch jene Szenen, die im Jahr 1988 spielen und Einblick in das Leben von McCauley und seiner Crew gewähren. Wie die Bande in Mexiko einen Coup plant, bei dem ein Drogenversteck ausgeraubt werden soll, erinnert stark an dem Film. Die professionellen Verbrecher beim Austüfteln, beim Planen und Sich-Wappnen für alle möglichen plan- und unplanbaren Situationen. Natürlich – wie könnte es anders sein – wird nichts glatt gehen.

„Heat 2“ bietet also fast 700 Seiten knallharte Krimikost in der Tradition von Don Winslow. Störend sind aus meiner Sicht allerdings die stereotype Zeichnung der grausamen “bösen” Bösen im Vergleich zu den “guten” Bösen rund um McCauleys Profi-Truppe. Vor allem der Bösewicht Otis Wardell wird als Person ohne Nuancen charakterisiert. Er ist das personifizierte Böse. Er ist einfach nur grausam und sadistisch. Irgendwie hat mich das beim Lesen geärgert. Zudem gibt es einfach ein paar Zufälle zu viel, um die Handlungsstränge von 1988, 1995 und 2000 zu verknüpfen. Das ist einfach zu viel.

Egal. Auf den Film „Heat 2“, der sich angeblich in Planung befindet, kann man sich freuen. Großer Wehmutstropfen: Weder de Niro noch Pacino noch Kilmer werden mitspielen.

8 von 10 Punkten

Michael Mann/Meg Gardiner: “Heat 2”, übersetzt von Wolfgang Thon, HarperCollins Verlag, 687 Seiten. 

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James Ellroy: Allgemeine Panik

(c) Ullstein Verlag

Unglaublich eigentlich, aber seit ich diesen Blog hier betreibe, habe ich offenbar kein Buch von Krimi-Ikone James Ellroy besprochen. Mein Lieblings-Ellroy ist “Ein amerikanischer Thriller”, aber den habe ich bereits vor vielen, vielen Jahren gelesen. Sein neuester Kriminalroman “Allgemeine Panik” widmet sich – wieder einmal – dem Hollywood der 1950er-Jahre und zeigt dessen wenig glamouröse Seite. Das Buch zeigt auch sehr gut: Ellroy ist und bleibt ein Meister des Rabiaten.

“Ich arbeite für jeden, außer für Kommunisten. Und tue alles, bis auf Mord.” So lautet Freddy Otashs Lebensmotto. Bloß sagt er nur die halbe Wahrheit, denn einer dieser beiden Sätze stimmt nicht, wie man im Verlauf der Geschichte von “Allgemeine Panik” schon bald feststellen wird. Otash, der wirklich gelebt hat, ist eine typische James-Ellroy-Figur: Der Expolizist und nunmehrige Privatermittler war ein selbstbezogener, brutaler und sexbesessener Kerl, der sich im Los Angeles der 1950er-Jahren für keinen schmutzigen Job zu schade war. Für das Schundblatt “Confidential”, gegen das heutige Klatschmagazine wie Bibeln guten Geschmacks anmuten, schnüffelte er skrupellos Prominenten hinterher, horchte diese ab und scheute vor Bestechung und Erpressung nicht zurück. Zu seinen Opfern zählten angeblich Marilyn Monroe, Frank Sinatra sowie der spätere US-Präsident John F. Kennedy.

Willkommen im Fegefeuer

Der betagte, aber alles andere als altersmilde US-Autor lässt Ich-Erzähler Otash zu Beginn des Buches im Fegefeuer sitzen, aus dem dieser sich nur befreien kann, wenn er endlich die Wahrheit offenbart: “Seit achtundzwanzig Jahren stecke ich in diesem beschissenen Elendsloch fest. Und jetzt will man mir weismachen, ich könne mir durch schonungslose Offenlegung meiner Missetaten einen Weg nach draußen schreiben.”

Also packt Otash, der auch das Vorbild für Jack Nicholsons Rolle als Jack Gittes in “Chinatown” gewesen sein soll, aus und beichtet die Sünden seines Lebens. Was folgt, ist ein wilder Ritt durch ein wenig glamouröses Hollywood, sehr viel Sex inklusive. Die Schauspieler Marlon Brando, James Dean, Rock Hudson, Burt Lancaster würden sich bei der Lektüre wohl im Grab umdrehen – wie auch der spätere US-Präsident John F. Kennedy, der aufgrund seiner mangelnden Ausdauer beim Sexualakt abschätzig als Zwei-Minuten-Mann tituliert wird. Elizabeth Taylor und weitere Filmdiven werden ebenfalls wenig schmeichelhaft porträtiert.

Man kann Ellroys Buch als wahllose Aneinanderreihung von Obszönitäten und ungezügelten Gewaltausbrüchen (“An meiner Seele klebte Blut, an meinem Totschläger lose Zähne”) lesen, doch entwickelt dieses unweigerlich einen ganz eigenen Sog. All die realen Persönlichkeiten und fiktiven Figuren, für deren Übersichtlichkeit ein Glossar durchaus hilfreich wäre, die unzähligen Nebenschauplätze und historischen Hintergründe lassen ein ungezügelt mäanderndes Panoptikum entstehen, das seinesgleichen sucht. Skurril mutet es etwa an, wenn sich Politiker und Prominente auf Dächern versammeln, um die Schönheit von Atombombentests in der Wüste zu bewundern: “Die prächtige Pilzwolke prangte in Purpur und Rosa.”

Ellroy, wahrlich keine Edelfeder

Ellroy ist keine Edelfeder, er ist ein Poet des Rabiaten, des Rohen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und schreibt, was und wie es ihm beliebt, politische Korrektheit ist ihm ein Gräuel. So übertrieben seine Beschreibungen Hollywoods als reiner Sündenpfuhl auch sein mögen, bietet gerade diese Überzeichnung bis ins Absurde letztlich auch eine Möglichkeit zur Annäherung an die Wirklichkeit.

Letztlich ist Ellroys Rückgriff auf das Purgatorium als Ort der Beichte ein genialer Zug. Was wird Otash erzählen oder erfinden, um aus dem Fegefeuer erlöst zu werden? Was davon ist wahr, was halb wahr, was komplette Fiktion? Fragen, die sich aufdrängen, zumal Otash sich selbst bereits zu Lebzeiten immer wieder als Verräter und jämmerlicher Polizeispitzel bezeichnet. So viel Otash auch erzählen mag, endgültige Antworten auf den möglichen Wahrheitsgehalt des Erzählten gibt es nicht.

“Allgemeine Panik” ist vermutlich keines von Ellroys besten Büchern, aber es ist ein abgründiges, verstörendes, zutiefst schurkisches und letztlich auch Spaß machendes Stück Kriminalliteratur.

7 von 10 Punkten

James Ellroy: “Allgemeine Panik”, übersetzt von Stephen Tree, Ullstein Verlag, 430 Seiten.

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André Pilz: Morden und lügen

(c) Suhrkamp Verlag

Es ist eine Weile vergangen seit “Der anatolische Panther”. Mit diesem ungewöhnlichen Underdog-Krimi hat mich der Vorarlberger André Pilz vor sechs Jahren so richtig begeistert. Seitdem ist offenbar auch im Leben des Schriftstellers einiges geschehen, denn er schreibt nicht mehr für den Haymon Verlag, sondern für den prestigeträchtigen Suhrkamp Verlag. Dessen Herausgeber der Krimireihe, Thomas Wörtche, steckt da wohl dahinter. Nun liegt mit “Morden und lügen” jedenfalls endlich wieder ein Thriller von Pilz vor. Soviel vorweg: Er muss keinen Vergleich mit namhaften heimischen Krimiautoren scheuen.

Hauptfigur Jan, ein Autor in einer veritablen Schaffenskrise, muss sich seiner Vergangenheit stellen. Und gleich zu Beginn hat man ein wenig das Gefühl, Pilz schreibe über seine eigenen Erfahrungen mit den Schattenseiten des Schriftstellerdaseins: “Ich konnte nur so lange davon leben, solange ich konzentriert arbeitete, etwas schrieb, das ich verkaufen konnte. Und im Moment wollte man mein Zeug nicht mal geschenkt.” Tatsächlich muss diese Ungewissheit belastend sein. “Ich balancierte ohne Sicherheitsnetz, und sollte ich fallen, war alles aus und vorbei und ich würde mich mit Schulden wiederfinden und wahrscheinlich für den Rest meines Lebens Jobs annehmen müssen, die ich hasste.”

Wollen wir hoffen, dass das niemals der Fall sein wird! Denn Pilz ist ein verdammt guter Autor. Aber worum geht es? Vor sechzehn Jahren wurde die Studentin Angelika vor ihrem Wohnheim in einer österreichischen Universitätsstadt getötet. Nun taucht plötzlich die Mutter der Toten auf und bezichtigt Jan, mehr über die Tat zu wissen, als er zugibt.

Ein unzuverlässiger Erzähler

Pilz bedient sich bei seiner Erzählung des Stilmittels des unzuverlässigen Erzählers. Kann man Jan, der auch mal schnell aus der Fassung gerät, trauen? Ist er wirklich unschuldig? Was weiß er? Diese Fragen stellt sich auch Haddah, Bloggerin mit Migrationshintergrund und heimliche Heldin der Geschichte. Die selbstbewusste junge Frau ist an den Hintergründen des Todes zweier Afrikaner interessiert, die ein halbes Jahr nach der Studentin fast ohne Wahrnehmung der Öffentlichkeit von einer Polizistin getötet wurden. Ein typischer Fall im Drogenmilieu eben, so hat es den Anschein. Schon bald aber stellt sich die Frage: Hängen die beiden Geschehnisse zusammen?

Was als durchaus üblicher Thriller über eine mutmaßliche Beziehungstat beginnt, wird zunehmend facettenreicher, denn Pilz greift auch die Themen Polizeigewalt und Rassismus auf. Was mir besonders gut gefällt, ist seine Sichtweise. Im Zentrum seiner Geschichten stehen nicht die Ermittler, sondern Menschen, die nicht ganz in der Mitte der Gesellschaft verankert sind. In “Morden und lügen” fasziniert vor allem der Charakter von Haddah. Mit ihr würde man sich auch gern mal einen verbalen Schlagabtausch liefern. Wobei: Man hätte keine Chance gegen sie!

Ich brauche keine verzwickten, rätselhaften High-Society-Morde. Ich lese lieber über Außenseiter und an den Rand Gedrängte. Gut gefallen hat mir auch, dass Jan ein sehr ambivalenter Charakter ist. So richtig sympathisch wird einem dieser Kerl nicht. Er wirkt dadurch dem Leben entsprungen. “Der anatolische Panther” hat mich noch eine Spur mehr beeindruckt, aber wie auch immer: Kein zweiter österreichischer Krimiautor erzählt so wunderbare Underdog-Geschichten. Und hoffen wir, dass es nicht wieder sechs Jahre dauert, bis es etwas von Pilz zu lesen gibt.

7 von 10 Punkten

André Pilz: “Morden und lügen”, Suhrkamp Verlag, 304 Seiten.

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Stephen Mack Jones: Princess Margarita Illegal

(c) Tropen Verlag

Oft verschießen Autoren mit ihrem ersten Buch das ganze Pulver. Das zweite Werk kann dann mit dem Erstling nicht mehr mithalten. Aber es gibt auch das umgekehrte Phänomen. Einem soliden oder womöglich sogar enttäuschenden Auftakt (zum Beispiel Adam Sternberghs “Feindesland, das mir wesentlich besser gefallen hat als “Spademan”) folgt ein überraschend guter Nachfolger. Das ist auch bei “Princess Margarita Illegal” der Fall, das mir noch einmal besser gefallen hat als Stephen Mack Jones’ ohnehin nicht übles Debüt Der gekaufte Tod”. Das Buch liest sich eleganter, stimmiger und das übertriebene Schlussgemetzel (da wurde eigentlich das Pulver für mehrere Bände verschossen!) fällt diesmal auch weg.

Worum es geht? Der nach einer Klage reich gewordene Ex-Polizist August Snow ist eine der interessantesten Figuren im Krimigenre. Wie schon in Band eins hat der mexikanisch-afroamerikanische Snow auch in “Princess Margarita Illegal” ein ziemlich loses Mundwerk. Als eine junge Migrantin tot aufgefunden wird, will Snow wissen, was dahintersteckt.

Nicht nur Republikaner lieben Waffen

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind aus europäischer Sicht nicht immer ganz leicht zu verstehen, da können auch Kriminalromane durchaus aufklärerisch wirken. Der Autor zeigt etwa, dass auch Liberale ein Faible für Waffen haben können. Die Waffenlobby NRA wird bei aller Kritik an sozialen Missständen und rechtsradikalen Fanatikern durchaus ihre Freude an diesem Buch haben. Denn am Ende gewinnen die gut bewaffneten Guten.

PS: Sehr gelungen finde ich das Cover. Das sticht richtig aus dem Neuerscheinungs-Einheitsbrei mit stilisierten Blumen, Blüten und Tieren sowie einsamen Hütten, Stränden und sonstigen kargen Landschaften deutlich hervor.

8 von 10 Punkten

Stephen Mack Jones: “Princess Margarita Illegal”, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Tropen-Verlag, 314 Seiten.

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Das Dunkle bleibt

(c) Kunstmann Verlag

Sehr still ist es geworden auf diesem Blog. Keine besonderen Ereignisse waren dafür verantwortlich. Ich bin auch angesichts der pandemischen Situation und der weltpolitischen Lage nicht in Depression verfallen. Weiterhin lese ich begeistert Kriminalromane, aber über diese hier zu schreiben, hat mir einfach die Muse gefehlt. Mag sein, dass ich hier nur mehr in größeren Abständen meine Eindrücke niederschreibe, aber ganz verstummen mag ich noch nicht. Es gibt jedenfalls kaum ein passenderes Buch als “Das Dunkle bleibt”, um zurückzukehren. Die anbetungswürdigen schottischen Krimigrößen Ian Rankin und William McIlvanney vereint – ja, wo gibt es denn so etwas?

Dass lebende Autoren das Werk verstorbener Krimischriftsteller- und schriftstellerinnen fortsetzen, ist keine Seltenheit. Sophie Hannah etwa hat zahlreiche Agatha-Christie-Romane verfasst, auch Ian Flemings James Bond trinkt weiter Martinis und Robert Ludlums Jason Bourne sieht sich noch immer mit unglaublichen Verschwörungen konfrontiert. Die Serie rund um Stieg Larssons widerspenstige Hackerin Lisbeth Salander, die David Lagercrantz nach dem Tod des schwedischen Autors fortgesetzt hat, wird ab nächstem Jahr von Karin Smirnoff literarisch wiedererweckt.

Seltener kommt es vor, dass unvollendete Manuskripte von Kollegen fertig geschrieben werden. Dies war etwa bei Raymond Chandlers „Einsame Klasse“ der Fall, das Robert B. Parker – selbst namhafter Krimiautor und bekannt für seine Figur des Privatdetektivs Spenser (der nach Parkers Tod dank Ace Atkins ebenfalls weiterermitteln durfte) – zu einem Ende brachte. Oder nun bei William McIlvanneys „Das Dunkle bleibt“, das niemand Geringerer als sein schottischer Landsmann Ian Rankin vollendet hat, dessen Ermittler John Rebus (zb. “Das Souvenir des Mörders”, “Mädchengrab”) Kultstatus genießt.

Fast vergessene Laidlaw-Trilogie

Der im Glasgow des Jahres 1972 angesiedelte Kriminalroman ist ein Prequel zu McIlvanneys fast vergessener Laidlaw-Trilogie (“Laidlaw”, “Die Suche nach Tony Veitch”, “Fremde Treue”) die unter Kennern hoch angesehen ist. Für seinen Nachfahren Rankin waren es diese drei Bücher, die ihn überhaupt zum Schreiben brachten. „Da war dieser literarische Schriftsteller, der sich dem urbanen, zeitgenössischen Krimi zugewandt hatte und zeigte, dass das Genre große moralische und soziale Fragen angehen konnte.“ Ohne ihn wäre er wohl kein Krimiautor geworden, so Rankin. Allein, dass nun ausgerechnet ihm die Ehre zufiel, das Unvollendete zu vollenden, macht „Das Dunkle bleibt“ besonders. McIlvanneys Witwe zeigte sich jedenfalls zufrieden: Als sie das Buch gelesen habe, habe es sich angefühlt, als wäre ihr Mann bei ihr im Zimmer gewesen.

Worum es darin geht? Bobby Carter, Anwalt des Unterweltbosses Cam Colvin, ist ermordet worden. Hinter der Tat werden die Konkurrenten John Rhodes und Matt Mason vermutet. Ein Krieg der rivalisierenden Gangs wird befürchtet. Doch Jack Laidlaw, der Neue bei der Glasgow Crime Squad, hat Zweifel. Laidlaw ist ein unangepasster Einzelgänger, ein Störenfried im bürokratischen Polizeiapparat. Das muss auch sein Kollege Bob Lilley rasch feststellen, der später über Laidlaw sagen wird: „Er ist ein Unikat in einer Welt der Massenproduktion. Kein Polizist, der zufällig auch Mensch ist. Er ist ein Mensch, der zufällig auch Polizist ist, und die Bürde schleppt er überall mit sich herum.“ Allerdings eilt ihm der Ruf voraus, einen sechsten Sinn dafür zu haben, was auf der Straße geschieht.

“Das Gesetz hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun”

Entstanden ist ein glaubwürdiges, lakonisches Stück Kriminalliteratur. Laidlaw ist kein Held, ganz im Gegenteil. Er ist ein mitunter unangenehmer Zeitgenosse, der seine Familie vernachlässigt. Es ist so, als trage er die dunkle Seite Glasgows ständig mit sich herum. Versuche von Laidlaws Frau, eine Verbindung zur Familie seines neuen Kollegen Lilley aufzubauen, sind ein offenkundiger Hilferuf. Ein gemeinsames Abendessen der Paare Laidlaw und Lilley offenbart das Schlachtfeld Ehe im Hause Laidlaw.

Die hohe Kunst Rankins liegt darin, dass man sich bei der Lektüre des Buchs nicht mit der Frage beschäftigen muss, welcher der beiden Autoren denn nun welchen Teil geschrieben hat. Sowohl die beiden Schriftsteller als auch ihre Figuren haben einen ähnlich abgeklärten Blick auf die Dinge, der sich auch in folgendem Zitat perfekt zusammenfassen lässt: „Das Gesetz hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Das ist ein System, das wir installiert haben, weil’s keine Gerechtigkeit gibt.“

Fast würde man sich wünschen, dass Rankin neben seiner Rebus-Reihe ab und zu auch einen Laidlaw-Krimi einstreuen würde. Andererseits ist es aber vielleicht auch einfach gut, die Dinge würdig zu einem Abschluss zu bringen.

Aus Prinzip vergebe ich:

10 von 10 Punkten

William McIlvanney/Ian Rankin: „Das Dunkle bleibt“, übersetzt von Conny Lösch, Antje Kunstmann Verlag, 286 Seiten.

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Garry Disher, der australische Krimigigant

Der australische Krimiautor Garry Disher zählt zu meinen Lieblingsautoren. Umso unverständlicher, dass mir gleich vier seiner letzten Bücher auf meinen Blog durchgerutscht sind. Ich habe sie daher hier alle auf einmal versammelt.

Bevor er mit seinen Reihen um Inspector Challis und Constable Hirschhausen (siehe unten) Erfolge feierte, erzählte der Australier packende Geschichten von der anderen Seite des Gesetzes. Nachdem er Berufsverbrecher Wyatt, eine meiner absoluten Lieblingsfiguren der Kriminalliteratur, kurzzeitig in Pension geschickt hatte, erschienen in den vergangenen Jahren aber wieder neue Romane. In “Moder” sieht sich Wyatt, der stets unsichtbar zu bleiben versucht, mit einem Ponzi-Betrugssystem konfrontiert. Das Buch ist ein hartes Genrestück, das der unterschätzten Serie alle Ehre macht.

Garry Disher: “Moder”, übersetzt von Frank Nowatzki, Pulp-Master-Verlag, 300 Seiten.

(c) Pulpmaster Verlag

Mit dem Berufskriminellen Wyatt hat Disher eine Figur ganz in der Tradition von Richard Starks “Parker” geschaffen. Beide Männer haben keinen Vornamen, sind knallharte Verbrecher und verabscheuen nichts mehr als Stümperei. In “Hitze” soll Wyatt ein Bild stehlen, und wieder einmal kann er seinen Komplizen nicht trauen.

Garry Disher: “Hitze”, übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller, Pulp Master, 278 Seiten.

(c) Unionsverlag

Der Polizist Paul Hirschhausen fristet in der Kleinstadt Tiverton ein beschauliches Dasein. Garry Dishers Kriminalroman “Hope Hill Drive” nimmt nur langsam Fahrt auf, so als hätte er sich an die Umgebung seiner Hauptfigur angepasst. Denn viel scheint im australischen Outback nicht zu passieren. Doch spätestens als ein Massaker an Pferden die Einwohner erschüttert, wird klar, dass auch das Nirgendwo kein idyllischer Ort ist. Der Autor beweist, dass es keine mit Action vollgepackte Handlung braucht, um Spannung zu erzeugen. Diese entsteht subtil, durch alltägliche Schilderungen und das Zusammenspiel der Charaktere.

Garry Disher: “Hope Hill Drive”, übersetzt von Peter Torberg, Unionsverlag, 334 Seiten.

Als eine giftige Schlange unter einer Betonplatte vor ihrem Haus verschwindet, ruft eine besorgte Melbourner Familie einen Schlangenfänger, der prompt eine Leiche zu Tage befördert. Krimiautor Garry Disher greift in “Kaltes Licht” auf keine seiner Serienfiguren zurück, sondern auf Alan Auhl, einen in die Jahre gekommenen Polizisten, der sich boshafte Scherze seiner Kollegen gefallen lassen muss. Ein feinfühliger Kriminalroman mit dem zentralen Thema (Un-)Gerechtigkeit.

Garry Disher: “Kaltes Licht”, übersetzt von Peter Torberg, Unionsverlag, 320 Seiten.

Bemerkenswert: Mit “Kaltes Licht” (Platz eins) und “Hitze” (Platz acht) gelang es Disher im September 2019 übrigens, gleichzeitig mit zwei Büchern von zwei verschiedenen Verlagen auf der Krimi-Bestenliste zu landen – ein toller Erfolg für den sträflich unterschätzten Autor, aber auch für den Kleinstverlag Pulp Master.

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Greg Buchanan: Sechzehn Pferde

(c) S. Fischer

Es ist ein grausiger Fund, den ein Farmermädchen im kleinen Ort Ilmarsh macht: Sechzehn Pferdeköpfe, kreisförmig eingegraben im Ackerboden. Der lokale Polizist Alec ist einer der ersten, der zum Tatort gerufen wird. “Alec zählte sechzehn Köpfe, auf der Seite liegend und fast vollständig eingegraben. Nur ein Auge lag frei, und bei einem Kopf konnte man ein Stück des Halses erkennen.”

Warum ausgerechnet sechzehn Pferde, die noch dazu von unterschiedlichen Besitzern stammen? Warum diese Anordnung der Köpfe? Um die Tat zu klären, wird die Veterinärforensikerin Cooper Allen gerufen. Die Expertin hat schon viel gesehen, wenn es darum geht, wie grausam Menschen mit Tieren umgehen. Alec, der erst vor vier Jahren in das scheinbar idyllische Örtchen gezogen ist, hat ebenso wie seine Ermittler-Kollegin mit seinen eigenen Geistern der Vergangenheit zu kämpfen. Alec ist nicht angekommen in Ilmarsh, nicht Teil der Gesellschaft und auf der Suche nach Bedeutung. Seine Persönlichkeit scheint sich aufzulösen.

Wie passend, dass nahezu jede Person in Ilmarsh, mit der das Duo konfrontiert wird, eigene Geheimnisse zu hüten scheint. “Jeder, der uns helfen könnte, ist tot oder lügt oder hat sich aus dem Staub gemacht”, sagt Allen einmal. Greg Buchanan hat mit seinem Debüt “Sechzehn Pferde” aber nur vordergründig einen Kriminalroman geschrieben. Ihm geht es um ganz etwas anderes als um die Lösung des Falls, der zunehmend in den Hintergrund gerät. Der Autor versucht in die Seelen seiner Figuren zu blicken. Der Leser wird dabei aber vor allem Leere vorfinden. Abgestumpft vom Leben, vegetieren die Menschen dahin, teilweise wie Geister – genau so wie der dahinsiechende Ort selbst, dem das Schicksal einer Geisterstadt droht. Es ist, als würden sich die Menschen verflüchtigen, ehe es auch der Ort tut.

Die Geschichte löst sich im Nichts auf

Buchanan hat ein gutes Auge für Details, ihm gelingen viele kleine wahrhaftige Momente. Aber umso mehr er das Rätsel der Pferdeköpfe aus dem Blick verliert, umso stärker schwindet auch das Interesse an dieser Geschichte. Schwer einordenbare Dialogteile und nicht immer nachvollziehbare Sprünge in der Perspektive bremsen das Lesevergnügen ebenso wie verweigerte Erklärungen und ins Nichts führende Erzählstränge.

Grundsätzlich ging es mir bei der Lektüre ähnlich wie Marius in seinem Blog Buch-Haltung schreibt: “Ich muss gestehen, dass ich mit den Sechzehn Pferden nicht wirklich warm wurde, auch wenn ich die erzählerischen Ansätze und die Weiterentwicklung eines konventionellen Krimis hier durchaus goutieren. Im Ganzen waren es mir dann aber doch einfach zu viele Brüche, Fragen und skizzenhafte Erzählelemente, die unaufgelöst blieben und keinen tieferen Sinn ergaben.”

Wie auch Marius kam mir Jon McGregors “Speicher 13” in den Sinn, das einen noch entschleunigteren Zugang hatte. Buchanan hat jedenfalls ein vielschichtiges Porträt eines im Sterben befindlichen Dorfes und seiner Bewohner geschrieben. Nach der vielversprechenden ersten Hälfte des Buches schwindet aber eben zunehmend das Interesse am Schicksal der beschriebenen Menschen. Fast gleichgültig nimmt man das Ende hin.

Aber vielleicht ist das ja die eigentliche düstere Botschaft des Autors: Wir alle verschwinden irgendwann, und nichts wird von uns bleiben.

7 von 10 Punkten

Greg Buchanan: “Sechzehn Pferde”, übersetzt von Henning Ahrens, S. Fischer-Verlag, 443 Seiten.

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Chris Whitaker: Von hier bis zum Anfang

(c) Piper Verlag

Chris Whitakers “Von hier bis zum Anfang” hat den renommierten Gold Dagger für den besten Kriminalroman des Jahres gewonnen. Nicht zu Unrecht, denn die Odyssee des 13-jährigen Mädchens Duchess geht zu Herzen. Wohl nicht zufällig wird es oft mit Delia Owens Megaerfolg “Der Gesang der Flusskrebse” (das Buch erscheint demnächst als Film) verglichen.

Schon bevor ihre lebensunfähige Mutter Star ermordet wurde, lag Duchess’ Welt in Stücken. Neben den üblichen Teenager-Problemen musste sich das Mädchen bereits vor der Gewalttat um ihren kleinen Bruder Robin kümmern, war Star doch nie über den Tod ihrer eigenen Schwester vor dreißig Jahren hinweggekommen. Als die Geschwister nun auf die Farm ihres Großvaters Hal abgeschoben werden – ein Mann, den die beiden nicht kennen -, reagiert das Mädchen widerspenstig. Es berührt, wie die Welten des zornigen Kindes und des Großvaters, der alles schon gesehen hat, aufeinanderprallen. Und dass dieses Kind nicht bereit ist aufzugeben.

Chris Whitaker zeichnet gefühlvoll nach, wie der drei Jahrzehnte zurückliegende Tod eines Kindes das Leben unzähliger Menschen, die teilweise damals noch nicht einmal geboren waren, auch heute noch prägt. So glaubt der Polizist Walk felsenfest an die Unschuld seines Freundes Vincent, der nach 30 Jahren Gefängnis nach Cape Haven zurückgekehrt ist. Doch wer sonst kann Star ermordet haben?

Von dem Kleinstadt-Idyll bleibt am Ende nicht viel übrig. Whitaker schreibt unaufgeregt über Schuld, Freundschaft und Verlust. Die überraschenden Wendungen zum Schluss rühren und schmerzen.

8 von 10 Punkten

Chris Whitaker: “Von hier bis zum Anfang”, übersetzt von Conny Lösch, Piper, 448 Seiten.

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Zhou Haohui: “18/4 – Der Hauptmann und der Mörder”

(c) Heyne

Zhou Haohuis “18/4 – Der Hauptmann und der Mörder”, der vielversprechende Auftakt zu einer Trilogie – ist ein klassischer Kriminalroman im besten Sinne. Zwar wird die Tiefe der handelnden Charaktere vernachlässigt, aber an Rasanz, unvorhersehbaren Wendungen und vielen offenen Fragen, die geklärt werden müssen, hat dieses Buch eine Menge zu bieten. Überraschend offen werden auch Themen wie Polizei-Korruption und die Privilegien der Reichen in China abgehandelt.

Es ist aber vor allem die Ausgangssituation, die Hollywood aufmerksam machen muss. Ein Killer, der bereits vor 18 Jahren zuschlug, kündigt in der Millionenstadt Chengdu per Todesanzeigen an, wen er wann und warum ermorden wird. Der Serienmörder nennt sich selbst Eumenides – das ist ein anderer Name für die Furien in der griechischen Mythologie, also die Rachegöttinnen. “Der Legende nach haben die Eumeniden all jene zur Strecke gebracht, die schwere Verbrechen begingen”, heißt es an einer Stelle des Buches. Eumenides sorgt also, zumindest aus seiner Sicht, dort für Gerechtigkeit, wo die Polizei es nicht tut.

Hauptmann Pei Tao, der als einziger schon vor 18 Jahren mit den Taten von Eumenides befasst war, wird in die Sondereinsatzgruppe 18/4 aufgenommen, die die Mordserie klären soll. Doch der kriminelle Gegner scheint seinen polizeilichen Widersachern in diesem Katz- und Mausspiel haushoch überlegen. Welche Falle ihm die Polizisten auch stellen, Eumenides ist immer einen Schritt voraus. Und schon bald stellt sich innerhalb der Sondereinsatzgruppe die Frage, wem innerhalb der Polizei überhaupt zu trauen ist. Wer hat selbst eine dunkle Vergangenheit?

Raffiniert konstruiert Zhou Haohuis eine rätselhafte Geschichte, die er einerseits meisterhaft aufzulösen versteht und an deren Ende er andererseits gekonnt ein neues Rätsel erschafft, an dem sich in den Teilen zwei (“18/4 – Der Pfad des Rächers”, erscheint im Mai) und drei (“18/4 – Die blinde Tochter”, September) die Ermittler die Zähne auszubeißen haben.

Wer auf Thriller aus Asien steht, der kann sich übrigens schon bald auf Nachschub freuen. Anfang März erscheint “Der grillende Killer” des taiwanesischen Autors Chang Kuo-Li und im April “Bullet Train” seines japanischen Kollegen Kotaro Isaka.

9 von 10 Punkten

Zhou Haohui: “18/4 – Der Hauptmann und der Mörder”, übersetzt von Julian Haefs, Heyne Verlag, 398 Seiten.

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Beth Ann Fennelly/Tom Franklin: Das Meer von Mississippi

(c) Heyne Hardcore


In “Das Meer von Mississippi” arbeiten Beth Ann Fennelly und Tom Franklin die dramatischen Geschehnisse rund um eine vergessene Tragödie in den USA literarisch auf. Die große Flut von 1927 gilt als die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA. Heute ist sie weitgehend in Vergessenheit geraten. Das Autoren-Ehepaar Beth Ann Fennelly und Tom Franklin schreibt eindrucksvoll gegen dieses Vergessen an.

Bereits seit dem Winter 1926 ließen heftige Regenfälle immer wieder die Dämme entlang des Mississippi und seiner Nebenflüsse brechen. Kleinere Überflutungen forderten zahlreiche Todesopfer. Am Karfreitag 1927 ergoss sich dann eine dreißig Meter hohe Flutwelle mit der doppelten Wucht der Niagara-Fälle ins Mississippi-Delta, auf eine Fläche “ungefähr so groß wie Connecticut, New Hampshire, Massachusetts und Vermont zusammen”. Dass die Fluten nicht die reichen Staaten im Osten der Vereinigten Staaten heimsuchten, dürfte auch der Hauptgrund sein, warum die große Flut kaum Eingang in die Geschichtsbücher fand. “Aber wir lebten im Dreck des Deltas, im fruchtbarsten Dreck der Nation, der allerdings unter den Stiefelsohlen der Ärmsten klebte”, sinniert Hauptfigur Dixie Clay im Epilog des Buches.

Das schreibende Ehepaar Fennelly/Franklin hat sich für eine Krimi-Rahmenhandlung rund um die Ereignisse von 1927 entschieden. Im fiktiven Ort Hobnob stellt Jesse gemeinsam mit seiner Frau, Dixie Clay, illegal Whiskey her – den besten der ganzen Gegend. Dixie leidet, sie hat erst vor Kurzem ein Kind verloren. Nachdem zwei Prohibitionsagenten spurlos verschwinden, werden zwei neue Kollegen auf die Schwarzbrenner angesetzt: Ham und Ingersoll. Als die beiden auf dem Weg zu ihrem Einsatzort ein verlassenes Baby entdecken, beschließt Ingersoll (selbst ein Waisenkind) kurzerhand, dieses mitzunehmen.

Woher kommt bloß der Spitzname “Ham”?

In Hobnob angekommen, gibt Ingersoll das Baby nicht im Waisenhaus ab, sondern bringt es zu Dixie Clay – nicht ahnend, mit wem er es zu tun hat. Dixie brennt Nacht für Nacht einsam Whiskey, während ihr kaum anwesender Mann, Jesse, für die geschäftliche Seite zuständig ist. Es entspinnt sich eine Geschichte, die das Leben aller Beteiligten verändern wird.

Manchmal vielleicht etwas langatmig erzählen Fennelly und Franklin davon, welch erbärmliche Existenzen viele Menschen in den 1920er-Jahren in den ruralen Teilen der Vereinigten Staaten führen mussten. Mittels fesselnder Episoden ziehen die Autoren die Leser immer mehr in ihre Geschichte hinein. Wie Dixie und Ingersoll um das Leben des erkrankten Babys kämpfen, welche Auswirkungen der Erste Weltkrieg auf die heimgekehrten US-Soldaten hatte und wie sehr all das mit Herbert Hoovers erfolgreicher Präsidentschaftskandidatur und dem Scheitern von Amtsinhaber Coolidge zusammenhängt – das bringen sie eindringlich nahe.

“Das Meer von Mississippi” ist darüber hinaus ein Beziehungsroman auf vielen Ebenen. Fennelly und Franklin beschreiben einfühlsam, wie Dixie Clay von Tag zu Tag vor sich hinstirbt, während sich Jesse als Lebemann austobt; sie schildern die durch den Krieg zusammengeschweißte Männerfreundschaft zwischen Ingersoll und Ham, der um die Entstehung seines seltsamen Vornamens ein Geheimnis macht und in launigen Runden Zuhörer mit schier endlosen, immer anderslautenden Geschichten darüber narrt. Das weiß allerdings nur sein Freund Ingersoll. Und dann ist da natürlich auch das Baby, das in Dixie Clay die Lebensgeister erweckt und in dem sich der innerlich leer fühlende Ingersoll wiedererkennt: “Die Waffe war wie seine Gitarre, denn sie bezog ihre ganze Macht aus einem Loch in der Mitte. Wie Ingersoll selbst, möglicherweise.”

All das passiert vor dem Hintergrund der omnipräsenten Gefahr von Dämmen, die zu brechen drohen – nicht zuletzt, weil Saboteure im Auftrag profitgieriger Bankiers in New Orleans unterwegs sind. Es ist also ein apokalyptisches Setting, letztlich geht es aber vor allem um menschliche Bedürfnisse: Solidarität in der Not, Hoffnung – und natürlich Liebe.

8 von 10 Punkten

Beth Ann Fennelly/Tom Franklin: “Das Meer von Mississippi”, übersetzt von Eva Bonné, 384 Seiten, Heyne Hardcore.

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