Stephen King: Mr. Mercedes

(c) Heyne

Es ist schon wieder länger her, dass ich Stephen King gelesen habe. Mein letzter Versuch endete nach 50 Seiten – ich sage nur: “Der Mann in schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm”. Ein perfekter erster Satz, aber danach konnte mich leider nichts mehr fesseln. Das war eine ungewohnte Erfahrung, ist King doch einer der ganz großen Erzähler der Spannungsliteratur.

Der Plot von “Mr. Mercedes” ist schnell zusammengefasst: Ein Irrer pflügt mit seinem Mercedes S 600 in eine Menschenmenge. Es gibt viele Todesopfer, doch der Täter kann unerkannt entkommen. Schließlich meldet er sich Monate nach der Tat per Brief bei einem abgehalfterten Ex-Polizisten. Dieser begibt sich auf die Jagd.

“Mr. Mercedes” wurde mit dem begehrten “Edgar Allan Poe Award” für den besten Kriminalroman des Jahres 2015 geehrt. Eine tolle Ehre für den vor allem für seine Horror-Geschichten bekannten Autor. Und tatsächlich kommt dieses Buch ganz ohne Übersinnliches aus. Nach der Lektüre kann ich diese Wahl daher durchaus nachvollziehen, obwohl mir letztlich irgendetwas gefehlt hat.

Das Buch liest sich einerseits wunderbar, denn die Charaktere der “Guten” (allen voran Ex-Cop Bill Hodges, der sich mit ein paar seltsamen Gestalten verbündet) wachsen einem ans Herz. Der Böse, der titelgebende Mr. Mercedes, ist halt ein wenig überzeichnet, aber das geht schon in Ordnung.

Fein fand ich auch, dass King viele Referenzen für Leser der Kriminalliteratur bietet. Immer wieder nimmt er Bezug auf klassische Figuren des Genres oder populäre TV-Serien und Filme. Er schreckt nicht einmal davor zurück, sich selbst zu zitieren. Das kommt aber so unaufdringlich und augenzwinkernd daher, dass es Spaß macht.

Der Showdown war mir aber einfach zu klassisch und vorhersehbar. Da hatte ich mir mehr erwartet und daher stellte sich kurz nach der Lektüre das typische Thriller-Gefühl ein: Währenddessen superfesselnd, aber dann folgt dieses seltsame Gefühl der Leere. Der Grund, warum ich klassische Pageturner, die ich früher mit Vorliebe verschlungen habe, mittlerweile eher selten lese.

7 von 10 Punkten

Stephen King: “Mr. Mercedes”, übersetzt von Bernhard Kleinschmidt, Heyne, 591 Seiten.

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Krimis, die man 2018 lesen sollte (VIII)

(c) Rowohlt Polaris

Ryan Gattis hat für mich mit “In den Straßen die Wut” den besten Kriminalroman des Jahres 2016 geschrieben. “Safe” klingt für mich ausgesprochen vielversprechend, ich hoffe auf ähnlich außergewöhnliche Lektüre wie einst bei Steve Hamiltons “Der Mann aus dem Safe”. Denn offenbar habe ich ein Faible für Safeknacker 😉

Der Verlag schreibt: Ricky Mendoza, genannt Ghost, ist Panzerknacker, der beste von L.A. Früher war er Gangster, jetzt knackt er für die Polizei die Safes der Banden. Doch Ghost plant einen Coup. Er will Geld abzweigen, sehr viel Geld. Nicht aus Eigennutz – das hätte er vielleicht getan, bevor er in der Krebsklinik Rose kennenlernte. Rose ist lange tot, Ghost wurde geheilt. Doch nun ist der Tumor zurück. Ghost wird sterben. Bis dahin will er den Bösen nehmen und den Armen geben. Ein Dead Man Walking.

Rudy Reyes, genannt Glasses, ist die rechte Hand des Drogenkönigs. Er hat eine solide Verbrecherkarriere hinter sich, aber er hat auch Familie in Mexiko, wo die Kartelle ganze Dörfer abschlachten. Glasses fühlt sich mitschuldig, er will ein neues Leben beginnen. Mit der Polizei arbeitet er seit längerem zusammen; gerade hat er eine Liste mit den Gelddepots der Gangs geliefert. Vielleicht ist auch er ein Dead Man Walking.

André Georgis “Tribunal” fand ich in Ansätzen sehr gelungen. Der Autor vergab dabei aber auch viele Möglichkeiten. Nun, ich habe “Die letzte Terroristin” mittlerweile gelesen – und ich bin begeistert, wie sehr sich Georgi steigern konnte. Bald mehr dazu.

Eine Frau in den Fängen des Terrorismus, unterwegs in einer waghalsigen Mission. Ihr Zielobjekt: einer der meistgehassten Männer der wiedervereinigten Republik. Ihr Gegenspieler: ein unter Druck geratener BKA-Ermittler. In die Enge getrieben steht sie plötzlich vor einer Entscheidung, die nicht nur ihr eigenes Leben verändern wird …

Berlin, 1991: Treuhandchef Hans-Georg Dahlmann muss die Staatsbetriebe der untergegangenen DDR in die Privatwirtschaft überführen und ist der meistgefährdete Mann nach der Wende: Verhasst im Osten, im Konflikt mit westdeutschen und internationalen Unternehmen, potenzielles Zielobjekt der RAF.

BKA-Mann Andreas Kawert ist der jüngsten Generation der Terrorgruppe auf der Spur. Hinweise verdichten sich, dass ein Attentat auf Dahlmann bevorsteht. Eine Frau rückt in den Fokus des Ermittlers. Doch ist er wirklich hinter der Richtigen her? Und wird er es schaffen, das Attentat zu verhindern?

(c) Polar Verlag

Feines kommt auch aus dem Polar-Verlag. “Grant Park” ist definitiv keine Krimikost für Zwischendurch. Interessant diese Verknüpfung zwischen Martin Luther Kings Ermordung und Barack Obamas Angelobung als US-Präsident.

“Grant Park”, der dritte Roman des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Miami-Herald-Kolumnisten Leonard Pitts Jr. spielt an zwei der eindrucksvollsten Schauplätze amerikanischer Geschichte: am Tag von Obamas Wahl zum Präsidenten im Herbst 2008 und beim Streik in Memphis, der 1968 zur Ermordung von Martin Luther King führte. In Malcolm Toussaint, dem gefeierten Kolumnisten der Chicago Post, verbinden sich die beiden Ereignisse. Mit 60 Jahren ist er vollkommen desillusioniert. Seine Frau ist gestorben. Ein Leser hat ihn mit dem N-Wort beschimpft. Ein weiterer schwarzer Teenager wurde von der Polizei erschossen. Es ist Wahltag. Barack Obama kann womöglich die Präsidentschaft gewinnen. Überwältigt von Verzweiflung schleust Toussaint eine Kolumne auf der Titelseite seiner Zeitung an der Chefredaktion vorbei, die mehr Provokation als Kommentar ist. Er schreibt, dass er “müde vom Bullshit der Weißen ist. Genug ist genug ist genug”, was zu seiner Entlassung führt. Am gleichen Tag wird er von weißen Rassisten entführt. An einen Stuhl in einem verlassenen Lagerhaus in Chicago gekettet, hört er die Jubelrufe aus dem Grant Park, wo die Menge auf Obamas Siegesrede wartet, während seine Entführer, die White Resistance Army, planen, das Ereignis zu bombardieren. Martin Luther Kings Tod wird verbunden mit der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten. Soll man man sich lieber widersetzen oder auf den langsamen Wandel von Hass und Verzweiflung bauen?

(c) Diogenes

Auf Mick Herrons “Slow Horses” warte ich jetzt schon seit Jahren. Mittlerweile hat sich um die “Slow Horses” eine Serie entwickelt, mit Teil zwei (“Dead Lions”) hat der Autor sogar den begehrten Golden Dagger Award gewonnen hat. Ein Muss.

Slough House, das ist der Ort, an den Agenten des Geheimdiensts MI5 in London verdammt werden, deren Karrieren frühzeitig gescheitert sind. Vielleicht haben diese ›Slow Horses‹ einen Auftrag komplett vermasselt, kamen einem ehrgeizigen Kollegen ins Gehege, oder sie hingen einfach zu sehr an der Flasche, was in diesem Gewerbe nicht unüblich ist. Außer dass sie Einzelgänger sind, haben sie noch eins gemeinsam: Sie alle wollen wieder zurück in den aktiven Dienst in Regent’s Park, und dafür würden sie absolut alles tun: sogar mit den anderen ›Slow Horses‹ zusammenzuarbeiten.

River Cartwright ist ein ausgemusterter MI5-Agent, und er ist es leid, nur noch Müllsäcke zu durchsuchen und abgehörte Telefonate zu transkribieren. Er wittert seine Chance, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Netz enthauptet werden soll. Doch ist das Opfer der, der er zu sein vorgibt? Und wer steckt hinter den Entführern? Die Uhr tickt, und jeder der Beteiligten hat seine eigene Agenda. Auch Rivers Chef.

(c) Suhrkamp

David Whish-Wilsons “Die Ratten von Perth” war für mich einer der besten Kriminalromane des Vorjahrs – ich habe sogar 10 von 10 Punkten vergeben. Nun folgt mit “Die Gruben von Perth” Teil zwei dieser australischen Trilogie.

Perth, 1979. Der Goldpreis schießt in die Höhe, der Bergbau spült Unmassen von Geld nach Western Australia. Frank Swann, der aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist, schlägt sich als Privatdetektiv durch. Er soll den Selbstmord eines renommierten Geologen untersuchen und gerät in einen besonders dreisten Schwindel mit Schürfrechten, in den so ziemlich alle verwickelt sind: die Mafia, Biker Gangs, die für jeden arbeiten, der gut zahlen, die große Politik und das Big Business sowieso.

Gleichzeitig führt Swann seinen Privatkrieg gegen eine total korrupte Polizei weiter. Seine Gegner sind noch lange nicht aus dem Verkehr gezogen, sondern formieren sich in verschiedenen Koalitionen immer wieder neu. Allerdings sind auch Swanns Methoden inzwischen mindestens ebenso robust wie die seiner Feinde …

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D.B. Blettenberg: Falken jagen

(c) Pendragon

Ehrlich, ich war ein wenig enttäuscht. Von dem zweimaligen Deutscher Krimipreis-Sieger D.B. Blettenberg hätte ich mir mehr erwartet. Nun ist “Falken jagen” kein schlechter Kriminalroman, aber aus meiner Sicht eben auch nur ein durchschnittlicher. Warum also wird dieser Autor mit Krimipreisen überhäuft? Da finde ich vor allem die deutschen Krimiautorinnen Monika Geier, Simone Buchholz und Zoë Beck im Vergleich viel frischer. Mir fehlt die handwerkliche Raffinesse: Die Schreibe ist etwas zu träge, die Handlung plätschert sehr konventionell vor sich hin, Spannung kommt dadurch eigentlich nicht auf. Es müssen ja nicht ständige Turns und Cliffhanger sein, aber ein wenig davon wäre nicht schlecht. Zumindest die Charaktere funktionieren einigermaßen und wirken glaubwürdig.

Das Positive: Blettenberg greift ein gern verdrängtes und vergessenes Kapitel deutscher Geschichte auf – die Verbrechen der Wehrmacht in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges. Das tut der Autor auch sehr sensibel und für das Aufgreifen dieses Themas gebührt ihm Dank. Man soll gewisse Dinge nicht vergessen. Aber wie gesagt, so richtig auf die Reise mitnehmen konnte mich Blettenberg aus den oben erwähnten Gründen nicht. Auch der Bezug zum Massaker der US-Armee in der vietnamesischen Ortschaft My Lai war für mich nicht ganz nachvollziehbar.

Ich bin ein wenig ratlos, aber bei mir ist der Funke leider nicht übergesprungen. Ein Lob habe ich aber noch: Das Cover finde ich echt gelungen, weil es auch gut zum Inhalt passt.

4 von 10 Punkten

D.B. Blettenberg: “Falken jagen”, Pendragon Verlag, 384 Seiten.

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Krimi-Bestenliste September und Oktober: Ein Abgleich

(c) Pulp Master

Tja, im Moment komme ich einfach nicht in dem Rhythmus zum Bloggen wie ich gerne würde. Daher serviere ich den Abgleich mit der Krimi-Bestenliste diesmal auch im Doppelpack. Mein Glück: Tom Franklin hat sowohl im September als auch im Oktober mit “Krumme Type, krumme Type” die Topplatzierung erobert. Gute Entscheidung, kann man da nur sagen.

Was kann ich sonst sagen? Von den September-Neueinstiegen habe ich Blettenbergs “Falken jagen” und Harpers “Ins Dunkel” gelesen. Blettenberg hat mich enttäuscht, Harper ist hingegen sehr solide. Interessant bei der September-Liste: Hier sind mit “Krokodilstränen” und “Der Privatsekretär” zwei südamerikanische Kriminalromane vertreten.

Die Neueinsteiger des Oktobers sind durchgehend interessant. André Georgis “Die letzte Terroristin” und Dennis Lehanes “Der Abgrund in dir” habe ich kürzlich gelesen. Beide Bücher sind ein Lesevergnügen, besonders angetan hat es mir diesmal aber Georgis Roman, der eine klare Steigerung zu seinem Debüt “Tribunal” hinlegt. Mick Herrons “Slow Horses” und “Safe” von Ryan Gattis (sein Buch “In den Straßen die Wut” war für mich der beste Kriminalroman des Jahres 2016) sind für mich Pflichtprogramm. “Mexikoring” von Simone Buchholz (“Beton Rouge” hat mich sehr begeistert) möchte ich auch unbedingt lesen, bei Leroys “Die Verdunkelten” bin ich mir noch nicht ganz sicher, obwohl mich “Der Block” großteils überzeugt hat.

Hier die beiden Listen im Überblick:

Oktober:

1. Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type (1)
2. Mick Herron: Slow Horses (-)
3. Jo Nesbø: Macbeth (9)
4. André Georgi: Die letzte Terroristin (-)
5. Simone Buchholz: Mexikoring (-)
6. Mercedes Rosende: Krokodilstränen (3)
7. Jérôme Leroy: Die Verdunkelten (-)
8. Ryan Gattis: Safe (-)
9. Dennis Lehane: Der Abgrund in dir (-)
10. Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien (2)

September:

1. Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type (-)
2. Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien (1)
3. Mercedes Rosende: Krokodilstränen (-)
4. Claudia Piñeiro: Der Privatsekretär (6)
5. Gianrico Carofiglio: Kalter Sommer (8)
6. Max Annas: Finsterwalde (10)
7. J.G. Ballard: Millennium People (-)
8. D. B. Blettenberg: Falken jagen (-)
9. Jo Nesbø: Macbeth (-)
10. Jane Harper: Ins Dunkel (-)

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Krimis, die man 2018 lesen sollte (VII)

(c) Ariadne

Val McDermid bezeichnet Denise Mina als die “ungekrönte Königin des schottischen Thrillers”. Mich hat die Autorin mit ihrem Alex-Morrow-Roman “Das Vergessen” jedenfalls überzeugt. Nun ist “Blut Salz Wasser” erschienen. Pflichtlektüre, würde ich sagen.

Das schreibt der Verlag: Iain Fraser stammt aus Helensburgh. War lange weg, eine Haftstrafe absitzen. Jetzt ist er zurück. Und muss tun, was sein Boss von ihm erwartet, egal wie, egal was. Aber eine arglose Frau zu töten ist verdammt finster. Das wird Iain nicht mehr los. Inzwischen steht Detective Inspector Alex Morrow vor einem Rätsel. Die von der Polizei überwachte Roxanna Fuentecilla ist verschwunden – sehr peinlich, zumal die Spanierin in einen Fall von Wirtschaftskriminalität verwickelt ist, der dem frisch verschlankten Budget der zuständigen Ermittlungsabteilung helfen sollte. Die Leiche, die im Loch Lomond treibt, ist jedoch nicht die der Gesuchten. Morrow hat also zusätzlich einen Mordfall am Hals. Und der führt sie nach Helensburgh …

(c) Rowohlt Polaris

Jane Harper hat mit ihrem Debüt “The Dry” (Achtung: die Taschenbuchausgabe heißt nun “Hitze”) gleich den “Gold Dagger Award” gewonnen. Nun legt sie mit “Ins Dunkel” also nach. Hier meine Meinung dazu.

Grausamer als die Natur ist nur der Mensch: Fünf Frauen unternehmen eine Wanderung durch den australischen Busch, organisiert von ihrer Firma, ausgerüstet nur mit Kompass und Landkarte. Tage später kommen nur vier von ihnen zurück. Aaron Falk, Ermittler der australischen Polizei, muss die vermisste Alice Russell unbedingt finden. Sie ist seine Informantin bei einem Unternehmen, das unter dem Verdacht der Geldwäsche steht. Alice kennt nicht nur die Machenschaften der Firma, sondern auch die dunklen Geheimnisse ihrer Kolleginnen, mit denen sie unterwegs war. Die Wildnis ist unerbittlich, lange wird Alice hier nicht überleben. Doch die wahre Gefahr droht von ganz anderer Seite ...

(c) Rowohlt Polaris

Wenn ich ehrlich bin, bei diesem Buch bin ich skeptisch. Natürlich sind Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit nicht wegzudiskutieren. Mir erscheint das Szenario (“Die meisten Deutschen mit fremden Wurzeln befinden sich in Übergangslagern”) des Buches aber als übertrieben. Die Vorgänger “Die Mauer” und “Illegal” haben mich zudem nicht wirklich überzeugt.

Die EU gibt es nicht mehr. Überall in Europa haben Nationalisten und Fremdenfeinde das Sagen. Leute ohne deutschen Pass werden aus ihren Wohnungen abgeholt, Staatsbürgerschaften aufgekündigt. Die meisten Deutschen mit fremden Wurzeln befinden sich in Übergangslagern, sie hoffen auf eine internationale Lösung, ein Abkommen mit einem Land, das sie aufnehmen wird. Doch auch die korruptesten Regimes weigern sich. Zu schlecht integrierbar, heißt es. Was sie meinen ist: zu viel aufrührerisches Potential. In Finsterwalde, einer geräumten Provinzstadt, hat man Tausende Schwarze kaserniert. Unter ihnen Marie mit ihren beiden Kindern. Die Versorgung ist spärlich, die Grenzzäune sind streng bewacht, Strukturen müssen erst noch geschaffen werden. Die Devise heißt Überleben. Da geht das Gerücht, in Berlin seien drei schwarze Kinder zurückgeblieben, vergessen von allen. Marie beschließt, einen Weg aus dem Lager zu finden, um die drei vor dem sicheren Tod zu retten.

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James Rayburn: Fake

(c) Tropen

“Fake” ist eine der positiven Überraschungen des bisherigen Krimijahres. Eigentlich hatte ich mir nur einen soliden, wendungsreichen Politthriller erhofft, aber dieses Buch von James Rayburn, übrigens ein Pseudonym des Autors Roger Smith, ist mehr.

Bei einem Drohnenangriff in Syrien kommt nicht nur das eigentliche Ziel ums Leben, sondern auch eine amerikanische Geisel. Doch um den Friedensprozess im Nahen Osten nicht zu gefährden, soll Catherine Finch weiter am Leben erhalten werden, bis die Friedensverhandlungen abgeschlossen sind. CIA-Agent Pete Town wird mit dieser Mission beauftragt.

Rayburn erzählt seine Geschichte aus mehreren Perspektiven. Nicht nur aus der des CIA-Agenten Town und dessen Frau Ann, sondern auch aus der des Witwers Richard Finch, des skrupellosen Killers Dudley Morse und des zwielichtigen Lobbyisten Kip Littlefield. Der Titel des Buches ist Programm. Hier wird etwas vorgetäuscht, aber schon bald wird klar, dass Wahrheit und Legende zunehmend verschwimmen. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen.

Das mag manchmal zu viel für eine Geschichte sein, wirkt aber dennoch realistisch. Zudem versteht es Rayburn, glaubwürdige Charaktere zu erschaffen. Nur die beiden “Bösen” Dudley Morse und Kip Littlefield sind ein wenig eindimensional geraten, aber alle anderen Figuren sind sehr fein gezeichnet. Auch die instrumentalisierte Schauspielerin Kirby Chance ist nicht ganz so naiv, wie man es zu Beginn vermuten mag.

“Fake” ist eine sehr zeitgemäße Geschichte, die auf vielen Ebenen zu überzeugen weiß.

9 von 10 Punkten

James Rayburn: “Fake”, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Tropen, 383 Seiten.

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Jane Harper: Ins Dunkel

(c) Rowohlt Polaris

Das zweite Buch ist immer das Schwerste, heißt es. Der Australierin Jane Harper ist nach ihrem vielbeachteten und prämierten Debüt “The Dry” (Achtung: als Taschenbuch nun “Hitze”) auch mit “Ins Dunkel” ein solider Thriller gelungen. Diese Hürde hat sie also souverän genommen.

Sehr leichtfüßig kommt ihr Buch daher, in dem fünf Frauen eine Tour im australischen Buschland unternehmen, aber nur vier zurückkehren. Was ist also passiert mit Alice Russell, die vermisst wird? Das ist die Frage, um die sich alles in ihrem Buch dreht. Wieder ist Aaron Falk an Bord, der auch schon im Vorgänger ermittelte.

Gekonnt wechselt die Autorin zwischen zwei Perspektiven – jener der Ermittler, die sich damit konfrontiert sehen, dass Alice vermisst wird – und andererseits immer wieder rückblickend aus jener der im Busch ums Überleben kämpfenden Frauen, die in diesem Erzählstrang noch zu fünft unterwegs sind. Manchmal wirkt das ein wenig bremsend, grundsätzlich liest sich das aber sehr gut. Die Charaktere funktionieren, sie wirken nicht konstruiert. Auch die Handlung ist dementsprechend. Nicht gefinkelt, nicht der ganz große Wurf. Aber im Gegensatz zu vielen anderen gehypten Thrillern durchgängig schlüssig und überzeugend.

7 von 10 Punkten

Jane Harper: “Ins Dunkel”, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, 416 Seiten, Rowohlt Polaris.

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