Lang lebe die Krimi-Bestenliste!

Seit April 2005 gibt es die Krimi-Bestenliste, die zu Beginn bei der “Welt”, dann bei der “Zeit” und die letzten Jahre bei der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” beheimatet war. Sie hat mich also mein ganzes Bloggerleben lang begleitet. Und sie war immer ein Fixpunkt für mich. Manchmal habe ich ihr regelrecht entgegen gefiebert: Wie sehr würde die aktuelle Liste mit meinen eigenen Lesegewohnheiten übereinstimmen?

Mitunter habe ich es bedauert, dass ich nicht alle auf der Liste empfohlenen Bücher lesen konnte. Sie war für ein zwangfreies Krimibloggen also nicht immer hilfreich. Sie hat ordentlich Druck ausgeübt. So viele Krimis, die es noch zu lesen gäbe – bloß dass man niemals alle schaffen würde. Der monatliche Abgleich ist zu einem Ritual geworden: Wieviele der Bücher habe ich schon gelesen? Welche davon werde ich noch lesen? Und im besten Fall, die Adelung sozusagen: War ich bei meiner Lektüre gar der Liste voraus?

Nun hat sich aber auch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” von diesem Projekt verabschiedet. Als Partner ist leider nur der Deutschlandfunk Kultur übrig geblieben. Das ist natürlich schade, aber ich hoffe Krimikritiker Tobias Gohlis und sein lesemotiviertes Team lassen sich nicht davon zurückhalten, den Lesern weiterhin ein Leuchtturm im Dschungel der Krimi-Neuerscheinungen (ich weiß, dieses Bild ist schief, aber ich lasse es dennoch hier hängen!) zu sein.

Denn in den Untiefen des Regio- und Psychothriller-Ozeans gehen die Krimiperlen (dieses Bild ist jetzt ein wenig besser) leicht verloren. Die Krimi-Bestenliste ist da ein geeigneter Kompass, um die edlen Krimi-Gustostücke zu heben (so, jetzt höre ich auch schon wieder mit dieser Metaphern-Orgie auf, versprochen!).

Im Ernst: Wie oft habe ich geglaubt, alle Neuerscheinungen bestens im Blick zu haben. Ständig doktore ich an meinen analogen Zetteln herum, erweitere und ergänze. Tja, und dann erscheint die Krimi-Besteliste und dann kann ich gleich wieder etwas hinzufügen, meine Lesepläne über den Haufen werfen. Weil da dieses eine Buch (manchmal sind es aber auch zwei, drei oder vier Krimis) Buch lockt. Rasch wird neu gekauft, bereits Gekauftes ins Regal gestellt.

Wie bei allem, das man schätzt, war ich nicht immer nur begeistert. Manchmal erschien mir die Liste zu einseitig. Zu sehr und zu erzwungen auf politische Relevanz ausgerichtet, zu wenig auf klassische Krimis fokussiert. Warum fand sich etwa ein außergewöhnlicher Krimiautor wie Adrian McKinty nur selten und unprominent auf der Liste? Vermutlich ist aber auch die eigene Wahrnehmung sehr selektiv.

Gleichzeitig macht das diese Liste aber auch aus, dass sie das Genre nicht eng fasst, sondern sehr breit auslegt. Dadurch stößt man eben auf neue Bücher, die einen anderen Blick auf das Genre ermöglichen. Mein anfängliches, fast schon zwanghaftes Bemühen um möglichst große Übereinstimmung ist der Dankbarkeit gewichen, einen verlässlichen Hinweisgeber für tolle Bücher an meiner Seite zu wissen.

So verbleibe ich mit dem frommen Wunsch: Möge die Krimi-Bestenliste lange weiterleben!

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Acht Jahre crimenoir – ein Fazit

Wäre diese Pandemie nicht gewesen, wäre mein Krimi-Blog im Vorjahr wohl ziemlich unauffällig entschlummert. Doch nun bin ich immer noch da. Ein guter Zeitpunkt, einmal darüber nachzudenken, was sich in den vergangenen acht Jahren verändert hat.

Die Krimiblogger sind in dieser Zeitspanne nicht gerade mehr geworden, eher im Gegenteil. Immer wieder entdecke ich zwar auf den ersten Blick vielversprechende Seiten, die visuell meinen Blog um Längen ausstechen. Doch meist endet es mit einer Enttäuschung: inhaltlich setzt sich kaum jemand mit dem Genre auseinander oder versucht Autoren und Strömungen einzuordnen. Bis eben auf jene Blogs, die mich ohnehin schon seit Jahren begleiten.

Die erste, euphorische Phase hielt zwei, drei Jahre an. Da gab es eine echte Community, dann habe ich mich aber auch selbst zunehmend ausgeklinkt, war zunehmend froh, Zeit für neue Beiträge zu finden. Das bis dahin tägliche Absurfen der gleichgesinnten Seiten wurde weniger. Dennoch war es schön, immer wieder die anderen Crime-Blogs zu besuchen.

Dann verschwanden der Reihe nach meine ersten Blog-Fixsterne und mir wurde erstmals so richtig bewusst, dass Blogs durchaus auch nur kurz- bis mittelfristige Projekte sein können. Die Motivation litt zunehmend – und ja, da gibt es natürlich noch ein anderes Leben, das geführt werden will. Wenn ich schon ständig zwischen den Buchdeckeln verschwinde, dann will ich nicht auch noch stundenlang vor dem Computer abhängen, um darüber zu schreiben.

Herausgestellt hat sich auch, dass ich eine gewisse Vorliebe für kurze, prägnante Beiträge entwickelt habe. Manche werden meine Bloggestaltung lieblos finden, ich würde sie wohlwollend oldschool und bewusst minimalistisch nennen: Es geht um das Buch, und sonst nichts. Das hat natürlich einerseits mit der fehlenden Zeit zu tun, aber auch damit, dass ich die Dinge gern auf den Punkt bringe und versuche, den Kern des jeweiligen Kriminalromans zu finden. Zumindest so wie ich ihn sehe. Ebenso verhält es sich mit der Länge der Krimis, die ich bevorzugt lese. Durfte es vor einigen Jahren nie unter 400 Seiten sein, ist es im Moment eher umgekehrt. Ich bewundere die Minimalisten des Genres, die es verstehen, auf wenigen Seiten Inhalte durchaus episch zu erzählen. James Sallis sei hier namentlich erwähnt. Don Winslow, einer meiner Lieblingsautoren, macht es mir da allerdings von Jahr zu Jahr schwerer 😉

Was sich in all den acht Jahren aber nicht verändert hat, ist meine Liebe zur Kriminalliteratur. Ich bin immer noch neugierig auf neue Stimmen, aber genauso fasziniert alte Meister zu entdecken. Für letztere bleibt aus beruflichen Gründen allerdings viel zu wenig Zeit. Zu Weihnachten habe ich allerdings Ian Rankins “Das Souvenir des Mörders” gelesen, nachdem ich auf der Crimealley darauf gestoßen bin. Was für ein großartiger Autor, den ich bislang noch gar nicht so richtig kennengelernt (bloß Band 18 “Mädchengrab”) hatte. Mehr dazu hier in Kürze.

Was sich aber verändert hat: Ich lese viel mehr weibliche Autorinnen als noch vor einigen Jahren. Ich habe noch einmal nachgezählt. Tatsächlich habe ich 2020 hier 13 Kriminalromane von Autorinnen und von 14 Autoren besprochen. Wenn ich das im Vorjahr gelesene, aber erst vor wenige Tagen hier besprochene “Marseille.73” von Dominique Manotti hinzuschummle, hätte ich sogar einen Gleichstand erzielt. Ich könnte hier endlos tolle, weibliche Stimmen aufzählen. Stattdessen eine Empfehlung: Man kann jeden Kriminalroman des Ariadne-Verlags blind zur Hand nehmen. Da wird unglaublich gute, garantiert weibliche Kriminalliteratur geboten. Nein: Extrem gute.

Wenn ich schon dabei bin, muss ich wieder einmal die tapferen Kleinverlage Polar, Pendragon und Pulp Master hier erwähnen. Sie brauchen gerade in diesen Zeiten jede mögliche Unterstützung!

Zum Abschluss kann ich hier nur sagen, dass mir das Bloggen wieder mehr Spaß macht, seitdem ich mich nicht einer gewissen Regelmäßigkeit unterwerfe. Also schaut doch einfach immer wieder mal vorbei, auch wenn manchmal eine gewisse Zeit zwischen den Beiträgen vergeht. Ich würde mich freuen.

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Dominique Manotti: Marseille.73

(c) Ariadne Kriminalroman

Ich muss zugeben, ich habe gebraucht, um mit Dominique Manottis Stil zurecht zu kommen. Ich habe bereits zwei ihrer Bücher (leider weiß ich nicht mehr, welche) abgebrochen, weil ich den richtigen Zugang nicht finden konnte. Es mag an dem breit aufgestellten “Personal” liegen oder den vielen unbekannten Organisationen mit diversen sich nicht im Hirn verankern wollenden Abkürzungen – man behält nicht immer leicht die Übersicht. Vielleicht waren es aber auch bloß die falschen Bücher zum falschen Zeitpunkt. So etwas gibt es ja manchmal, wie sicher alle Vielleser wissen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es erneut versucht habe. Denn Manotti ist eine großartige Autorin.

In “Marseille.73” begibt sich die französische Großmeisterin des politischen Kriminalroman zurück ins Jahr 1973. Die französische Regierung hat soeben beschlossen, Migranten – vor allem jene aus Algerien – stärker zu kontrollieren. Von einem Tag auf den anderen werden sie zu “sans-papiers”, also illegal im Land befindlichen Personen. Bereits im Prolog wird klar, dass das Thema, über das die Französin eigentlich schreibt, auch heute noch Gültigkeit hat: “Etwas Folgenschweres ist im Entstehen begriffen, und es trägt einen Namen: Rassismus.” Und sie schreibt auch darüber, wie schwer es für Polizisten sein kann, zu ermitteln, wenn das System kein Interesse am Tod eines Einzelnen – weil unbedeutend – hat.

Manotti nimmt sich sehr stark vermeintlich männlicher Themen an: Kriminalität und Korruption. Sie widerlegt damit – ebenso wie Denise Mina – eindrucksvoll eines der geläufigsten Vorurteile, wenn es um die Unterscheidung von Kriminalliteratur männlicher Autoren und weiblicher Autorinnen geht, wie kürzlich Sonja Hartl in einem Beitrag im Online-Literaturmagazin “Culturmag” offengelegt hat: “Frauen schreiben populäre Kriminalromane, Männer relevante.”

9 von 10 Punkten

Dominique Manotti: “Marseille.73”, übersetzt von Iris Konopik, Argument Verlag mit Ariadne, 380 Seiten.

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Denise Mina: Götter und Tiere

(c) Ariadne Kriminalroman

Die Ariadne-Kriminalromane sind seit vielen Jahren Garant für hochqualitative Genre-Kost geworden. Unglaublich, wie ein kleiner Verlag mit seinen weiblichen Autorinnen derart beständig für Unruhe im vorwiegend männlichen Betrieb der zünftigen Kriminalliteratur sorgt.

Erschienen im Vorjahr die faszinierenden Bücher neuer oder zu Unrecht nahezu unbekannter Autorinnen wie Hannelore Cayre (“Die Alte”), Tawni O’Dell (“Wenn Engel brennen”) und Sarah Schulman (“Trüb”), sind in den vergangenen Wochen die Bücher zweier etablierten Größen des “dunkel-realistischen Genres”, wie es der Verlag nennt, herausgekommen. Auf Dominique Manotti werde ich im nächsten Beitrag eingehen, hier will ich mich mit Denise Mina, der “Queen of Tartan Noir”, beschäftigen.

Die Schottin Denise Mina lässt erneut die Polizistin Alex Morrow Licht in die Schattenseiten von Glasgow bringen. “Götter und Tiere” ist der chronologischen Reihenfolge nach der dritte von fünf Morrow-Romanen (ich habe “Das Vergessen” – Teil 4 – und “Blut Salz Wasser” – Teil 5 – gelesen) , der die Serie nun endlich komplettiert. Dem Lesegenuss tut das unregelmäßige Erscheinen der Teile aber keinen Abbruch.

Als bei einem Raubüberfall in einer Postfiliale ein älterer Mann erschossen wird, ist nichts so klar, wie es im ersten Moment erscheint. Martin Pavel, der den Enkelsohn des Getöteten, der ihm bis dahin unbekannt war, beschützt, verhält sich seltsam. Zudem hat der Student das titelgebende Zitat “Gods and Beasts” auf seinem Hals tätowiert. Dieses stammt von Aristoteles und meint jene Lebewesen, “die nicht in Gemeinschaft leben oder ihrer bedürfen”.

Aber auch das Verhalten des alten Mannes in den letzten Minuten seines Lebens ist eigenartig. Parallel dazu erzählt die Schottin die Geschichte des politischen Auf- und Abstiegs des Gewerkschafters Kenny Gallagher, dessen Weste alles andere als sauber ist.

Laudan bringt es im Vorwort auf den Punkt: “Das ist clevere und scharf sozialkritische zeitgenössische Kriminalliteratur, die mit klassischen Mustern des Genres spielt, dem Publikum viel zutraut und auch viel zumutet.” Minas Blick für die Details des Zwischenmenschlichen ist gestochen scharf, ihre Figuren mit all ihren inneren Widersprüchen faszinieren.

Lebensnah, ein oft strapazierter Begriff, fällt einem dazu ein. Er passt perfekt. Denn Mina geht es nicht um den wohligen Schauer beim Lösen eines Rätselkrimis. Sie will genau hinsehen, Geschehnisse sezieren und Bruchlinien in der Gesellschaft erkennbar machen. Und das tut sie auf bestechende Art und Weise.

9 von 10 Punkten

Denise Mina: “Götter und Tiere”, übersetzt von Karen Gerwig, Argument Verlag mit Ariadne, 360 Seiten.

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Rest in Peace, John le Carré

John le Carré und ich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Vermutlich überhaupt keine Liebe. Aber großer Respekt ist geblieben, vor diesem Ausnahmekönner, der den Spionageroman im Handumdrehen in die Weltliteratur gehoben hat und nun gestorben ist.

Ich habe schon vor sehr langer Zeit sein wohl bekanntestes Buch, das ihm damals den Durchbruch verschaffte, gelesen: “Der Spion, der aus der Kälte kam”. Für viele ist das der besten Spionageroman, der jemals geschrieben wurde. Auf mich hat das Buch allerdings keinen bleibenden und nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Wenn ich an Spionageromane denke, dich mich beeindruckt haben, denke ich sofort an den zweiten Altmeister des politischen Spannungsromans: Frederick Forsyth. “Die Faust Gottes” und “Das Schwarze Manifest” haben mich echt gefesselt. Auch diverse Romane von Jack Higgins habe ich als Teenager verschlungen. Der im deutschsprachigen Raum vollkommen in Vergessenheit geratene Gerald Seymour hat mich so richtig begeistert und berührt. Und später waren es dann Daniel Silva und David Ignatius.

Mit le Carrés Romanen wurde ich lange hingegen nie so richtig warm. Mir war das zu langsam, zu verkopft, zu kompliziert. Was auch immer. Ähnlich geht es mir übrigens mit Graham Greene. Er ist einer jener Autoren, die man eigentlich mögen sollte. Aber ich kann mit ihm bis heute nicht viel anfangen.

Dann habe ich irgendwann “Absolute Freunde” gelesen. Das hat mich auch nicht zu einem Fan gemacht, aber phasenweise hat mich das so richtig gepackt. Tja, und dann habe ich voriges Jahr “Federspiel” gelesen. Mit diesem Spätwerk hat mich der weise alte Mann dann endgültig auf die Reise mitgenommen.

Ich habe noch einmal nachgelesen, was mich damals so begeistert hat: “Sein Interesse gilt ohnehin den kleinen Rädchen im Spionagegetriebe, den offenkundigen Verlierern, die ihr Gewissen bewahrt haben – was wohl auch ein Hauptgrund für ihren beruflichen Abstieg ist.” Da steckt doch eine gute Portion Noir drin.

Als Leser bildet man sich ja ständig weiter. Was man früher mochte, mag man oft gar nicht mehr – und umgekehrt. Und irgendwann werde ich vermutlich auch noch seine Klassiker “Die Libelle” und “Der ewige Gärtner” lesen.

PS: Sehr zu empfehlen ist der TV-Mehrteiler “Der Nachtmanager”.

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Simone Buchholz: Hotel Cartagena

(c) Suhrkamp

Mit “Mexikoring” hat Simone Buchholz den Deutschen Krimipreis 2019 gewonnen (und den Sprung auf die Liste meiner Lieblingskrimis des Jahres 2018 geschafft). Nun liegt mit “Hotel Cartagena” seit längerer Zeit ihr neuester Kriminalroman aus der Kultserie rund um die eigenwillige Staatsanwältin Chastity Riley vor: Sie wird mit ihren Freunden in einer Hotelbar als Geisel genommen.

Schräge, lebensechte Charaktere und ein feines Gespür für das Zwischenmenschliche kennzeichnen die Bücher der Autorin (sehr stark auch der Vor-Vorgänger “Beton Rouge”). Diesmal aber übertreibt sie es aus meiner Sicht mit ihrer Kapitalismuskritik, vor allem steuert sie ab der Hälfte – und das ist für ihre Romane untypisch – auf ein vorhersehbares Ende zu. Macht aber nichts, meine Vorfreude auf den nächsten Chastity-Riley-Krimi (“River Clyde”, erscheint im März 2021) ist jetzt schon groß.

7 von 10 Punkten

Simone Buchholz: “Hotel Cartagena”, Suhrkamp Nova, 229 Seiten.

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Lee Child: Der Bluthund

(c) Blanvalet

Jack Reacher ist eine der Kultfiguren des modernen Thrillers. Nur mit einer Zahnbürste bewaffnet reist er quer durch die USA. Sein Ziel ist ihm unbekannt, zumeist steigt er in jenen Bus, der als nächstes am Busbahnhof abfährt. Oder er fährt als Anhalter mit. Eines sollte man den ehemaligen Militärpolizisten aber nicht: sich zum Feind machen. Denn dann ist der einsame Reiter kompromiss- und erbarmungslos. Da kann man sich gleich sein Grab schaufeln.

Der Bluthund” ist bereits das 22. Reacher-Abenteuer und ein Ende der Serie ist nicht in Sicht. Denn nach den nächsten beiden, noch nicht übersetzten Bänden (“Past Tense”, Blue Moon”) werden vier weitere Jack-Reacher-Romane in Co-Arbeit mit Childs Bruder Andrew Grant erscheinen. Danach übernimmt der kleine Bruder die Serie überhaupt.

Aber zurück zum aktuellen Buch. Diesmal entdeckt Reacher zufällig bei einem Pfandleiher einen Abschlussring der Militärakademie West Point. Wie dieser dorthin gelangt ist? Das lässt den hartnäckigen Gerechtigkeitsfanatiker nicht mehr los und schon bald steckt er in massiven Schwierigkeiten – naja, genau genommen, die Bösen natürlich.

Hatte man bei den vergangenen Bänden der Reihe immer wieder das Gefühl, der Autor würde ein wenig ermüden, findet Child nun wieder zu alter Stärke zurück. Dabei ist Jack Reacher diesmal so sanft wie schon lange nicht. So wenig Schlägereien und Schießereien finden selten statt.

Dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch – im Gegenteil. Allerdings ist der Thrill-Faktor ein wenig reduziert worden, was vielleicht nicht jedem Fan behagt. Reacher wirkt diesmal fast wie ein echter Mensch – nicht übergroß. Vor allem setzt sich Autor Child diesmal mit einer sehr realen Problematik in den USA auseinander: der Opioid-Krise, die mittlerweile das ganze Land erschüttert und alle Gesellschaftsschichten durchdringt.

Fazit: Auch ein Held ist nur ein Mensch.

7 von 10 Punkten

Lee Child: “Der Bluthund”, übersetzt von Wulf Bergner, Blanvalet Verlag, 447 Seiten.

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Éric Plamondon: “Taqawan”

(c) Lenos Verlag

Kanada wäre heuer Gastland der Frankfurter Buchmesse gewesen, der Auftritt wurde aber auf 2021 verschoben. Dadurch sind auch einige kanadische Romane ein wenig untergegangen. Aus den Neuerscheinungen sticht meiner Meinung nach “Taqawan” besonders hervor.

Éric Plamondon erzählt in seinem eindringlichen, gerade einmal 200 Seiten dünnen, inhaltlich aber fast epischen Roman vom Lachskrieg, der 1981 im kanadischen Québec zwischen der Polizei und den seit Jahrtausenden dort lebenden Mi’gmaq tobte. Er tut das aus mehreren Blickwinkeln – aus Sicht der Mi’gmaq, der Québecer sowie einer Französin aus Europa – und mit vielen historischen Einschüben. “Taqawan” (die Bezeichnung für einen Lachs, der erstmals in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt) liest sich wie eine kurze Geschichte Kanadas, mit allen Folgen und Problemen, die bis heute nachwirken.

Tausende Jahre lebten die Mi’gmaq – Nomaden, die über die Beringstraße nach Amerika kamen – vom Lachsfang. Sie befolgten dabei eine Weisheit: “Wenn man in einem Jahr zu viele Fische fängt, gibt es im Folgejahr weniger. Wenn man jahrelang zu viele Fische fängt, gibt es irgendwann gar keine mehr.” Doch dann kamen vor rund 500 Jahren die Europäer, und der Fischfang wurde Regeln unterworfen. Während im Westen dem weißen Mann die Ausrottung der Indianer durch die Ausrottung der Bisons gelang, waren es im Osten die Lachse. “Man fischte mit Hilfe von Staudämmen, Reusen und Netzen, bis die Bestände erschöpft waren.”

Wortgewandt offenbart Plamondon in seinem gelungenen Noir die Widersprüche, die sich in Québec auftun, macht die täglichen Ungerechtigkeiten und Parallelwelten in der Gesellschaft spürbar. Wenn Kanada ergriffen Céline Dions Song “Ce n’était qu’un rêve” (“Es war bloß ein Traum”) lauscht, müssen die Mi’gmaq, die gegen den Entzug der Lachs-Fischrechte kämpfen, ernüchtert zur Kenntnis nehmen: “Es ist nicht bloß ein Traum.”

Diese Diskriminierung besteht aus vielen kleinen Puzzlestücken. Was macht es zum Beispiel mit Menschen, wenn sie jahrhundertelang als “Wilde” bezeichnet wurden? Während sich die nach Unabhängigkeit strebenden Québecer selbst von Kanada unterdrückt fühlen, fehlt ihnen selbst jegliches Verständnis für die Situation der Mi’gmaq.

Wie diffus die Lage ist, zeigt sich, als die in Kanada unterrichtende französische Lehrerin Caroline den Einheimischen Yves fragt: “Und warum will die Québecer Regierung den Indianern dann nicht zugestehen, was sie selbst von der kanadischen Regierung fordert? Warum will man das Recht auf französische Kultur und Sprache in Québec innerhalb Kanadas, aber kein Recht auf Kultur und Sprache der Mi’gmaq innerhalb Québecs?”

8 von 10 Punkten

Éric Plamondon: “Taqawan”, übersetzt von Anne Thomas, Lenos Verlag, 200 Seiten.

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Marcie Rendon: “Stadt Land Raub”

(c) Ariadne Verlag

Jahrzehntelang wurden Indigenen in den USA systematisch ihre Kinder weggenommen (landesweit 25 bis 30 Prozent, in einzelnen Bundesstaaten wie Minnesota sogar unvorstellbare 60 Prozent) und als Pflegekinder in weiße Familien gesteckt.

Die widerspenstige 19-jährige Cash Blackbear, die Marie Rendon in ihrem Buch “Stadt Land Raub” porträtiert, teilt dieses Schicksal. Nur schwer findet sich die Außenseiterin im Alltag zurecht. Dennoch ist sie die Einzige, die sich für das Verschwinden einer Reihe weißer, blonder Mädchen interessiert.

Nach ihrem Debüt “Am roten Fluss” (habe ich leider nicht gelesen) schreibt die Autorin erneut über die triste Lage der Native Americans in den 1970ern. Verbessert hat sich aber bis heute nicht viel: Jährlich werden in den USA rund 3000 indigene Frauen entführt oder ermordet.

Verlegerin Else Laudan schreibt über Rendons Buch im Vorwort: “Ihre Erzählweise, seltsam entschleunigt, changiert mit ganz eigenem Rhythmus zwischen Hardboiled-Krimi, Countryballade und staubtrockenem Truth-Telling über die US-Realität der 1970er Jahre und die vielfältig beraubten Native Americans”. Besser kann man es nicht zusammenfassen.

8 von 10 Punkten

Marcie Rendon: “Stadt Land Raub”, übersetzt von Jonas Jakob, Ariadne-Verlag, 237 Seiten.

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Steph Cha: “Brandsätze”

(c) Ars Vivendi

Neben der Coronakrise stand das Jahr 2020 in den USA ganz unter dem Eindruck der “Black Lives Matter”-Bewegung. Dass diese bereits im Jahr 2013 nach dem Freispruch des Polizisten George Zimmerman entstand, der den afroamerikanischen Teenager Trayvon Martin getötet hatte, wird dabei leicht vergessen.

Auch in Steph Chas “Brandsätze” geht es um Rassismus und Diskriminierung. Wie komplex und verworren die Situation tatsächlich oft ist, macht sie am Schicksal zweier Familien klar. Da ist einerseits Shawn Matthews, dessen Schwester Ava im Jahr 1991 von einer koreanischen Ladenbesitzerin erschossen wurde. Und andererseits Grace Park, die Tochter der Täterin von damals, die ungestraft davon kam. Während Grace im Jahr 2019 von den Geschehnissen von damals nichts weiß, hat Shawn mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen.

Schuld, Reue, Rache und Vergebung – darum dreht sich der mitreißende Roman der US-Autorin mit koreanischen Wurzeln. Cha interessiert sich für Opfer und Täter. Sie zeigt auf, wie leicht man von dem einen zum anderen werden kann, wie verschwimmend die Grenzen zwischen richtig und falsch sein können.

Schnell taucht die Frage auf: Wie hätte ich gehandelt? Wie kann man nach traumatischen Ereignissen weiterleben? Über diese persönlichen Fragen hinaus schafft es die Autorin auch, zu zeigen, mit welchen Problemen die Gesellschaft in den USA zu kämpfen hat.

Als ergänzende Lektüre empfiehlt sich “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis, dessen überzeugender Thriller im Los Angeles des Jahres 1992 angesiedelt ist, als es nach der Misshandlung von Rodney King durch Polizisten zu Unruhen kam, die 52 Menschenleben forderten.

8 von 10 Punkten

Steph Cha: “Brandsätze”, übersetzt von Karen Witthuhn, Ars Vivendi Verlag, 336 Seiten.

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