David Whish-Wilson: Die Ratten von Perth

(c) Suhrkamp

David Whish-Wilsons “Die Ratten von Perth”, Auftakt zu einer Trilogie, kann man durchaus als Gegenthese zu den wilden, schrägen Thrillern seiner australischen Landsfrau Candice Fox (“Crimson Lake”) betrachten. Denn der Autor ist ein nüchterner Erzähler. Sein Buch ist das einfühlsame Porträt eines unbeugsamen, einsamen Aufrechten, der gegen ein allgegenwärtiges korruptes System ankämpft.

Die Geschichte spielt im Perth des Jahres 1975. Die Chefin eines Luxusbordells ist ermordet worden. Offenbar will niemand so genau wissen, was passiert ist, denn alle Ermittlungen verlaufen im Nichts. Bloß Superintendent Frank Swann will das nicht akzeptieren. Dabei hat er noch an einer zweiten Front zu kämpfen: Seine Tochter ist spurlos verschwunden.

Das Besondere an dem Buch: Von Beginn an ist klar, dass die Polizei hier nicht zu den Guten zählt. Die Verdächtigen sind rasch ausgemacht, bei den Tätern handelt es sich wohl um Polizisten. Aber wie soll man ihnen die Tat beweisen?

Alf Mayer beschreibt Wish-Wilsons Stil auf crimemag folgendermaßen: “Kühl, aber nicht unemotional, ein grimmiges Glühen, eine Unerbittlichkeit im Erzählstrom. Ohne Pose, ohne Fett oder Schnulze, mit Gefühl für Timing, Licht und Schattenwurf. Klasse Prosa, lakonisch und elegant. Fein abgewogen. Präzisionsarbeit. Klug, erdig, erwachsen, kein Firlefanz. Sonne fürs Kritikerherz.”

Und in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” schreibt Hannes Hintermeier: “Wie viele der überzeugenden Autoren seiner Generation sieht er die Aufgabe des Kriminalromans weniger in der Lösung einer Whodunit-Aufgabe, sondern in der Offenlegung von Doppelmoral, Habsucht und Skrupellosigkeit.”

Ich habe ein wenig gebraucht, um mit dem Stil des Autors zurechte zu kommen. Dann mochte ich die unaufgeregte, realistische Art zu schreiben aber sehr. Ich freue mich bereits auf Teil 2, “Die Gruben von Perth”, der im August 2018 erscheinen wird.

10 von 10 Punkten

David Whish-Wilson: “Die Ratten von Perth”, übersetzt von Sven Koch, Suhrkamp Verlag, 298 Seiten.

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Fünf Jahre crimenoir!

Fünf Jahre schreibe ich nun hier schon meine Gedanken über Kriminalliteratur nieder. Die Intervalle der Beiträge sind mit der Zeit größer geworden, aber ich habe beschlossen, dass das gut so ist. Bloggen soll Spaß machen.

Rückblickend muss ich sagen, dass das Krimijahr 2017 ein sehr gutes war, obwohl ich mir bis Mitte des Jahres nicht ganz so sicher war. Ein Hauptgrund: Tolle Krimis von Autorinnen. Dazu muss ich bekennen: Ich habe sehr lange vor allem Krimis von Autoren gelesen, bis ich mich irgendwann gefragt habe, woran das liegen mag. Vermutlich habe ich zu Beginn meiner Lesekarriere einfach die falschen “Frauenkrimis” (heute bin ich übrigens der Überzeugung, dass es sowas eigentlich gar nicht gibt – es gibt nur gute und schlechte Krimis) gelesen und dann fälschlicherweise die Finger davon gelassen. Aber wenn ich nun an die 2017 erschienenen und gelesenen Bücher von Monika Geier, Zoë Beck, Simone Buchholz, Clementine Skorpil und Alex Beer zurückdenke ( und hier sind nur die deutschsprachigen Autorinnen genannt), dann muss ich zugeben, dass das ein Fehler war. Diese abgebrühte männliche Sicht (ja, auch das ist sehr simpel verallgemeinernd) auf die Dinge ist manchmal auch ziemlich ermüdend.

Das Schöne: Ich fühle mich weiterhin als Suchender. Ich bin fasziniert davon, wie unterschiedlich all die Krimiautoren die Welt da draußen wahrnehmen. Auch alte, hundertmal erzählte Geschichten können durch neue Perspektiven ganz neu erscheinen. “Bios” von Daniel Suarez und “Fever” von Deon Meyer entführten mich wiederum in die Zukunft oder in postapokalyptische Welten. Die bereits erwähnte Alex Beer (“Der zweite Reiter”) nahm mich ebenso auf eine Zeitreise in die Vergangenheit mit wie Clementine Skorpil.

Ich hoffe auch, dass die Publikation von Gerald Seymours “Vagabond” keine Eintagsfliege bleiben wird. Dieser britische Autor politischer Thriller MUSS einfach weiter übersetzt werden.

Und auch 2018 wird ein gutes Jahr mit außergewöhnlichen Kriminalromanen werden, da bin ich mir sicher. Ich denke dabei – wahllos, wie sie mir gerade einfallen – etwa an folgende Bücher:

  • “Safe” von Ryan Gattis
  • “Dirty Cops” von Adrian McKinty
  • “Hologrammatica” von Tom Hillenbrand
  • “Die rote Frau” von Alex Beer
  • “Blut Salz Wasser” von Denise Mina

Und wenn ich allein die drei Frühjahrs-Neuerscheinungen des liebeskind-Verlags hernehmen, läuft mir das Wasser im Mund zusammen:

  • “Red Grass River” von James Carlos Blake
  • “Speicher 13” von Jon McGregor
  • “Der Wachmann” von Peter Terrin

Außerdem lebt der Polar-Verlag weiter und auch hier kündigen sich spannende Neuerscheinungen an, ebenso wie beim Kleinst-Verlag Pulp Master. Pendragon kümmert sich ohnehin um die Pflege wichtiger Krimiautoren und wartet auch mit neuen Stimmen auf. Der Alexander Berlin Verlag soll hier auch noch erwähnt werden.

Krimijahr 2018, lass uns beginnen 😉

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Meine Lieblingskrimis 2017

Es ist eine meiner liebsten Beschäftigungen im neuen Jahr. Darüber zu grübeln, welche Krimis im Vorjahr bei mir die meisten Spuren hinterlassen haben. Hier mein Ergebnis:

(c) Rororo

Platz 10: Bios

Ich habe von Daniel Suarez bereits einen dystopischen, in der Zukunft spielenden Thriller (“Darknet”) gelesen, die mich zwar fasziniert, aber gleichzeitig – vor allem erzählerisch – nicht ganz überzeugt haben. Ich wollte daher eigentlich die Finger von ihm lassen. Tja, erzählerisch hat der Autor immer noch einige Luft nach oben. Aber die im Jahr 2045 spielende Geschichte rund um Kenneth Durand hat mich so richtig gefesselt.

Gen-Kriminalität ist zu einem großen globalen Problem geworden. Interpol-Agent Durand ist auf der Jagd nach dem Verbrecherboss Marcus Demang Wyckes. Bis er eines Tages im Körper seines Feindes aufwacht. Er hat die DNA des Mannes, den er jagt. Wie ist das möglich?

Es ist ein teilweise erschreckendes Zukunftsszenario mit dem Suarez da aufwartet. Und so weit ist das Jahr 2045 nun auch wieder nicht. Vieles, was er in seinem Buch beschreibt, ist bis dahin vermutlich schon möglich.

(c) Löcker

Platz 9: Langer Marsch

Clementine Skorpil schreibt meiner Meinung nach die besten China-Krimis aus nicht-chinesischer Feder. Vermutlich auch deshalb, weil es ihr ausgezeichnet gelingt, eine nicht-westliche Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Ich lasse mich unheimlich gern von ihr in die mittlerweile vertraute Welt rund um ihre einprägsamen Figuren entführen.

Diesmal wagt sie sich an den Schlüsselmythos der chinesischen Kommunistischen Partei, den Langen Marsch. Diesen Todesmarsch überlebten von 80.000 Soldaten nur rund 8000. Die österreichische Autorin erzählt aber vor allem von den kleinen Menschen und ihrer Not. Ihre große Kunst ist es, durch kleine Geschichten die große Geschichte begreifbar zu machen.

Wer Skorpil noch nicht kennt, sollte das unbedingt ändern. Hier taucht man in eine unbekannte Welt ein, in die man sonst niemals vordringen könnte (ähnlich wie bei Suarez). Was kann Kriminalliteratur besseres tun?

(c) Suhrkamp

Platz 8: Crimson Lake

“Hades” von Candice Fox war meine persönliche Krimi-Enttäuschung des Vorjahrs. Ich konnte den Hype nicht nachvollziehen. Ich habe daher nach der Lektüre beschlossen, die beiden folgenden Bände der Trilogie nicht zu lesen. Da ich sehr selten zu solchen Schlüssen komme, habe ich entschieden, der Autorin noch eine Chance zu geben. Mit “Crimson Lake”, dem Auftakt zu einer neuen Reihe, habe ich es nun also getan. Zum Glück.

Fox hat mich nun wirklich überrascht, um nicht zu sagen: umgehauen. Ihr Buch ist einfach die pure Krimi-Unterhaltung. Nicht besonders realistisch, aber wunderbar abgefahren: Mit einer Mörderin und einem Pädophilen (wenn man dem Volkszorn glauben kann) als ermittelnde Hauptfiguren. So etwas Schräges liest man doch selten.

Wider Erwarten hat sich Fox aber als durchaus sensible Erzählerin entpuppt. Sensibel und schräg zugleich: Das ist schon eine besondere Mischung.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 7: Beton Rouge

Vieles ist ungewöhnlich im Universum der Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, die es diesmal mit einem besonderen Fall zu tun bekommt: Vor einem Verlagsgebäude steht eines Morgens ein Käfig. Darin liegt nackt, misshandelt und betäubt ein Manager des Verlags. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist gewiss. Nur so viel sei verraten: Es wird nicht der letzte Käfig sein.

Der Autorin gelingt es immer wieder auf faszinierende Weise, gesellschaftliche Phänomene aufzugreifen und dann mit einer wilden, eigenwilligen, ausufernden Geschichte zu vermischen. Ihre Bücher leben vor allem von dem nicht immer ganz verständlichen, oft widersprüchlichen und daher sehr authentischen Innenleben der Hauptfigur. Chastity Riley ist eine völlig unangepasste, eigenwillige Frau, die sich in keine der üblichen Schubladen einordnen lässt.

Das Cover von “Beton Rouge” zählt für mich zu einem der besten des heurigen Krimijahres. Sehr stimmungsvoll. Auch in Kombination mit dem ungewöhnlichen Titel.

(c) Limes Verlag

Platz 6: Der zweite Reiter

Wien im Jahr 1919. Polizeiagent August Emmerich hat es ohnehin nicht leicht: Nicht nur muss er mit den Folgen einer schweren Kriegsverletzung kämpfen, gleichzeitig muss er diese im Polizeidienst auch verheimlichen, weshalb er zu Schmerzmitteln aller Art (auch Heroin) greift. Und auch sein privates Glück löst sich plötzlich in Luft auf.

Es sind die alltäglichen Kleinigkeiten, die in “Der zweite Reiter” neben einer spannenden Geschichte für hohe Authentizität sorgen: Ob es nun die geheizten, strombetriebenen Straßenbahnen sind, in die sich die Wiener an kalten Wintertagen flüchten oder jene Kleinkriminellen, die günstige Schiffsreisen ins paradiesische Exil versprechen, um sich daran zu bereichern. Man saugt Seite für Seite neues historisches Wissen auf.

Zudem zeichnet Alex Beer ihre Figuren sehr fein, mit viel Sympathie. Am besten hat mir definitiv der letzte Satz im Buch gefallen: “Diese Geschichte war noch nicht vorüber.” Tatsächlich erscheint im Mai 2018 “Die rote Frau”, der zweite Teil der Serie. Gut so!

(c) Suhrkamp

Platz 5: Vagabond

Über den britischen Thrillerautor Gerald Seymour gäbe es unendlich viel zu sagen. Er trägt eine große Mitschuld daran, dass ich vom Krimifieber infiziert wurde. Ich habe in den 1990er Jahren fast alle seine politischen Thriller (u.a. “Heimkehr in den Tod”, “Aus nächster Nähe”, “Tod der Schmetterlinge”) gelesen. Später habe ich dann auch “Holding the Zero” und “A Line in the Sand” (für mich einer der besten Kriminalromane überhaupt) im Original verschlungen. Absolut unverständlich ist für mich daher, dass seine Bücher seit mehr als 15 Jahren nicht mehr ins Deutsche übersetzt wurden.

“Vagabond” ist sehr repräsentativ für Seymours Werk. Er läuft darin wieder zu Höchstform auf und erzählt die Geschichte des Nordirland-Konfliks besser als das jeder Sachbuchautor könnte. Aus vielen Perspektiven macht er klar, dass es im weltweiten Spiel der Geheimdienste eigentlich nur Verlierer gibt. Alle Beteiligten sind nur kleine Rädchen im System.

(c) Zsolnay

Platz 4: Moorbruch

Peter May hat mit “Moorbruch” einen wunderbarer Kriminalroman geschrieben, der von lebensechten Charakteren, kargen Landschaften und einer außergewöhnlichen Handlung mit zahlreichen Wendungen lebt. May ist ein begnadeter Erzähler, das spürt man schon nach wenigen Seiten. Hat er einen einmal gepackt, lässt er einen auch nicht mehr los.

Worum es geht? 17 Jahre sind vergangen, seit Roddy Mackenzie verschwunden ist. Doch ein Moorbruch fördert das Wrack von Mackenzies Flugzeug zu Tage. Ex-Polizist Fin Macleod (um den sich die Serie dreht), der Mackenzie einst kannte, beginnt zu ermitteln. Dabei verwebt der Autor gekonnt teilweise zwei Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse mit aktuellen Geschehnissen. Er entschlüsselt überzeugend ein in der Vergangenheit liegendes Geheimnis.

Die Hauptfigur des Fin Macleod bleibt über die Lektüre hinaus haften. Es ist seine Menschlichkeit, die ihn auszeichnet.

(c) Suhrkamp

Platz 3: Die Ratten von Perth

David Whish-Wilsons “Die Ratten von Perth”, Auftakt zu einer Trilogie, kann man durchaus als Gegenthese zu den wilden, schrägen Thrillern von Candice Fox (Platz 8) betrachten.

Die Geschichte spielt im Perth des Jahres 1975. Die Chefin eines Luxusbordells ist ermordet worden. Offenbar will niemand so genau wissen, was passiert ist, denn alle Ermittlungen verlaufen im Nichts. Bloß Superintendent Frank Swann will das nicht akzeptieren.

Der Autor ist ein nüchterner Erzähler. Sein Buch ist das einfühlsame Porträt eines unbeugsamen, einsamen Aufrechten, der gegen ein allgegenwärtiges korruptes System ankämpft. Ich mochte den unaufgeregten, realistischen Stil des Autors sehr und freue mich bereits auf Teil 2, “Die Gruben von Perth”, der im August 2018 erscheinen wird.

(c) Ariadne Kriminalroman

Platz 2: Alles so hell da vorn

Monika Geier ist eine großartige, vielschichtige Erzählerin, die mit einem ausgeprägten Gespür für Details viel über unsere Welt zu sagen hat. Sie formuliert pointiert und zeichnet ihre Charaktere sehr feinfühlig. Wie die Kriminalkommissarin Bettina Boll ihren Job und die beiden Kinder oft mehr schlecht als recht unter einen Hut bringt, liest sich sehr authentisch.

Man darf sich bei “Alles so hell da vorn” aber nicht täuschen lassen, die heitere Erzählweise kippt nie ins Gemütliche – dazu ist das Hauptthema der Kinderprostitution zu schwerwiegend: Ausgerechnet in einem Vorstadtbordell wird Bolls ehemaliger Kollege Ackermann von einer jungen Prostituierten erschossen. Als die Täterin kurz darauf in einer Schule eine weitere Bluttat begeht, wird alles immer rätselhafter.

Geier schafft es immer wieder zu überraschen. Ihre Figur Boll hat einiges zu durchleben, Wendungen gibt es bis zum Schluss.

(c) Penguin

Platz 1: Die Treibjagd

Antonin Varenne seziert erbarmungslos die Strukturen kleinstädtischen Lebens, ohne dieses zu verdammen. Mit viel Feingefühl für seine Figuren und einem scharfen Blick für Details liefert er für mich den besten Kriminalroman des Jahres 2017.

Varenne erzählt in seinem Krimi Die Treibjagd” nüchtern eine aus der Zeit gefallene Geschichte mit einem einsamen Helden – und viel, viel Wald. Man könnte es auch einen Western in Frankreich nennen. Statt Indianern ziehen Sinti, die im Ort ebenso angefeindet werden wie Umweltschützer, durch die Landschaft. Wenig verwunderlich spielt die eigentliche Hauptrolle der Schauplatz: R., ein Ort im Zentralmassiv. Seit Generationen kämpfen dort zwei einflussreiche Familien um die Herrschaft. Über die Jahre haben sie alle kleinen Bauernhöfe aufgekauft, die Gegend mehr oder weniger zweigeteilt. Bloß Revierjäger Remi Parrot, der seit einem Unfall entstellt ist, lässt sich von keiner Seite vereinnahmen. Er ist der einsame Held, wie man ihn eben aus amerikanischen Western kennt – mit ganz eigenem Moralkodex.

Der Autor hat damit einfach meinen Nerv getroffen, er hat mich von Beginn an auf die Reise mitgenommen.

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Claus Probst: Die Jagd

(c) Fischer Taschenbuch

“Die Jagd” von Claus Probst ist ein klassischer Thriller, der sich aber auch nicht allzu ernst nimmt. Das einzige, was der Autor ernst nimmt: Seine Leser zu unterhalten. Das ist ihm meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Das Buch ist schnell verschlungen, allerdings wirkt es auch nicht großartig nach. Was aber ebenfalls nichts macht, denn manchmal ist es einfach schön, durch ein Buch zu rasen. Ob es klug ist, Vergleiche mit “Breaking Bad” und “Jason Bourne” aufzudrängen? Ich glaube eher nicht. Da kann man nur verlieren. Aber irgendwie will der Verlag das Buch natürlich vermarkten.

Worum es geht? Als ein harmloser Typ Zeuge eines grausamen Verbrechens wird, gerät sein Leben aus den Fugen. Claus Probst macht daraus allerdings kein ernstes Stück Kriminalliteratur, sondern ein komisches. Nein, was da abgeht, ist nicht realistisch. Und: Ja, der Autor überzieht mit seinem lockeren, humorvollen Erzählstil mitunter.

Manche Dialoge, Szenen und Bilder sind echt gelungen. Manche dann wieder weniger. Gegen Ende geht ihm auch ein wenig die Luft aus. Der Schluss ist ohnehin auch ein Kapitel für sich, wobei das auch viel Geschmackssache ist. Aber wie gesagt: Die perfekte Lektüre für zwischendurch.

6 von 10 Punkten

Claus Probst: “Die Jagd”, Fischer Verlag, 344 Seiten.

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Candice Fox: Crimson Lake

(c) Suhrkamp

“Hades” von Candice Fox war meine persönliche Krimi-Enttäuschung des Vorjahrs. Ich konnte den Hype nicht nachvollziehen. Ich habe daher nach der Lektüre beschlossen, die beiden folgenden Bände der Trilogie nicht zu lesen. Da ich sehr selten zu solchen Schlüssen komme, habe ich entschieden, der Autorin noch eine Chance zu geben. Mit “Crimson Lake”, dem Auftakt zu einer neuen Reihe, habe ich es nun also getan.

Und was soll ich sagen: Es gibt ohnehin nicht viel Spannenderes als das Leseleben eines Krimilesers. Aber wieder einmal – zuletzt ist mir das bei Adam Sternbergh passiert – hat sich gezeigt, dass es gut ist, nicht zu schnell endgültige Schlüsse zu ziehen. Nach dem Motto: Traue nie deiner eigenen Meinung 😉

Fox hat mich nun wirklich überrascht, um nicht zu sagen: umgehauen. “Crimson Lake” ist einfach die pure Krimi-Unterhaltung. Nicht besonders realistisch, aber wunderbar abgefahren: Mit einer Mörderin und einem Pädophilen (wenn man dem Volkszorn glauben kann) als ermittelnde Hauptfiguren. So etwas Schräges liest man doch selten.

Meine Befürchtungen, dass Fox in irgendwelche Peinlichkeiten abdriften könnte, hat sich auf keiner Seite bewahrheitet. Im Gegenteil, ich habe sehr früh gespürt, dass sich hier eine außerordentliche Geschichte entwickelt, die natürlich auch gar nicht leicht zu erzählen ist, weil man da ordentlich ins Fettnäpfchen treten kann. Wider Erwarten hat sich Fox aber als durchaus sensible Erzählerin entpuppt. Sensibel und schräg zugleich: Das ist schon eine besondere Mischung.

Jedenfalls hat das echt Spaß gemacht. Von dem Duo Ted und Amanda will ich mehr lesen. So viel steht fest.

8 von 10 Punkten

Candice Fox: “Crimson Lake”, übersetzt von Andrea O’Brien, Suhrkamp, 380 Seiten.

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Don Winslow: Corruption

(c) Droemer

Um es in seinem typisch stakkatoartigen Stil zu schreiben: US-Krimiautor Don Winslow ist zurück. Wuchtvoll. Eindringlich. Erschütternd.

Die durchaus vernachlässigbaren Lückenfüller “Vergeltung” und “Germany” (beide auf Englisch übrigens niemals erschienen) sind nach wenigen Seiten vergessen. “Corruption” ist ein harter Kriminalroman über “Dirty Cops” in New York City. Denny Malone ist ein altgedienter Detective einer Polizei-Eliteeinheit in North Manhattan. Er selbst fühlt sich im Viertel wie ein König. Doch der strahlende Held ist korrupt bis auf die Knochen. Er nimmt ohne Bedenken Geld, auch vor Drogen und Mord schreckt er nicht zurück. Er befindet sich auf einem selbstherrlichen und selbstzerstörerischen Trip.

Das Buch hat vielleicht nur einen Fehler: Winslow übertreibt maßlos. Denn nach der Lektüre fragt man sich, ob es überhaupt möglich ist, als Polizist des New Yorker Police Department sauber zu bleiben.

Wie es so weit kommen kann? “Die Cops sehen, was passiert. Jeden Tag und jede Nacht. Die Verletzten, die Toten”, schreibt Winslow. Das verändert sie. Es beginnt mit dem Hass gegen die Täter. Doch dabei bleibt es nicht. Fühlen sie zuerst noch mit den Opfern von Gewalttaten, beginnen sie irgendwann, auch diese zu hassen: “Warum sind die so wehrlos, warum sind die so schwach, warum leben die in diesen Verhältnissen, warum gehen die in eine Gang, warum werden die Dealer, warum erschießen die sich gegenseitig ohne jeden Grund . . . warum benehmen die sich alle wie die Tiere?”

Und so kommt es, dass sich die Polizisten selbst irgendwann wie Tiere benehmen. Sie halten es nur mehr unter ihresgleichen aus. Niemand anderer versteht sie. Das Wandeln zwischen den Welten wird zunehmend unerträglicher. Der Alltag mit der Familie erscheint verlogen.

“Von Razzien, Festnahmen, Verfolgungsjagden über Dächer und Höfe zurückkommen, vollgepumpt mit Speed, Adrenalin, Angst und Wut, um hier in einem der braven Reihenhäuser Domino, Monopoly oder Pfennigpoker zu spielen?”

Es erscheint unvorstellbar, aber Malone sehnt sich zurück auf die Straßen, “in das heiße, stinkige, lärmende, gefährliche, schräge, nervende, empörende Harlem mit richtigen Menschen, richtigen Ganoven, Junkies, Dealern, Huren”.

Das eigentlich Erschreckende an dem Thriller ist aber, dass es nicht nur ein Buch über korrupte Polizisten ist. Winslow legt vielmehr ein flächendeckendes System der Korruption offen, in dem der Polizist Malone nur ein kleines Rädchen ist. Vom Bürgermeister abwärts hat jeder Dreck am Stecken. Wird ein wichtiger Verbrecher geschnappt, gibt es immer irgendeinen Deal, mit dem man sich die Freiheit erkaufen kann. Jeder profitiert von dem System. Und irgendwann gelangt jeder – ob Richter, Staatsanwalt oder Strafverteidiger – zu der Frage: “Warum sollen nur die Bösewichter kassieren?”

So weit, so gut. Aber ich verstehe auch die Winslow-Kritiker, von denen Thomas Wörtche seinen Unmut wohl am härtesten formuliert: “Stimmt, “Corruption” ist keine Katastrophe mehr – es ist nur ein völlig belangloses Buch”, schreibt er. “Eingepackt ist das Ganze in eine Art Stadtführer von Manhattan (“Und hier sehen Sie das Apollo-Theater”) aus dem Zettelkasten, elend langen Diskursen, gerne auch in Dialogen, in denen sich die Figuren Fakten erzählen, die zur Information der Leser dienen und zu sonst gar nichts – über weite Strecken ist “Corruption” ein Sachbuch mit didaktischer Handlung minus jeder Art von Literarizität, worüber auch ein paar clever Action Sequenzen nicht wirklich hinweghelfen.”

Ich mag seinen faktenlastigen Stil dennoch. Wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann dass er mitunter vergisst zu erzählen, dass er sich zu sehr darauf konzentriert, dem jeweiligen brisanten Thema gerecht zu werden. Mit seinem Meisterwerk “Tage der Toten” hat er meiner Meinung nach die optimale Mischung erreicht. “Das Kartell” glich manchmal einer Aneinanderreihung jeder tödlichen Drogen-Metzelei, die es je in Mexiko gab. Das war zu viel. Nun wartet er auch in “Corruption” seitenweise mit Dialogen auf, in denen die Welt, wie sie Winslow versteht, erklärt wird. Und vielleicht sind es vor allem sein Hang zur Übertreibung sowie zu Archetypen, die sich von Buch zu Buch abnutzen.

8 von 10 Punkten

Don Winslow: “Corruption”, übersetzt von Chris Hirte, Droemer, 544 Seiten.

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Krimi-Bestenliste im Dezember: Ein Abgleich

(c) Galiani Berlin

Vor drei Jahren hat mich Jan Costin Wagner mit seinem Kriminalroman “Tage des letzten Schnees” total begeistert. Es war damals das erste Buch, dem ich auf diesem Blog 10 von 10 Punkte gegeben habe. “Sakari lernt, durch Wände zu gehen” könnte nun die ideale Weihnachtslektüre sein. Oliver Bottinis “Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens” könnte wohl ein ähnliches Lesevergnügen sein – wie auch Jan Seghers “Menschenfischer”, das nicht auf der Liste zu finden ist. Diese drei Bücher würden mich momentan sehr reizen.

Tom Franklins “Smonk” und Dave Zeltsermans “Small Crimes” (beide bei Pulp Master erschienen) sind eigentlich ebenfalls Pflichtlektüre. Eine sehr schöne Liste, von der man vermutlich alles lesen könnte, wenn man die Zeit hätte.

1. Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen (-)
2. John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (1)
3. Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (-)
4. Norbert Horst: Kaltes Land (5)
5. Tom Franklin: Smonk (-)
6. Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen (4)
7. Andreas Pflüger: Niemals (7)
8. Dave Zeltserman: Small Crimes (6)
9. Liza Cody: Krokodile und edle Ziele (10)
10. Friedrich Ani: Ermordung des Glücks (3)

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