Horst Eckert: Im Namen der Lüge

(c) Heyne

Horst Eckerts Kriminalromane sind schon fast ein fixer Bestandteil dieses Blogs. Seit dem Finanzkrisen-Thriller “Schwarzer Schwan” habe ich fast alle seine Bücher gelesen: Sowohl “Schwarzlicht”, den Auftakt zu seiner Vincent-Veih-Reihe, sowie “Wolfsspinne”, den dritten Band aus dieser Reihe; und zuletzt den Stand-alone, “Der Preis des Todes”. Kaum ein deutscher Krimiautor liefert so zuverlässig anspruchsvolle politische Kriminalromane ab.

Nun ist “Im Namen der Lüge” erschienen. Vincent Veih kommt darin erneut vor, doch die eigentliche Hauptfigur ist diesmal Melia Khalid, die das Referat für Linksextremismus beim Inlandsgeheimdienst leitet. Eckert führt die beiden Figuren nur langsam zusammen und lässt sie auch erst mal so richtig aufeinander prallen. Hier der Polizist, der der jungen, ehrgeizigen Geheimdienstlerin misstraut – und natürlich gilt das auch umgekehrt.

Der Autor packt sehr viele Themen in seinen Roman: Links- und Rechtsextremismus, Migration, undemokratische Auswüchse der Geheimdienste und vieles mehr. Das Umfeld der Figur der Melia Khalid ist komplex. Ihr Vater ist ein Spitzenpolitiker mit Geheimdienst-Vergangenheit, die Mutter eine politisch Verfolgte, die einst in Somalia gefoltert wurde. Melia hat wegen ihrer Herkunft also doppelt gegen Vorurteile zu kämpfen. Da ist “die Migrantin”, noch dazu protegiert von ihrem einflussreichen Vater. Umso zielstrebiger und teilweise auch recht empathielos führt sie ihre V-Leute.

Ihre Behörde ist jedenfalls alarmiert, als ein Geheimpapier auftaucht, das die Gründung einer neuen RAF ankündigt. Melia ist eher skeptisch. Handelt es sich gar um eine rechte Verschwörung nach dem “False Flag”-Prinzip? Horst Eckert ist ein Skeptiker, was die Rolle der Geheimdienste in der Demokratie betrifft. Das hat man schon im überzeugenden NSU-Thriller “Wolfsspinne” gemerkt, aber auch “Im Namen der Lüge” ist das spürbar. Im Nachwort schreibt er dazu: “Die Frage, was der Inlandsgeheimdienst wirklich schützt, ist berechtigt. Die Verfassung scheint es nicht zu sein.”

Fast 600 Seiten lang versteht es der Autor zu fesseln. Doch so schlüssig sich der Fall am Ende des Buches lösen mag, seinen realistischen Blick legt Eckert nicht ab. “Alles beim Alten, trotz des Skandals”, heißt es da. “Auch beim Verfassungsschutz ändert sich nichts.” Am Ende stolpern doch immer nur irgendwelche Sündenböcke über die Skandale. Das System ändert sich nicht.

8 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Im Namen der Lüge”, Heyne Verlag, 574 Seiten.

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Laura Lippman: Die Frau im grünen Regenmantel

(c) Kampa Verlag

Die Privatdetektivin Tess Monaghan ist schwanger und darf aufgrund von Komplikationen ihr Bett nicht verlassen. Also sieht sie aus dem Fenster und beobachtet die Spaziergänger im Park. Und da fällt ihr diese Frau im grünen Regenmantel auf, die immer mit ihrem Hund spazieren geht. Doch eines Tages läuft der Hund allein durch den Park. Also beginnt Tess zu ermitteln – aus dem Bett heraus. Was steckt hinter dem Verschwinden der Frau?

Wenn das jetzt an den Filmklassiker “Fenster zum Hof” erinnert. Ja, Autorin Laura Lippman nimmt zu Beginn des zweiten Kapitels bewusst Bezug darauf. Und tatsächlich liest sich “Die Frau im grünen Regenmantel” wie eine moderne Version des Originals. Charmant, mit netten Dialogen und einer gehörigen Prise Zeitkritik – aber auch ein wenig belanglos.

Krimikenner werden den entscheidenden Twist wohl schon lange im Voraus gewusst haben. Für einen grauen verregneten Tag ist das Buch aber die perfekte Lektüre. Dieser grüne Regenmantel – auch der Hund hat übrigens eine grüne Bekleidung – bringt einfach Farbe ins Leben. Einen Preis hätte sich daher jedenfalls das wunderschön gestaltete und auch den Inhalt perfekt treffende Cover verdient. Sehr gut gelungen!

6 von 10 Punkten

Laura Lippman: “Die Frau im grünen Regenmantel”, übersetzt von Sepp Leeb, Kampa Verlag, 189 Seiten.

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Thomas Christos: 1965

(c) Blanvalet

Deutschland, im Jahr 1965. Der junge Polizist Thomas Engel ist ein richtiges Landei, aufgewachsen in einer biederen Idylle. Als er in die Großstadt Düsseldorf kommt, werden ihm die Augen geöffnet. Ein Rolling-Stones-Konzert verändert dann überhaupt seine Sicht auf die Welt. Und als er die minderjährige Peggy kennenlernt, in die er sich verliebt, gerät diese Welt auch noch aus den Fugen.

Ja, ein wenig naiv ist dieser junge Kommissar Engel schon. Manchmal ist das einfach zu viel des Guten. Wenn er plötzlich mit seltsamer Frisur und Kleidung ins Kommissariat kommt, wirkt das ein wenig kindisch. Eine neue Wohnung fällig? Dann ziehen wir einfach zu zweit bei einer Prostituierten ein. Auch seine blauäugige Reise nach Polen (es war die Zeit des Kalten Kriegs) liest sich lieb, aber nicht sehr glaubwürdig.

Dennoch hat Autor Thomas Christos eine Geschichte geschrieben, die ich gern gelesen habe. Und das obwohl da wieder einmal ein Serienmörder vorkommt und die Spur natürlich zurück in die düstere Zeit der 1930er Jahre führt. Christos Stil ist angenehm und lullt einen beim Lesen ein. Das muss man auch erst einmal schaffen. Vielleicht ist man in dieser seltsamen Pandemie-Zeit aber auch einfach dankbar für ein wenig Naivität.

6 von 10 Punkten

Thomas Christos: “1965”, Blanvalet Verlag, 400 Seiten.

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Massimo Carlotto: Blues für sanfte Halunken und alte Huren

Manche Verlage bewerben den banalsten Regionalkrimi als Noir. Wer wirklich wissen will, was zu diesem Genre gehört, kommt allerdings am Italiener Massimo Carlotto nicht vorbei. Sowohl seine Kriminalromane rund um Marco Buratti, den “Detektiv ohne Lizenz”, als auch jene rund um den bösartigen Verbrecher Giorgio Pellegrini (“Am Ende eines öden Tages”) zeigen die Menschen von ihren hässlichsten Seiten. Diesmal lässt der Autor die beiden Figuren aufeinanderprallen.

Verschärfend kommt in diesem Fall hinzu, dass Pellegrini – den Buratti und seine Kollegen verfolgen – als V-Mann mit der Polizei kollaboriert. Und dann gibt es da noch die Dottoressa Marino, die im Innenministerium ihr ganz eigenes Süppchen kocht.

Moral? Fehlanzeige – sowohl diesseits als auch jenseits des Gesetzes. Besonders reizvoll: Wien ist ein Hauptschauplatz dieses abgründigen Werks.

8 von 10 Punkten

Massimo Carlotto: “Blues für sanfte Halunken und alte Huren”, übersetzt von I. Ickler, Folio Verlag, 223 Seiten.

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Wer braucht in Pandemie-Zeiten Seuchenthriller?

(c) Rütten & Loening

Chinesische Wissenschaftler entwickeln ein tödliches Virus zur Auslöschung der Feinde Chinas. Sein Name: Wuhan-400. Eh klar, denkt man, der erste Coronavirus-Thriller konnte ja nicht lang auf sich warten lassen. Doch weit gefehlt, Autor Dean Koontz hat diesen Virus bereits vor fast 40 Jahren in seinem Thriller “Die Augen der Finsternis” erfunden, der nun im Ullstein-Verlag neu übersetzt und aufgelegt wurde.

Auch der südafrikanische Krimiautor Deon Meyer hat mit seinem vor zweieinhalb Jahren auf Deutsch erschienenen Endzeit-Thriller “Fever” die aktuelle Pandemie vorweggenommen. Allerdings verläuft sie in seinem Buch viel tödlicher: 95 Prozent der Weltbevölkerung sterben. In dem 700 Seiten dicken Buch überträgt sich ein Coronavirus von einer Fledermaus auf den Menschen und breitet sich in Folge rasend schnell global aus. Zahlreiche Regierungen schließen ihre Grenzen, doch das nützt in dem Thriller nichts mehr. “Fever” ist aber nicht bloß irgendein Weltuntergangsthriller. Spannend liest sich vor allem, wie unterschiedlich die wenigen Überlebenden mit der Situation umgehen: Von kooperativen, demokratischen Modellen bis hin zu mordenden Räuberbanden ist hier alles vertreten.

Zwei aktuelle, solide Seuchenthriller

Tatsächlich gibt es aber auch Thriller, deren erstmaliges Erscheinen rein zufällig mit der aktuellen Krise zusammentrifft. Ebenfalls bei Ullstein ist soeben “Patient Null” von Daniel Kalla erschienen. Als in Genua die Pest ausbricht, begeben sich Experten auf die Suche nach dem Ursprung der Seuche. Kalla spannt einen Bogen zurück ins Jahr 1348. Die Parallelen zur Corona-Realität sind frappierend: Thematisiert wird die Suche nach dem ersten Patienten sowie die prekäre Lage in Spitälern.

In Uwe Laubs “Leben” (Heyne Verlag) – das mir übrigens deutlich besser gefallen hat als sein Vorgänger “Sturm” – wiederum wird eine Pandemie, bei der Menschen plötzlich rasend schnell altern, mit Artensterben und Klimawandel in Verbindung gebracht. Auch das macht nachdenklich.

Auch Sachbücher können fesseln

Bloß stellt sich die Frage, wer in Pandemie-Zeiten tatsächlich Seuchenthriller lesen will? Ist die momentane Realität nicht beängstigend genug? Also wenn schon, warum nicht gleich zum Klassiker aller Klassiker, “Die Pest” von Albert Camus, greifen?

Oder zum Sachbuch? Wer sich mit solider Spannungsliteratur nicht zufrieden geben will, sollte einfach Laura Spinneys “1918. Die Welt im Fieber” (Hanser Verlag) lesen. Sie hat bereits vor zwei Jahren darüber geschrieben, wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Selten war ein Sachbuch so fesselnd.

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Carlo Lucarelli: Hundechristus

(c) Folio Verlag

Bologna im Jahr 1943, Italien befindet sich im Krieg. Bei einer Razzia stürzt Commissario De Luca im Dunkeln. Das rettet ihm das Leben, denn ein Querschläger streift ihn am Nacken. “Als er aufstehen wollte, rutschten seine Hände in einer Lache aus klebrigem Zeug aus.” Vermutlich hat er beim Hinfallen einen Topf mit Zuckersirup umgestoßen, sind die ersten Gedanken des Polizisten. Doch kurz darauf wird klar, dass er auf etwas anderes gefallen ist: Eine Leiche – ohne Kopf.

De Luca muss feststellen, dass in Zeiten des Krieges das Interesse an einem Toten mehr oder weniger nicht allzu groß ist. Daran ändert sich auch nichts, als er es schon bald mit vier Leichen zu tun hat. Zumal die Spur zu einer einflussreichen Allianz von Gegnern führt: Schwarzhändlern, der faschistischen Miliz und Kokainhändlern mit Beziehungen zum Adel. Als dann auch noch Benito Mussolini gestürzt wird, besteht plötzlich Hoffnung, dass der Krieg rasch enden könnte. Doch im Endeffekt wird die Lage noch unübersichtlicher.

Was ist der Preis für die Suche nach der Wahrheit?

Der italienische Krimiautor Carlo Lucarelli porträtiert mit seiner Hauptfigur De Luca einen Aufrechten, der sich der Frage stellen muss, welchen Preis er für die Suche nach der Wahrheit zu zahlen bereit ist. Denn eines ist klar: Sauber bleiben kann hier niemand. Lucarelli beleuchtet auch das Privatleben des Polizisten, der in einer Liebesbeziehung steckt. An dieser Nebenfront wird er letztlich ebenfalls vor die Wahl gestellt, was ihm wichtiger ist: Sein Beruf, der ihm alles bedeutet – oder die Liebe.

Der Autor liefert keine einfachen Antworten. Vielmehr zeigt er auf, welch schmerzhaften Entscheidungen De Luca unweigerlich treffen muss. Unbehagen ist das bestimmende Gefühl bei der Lektüre dieses Buches. Man wird es niemals los. Denn wie auch immer sich der Polizist entscheidet, er kann eigentlich nur verlieren. Es bleiben zwei zentrale Fragen: Kann man in einem faschistischen System bis zu einem gewissen Grad auch weiterhin normal und korrekt seine Tätigkeit als Polizist erledigen? Oder ist das nur eine Illusion, die man aufrecht erhalten muss, um nicht verrückt zu werden? Die Antworten muss der Leser selbst finden.

Auf eine andere Frage findet der Leser allerdings eine Antwort: Was zum Teufel ist der titelgebende Hundechristus? Lesen!

Alles in allem werde ich immer mehr zu einem Fan italienischer Kriminalliteratur. Sowohl die Bücher von Massimo Carlotto (“Am Ende eines öden Tages”) als auch Paolo Roversi (“Milano Criminale”, “Schwarze Sonne über Mailand”) wirken bei mir auch Jahre nach der Lektüre immer noch nach.

7 von 10 Punkten

Carlo Lucarelli: “Hundechristus”, übersetzt von Karin Fleischanderl, Folio Verlag, 270 Seiten.

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Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

(c) Blumenbar

Oyinkan Braithwaites erstes – drei Zeilen umfassendes Kapitel – von “Meine Schwester, die Serienmörderin” wird sich wohl in Zukunft in zahlreichen Lehrbüchern darüber finden, wie man einen (Kriminal-)Roman perfekt beginnen kann: “Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.” Damit ist die Ausgangssituation klar. Ayoola, Koredes Schwester hat nicht erst einmal gemordet.

Worum es geht? Ayoola ist eine unglaublich schöne Frau, der die Männerwelt zu Füßen liegt. Oder um es in den Worten ihrer Schwester Korede, der Erzählerin, zu sagen: “Sie hat den Körper einer Musikvideo-Sexbombe, einer sündhaften Frau, eines Sukkubus. Er straft ihr engelsgleiches Gesicht Lügen.”

Bloß hat diese Sexbombe eine schlechte Angewohnheit – sie tötet ihre Männer. Wie gut, dass es da ihre Schwester gibt: Die Krankenschwester weiß, wie man Blutspuren und Leichen entfernt. Als sich Tade, ein Arzt in jenem Krankenhaus, in dem Korede arbeitet, auf Anhieb in die bildhübsche Schwester verliebt, wird die Loyalität der Aufräumerin und Aufwischerin auf eine Probe gestellt. Denn sie selbst ist in Tade verliebt.

“Er will bloß ein hübsches Gesicht”

Korede ist überzeugt, dass Tade anders ist. Liebenswürdig und einfühlsam, ein Mann der Kindern gern ein Lied vorsingt. Ayoola sieht das nüchterner: “Er ist nicht tiefgründig. Er will bloß ein hübsches Gesicht. Mehr wollen sie alle nicht.” Wer wird recht haben? Vor allem muss sich Korede aber eine andere Frage stellen: Wie lange will ich meiner mordenden Schwester helfen?

Die nigerianisch-britische Autorin Oyinkan Braithwaite hat eine erfrischende Mischung aus fesselndem Thriller und seziermesserscharfem Gesellschaftsporträt geschrieben. Während sich der Leser auf der einen Seite gut unterhält, bringt sie diesem die patriachalisch geprägte Gesellschaft Nigerias näher. Sie zeigt, wie sich zwei Frauen – auf ihre eigene Art und Weise – gegen diese von Männern dominierte Welt zur Wehr setzen. Nach und nach wird durch Rückblenden in die Kindheit der beiden ihr Handeln erklär- und verstehbar.

Der Autorin ist alles in allem ein beeindruckendes Debüt gelungen. Mit ihrem Buch schaffte es die 32-Jährige auf die Longlist des renommierten “Booker Prize”, zudem wurde es von der “Los Angeles Times” als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Nicht zu unrecht, denn auch mit ihren letzten Sätzen, die bewusst nicht verraten werden sollen, schafft Braithwaite – wie schon beim Einstieg – die perfekte Klammer für diesen außergewöhnlichen Roman.

9 von 10 Punkten

Oyinkan Braithwaite: “Meine Schwester, die Serienmörderin”, übersetzt von Yasemin Dinçer, Blumenbar Verlag.

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Spät, aber doch: Meine Lieblingskrimis 2019

Da dieser Blog Anfang des Jahres fast das Zeitliche gesegnet hätte, habe ich auch meine Lieblingskrimis des Vorjahres niemals zusammengefasst. Ich will das nun nachholen. Es wäre wirklich schade, diese Liste nicht verfasst zu haben, es waren so viele tolle Krimis dabei!

Ein Detail noch: die Bücher auf Platz eins bis drei habe ich eigentlich gleich geliebt – würde ich die Liste morgen verfassen, wäre die Reihenfolge wohl eine andere, und übermorgen wieder eine andere …

(c) Unionsverlag

Platz 10 – Garry Disher: “Kaltes Licht”

Als eine giftige Schlange unter einer Betonplatte vor ihrem Haus verschwindet, ruft eine besorgte Melbourner Familie einen Schlangenfänger, der prompt eine Leiche zu Tage befördert. Krimiautor Garry Disher greift in “Kaltes Licht” auf keine seiner beiden Serienfiguren – den Polizisten Hal Challis und den Berufsverbrecher Wyatt (siehe Platz 9) – zurück, sondern auf Alan Auhl, einen in die Jahre gekommenen Polizisten, der sich boshafte Scherze seiner Kollegen gefallen lassen muss. Ein feinfühliger Kriminalroman mit dem zentralen Thema (Un-)Gerechtigkeit.

(c) Pulp Master

Platz 9 – Garry Disher: “Hitze”

Mit dem Berufskriminellen Wyatt hat Garry Disher eine Figur ganz in der Tradition von Richard Starks “Parker” geschaffen. Beide Männer haben keinen Vornamen, sind knallharte Verbrecher und verabscheuen nichts mehr als Stümperei.

In “Hitze” soll Wyatt ein Bild stehlen, und wieder einmal kann er seinen Komplizen nicht trauen.

(c) Pendragon

Platz 8 – Wallace Stroby: “Der Teufel will mehr”

“Der Teufel will mehr” ist der vierte Teil um die nüchtern kalkulierende Berufsverbrecherin Crissa Stone. US-Autor Wallace Stroby hat sich von Band zu Band gesteigert und seiner Antiheldin, die sich unter den Unterweltalphamännchen beweisen muss, zunehmend Ecken und Kanten verliehen. Wer Stones kriminellen Werdegang verfolgt, kann aber nur zu einer Erkenntnis kommen: Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Vor allem aber darf man Komplizen niemals trauen. Mit anderen Worten: Verbrechen lohnt sich nicht. Lesen schon.

(c) Ars Vivendi

Platz 7 – George Pelecanos: “Prisoners”

Michael Hudson entdeckt im Gefängnis das Lesen und will, endlich wieder in Freiheit, seinem Leben eine positive Wendung geben.  US-Autor George Pelecanos hat einen überzeugenden Kriminalroman über zwei Männer geschrieben, die versuchen, das Richtige zu tun. So ganz nebenbei ist “Prisoners” eine Hommage an die Macht guter (Kriminal-)Literatur.

(c) Edition Raetia

Platz 6 – Clementine Skorpil: “Max Leitner, Ausbrecherkönig”

Clementine Skorpil kann also nicht nur historische China-Krimis (“Gefallene Blüten”, “Guter Mohn, du schenkst mir Träume”, Kurztext zu “Langer Marsch”), sondern auch zeitgenössischen Südtirol-True-Crime-Krimi. So könnte man es nach der Lektüre von “Max Leitner, Ausbrecherkönig” formulieren. Vor allem zeigt das Buch aber, wie man Dichtung und Wahrheit perfekt miteinander verbinden kann.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 5 – Adrian McKinty: “Cold Water”

Band sieben der genialen Sean-Duffy-Reihe: Eigentlich geht der “katholische Bulle” Duffy in “Cold Water” in die wohlverdiente Altersteilzeit.

Mit Frau und Kind zieht er im Jahr 1990 aus dem politisch gebeutelten Nordirland nach Schottland, um nur mehr sieben Tage im Monat für die Polizei im nordirischen Carrickfergus zu arbeiten.

(c) Ariadne

Platz 4 – Tawni O’Dell: “Wenn Engel brennen”

Dove Carnahan, vor Kurzem 50 Jahre alt geworden, ist Polizeichefin von Buchanan, einem Ort mitten in einer vom exzessiven Kohleabbau zerstörten Landschaft. Verwüstet sind hier aber vor allem die Menschen: Sie sind feindselig, verhärmt und wortkarg. Doch Autorin Tawni O’Dell porträtiert ihre gewöhnungsbedürftigen, oft unsympathischen Figuren ausgewogen. “Wenn Engel brennen” überrascht bei allem Realismus mit trockenem Humor und unverhofftem Optimismus.

(c) Ariadne Verlag

Platz 3 – Sarah Schulman: “Trüb”

Maggie Terry, eine Ex-Polizistin, wäre an ihrer Alkohol- und Drogensucht fast zugrunde gegangen. Man will dieser Maggie Terry aufmunternd auf die Schulter klopfen, um im nächsten Moment an ihr zu verzweifeln. Selten war Trostlosigkeit so hoffnungsvoll, und auch Komik und Ernst sind in diesem Roman eineiige Zwillinge. Das Buch ist intim, fesselnd, komisch, traurig, aufwühlend – kurz: “Trüb” ist grandios.

(c) Liebeskind

Platz 2 – Lisa McInerney: “Blutwunder”

Lisa McInerney erzählt in “Blutwunder” zwar von trostlosen Milieus, allerdings kommt niemals das Gefühl von Tristesse auf. Sie hat jedenfalls die irische Hafenstadt Cork auf die Krimi-Landkarte geholt. Während McInerneys Bücher für den lokalen Tourismusverband aber eher das Worst-Case-Szenario darstellen dürften, profitieren die Leser von ihrem feinen Gespür für Menschen und Details. Empathisch porträtiert sie Dealer, Prostituierte und Sozialhilfeempfänger als facettenreiche Persönlichkeiten, die einen zweiten Blick wert sind – mit all ihren hässlichen wie liebenswerten Seiten.

(c) Ariadne Verlag

Platz 1 – Hannelore Cayre: “Die Alte”

Die Mittfünfzigerin Patience Portefeux hört als Dolmetscherin tagtäglich für die französische Kriminalpolizei Telefonate ab, um diese zu übersetzen. Da erfährt sie eines Tages aufgrund eines abgehörten Telefonats von Dingen, die ihre Geldsorgen mit einem Schlag beseitigen könnten.

Sie lässt diese Chance nicht ungenützt verstreichen, gerät aber in einen Strudel unabsehbarer Folgen, die sie selbst bald in Gefahr bringen. “Die Alte” erinnert ein wenig an “The Wire” und “Breaking Bad”, allerdings hat Autorin Hannelore Cayre etwas ganz Eigenständiges geschaffen, mit dem man möglicherweise in Zukunft andere Kriminalromane wird vergleichen können: Eine realistische Krimikomödie.

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Attica Locke: Heaven, My Home

(c) Polar Verlag

Der schwarze Polizist Darren Mathews wurde einst in seinem Heimatstaat Texas Ranger, weil er an Veränderung glaubte: an mehr schwarze Gesetzeshüter, mehr Gerechtigkeit. Bereits im Debütroman “Bluebird, Bluebird” von Autorin Attica Locke war Mathews’ Weltbild ins Wanken geraten, in “Heaven, My Home” ist der Polizist desillusioniert. Dann soll er ausgerechnet den verschwundenen Levi finden, Sohn eines Angehörigen der Arischen Bruderschaft. Mathews ermittelt, gepeinigt von Selbstzweifeln, Eheproblemen und alltäglichem Rassismus.

Entstanden ist ein beeindruckendes Sittenbild des ländlichen Amerika, das zeitlich zwischen der Wahl und Inauguration von US-Präsident Trump spielt – ohne Vorwürfe, aber mit einem sehr genauen Blick verfasst. Denn es ist bereits eine Zeit, die zu absurden Auswüchsen führt. So ist Mathews Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund überzeugt, dass er, wenn er einen Schwarzen eines Hassverbrechens überführt, das künftige Justizministerium gewogen stimmen kann und den Beweis führen kann, dass das FBI ausgewogen ermittelt.

Empfehlenswert ist es auch das Nachwort “Das Ende der Versöhnung” von Sonja Hartl zu lesen. Sie schreibt darin vom Konzept der Vergebung, das bis in die Zeit der Sklaverei zurückreicht. Mit Vergebung sei aus Sicht der Schwarzen Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft. Doch wohin habe dieses Konstrukt geführt, fragt sich Hartl: “Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus.” Um es in den Worten von Darren Mathews zu sagen: Was mache die Vergebung aus ihnen: Heilige oder Handlanger?

“Heaven, My Home” ist keine Anklage, aber ein Buch, das neben allen seinen Spannungselementen nachdenklich macht.

8 von 10 Punkten

Attica Locke: “Heaven, My Home”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 322 Seiten.

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Jeanine Cummins: American Dirt

(c) Rororo

Eigentlich war alles gut, als Jeanine Cummins’ Buch “American Dirt” Anfang des Jahres in den USA erschien. Thrillerautor Don Winslow verglich ihr Buch mit John Steinbecks “Früchte des Zorns”, Horror-Großmeister Stephen King war ebenfalls voll des Lobes, und TV-Ikone Oprah Winfrey empfahl es in ihrem einflussreichen “Book Club”. Doch dann schrieben 142 mexikanische Autorinnen und Autoren einen offenen Brief an Winfrey, in dem sie baten, diese Empfehlung rückgängig zu machen. Der Vorwurf: Das Buch sei großteils ausbeuterisch, zu vereinfachend und von einer schlecht informierten Autorin geschrieben. Es verirre sich in Trauma-Fetischismus und der Sensationalisierung von Migration und mexikanischer Lebenskultur. Die Stimmung kippte, eine geplante Lesereise musste abgesagt werden. Doch das eigentliche Problem war ein anderes: Darf eine Weiße über Latinos schreiben?

Natürlich darf sie das. Tatsächlich berührt die fiktive Geschichte der 2600 Meilen langen Flucht der mexikanischen Buchladenbesitzerin Lydia. Gleich zu Beginn wird fast ihre gesamte Familie, insgesamt 16 Menschen, von Killern eines Drogenkartells brutal ermordet. Bloß sie und ihr achtjähriger Sohn Luca überleben das Gemetzel. Lydia, Frau eines Journalisten, der ein kritisches Porträt über einen Drogenboss verfasst hat, zögert nicht und packt zwei Rucksäcke. Es gibt nur eine Chance: die Flucht nach Norden, in die USA.

Die Fahrt auf “La Bestia”

Der Vorwurf, dass die Autorin in den Traumata ihrer Figuren bade, mutet meiner Ansicht nach angesichts der geschilderten Geschehnisse ein wenig seltsam an. Würde die von der Situation überforderte Mutter zwischendurch nicht immer wieder wanken und verzweifeln, hätte man Cummins vermutlich fehlender Empathie bezichtigt. Einzig die in Rückblicken erzählte platonische Romanze zwischen Lydia und dem diabolischen Drogenboss “La Lechuza” ist entbehrlich. Umso eindringlicher schildert die Autorin die furchteinflößende Reise der Migranten auf “La Bestia”, den Zügen, die aus dem Süden in Richtung USA fahren (das hat übrigens der oben erwähnte Don Winslow in seinem Buch “Jahre des Jägers” auch schon eindrucksvoll getan). Wer beim Erklimmen einen falschen Schritt macht oder auf den monströsen Zügen einschläft, riskiert Amputation oder Schlimmeres.

Man spürt, dass Cummins ihren Figuren gerecht werden will. An billigem Sensationalismus orientierte Autoren hätten die erschütternden Vergewaltigungsszenen viel plakativer gestaltet. Der Spagat mag nicht immer gelingen, letztlich aber macht die Schriftstellerin die ausweglose Situation der Migranten begreifbar.

Natürlich haben auch schon viele Latino-Autorinnen und -autoren vor ihr darüber geschrieben und hätten größere Aufmerksamkeit verdient. Ad hoc fällt mir dazu etwa Antonio Ortuños “Die Verbrannten” ein. Auch verstehe ich, dass sich manche über die nicht gerade mexikanisch klingenden Namen der beiden Hauptfiguren Lydia und Luca wundern. Und auch PR-Maßnahmen bei Lesungen (bevor diese gestoppt wurden), wo Teile eines Stacheldrahts neben die Bücher drapiert wurden, mögen geschmacklos sein. Das macht dieses über vier Jahre akribisch recherchierte Buch aber nicht automatisch schlecht.

Der Fluch des losen Nachworts

Ein Hauptteil der Kritik ist ohnehin auf das Nachwort der Autorin zurückzuführen. Darin schreibt Cummins zwar, dass sie abgestoßen sei von der Art, wie Latino-Migranten im öffentlichen Diskurs dargestellt werden. Aber sie formuliert eben auch Sätze wie diese: “Im schlimmsten Fall nehmen wir sie als Mob wahr, als Invasion von Kriminellen, die unsere Mittel aufsaugen wollen, und im besten Fall als eine Art hilflose, verarmte, gesichtslose braune Masse, die auf unserer Türschwelle um Hilfe schreit. Wir sehen sie selten als Mitmenschen”. Wen meint sie bloß mit “wir” im geschilderten “besten Fall”?

Cummins – übrigens mit einem ehemaligen Illegalen verheiratet, ihre Großmutter stammt aus Puerto Rico – schreibt darüber hinaus selbstkritisch von ihren Zweifeln, ob sie als Nicht-Mexikanerin und Nicht-Migrantin ein derartiges Buch schreiben dürfe. Doch erneut sorgt eine Formulierung für Empörung: “Ich wünschte mir, dass jemand es schreiben würde, der etwas brauner ist als ich.” Es sind Worte, die sie selbst mittlerweile bereut.

Aber am besten macht man sich selbst ein Bild von ihrem Roman – und liest ihn.

8 von 10 Punkten

Jeanine Cummins: “American Dirt”, übersetzt von Katharina Naumann, rororo, 556 Seiten.

 

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