Tag Archives: 7 Punkte

Melissa Scrivner Love: Lola

(c) Suhrkamp

Melissa Scrivner Loves “Lola” weist die üblichen Zutaten eines Mainstream-Thrillers auf – rasant, ein wenig oberflächlich und klischeemäßig, ein übertriebener Showdown. Eigentlich wenig verwunderlich, denn die Autorin hat sich bereits als Drehbuchautorin für TV-Serien wie “CSI Miami” und “Person of Interest” einen Namen gemacht.

“Lola” ist definitiv ein Versprechen für die Zukunft. Eine junge Drogendealerin als Heldin, das gibt es nicht oft. Überhaupt sind es hier die Frauen, die die Richtung vorgeben, die Männer sind eher Marionetten (oft, ohne es zu wissen).

Seltsam sauberes Ghetto

Bei allem Wohlwollen kann ich aber über gewisse Schwächen – auch handwerklich – nicht hinwegsehen. So steht Lola in mindestens zwei Szenen am Rande des Geschehens und kann dennoch den Dialogen der in Entfernung stehenden Personen problemlos und perfekt folgen. Das ist unrealistisch. Zu oft gibt es auch Formulierungen wie “sie verliebte sich auf Anhieb in diese Frau” – wann immer Lola Sympathie für irgendjemanden hegt.

“Lola” wirkt bei aller Spannung auch ein wenig gekünstelt. Das Ghetto spürt man hier nicht, zu sauber geht es hier zu. Ja, die kaputte Mutter darf nicht fehlen, aber irgendwie stinkt es hier nicht. Hier ist es nicht wirklich grindig. Zumindest ist das nicht spürbar. Es ist ein wenig so, als schreibe ein weißes Mädchen über eine Latina-Gang. Lola, die kalt kalkulierende Gangster-Queen schreckt auch vor Mord nicht zurück. Das ist auch literarisch zu kalkuliert. Wow, eine Frau, die tötet. Das alleine sollte nicht schockieren.

Die größte Schwäche der jungen Autorin ist es aber wohl, dass sie sich immer wieder bemüßigt fühlt, das Handeln ihrer Figur rechtzufertigen. Es wirkt fast so, als müsse man die Handlungen einer Frau, die Dinge tut, die für Männer normal sind, besonders begründen.

Überzeugend ist es allerdings, wie sie ihre Rolle als Frau nutzt. Sie wird lange nur als die hübsche Frau an der Seite des Drogengangsters gesehen. Diese Schwäche des männlichen Geschlechts nutzt sie eiskalt aus.

Fortsetzung folgt

“Capitana”, die Fortsetzung der Schilderung des Überlebenskampfes einer schlauen Frau in einer Machowelt, wird übrigens im Mai 2020 erscheinen. Ich bin gespannt, ob die Autorin noch zulegen kann.

7 von 10 Punkten

Melissa Scrivner Love: “Lola”, übersetzt von Sven Koch und Andrea Stumpf, Suhrkamp, 391 Seiten.

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Estelle Surbranche: Nimm mich mit ins Paradies

(c) Polar Verlag

Im modernen Kriminalroman nehmen Frauen nicht mehr brav ihre Plätze entweder als Opfer, schrullige Hobbyermittlerin oder Stabilitätsanker an der Seite eines überlasteten Polzisten ein.

Aktuelles Beispiel: In “Nimm mich mit ins Paradies” sind sie einerseits die vom Leben überforderte, keinesfalls geniale, aber dennoch hartnäckig ermittelnde Kommissarin Gabrielle Levasseur und andererseits die brutale Killerin Nathalie, für die man angesichts ihrer Vorgeschichte dennoch Sympathien empfindet.

Estelle Surbranche versteht es, die beiden sehr vielschichtig zu porträtieren, aber auch die Handlung um einen Mann, der Frauen in die Abhängigkeit und den Tod treibt, glaubwürdig voranzutreiben.

7 von 10 Punkten

Estelle Surbranche: “Nimm mich mit ins Paradies”, übersetzt von Cornelia Wend, Polar Verlag, 325 Seiten.

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Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

(c) Pendragon

“Kalter Schuss ins Herz” war der vielversprechende Auftakt zu der Serie um die Berufsverbrecherin Crissa Stone. Zuletzt habe ich hier den dritten Teil, “Fast ein guter Plan”, besprochen. Im Zuge dessen ist mir aufgefallen, dass ich den Teil dazwischen, “Geld ist nicht genug” zwar schon längst gelesen habe, hier aber offenbar nie besprochen habe. Was ist da nur wieder schiefgelaufen?

Naja, egal. Ich finde jedenfalls, dass sich die Serie wunderbar weiterentwickelt hat. Im Idealfall liest man die Serie natürlich in der richtigen Reihenfolge, man findet sich aber in den einzelnen Kriminalromanen auch so problemlos zu recht. In “Geld ist nicht genug” greift der Autor sogar auf einen realen Fall zurück – den sogenannten Lufthansa-Raub im Jahr 1978, den größten Bargeldraub der US-Kriminalgeschichte. Das gibt der Geschichte natürlich einen besonderen Reiz. Obwohl sich der Autor tief im Genre bewegt, gewinnt er diesem stets neue Facetten ab.

7 von 10 Punkten

Wallace Stroby: “Geld ist nicht genug”, übersetzt von Alf Mayer, Pendragon, 334 Seiten.

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William Boyle: Gravesend

(c) Polar Verlag

Ray Boy Calabrese hat während seiner Schulzeit einen Mitschüler gequält und letztlich in den Tod getrieben. Als er nun aus dem Gefängnis entlassen wird und in sein Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn zurückkommt, will ihn Conway, der Bruder des damals gestorbenen Jungen, töten. Doch Conway trifft wider Erwarten auf einen völlig gebrochenen Mann.

Was Autor William Boyle liefert, ist keine simple Rachegeschichte, sondern ein oft überraschendes und alles in allem überzeugendes, auf den Punkt gebrachtes Stück Noir, bei dem man von Beginn an spürt, dass es kein Happy End geben wird. Mir war das in diesem Fall fast schon zu viel Noir – das ist nichts für dunkle Wintertage.

7 von 10 Punkten

William Boyle: “Gravesend”, übersetzt von Andrea Stumpf, Polar Verlag, 293 Seiten.

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Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

(c) Ariadne

Vor zwei Jahren hat die österreichische Autorin Gudrun Lerchbaum mit ihrem dystopischen Krimidebüt “Lügenland” für Aufsehen gesorgt. Sie porträtierte Österreich darin als einen Überwachungsstaat in der nahen Zukunft. Das kam mir damals nicht ganz nachvollziehbar, weil übertrieben, vor. Auch in ihrem neuen Buch “Wo Rauch ist” spitzt sich die Lage angesichts eines Rechtsrucks im Land zu. Ich muss zugeben, dass ich mir beim Lesen gedacht habe, dass Lerchbaums Buch dieses politische Setting eigentlich gar nicht benötigt. Doch dann habe ich auf dem Blog der Autorin einen Beitrag gefunden, der mich sehr nachdenklich macht.

Sie schreibt darin über einen ängstlichen Rezensenten eines österreichischen Mediums. Dieser sähe “ob der allzu regierungskritischen Haltung des Buches unter den derzeitigen Umständen keine Chance das (in der Redaktionskonferenz?) durchzubringen”. Um sich nicht “in die Nesseln zu setzen”, verzichte er also auf die Rezension. Feedback wollte er aber doch geben: “Wunderbare Charakterzeichnung, sensibles Eintauchen in die Gefühlswelt einer chronisch Kranken. (…) Hätte das Drama ohne Seitenhiebe auf die aktuelle Politik nicht womöglich sogar zeitlosere Kraft erlangt?”

Wow. Das hat es in sich. Das sagt dann doch einiges über das veränderte Klima in diesem Land aus. Wenn sich Rezensenten eines Kriminalromans fürchten müssen und daher vorauseilend auf eine Besprechung verzichten… Vielleicht bin ich naiver, als ich dachte.

Es wäre ein Fehler, dieses Buch nicht vielen Lesern zu empfehlen. Jeder soll sich selbst ein Bild machen, das ist wohl jedem zumutbar. Und ja, man muss die Sichtweise der Autorin nicht teilen. Wenn man über diese Dinge aber nicht mehr schreiben kann, dann muss man es wirklich mit der Angst zu tun bekommen.

Ganz unabhängig von der politischen Komponente überzeugt dieses Buch – und das kommt leider zu kurz – durch seine literarische Qualität: Lerchbaum hat einprägsame, sehr echte Figuren erschaffen: Die an Multipler Sklerose erkrankte, aber niemals bemitleidenswerte Olga ermittelt mit einem Begräbnisredner und einer verurteilten Mörderin im Todesfall ihres Exmannes, eines türkischstämmigen Journalisten. Das kann schon was, da beugt sich die Autorin keinem Mainstream. Sie biedert sich dem Leser nicht an. Manchmal ist das auch sperrig – wie angenehm in diesem großteils glattgebügelten Krimi-Einheitsbrei.

Ariadne-Herausgeberin Else Laudan formuliert das so: “So ist dieser Roman nicht nur ein lebhafter, charmanter Wiener Krimi um Politik, Dünkel und Vorurteil, sondern auch ein Mosaikstein im Ringen um Erzählhoheit und um ein plurales, vielfältiges, inklusives Welt- und Menschenbild in unserer Kultur. Mehr davon!”

7 von 10 Punkten

Gudrun Lerchbaum: “Wo Rauch ist”, Ariadne Verlag, 285 Seiten.

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Patrícia Melo: Der Nachbar

(c) Tropen Verlag

Warum aus dem Gebot “Liebe deinen Nächsten” im Alten Testament ein “Liebe deine Feinde” im Neuen Testament wurde? Die brasilianische Krimiautorin Patrícia Melo (für “Leichendieb” erhielt sie 2014 den Deutschen Krimipreis) gibt darauf in ihrem Buch “Der Nachbar” eine klare Antwort: “Weil seit biblischen Zeiten der Nächste, der Nachbar gleichbedeutend ist mit dem Feind.”

Damit ist eigentlich auch schon gesagt, worum es sich in dem 159 Seiten dünnen Buch handelt. Die Handlungen der Hauptfigur, eines Lehrers, der sich von seinem Nachbarn gestört fühlt und daher zu drastischen Maßnahmen greift, sind nicht immer ganz nachvollziehbar. Gerade das macht das Buch aber auch so verstörend. Man sollte wirklich bedenken, wie man mit Nachbarn umgeht. Man weiß schließlich nie, welch Monster da in dem Kerl/der Frau neben dir schlummert.

Die Autorin ist sicher nicht jedermanns Sache. Denn dieser Hauptfigur, die viele unsympathische und gruselige Seiten hat, kann man nicht wirklich trauen. Was ist der Erzähler: Ein Gequälter oder einfach nur ein Durchgeknallter?

Ein störender Nachbar, eine verstörende Hauptfigur – so könnte man es ganz gut zusammenfassen.

7 von 10 Punkten

Patrícia Melo: “Der Nachbar”, übersetzt von Barbara Mesquita, Tropen Verlag, 159 Seiten.

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Daniel Suarez: Bios

(c) Rororo

Stell dir vor, du bist ein Interpol-Agent, der gegen Genkriminalität ankämpft, und eines Tages erwachst du im Körper deines Feindes: Du siehst aus wie er, du hast seine DNA. Aus dieser gruseligen Idee hat Daniel Suarez einen fesselnden Zukunftsthriller gemacht, der den Leser zweifeln lässt, ob er das Jahr 2045 erleben will. Denn das Schlimmste an “Bios” ist, dass alles so furchtbar plausibel klingt. Designerbabys erscheinen als Problem vergangener Tage. Da sieht man auch großzügig über manche erzählerische Schwäche hinweg – zu faszinierend ist die Welt, die Suarez erschafft.

Und damit unterscheidet sich sein aktuelles Buch aus meiner Sicht deutlich von “Daemon” und “Darknet”, die ich vor Jahren gelesen habe. Auch diese beiden Bücher waren thematisch äußerst interessant, doch erst mit “Bios” ist es Suarez gelungen, eine passable Erzählung zu konstruieren. So war das Buch auch eine der großen positiven Überraschungen des Vorjahres für mich.

7 von 10 Punkten

Daniel Suarez: “Bios”, übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann, Rowohlt-Verlag, 541 Seiten.

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