Tag Archives: 7 Punkte

Alex Beer: Die rote Frau

(c) Limes Verlag

Alex Beer hat mit “Der zweite Reiter” einen der besten Kriminalromane abgeliefert, die ich im Vorjahr gelesen habe. Ihr Polizeiagent August Emmerich ist bei mir haften geblieben. Groß war daher die Freude, so schnell einen zweiten Teil lesen zu können.

“Die rote Frau” ist sehr penibel recherchiert. Das merkt man auf jeder Seite. Das verkommene und arme Wien aus dem Jahr 1920 wird lebendig, angreifbar. Emmerich, mittlerweile wohnhaft im Männerheim in der Meldemannstraße (ja, hier wohnte auch Adolf Hitler), muss sich diesmal im wahrsten Sinn des Wortes durch die Wiener Unterwelt boxen – und das auf durchaus amüsante Weise. Ein Stadtrat wurde ermordet und ein Täter allzu leicht gefunden. Emmerich, der sich beruflich auf einem Abstellgleis befindet, hat aber seine Zweifel.

Überhaupt: Dieses Ermittler-Gespann aus Emmerich und seinem Assistenten Ferdinand Winter wächst einem zunehmend ans Herz. Von den beiden will man einfach mehr lesen.

Fasziniert hat mich, wie gekonnt die gebürtige Vorarlbergerin den Wiener Schmäh und vor allem den Wiener Grant zu Leben erweckt. Viele alte, fast schon ausgestorbene Ausdrücke tauchen da auf. Wie angenehm. Das liest sich authentisch, obwohl es manchmal fast eine Spur zu viel wird. Wie das Nicht-Wiener empfinden, würde mich auch interessieren: Ist das reizvoll oder steigt man da irgendwann einfach aus?

Wenn sich die “Wertlosen” aus der Meldemannstraße gegen die “Wohltäter” der Gesellschaft verbünden, ist das natürlich sympathisch. Aber das Ende des Buches war für mich dann doch ein wenig zu konstruiert und die Gut-und-Böse-Rollen letztlich zu klar verteilt. Da hätte ich es gern eine Spur abgründiger. Dennoch bin ich schon sehr gespannt auf den dritten Teil, der in den nächsten Monaten erscheinen soll.

7 von 10 Punkten

Alex Beer: “Die rote Frau”, 416 Seiten, Limes Verlag.

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James Carlos Blake: Red Grass River

(c) liebeskind

“Falls sich der Teufel je einen Garten angelegt hat, dann die Everglades.” Mit diesem Satz beginnt James Carlos Blakes Gangster-Epos “Red Grass River”. “Es heißt, dass es kaum einen anderen Ort gibt, an dem man weiter schauen und dabei weniger sehen kann.” Diese menschenfeindliche Umgebung ist das ideale Rückzugsgebiet für Alkoholschmuggler und Bankräuber John Ashley, der in den 1910er- und 1920er-Jahren zu einer Outlawlegende wurde – noch ehe Bonnie und Clyde oder John Dillinger für Schlagzeilen sorgten.

Der Autor ist Spezialist für die gewalttätigen Aspekte der US-Geschichte. “Red Grass River” ist sein mittlerweile drittes Buch, das mit zwei Jahrzehnten Verspätung auf Deutsch übersetzt wurde. “Das Böse im Blut” widmete sich dem mexikanisch-amerikanischen Krieg in den 1840er-Jahren, die darin beschriebene Grenzregion glich damals dem Vorhof zur Hölle. In “Pistolero” wiederum versuchte Blake, die Wildwestlegende John Wesley Hardin zu entschlüsseln.

Sein nun vorliegendes Porträt der berüchtigten Ashley-Gang setzt sich erneut mit Männern auseinander, die – diesmal in den Sümpfen Floridas, einem für seine Gesetzlosigkeit berüchtigten Ort – ihre eigenen Regeln aufstellen. Es ist das Revier der sogenannten Crackers, die sich mit dem Fallenstellen und dem Verkauf von Tierfellen sowie dem Schnapsbrennen und Schmuggeln tagtäglich durch ihr großteils karges Leben kämpfen. Auch deshalb werden die anfangs durchaus respektierten, später aber eher gefürchteten Brüder und ihre kriminellen Kumpane zu Legenden.

Der Autor spielt gekonnt mit dem Mythos, mit der Legende. Nur schwer ist zu erkennen, was wahr ist – und was erdichtet. Blake macht das durch den sogenannten Liars Club deutlich – eine Gruppe alter Männer, die immer wieder Geschehnisse kommentiert sowie Gerüchte aufkocht und alternative Versionen einwirft.

Das wäre schön und gut, funktioniert aber aus einem Grund nur bedingt. Zu offenkundig sind seine Sympathien für die Ashleys. Gegenspieler Sheriff Bobby Baker ist der eigentlich verkommene Charakter, dem Blake aber zu wenig literarischen Spielraum gewährt. Er bleibt im Vergleich zu dem überlebensgroßen John Ashley eindimensional. Die erbitterte Fehde der beiden Männer wird so nur bedingt spürbar.

Auch das Gangsterleben liest sich mitunter etwas klischeehaft. John Ashley frönt einem sexuell ausschweifenden Lebensstil. Hemmungslos gibt er sich abwechselnd (teilweise auch gleichzeitig) einer blinden Hure und seiner Komplizin, Laura Upthegrove, der „Queen of the Everglades“, hin. Beim Liebesspiel ist er so laut, dass er sich in die Sümpfe zurückziehen muss, um seine Familie nicht zu belästigen.

Blake hätte noch mehr erreichen können. Sein Buch ist zeitweise zu chronikal und fädelt blutige Schlägereien und Überfälle aller Art nacheinander auf. Das hat mich stark an Don Winslows “Das Kartell” und Paolo Roversis Mailand-Krimis “Milano Criminale” und  “Schwarze Sonne über Mailand” erinnert.

Was Blake aber wunderbar gelingt, sind die kleinen historischen Szenen, die den Alltag von damals vermitteln. Das zeigt sich etwa, wenn Blake über die Straßendecke von Miami schreibt, die aus pulverisiertem Kalkstein bestand, „der im Sommer so stark reflektierte, dass man zu erblinden fürchtete“. Also belegte man die Straßen mit Holzblöcken. Doch als dann der Regen kam, begannen diese aufzuquellen, „und als es dann weiterregnete, sprangen die Blöcke – peng! peng! peng! – aus der Straßendecke hoch, dass es knallte wie Pistolenschüsse […], zischten in alle möglichen Richtungen, prallten von Fassaden ab, schlugen Fenster ein“.

Diese falschen Pistolenschüsse hallen mehr nach als die echten in Blakes Roman.

7 von 10 Punkten

James Carlos Blake: “Red Grass River”, übersetzt von Stefan Lux, liebeskind, 528 Seiten.

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Jon McGregor: Speicher 13

(c) liebeskind

Ein Mädchen verschwindet. Jon McGregor, der mit seinem Buch für den Booker Prize nominiert war, hat daraus keinen Thriller gemacht, der sich bloß um die Lösung des Falles dreht. Ganz im Gegenteil, “Speicher 13” ist definitiv kein Kriminalroman.

Vielmehr liest sich sein Buch als außergewöhnliches Porträt einer Dorfgemeinschaft, die nach dem öffentlichkeitswirksamen Ausnahmezustand weitermachen muss. Unaufgeregt erzählt er über den Zeitraum vieler Jahre davon, wie Normalität zurückkehrt. Es ist eine virtuos komponierte Chronologie des Vergessens.

Der Autor macht es einem aber nicht ganz einfach. Man muss sich auf McGregors Stil einlassen, denn extrem viel literarisches Personal erschwert den Überblick. Wer war das noch einmal? Und wie steht der mit XY in Beziehung? Ich habe mehr als einmal zurückgeblättert, teilweise habe ich es dann auch aufgegeben.

Dennoch war Alltag selten so fesselnd. Langsam, aber nicht langatmig. Früher hätte ich ein Buch wie dieses wohl zur Seite gelegt. Doch ich muss sagen, ich lerne derart entschleunigte Romane immer mehr zu schätzen. Vielleicht liegt das an unserer schnelllebigen Zeit – oder dem zunehmenden Alter 😉

7 von 10 Punkten

Jon McGregor: “Speicher 13″, übersetzt von Caroline Burger, Liebeskind Verlag, 352 Seiten.

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Horst Eckert: Der Preis des Todes

(c) Wunderlich

Zuletzt hat Horst Eckert drei Bände rund um den Ermittler Vincent Veih geschrieben. Davon habe ich “Schwarzlicht” (Teil 1) und den NSU-Krimi “Wolfsspinne” (Teil 3) gelesen. Während mich das Debüt nicht so ganz überzeugt hatte, gefiel mir der dritte Teil ausgesprochen gut. Genauso wie vor einigen Jahren sein außergewöhnlicher Finanzkrise-Thriller “Schwarzer Schwan”.

Nun hat der Krimiautor wieder einmal ein Stand Alone (oder wird mehr daraus?) geschrieben. Im Zentrum seiner Geschichte steht diesmal die TV-Journalistin Sarah Wolf. Als ihr Freund, der Staatssekretär, ermordet wird, will sie selbst den Tätern und der Wahrheit auf die Spur kommen. Eine Spur führt dabei in ein Flüchtlingslager nach Afrika. Natürlich ist das nicht ungefährlich.

Horst Eckert versteht es perfekt, handfeste Charaktere mit einer spannenden, realistischen Handlung zu verknüpfen. Ein gewisser politischer Hintergrund darf auch nie fehlen. So konstant und solide wie Eckert macht das eigentlich im deutschsprachigen Raum kein zweiter Krimiautor. Da kann man fast blind zugreifen: Denn Unterhaltung ist garantiert, aber nie seicht.

7 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Der Preis des Todes”, 416 Seiten, Wunderlich.

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Zoë Beck: Die Lieferantin

(c) Suhrkamp

Zoë Beck führte im August mit “Die Lieferantin” die Krimi-Bestenliste an. Ich bin froh, diese Autorin nun endlich beim Lesen kennengelernt zu haben. Ein wenig habe ich mich an Tom Hillenbrands hervorragenden Tech-Noir-Thriller “Drohnenland” erinnert gefühlt, obwohl dieses Buch noch wesentlich utopischer wirkt als das nun vorliegende.

Drogenlieferungen per Drohnen? Nach der Bestellung per App? Das ist nicht allzu weit weg von der Realität. Zudem entführt Beck in ein fremdenfeindliches Großbritannien nach dem Brexit. Erneut steht die Gesellschaft vor einer Spaltung: Wie wird das Votum über den Druxit, also ein komplettes Drogenverbot, ausgehen?

Zoë Beck ist eine geübte, tolle Erzählerin. Sie versteht es, den Leser schnell in ihre Geschichte zu ziehen. Ihre mehrdimensionalen Charaktere sind fein gezeichnet. Sie schreibt gekonnt über gesellschaftliche Probleme, ohne moralisch zu werden. Ist es etwa möglich, aus moralischen Gründen mit Drogen zu handeln? Über diese Frage hatte ich bis zur Lektüre dieses Buches noch nicht nachgedacht. Beck überlässt es aber dem Leser, sich sein eigenes Urteil zu bilden.

Bloß im letzten Drittel, bei der Auflösung, lässt das Buch ein wenig nach. Die Verhaltensweise von Declan, dem Sohn des mächtigen Unterwelt-Bosses, gegen Ende hin war für mich nicht ganz nachvollziehbar. Ohne hier mehr zu verraten: Würde er tatsächlich derartig drastische Folgen fast gleichgültig in Kauf nehmen? Die Wandlung, die er vollzieht, ist für mich nicht so richtig glaubwürdig. Das passt für mich mit dem Declan, den man zu Beginn des Buches kennenlernt, nicht hundertprozentig zusammen.

Alles in allem ist “Die Lieferantin” aber ein gelungenes Stück Kriminalliteratur. Auch weil die Geschichte nicht in einem luftleeren Raum spielt, sondern sich mit der Gesellschaft auseinandersetzt, in die sie eingebettet ist.

7 von 10 Punkten

Zoë Beck: “Die Lieferantin”, Suhrkamp, 325 Seiten.

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Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis

(c) carl’s books

Zum Abschluss meines kleinen Frankreich-Schwerpunkts empfehle ich hier einen feinen Krimi für zwischendurch. Nicht zu schwer, aber auch nicht anspruchslos. Autorin Sophie Hénaff erzählt mit “Kommando Abstellgleis” eine amüsante und charmante Kriminalgeschichte, die von ihren liebevoll gezeichneten Figuren lebt.

Es ist eine Brigade von Verlierern, die Polizistin Anne Capestan um sich schart – Alkoholiker, Unfähige und Querulanten. Mit anderen Worten: Polizisten auf dem Abstellgleis. Doch Capestan, die nach einem Fehler suspendiert wurde und nun ihre zweite Chance erhält, steckt den Kopf nicht in den Sand. Sie beginnt mit ihrem wenig verheißungsvollen Team in alten Fällen zu ermitteln.

Und irgendwann stellt sich heraus, dass diese Verlierer-Brigade, gar nicht so zufällig entstanden ist, wie es den Anschein hat. Hier will ich gar nicht mehr verraten, denn Hénaff hat ein wirklich feines Buch geschrieben, das mit überzeugenden Wendungen aufwartet. Sie hält dabei erstaunlich gut die Balance. Ihr Buch ist humorvoll und heiter, ohne in billigen Klamauk abzurutschen. Der Plot ist gut durchdacht, aber das Buch lebt vor allem von dem originellen Personal und dessen Zusammenspiel.

7 von 10 Punkten

Sophie Hénaff: “Kommando Abstellgleis”, übersetzt von Katrin Segerer, 349 Seiten, carl’s books.

 

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Louise Mey: Das Spiel mit der Angst

(c) Suhrkamp

Die französische Autorin Louise Mey dreht den Spieß um: Nicht Frauen werden Opfer brutaler Vergewaltigungen, sondern Männer. Teilweise waren die Opfer selbst Täter – sie schweigen aus Scham.

Ermittlerin Alex Dueso und ihr Partner Marco stehen vor einem Fall, der fast unlösbar scheint. Noch dazu mischt sich der Polizeipräfekt ein, und ein unliebsamer Journalist erschwert die Arbeit ebenfalls. Der frustrierende Alltag der Polizisten steht lange im Vordergrund der Geschichte. Das liest sich sehr gut.

Das liegt zu einem großen Teil auch an Hauptfigur Alex, geschieden und Mutter einer Tochter. Mey zeichnet sie sehr menschlich, mit all ihren privaten Problemen – auch ihr Sexleben ist ungewöhnlich. Die Sozialkritik ist fein dosiert, nicht plakativ und anklagend.

Sehr fein also alles. Doch irgendwann stand die Autorin dann offenbar vor dem Problem, eine Lösung für das Rätsel zu finden. Da muss den im Dunkeln tappenden Ermittlern erst eine nerdige Computer-Expertin zur Seite gestellt werden, damit endlich die – leider etwas absehbare – Wende eingeleitet werden kann. Dass Alex, grundsätzlich eine Facebook-Verweigerin, sich aus Recherchezwecken selbst plötzlich nur mehr in Chatrooms wiederfindet und dort dann nicht unwichtige Kontakte knüpft, die den Fall lösbar machen, liest sich auch nicht ganz glaubwürdig.

Dennoch ein überzeugendes Debüt. Man muss ja nicht mit dem ersten Buch das ganze Pulver verschießen, da ist definitiv noch Luft nach oben.

7 von 10 Punkten

Louise Mey: “Das Spiel mit der Angst”, übersetzt von Thomas Brovot, 430 Seiten, Suhrkamp.

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