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Matthew F. Jones: Ein einziger Schuss

(c) Polar

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“Ein einziger Schuss” reicht aus, um das Leben von John Moon endgültig aus der Bahn zu werfen.

Moon hat bereits Farm und dadurch auch Familie verloren. Er schlägt sich als Wilderer durch, um über die Runden zu kommen. Eines Tages tötet er dabei eine junge Frau. Eigentlich ist es ein Unfall, doch Moon beschließt, die Tat zu verschweigen. Als er dann auch noch eine Menge Geld findet und dieses behält, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Moon wird noch viele Fehlentscheidungen treffen, die ihn direkt auf den Abgrund zutreiben. Matthew F. Jones porträtiert Moon als in seiner Sichtweise sehr beschränkten Kerl, der eigentlich nichts Böses will, aber einfach nicht aus seiner Haut heraus kann und zielstrebig seine ohnehin wenig aussichtsreiche Situation weiter verschlechtert. Der Autor stellt Moon dabei nicht bloß, sondern macht verständlich, warum Dinge manchmal einfach nur schiefgehen. Das hat mich stark an Daniel Woodrells “Tomatenrot” erinnert.

Das Buch kann man wohl als Country Noir einstufen. Von Beginn an weiß man, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann. Dem Polar-Verlag ist es hoch anzurechnen, diesen Kriminalroman publiziert zu haben, der sonst bestimmt in Vergessenheit geraten würde. “A Single Shot” hat es 2013 übrigens auch zu Filmehren gebracht:

7 von 10 Punkten

Matthew F. Jones: “Ein einziger Schuss”, übersetzt von Robert Brack, 267 Seiten, Polar Verlag.

 

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J. Jefferson Farjeon: Geheimnis in Weiß

(c) Klett Cotta

(c) Klett Cotta

Jeder regelmäßige Leser dieses Blogs weiß, dass ich nicht viel von “Whodunits” halte. Mir ist das generell einfach zu harmlos, zu nett, zu gemütlich. Das finde ich auch nach Lektüre des fast 80 Jahre alten Krimimärchens “Geheimnis in Weiß” noch, dennoch habe ich mich ein wenig in dieses Buch verliebt. Es mag daran liegen, dass Weihnachten ist 😉

Auch die Menschen in dem 1937 erstmals erschienenen Kriminalroman von J. Jefferson Farjeon träumen von Weißen Weihnachten. Doch wie es nun einmal ist, hält sich die Natur nicht an Träume, sondern an ihre eigene Gesetze:

“Der Schnee wuchs über die Grenzen des Lokalinteresses hinaus. Am 23. war er eine Nachricht. Am 24. war er ein Ärgernis.”

Als dann gegen Mittag ein Zug im ländlichen England steckenbleibt, beschließt ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Reisenden, dem Wetter ein Schnippchen zu schlagen und macht sich auf die Suche nach einer anderen Zugstrecke, die alle Beteiligten doch noch pünktlich zum Zielort bringen soll. Stattdessen geraten die Reisenden erst so richtig in ein wüstes Schneetreiben, woraufhin sie in einem verlassenen Haus Zuflucht suchen. Seltsamerweise ist dieses beheizt, im Teekessel in der Küche kocht Wasser. “Das Einzige, was fehlte, um den Empfang zu vervollkommnen, war ihr Gastgeber.” Was also tun? Trotz Gewissensbissen einigt man sich darauf, zu bleiben, schließlich befindet man sich in einer Notlage. Dem nicht anwesenden Besitzer will man Geld zurücklassen – für all den aufgegessenen Proviant und die benutzten Handtücher und Bettlaken.

Das könnte behaglich und romantisch sein, doch dem Haus haftet etwas Unheimliches, Gruseliges an. Anstatt des Gastgebers begrüßt sie ein großes Bild an der Wand über dem Kamin: “Es war ein Ölgemälde in einem schweren Goldrahmen von einem aufrechten alten Mann, dessen Augen sie mit einem herausfordernden, zynischen Leuchten betrachtete.”

Schon bald müssen der alte Mr. Maltby von der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft, der fiebrige Buchhalter Thomson, das Geschwisterpaar Carrington, der Nörgler Mr. Hopkins und die Revuetänzerin Jessie erkennen, dass das Fest anders verlaufen wird, als sie sich das vorgestellt haben – besonders, als plötzlich ein mysteriöser Mr. Smith (wie könnte er auch anders heißen!) auftaucht. Wunderbar, oder?

“Geheimnis in Weiß” ist drei Jahre nach Agatha Christies Klassiker “Mord im Orient-Express” erschienen und liegt nun auch erstmals auf Deutsch vor. Es ist eine wohltuende Reise zurück in die goldene Ära des Whodunit, die vor allem von britischen Autorinnen wie Christie und Dorothy L. Sayers geprägt wurde. In dieser Welt galt das Verbrechen noch als aufregende Ausnahme, dessen Lösung möglichst rätselhaft zu erfolgen hatte. Es war die Zeit, bevor Raymond Chandler und Dashiell Hammett mit ihren illusionslosen Hardboiled-Kriminalromanen den Realismus in das Genre brachten und Verbrechen als etwas fast schon Alltägliches präsentierten.

Farjeon erzählt auf amüsante und charmante Weise eine zeitlose Geschichte, die man fast als Wintermärchen bezeichnen könnte, gäbe es da nicht auch Tote. Perfekt eigentlich: Ein Wohlfühlkrimi für Weihnachten!

7 von 10 Punkten

J. Jefferson Farjeon: “Geheimnis in Weiß”, übersetzt von Eike Schönfeld, Klett Cotta, 282 Seiten.

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Benjamin Whitmer: Nach mir die Nacht

(c) Polar Verlag

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Benjamin Whitmers Country Noir “Nach mir die Nacht” erzählt vor allem zwei Vater-Sohn-Geschichten. Aber nicht nur. Er erzählt auch von zwei aus der Bahn geworfenen Existenzen, von denen zumindest eine versucht, die Kurve wieder zu kriegen. Hauptfigur Patterson Wells, der einen Sohn verloren hat, und der gescheiterte Junior, der unter seinem Vater leidet, sollten sich von einander fernhalten. Sie tun sich nicht gut. Immer wenn sie zusammen unterwegs sind, kommt es zu Drogenexzessen oder blutigen Auseinandersetzungen oder sonstigen gefährlichen Ereignissen. Eigentlich hassen sie sich, dennoch werden sie vom jeweils anderen fast magnetisch angezogen.

Was Patterson und Junior tun, kann man bestenfalls als idiotisch bezeichnen. Sie haben ihre Leben nicht im Griff. Dennoch gelingt es Whitmer, den beiden auch liebenswerte Seite abzugewinnen. Sie scheinen genau um ihre Außenseiter-Stellung in der Gesellschaft zu wissen. Auch wissen sie, dass sie den Menschen, die sie lieben, nicht gut tun. Weil sie eben immer wieder Scheiße bauen, immer wieder das Falsche machen. Dennoch lassen sie billige Ausreden für ihr Handeln nicht gelten.

“Harte Kindheiten sind keine Mysterien, sondern Grundelemente des Lebens. Die Alltagshölle, die so gut wie jeder erlebt hat. Schlimm genug, wenn es dir so ergangen ist, aber noch erbärmlicher, wenn du dich später davon kaputt machen lässt, wenn du’s längst hinter dir hast.”

Darüber hinaus erzählt Whitmer immer wieder von einem verfallenden Amerika, einem von innen heraus verrottenden Land: “Im Landesinneren reiht sich ein Trümmerhaufen an den nächsten, so weit das Auge reicht. Zwischen Orkanschäden und dem Zerfall, den man im mittleren Westen heutzutage in jeder beliebigen Stadt vorfindet, besteht kein wesentlicher Unterschied mehr.” Es ist kein schönes Amerika, das er da beschreibt.

Der Polar-Verlag hat mit Whitmer wieder einmal eine neue, interessante Stimme entdeckt. Bleibt zu hoffen, dass von diesem Autor noch mehr nachkommt.

7 von 10 Punkten

Benjamin Whitmer: “Nach mir die Nacht”, übersetzt von Len Wanner, 274 Seiten, Polar Verlag.

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Philip Kerr: Die Hand Gottes

(c) Tropen

(c) Tropen

Philip Kerrs Besuch im Vorjahr bei der Kriminacht in Wien war für mich ein Highlight. Dort las er aus seinem ersten Fußball-Krimi “Der Wintertransfer”. Kerr ist es mit seinen Büchern jedenfalls gelungen, meine deutlich erkaltete Liebe zum Fußball wieder zu erwecken.

Ich will hier jetzt nicht groß über die Kommerzialisierung usw. schreiben, aber das macht es manchmal echt schwer, sich für diesen Sport noch zu interessieren. Und auch Kerr setzt sich in seinen Büchern damit kritisch auseinander, versteht es aber gleichzeitig perfekt zu unterhalten.

“Die Hand Gottes” macht nun genauso Spaß wie der Vorgänger. Wieder muss Trainer Scott Manson ermitteln, diesmal im von der Krise gebeutelten Griechenland. Mit bitterbösem Humor nimmt der Autor, eigentlich bekannt für seine historischen Kriminalromane, die viel zu ernste Fußballwelt ins Visier.

Der Arsenal-Fan Kerr unterhält jedenfalls besser als die meisten Matches und man lernt ganz nebenbei auch viel über die lokalen Rivalitäten griechischer Fußballvereine. Die gute Nachricht: Ende Oktober kommt bereits Teil drei, “Die falsche Neun”, auf den Markt.

7 von 10 Punkten

Philip Kerr: “Die Hand Gottes”, übersetzt von Hannes Meyer, Tropen-Verlag, 397 Seiten.

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Simone Buchholz: Blaue Nacht

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

“Blaue Nacht” ist bereits der sechste Krimi der deutschen Autorin Simone Buchholz, der sich um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley dreht. Für mich war es allerdings die erste Begegnung mit Autorin und Hauptfigur. Bemerkenswert ist nicht nur der außergewöhnliche Name der Heldin, der auch immer wieder thematisiert wird, sondern vor allem deren eigensinnige, unbequeme und auch nicht immer ganz nachvollziehbare Art. Ich mag das, das hat etwas wunderbar Unangepasstes.

Dass dann ausgerechnet ein schweigsamer Österreicher eine wichtige Rolle spielt, passt perfekt in diese stimmungsvolle, stark vom Lokalkolorit lebende Krimi-Melange. Das Buch stand zwei Mal in Folge auf Platz eins der KrimiZeit-Bestenliste. Das war mir persönlich zwar zu hoch, dennoch hat das Buch viel Spaß gemacht.

7 von 10 Punkten

Simone Buchholz: “Blaue Nacht”, Suhrkamp Nova, 238 Seiten, 15,50 Euro.

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Ken Bruen: Füchsin

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

Mit “Kaliber ist es Ken Bruen gelungen, mich von der ersten Seite Weg auf seine Seite zu ziehen. Diese abgefahrene Hommage an Jim Thompsons Krimiklassiker “Der Mörder in mir” war so komplett anders als alles, was auf dem Markt mit dem Label Krimi versehen wird. Anarchisch, bitterböse, schwarzhumorig, skurril und einfach nur genial. “Füchsin” ist da sehr ähnlich gestrickt, bloß fällt diesmal dieser absolute Whow-Moment des Neuen weg. Dennoch macht Bruen auch diesmal wieder auf knapp 200 Seiten immens Spaß.

Die Polizei, dein Freund und Helfer? Mit seinen Büchern um Detective Sergeant Tom Brant und Chief Inspector James Roberts zertrümmert der irische Autor dieses Weltbild genüsslich Stück für Stück. Strahlende Ritter in Uniform sucht man vergebens. Das Prinzip von Recht und Ordnung sowie das Ideal einer kompetenten, rechtschaffenen Polizeibehörde sind Bruen fremd. Seine Polizisten sind frauen-, fremden- und schwulenfeindlich, denken vordergründig egoistisch und sind alles andere als Vorbilder. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Polizisten sind auch nur Schurken, bloß in Uniform.

Bruen stellt somit die Antithese zu den Romanen des Erfinders des gepflegten Polizeiromans, des Amerikaners Ed McBain, dar. Dieser schrieb von den 1950er-Jahren bis zu seinem Tod 2005 über fünfzig Kriminalromane über das 87. Polizeirevier in New York.

Das Beeindruckendste: Der Autor scheint sein Genre in- und auswendig zu kennen. Das drückt sich auch in einem intensiven Spiel mit Zitaten aus. Dabei sind diese nicht bloß Aufputz. Er verwebt sie in seine Handlungen, stellt sie wie Wegweiser seinen Kapiteln voran. “Warum erwartest du von deiner Polizei, dass sie weniger verrückt sei als du?”, zitiert er in “Füchsin” den US-Kriminalschriftsteller Jerome Charyn, der damit Bruens Werk eigentlich perfekt zusammenfasst.

Was noch interessant ist: “Kaliber” war der sechste Teil der im Original siebenteiligen Serie rund um die wenig vertrauenerweckende Southeast London Police Squad. Nun gibt es mit „Füchsin“ den fünften Teil, und es bleibt zu hoffen, dass die Serie im Polar-Verlag vollständig auf Deutsch erscheinen wird (Der vierte Teil, „Blitz“, kam mit Action-Star Jason Statham in der Hauptrolle sogar zu Kinoehren).

7 von 10 Punkten

Ken Bruen: “Füchsin”, übersetzt von Karen Witthuhn, 179 Seiten, Polar Verlag.

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Max Annas: Die Mauer

(c) rororo

(c) rororo

Mit seinem Krimidebüt “Die Farm”, das ich leider verpasst habe, hat der deutsche Autor Max Annas im Vorjahr für eine der großen Überraschungen gesorgt. Das Besondere daran: Sein Roman spielte, wie nun auch “Die Mauer”, in Südafrika. Der Autor hat auch einige Zeit in Südafrika gelebt, weiß also, wovon er spricht.

Nach nur zwei Thrillern hat sich Annas jedenfalls mitten in der deutschsprachigen Krimiszene etabliert. Das ist angesichts seiner beiden dünnen, nur jeweils rund 200 Seiten umfassenden Bücher beachtlich, sagt aber viel über seinen Stil aus: Der Handlungsbogen bei “Die Mauer” umfasst gerade einmal drei Stunden. Annas steigt direkt in die Geschichte ein, erzählt ohne Firlefanz und hält das Tempo bis zum Schluss – Sozialkritik inklusive. Und ich habe es hier schön öfter betont: Ich entwickle gerade ein Faible für kurz gehaltene, schnörkellose und prägnante Krimis.

“Die Mauer” führt die aktuelle KrimiZeit-Bestenliste an. Das Buch heimst eine Lobeshymne nach der anderen ein. Anne Kuhlmeyer lobt das Buch im “culturmag”: “Wie schon in seinem preisgekrönten Debüt ‘Die Farm’, dampft der Autor Rassismus, Bosheit, Gier und Gewalt auf wenige Augenblicke in begrenztem Raum ein. Gehetzt und getrieben kann man sich den Wendungen, die oft genug an der Mauer aufprallen, nicht entziehen, und bleibt ohne Aussicht auf Rettung und Befreiung durch einen göttlich geführten Exodus.” Auch Elmar Krekeler schwärmt in seiner “Welt”-Kolumne: “‘Die Mauer’ ist der schlackenloseste Thriller, der zur Zeit zu haben ist. Schnell, hart und gefährlich. Ein Gepard in Buchform.”

Stimmt. Dennoch hat mir irgendetwas gefehlt, um mich restlos zu begeistern. Der Krimi ist flüssig erzählt, immer spannend und auch fein gezeichnete Charaktere. Aber ein wenig hatte ich das Gefühl, nicht wirklich tiefer einzutauchen, nur an der Oberfläche zu bleiben. Die scheinbar sinnlose Explosion von Gewalt gegen Ende der Geschichte mag für Südafrika typisch sein, war für mich aber in dieser Intensität nicht ganz nachvollziehbar. Dramaturgisch ist diese Schlüsselszene aber fein gelöst.

Mir wurde da ein wenig zu viel hineingepackt, hinter diese Mauern dieser Gated Community. Das, was Krekeler ausdrücklich lobt – “Man kann zwei Regalmeter Literatur über Südafrika lesen. Oder zwei Romane von Max Annas. Der Erkenntniseffekt ist ungefähr derselbe. Letzteres geht schneller. Und macht deutlich mehr Spaß” – war mir einfach ein bisschen zu viel. Aber egal, Annas bereichert die deutschsprachige Krimilandschaft auf jeden Fall. Ich bin schon sehr gespannt auf seinen nächsten Krimi.

7 von 10 Punkten

Max Annas: “Die Mauer”, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 223 Seiten, 12,40 Euro

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