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Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

(c) Ariadne

Vor zwei Jahren hat die österreichische Autorin Gudrun Lerchbaum mit ihrem dystopischen Krimidebüt “Lügenland” für Aufsehen gesorgt. Sie porträtierte Österreich darin als einen Überwachungsstaat in der nahen Zukunft. Das kam mir damals nicht ganz nachvollziehbar, weil übertrieben, vor. Auch in ihrem neuen Buch “Wo Rauch ist” spitzt sich die Lage angesichts eines Rechtsrucks im Land zu. Ich muss zugeben, dass ich mir beim Lesen gedacht habe, dass Lerchbaums Buch dieses politische Setting eigentlich gar nicht benötigt. Doch dann habe ich auf dem Blog der Autorin einen Beitrag gefunden, der mich sehr nachdenklich macht.

Sie schreibt darin über einen ängstlichen Rezensenten eines österreichischen Mediums. Dieser sähe “ob der allzu regierungskritischen Haltung des Buches unter den derzeitigen Umständen keine Chance das (in der Redaktionskonferenz?) durchzubringen”. Um sich nicht “in die Nesseln zu setzen”, verzichte er also auf die Rezension. Feedback wollte er aber doch geben: “Wunderbare Charakterzeichnung, sensibles Eintauchen in die Gefühlswelt einer chronisch Kranken. (…) Hätte das Drama ohne Seitenhiebe auf die aktuelle Politik nicht womöglich sogar zeitlosere Kraft erlangt?”

Wow. Das hat es in sich. Das sagt dann doch einiges über das veränderte Klima in diesem Land aus. Wenn sich Rezensenten eines Kriminalromans fürchten müssen und daher vorauseilend auf eine Besprechung verzichten… Vielleicht bin ich naiver, als ich dachte.

Es wäre ein Fehler, dieses Buch nicht vielen Lesern zu empfehlen. Jeder soll sich selbst ein Bild machen, das ist wohl jedem zumutbar. Und ja, man muss die Sichtweise der Autorin nicht teilen. Wenn man über diese Dinge aber nicht mehr schreiben kann, dann muss man es wirklich mit der Angst zu tun bekommen.

Ganz unabhängig von der politischen Komponente überzeugt dieses Buch – und das kommt leider zu kurz – durch seine literarische Qualität: Lerchbaum hat einprägsame, sehr echte Figuren erschaffen: Die an Multipler Sklerose erkrankte, aber niemals bemitleidenswerte Olga ermittelt mit einem Begräbnisredner und einer verurteilten Mörderin im Todesfall ihres Exmannes, eines türkischstämmigen Journalisten. Das kann schon was, da beugt sich die Autorin keinem Mainstream. Sie biedert sich dem Leser nicht an. Manchmal ist das auch sperrig – wie angenehm in diesem großteils glattgebügelten Krimi-Einheitsbrei.

Ariadne-Herausgeberin Else Laudan formuliert das so: “So ist dieser Roman nicht nur ein lebhafter, charmanter Wiener Krimi um Politik, Dünkel und Vorurteil, sondern auch ein Mosaikstein im Ringen um Erzählhoheit und um ein plurales, vielfältiges, inklusives Welt- und Menschenbild in unserer Kultur. Mehr davon!”

7 von 10 Punkten

Gudrun Lerchbaum: “Wo Rauch ist”, Ariadne Verlag, 285 Seiten.

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Patrícia Melo: Der Nachbar

(c) Tropen Verlag

Warum aus dem Gebot “Liebe deinen Nächsten” im Alten Testament ein “Liebe deine Feinde” im Neuen Testament wurde? Die brasilianische Krimiautorin Patrícia Melo (für “Leichendieb” erhielt sie 2014 den Deutschen Krimipreis) gibt darauf in ihrem Buch “Der Nachbar” eine klare Antwort: “Weil seit biblischen Zeiten der Nächste, der Nachbar gleichbedeutend ist mit dem Feind.”

Damit ist eigentlich auch schon gesagt, worum es sich in dem 159 Seiten dünnen Buch handelt. Die Handlungen der Hauptfigur, eines Lehrers, der sich von seinem Nachbarn gestört fühlt und daher zu drastischen Maßnahmen greift, sind nicht immer ganz nachvollziehbar. Gerade das macht das Buch aber auch so verstörend. Man sollte wirklich bedenken, wie man mit Nachbarn umgeht. Man weiß schließlich nie, welch Monster da in dem Kerl/der Frau neben dir schlummert.

Die Autorin ist sicher nicht jedermanns Sache. Denn dieser Hauptfigur, die viele unsympathische und gruselige Seiten hat, kann man nicht wirklich trauen. Was ist der Erzähler: Ein Gequälter oder einfach nur ein Durchgeknallter?

Ein störender Nachbar, eine verstörende Hauptfigur – so könnte man es ganz gut zusammenfassen.

7 von 10 Punkten

Patrícia Melo: “Der Nachbar”, übersetzt von Barbara Mesquita, Tropen Verlag, 159 Seiten.

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Daniel Suarez: Bios

(c) Rororo

Stell dir vor, du bist ein Interpol-Agent, der gegen Genkriminalität ankämpft, und eines Tages erwachst du im Körper deines Feindes: Du siehst aus wie er, du hast seine DNA. Aus dieser gruseligen Idee hat Daniel Suarez einen fesselnden Zukunftsthriller gemacht, der den Leser zweifeln lässt, ob er das Jahr 2045 erleben will. Denn das Schlimmste an “Bios” ist, dass alles so furchtbar plausibel klingt. Designerbabys erscheinen als Problem vergangener Tage. Da sieht man auch großzügig über manche erzählerische Schwäche hinweg – zu faszinierend ist die Welt, die Suarez erschafft.

Und damit unterscheidet sich sein aktuelles Buch aus meiner Sicht deutlich von “Daemon” und “Darknet”, die ich vor Jahren gelesen habe. Auch diese beiden Bücher waren thematisch äußerst interessant, doch erst mit “Bios” ist es Suarez gelungen, eine passable Erzählung zu konstruieren. So war das Buch auch eine der großen positiven Überraschungen des Vorjahres für mich.

7 von 10 Punkten

Daniel Suarez: “Bios”, übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann, Rowohlt-Verlag, 541 Seiten.

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Noah Hawley: Vor dem Fall

(c) Goldmann

Noah Hawley hat mit “Vor dem Fall” den begehrten “Edgar Allan Poe Award” für den besten Kriminalroman des Jahres 2017 gewonnen. Bei dem Absturz eines Privatjets sterben alle Insassen – bis auf den Maler Scott Burroughs, der sich in einer Sinneskrise befindet, und den vierjährigen JJ. Burroughs rettet den Buben. Die Medien feiern Burroughs als Helden, doch als sich dieser verweigert, dreht sich der Spieß um: Schnell werden Fragen gestellt: Warum war er an Bord? Warum malt er Bilder von Katastrophen? Ist er auf irgendeine Weise schuldig?

Präzise beschreibt Hawley von dem Leben nach dem Absturz. Er lässt zu Beginn vieles vage, wodurch der Leser im Unklaren bleibt. Nur Stück für Stück offenbart der Autor die wahre Geschichte. Tatsächlich ist das Buch mehr Gesellschafts- als Spannungsroman. Ich persönlich hätte mir aber etwas mehr erwartet. Ich blieb irgendwie immer nur Beobachter, fühlte mich nie so ganz involviert.

Die Geschichte ist gut erzählt, aber letztlich auch sehr konventionell – mir fehlt dann doch das Besondere. Nicht, dass ich das unbedingt brauchen würde, aber von einem Kriminalroman des Jahres erwarte ich mir einfach eine Spur mehr. Das ist solide, aber nicht außergewöhnlich.

7 von 10 Punkten

Noah Hawley: “Vor dem Fall”, übersetzt von Rainer Schmidt, Goldmann, 447 Seiten.

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Stephen King: Mr. Mercedes

(c) Heyne

Es ist schon wieder länger her, dass ich Stephen King gelesen habe. Mein letzter Versuch endete nach 50 Seiten – ich sage nur: “Der Mann in schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm”. Ein perfekter erster Satz, aber danach konnte mich leider nichts mehr fesseln. Das war eine ungewohnte Erfahrung, ist King doch einer der ganz großen Erzähler der Spannungsliteratur.

Der Plot von “Mr. Mercedes” ist schnell zusammengefasst: Ein Irrer pflügt mit seinem Mercedes S 600 in eine Menschenmenge. Es gibt viele Todesopfer, doch der Täter kann unerkannt entkommen. Schließlich meldet er sich Monate nach der Tat per Brief bei einem abgehalfterten Ex-Polizisten. Dieser begibt sich auf die Jagd.

“Mr. Mercedes” wurde mit dem begehrten “Edgar Allan Poe Award” für den besten Kriminalroman des Jahres 2015 geehrt. Eine tolle Ehre für den vor allem für seine Horror-Geschichten bekannten Autor. Und tatsächlich kommt dieses Buch ganz ohne Übersinnliches aus. Nach der Lektüre kann ich diese Wahl daher durchaus nachvollziehen, obwohl mir letztlich irgendetwas gefehlt hat.

Das Buch liest sich einerseits wunderbar, denn die Charaktere der “Guten” (allen voran Ex-Cop Bill Hodges, der sich mit ein paar seltsamen Gestalten verbündet) wachsen einem ans Herz. Der Böse, der titelgebende Mr. Mercedes, ist halt ein wenig überzeichnet, aber das geht schon in Ordnung.

Fein fand ich auch, dass King viele Referenzen für Leser der Kriminalliteratur bietet. Immer wieder nimmt er Bezug auf klassische Figuren des Genres oder populäre TV-Serien und Filme. Er schreckt nicht einmal davor zurück, sich selbst zu zitieren. Das kommt aber so unaufdringlich und augenzwinkernd daher, dass es Spaß macht.

Der Showdown war mir aber einfach zu klassisch und vorhersehbar. Da hatte ich mir mehr erwartet und daher stellte sich kurz nach der Lektüre das typische Thriller-Gefühl ein: Währenddessen superfesselnd, aber dann folgt dieses seltsame Gefühl der Leere. Der Grund, warum ich klassische Pageturner, die ich früher mit Vorliebe verschlungen habe, mittlerweile eher selten lese.

7 von 10 Punkten

Stephen King: “Mr. Mercedes”, übersetzt von Bernhard Kleinschmidt, Heyne, 591 Seiten.

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Jane Harper: Ins Dunkel

(c) Rowohlt Polaris

Das zweite Buch ist immer das Schwerste, heißt es. Der Australierin Jane Harper ist nach ihrem vielbeachteten und prämierten Debüt “The Dry” (Achtung: als Taschenbuch nun “Hitze”) auch mit “Ins Dunkel” ein solider Thriller gelungen. Diese Hürde hat sie also souverän genommen.

Sehr leichtfüßig kommt ihr Buch daher, in dem fünf Frauen eine Tour im australischen Buschland unternehmen, aber nur vier zurückkehren. Was ist also passiert mit Alice Russell, die vermisst wird? Das ist die Frage, um die sich alles in ihrem Buch dreht. Wieder ist Aaron Falk an Bord, der auch schon im Vorgänger ermittelte.

Gekonnt wechselt die Autorin zwischen zwei Perspektiven – jener der Ermittler, die sich damit konfrontiert sehen, dass Alice vermisst wird – und andererseits immer wieder rückblickend aus jener der im Busch ums Überleben kämpfenden Frauen, die in diesem Erzählstrang noch zu fünft unterwegs sind. Manchmal wirkt das ein wenig bremsend, grundsätzlich liest sich das aber sehr gut. Die Charaktere funktionieren, sie wirken nicht konstruiert. Auch die Handlung ist dementsprechend. Nicht gefinkelt, nicht der ganz große Wurf. Aber im Gegensatz zu vielen anderen gehypten Thrillern durchgängig schlüssig und überzeugend.

7 von 10 Punkten

Jane Harper: “Ins Dunkel”, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, 416 Seiten, Rowohlt Polaris.

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Alex Beer: Die rote Frau

(c) Limes Verlag

Alex Beer hat mit “Der zweite Reiter” einen der besten Kriminalromane abgeliefert, die ich im Vorjahr gelesen habe. Ihr Polizeiagent August Emmerich ist bei mir haften geblieben. Groß war daher die Freude, so schnell einen zweiten Teil lesen zu können.

“Die rote Frau” ist sehr penibel recherchiert. Das merkt man auf jeder Seite. Das verkommene und arme Wien aus dem Jahr 1920 wird lebendig, angreifbar. Emmerich, mittlerweile wohnhaft im Männerheim in der Meldemannstraße (ja, hier wohnte auch Adolf Hitler), muss sich diesmal im wahrsten Sinn des Wortes durch die Wiener Unterwelt boxen – und das auf durchaus amüsante Weise. Ein Stadtrat wurde ermordet und ein Täter allzu leicht gefunden. Emmerich, der sich beruflich auf einem Abstellgleis befindet, hat aber seine Zweifel.

Überhaupt: Dieses Ermittler-Gespann aus Emmerich und seinem Assistenten Ferdinand Winter wächst einem zunehmend ans Herz. Von den beiden will man einfach mehr lesen.

Fasziniert hat mich, wie gekonnt die gebürtige Vorarlbergerin den Wiener Schmäh und vor allem den Wiener Grant zu Leben erweckt. Viele alte, fast schon ausgestorbene Ausdrücke tauchen da auf. Wie angenehm. Das liest sich authentisch, obwohl es manchmal fast eine Spur zu viel wird. Wie das Nicht-Wiener empfinden, würde mich auch interessieren: Ist das reizvoll oder steigt man da irgendwann einfach aus?

Wenn sich die “Wertlosen” aus der Meldemannstraße gegen die “Wohltäter” der Gesellschaft verbünden, ist das natürlich sympathisch. Aber das Ende des Buches war für mich dann doch ein wenig zu konstruiert und die Gut-und-Böse-Rollen letztlich zu klar verteilt. Da hätte ich es gern eine Spur abgründiger. Dennoch bin ich schon sehr gespannt auf den dritten Teil, der in den nächsten Monaten erscheinen soll.

7 von 10 Punkten

Alex Beer: “Die rote Frau”, 416 Seiten, Limes Verlag.

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