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Gudrun Lerchbaum: Lügenland

(c) Pendragon

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Bevor ich hier auf Gudrun Lerchbaums Debüt “Lügenland” eingehe, will ich einmal ein wenig ausholen, um zu erklären, warum ich über Kriminalromane schreibe. Es ist ganz einfach meine Lieblingsliteratur. Sie ist im Idealfall spannend, unterhaltsam, sozialkritisch, literarisch und auch anspruchsvoll zugleich. Zumindest suche ich “meine” Krimis nach diesen Kriterien aus. Banale Serienmörder-Thriller und voyeuristisch zur Schau gestellte Metzeleien sowie Foltereien interessieren mich genauso wenig wie Mörder, die Rätsel hinterlassen.

Mein Anspruch ist es, auf Kriminalliteratur dieser Art – wobei jeder lesen soll, was immer er lesen will – im unübersichtlichen Publikationsdschungel hinzuweisen. Ich versuche dabei immer dem Autor gegenüber fair und ausgewogen zu sein. Denn man vergisst allzu leicht, dass da jemand über Monate oder Jahre mit viel Herzblut und Liebe ein eigenständiges Werk verfasst hat, das dann noch dazu verlegt wurde. Allein diese Hürde zu nehmen, spricht schon für eine gewisse Qualität, wenn es nicht gerade darum geht, irgendeine B- oder C-prominente Person zu vermarkten.

Das ist bei dem dystopischen Polit-Thriller “Lügenland” von Gudrun Lerchbaum in keinster Weise der Fall. Die Autorin porträtiert ein von Rechtspopulisten regiertes Österreich der nahen Zukunft. In meiner Rezension in der “Presse” vor ziemlich genau einem Jahr habe ich geschrieben, dass Lerchbaum eine fesselnde Geschichte erzählt. Hauptfigur Mattea möge zwar gewöhnungsbedürftig sein, dafür umso lebensechter. Hin- und hergerissen zwischen den Welten der regimetreuen „Aufrechten“ und den Widerstand leistenden „Wertlosen“ versuche sie, einfach nur das Richtige zu tun. Denn durch eine Verwechslung wird ausgerechnet aus dieser gesuchten Mörderin, die bis vor Kurzem als Soldatin der Miliz diente, eine Ikone des Widerstands – in einem Österreich, das einem Überwachungsstaat gleicht. Lerchbaum schaffe es dabei, nicht in simple Gut-gegen-Böse- bzw. Rechts-gegen-links-Schemata zu verfallen.

Besonders gefallen hat mir der für einen Debütroman außergewöhnlich mutige Beginn: Lerchbaum lässt Mattea gleich auf den ersten Seiten eine Freundin scheinbar grundlos erschießen. Damit ist diese als Heldin wenig geeignet. Auch sonst präsentiert sich Mattea vorerst wenig sympathisch.

Doch ich habe in  meinem Text auch Kritik geübt. Das Porträt des Landes sei ambivalent geraten: “Die Parolen und Reden des rechtspopulistischen Kanzlers („Ob kunstverseucht, ob bipolar, ob süchtig oder unfruchtbar – die rechte Waffe in der Hand macht euch zum Teil der Heldenschar!“) sind für mich in einer nahen Zukunft nicht so recht vorstellbar. Auch entsteht manchmal der Eindruck, die Autorin habe sich Anleihen an der erfolgreichen „Tribute von Panem“-Trilogie genommen.”

Tja, und dann habe ich kürzlich zufällig einen Blogeintrag von Gudrun Lerchbaum entdeckt. Darin nimmt sie auf meinen Text Bezug:

“Als ich zum Frühstückstisch komme, liegt die Zeitung bereits dort und mein Mann ist recht gedrückter Stimmung. Offenbar unterschätzt er meine Frustrationstoleranz, doch ich bin bestens vorbereitet. Glücklicherweise durch eine liebe Bekannte aus der Presse-Redaktion vorab von der Rezension informiert, konnte ich mich in zwei schlafarmen Nächten gut auf den Moment einstellen. Nicht umsonst bin ich auch an diesem Morgen lange Zeit wach im Bett gelegen und habe die unumstößliche Überzeugung aufgebaut, dass mein Buch gnadenlos verrissen wird. Ganz klar, ich werde den Artikel einfach nicht lesen. Tue ich dann doch, nach etwa einer Minute Bedenkzeit.”

Ich muss zugeben, das hat nun mich nachdenklich gemacht. Die arme Autorin verbringt zwei schlafarme Nächte – wegen mir! Ich fühle mich wie ein Inquisitor. Doch mir liegt nichts ferner als ein gnadenloser Verriss. Ich will einerseits ehrlich meine Meinung kundtun, die aber andererseits niemals ein simples Geschmacksurteil sein soll, sondern das Buch mit all seinen Stärken und Schwächen im Kontext des Genres verorten soll.

Dennoch bin ich Gudrun Lerchbaum dankbar für ihre Zeilen, die mich daran erinnern, dass ich das Werk des Autors oder der Autorin mit den mir zur Verfügung stehenden Werkzeugen, Erfahrung und dem Wissen über (Kriminal-)Literatur immer nur interpretieren kann. Sie gewährt mir einen wertvollen Blick auf die andere Seite, der mir aber auch eines zeigt: Autorin und Rezensent eint die Liebe zur gepflegten Kriminalliteratur.

Kritik als Liebeserklärung

Die von mir sehr geschätzte Sonja Hartl bringt es diesbezüglich übrigens perfekt auf den Punkt: “Kritik ist eine Form der Liebe, die nicht Affirmation, sondern Auseinandersetzung meint – und hinter der sich womöglich eine Einstellung zum Leben verbirgt. Schließlich kritisieren wir oft, was oder wen wir am meisten lieben.”

Und: “Ein_e Autor_in steckt in ein Buch Zeit, Mühe, Arbeit und Leidenschaft. Wenn ich ein Buch kritisiere, dann stecke ich in die Lektüre und die Kritik Zeit, Mühe, Arbeit und Leidenschaft. Weil ich das Werk respektiere, es ernst nehme und glaube, dass durch Kritik Kunst vermittelt wird – nicht im Sinne von „erklärt“, sondern im Sinne von „darauf aufmerksam gemacht“.”

7 von 10 Punkten

Gudrun Lerchbaum: „Lügenland“, Pendragon Verlag, 431 Seiten.

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Paula Hawkins: Into the Water

(c) Blanvalet

Paula Hawkins hat mit “Girl on the Train” einen Thriller geschrieben, der sie mit einem Schlag in die Topliga der Krimiautoren katapultiert hat. Das Buch wurde sofort verfilmt. Die Erwartungen vor dem Nachfolger “Into the Water” waren also nicht gerade gering. Da ich ihr Erfolgsdebüt nicht gelesen habe, fehlt mir nun zwar der Vergleich, aber ich wollte mir doch ein Bild von den Qualitäten der Autorin machen.

Diesmal geht es um Frauen, die es seit Jahrhunderten offenbar auf mysteriöse Weise ins Wasser zu ziehen scheint. Ich befürchtete kurz, dass es hier übersinnliche Erklärungen gibt. Aber keine Sorge, Hawkins löst das Rätsel auf logische Weise. Sie lässt diesmal die Geschichte aus Sicht vieler verschiedener Figuren erzählen, vorwiegend Frauen. Das ist manchmal ein wenig unübersichtlich, ich mag das aber grundsätzlich. Und: Ja, Hawkins versteht ihr Handwerk, so viel steht fest.

Sie hat aus meiner Sicht einen spannenden und soliden Kriminalroman geschrieben, der schlüssig konstruiert ist. Das mag vielleicht auch der größte Kritikpunkt sein: Ein wenig konstruiert ist das natürlich schon. Mich hat das in diesem Fall aber nicht sonderlich gestört. Das war mir schon zu Beginn irgendwie klar und sind das nicht viele Thriller dieser Art?

Überrascht musste ich allerdings feststellen, dass “Into the Water” teilweise mit Häme überschüttet wird. Kai Spanke schreibt über das Buch in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” wenig schmeichelhaft: “Während Hawkins in Bezug auf die Todesfälle höhere Geheimniskrämerei kultiviert, schüttet sie am Reißbrett entworfene Konstellationen und klischeehafte Gimmicks ohne jedes Feingefühl über uns aus.” Teilweise ist die Kritik sehr spöttisch: “Insgesamt haben wir es mit elf Hauptfiguren zu tun, die leistungsstarke Überdrusskatalysatoren abgeben, sobald sie sich – obwohl über mancherlei im Bilde – kryptodämlich raunend zu Wort melden.”

Auch Elmar Krekeler zeigt sich in der “Welt” wenig angetan: “Die Männer vergewaltigen, foltern, sind bestenfalls bloß fies, und immer haben sie was zu verbergen. Die Frauen sind Opfer, wissen das, halten aber nicht zusammen helfen sich nicht. Die Stimmen ähneln sich zu sehr, warum wer wie spricht, wird nicht klar. So funzelt sich Paula Hawkins durch ihr falbes Labyrinth. Das halbe Licht ihrer Literatur reicht immerhin, um alles auszuleuchten, was man wissen muss, alles auszuerzählen. Selten hat man ein derart geheimnisloses Buch über Geheimnisse gelesen.”

Hmm. Das ist harte Kritik. Vielleicht lässt sie sich ja auf die ungewöhnliche Widmung am Beginn des Buches zurückzuführen: “Für alle unbequemen Frauen”. Wenn man sich die Kritik so ansieht, dürfte Paula Hawkins auch eine unangenehme Frau sein – noch dazu eine erfolgreiche. Ich bin auf ein drittes Buch und mögliche weitere Kontroversen gespannt. Mir hat jedenfalls gerade dieser weibliche Blick auf die patriarchalisch dominierte Dorfwelt gut gefallen.

7 von 10 Punkten

Paula Hawkins: “Into the Water”, übersetzt von Christoph Göhler, Blanvalet, 480 Seiten.

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Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

(c) liebeskind

“Alles, was ich am Strand gefunden habe” ist ein Beispiel dafür, wie man auf gerade einmal 240 Seiten eine dichte Geschichte erzählen kann. Ein guter Anlass, wieder einmal ein Plädoyer für schmale Kriminalromane zu halten. Früher war mir das selbst zu kurz. Unter 400 Seiten ging gar nicht. Aber mittlerweile liebe ich kurze Kriminalromane. Seit ich “Driver” und “Driver 2” von James Sallis gelesen habe, bin ich von schmaler Kriminalliteratur sehr begeistert. Das ist schon wahre Kunst, hohe Literatur.

Cynan Jones hat ein beeindruckendes Buch über unsere Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit geschrieben. Nach der Lektüre fühlt man sich klein und unbedeutend. Es gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dennoch ist dieses Buch auch ein schönes Buch. Es ist einfühlsam geschrieben – mit viel Sympathie für die Figuren.

Figuren wie Holden und den polnische Einwanderer Grzegorz. Beide Männer hoffen auf ein besseres Leben und handeln deshalb falsch. Man kann sie verstehen, dennoch tut es weh, zusehen zu müssen, wie sie zielgerichtet den falschen Weg einschlagen. Und vielleicht geht es ja doch gut aus?

“Man konnte einfach kein normaler, anständiger Gauner mehr sein. Die wurden doch von den großen Drogengangs verdrängt wie die kleinen Geschäfte vor Ort durch die Ketten.”

Das Buch wird für Fans von klassischer Kriminalliteratur möglicherweise zu langsam sein. Er nimmt sich viel Zeit, um in die Leben von Holden und Grzegorz einzutauchen. Ungefähr die Hälfte des Buches fragt man sich, wohin sich diese Geschichte entwickeln wird. Ob sich überhaupt eine Geschichte entwickeln wird oder sich Jones nur auf die Innensicht seiner Figuren beschränkt. Es mag für manchen Leser eine Geduldsprobe sein. Meiner Meinung nach ist es diese aber wert. In dieser schnellen Zeit sind langsame Bücher wie diese wunderbar entschleunigend. Es muss nicht immer rasant voran gehen.

Mit Peter Torberg hat der liebeskind-Verlag auch einen perfekten Übersetzer gefunden. Torberg hat zuletzt die Kriminalromane von Adrian McKinty, Garry Disher, Daniel Woodrell und Donald Ray Pollock übersetzt.

7 von 10 Punkten

Cynan Jones: “Alles, was ich am Strand gefunden habe”, übersetzt von Peter Torberg, 237 Seiten, liebeskind.

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Paolo Roversi: Schwarze Sonne über Mailand

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Schon über Paolo Roversis ersten Teil seiner Mailand-Saga, “Milano Criminale”, habe ich geschrieben: “Das liest sich mitunter wirklich faszinierend, auch wenn Roversi immer wieder den Faden verliert.” Das trifft auch auf Teil zwei, “Schwarze Sonne über Mailand” zu. Erneut steht sich Roversi als Erzähler immer wieder selbst im Weg, weil er die Geschichte der Mailänder Gangster so authentisch wie möglich erzählen will. Phasenweise erzählt er äußerst detailiert, dann macht er wieder enorme zeitliche Sprünge. Das ist nicht immer stimmig. Insgesamt deckt sein Porträt der Roten Stadt die Jahre zwischen 1958 und 1984 ab.

Dennoch hat mich Roversis Saga durchgehend fasziniert und gefesselt. Er hat diesen Verbrechern der alten Schule ein literarisches Denkmal gesetzt. Dabei kann er seine Sympathie für die Männer auf beiden Seiten des Gesetzes nicht verhehlen. Er ist fasziniert von der Welt der Gegensätze, die manchmal allerdings gar nicht so groß sind.

Es geht dabei um Loyalität und Verrat, Unbeugsamkeit und Aufrichtigkeit und vieles, vieles mehr. Um Familien, die für von ihrem Job besessene Polizisten nur eine Nebenrolle spielen. Um schlaue Kriminelle, die über ihre Sturköpfigkeit stolpern. Um blutige Fehden, um Liebe, um Leben und Tod.

Hätte Roversi auch noch den Mut gehabt, sich mehr von der Realität zu lösen und seinen Charakteren mehr Leben einzuhauchen, hätte er wohl ein wahres Meisterwerk schreiben können. So hat er eine perfekte Chronologie der Mailänder Unterwelt geschrieben, aber eben nicht mehr.

7 von 10 Punkten

Paolo Roversi: “Schwarze Sonne über Mailand”, übersetzt von Esther Hansen, 496 Seiten, Ullstein.

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Jérôme Leroy: Der Block

(c) Nautilus

“Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden”. Mit diesem Satz beginnt und schließt Jérôme Leroys aufwühlender Kriminalroman “Der Block”. Naja, Kriminalroman ist das zwar eigentlich keiner, auch wenn es explizit am Cover steht. Es ist ein sehr spannender politischer Roman, der im Original bereits 2011 geschrieben wurde, aber aktueller als je zuvor ist. Krimi-Handlung hat er allerdings nur mit sehr viel Phantasie. Egal, es ist ein wichtiges Buch.

Der erste Satz ist auch ein Statement. Denn der Autor verweigert sich einfachen Antworten. “Die klassischen, antifaschistischen Denkmuster allein genügen nicht mehr, um ein Phänomen zu verstehen, dass auf dem gesamten europäischen Kontinent ein solches Ausmaß angenommen hat”, schreibt er dazu im Nachwort.

Worum es geht? Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand. Egal, bei welchem TV-Sender man zu den Nachrichten zappt, immer ist da dieser rote Balken oder ein schwarzes Rechteck, in dem eine Zahl steht: “756” – diesmal sind es nicht mehr nur abgefackelte Autos wie noch vor einigen Jahren, die da gezählt werden. Nein, es ist ein Leichenzähler. “Der Erste, der sich entschieden hat, diesen Zähler einzublenden, hat damit zugleich, ob er sich dessen nun bewusst war oder nicht, gesagt: Es ist soweit, dieses Mal ist es wie im Krieg, ein schleichender Krieg, aber ein Krieg.”

“Verpixelte” Version der Realität

Es ist zugleich die Stunde des fiktiven rechtsradikalen Bloc Patriotique. Der Block verhandelt der in Bedrängnis geratenen Regierung über Ministerien. Zehn sollen es werden. Dafür sind die Fädenzieher der Partei auch bereit, einen der ihren, den Chef des Ordnerdiensts des Blocks, über die Klinge springen zu lassen. Natürlich erinnert der Block an Marine Le Pens Front National, doch der Autor sah sich gezwungen eine “verpixelte” Version der Realität schreiben, um nicht Gefahr zu laufen, verklagt zu werden.

“Du fragst dich in dieser Nacht wirklich, was eher deinen Respekt oder dein Opfer verdient: eine Gesellschaft, in der neun von zehn Paaren, wenn sie aus dem Kino kommen, zuerst ihr Handy wieder einschalten, bevor sie miteinander sprechen, oder eine Gesellschaft, in der eine junge, verschleierte Frau fähig ist, sich an einem Grenzposten selber in die Luft zu jagen, im Namen ihres Volkes und ihres Glaubens?”

Leroy erzählt seine Geschichte aus der Perspektive zweier Blockisten, die auch miteinander befreundet sind. Der eine, der Intellektuelle Antoine, ist der Ehemann der Block-Vorsitzenden Agnes. Der andere ist der in Ungnade gefallene Sicherheitschef Stanko. Der Autor lässt die beiden Figuren in einer einzigen Nacht als Ich-Erzähler die fast 40-jährige Geschichte des Aufstiegs der extremen Rechten in Frankreich schildern.

Riskante Entscheidung des Autors

Im Nachwort erklärt er, dass das eine riskante Entscheidung gewesen sei, weil es “den Leser zur Empathie mit den Protagonisten” verleite. Andererseits wäre er aber Gefahr gelaufen, “in eine Moralpredigt zu verfallen”, hätte er die Geschichte aus der sicheren dritten Person erzählt.

Auffällig ist, dass es Leroy wesentlich leichter gefallen ist, in die Rolle des Intellektuellen Antoine zu schlüpfen. Die Kapitel aus seiner Sicht sind wesentlich umfassender, deutlich ausufernder. Die Zeichnung der Proletarierkindes Stanko ist weniger authentisch. Überhaupt fiel es mir manchmal schwer, die beiden Figuren zu unterscheiden. Ich musste mir immer wieder in Erinnerung rufen, wer denn nun gerade erzählte. Sie sprechen also mit einer sehr ähnlichen Stimme, obwohl sie doch aus ziemlich unterschiedlichen Milieus stammen.

Obwohl Leroy die Dämonisierung der Rechten vermeidet, kann er meiner Meinung nach nicht jedes Klischee umschiffen. So ist gefühlt jeder zweite Block-Soldat schwul. Die eigene Weltsicht des Autors blitzt unterschwellig an der einen oder anderen Stelle durch. Und diese verhehlt er im Nachwort nicht: Er sieht sich in der Tradition des Neo-Polar, “der eine zeitgemäße Form der Geschichtsschreibung” ist und “für eine politisch linke Orientierung” steht.

Der Kriminalroman als politische Bühne?

Das führt mich zu einem Punkt zurück, den ich hier kürzlich schon einmal kurz angesprochen habe: Ein Kriterium, um als Krimi gut rezensiert zu werden, ist immer häufiger, dass er mit eindeutigen politischen Botschaften aufwartet. Diese Tendenz halte ich für diskussionswürdig. Ich finde, dass gute Kriminalliteratur per se immer auch (sozial)kritisch ist. Nun ist es gut, dass Leroy in seinem Nachwort klar Stellung bezieht, sich selbst politisch verortet – das finde ich auch vorbildlich transparent. Und Hut ab vor seinem Mut, ein derart brisantes Buch zu schreiben. Ich kann mir leider gut vorstellen, dass er dafür auch bedroht wird.

Aber ich hoffe doch, dass der Kriminalroman künftig auch weiterhin das sein darf, was er im Idealfall immer ist: Spannende Unterhaltung.

7 von 10 Punkten

Jérôme Leroy: “Der Block”, übersetzt von Cornelia Wend, Edition Nautilus, 320 Seiten.

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Matthew F. Jones: Ein einziger Schuss

(c) Polar

(c) Polar

“Ein einziger Schuss” reicht aus, um das Leben von John Moon endgültig aus der Bahn zu werfen.

Moon hat bereits Farm und dadurch auch Familie verloren. Er schlägt sich als Wilderer durch, um über die Runden zu kommen. Eines Tages tötet er dabei eine junge Frau. Eigentlich ist es ein Unfall, doch Moon beschließt, die Tat zu verschweigen. Als er dann auch noch eine Menge Geld findet und dieses behält, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Moon wird noch viele Fehlentscheidungen treffen, die ihn direkt auf den Abgrund zutreiben. Matthew F. Jones porträtiert Moon als in seiner Sichtweise sehr beschränkten Kerl, der eigentlich nichts Böses will, aber einfach nicht aus seiner Haut heraus kann und zielstrebig seine ohnehin wenig aussichtsreiche Situation weiter verschlechtert. Der Autor stellt Moon dabei nicht bloß, sondern macht verständlich, warum Dinge manchmal einfach nur schiefgehen. Das hat mich stark an Daniel Woodrells “Tomatenrot” erinnert.

Das Buch kann man wohl als Country Noir einstufen. Von Beginn an weiß man, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann. Dem Polar-Verlag ist es hoch anzurechnen, diesen Kriminalroman publiziert zu haben, der sonst bestimmt in Vergessenheit geraten würde. “A Single Shot” hat es 2013 übrigens auch zu Filmehren gebracht:

7 von 10 Punkten

Matthew F. Jones: “Ein einziger Schuss”, übersetzt von Robert Brack, 267 Seiten, Polar Verlag.

 

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J. Jefferson Farjeon: Geheimnis in Weiß

(c) Klett Cotta

(c) Klett Cotta

Jeder regelmäßige Leser dieses Blogs weiß, dass ich nicht viel von “Whodunits” halte. Mir ist das generell einfach zu harmlos, zu nett, zu gemütlich. Das finde ich auch nach Lektüre des fast 80 Jahre alten Krimimärchens “Geheimnis in Weiß” noch, dennoch habe ich mich ein wenig in dieses Buch verliebt. Es mag daran liegen, dass Weihnachten ist 😉

Auch die Menschen in dem 1937 erstmals erschienenen Kriminalroman von J. Jefferson Farjeon träumen von Weißen Weihnachten. Doch wie es nun einmal ist, hält sich die Natur nicht an Träume, sondern an ihre eigene Gesetze:

“Der Schnee wuchs über die Grenzen des Lokalinteresses hinaus. Am 23. war er eine Nachricht. Am 24. war er ein Ärgernis.”

Als dann gegen Mittag ein Zug im ländlichen England steckenbleibt, beschließt ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Reisenden, dem Wetter ein Schnippchen zu schlagen und macht sich auf die Suche nach einer anderen Zugstrecke, die alle Beteiligten doch noch pünktlich zum Zielort bringen soll. Stattdessen geraten die Reisenden erst so richtig in ein wüstes Schneetreiben, woraufhin sie in einem verlassenen Haus Zuflucht suchen. Seltsamerweise ist dieses beheizt, im Teekessel in der Küche kocht Wasser. “Das Einzige, was fehlte, um den Empfang zu vervollkommnen, war ihr Gastgeber.” Was also tun? Trotz Gewissensbissen einigt man sich darauf, zu bleiben, schließlich befindet man sich in einer Notlage. Dem nicht anwesenden Besitzer will man Geld zurücklassen – für all den aufgegessenen Proviant und die benutzten Handtücher und Bettlaken.

Das könnte behaglich und romantisch sein, doch dem Haus haftet etwas Unheimliches, Gruseliges an. Anstatt des Gastgebers begrüßt sie ein großes Bild an der Wand über dem Kamin: “Es war ein Ölgemälde in einem schweren Goldrahmen von einem aufrechten alten Mann, dessen Augen sie mit einem herausfordernden, zynischen Leuchten betrachtete.”

Schon bald müssen der alte Mr. Maltby von der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft, der fiebrige Buchhalter Thomson, das Geschwisterpaar Carrington, der Nörgler Mr. Hopkins und die Revuetänzerin Jessie erkennen, dass das Fest anders verlaufen wird, als sie sich das vorgestellt haben – besonders, als plötzlich ein mysteriöser Mr. Smith (wie könnte er auch anders heißen!) auftaucht. Wunderbar, oder?

“Geheimnis in Weiß” ist drei Jahre nach Agatha Christies Klassiker “Mord im Orient-Express” erschienen und liegt nun auch erstmals auf Deutsch vor. Es ist eine wohltuende Reise zurück in die goldene Ära des Whodunit, die vor allem von britischen Autorinnen wie Christie und Dorothy L. Sayers geprägt wurde. In dieser Welt galt das Verbrechen noch als aufregende Ausnahme, dessen Lösung möglichst rätselhaft zu erfolgen hatte. Es war die Zeit, bevor Raymond Chandler und Dashiell Hammett mit ihren illusionslosen Hardboiled-Kriminalromanen den Realismus in das Genre brachten und Verbrechen als etwas fast schon Alltägliches präsentierten.

Farjeon erzählt auf amüsante und charmante Weise eine zeitlose Geschichte, die man fast als Wintermärchen bezeichnen könnte, gäbe es da nicht auch Tote. Perfekt eigentlich: Ein Wohlfühlkrimi für Weihnachten!

7 von 10 Punkten

J. Jefferson Farjeon: “Geheimnis in Weiß”, übersetzt von Eike Schönfeld, Klett Cotta, 282 Seiten.

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