Monthly Archives: April 2017

Peter May: Moorbruch

(c) Zsolnay

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Ich war skeptisch, mit dem dritten Teil einer Trilogie zu beginnen. Aber ich wollte Peter May endlich kennenlernen. Und man kann diesen dritten Teil auch problemlos alleinstehend lesen. Wieder einmal hat sich bestätigt, dass schottische Krimis einfach zu meinen Lieblingsbüchern zählen. Gleich zu Beginn lernt man auch, was man unter dem titelgebenden “Moorbruch” zu verstehen hat. Das war gleich einmal sehr aufschlussreich, da ich von diesem Phänomen noch nie gehört hatte.

Es ist die perfekte Einstimmung darauf, was dann auf 330 Seiten folgt. Ein wunderbarer Kriminalroman, der von lebensechten Charakteren, kargen Landschaften und einer außergewöhnlichen Handlung mit zahlreichen Wendungen lebt. May ist ein begnadeter Erzähler, das spürt man schon nach wenigen Seiten. Hat er einen einmal gepackt, lässt er einen auch nicht mehr los.

Worum es geht? 17 Jahre sind vergangen, seit Roddy Mackenzie verschwunden ist. Doch ein Moorbruch fördert das Wrack von Mackenzies Flugzeug zu Tage. Ex-Polizist Fin Macleod (um den sich die Serie dreht), der Mackenzie einst kannte, beginnt zu ermitteln. Dabei verwebt der Autor gekonnt teilweise zwei Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse mit aktuellen Geschehnissen. Er entschlüsselt überzeugend ein in der Vergangenheit liegendes Geheimnis.

Die Hauptfigur des Fin Macleod bleibt über die Lektüre hinaus haften. Es ist seine Menschlichkeit, die ihn auszeichnet. Er hat genügend Fehler in seinem Leben gemacht, dennoch – oder gerade deswegen – versucht er, das Richtige zu tun. Er bleibt sich treu, auch wenn ihm das Nachteile bringt.

“Moorbruch” ist kein rasanter Thriller, aber er nimmt den Leser auf eine ganz besondere, stimmungsvolle Reise mit. Es zahlt sich aus, sich darauf einzulassen.

8 von 10 Punkten

Peter May: “Moorbruch”, übersetzt von Silvia Morawetz, 333 Seiten, Paul Zsolnay Verlag.

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Wo sind die Gangster?

Gangster gehören zum Kriminalroman einfach dazu. Oder etwas nicht? Aber warum verhält es sich bei deutschsprachigen Kriminalromanen ganz anders? Thomas Wörtche ging Anfang des Jahres in der “Polar Gazette” der Frage nach, warum der Gangster hier vollkommen abwesend ist. Er fragt sich, ob da etwa die Angst vorherrscht, “dass die Welt da draußen ein bisschen anders tickt als im gemütlichen Serialkiller-Schlachthaus und in Psychopathen-Fantasien”. Ich glaube, damit trifft er es ganz gut auf den Punkt. Zudem will das deutschsprachige Fernseh-, Kino- und Lesepublikum offenbar weiter auf der richtigen Seite stehen: auf der des Gesetzes, des Anwalts, der Polizei. Und im Idealfall steht am Ende die Auflösung.

Doch es sind gerade jene Romane, die aus der Perspektive des Verbrechers erzählt werden, die mich in letzter Zeit am nachhaltigsten beeindruckt haben: Dennis Lehanes “In der Nacht” und “Am Ende einer Welt”,  Howard Linskeys Trilogie (“Crime Machine”, “Gangland” und “Killer Instinct”), Dave Zeltsermans “Killer”, die Krimiklassiker “Die Freunde von Eddie Coyle” und “Ich töte lieber sanft” von George V. Higgins, Massimo Carlottos außergewöhnliches Gangster-Porträt “Am Ende eines öden Tages” sowie mein Lieblingskrimi des Vorjahres, “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis. All diese Autoren zwingen uns Leser, die Wohlfühlzonen zu verlassen.

Zumindest ein Lebenszeichen gab es im Vorjahr: André Pilz mit “Der anatolische Panther”. Seine Geschichten drehen sich generell um Randgruppen: Skinheads, Drogendealer oder wie im erwähnten Buch um türkischstämmige Kleinkriminelle. Auch TV-Serien wie “Tempel” und die für das Frühjahr angekündigte Mini-Serie “4 Blocks” geben Anlass zur Hoffnung, aber vermutlich werden Gangsterdramen weiterhin Nischenprodukte bleiben.

Letztlich stellen sich auch viele spannende – teilweise sehr grundlegende – Fragen: Was ist ein Gangster überhaupt? Wie definiert er sich? Haftet dem Begriff nicht auch etwas Glamourhaftes, Überhöhendes, Romantisches an? Oder sollte man eher von Berufsverbrechern oder Kriminellen sprechen? Müssen Gangster organisiert sein oder nicht?

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Horst Eckert: Wolfsspinne

(c) Wunderlich

(c) Wunderlich

Horst Eckert hat mich einst mit “Schwarzer Schwan” schwer überzeugt, ich halte das für einen der besten Thriller über die internationale Finanzkrise. “Schwarzlicht”, seinen Auftakt der Serie rund um Ermittler Vincent Veih, fand ich solide, aber so ganz überzeugt war ich damals nicht. Aber zumindest schrieb ich: “Mit Ermittler Vincent Veih hat Eckert eine interessante Figur erschaffen, die wohl auch eine Serie tragen könnte.”

Tja, und mit “Wolfsspinne” zeigt Eckert wieder, was er kann – und wie. Kaum ein anderer deutschsprachiger Autor versteht es so gut, klassische Polizeikrimis mit zeitgenössischen, brisanten Themen zu verknüpfen. Eckert hat nun eine beängstigende, weil realistische Interpretation der Geschehnisse rund um den Tod von zwei NSU-Mitgliedern geschrieben, die Zweifel an der offiziellen Version nährt.

“Zugleich surrten die Aktenvernichter in den Verfassungsschutzämtern von Dresden, Hannover und Magdeburg, München und Düsseldorf. Auch einige Polizeidienststellen löschten fleißig. In Thüringen verschwanden Ermittlungsakten zum sogenannten Heimatschutz, in Berlin gingen Berichte von V-Leuten verloren, und beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden lösten sich die jüngsten Telefondaten von Liese Schittko in Wohlgefallen auf.”

Vor allem aber erschafft er Figuren, die einem nicht gleichgültig bleiben. Diesmal ist es vor allem der verdeckte Ermittler Ronny, dessen Leidensfähigkeit mehr als nur auf die Probe gestellt wird. Eckert porträtiert diesen Menschen, der sich eigentlich ständig in Ausnahmesituationen befindet, mit sehr viel Sympathie, ohne ihn allerdings hochzustilisieren.

Überhaupt ist er ein Meister darin, mehrere Erzählstränge zu verweben, um diese dann auch am Ende perfekt wieder zu entwirren. Ich mag diese Erzählart besonders. Aber nicht viele – vor allem deutschsprachige – Autoren beherrschen das so gut wie Eckert. Ich will gar nicht viele weitere Worte verlieren. Ich ziehe meinen Hut und freue mich auf den nächsten Vincent-Veih-Roman.

9 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Wolfsspinne”, 489 Seiten, Wunderlich Verlag.

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Max Annas: Illegal

(c) Rowohlt

Schon “Die Mauer” von Max Annas konnte mich  nicht so richtig überzeugen. Mir hatte der Autor da einfach zu viel hineingepackt. Und das ist nun bei “Illegal” wieder der Fall. Für viele mag dieser Roman der passende Krimialroman unserer Zeit sein. “Ein Porträt unserer Gesellschaft”, wie der Verlag schreibt. Denn es geht um den Ghanesen Kodjo, der seit Jahren in Deutschland lebt – illegal. Als er dann einen Mord beobachten muss – “Das Fenster zum Hof” lässt grüßen – gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Aus dem Unsichtbaren wird ein Gejagter. Nicht nur die Polizei ist hinter ihm her, auch die Häscher des wahren Täters. Müsste man das Buch in vier Worten zusammenfassen: Flüchtling auf der Flucht. Oder: Kodjo hetzt durch Berlin.

Doch meiner Meinung nach will Annas zu viel. Zwar umschifft er gekonnt gängige Klischees. Kodjo ist etwa nicht der typische Illegale. Er stammt aus wohlhabendem Hause und hat erst später seinen Aufenthaltsstatus verloren. Auch dass in jenem Lokal, in dem Kodjo illegal arbeitet, der Song “7 Seconds” bei der Musikanlage als Code verwendet wird, wenn Behördenvertreter auftauchen, damit er sich rasch verstecken kann, wirkt nachvollziebar. Und ja, er kann erzählen und er peitscht seine Geschichte rasant voran.

Doch einiges in dem Buch war für mich nicht stimmig. Es beginnt mit der ersten Szene bei der roten Ampel. Für mich benehmen sich Kodjo und sein Begleiter Saif viel zu auffällig. Als Illegale müssten sie doch geschult darin sein, wie man sich unauffällig durch die Stadt bewegt. Elmar Krekeler lobt aber etwa in seiner Kritik “Stell dir vor, du bist illegal und schwarz” gerade diese Szene. Zu den Unstimmigkeiten zählt für mich aber auch die oben erwähnte “Fenster zum Hof”-Szene, die mir beim Lesen ein wenig unrealistisch und uninspiriert erschien. Immer wieder lässt Annas auch Szenen einfließen, die klar machen sollen, dass Kodjo in dieser Geschichte der Gute ist und viele der Legalen gar nicht so gute Menschen sind. Das sind einfach ein paar dieser Szenen zu viel (z. B. Seite 145: “Es ist Gas … Sie meinen die Gaskammer.”). Man würde es auch so verstehen. Doch Sozialkritik ist dem Autor wichtig, er will mehr als nur einen Kriminalroman schreiben. Das liest sich dann manchmal erzwungen.

Und irgendwann habe ich dann bei dieser endlosen Verfolgungsjagd – übrigens nicht der ersten und auch nicht der zweiten – am Ende des Buches auch abgeschaltet. Wie gesagt, mir war das zu viel. Schnell kann so etwas ins Künstliche kippen, ein wenig wie bei “Lola rennt”. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist natürlich nicht klamaukhaft und überhöht wie bei “Lola rennt”, aber ich war mehr ermüdet als gefesselt.

Alles in allem ist “Illegal” ein solider Thriller, der sich meiner Meinung nach aber nicht so sehr von anderen Kriminalromanen abhebt, wie das die meisten Kritiker sehen.

5 von 10 Punkten

Max Annas: “Illegal”, 236 Seiten, Rowohlt Verlag.

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Krimi-Bestenliste April: Ein Abgleich

(c) Nautilus

Nachdem mich die Krimi-Bestenliste im März ein wenig skeptisch werden ließ, beruhigt mich der April wieder einigermaßen. Hier sind also doch noch Genre-Krimis zu Hause. Besonders freut mich dabei der Einzug von Wallace Stroby (Platz zwei) und Reginald Hill (Platz fünf). Stroby ist ohnehin Pflicht für mich.

Fein finde ich es auch, dass Marlon James hier Platz findet, obwohl das meinem Wunsch nach klassicher Krimikost widersprechen mag. Aber wie gesagt: Ich mag ja grundsätzlich Kriminalliteratur, die Genregrenzen auslotet. Bloß die März-Liste war mir in ihrer Gesamtheit einfach zu weit weg vom Genre. “Eine kurze Geschichte von sieben Morden” ist bloß sooo lang (864 Seiten), ich weiß nicht, ob ich da nicht lieber zwei, drei andere Krimis lese (Stroby und Hill etwa).

Oder auch die neue Nummer eins, “Der Block” – das klingt schon sehr interessant: “Rechtsradikalismus authentique”, schreibt die Bestenlisten-Jury.

Wie auch immer: Der Frühling ist Krimi-Zeit (wie der Sommer, Herbst und Winter übrigens auch ;-)).

Die Liste im Überblick:
1. Jérôme Leroy – Der Block (4)
2. Wallace Stroby – Geld ist nicht genug (-)
3. Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden (-)
4. Jerome Charyn – Winterwarnung (2)
5. Reginald Hill – Die letzte Stunde naht (-)
6. Graeme Macrae Burnet – Sein blutiges Projekt (3)
7. Peter May – Moorbruch (9)
8. Max Annas – Illegal (7)
9. Kanae Minato – Geständnisse (-)
10. Denis Johnson – Die lachenden Ungeheuer (1)

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