Monthly Archives: November 2017

Zoë Beck: Die Lieferantin

(c) Suhrkamp

Zoë Beck führte im August mit “Die Lieferantin” die Krimi-Bestenliste an. Ich bin froh, diese Autorin nun endlich beim Lesen kennengelernt zu haben. Ein wenig habe ich mich an Tom Hillenbrands hervorragenden Tech-Noir-Thriller “Drohnenland” erinnert gefühlt, obwohl dieses Buch noch wesentlich utopischer wirkt als das nun vorliegende.

Drogenlieferungen per Drohnen? Nach der Bestellung per App? Das ist nicht allzu weit weg von der Realität. Zudem entführt Beck in ein fremdenfeindliches Großbritannien nach dem Brexit. Erneut steht die Gesellschaft vor einer Spaltung: Wie wird das Votum über den Druxit, also ein komplettes Drogenverbot, ausgehen?

Zoë Beck ist eine geübte, tolle Erzählerin. Sie versteht es, den Leser schnell in ihre Geschichte zu ziehen. Ihre mehrdimensionalen Charaktere sind fein gezeichnet. Sie schreibt gekonnt über gesellschaftliche Probleme, ohne moralisch zu werden. Ist es etwa möglich, aus moralischen Gründen mit Drogen zu handeln? Über diese Frage hatte ich bis zur Lektüre dieses Buches noch nicht nachgedacht. Beck überlässt es aber dem Leser, sich sein eigenes Urteil zu bilden.

Bloß im letzten Drittel, bei der Auflösung, lässt das Buch ein wenig nach. Die Verhaltensweise von Declan, dem Sohn des mächtigen Unterwelt-Bosses, gegen Ende hin war für mich nicht ganz nachvollziehbar. Ohne hier mehr zu verraten: Würde er tatsächlich derartig drastische Folgen fast gleichgültig in Kauf nehmen? Die Wandlung, die er vollzieht, ist für mich nicht so richtig glaubwürdig. Das passt für mich mit dem Declan, den man zu Beginn des Buches kennenlernt, nicht hundertprozentig zusammen.

Alles in allem ist “Die Lieferantin” aber ein gelungenes Stück Kriminalliteratur. Auch weil die Geschichte nicht in einem luftleeren Raum spielt, sondern sich mit der Gesellschaft auseinandersetzt, in die sie eingebettet ist.

7 von 10 Punkten

Zoë Beck: “Die Lieferantin”, Suhrkamp, 325 Seiten.

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Krimi-Bestenliste im November: Ein Abgleich

(c) Ullstein

Der große John le Carré an der Spitze der Krimi-Bestenliste. Das ist wohl gut so, obwohl ich das Buch ziemlich sicher nicht lesen werde. Ich muss zugeben, ich bin nicht der ganz große le Carré-Fan. Restlos überzeugt haben mich seine Bücher nie und thematisch reizt mich “Das Vermächtnis der Spione” auch nicht. Zwar spielt hier seine legendäre Figur George Smiley mit und es soll eine Art Finale von “Der Spion, der aus der Kälte kam” sein, aber ich habe momentan gar keine Lust darauf. Wenn schon Spione, dann warte ich doch lieber auf Gerald Seymours “Vagabond”, das nun endlich im Dezember erscheinen soll, nachdem der Verkaufsstart seit Monaten nach hinten verschoben wird.

Von den restlichen Büchern der Liste sind Norbert Horsts “Kaltes Land” und David Whish-Wilsons “Die Ratten von Perth” fix bei mir eingeplant. Horst hatte mich mit dem Vorgänger “Mädchenware” sehr positiv überrascht. Australische Krimis reizen mich ohnehin immer und in Perth war ich auch schon einmal – da ist mein Interesse groß.

Auch “Small Crimes” ist eigentlich Pflicht, “Ein Job für Delpha” hatte ich dagegen schon eher abgeschrieben. Nachdem sich nun das Buch aber so fest in der Liste hält, neige ich dazu, es vielleicht doch noch zu wagen. Die ersten Besprechungen von Liza Codys Roman “Krokodile und edle Ziele” lassen mich noch ein wenig zweifeln, ob ich ihr aktuelles Buch, eine Fortsetzung von “Lady Bag”,  auch lesen werde. Aber das ging mir bei “Miss Terry” auch so und dann war ich begeistert.

Die Liste im Überblick:

1. John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (-)
2. Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha (3)
3. Friedrich Ani: Ermordung des Glücks (2)
4. Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen (-)
5. Norbert Horst: Kaltes Land (-)
6. Dave Zseltserman: Small Crimes (-)
7. Andreas Pflüger: Niemals (-)
8. David Whish-Wilson: Die Ratten von Perth (9)
9. Tanguy Viel: Selbstjustiz (-)
10. Liza Cody: Krokodile und edle Ziele (-)

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Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis

(c) carl’s books

Zum Abschluss meines kleinen Frankreich-Schwerpunkts empfehle ich hier einen feinen Krimi für zwischendurch. Nicht zu schwer, aber auch nicht anspruchslos. Autorin Sophie Hénaff erzählt mit “Kommando Abstellgleis” eine amüsante und charmante Kriminalgeschichte, die von ihren liebevoll gezeichneten Figuren lebt.

Es ist eine Brigade von Verlierern, die Polizistin Anne Capestan um sich schart – Alkoholiker, Unfähige und Querulanten. Mit anderen Worten: Polizisten auf dem Abstellgleis. Doch Capestan, die nach einem Fehler suspendiert wurde und nun ihre zweite Chance erhält, steckt den Kopf nicht in den Sand. Sie beginnt mit ihrem wenig verheißungsvollen Team in alten Fällen zu ermitteln.

Und irgendwann stellt sich heraus, dass diese Verlierer-Brigade, gar nicht so zufällig entstanden ist, wie es den Anschein hat. Hier will ich gar nicht mehr verraten, denn Hénaff hat ein wirklich feines Buch geschrieben, das mit überzeugenden Wendungen aufwartet. Sie hält dabei erstaunlich gut die Balance. Ihr Buch ist humorvoll und heiter, ohne in billigen Klamauk abzurutschen. Der Plot ist gut durchdacht, aber das Buch lebt vor allem von dem originellen Personal und dessen Zusammenspiel.

7 von 10 Punkten

Sophie Hénaff: “Kommando Abstellgleis”, übersetzt von Katrin Segerer, 349 Seiten, carl’s books.

 

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Nachgereicht: Die Gewinner von Barry Awards und Dagger Awards

(c) Rowohlt Polaris

Bereits Mitte Oktober wurden in den USA die für Krimi-Fans wichtigen Barry Awards vergeben. Ausgezeichnet für den besten Kriminalroman des Jahres wurde Louise Penny (“A Great Reckoning”). Penny räumt serienweise Krimipreise  (Dagger, Anthony, Barry, Agatha) ab, dennoch wird sie im deutschsprachigen Raum schon seit Jahren nicht mehr übersetzt. Für den besten Erstling wurde Nicholas Petrie (“Drifter”) ausgezeichnet. Diese Entscheidung kann ich nur im Ansatz nachvollziehen, da das Buch gegen Ende hin wirklich stark auslässt. Sehr erfreulich: Adrian McKinty wurde für “Rain Dogs”wie schon beim Edgar – erneut in der Kategorie Best Paperback Original prämiert. Routinier Joseph Finder räumte mit “Guilty Minds” in der Kategorie bester Thriller ab.

(c) Suhrkamp

Ende Oktober wurden dann die britischen Dagger Awards vergeben. Große Siegerin ist Jane Harper mit “The Dry”, das auch auf Deutsch erschienen ist. Ich habe lange überlegt, diesen Krimi zu lesen, dann aber doch die Finger davon gelassen. Hmm, vielleicht ein Fehler. Mick Herron (“Spook Street”) hat den Ian Fleming Steel Dagger für den besten Thriller gewonnen. Auch er hat das Schicksal, obwohl er immer wieder prestigeträchtige Krimipreise abräumt, nicht ins Deutsche übersetzt zu werden. Chris Whitaker hat sich in der Kategorie Erstling mit “Tall Oaks” durchgesetzt. In der Kategorie Historical Dagger ging der Preis an Abir Mukherjees auch auf Deutsch erhältliches Buch “Ein angesehener Mann”. Interessant auch: Leif G W Persson wurde in der Kategorie “International” für seinen Krimi “Der sterbende Detektiv” ausgezeichnet. Auch von Persson habe ich schon lange nichts mehr gelesen.

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Louise Mey: Das Spiel mit der Angst

(c) Suhrkamp

Die französische Autorin Louise Mey dreht den Spieß um: Nicht Frauen werden Opfer brutaler Vergewaltigungen, sondern Männer. Teilweise waren die Opfer selbst Täter – sie schweigen aus Scham.

Ermittlerin Alex Dueso und ihr Partner Marco stehen vor einem Fall, der fast unlösbar scheint. Noch dazu mischt sich der Polizeipräfekt ein, und ein unliebsamer Journalist erschwert die Arbeit ebenfalls. Der frustrierende Alltag der Polizisten steht lange im Vordergrund der Geschichte. Das liest sich sehr gut.

Das liegt zu einem großen Teil auch an Hauptfigur Alex, geschieden und Mutter einer Tochter. Mey zeichnet sie sehr menschlich, mit all ihren privaten Problemen – auch ihr Sexleben ist ungewöhnlich. Die Sozialkritik ist fein dosiert, nicht plakativ und anklagend.

Sehr fein also alles. Doch irgendwann stand die Autorin dann offenbar vor dem Problem, eine Lösung für das Rätsel zu finden. Da muss den im Dunkeln tappenden Ermittlern erst eine nerdige Computer-Expertin zur Seite gestellt werden, damit endlich die – leider etwas absehbare – Wende eingeleitet werden kann. Dass Alex, grundsätzlich eine Facebook-Verweigerin, sich aus Recherchezwecken selbst plötzlich nur mehr in Chatrooms wiederfindet und dort dann nicht unwichtige Kontakte knüpft, die den Fall lösbar machen, liest sich auch nicht ganz glaubwürdig.

Dennoch ein überzeugendes Debüt. Man muss ja nicht mit dem ersten Buch das ganze Pulver verschießen, da ist definitiv noch Luft nach oben.

7 von 10 Punkten

Louise Mey: “Das Spiel mit der Angst”, übersetzt von Thomas Brovot, 430 Seiten, Suhrkamp.

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