Monthly Archives: April 2016

Daniel Woodrell: Tomatenrot

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

Daniel Woodrell ist einer der sprachgewaltigsten Krimiautoren der Gegenwart. Einfach nur ein Genuss. Jedes Buch ein Volltreffer. Da ist die Vorfreude vor dem Lesen jedes Mal groß, währenddessen strebt man dann wehmütig der letzten Seite entgegen, will sie hinauszögern. Zumal Woodrells Bücher selten viel mehr als 200 Seiten umfassen. Auch in “Tomatenrot” (neu übersetzt von Peter Torberg) kommt neben der sprachlichen Wucht die zweite außergewöhnliche Stärke des bescheidenen, sympathischen Autors – ich durfte ihn bei einer Lesung in Wien miterleben – ganz klar heraus: Charaktere, die nicht erfunden wurden, sondern exisitieren. So scheint es zumindest. Das ist lebensecht.

Und lebensweise:

“Süße”, sagte sie, “man stellt sich dem Ärger nicht in den Weg. Man schmeichelt ihm.”

Und auch humorvoll:

“Was ist mit der Akte?” – “Oh, die lesen wir mit vollem Magen, Süßer. Es muss ja was drin, sein, was hochkommen kann, falls wir kotzen müssen.”

Woodrell erzählt nicht von großen Heldentaten, von wichtigen Personen der Geschichte. Er schreibt am liebsten Geschichten über normale Menschen, oft auch Verlierer. Er erschafft dabei keine eindimensionalen Charaktere, sondern echte Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen. Wobei ihn letztere einfach mehr interessieren.

Woodrell macht diese gescheiterten Existenzen sympathisch und liebenswert. Wenn sie schon sonst niemand liebt auf dieser Welt, dann zumindest der Leser. Der Autor öffnet die Tür in eine traurige, auf das wesentliche, nämlich das Überleben, reduzierte Welt. Er lässt uns an einer Welt teilhaben, die man sonst nicht begreifen könnte – weil man schlicht keinen Zugang zu ihr hat. Er sieht genau hin, begreift das Wesen des Menschen, verurteilt gleichzeitig aber niemals. Er macht nur Dinge besser begreifbar.

Groß, groß, groß.

9 von 10 Punkten

Daniel Woodrell: “Tomatenrot”, übersetzt von Peter Torberg, Liebeskind, 222 Seiten.

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Robert Karjel: Der Schwede

(c) Blanvalet

(c) Blanvalet

Ginge es nach den amazon-Kritiken, müsste man von Robert Karjels Thriller “Der Schwede” die Finger lassen. Allen Thriller-Fans, die es gern auch ein wenig politisch und mit Beteiligung von Geheimdiensten haben, kann ich dieses Buch aber empfehlen. Es mag nicht alles hundertprozentig schlüssig sein, manchmal auch ein wenig konstruiert. Aber: Karjel erzählt eine interessante Geschichte, die auch die Geschehnisse rund um die Tsunami-Katastrophe 2004 mit jenen einer fiktiven Sekte verwebt.

Der schwedische Geheimagent Ernst Grip wird in die USA gerufen, ohne zu erfahren, worum es sich eigentlich handelt. Schließlich wird er auf eine geheime US-Basis gebracht, wo ein Gefangener festgehalten wird. Offenbar ein Landsmann. Doch schon bald muss sich Grip fragen, ob nicht eigentlich er ins Visier der Amerikaner geraten ist. Denn auch er hat eine nicht ganz lupenreine Vergangenheit.

Karjel hat einen flotten Thriller geschrieben, der mich durchaus überzeugt hat. Er hat zwar nicht das typische Pageturner-Tempo, aber das empfand ich als angenehm. Es mögen zwar hier und da ein wenig die Ecken und Kanten fehlen, aber dennoch hatte ich Spaß beim Lesen. Ich fühlte mich gut unterhalten, auch weil die Figuren durchaus überraschen und Genre-Muster durchbrechen. Kein Krimi-Jahreshighlight, aber angenehm für zwischendurch.

Wem Joakim Zanders Thriller-Debüt “Der Schwimmer” gefallen hat, der wird sich wohl auch hier wohlfühlen.

6 von 10 Punkten

Robert Karjel: “Der Schwede”, übersetzt von Maike Dörries, Blanvalet, 410 Seiten.

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Gerard Donovan: Winter in Maine

(c) btb

(c) btb

Bereits im Oktober 2015 haben die beiden österreichischen Krimiautoren Bernhard Aichner und Andreas Gruber in der ORF-TV-Sendung “erLesen” einen Krimi empfohlen, den ich mir daraufhin notiert und kürzlich gelesen habe. Es handelt sich dabei um Gerard Donovans “Winter in Maine”, das erstmals 2009 auf Deutsch erschienen ist. Ohne die beiden Autoren wäre ich wohl nie darauf aufmerksam geworden.

Julius Winsome lebt zurückgezogen von der Welt in den Wäldern von Maine. Als sein Hund Hobbes von einem Unbekannten offenbar absichtlich erschossen wird, gerät sein Leben aus den Fugen. Aus Julius wird ein gefährlicher Mann, der auch vor dem Töten nicht zurückschreckt. Dabei geht es ihm aber nicht unbedingt um Gerechtigkeit. Nein, er tötet auch Unschuldige. Es ist so, als hätte die Tötung seines Hundes in ihm alle Barrieren zerbrochen, die ihn bislang davon abhielten, die Regeln der Zivilisation zu brechen.

Es ist daher nicht leicht, diesen Julius Winsome zu begreifen. Denn schon bald steht das Blut an seinen Händen in keinem Verhältnis mehr zu seinem Verlust. Es ist diese diffuse Wut von Julius auf die Welt, die an diesem gerade einmal 200 Seiten umfassenden Buch so irritiert. Donovan erzählt ohne falsche Sentimentalität von einem Mann, der konsequent das Falsche tut und nicht mehr zurück kann. Von einem Mann, dessen innerer Kompass verrückt spielt. Donovan macht es dem Leser dabei nicht unbedingt leichter, weil er die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt. Der Leser begeht also Winsomes Taten mit, sieht sie aus seinen Augen.

Dennoch hat mich die Geschichte nicht ganz gepackt, was vermutlich an Donovans reduziertem Stil liegt. Grundsätzlich mag ich das aber eigentlich. Vielleicht lag es auch an den hohen Erwartungen. Hier wird jedenfalls nicht über Moral verhandelt, hier geschehen die Dinge einfach, wie sie geschehen – ohne Wertung. In Ansätzen verstehe ich diesen Julius, dann aber wieder gar nicht. Donovan stellt damit jeden Leser vor das Dilemma, seinen eigenen inneren Kompass zu hinterfragen. Und das ist wiederum schon viel mehr, als die meisten Bücher tun.

7 von 10 Punkten

Gerard Donovan: “Winter in Maine”, übersetzt von Thomas Gunkel, btb, 207 Seiten.

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KrimiZeit-Bestenliste im April: Ein Abgleich

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Nachdem ich im März tatsächlich null Übereinstimmungen mit der KrimiZeit-Liste hatte, habe ich im Vergleich dazu nun zwei Bücher aufgeholt. Und mit Nummer eins und zwei der April-Liste habe ich zwei wirklich herausragende Kriminalromane gelesen. Der eine, “Bitter Wash Road”, ist ein australischer Krimi aus der Jetztzeit, der andere ein US-Klassiker der nun erstmals unverstümmelt lesbar ist. Die Erstausgabe von “Porkchoppers” war einst nur mit der Hälfte der Seiten erschienen. Ein Leseverbrechen sondergleichen!

Die Bücher von Pflüger, Gattis und Panowich liegen bereits bei mir ziemlich hoch am Bücherstapel herum, jetzt müssen sie halt noch gelesen werden. Und ich weiß nicht, ob ich nicht den neuaufgelegten Krimiklassiker “Fünf schräge Vögel” von Donald Westlake einschieben werde.

(c) Atrium

(c) Atrium

Ich gebe zu: Das Buch habe ich schon allein wegen des stimmungsvollen Covers gekauft.

In Declan Burkes “The Big O” habe ich schon reingeschnuppert, allerdings kam mir dann Garry Dishers Buch in die Hände. Da muss ich also den Lesefaden erst wieder aufnehmen. Auch Tom Coopers Buch würde mich sehr reizen, spricht mich momentan aber nicht ganz so an.

James Lee Burkes “Mississippi Jam” werde ich wohl auslassen, um dann sein demnächst erscheinendes “Fremdes Land” zu lesen. Obwohl mich Dave Robicheaux’s neues Abenteuer nach der Lektüre von “Sturm über New Orleans” schon sehr reizen würde.

Die Liste im Überblick:

1 (1) Garry Disher: Bitter Wash Road
2 (3) Andreas Pflüger: Endgültig
3 (4) Ross Thomas: Porkchoppers
4 (-) Ahmed Mourad: Vertigo
5 (2) Ryan Gattis: In den Straßen der Wut
6 (-) Brian Panowich: Bull Mountain
7 (-) Gioacchino Criaco: Schwarze Seelen
8 (-) Declan Burke: The Big O
9 (-) Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench
10 (-) James Lee Burke: Mississippi Jam

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Jérémie Guez: Paris, die Nacht

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

136 Seiten (ohne das lesenswerte Nachwort von Thekla Dannenberg) dünn ist Jérémie Guez’ Kriminalroman “Paris, die Nacht”. Es ist das beeindruckende Debüt eines jungen französischen Autors und der Auftakt zu einer Paris-Trilogie.

Guez erzählt die Geschichte von Abraham, einem Gelegenheitsdealer. Als dieser und seine Freunde den großen Coup wittern, indem sie eine illegale Glücksspielrunde im Hinterzimmer eines Lokals ausnehmen wollen, ist eigentlich klar, dass das nicht gut gehen kann. Doch zu unerfahren und verzweifelt sind die Gerade-nicht-mehr-Jugendlichen, um das zu erkennen.

Abrahams Schicksal steht wohl exemplarisch für viele seiner Generation. Auch wenn sie Geld eingesackt haben, sind sie nicht bereit, ihr Viertel zu verlassen – obwohl sie nur dann in Sicherheit wären. Sie sind keine Profis, sie sind erbärmliche Amateure. Mit anderen Worten: Sie stehen auf der untersten Kellertreppe der Welt des Verbrechens. Drogen vernebeln ihren Geist und machen gleichzeitig den tristen Alltag erträglich. Aber auch das nur scheinbar. Es ist ein Kreislauf der Hoffnungslosigkeit, den Guez beschreibt. Aus dem es offenbar kein Entrinnen gibt.

“Immer wenn mir Touristen über den Weg laufen, habe ich Lust, ihnen ins Gesicht zu spucken.”

Guez entführt uns in ein Paris abseits sämtlicher Tourismus-Idyllen. In eine Stadt mit vielen dunklen Ecken. In eine Stadt, in der letztlich kein Platz für Abraham und seine Freunde ist. Denn sie haben die falschen Männer verärgert. Mehr ist es gar nicht, was sie mit ihrem Überfall getan haben. Zwar sind sie bedeutungslos, dennoch muss an ihnen ein Exempel statuiert werden.

7 von 10 Punkten

Jérémie Guez: “Paris, die Nacht”, übersetzt von Cornelia Wend, 146 Seiten, Polar Verlag.

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Richard Price: Die Unantastbaren

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Ich will meinen Text zu Richard Prices Meisterwerk “Die Unantastbaren” nutzen, um ein wenig über meine Probleme beim Bloggen zu sinnieren:

  • Oft kommt es vor, dass zwischen Lesen und Niederschreiben meiner Gedanken ganz schön viel Zeit vergeht. Das ist einerseits gut, weil ich die Erkenntnis gewonnen habe, dass eine gewisse Distanz nicht schadet, um dem besprochenen Buch gerecht zu werden. Dadurch gehen aber auch oft wichtige Gedanken verloren, die den Krimi auszeichnen und besonders machen.
  • Ich notiere nicht immer beim Lesen die markantesten Passagen (das geht natürlich beim E-Book-Lesen am besten – aber ich lese immer noch großteils altmodisch mit Papier in den Händen). Auch das hat den Vorteil, dass ich nicht ständig im Lesefluss gestört werde und ein besseres Gefühl für den Lesestoff entwickle. Tja, aber auch hier gehen oft wichtige Gedanken verloren.
  • Manchmal erscheint es mir zu banal, was ich über außergewöhnliche Kriminalliteratur schreibe. Ich versuche zwar immer, dem jeweiligen Autor gerecht zu werden. Manchmal habe ich aber nicht das Gefühl, das auch zu leisten. Es kommt mir zwischenzeitlich so vor, als würde ich immer wieder die selben Adjektive verwenden. Das kann jetzt natürlich an meinem eigenen Unvermögen liegen. Aber manchmal gibt es so viel zu sagen – und dennoch kommen mir nur abgedroschene Bilder in den Sinn, so kommt es mir zumindest vor. Umso größer ist mein Respekt vor all diesen Autoren, die mich teilweise echt sprachlos zurücklassen angesichts ihres Könnens: Richard Price zum Beispiel, aber auch Daniel Woodrell, Pete Dexter oder Dennis Lehane.

Um zu Richard Prices “Die Unantastbaren” zurückzukehren: Er hat einen Polizistenroman geschrieben, wie ich ihn zuvor noch nicht gelesen habe. Sehr authentisch, sehr einfühlsam, sehr echt. Price handelt abseits irgendwelcher gekünstelter Krimirätsel so viele elementare Fragen ab und zeigt gleichzeitig so viele kleine Dinge, sodass sich das alles zu einem gewaltigen Panoramabild menschlicher Beziehungen zusammenfügt. Ja, das ist teilweise zum Niederknien bzw. genauer: Zum-gleich-noch-einmal-zurücklesen, weil es so gut ist. Da peitscht niemand seine Leser durch die Seiten, seine Spannung entsteht durch das Echte. Das sind keine erfundenen Figuren mehr, das sind echte Menschen, die wie echte Menschen handeln. Mit all ihren Stärken und Schwächen. Weit weg von Gut-und-Böse-Stereotypen. So schön kann grau sein (und auch hier fürchte ich, sowas habe ich schon öfter geschrieben…)!

10 von 10 Punkten

Richard Price: “Die Unantastbaren”, übersetzt von Miriam Mandelkow, 432 Seiten, S. Fischer.

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