Monthly Archives: March 2021

Philip Kerr: 1984.4

(c) Rowohlt Rotfuchs

Der vielseitige britische (Nicht-nur-)Krimiautor Philipp Kerr ist 2018 überraschend und viel zu früh gestorben. Ich bin froh, dass ich den sympathischen Briten im Zuge der Kriminacht 2015 in Wien live erleben durfte. Bekanntheit erlangte er vor allem mit seiner Serie rund um Kultfigur Bernie Gunther, der in der Nazi- und Nachkriegszeit ermittelt. Darüber hinaus schrieb er aber auch Wissenschaftsthriller, fantasievolle Kinderbücher und ziemlich gelungene Fußball-Krimis (“Die Hand Gottes”).

Drei Jahre vor seinem Tod hat der Autor eine Hommage auf George Orwells Meisterwerk “1984” verfasst, die nun posthum erschienen ist. Orwells Werk gilt bis heute als eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Der alles sehende und alles wissende “Große Bruder” wurde zum Synonym des allmächtigen Überwachungsstaats. Kurz nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump etwa erreichte das 1948 verfasste Werk angesichts von Trumps laxem Umgang mit Fakten in diversen Bestsellerlisten Platz eins.

Kerr hatte mit seiner Version allerdings keine simple Kopie im Sinn, sondern wollte sein Buch als ein in einem Paralleluniversum entstandenes Werk verstanden wissen, das Orwells großem Roman ähnle, gleichzeitig aber sehr anders sei. Das steht im Vorwort des Autors. Beides ist ihm mit “1984.4” tatsächlich gelungen, an die Wucht und Tiefe des Originals kommt Philip Kerr aber nicht heran.

Die “Ruhestandsvollstrecker” des “Senior Service”

Worum es in Kerrs Buch geht? Alle Menschen, die vor “1984.4” geboren wurden und nun über fünfzig sind, müssen sich einem vollständigen Körperscan unterziehen, um präzise vorhersagen zu können, wann jeweils der geistige Verfall einsetzt. Der “Plan zur freiwilligen Euthanasie” (PFE) legt fest, dass all jene, die ihr errechnetes Ablaufdatum überschritten haben, in den “Ruhestand” – also den Tod – gehen sollen: “Auf diese Weise können die Menschen Vorsorge für ihren eigenen würdigen Abschied aus dem Leben treffen.” In Wirklichkeit geht es aber darum, dass demente und kranke Menschen für die Gesellschaft nicht leistbar sind und daher verschwinden müssen. Sie belasten das Gesundheitssystem und verursachen immense Kosten.

Jene Alten, die sich nicht daran halten, werden gnadenlos vom “Senior Service” (SS) eliminiert. Für die Tötung der alten Menschen beschäftigt das Senior Service sogenannte Ruhestandsvollstrecker. Rekrutiert werden Jugendliche, die – ähnlich wie in einem freiwilligen sozialen Jahr – Dienst für die Gesellschaft versehen. Eine davon ist die 16-jährige Florence, die zu Beginn des Buches keine Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer blutigen Tätigkeit hat. Alte Menschen jagen und töten, das ist ganz normal. Doch als sie zufällig Eric kennenlernt und sich in diesen verliebt, beginnt ihr Weltbild zu wanken.

Kenner werden in der literarischen Würdigung des Orwell’schen Werkes viele Personen wiedererkennen. Aus der am System zweifelnden Hauptfigur Winston wird in der neuen Version die Jugendliche Florence. Nicht ohne Ironie wird dafür in Kerrs Buch aus Winston der bedrohliche große Bruder, gegen den Florence aufbegehrt. Auch wichtige Personen aus dem Original wie Folterer O’Brien und Buchmensch Mr. Charrington sind in “1984.4” wiederzufinden. Und sogar Autor Aldous Huxley findet kurz Erwähnung.

Hoffen auf Bernie Gunthers letzte Rückkehr

Zweifellos hatte Kerr erheblichen Spaß, mit Versatzstücken des Orwell’schen Universums zu spielen. Herausgekommen ist aber etwas ganz anderes. Das Buch liest sich durchaus unterhaltsam, aber auch ein wenig belanglos. Von Orwells niederschmetternd pessimistischer und düsterer Zukunftsversion ist nichts geblieben. Florences Wandlung von der fanatischen Mitläuferin zur Revolutionärin mutet seltsam an – in beiden Rollen wirkt sie naiv. Während bei Orwell alles grau ist, scheint Florence nur schwarz oder weiß zu kennen.

“1984.4” sei das letzte Buch des Autors, steht im Klappentext. Es bleibt zu hoffen, dass das so nicht stimmt. Denn “Metropolis”, der abschließende vierzehnte Band der Bernie-Gunther-Serie, wurde bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt. Und in diesem von ihm erschaffenen Universum historischer Krimis ist Kerr unerreicht.

6 von 10 Punkten

Philip Kerr: “1984.4”, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn, Rowohlt Verlag, 320 Seiten.

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Ryan Gattis: Das System

(c) Rowohlt Hundert Augen

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich einen Autor nach nur zwei erschienenen Büchern zu einem meiner Lieblingsautoren zähle. Bei Ryan Gattis ist das aber der Fall. Sowohl “In den Straßen die Wut” als auch sein Nachfolger “Safe” haben mich perfekt auf Lesereise mitgenommen. Und gleich vorweg: Auch bei seinem neuesten Buch “Das System” war das nicht anders. Auf diesen Autor ist Verlass.

Spielt “In den Straßen die Wut” direkt zur Zeit der Unruhen im April 1993 in Los Angeles nach den Vorfällen rund um die Misshandlung von Rodney King durch Polizisten, handelt das aktuelle Buch von Geschehnissen im Dezember 1993. Im Zentrum der Handlung steht “Dreamer”, der unschuldig im Gefängnis landet, weil er eines Mordversuchs bezichtigt wird. Wie schon in seinen beiden Büchern davor erzählt Gattis aus multiperspektivischer Sicht: neben jener von Dreamer aus jener der Ex-Freundin, seines vermeintlich besten Freundes Wizard, des Anwalts, der Staatsanwältin, eines Polizisten, eines Junkies und jenes Bewährungshelfers, aufgrund dessen Falschaussage Dreamer im Gefängnis sitzt. Diese Art der Erzählweise hat sich der Autor zu einer Art Markenzeichen gemacht.

Das erbarmungslose Gefängnissystem der USA

Anschaulich schreibt Gattis vor allem über eines: Das titelgebende “System” – das erbarmunglose Gefängnissystem in den USA. In den 1990er Jahren beginnt sich die Macht der Gangs von der Straße in die Haftanstalten zu verlegen. Dort wird bestimmt, was zu geschehen hat. Als Dreamer ins Gefängnis wandert, hat er – will er überleben – keine andere Wahl, als die Regeln dieses Systems zu akzeptieren. Er muss seine Rolle einnehmen, ob er will oder nicht. Er muss sich unterordnen und auch Gewalt anwenden. Anderenfalls wird er tot sein, ehe vor Gericht seine Unschuld bewiesen werden kann. Sein knasterfahrener Kumpel Wizard steht ihm zur Seite, und dennoch wird Dreamer erkennen müssen, dass sich der Begriff Freund im Gefängnis relativiert. Wenn er Schwächen zeigt oder sich auf die falsche Seite stellt, kann ihm auch der beste Freund nichts helfen. Nicht zufällig ist einem der Kapitel ein Zitat von Charles Bukowski vorangestellt: “Wenn du wissen willst, wer deine Freunde sind, dann lass dich einbuchten.”

Dreamer reift hinter Gittern zu einem jungen Mann heran, der schnell lernen muss, wie hart die Realität aussehen kann. Als Individuum wirst du im Gefängnis ausgelöscht, du bist Teil deiner Gang. Etwas anderes gibt es nicht. Gewalt ist nicht nur eine Option, sondern Überlebensbedingung. Er erkennt dabei, was wichtig ist, was zählt. Dennoch stellt sich ihm die Frage: Wird er so lange überleben können, bis er wieder selbstbestimmt darüber entscheiden kann, was er mit seinem restlichen Leben macht? Wird er seine zweite Chance überhaupt erhalten?

Gattis neigt dabei niemals zu Sentimentalitäten, sein Buch will auch keine beherzte Anklageschrift gegen das Gefängnissystem sein. Durch seine Perspektivenwechsel will er nicht die eine Wahrheit erzählen, sondern zeigen, aus wie vielen unterschiedlichen Puzzleteilen die Wahrheit besteht. Er seziert das “System” messerscharf und offenbart es als das, was es ist: Ein unbarmherziges, ungerechtes System zur Aufbewahrung schuldiger, aber oft auch unschuldiger Menschen. Oder, wie es an einer Stelle des Buches heißt: “Zellen sind einfach große Schließfächer, bloß für Menschen.”

9 von 10 Punkten

Ryan Gattis: “Das System”, übersetzt von Ingo Herzke und Michael Kellner, Rowohlt Hundert Augen, 542 Seiten.

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John Ball: In the Heat of the Night

(c) Penguin

Das erste Mal schreibe ich in diesem Blog einen Beitrag über einen Kriminalroman, den ich im englischen Original gelesen habe. Zu verdanken habe ich das Stefan Heidsiek, der vor Kurzem in der crimealley über die deutschsprachige Ausgabe von “In der Hitze der Nacht” geschrieben hat. Nachdem er mich so neugierig gemacht hatte und ich nicht auf die Zusendung eines antiquarischen Exemplars warten wollte, habe ich zur Originalausgabe als E-Book gegriffen.

Tatsächlich muss man “In the Heat of the Night” als Klassiker der modernen Kriminalliteratur einordnen. Das 1965 geschrieben Buch erlangte vor allem durch seine Verfilmung (fünf Oscars) weltweite Bekanntheit. “Sie nennen mich Mister Tibbs!” liegt laut American Film Institute auf Platz 16 der wichtigsten Filmzitate, der Film selbst auf Rang 75 der besten Filme aller Zeiten. Ball, der Erfinder des schwarzen Polizisten Virgil Tibbs (im Film dargestellt von Sidney Poitier – natürlich erhielt damals Rod Steiger den Oscar als bester Hauptdarsteller und nicht Poitier, aber das ist eine andere Geschichte) ist im deutschsprachigen Raum aber längst in Vergessenheit geraten. Seine Bücher werden schon seit vielen Jahren nicht neu aufgelegt. Leider, kann man nur sagen.

Worum es geht? In dem Südstaaten-Kaff Wells wird ein Toter aufgefunden. Der Mann ist nicht ganz unprominent, sollte er doch ein ökonomisch einträgliches Musikfestival in den Ort bringen. Zudem war er gut vernetzt zu wichtigen Männern der Stadt. Als zufällig Virgil Tibbs, ein erfahrener Mordermittler mit schwarzer Hautfarbe aus Kalifornien, auftaucht, sieht sich der lokale Polizeichef Gillespie, ein ehemaliger Gefängniswärter gezwungen, auf dessen Hilfe zurückzugreifen. Sehr widerwillig natürlich, weil gewisse wichtige Männer der Stadt das so wollen. Aber er erkennt rasch den Vorteil der Situation: sollte der Schwarze die Ermittlungen unter seiner Führung erfolgreich voranbringen, dann kann Gillespie das als seinen Erfolg verbuchen. Sollte er scheitern, dann könnte man Tibbs das Versagen anlasten. Eine win-win-Situation also für den Polizeichef.

Tibbs ist jedenfalls der einzige Profi, wenn es um Mordermittlungen geht. Die lokalen Polizisten sind ahnungslose Stümper. Doch auch Tibbs, der stets Selbstbewusste und Allwissende, befindet sich auf einer falschen Spur, verdächtigt den Falschen. Sowohl Polizist Sam Wood als auch sein Chef Gillespie halten zu Beginn der Geschichte nicht viel von Schwarzen im allgemeinen und Tibbs im speziellen. Sie sind tief im Süden der USA verwurzelt und sozialisiert. Doch mit Fortlauf der Ermittlungen wächst ihr Respekt für den fähigen Mann aus Kalifornien.

Die Krimihandlung mit genretypischen Wendungen ist schlüssig. Autor Ball braucht nicht viele Worte, um die Situation eindrucksvoll darzustellen. Auf nicht einmal 180 Seiten erzählt er von alltäglichem Rassismus und Vorurteilen, aber auch von Menschen, die bereit sind, über ihren Schatten zu springen.

Einiges wirkt ein wenig altbacken aus heutiger Sicht, vor allem die zart angedeutete Romanze zwischen dem Polizisten Sam Wood und der Tochter des Opfers. Die Szene in der Zelle – das wirkt ein wenig deplatziert in diesem Roman, wurde vom Autor aber wohl auch gewählt, um die Anspannung kurzzeitig zu lösen. Alles in allem hat Ball aber einen klassischen Krimi im besten Sinne geschrieben, der durch seine schnörkellose Art besticht und sich auch 55 Jahre nach seinem Entstehen sehr gut liest.

9 von 10 Punkten

John Ball: In the Heat of the Night, Penguin Verlag, 176 Seiten.

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Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders

Der Schotte Ian Rankin ist einer der besten Kriminalschriftsteller der Gegenwart. “Das Souvenir des Mörders” ist der achte Teil seiner Serie rund um Kult-Ermittler John Rebus. Und dennoch ist es nicht irgendein Teil, sondern vermutlich jener, der eine Art Initialzündung war, was seine Breitenwirksamkeit anbelangt. Bis zu diesem Buch war er einfach ein guter Krimiautor, einer von vielen. Doch mit diesem Buch erreichte Rankin ein anderes, höheres Level. Nicht zufällig hat das 1997 erschienene “Black and Blue” (Originaltitel) auch einen Platz in dem Kompendium “Books to die for”, in dem namhafte Krimiautoren ihre Lieblingskrimis empfehlen, gefunden.

Wie ich auf das Buch gestoßen bin? Ein Beitrag auf der crimealley hat mich neugierig gemacht: “Die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist.” Wer mehr über “Das Souvenir des Mörders” wissen will, sollte einfach Stefans Beitrag lesen – nirgendwo werdet ihr besser und umfassender informiert als an dieser Stelle.

Nichtsdestotrotz will ich meine persönlichen Eindrücke hier kurz wiedergeben. Beim Lesen fiel mir ein anderer genialer Autor ein: Jo Nesbø (wobei mir auch Michael Connellys Harry Bosch und James Lee Burkes Dave Robicheaux in den Sinn kamen). Dessen Kriminalroman “Der Erlöser” hat einen ähnlich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das sind wirklich in Worte gegossene Kunstwerke, mit starken Charakteren, eingebettet in überzeugende soziale Umfelder. Und ich habe beide Bücher geliebt, obwohl eine Krimi-Zutat darin vorkommt, die für mich oft ein Grund ist, die Finger davon zu lassen: Serienmörder (in Rankins Buch genau genommen sogar zwei!). Da schrillen bei mir normalerweise immer die Alarmglocken.

Gut-Böse-Schemata, die simple Suche nach einem Täter und am Ende des Rätsels Lösung: Das wird man in “Das Souvenir des Mörders” vergebens suchen. Politik, Polizei, Journalismus, Großkonzerne und Organisierte Kriminalität: Hier bestehen Abhängigkeiten und unerwartete Seilschaften. Sehr beeindruckt haben mich die Porträts der schottischen Städte Aberdeen, Glasgow und Edinburgh. Fesselnd waren auch die Szenen auf der Ölplattform in der rauen Nordsee.

John Rebus ist in gewisser Weise auch ein Seelenverwandter von Sean Duffy, der Hauptfigur der Kriminalromane von Adrian McKinty. Beide Männer sind Raubeine mit einer sentimentalen Ader. Vor allem eines eint sie: Sie sehen auch dann noch hin, wenn es niemanden mehr interessiert und ihrer Karriere abträglich ist. Sie sind auf der Suche nach der Wahrheit und haben einen fast schon zwanghaften Sinn für Gerechtigkeit.

>>> Zu meiner Besprechung von “Mädchengrab” (John Rebus, Band 18)

10 von 10 Punkten

Ian Rankin: “Das Souvenir des Mörders”, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Goldmann Verlag, 614 Seiten.

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