Monthly Archives: February 2018

Felicia Yap: Memory Game

(c) Penhaligon

Vielleicht liegt es daran, dass ich momentan von sehr feinen deutschen Krimis wie Monika Geiers “Alles so hell da vorn” oder Simone Buchholz’ “Beton Rouge” verwöhnt bin. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich zunehmend ein Problem mit konstruierten Thrillern habe. Fest steht: “Memory Game” ist ein perfekter Thriller. Das ist aber gleichzeitig sein größter Schwachpunkt. Ich empfand die Geschichte überkonstruiert, seltsam glatt, fast schon seelenlos.

Dabei hat die britische Autorin Felicia Yap eigentlich eine ungewöhnliche Alternativwelt erschaffen, die sich in Monos und Duos unterteilt. Monos können sich nur an die Ereignisse des vorangegangenen Tages erinnern, das Gedächtnis von Duos reicht zwei Tage zurück. Das mag auf den ersten Blick kaum einen Unterschied machen, entscheidet aber über die gesellschaftliche Stellung. Nur Duos erhalten gute Jobs und leben in guten Vierteln. Monos hingegen werden allerorts diskriminiert.

Ob man Mono oder Duo ist, stellt sich erst mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Erstere vergessen ab dem Alter von 18 Jahren, Zweitere ab 23. Ein spannender Aspekt: Durch Auswendiglernen kann man wichtige Erinnerungen, die man in einem Tagebuch festhält, ins Langzeitgedächtnis transportieren.

Ausgerechnet Duo-Schriftsteller Mark Henry Evans, verheiratet mit der Mono Claire und Aushängeschild einer Bewegung für die Gleichstellung der beiden Arten von Menschen, wird in “Memory Game” des Mordes verdächtigt. Und die Tote ist keine gewöhnliche Frau: Sophia ist ein Fehler im System, sie kann sich an alles erinnern. Daher konnte in ihr auch der Plan reifen, Rache zu nehmen, und zwar an Mark. Warum ist unklar, klar ist allerdings: Nur wer ein Gedächtnis hat, kann nachtragend sein.

Es ist also ein faszinierendes Gedankenspiel, an dem Yap ihre Leser teilhaben lässt. Für das unkonventionelle Setting ist das Buch allerdings dann doch recht konventionell geraten. Zudem hatte ich ein ziemliches Problem mit den wechselnden Erzählerstimmen. Ob Claire, Mark oder der Polizist Hans: es wirkt, als sprächen sie alle mit einer Stimme. Besonders bei Hans gab es einige Szenen, wo ich mir dachte: So denkt jetzt seine Autorin, aber nicht der männliche Polizist. Lediglich die niederträchtige Sophie weicht ab.

Störend fand ich auch die recht plumpe Einführung des “iDiary” gleich zu Beginn. Schon klar, ein digitales Tagebuch ist unabdingbar. Wie sollte man sein Leben auch sonst organisieren? Was nicht aufgeschrieben wird, ist unwiederbringbar vergessen. Mir kam das aber eher wie plumpes Product-Placement vor.

“Memory Game” steht ganz in der Tradition von Gillian Flynns “Gone Girl” und Paula Hawkins “Girl on the Train”. Letztlich ist es auch eine recht biedere Welt, die Yap da präsentiert. So richtig spürbar werden die Konflikte zwischen Duos und Monos nicht. Marks Entschuldigungen bei seiner Ehefrau mit unglaublich riesigen Blumensträußen kamen mir seltsam kitschig vor. Keine Ahnung, diese Welt ist so furchtbar sauber, kein bisschen Schmutz. Da ist nichts “dirty”. Konstruktion steht im Vordergrund, ich konnte aber die Menschen nicht spüren. Daher waren mir ihre Schicksale auch gleichgültig.

5 von 10 Punkten

Felicia Yap: “Memory Game”, übersetzt von Bettina Spangler, 448 Seiten, Penhaligon.

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Krimi-Bestenliste Februar: Ein Abgleich

(c) Dumont

Sieben Neueinstiege hat die Krimi-Bestenliste im Februar zu bieten. Auf Platz eins hat sich Oliver Bottini allerdings nicht verdrängen lassen. Doch bereits auf Platz zwei folgt Mike Nicol mit “Korrupt”. Ich weiß echt nicht, wie lange ich es mir noch leisten kann, nichts von diesem Autor gelesen zu haben.

Wie sieht es mit den weiteren Neueinstiegen aus? Von Dror Mishani habe ich “Die Möglichkeit eines Verbrechens” gelesen. Das Buch hat mir damals gut gefallen. Sein neuer Roman klingt aber ziemlich ähnlich, ich werde es daher eher nicht lesen.

Gelesen habe ich hingegen schon William Boyles “Gravesend” und Gerald Seymours “Vagabond”. Beide Bücher haben ihren Platz verdient, mehr dazu hier in Kürze.

Von Regina Nösslers “Schleierwolken” habe ich bislang überhaupt nichts mitbekommen, da muss ich mich gleich schlauer machen.

Tony Parsons “In eisiger Nacht” dürfte nun endlich mal kein klassischer Serienkiller-Thriller sein, daher könnte das durchaus interessant sein. Und Antti Tuomainens “Die letzten Meter bis zum Friedhof” hatte ich im Buchgeschäft schon in der Hand, ich habe es dann aber doch wieder zurückgelegt. Hmm, eine Fehlentscheidung?

Die Liste im Überblick:

1. Oliver Bottini: “Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens” (1)
2. Mike Nicol: “Korrupt” (-)
3. Jan Costin Wagner: “Sakari lernt, durch Wände zu gehen” (2)
4. Volker Heise: “Außer Kontrolle” (7)
5. Dror Mishani: “Die schwere Hand” (-)
6. William Boyle: “Gravesend” (-)
7. Gerald Seymour: “Vagabond” (-)
8. Regina Nössler: “Schleierwolken” (-)
9. Tony Parsons: “In eisiger Nacht” (-)
10. Antti Tuomainen: “Die letzten Meter bis zum Friedhof” (-)

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Krimis, die man 2018 lesen sollte (I)

(c) Nagel & Kimche

Meine Rubrik “Krimis, die man lesen sollte” ist in den letzten Monaten ein wenig entschlummert. Längst Zeit, sie wiederzubeleben! Hier also fünf Krimi-Neuerscheinungen aus dem Januar, die vielversprechend klingen.

Ein Krimi, der erst vor wenigen Tagen auf meinem Radar aufgetaucht ist: “Der Klügere lädt nach”. Mir gefällt schon der Titel, wunderbar für einen schmalen Kriminalroman voll trockenem Humor. Ich erwarte mir einiges.

Der Verlagstext: Sheriff Lucian Wings Erfolgsgeheimnis ist die Geduld. Doch nun hat seine Frau ihn rausgeworfen, und der neue Vorsitzende hält von Geduld nicht viel. Als sich in der Gegend einige kuriose Unfälle ereignen, bei denen junge Rowdys zu Schaden kommen, will der Vorsitzende die Fälle geklärt haben. Der Sheriff muss das Problem auf eine ganz neue Art lösen. Gefährlich sind nämlich nicht nur die bösen Jungs, sondern auch diejenigen, die die Gesetze selbst in die Hand nehmen … Auch in seinem dritten Thriller erzählt Castle Freeman mit trockenem Humor und meisterhafter Verdichtung und zeigt uns die USA von einer anderen Seite.

(c) Polar Verlag

Der Polar Verlag ist zurück! Ich stecke bereits in der Lektüre von “Gravesend” und muss sagen: Mit diesem Autor hat der Verlag einen guten Griff getan.

Ray Boy Calabrese wird aus dem Gefängnis entlassen. Während seiner Schulzeit hat er einen Jungen wegen seines Schwulseins gequält, ihn zusammen mit Freunden geschlagen, getreten, sodass Duncan nur die Flucht blieb und er überfahren wurde. Vor Gericht nannten sie es Hate Crime, ein sexistisch moti­viertes Verbrechen. Nun kommt Ray Boy Calabrese aus der Haft frei und will nur noch sterben. Duncans Bruder Conway hat Rache geschworen, lernt schießen und trifft nicht. Er ist neunundzwanzig, arbeitet in einem Rite Aid und wohnt bei seinem Vater Pope. Mit Ray Boys Heimkehr in sein altes Viertel reißen die nur leicht übertünchten Risse in der Familie auf, in der er aufg­wachsen ist. Während sein Neffe Eugene in ihm ein Idol sieht und bitter ent­täuscht ist, dass sein Held zu einem gebrochenen Mann geworden ist.

William Boyles „Gravesend“ geht der Frage nach, inwieweit wir zur Vergebung fähig sind. Andern und uns selbst gegenüber. Denn uns selbst gegenüber sind wir unerbittlich, wenn es um Träume und Hoffnungen geht.

(c) liebeskind

“Speicher 13” ist die erste von drei Krimi-Neuerscheinungen des liebeskind-Verlags im Frühjahr. Wer sich hier einen reißenden Thriller erwartet, wird aber enttäuscht sein. Jon McGregor porträtiert ruhig eine kleine Stadt über einen Zeitraum von 13 Jahren. Außergewöhnlich, so viel sei verraten.

Ein kleines Dorf in Mittelengland. Die dreizehnjährige Rebecca Shaw, die hier mit ihren Eltern die Weihnachtsferien verbringt, kehrt von einer Moorwanderung nicht zurück. Die Polizei leitet umgehend eine großangelegte Suchaktion ein. Ein Hubschrauber wird eingesetzt, Beamte durchkämmen die Gegend, Taucher kontrollieren die umliegenden Speicherseen. Auch die Dorfbewohner beteiligen sich an der Suche. Die Presse erfährt vom Verschwinden des Mädchens und schickt Reporter vor Ort. Bald schon fürchten alle Beteiligten das Schlimmste, und die Leute im Dorf müssen einen Weg finden, im Schatten der Ereignisse ihren Alltag zu bewältigen …

Mit großer Virtuosität und untergründiger Spannung erzählt Jon McGregor, wie Menschen mit einer Tragödie umgehen, die sie aus nächster Nähe miterleben, und was von dieser Tragödie den Wandel der Zeit überdauert. Denn die Ungewissheit bleibt. Auch wenn die Jahre vergehen.

(c) Rowohlt

Ein polnischer Kriminalroman, der in den 1930er Jahren spielt. “Der Boxer” klingt nach spannender Lektüre. Ein Unterweltdrama, einmal nicht aus den USA. Ich bin schon sehr neugierig.

Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.

Der Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seine Verletzlichkeit als Jude im Vorkriegs-Warschau: «Der Boxer» ist grandios angelegt und fast filmisch erzählt, ein Panorama mit Sportlern und Schurken, einem Mann mit zwei Gesichtern, glamourösen Huren und charismatischen Gangstern. Ein überragender, thrillerhafter Roman, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich erlebbar macht.

(c) Blanvalet

Eine neue Krimi-Stimme aus Finnland. Noch immer bietet Ex-Jugoslawien Stoff für spannende Romane. Ich hoffe nur, bei “Der gesetzlose Richter” handelt es sich nicht um irgendeine klischeebeladene Geschichte.

Viele Jahre ist es her, seit Daniel Kuisma als Soldat im ehemaligen Jugoslawien diente und tief traumatisiert in seine finnische Heimat zurückkehrte. Nun führt ihn das Verschwinden eines Landmanns zurück nach Kroatien. Doch was zuerst wie die Entführung eines finnischen Botschafters aussieht, entpuppt sich als persönlicher Racheakt an Kuisma. Denn dieser war einst Mitglied einer geheimen Eliteeinheit, die Kriegsverbrecher aufspürte und den Behörden auslieferte. Nun hat jemand den Spieß umgedreht und macht aus dem Jäger Kuisma den Gejagten. Doch damit Daniel Kuisma den Drahtzieher finden kann, muss er in seine dunkle Vergangenheit eintauchen …

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