Felicia Yap: Memory Game

(c) Penhaligon

Vielleicht liegt es daran, dass ich momentan von sehr feinen deutschen Krimis wie Monika Geiers “Alles so hell da vorn” oder Simone Buchholz’ “Beton Rouge” verwöhnt bin. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich zunehmend ein Problem mit konstruierten Thrillern habe. Fest steht: “Memory Game” ist ein perfekter Thriller. Das ist aber gleichzeitig sein größter Schwachpunkt. Ich empfand die Geschichte überkonstruiert, seltsam glatt, fast schon seelenlos.

Dabei hat die britische Autorin Felicia Yap eigentlich eine ungewöhnliche Alternativwelt erschaffen, die sich in Monos und Duos unterteilt. Monos können sich nur an die Ereignisse des vorangegangenen Tages erinnern, das Gedächtnis von Duos reicht zwei Tage zurück. Das mag auf den ersten Blick kaum einen Unterschied machen, entscheidet aber über die gesellschaftliche Stellung. Nur Duos erhalten gute Jobs und leben in guten Vierteln. Monos hingegen werden allerorts diskriminiert.

Ob man Mono oder Duo ist, stellt sich erst mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Erstere vergessen ab dem Alter von 18 Jahren, Zweitere ab 23. Ein spannender Aspekt: Durch Auswendiglernen kann man wichtige Erinnerungen, die man in einem Tagebuch festhält, ins Langzeitgedächtnis transportieren.

Ausgerechnet Duo-Schriftsteller Mark Henry Evans, verheiratet mit der Mono Claire und Aushängeschild einer Bewegung für die Gleichstellung der beiden Arten von Menschen, wird in “Memory Game” des Mordes verdächtigt. Und die Tote ist keine gewöhnliche Frau: Sophia ist ein Fehler im System, sie kann sich an alles erinnern. Daher konnte in ihr auch der Plan reifen, Rache zu nehmen, und zwar an Mark. Warum ist unklar, klar ist allerdings: Nur wer ein Gedächtnis hat, kann nachtragend sein.

Es ist also ein faszinierendes Gedankenspiel, an dem Yap ihre Leser teilhaben lässt. Für das unkonventionelle Setting ist das Buch allerdings dann doch recht konventionell geraten. Zudem hatte ich ein ziemliches Problem mit den wechselnden Erzählerstimmen. Ob Claire, Mark oder der Polizist Hans: es wirkt, als sprächen sie alle mit einer Stimme. Besonders bei Hans gab es einige Szenen, wo ich mir dachte: So denkt jetzt seine Autorin, aber nicht der männliche Polizist. Lediglich die niederträchtige Sophie weicht ab.

Störend fand ich auch die recht plumpe Einführung des “iDiary” gleich zu Beginn. Schon klar, ein digitales Tagebuch ist unabdingbar. Wie sollte man sein Leben auch sonst organisieren? Was nicht aufgeschrieben wird, ist unwiederbringbar vergessen. Mir kam das aber eher wie plumpes Product-Placement vor.

“Memory Game” steht ganz in der Tradition von Gillian Flynns “Gone Girl” und Paula Hawkins “Girl on the Train”. Letztlich ist es auch eine recht biedere Welt, die Yap da präsentiert. So richtig spürbar werden die Konflikte zwischen Duos und Monos nicht. Marks Entschuldigungen bei seiner Ehefrau mit unglaublich riesigen Blumensträußen kamen mir seltsam kitschig vor. Keine Ahnung, diese Welt ist so furchtbar sauber, kein bisschen Schmutz. Da ist nichts “dirty”. Konstruktion steht im Vordergrund, ich konnte aber die Menschen nicht spüren. Daher waren mir ihre Schicksale auch gleichgültig.

5 von 10 Punkten

Felicia Yap: “Memory Game”, übersetzt von Bettina Spangler, 448 Seiten, Penhaligon.

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3 Comments

Filed under Rezensionen

3 responses to “Felicia Yap: Memory Game

  1. Janna | KeJas-BlogBuch

    Die Grundstory reizt sehr und ich war immer wieder versucht das Buch zu kaufen. Aber eben bezüglich deiner Kritikpunkte habe ich immer geschwankt – toller Ausgangspunkt und dann? Spannungsaufbau? Tiefgang der Story? Verlorene Protas?
    Besonders der Punkt, die Charaktere würden sich beim Lesen nicht stark unterscheiden schreckt mich ein wenig ab … Hach, es nicht zu kaufen war wohl die richtige Entscheidung – möchte aber nicht ausschließen das es doch nochmal einzieht 😉

    • Ja, ich glaube am meisten hat mich gestört, dass das irgendwie eine biedere, saubere und sterile Welt ist. Wenn man Konzept-Thriller mag, wird es aber wohl gut passen.

  2. Marius

    Ich hab das Buch vor circa einem halben Jahr gelesen und kurz besprochen. Ich weiß gar nichts mehr von Inhalt und Erzählweise. Das spricht auf alle Fälle für seine kurze Halbwertszeit …

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