Monthly Archives: June 2015

11 Wege, zu guten Krimis zu kommen (IV): Die Macht der Übersetzer

(c) Arrow Books

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Eine Diskussion hat vor wenigen Wochen die Krimi-Welt bestimmt: Sollen Blogger die Übersetzer von Krimis erwähnen oder nicht? Ich muss da jetzt nicht besonders leidenschaftlich werden, um zu sagen: Ja, keine Frage. Das ist eine Frage der Fairness. Ich will mich jetzt aber nicht in diese Diskussion einmischen (mehr dazu hier), sondern die Gelegenheit nutzen, meine “11 Wege, zu guten Krimis zu kommen”-Serie endlich fortzusetzen. Ich wollte gerade diesen Teil schon seit langer Zeit schreiben, nun habe ich endlich einen guten Anlass. Es ist ein Plädoyer für Übersetzer.

Ich will das am Beispiel von Conny Lösch festmachen, die tatsächlich ein Garant für gute – nein, für außergewöhnlich gute – Krimis ist. Spannungsliteratur, die sie übersetzt, steht für Qualität (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sowohl Don Winslow, William McIlvanney, Ian Rankin, Howard Linskey, Denise Mina und William Shaw zählen zu den echten Könnern des Genres und meinen persönlichen Lieblingsautoren. Ich gebe alle paar Woche mit Vorfreude den Namen dieser Übersetzerin ein, um nach Neuerscheinungen zu suchen.

Wer mehr über “Die Frau hinter den großen Namen” wissen will, sollte auf den Link klicken. Dann wird auch nachvollziehbar, warum sie vor allem Briten übersetzt. Als Beatles-Liebhaberin muss ihr die Übersetzung von William Shaw ja ein besonderes Anliegen gewesen sein. Sie selbst sagt in einem Interview: “Am liebsten übersetze ich gute Bücher, wobei ein Buch natürlich aus ganz unterschiedlichen Gründen gut sein kann. Nur für die Miete mache ich eigentlich nichts. Aber da ich die Bücher vorher nicht lese, kann auch mal eine Niete dabei sein. Ich hatte bisher aber großes Glück: von den inzwischen über vierzig Büchern, die ich übersetzt habe, fand ich nur zwei richtig schlecht.”

Ähnlich verhält es sich übrigens mit Peter Torberg, der etwa Adrian McKinty oder Daniel Woodrell übersetzt. Oder Daniel Ray Pollock. In meiner intensiven Thriller-Phase bin ich andererseits immer wieder bei Büchern gelandet, die von Wulf Bergner (z.b. Jack-Reacher-Serie von Lee Child) übersetzt wurden. Das ist bestimmt kein Zufall.

Welch außergewöhnliche Arbeit Übersetzer leisten, zeigt auch das Beispiel Don Winslow, der nicht nur von der genialen Conny Lösch übersetzt wird, sondern auch von Chris Hirte. Hirte hat etwa “Tage der Toten”, “Frankie Machine” und “Die Sprache des Feuers” übersetzt, während Lösch “Zeit des Zorns”, “Kings of Cool” sowie die Surfer-Krimis rund um Boone Daniels und neuerdings die Serie um Neal Carey übersetzt hat. Beide Übersetzer werden Winslow absolut gerecht.

Ich habe gerade Winslows “Tage der Toten” zum zweiten Mal gelesen, um mich auf “Das Kartell” einzustimmen – abwechselnd ein paar Seiten auf Deutsch, dann wieder auf Englisch. Und da sieht man schon, dass das große Kunst ist. Der Übersetzer kann ja nicht einfach nur zusammenhangslos einen Satz nach dem anderen ins Deutsche übersetzen, sondern muss viel mehr leisten. Er muss die Atmosphäre transportieren, muss das einzigartige Gefühl zwischen den Zeilen vermitteln, muss dem Original-Autor gerecht werden. Natürlich kann man jetzt diskutieren, wie originär die Leistung des Übersetzers ist. Aber eines steht fest: Ein schlechter Übersetzer kann ein wirklich gutes Buch zerstören. Dann wirkt alles unrund, passt nicht so ganz, die Atmosphäre fehlt.

Kann also der Übersetzer sogar das Originalwerk verbessern? Diese Frage stellte die Deutsche Welle 2006 dem Umberto-Eco-Übersetzer Burkhart Kroeber. Dieser hat meiner Meinung nach eine sehr schöne Antwort gegeben: “Denn wie Umberto Eco es selbst einmal so schön beschrieben hat: Ein Autor, der einen Roman schreibt, muss zunächst eine ganze Welt erfinden – nicht nur die Sprache, in der sich diese Welt ausdrückt, sondern das gesamte Konstrukt. Erst wenn die Architektur dieser Welt vollständig entwickelt ist, wenn das Gebäude steht, erst dann kann er sich der Fassade – der Sprache – widmen. Wir Übersetzer müssen kein ganzes Haus neu bauen, wir können uns gleich voll und ganz der Fassade widmen. Insofern kann es durchaus in bestimmten Konstellationen dazu kommen, dass ein für sich wunderbarer Roman in einer übersetzten Fassung sprachlich eine kleine Spur gelungener erscheinen mag.”

Ich finde das auch nicht anmaßend, es ist ein wunderbares Bild für die Arbeit des Übersetzers.

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William McIlvanney: Die Suche nach Tony Veitch

(c) Kunstmann

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Vorab will ich gleich auf das feine William-McIlvanney-Interview von Marcus Müntefering auf Krimi-Welt verweisen. Das sollte wirklich jeder lesen, der mehr über diesen außergewöhnlichen schottischen Autor wissen will. Er habe nur aus Versehen die Krimilandschaft revolutioniert, gibt er darin etwa zu. Er wollte 1977 mit “Laidlaw” eigentlich gar keinen Kriminalroman schreiben. Dennoch hat er Autoren wie Ian Rankin – der selbst sagt, er wäre ohne McIlvanney wohl kein Krimiautor geworden – inspiriert: “Da war dieser literarische Schriftsteller, der sich dem urbanen, zeitgenössischen Krimi zugewandt hatte und zeigte, dass das Genre große moralische und soziale Fragen angehen konnte.”

Wer das bereits oben erwähnte “Laidlaw” oder nun eben “Die Suche nach Tony Veitch” liest, kann Rankins Aussage nur unterschreiben. McIlvanney schreibt wunderbare Literatur – Krimi hin oder her. Gerade das vorliegende Buch ist auch ein mitreißendes Plädoyer für die Anständigkeit, einen gern vergessenen Wert in der Gesellschaft. McIlvanney macht Unsichtbare – Obdachlose oder alte, einsame Frauen – sichtbar. Die Kernaussage: Niemandes Tod ist irrelevant. Und Polizist Jack Laidlaw ist vehementer Botschafter dieser vier Worte. Er stößt damit oft auf wenig Gegenliebe bei seinen Kollegen, die scheinbar klare und unwichtige Fälle gern mal zu den Akten legen. Zudem hinterfragt er ständig alles: Er will nicht nur wissen, wer der Mörder war, sondern auch wissen, was die Intentionen seiner Vorgesetzen sind. Warum soll er ermitteln oder nicht ermitteln?

Mir persönlich war dieser philosophierende Inspektor Jack Laidlaw aber bei “Die Suche nach Tony Veitch” ein wenig zu viel. Im Gegensatz zu “Laidlaw” haben mich die philosophischen Betrachtungen zwischendurch auch ein wenig gelangweilt. Immer wieder habe ich mich beim Lesen dabei ertappt, dass ich abdrifte. Das ist allerdings Jammern auf sehr hohem Niveau. Denn wer sich für Krimis interessiert, sollte unbedingt bei McIlvanney vorbeischauen. Das ist wirklich große Kunst – und immer wieder packt er dann ja doch irgendwelche Dialoge oder Szenen aus, die lange haften bleiben.

Zur Orientierung: “Die Suche nach Tony Veitch” ist der zweite Teil der Trilogie um den Glasgower Inspektor Jack Laidlaw. Die drei Krimis sind im Original zwischen 1977 und 1991 erschienen und werden nun Band für Band neu übersetzt. Conny Lösch ist es dabei – wie schon beim Auftakt “Laidlaw” perfekt gelungen, McIlvanneys Stimmung zu transportieren.

8 von 10 Punkten

William McIlvanney: “Die Suche nach Tony Veitch”, übersetzt von Conny Lösch, 317 Seiten, Verlag Antje Kunstmann.

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Adrian McKinty: Die verlorenen Schwestern

(c) suhrkamp nova

(c) suhrkamp nova

Adrian McKinty ist immer wieder für Überraschungen gut. War “Sirenen von Belfast”, der zweite Teil seiner Sean-Duffy-Serie, auch so etwas wie eine pophistorische Abhandlung, hat er nun bei Teil drei, “Die verlorenen Schwestern”, beschlossen, dass das Popjahr 1983 am besten zu verschweigen ist (was er dann auch konsequent durchzieht):

“Nur Synthesizer, Drum Machine und hohe Stimmen. Aber so waren die Zeichen der Zeit, und nun, da der Herbst angebrochen war, konnte man mit ziemlicher Bestimmtheit festhalten, dass 1983 wohl das schlimmste Jahr in der Geschichte der Popmusik der letzten zwei Jahrzehnte werden würde.”

Einspruch, lieber Adrian McKinty: 1983 erschien “Construction Time Again” von Depeche Mode! Mit an Bord auf diesem Album: Der Song “Pipeline”, der das Industrie-Zeitalter perfekt hörbar macht. Die Bandmitglieder gingen für diesen Song auf stillgelegte Rangierbahnhöfe und sammelten Rohre sowie Schrott zusammen, um den unverkennbaren Metall-Sound herzustellen. “Wir sampelten den Klang der Welt”, sagte Musikproduzent Gareth Jones über den Song. Mute-Records-Gründer Daniel Miller sagte: “Wir hämmerten, donnerten, kratzten, zerrten und bliesen auf und in alles, um interessante Geräusche zu machen”. Gegen Ende des Lieds kann man sogar Züge fahren hören. Der eigentliche Hauptdarsteller ist aber wohl der springende Tischtennisball, der im Hintergrund zu hören ist…

Sorry übrigens für diesen sehr persönlichen Exkurs, ich konnte nicht anders 😉

Also zurück: Stattdessen greift McKinty auf ein klassisches Stilelement des Kriminalromans zurück: Das Rätsel des verschlossenen Raums (in der Tradition von Edgar Allan Poe – “Der Doppelmord in der Rue Morgue”). Denn eine Frau ist in einem geschlossenen Lokal ums Leben gekommen. Eigentlich kann es nur ein Unfall gewesen sein – oder doch nicht? Duffy muss dieses Rätsel lösen, ehe sich seine Informantin bereit erklärt, den Aufenthalt eines flüchtigen IRA-Terroristen zu verraten.

Erneut spielt der Roman in der “heißen” Phase des Nordirland-Konflikts Anfang der 1980er Jahre. Und manche Dinge ändern sich nie in Duffys Leben. Immer noch muss er vor jeder Fahrt unter das Auto sehen, um sicher zu gehen, dass nicht jemand eine Bombe darunter angebracht hat. Als katholischer Bulle in Nordirland ist er schließlich ein begehrtes Ziel. Sehr fein verarbeitet McKinty aber auch die realen Ereignisse rund um den Anschlag von Brighton im Oktober 1984 auf Premierministerin Margaret Thatcher.

Ein wenig sauer stößt mir hingegen der Wechsel von Hardcover- auf Paperback-Format auf. Das macht man einfach nicht innerhalb einer Serie, finde ich. Wie schaut denn das im Regal aus? Ich weiß, angesichts der E-Books wirkt diese Einstellung ziemlich antiquiert, aber so sehe ich es halt. Die Kritik wird dem Verlag ohnehin ziemlich egal sein. Ach ja, und warum wurde der irische Grünton der ersten beide Cover (hier und hier) gegen ein Grau gewechselt? Was will man uns damit sagen?

Das ändert aber nichts am Gesamteindruck. Denn noch immer zählt das gedruckte Wort am meisten:

8 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Die verlorenen Schwestern”, übersetzt von Peter Torberg, 378 Seiten, suhrkamp nova.

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KrimiZeit-Bestenliste im Juni: Ein Abgleich

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Es ist eine historische KrimiZeit-Liste: Erstmals befinden sich drei Frauen auf den Top-3-Plätzen! Gratulation den Krimiautorinnen und der Jury. Dass Merle Kröger Platz eins einnehmen wird, habe ich ja schon in meinem letzten Beitrag vorhergesehen. Das war aber auch nicht schwer: “Havarie” ist schlicht der Krimi der Stunde, der Krimi zur aktuellen Situation im Mittelmeer. Ich habe das Buch bereits gelesen und ich hoffe, dass es noch länger die KrimiZeit-Bestenliste anführen wird, auch wenn sicher einige darüber diskutieren werden, ob es sich bei “Havarie” überhaupt um einen Krimi handelt. Es ist schlicht ein mosaikhaftes kleines Meisterwerk, eine präzise Bestandsaufnahme der Lage vor den Küsten Europas. Aus vielen Perspektiven betrachtet, die eine Wahrheit (die es ja nicht gibt) vermeidend.

James Lee Burkes “Sturm über New Orleans” habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen. Ich bin aber bis jetzt nicht dazu gekommen, es hier in Worte zu fassen. Für mich ist das aber auch einer der besten Krimis des ersten Halbjahrs.

Sehr fein finde ich es auch, dass es Victor und wa Ngugi in die KrimiZeit-Bestenliste geschafft haben. Das zeigt gut, wo überall noch Krimis spielen können. Hier werden zwei Schauplätze beleuchtet, die sonst kaum je irgendwelche Aufmerksamkeit erhalten. Ich hoffe, zumindest für eines der beiden Bücher Zeit zu finden.

Dass Zoe Becks “Schwarzblende” nicht aus der Liste rücken will, steigert mein schlechtes Gewissen: Ich muss endlich Beck lesen 😦 Aber es gibt auch noch so viele andere spannende Krimis, die es nicht (oder noch nicht) auf die Liste geschafft haben. Und ich bin momentan ohnehin blockiert: Ich werde noch heute “Das Kartell” von Don Winslow zu lesen beginnen, nachdem ich gerade zum zweiten Mal sein Meisterwerk “Tage der Toten” absolviert habe.

Die Liste im Überblick:

1 (-) Merle Kröger: Havarie
2 (10) Dominique Manotti: Abpfiff
3 (-) Sara Gran: Dope
4 (1) James Lee Burke: Sturm über New Orleans
5 (-) Gary Victor: Soro
6 (-) Mukoma wa Ngugi: Black Star Nairobi
7 (-) Davide Longo: Der Fall Bramard
8 (3) James Ellroy: Perfidia
9 (9) Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen
10 (2) Zoë Beck: Schwarzblende

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