Category Archives: Krim(i)skrams

Das Ende des Polar Verlags – und was es bedeutet

(c) Polar Verlag

Erst wenn manche Dinge nicht mehr da sind, merkt man, wie sehr man sie geschätzt hat. Für wie selbstverständlich man sie genommen hat. Das ist nun auch beim Polar Verlag, der Insolvenz angemeldet hat, der Fall. Die umstrittene Crowdfunding-Aktion, über die etwa Martin Compart kritisch schreibt, hat also auch nicht gefruchtet. Schade, dieser Verlag war innerhalb von vier Jahren zu einem Fixpunkt für Krimileser geworden, die nicht nur Mainstream wollen. Dass das finanziell schwer zu stemmen ist, hat ja zuletzt auch die sehr kurze Existenz des ambitionierten Metrolit-Verlags gezeigt. Aber man muss wohl auch als Leser akzeptieren, dass das Bestehen reiner, sehr spezieller Krimi-Verlage neben den global tätigen Branchenriesen kaum möglich ist. Offenbar gibt es den Markt dafür einfach nicht, so ehrlich muss man wohl sein.

Das ist traurig, aber passionierte Krimileser haben ohnehin ein geschärftes Auge für Realität. So funktioniert die Welt nun mal, auch wenn es einem nicht passt. Kein Grund zum Jammern. Denn es gibt sie sehr wohl noch, die Klein(st)verlage – etwa Ariadne, Pulp Master und Pendragon – die seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten, außergewöhnliche Stücke (Kriminal-)Literatur publizieren.

Was kann man also als Leser tun?

Erstens findet sich gute Crime Fiction zum Glück natürlich nicht nur in diesen Kleinverlagen. Auch die “bösen” globalen Verlage, die ihr Geld oft mit anderen populären Büchern machen, haben sehr gute Crime Fiction in ihrem Programm.

(c) Polar

Zweitens: Amerikaner, Briten und Australier können die meisten Leser ohnehin problemlos im Original lesen. Und ja, das kann auch das Gute an dieser Pleite sein: Nehmen wir doch wieder mehr Bücher im Original zur Hand. Ich denke da gleich einmal an Bill Beverly (“Dodgers”) und Reed Farrel Coleman.

Drittens blendet das zwar einen großen Teil der Welt aus – dafür gibt es dann aber etwa den Unionsverlag, der sich guter Kriminalliteratur auf ungewöhnlichen Schauplätzen angenommen hat. Gary Victor aus Haiti wiederum wird vom kleinen Litradukt-Verlag herausgegeben. Qualität findet doch oft ihren Platz. Es besteht also durchaus Hoffnung, dass Vielfalt bestehen bleibt. Und sehr gute französische Krimis sind momentan – hoffentlich ist das nicht nur dem Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse geschuldet – auch auf dem Markt.

Der Polar Verlag hat es für Crime Fiction Fans sehr gemütlich gemacht. Da wusste man, dass jede Neuerscheinung potenziell von Interesse sein wird. Dieser Luxus fällt nun wieder weg. Schön, dass du da warst, Polar Verlag – deine Bücher bleiben ohnehin bestehen. Aber wir Crime Fiction-Leser lassen uns das Lesen jetzt nicht verderben.

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Wo sind die Gangster?

Gangster gehören zum Kriminalroman einfach dazu. Oder etwas nicht? Aber warum verhält es sich bei deutschsprachigen Kriminalromanen ganz anders? Thomas Wörtche ging Anfang des Jahres in der “Polar Gazette” der Frage nach, warum der Gangster hier vollkommen abwesend ist. Er fragt sich, ob da etwa die Angst vorherrscht, “dass die Welt da draußen ein bisschen anders tickt als im gemütlichen Serialkiller-Schlachthaus und in Psychopathen-Fantasien”. Ich glaube, damit trifft er es ganz gut auf den Punkt. Zudem will das deutschsprachige Fernseh-, Kino- und Lesepublikum offenbar weiter auf der richtigen Seite stehen: auf der des Gesetzes, des Anwalts, der Polizei. Und im Idealfall steht am Ende die Auflösung.

Doch es sind gerade jene Romane, die aus der Perspektive des Verbrechers erzählt werden, die mich in letzter Zeit am nachhaltigsten beeindruckt haben: Dennis Lehanes “In der Nacht” und “Am Ende einer Welt”,  Howard Linskeys Trilogie (“Crime Machine”, “Gangland” und “Killer Instinct”), Dave Zeltsermans “Killer”, die Krimiklassiker “Die Freunde von Eddie Coyle” und “Ich töte lieber sanft” von George V. Higgins, Massimo Carlottos außergewöhnliches Gangster-Porträt “Am Ende eines öden Tages” sowie mein Lieblingskrimi des Vorjahres, “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis. All diese Autoren zwingen uns Leser, die Wohlfühlzonen zu verlassen.

Zumindest ein Lebenszeichen gab es im Vorjahr: André Pilz mit “Der anatolische Panther”. Seine Geschichten drehen sich generell um Randgruppen: Skinheads, Drogendealer oder wie im erwähnten Buch um türkischstämmige Kleinkriminelle. Auch TV-Serien wie “Tempel” und die für das Frühjahr angekündigte Mini-Serie “4 Blocks” geben Anlass zur Hoffnung, aber vermutlich werden Gangsterdramen weiterhin Nischenprodukte bleiben.

Letztlich stellen sich auch viele spannende – teilweise sehr grundlegende – Fragen: Was ist ein Gangster überhaupt? Wie definiert er sich? Haftet dem Begriff nicht auch etwas Glamourhaftes, Überhöhendes, Romantisches an? Oder sollte man eher von Berufsverbrechern oder Kriminellen sprechen? Müssen Gangster organisiert sein oder nicht?

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Der Krimi im digitalen Zeitalter

(c) KiWi

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Der Kriminalroman in Zeiten der Digitalisierung. Was lässt sich darüber sagen? Ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht.

Tom Hillenbrand hat 2014 mit “Drohnenland” einen der besten deutschen Kriminalromane der letzten Jahre geschrieben. Vieles, was mir darin vor zwei Jahren noch allzu futuristisch erschien, erscheint zwei Jahre später schon allzu vorstellbar (dass er damals bereits den Brexit thematisierte sei auch erwähnt). Am meisten hat mich an Hillenbrands Buch aber fasziniert, dass er aufzeigt, dass es selbst in einer perfekt überwachten, durchdigitalisierten Welt immer Schlupflöcher geben wird. Dass irgendwann alle Verbrechen verhinder- oder lösbar sein werden, das ist eine Illusion. Gut so, sonst könnte man den Kriminalroman abschaffen oder nur mehr in historischem Setting spielen lassen!

Am stärksten geht der Future Noir auf die digitale Entwicklung ein – in dystopischen Szenarien wie in “Drohnenland”, aber auch in Adam Sternberghs “Feindesland”, Nathan Larsons “2/14” oder Gudrun Lerchbaums “Lügenland”. Natürlich gibt es auch viele Techno-Thriller, hier seien besonders die Bücher von Marc Elsberg zu erwähnen – “Blackout”, “Zero” und nun “Helix”.

Natürlich spielen Soziale Medien, Smartphones und sich ständig verändernde Alltagswelten zunehmend auch in vielen Kriminalromanen immer öfter eine Rolle. Da kommt auch Dinosaurier Jack Reacher nicht aus. Mein Eindruck mag täuschen, aber gleichzeitig gibt es auch einen Boom historischer Kriminalromane, die man als eine Art Gegentrend deuten kann. Während man also auf der einen Seite fasziniert von den technischen Neuerungen ist, steigt offenbar auch das Bedürfnis, frühere Welten ohne all den digitalen Firlefanz zu verstehen.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wie war das damals in den 1980er Jahren – oder auch in den 1880er Jahren? Auch hier hat der moderne Kriminalroman viel anzubieten. Erwähnt seien die Trilogien von William Shaw (“Abbey Road Murder Song”, “Kings of London”, “History of Murder”) und Lyndsay Faye (“Der Teufel von New York”, “Die Entführung der Delia Wright”, “Das Feuer der Freiheit”). Philipp Kerr sei hier ebenfalls nicht vergessen. Und auch “Der Kaffeedieb” von dem bereits erwähnten Tom Hillenbrand, ein historischer Krimi, der Ende des 17. Jahrhunderts spielt.

Vielleicht erklärt sich auch der aktuelle Trend zum Country Noir ein wenig damit. Hier hält die Technik nur langsam Einzug, thematisiert wird das etwa in Benjamin Whitmers Krimi “Nach mir die Nacht”. Wo lässt sich besser unauffällig morden? Wo verschwinden Menschen einfach spurlos und werden womöglich irgendwo vergraben? Am besten geht das halt am Land, wo es nicht um jede Ecke einen unliebsamen Zeugen gibt. Mit Idylle ist es da nicht weit her. So gesehen ist der Country Noir so etwas wie die Wiege des modernen Kriminalromans. Hier sind die Uhren der Zeit stehen geblieben und die menschlichen Triebe bleiben immer die gleichen. Abseits des Lichts der Großstadt stirbt es sich so düster, hinterhältig, banal, schmutzig und brutal wie sonst nirgendwo.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Zeit der klassischen Großstadt-Krimis ein wenig vorbei ist. Natürlich gibt es da immer noch Michael Connellys L.A.-Krimis, aber dann wird es recht rasch dünn (vielleicht lese ich aber auch nur das falsche Zeugs!).

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Vier Jahre crimenoir!

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Wow, schon wieder ist ein Jahr um. Ich muss zugeben, ich hatte heuer Mitte des Jahres erstmals einen “Hänger”, weil ich beim Bloggen mit dem Gelesenen nicht mehr mitgekommen bin. Der zeitliche Abstand zwischen Lektüre und Rezension war teilweise zu groß. Auch weigere ich mich weiterhin beim Lesen ständig Notizen zu machen, was mir das Bloggen erschwert, mir aber andererseits teilweise den Lesespaß nehmen würde.

Das Lesen am E-Reader, dem ich lange skeptisch gegenüberstand, hat sich dabei als hilfreich erwiesen, weil man ganz einfach Bookmarks setzen kann. Und der E-Reader hilft auch bei einem weiteren Problem ganz wesentlich: Wohin mit all den (un)gelesenen Büchern?

Ich will mein vierjähriges Bestehen nutzen und wieder kurz auf die Krimitrends des vergangenen Jahres eingehen, soweit ich diese erkennen konnte:

  • Das Genre Country Noir ist momentan wichtiger denn je. Ich habe das in einem Plädoyer hier auch schon einmal kurz erklärt. Wer sich nicht länger über das “unbegreifbare” ländliche Amerika wundern will, sollte einfach mehr Krimis lesen 😉 Wer sich für US-Politik interessiert, sollte sich wohl auch auf keinen Fall den neuen Isaac-Sidel-Krimi “Winterwarnung” (ab 20. Jänner erhältlich) von Jerome Charyn entgehen lassen. Charyns Kultfigur wird im neuen Band ausgerechnet US-Präsident.
  • Der deutschsprachige Krimi ist vielseitig wie selten zuvor: André Pilz (“Der anatolische Panther”), Horst Eckert (“Wolfsspinne”), Simone Buchholz (“Blaue Nacht”), Gregor Weber (“Asphaltseele”) und Marc Elsberg (“Helix”) zeigen einerseits, wie unterschiedlich Krimi sein kann und andererseits, dass es neben glattgebügelten Erfolgsthrillern mit extragrauslichen Schockmomenten ziemlich viel guten Stoff gibt. Dass es sich dabei 2016 um kein Eintagsfliegenjahr handelt, darauf lassen schon allein die erwarteten neuen Bücher von Clementine Skorpil (“Langer Marsch”), Zoe Beck (“Die Lieferantin”), Max Annas (“Illegal”) und Norbert Horst (“Kaltes Land”) schließen.
  • Ich habe es schon mehrfach erwähnt: Aber Lawrence Blocks kriminalliterarischer Selbstverteidigungsakt zollt mir Respekt ab. Da ihn die Verlage nicht mehr übersetzen wollen, macht er das einfach mit dem Übersetzer Stefan Mommertz selbst. Mittlerweile sind schon drei Bänder der Matthew-Scudder-Reihe erschienen: “Die Sünden der Väter”, “Drei am Haken” und “Mitten im Tod”.
  • Die drei Krimi-PPP sind einfach nicht wegzudenken: Polar Verlag, Pulp Master, Pendragon. Schön, dass es euch gibt!
  • Aber auch der Suhrkamp-Verlag sticht für mich sehr positiv heraus, wie mir mein letzter Beitrag bewusst gemacht hat (das ist natürlich unverkennbar Thomas Wörtches Handschrift!).

Dann nenne ich noch drei Gründe, weshalb 2017 ein gutes Krimijahr wird:

  • Der Verlag ars vivendi könnte sich nach John Harveys 2016 erschienenem Buch “Unter Tage” im neuen Jahr gleich mit drei Büchern stark im Bereich des Krimis abseits des Mainstreams etablieren: “Hard Revolution” (ab Mai) von George Pelecanos klingt ebenso nach Pflichtlektüre wie “Auf der Jagd” (bereits ab Februar) von Tom Bouman und “Das Schattencorps” (ab April) von Bernd Ohm. Das Engagement dieses Verlages ist sehr vielversprechend.
  • Die Rückkehr von Gerald Seymour (“Vagabond”), dem britischen Großmeister des Politthrillers, kann gar nicht laut genug gefeiert werden. Jetzt, liebe Verlage, lasst uns das doch bitte auch noch mit Reed Farrel Coleman (wie wäre es etwa mit “Gun Church”?) machen!
  • Der Trailer von Ben Afflecks “Live by Night” ist vielversprechend – ich hoffe sehr auf ein Film-Highlight, das dem Buch von Dennis Lehane gerecht wird.

Abschließen will ich mit einer Frage: Wer von euch kennt Peter May und seine “Lewis”-Trilogie? Lesenswert?

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Auf diese sieben Krimis freue ich mich 2017 am meisten

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Das Krimijahr 2017 kann kommen – und ich will gleich sieben gute Gründe liefern. Die folgenden Bücher kommen in den nächsten Monaten in die Regale der Buchgeschäfte und vor allem in mein eigenes 😉

Wenn ich einem Krimiautor momentan blind vertraue, dann ist das der Nordire Adrian McKinty, der mittlerweile in Australien lebt. “Rain Dogs” (ab 6. Februar) ist der fünfte Teil seiner bislang bestechend guten Serie rund um den katholischen Bullen Sean Duffy, der es nun bereits zum zweiten Mal mit einem “locked room mystery” zu tun bekommt. Ich bin schon sehr gespannt, wie McKinty das löst. Zuletzt ist aus der Reihe Ende 2015 “Gun Street Girl”, der für mich bislang beste Teil, erschienen.

Der Verlagstext: Die Journalistin Lily Bigelow wird im Hof von Carrickfergus Castle, wo sie sich allem Anschein nach über Nacht hat einschließen lassen, tot aufgefunden. Selbstmord, glaubt man, aber ein paar Dinge geben Sean Duffy zu denken, und er weigert sich, es dabei zu belassen. Duffy findet heraus, dass Bigelow an einer verheerenden Enthüllung in Sachen Korruption und Amtsmissbrauch innerhalb der höchsten Regierungskreise Großbritanniens und darüber hinaus gearbeitet hat. Und so sieht er sich mit zwei schwerwiegenden Problemen konfrontiert: Wer hat Lily Bigelow umgebracht? Und was wollte er oder sie damit vertuschen?

(c) Droemer

(c) Droemer

Noch eine Spur mehr freue ich mich aber auf Steve Hamiltons Auftakt zu einer neuen Serie. Eigentlich war “Das zweite Leben des Nick Mason” (ab 1. März) schon vor einem Jahr angekündigt, aus welchen Gründen auch immer wurde die Veröffentlichung dann aber verschoben. Warum dieser Autor so gut ist? Lest doch bitte einfach “Der Mann aus dem Safe” und dann widersprecht mir! Für mich ist das definitiv einer der besten Krimis des letzten Jahrzehnts.

Nick Mason war immer ein sauberer Gangster – soweit das in seinem Gewerbe möglich ist. Bis einer seiner Kumpels einen verdeckten Ermittler erschoss. Nick hielt sich an den Ehrenkodex, verriet seinen Komplizen nicht und ging in den Bau. Totschlag, Mindeststrafe: 25 Jahre. Im Gefängnis wird Darius Cole, der Pate von Chicago, auf ihn aufmerksam und macht ihm ein verlockendes Angebot: Nick soll Coles Mann für besondere Aufgaben werden, sein Ausputzer – und dafür wird er ihn raushauen. Und so ist Nick nach fünf Jahren wieder draußen. Eigentlich könnte er jetzt sein Leben in Freiheit genießen. Wenn da nicht dieses Handy wäre, das man ihm bei der Rückkehr nach Chicago überreicht hat. Wann wird es das erste Mal klingeln?

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Mit Gerald Seymour wird der britische Großmeister des anspruchsvollen Politthrillers nach eineinhalb Jahrzehnten endlich wieder ins Deutsche übersetzt. Ich wollte vor zwei Jahren einen ausführlichen Beitrag über Seymour und seine Bedeutung in meiner Werdung zum Krimisüchtigen schreiben, habe das dann aber leider nie getan. Nun bietet sich also schon bald die Gelegenheit und ich möchte mehr als nur eine übliche Besprechung abliefern. “Vagabond” ist ab 6. März erhältlich.

›Vagabond‹ ist der Deckname eines britischen Geheimagenten, der in Nordirland brutale Operationen gegen die IRA durchgeführt hat. Ausgebrannt zieht er sich für lange Jahre in die Normandie zurück und verdient seinen Lebensunterhalt als Touristenführer an den Invasionsstränden. Aber seine ehemaligen Vorgesetzten wollen ihn nicht ganz vom Haken lassen und zwingen ihn in eine MI-5-Aktion zurück: Er soll den Aufpasser für einen vom Geheimdienst erpressten Waffenhändler spielen, damit Waffenlieferungen aus Russland an die letzten, vom Friedensschluss frustrierten IRASplittergruppen unterbunden werden. Das erzählt man Vagabond zumindest, der gute Miene zum fiesen Spiel machen muss.

(c) Pendragon

(c) Pendragon

Sehr begeistert hat mich vor ziemlich genau einem Jahr Wallace Strobys Krimidebüt “Kalter Schuss ins Herz”“Geld ist nicht genug” (ab 20. März) ist nun der zweite Teil rund um die Berufsverbrecherin Crissa Stone, die mit Richard Starks Parker und Garry Dishers Wyatt verwandt sein könnte. Beim ersten Band lief aus meiner Sicht noch nicht alles ganz rund, aber das Potenzial war spürbar. Ich bin also schon sehr gespannt.

Metallteile und Plastik schlittern über den Asphalt. Volltreffer. Crissa Stone hebelt den Geldautomaten mit der Schaufel eines Frontladers aus der Verankerung und balanciert ihn auf die Ladefläche ihres Pick-ups. Sie liebt saubere Lösungen und fette Beute. Crissa hat das System des Bankraubs ohne Bank perfektioniert, aber ihre Partner verlieren die Nerven. Gangster, die sich gegenseitig umbringen – wie unprofessio­nell. Zum Glück wartet schon wieder ein neuer Job: Ein verstorbener Mafiaboss soll die Millionen eines Raubs jahrelang versteckt haben. Leider ist Crissa nicht die Einzige, die es auf das Geld abgesehen hat. Sie gerät zwischen die Fronten und muss fliehen: Vor dem Gesetz und einer Mafia-Gang aus New York. Was mit einem rasanten Knalleffekt startet, steigert sein Tempo Seite für Seite.

(c) Droemer

(c) Droemer

Was soll ich über Don Winslow noch sagen? Sein Drogen-Epos “Tage der Toten” ist ein herausragendes Werk, das mich vor ungefähr sechs Jahren endgültig wieder zum Krimi zurückgebracht hat. Ich erwarte mir von “Corruption” (ab Juni) ein ähnlich beeindruckendes, diesmal in New York spielendes Krimi-Epos.

In den Straßenschluchten von New York lässt der internationale Star-Autor Don Winslow ein alptraumhaft realistisches Szenario von Drogen, Menschenhandel, Mord entstehen. Er zeichnet die todbringende Allianz von staatlichen Stellen und organisiertem Verbrechen: Sie sehen sich als Elitetruppe der Polizei, eine verschworene Einheit, ausgestattet mit weitreichenden technischen und rechtlichen Möglichkeiten. Gemeinsam sollen sie für Ruhe und Ordnung in ihrem Revier sorgen, dem nördlichen Manhattan. Und genau das tun sie. Hier gelten ihre Spielregeln, hier geschieht nichts ohne ihr Wissen. Doch die Truppe ist extremem Stress ebenso ausgesetzt wie extremen Risiken … und extremen Verlockungen …
Don Winslows neues Meisterwerk – erschütternd, brutal und unnachgiebig.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Eigentlich wollte ich Zoe Becks “Schwarzblende” 2015 unbedingt lesen, doch es hat sich einfach nicht ergeben. Das ärgert mich bis jetzt. Aber 2017 wird das Jahr sein, in dem ich diese Autorin endlich kennenlerne. Und “Die Lieferantin” (ebenfalls ab Juni) klingt sehr vielversprechend:

London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Die Kugel, die in der Nacht einen Mann im Hafen tötete, war eigentlich für sie gedacht: Elliot Johnson. Sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Sache hat nur einen Haken – die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will Elliot tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Elliot beschließt zu kämpfen – ihre Gegner sind mächtig, und sie sitzen überall. Bei Scotland Yard, in den Gerichtssälen, im Parlament, in der Zentrale des Geheimdienstes. Und sie lauern an jeder Straßenecke.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Länger warten muss man auf Norbert Horsts neuen Krimi “Kaltes Land”, der erst für September angekündigt ist. Der Autor hat mich 2015 mit “Mädchenware” sehr begeistert. Dabei war mir das Buch eigentlich nur per Zufall und dank der KrimiZeit in die Hände gefallen. Horst widmet sich wieder einem brisanten Thema:

Er hat Macht, er hat Geld, doch seine Identität kennt niemand. Aus dem Dunkel zieht er die Fäden und handelt mit allem, was viel Geld bringt: Drogen, Waffen und Menschen. Sein Glück: Mit dem Flüchtlingsstrom kommen viele Verzweifelte nach Deutschland und müssen abtauchen. Unter ihnen findet er die willfährigen Handlanger für seine Geschäfte. Als einer von ihnen an einem verschluckten Päckchen Kokain stirbt, ermittelt Kommissar Steiger. Steiger, der sich mit seinen Chefs anlegt, der aber Gerechtigkeit will um jeden Preis, auch für die, die offiziell gar nicht existieren. Er wird nicht aufgeben, bis er ihn gefunden hat – den Mann im Hintergrund.

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Meine Lieblingskrimis 2016

Ich finde es interessant, wie unterschiedlich auch wir Krimi-Blogger unsere persönlichen Jahres-Bestenlisten angehen: Ich lasse da immer nur alle in diesem Jahr neu erschienenen Krimis einfließen, Der Schneemann wiederum lässt keine Bücher zu, die im Original vor mehr als zehn Jahren erschienen sind. Bei meiner Liste hilft mir das in drei Fällen (Massimo Carlotto, Lawrence Block und Gerald Kersh), die ich problemlos in die Liste mitaufnehmen kann. Zwei andere Bücher, die mich heuer sehr beeindruckt haben, müsste ich eigentlich nachträglich auf die Liste von 2015 hinzufügen, weil sie eben 2015 erschienen sind. Stattdessen werde ich sie aber hier noch einmal kurz erwähnen:

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

“Gun Street Girl” ist meiner Meinung nach sogar der beste Teil der bisher nicht gerade schwachen Serie rund um den katholischen Bullen Sean Duffy. McKinty schreibt nicht einfach nur sehr gut, sondern nahezu perfekt. Nichts kommt zu kurz: das Rätselhafte, die Ermittlerarbeit, starke Charaktere, Handlung, Humor und vor allem das zeithistorische Setting. Eine Jahres-Bestenliste ohne Adrian McKinty, das darf zudem eigentlich nicht sein 😉 Und das Beste: Im Februar erscheint der nächste Teil, “Rain Dogs”, endlich auf Deutsch.

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

Auch Ken Bruens Meisterwerk “Kaliber” ist bereits 2015 erschienen, ich habe es aber erst 2016 gelesen. Das Buch ist vor allem eine Hommage – eine Hommage an den Krimiklassiker “Der Mörder in mir” von Jim Thompson, aber auch an das Krimigenre an sich. Den ersten drei Kapiteln ist jeweils ein Zitat aus “Der Mörder in mir” vorangestellt, im ersten Kapitel selbst verbeugt sich ein durchgeknallter Killer vor dem klassischen Stück Hard-boiled Noir aus der Feder von Thompson.

Aber jetzt ab zu meiner Top-10-Liste:

(c) Deuticke

(c) Deuticke

Platz 10: Die erstaunlichste Leistung des Autors Iain Levison ist es, dass sein futuristisch klingendes Gedankenlese-Szenario ausgezeichnet in das Gewand eines klassischen Kriminalromans passt. Schon bald wird dem Polizisten Snowe in “Gedankenjäger” klar, dass seine neuen plötzlich auftretenden Gedankenlese-Fähigkeiten nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch sind. Auch dem verurteilten und in der Todeszelle sitzenden Mörder Brooks Denny eröffnen sich mit seinen plötzlich auftretenden Fähigkeiten neue Möglichkeiten. Die beiden geben ein äußerst ungewöhnliches Paar ab, dass erst durch das Schicksal zusammengeschweißt wird. Das ist manchmal Slapstick pur und ernsthaft zugleich.

(c) Tropen Verlag

(c) Tropen Verlag

Platz 9: Massimo Carlotto war für mich bisher eher eine Enttäuschung. Sowohl der Sardinien-Krimi “Tödlicher Staub” als auch sein autobiografischer Krimi “Der Flüchtling” konnten mich nicht so richtig begeistert. “Am Ende eines öden Tages” hat mich nun aber ziemlich umgehauen. Man muss seine Hauptfigur Pellegrini nicht mögen – das fällt auch denkbar schwer – um zu erkennen, dass der Autor einen selten authentischen Einblick in die düstere Welt eines Berufskriminellen gewährt, der seine Wurzeln auch dann nicht verleugnen kann, als er endlich ein “bürgerliches” Leben führt. Mehr dazu hier in Kürze.

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Platz 8: Malla Nunn nimmt den Leser auf eine packende Zeitreise in das Südafrika des Jahres 1953 mit, als die Apartheid noch jung war. Detective Sergeant Emmanuel Cooper wandelt dabei selbst ständig auf Messers Schneide, weil er ein “unreines” Verhältnis bzw. Kind hat. Gleichzeitig muss er in einem Fall ermitteln, in dem schon bald klar ist, dass der verdächtige schwarze Jugendliche nicht der Täter sein kann. Doch wie dessen Unschuld beweisen, wenn der korrupte Polizeiapparat gegen dich arbeitet? Nunns Kriminalromane sind vor allem fesselnde Geschichtsstunden.

(c) Eigenverlag

(c) Eigenverlag

Platz 7: Dass Lawrence Blocks erster Matthew-Scudder-Krimi “Die Sünden der Väter” in meiner Liste überhaupt auftauchen kann, ist ja selbst fast so spannend wie ein Krimi. Denn was tut ein Krimiautor, wenn er nicht mehr übersetzt wird? Er bringt sein Buch einfach selbst heraus. Block hat sich mit dem Übersetzer Stefan Mommertz zusammengetan und das Buch nun selbst als E-Book und Paperback herausgebracht. Geplant ist, die 17 Bände umfassende Scudder-Reihe erstmals vollständig auf Deutsch herauszubringen. Block sind bei diesem außergewöhnlichen Akt der literarischen Selbstverteidigung viele Leser zu wünschen. Teil zwei gibt es übrigens schon! . Scudder ist Ex-Cop und Alkoholiker, der aber einen nüchternen Blick auf die Welt behalten hat. Sein moralischer Kompass funktioniert bestens und ist wichtiger als das Geld von Auftraggebern. Deshalb muss man diesen außergewöhnlichen Kerl einfach lieben.

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Platz 6: Liza Codys “Miss Terry” habe ich erst am Neujahrstag fertiggelesen und sie hat wieder einmal ein tolles Buch abgeliefert. Die titelgebende “Miss Terry” heißt eigentlich Nita Tehri, aber ihr Nachname wird meist falsch ausgesprochen. Nita ist eine beliebte Lehrerin, deren Leben vollkommen aus den Fugen gerät, als ein totes Baby mit dunkler Hautfarbe in einem Container vor ihrem Haus gefunden wird. Ab sofort sieht sich Nita mit Beschuldigungen und Verdächtigungen konfrontiert. Lizy Cody hat einen einfühlsamen Krimi über Rassismus und Vorurteile geschrieben, ohne dabei je anklagend zu werden. Dennoch ist dieses Buch zutiefst optimistisch – eine wahre Kunst angesichts der drückenden Thematik.

(c) Wunderlich

(c) Wunderlich

Platz 5: Horst Eckert hat mich einst mit “Schwarzer Schwan” schwer überzeugt, ich halte das für einen der besten Thriller über die internationale Finanzkrise. Kaum ein anderer deutschsprachiger Autor versteht es so gut, klassische Polizeikrimis mit zeitgenössischen, brisanten Themen zu verknüpfen. Eckert hat nun mit “Wolfsspinne” eine beängstigende, weil realistische Interpretation der Geschehnisse rund um den Tod von zwei NSU-Mitgliedern geschrieben, die Zweifel an der offiziellen Version nährt.

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Platz 4: Mit dem knallharten Berufsverbrecher Wyatt hat Garry Disher einen australischen Cousin von Richard Starks Kultfigur Parker erfunden. Nun hat der Autor die Seiten gewechselt und erzählt in “Bitter Wash Road” langsam, aber niemals langweilig vom Schicksal des ins Hinterland abgeschobenen Polizisten Hirsch. Disher erzählt still und einfühlsam, er erschafft echte Menschen, die wie echte Menschen handeln und denken. Ein staubtrockener Krimi aus Down Under.

(c) Haymon

(c) Haymon

Platz 3: Für mich die vielleicht die größte Überraschung und gleichzeitig niederschmetternde Erkenntnis: Warum ist André Pilz nicht viel bekannter? Er ist bestimmt einer der meistunterschätzten Autoren von Spannungsliteratur. Vermutlich hat es damit zu tun, dass seine Geschichten von Skinheads, Drogendealern und wie nun in Der anatolische Panther” von vorbestraften, türkischstämmigen Kleinkriminellen handeln. “Terror-Tarik” wird mir aus vielen unterschiedlichen Gründen länger in Erinnerung bleiben.

(c) pulp master

(c) pulp master

Platz 2: Gerald Kershs “Die Toten schauen zu” ist genau genommen wohl kein Krimi, aber von einem Kleinstverlag herausgegeben, der sich darauf spezialisiert hat, mit viel Akribie Krimi-Perlen zu bergen. Und unglaublich gute Literatur! Als die Nazi-Größe Reinhard Heydrich nach einem Attentat im Juni 1942 stirbt, werden Vergeltungsmaßnahmen beschlossen. Das kleine tschechische Dorf Lidice wird dem Erdboden gleichgemacht, alle männlichen Einwohner werden getötet. Nur wenige Monate später schreibt der Brite Gerald Kersh über das Schicksal des fiktiven Dorfs Dudicka, deutlich als Lidice erkennbar. Er schreibt dabei über Menschen, die in Ausnahmesituationen sekundenschnell Entscheidungen unglaublichen Ausmaßes treffen müssen. Wer bleibt sich treu, wer wird zum Verräter? Und was macht das mit den Menschen?

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Platz 1: Der Rowohlt-Verlag preist seinen Thriller “In den Straßen die Wut” als einen “Roman wie ein Tarantino-Film” an. Superlative sind zwar angebracht, mit diesem Label tut man dem Buch allerdings keinen Gefallen. Denn hier wird weder hochästhetisch kübelweise Blut vergossen noch wird ein cooler Spruch nach dem anderen serviert. Im Gegenteil, Gattis glänzt mit purem Realismus. Das Besondere an dem Buch: Insgesamt kommen 17 Ich-Erzähler zum Einsatz – immer einer nach dem anderen. Durch diesen Wechsel der Perspektive entsteht ein unglaubliches Panorama. Und wenn der erste Ich-Erzähler bereits nach zwölf Seiten das Zeitliche segnet, ist spätestens ab diesem Moment klar, dass hier alles geschehen kann. Besser kann Kriminalliteratur eigentlich kaum sein.

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Krimiautor Roger Hobbs (28) ist tot

(c) Goldmann

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2013 erhielt der damals gerade einmal 25 Jahre alte US-Autor Roger Hobbs den “Steel Dagger Award” – als jüngster Autor, dem das bisher gelungen ist – für den besten Thriller des Jahres. Jetzt, drei Jahre später, ist der Autor tot. Unfassbar.

Ich habe “Ghostman”, das Buch, für das er ausgezeichnet wurde, damals gelesen und war durchaus angetan. Er hatte einen rasanten, wendungsreichen Thriller geschrieben, der Lust auf mehr machte: “Ich freue mich auf eine Fortsetzung”, so meine Worte damals. Allerdings muss ich zugeben, dass ich heuer den Nachfolger “Killing Games” nach eher schlechten bis vernichtenden Kritiken ausgelassen habe. Dennoch handelte es sich bei Hobbs zweifellos um eine vielversprechende Stimme in der Krimilandschaft.

Noch vier Tage vor seinem Tod tweetete er folgende Nachricht:

Die Hoffnung lebt also, dass sein drittes Buch vielleicht irgendwann erscheinen wird. Umso fassungsloser macht die Nachricht, dass der Autor im Alter von 28 Jahren gestorben ist – offenbar an einer Überdosis.

Sein Herausgeber beim Verlag Transworld schreibt folgende Worte:

“Roger was a new shining talent on the crime writing scene and from the moment we bought him seemed destined to join the ranks of those American greats like James Ellroy and James Lee Burke he so admired. He won the Ian Fleming Steel Dagger Award for Best thriller of the Year in 2013 and was long listed for a John Creasey Award for Best First Novel that year too. He also won an Edgar Award in the US. Equipped with all the tools of the trade at a very young age, a genuinely original and stylish voice, impeccable storytelling elan and showing signs of genuine brilliance from the off, it is too upsetting to contemplate what he might have gone on to achieve. 

“Many fans will join us in mourning the loss of a singular talent and a glorious writing career sadly unfulfilled.”

Auch der irische Krimiautor Stuart Neville zeigte sich geschockt:

Rest in Peace, Roger Hobbs. Danke für die kurzweiligen Lesestunden!

 

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