Category Archives: Krim(i)skrams

Rest in Peace, Philip Kerr

Ich bin immer noch ein wenig geschockt: Philip Kerr ist tot. Der britische Krimiautor wirkte bei seiner Lesung im Zuge der Wiener Kriminacht 2015 so lebendig und lebenslustig, dass es schwer fällt zu akzeptieren, dass Kerr keine weiteren Krimis mehr schreiben wird.

Obwohl Kerr angeblich kurz vor seinem Tod noch Band 14 seiner Bernie-Gunther-Serie fertiggestellt hat. Auf Deutsch erscheint im April übrigens “Kalter Frieden“, der elfte Band der Reihe – man wird also wohl auch nach dem Tod des Autors noch längere Zeit Neues von Kerr lesen können.

Kerrs Präsentation in Wien hat nachhaltig Eindruck bei mir hinterlassen, deswegen will ich diese hier noch einmal kurz zusammenfassen. Kerr stellte damals seinen ersten Fußball-Thriller “Der Wintertransfer” rund um Co-Trainer Scott Manson vor. Der Fußball- und Arsenal-Fan erklärte, dass er die Arbeit an seinem Buch genossen habe. Gelte es bei seinen historischen Krimis, chronologische Fehler sowie solche bei Straßennamen etc. zu vermeiden, sei es sehr angenehm gewesen, endlich einmal wieder über etwas in Zeiten von Twitter und Facebook zu schreiben.

Kerr vermisste in Europa gute Sportbücher – damit meinte er keine Sachbücher, sondern Romane. Es sei bezeichnend, dass eine der besten Sportpassagen ausgerechnet Ian Fleming in “Goldfinger” geschrieben habe: 60 Seiten über ein Golfduell zwischen James Bond und Goldfinger. Es gebe so viele furchtbare Sportbücher, nahezu jeder Fußballer habe eines geschrieben. Er wisse, wovon er spreche, denn er habe sie alle gelesen.

Die Recherche im Fußball-Bereich sei einfach gewesen. Es gebe viele gute journalistische Texte. Man müsse nicht stundenlang Fußballer interviewen. Es sei überhaupt ein Irrglaube, die größtmögliche Authentizität dadurch zu erzeugen, dass man die involvierten Persönlichkeiten interviewe. Er erinnere sich an ein Gespräch mit einem der größten Autoren von Kriminalromanen überhaupt: Elmore Leonard. “Dutch (so lautete Leonards Spitzname), du bist doch sicher mit einer Menge Cops und Kriminellen abgehangen”, habe er ihn gefragt. “Nein”, habe dieser geantwortet. Er habe fast all seine Informationen aus dem TV, vorwiegend der “Jerry Springer Show”.

Mit kleinen Geschichten die große Geschichte begreifbar machen

Aber auch für seine historischen Krimis sitze er nicht stundenlang in der Bibliothek und in den Archiven. Er gehe vielmehr zu den Orten und versuche, eine Vision zu erhalten – ein wenig wie ein “Method Actor”. Er liebe es bei seinen Recherchetätigkeiten, die “Gaps” der Geschichte zu finden. Kleine Geschichten, die die große Geschichte erst begreifbar machen. Er führte als Beispiel an, dass die Menschen, die etwa in Obersalzberg lebten, alle Hitler hassten, weil ihre Höfe und Villen von Martin Bormann enteignet wurden.

Eine Aufgabe seiner Romane sei es auch, die Briten von ihrem hohen Ross der moralischen Unfehlbarkeit zu holen. Das britische Empire basiere auf vielen Holocausts – das erzähle er auch immer wieder in Vorträgen. Man müsse sich nur ansehen, was die Briten in den 1850er Jahren in Indien angerichtet haben: 50.000-60.000 Inder seien massakriert worden. Keine große Zivilisation in der Geschichte sei sauber geblieben. Er habe über 30 Jahren über die SS und die Verbrechen der Nazis geschrieben, da sei das Schreiben eines Fußball-Krimi nun eine echte Befreiung gewesen. Das Schreiben generell sei für ihn so etwas wie eine Sucht. Er erfinde Geschichten und erschaffe sein Leben lang Figuren – das sei fast schon krankhaft, wie er zugeben müsse. Zu seiner Schreibweise erklärte er, dass er all jenen Autoren misstraue, die jedes Kapitel ihrer Bücher strikt durchgeplant haben.

Ich selbst werde dem Autor Respekt zollen, indem ich mich in nächster Zeit intensiv mit seiner Bernie-Gunther-Serie auseinandersetzen werde. Rest in Peace, Philip Kerr.

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Wenn der Fußballklub-Präsident mit der Waffe auf den Platz stürmt

(c) Tropen

Es sind unvorstellbare Dinge, die sich da momentan auf griechischen Fußballplätzen abspielen. “Präsident stürmt mit Revolver auf das Fußballfeld”, schreibt etwa “Die Presse”. Zuerst wurde das Spiel zwischen Paok Saloniki und AEK Athen abgebrochen, dann der ganze Ligabetrieb eingestellt.

Tja, hätte ich nicht vor eineinhalb Jahren Philip Kerrs “Die Hand Gottes” gelesen, hätte ich mir wahrscheinlich mehr gewundert, aber so war mir bereits bekannt, dass es im griechischen Fußball anders zugeht.

“Verglichen mit Silvertown Dock und dem Karaiskakis-Stadion war das Apostolos-Nikolaidis eine Dritte-Welt-Ruine”, schrieb Kerr in seinem Roman zwar nicht über das Paok-Stadion, aber jenes vom Rivalen Panathinaikos. “Kein Wunder, dass die Olympiakos hassen”, sagt daraufhin eine Figur der Romans.

Kerr arbeitet diese Fangruppen-Feindschaften in Griechenland gut heraus, gegen die etwa das Wiener Derby Austria-Rapid “wie ein Kindergeburtstag” anmutet.

“Panathinaikos und Olympiakos – das sind Erzfeinde, wie Sie wissen. Seit dem Peloponnesischen Krieg 400 vor Christus hat sich da zwischen Athen und Piräus nichts gändert”, heißt es an einer anderen Stelle von “Die Hand Gottes”.

Und da sage noch einer, Kriminalromane würden nicht die Welt beschreiben …

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Fünf Jahre crimenoir!

Fünf Jahre schreibe ich nun hier schon meine Gedanken über Kriminalliteratur nieder. Die Intervalle der Beiträge sind mit der Zeit größer geworden, aber ich habe beschlossen, dass das gut so ist. Bloggen soll Spaß machen.

Rückblickend muss ich sagen, dass das Krimijahr 2017 ein sehr gutes war, obwohl ich mir bis Mitte des Jahres nicht ganz so sicher war. Ein Hauptgrund: Tolle Krimis von Autorinnen. Dazu muss ich bekennen: Ich habe sehr lange vor allem Krimis von Autoren gelesen, bis ich mich irgendwann gefragt habe, woran das liegen mag. Vermutlich habe ich zu Beginn meiner Lesekarriere einfach die falschen “Frauenkrimis” (heute bin ich übrigens der Überzeugung, dass es sowas eigentlich gar nicht gibt – es gibt nur gute und schlechte Krimis) gelesen und dann fälschlicherweise die Finger davon gelassen. Aber wenn ich nun an die 2017 erschienenen und gelesenen Bücher von Monika Geier, Zoë Beck, Simone Buchholz, Clementine Skorpil und Alex Beer zurückdenke ( und hier sind nur die deutschsprachigen Autorinnen genannt), dann muss ich zugeben, dass das ein Fehler war. Diese abgebrühte männliche Sicht (ja, auch das ist sehr simpel verallgemeinernd) auf die Dinge ist manchmal auch ziemlich ermüdend.

Das Schöne: Ich fühle mich weiterhin als Suchender. Ich bin fasziniert davon, wie unterschiedlich all die Krimiautoren die Welt da draußen wahrnehmen. Auch alte, hundertmal erzählte Geschichten können durch neue Perspektiven ganz neu erscheinen. “Bios” von Daniel Suarez und “Fever” von Deon Meyer entführten mich wiederum in die Zukunft oder in postapokalyptische Welten. Die bereits erwähnte Alex Beer (“Der zweite Reiter”) nahm mich ebenso auf eine Zeitreise in die Vergangenheit mit wie Clementine Skorpil.

Ich hoffe auch, dass die Publikation von Gerald Seymours “Vagabond” keine Eintagsfliege bleiben wird. Dieser britische Autor politischer Thriller MUSS einfach weiter übersetzt werden.

Und auch 2018 wird ein gutes Jahr mit außergewöhnlichen Kriminalromanen werden, da bin ich mir sicher. Ich denke dabei – wahllos, wie sie mir gerade einfallen – etwa an folgende Bücher:

  • “Safe” von Ryan Gattis
  • “Dirty Cops” von Adrian McKinty
  • “Hologrammatica” von Tom Hillenbrand
  • “Die rote Frau” von Alex Beer
  • “Blut Salz Wasser” von Denise Mina

Und wenn ich allein die drei Frühjahrs-Neuerscheinungen des liebeskind-Verlags hernehmen, läuft mir das Wasser im Mund zusammen:

  • “Red Grass River” von James Carlos Blake
  • “Speicher 13” von Jon McGregor
  • “Der Wachmann” von Peter Terrin

Außerdem lebt der Polar-Verlag weiter und auch hier kündigen sich spannende Neuerscheinungen an, ebenso wie beim Kleinst-Verlag Pulp Master. Pendragon kümmert sich ohnehin um die Pflege wichtiger Krimiautoren und wartet auch mit neuen Stimmen auf. Der Alexander Berlin Verlag soll hier auch noch erwähnt werden.

Krimijahr 2018, lass uns beginnen 😉

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Meine Lieblingskrimis 2017

Es ist eine meiner liebsten Beschäftigungen im neuen Jahr. Darüber zu grübeln, welche Krimis im Vorjahr bei mir die meisten Spuren hinterlassen haben. Hier mein Ergebnis:

(c) Rororo

Platz 10: Bios

Ich habe von Daniel Suarez bereits einen dystopischen, in der Zukunft spielenden Thriller (“Darknet”) gelesen, die mich zwar fasziniert, aber gleichzeitig – vor allem erzählerisch – nicht ganz überzeugt haben. Ich wollte daher eigentlich die Finger von ihm lassen. Tja, erzählerisch hat der Autor immer noch einige Luft nach oben. Aber die im Jahr 2045 spielende Geschichte rund um Kenneth Durand hat mich so richtig gefesselt.

Gen-Kriminalität ist zu einem großen globalen Problem geworden. Interpol-Agent Durand ist auf der Jagd nach dem Verbrecherboss Marcus Demang Wyckes. Bis er eines Tages im Körper seines Feindes aufwacht. Er hat die DNA des Mannes, den er jagt. Wie ist das möglich?

Es ist ein teilweise erschreckendes Zukunftsszenario mit dem Suarez da aufwartet. Und so weit ist das Jahr 2045 nun auch wieder nicht. Vieles, was er in seinem Buch beschreibt, ist bis dahin vermutlich schon möglich.

(c) Löcker

Platz 9: Langer Marsch

Clementine Skorpil schreibt meiner Meinung nach die besten China-Krimis aus nicht-chinesischer Feder. Vermutlich auch deshalb, weil es ihr ausgezeichnet gelingt, eine nicht-westliche Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Ich lasse mich unheimlich gern von ihr in die mittlerweile vertraute Welt rund um ihre einprägsamen Figuren entführen.

Diesmal wagt sie sich an den Schlüsselmythos der chinesischen Kommunistischen Partei, den Langen Marsch. Diesen Todesmarsch überlebten von 80.000 Soldaten nur rund 8000. Die österreichische Autorin erzählt aber vor allem von den kleinen Menschen und ihrer Not. Ihre große Kunst ist es, durch kleine Geschichten die große Geschichte begreifbar zu machen.

Wer Skorpil noch nicht kennt, sollte das unbedingt ändern. Hier taucht man in eine unbekannte Welt ein, in die man sonst niemals vordringen könnte (ähnlich wie bei Suarez). Was kann Kriminalliteratur besseres tun?

(c) Suhrkamp

Platz 8: Crimson Lake

“Hades” von Candice Fox war meine persönliche Krimi-Enttäuschung des Vorjahrs. Ich konnte den Hype nicht nachvollziehen. Ich habe daher nach der Lektüre beschlossen, die beiden folgenden Bände der Trilogie nicht zu lesen. Da ich sehr selten zu solchen Schlüssen komme, habe ich entschieden, der Autorin noch eine Chance zu geben. Mit “Crimson Lake”, dem Auftakt zu einer neuen Reihe, habe ich es nun also getan. Zum Glück.

Fox hat mich nun wirklich überrascht, um nicht zu sagen: umgehauen. Ihr Buch ist einfach die pure Krimi-Unterhaltung. Nicht besonders realistisch, aber wunderbar abgefahren: Mit einer Mörderin und einem Pädophilen (wenn man dem Volkszorn glauben kann) als ermittelnde Hauptfiguren. So etwas Schräges liest man doch selten.

Wider Erwarten hat sich Fox aber als durchaus sensible Erzählerin entpuppt. Sensibel und schräg zugleich: Das ist schon eine besondere Mischung.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 7: Beton Rouge

Vieles ist ungewöhnlich im Universum der Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, die es diesmal mit einem besonderen Fall zu tun bekommt: Vor einem Verlagsgebäude steht eines Morgens ein Käfig. Darin liegt nackt, misshandelt und betäubt ein Manager des Verlags. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist gewiss. Nur so viel sei verraten: Es wird nicht der letzte Käfig sein.

Der Autorin gelingt es immer wieder auf faszinierende Weise, gesellschaftliche Phänomene aufzugreifen und dann mit einer wilden, eigenwilligen, ausufernden Geschichte zu vermischen. Ihre Bücher leben vor allem von dem nicht immer ganz verständlichen, oft widersprüchlichen und daher sehr authentischen Innenleben der Hauptfigur. Chastity Riley ist eine völlig unangepasste, eigenwillige Frau, die sich in keine der üblichen Schubladen einordnen lässt.

Das Cover von “Beton Rouge” zählt für mich zu einem der besten des heurigen Krimijahres. Sehr stimmungsvoll. Auch in Kombination mit dem ungewöhnlichen Titel.

(c) Limes Verlag

Platz 6: Der zweite Reiter

Wien im Jahr 1919. Polizeiagent August Emmerich hat es ohnehin nicht leicht: Nicht nur muss er mit den Folgen einer schweren Kriegsverletzung kämpfen, gleichzeitig muss er diese im Polizeidienst auch verheimlichen, weshalb er zu Schmerzmitteln aller Art (auch Heroin) greift. Und auch sein privates Glück löst sich plötzlich in Luft auf.

Es sind die alltäglichen Kleinigkeiten, die in “Der zweite Reiter” neben einer spannenden Geschichte für hohe Authentizität sorgen: Ob es nun die geheizten, strombetriebenen Straßenbahnen sind, in die sich die Wiener an kalten Wintertagen flüchten oder jene Kleinkriminellen, die günstige Schiffsreisen ins paradiesische Exil versprechen, um sich daran zu bereichern. Man saugt Seite für Seite neues historisches Wissen auf.

Zudem zeichnet Alex Beer ihre Figuren sehr fein, mit viel Sympathie. Am besten hat mir definitiv der letzte Satz im Buch gefallen: “Diese Geschichte war noch nicht vorüber.” Tatsächlich erscheint im Mai 2018 “Die rote Frau”, der zweite Teil der Serie. Gut so!

(c) Suhrkamp

Platz 5: Vagabond

Über den britischen Thrillerautor Gerald Seymour gäbe es unendlich viel zu sagen. Er trägt eine große Mitschuld daran, dass ich vom Krimifieber infiziert wurde. Ich habe in den 1990er Jahren fast alle seine politischen Thriller (u.a. “Heimkehr in den Tod”, “Aus nächster Nähe”, “Tod der Schmetterlinge”) gelesen. Später habe ich dann auch “Holding the Zero” und “A Line in the Sand” (für mich einer der besten Kriminalromane überhaupt) im Original verschlungen. Absolut unverständlich ist für mich daher, dass seine Bücher seit mehr als 15 Jahren nicht mehr ins Deutsche übersetzt wurden.

“Vagabond” ist sehr repräsentativ für Seymours Werk. Er läuft darin wieder zu Höchstform auf und erzählt die Geschichte des Nordirland-Konfliks besser als das jeder Sachbuchautor könnte. Aus vielen Perspektiven macht er klar, dass es im weltweiten Spiel der Geheimdienste eigentlich nur Verlierer gibt. Alle Beteiligten sind nur kleine Rädchen im System.

(c) Zsolnay

Platz 4: Moorbruch

Peter May hat mit “Moorbruch” einen wunderbarer Kriminalroman geschrieben, der von lebensechten Charakteren, kargen Landschaften und einer außergewöhnlichen Handlung mit zahlreichen Wendungen lebt. May ist ein begnadeter Erzähler, das spürt man schon nach wenigen Seiten. Hat er einen einmal gepackt, lässt er einen auch nicht mehr los.

Worum es geht? 17 Jahre sind vergangen, seit Roddy Mackenzie verschwunden ist. Doch ein Moorbruch fördert das Wrack von Mackenzies Flugzeug zu Tage. Ex-Polizist Fin Macleod (um den sich die Serie dreht), der Mackenzie einst kannte, beginnt zu ermitteln. Dabei verwebt der Autor gekonnt teilweise zwei Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse mit aktuellen Geschehnissen. Er entschlüsselt überzeugend ein in der Vergangenheit liegendes Geheimnis.

Die Hauptfigur des Fin Macleod bleibt über die Lektüre hinaus haften. Es ist seine Menschlichkeit, die ihn auszeichnet.

(c) Suhrkamp

Platz 3: Die Ratten von Perth

David Whish-Wilsons “Die Ratten von Perth”, Auftakt zu einer Trilogie, kann man durchaus als Gegenthese zu den wilden, schrägen Thrillern von Candice Fox (Platz 8) betrachten.

Die Geschichte spielt im Perth des Jahres 1975. Die Chefin eines Luxusbordells ist ermordet worden. Offenbar will niemand so genau wissen, was passiert ist, denn alle Ermittlungen verlaufen im Nichts. Bloß Superintendent Frank Swann will das nicht akzeptieren.

Der Autor ist ein nüchterner Erzähler. Sein Buch ist das einfühlsame Porträt eines unbeugsamen, einsamen Aufrechten, der gegen ein allgegenwärtiges korruptes System ankämpft. Ich mochte den unaufgeregten, realistischen Stil des Autors sehr und freue mich bereits auf Teil 2, “Die Gruben von Perth”, der im August 2018 erscheinen wird.

(c) Ariadne Kriminalroman

Platz 2: Alles so hell da vorn

Monika Geier ist eine großartige, vielschichtige Erzählerin, die mit einem ausgeprägten Gespür für Details viel über unsere Welt zu sagen hat. Sie formuliert pointiert und zeichnet ihre Charaktere sehr feinfühlig. Wie die Kriminalkommissarin Bettina Boll ihren Job und die beiden Kinder oft mehr schlecht als recht unter einen Hut bringt, liest sich sehr authentisch.

Man darf sich bei “Alles so hell da vorn” aber nicht täuschen lassen, die heitere Erzählweise kippt nie ins Gemütliche – dazu ist das Hauptthema der Kinderprostitution zu schwerwiegend: Ausgerechnet in einem Vorstadtbordell wird Bolls ehemaliger Kollege Ackermann von einer jungen Prostituierten erschossen. Als die Täterin kurz darauf in einer Schule eine weitere Bluttat begeht, wird alles immer rätselhafter.

Geier schafft es immer wieder zu überraschen. Ihre Figur Boll hat einiges zu durchleben, Wendungen gibt es bis zum Schluss.

(c) Penguin

Platz 1: Die Treibjagd

Antonin Varenne seziert erbarmungslos die Strukturen kleinstädtischen Lebens, ohne dieses zu verdammen. Mit viel Feingefühl für seine Figuren und einem scharfen Blick für Details liefert er für mich den besten Kriminalroman des Jahres 2017.

Varenne erzählt in seinem Krimi Die Treibjagd” nüchtern eine aus der Zeit gefallene Geschichte mit einem einsamen Helden – und viel, viel Wald. Man könnte es auch einen Western in Frankreich nennen. Statt Indianern ziehen Sinti, die im Ort ebenso angefeindet werden wie Umweltschützer, durch die Landschaft. Wenig verwunderlich spielt die eigentliche Hauptrolle der Schauplatz: R., ein Ort im Zentralmassiv. Seit Generationen kämpfen dort zwei einflussreiche Familien um die Herrschaft. Über die Jahre haben sie alle kleinen Bauernhöfe aufgekauft, die Gegend mehr oder weniger zweigeteilt. Bloß Revierjäger Remi Parrot, der seit einem Unfall entstellt ist, lässt sich von keiner Seite vereinnahmen. Er ist der einsame Held, wie man ihn eben aus amerikanischen Western kennt – mit ganz eigenem Moralkodex.

Der Autor hat damit einfach meinen Nerv getroffen, er hat mich von Beginn an auf die Reise mitgenommen.

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Mord mit Happy End?

Selten hat mir ein Text über Kriminalliteratur so aus der Seele gesprochen wie der von Zoë Beck in der Süddeutschen Zeitung – erschienen am 16. November 2017 unter dem Titel “Mord kennt kein Happy End”. Sie erklärt darin, warum sie Detektivromane mit raffiniert ausgetüftelten Plots und extravaganten Tötungsmethoden ganz und gar nicht interessieren.

Beck geht es nicht um das Wie, sondern das Warum – das seien zwei sehr unterschiedliche Kategorien des Kriminalromans. Sie kritisiert den “Unwillen, sich mit Mord als etwas auseinanderzusetzen, das unsere gesellschaftliche Verabredung, Konflikte gewaltfrei zu lösen, nachhaltig stört und gegen unsere Definition von Menschlichkeit und Moral verstößt”.

Krimis, in denen am Ende immer die Gerechtigkeit siegt, seien Märchen. “Beruhigende und sich rückversichernde Variationen eines altbekannten Themas, immer mal wieder aktualisiert durch Maden- und Larvenforschung, durch Anthropologie und schließlich allermodernste Forensik à la CSI.” Beck behauptet sogar, “dass die seit einigen Jahren so beliebten Zerstückelungs- und Schlachtorgien ebenfalls nur eine Variante sind, eine, die sich etwas weiter von der bekannten Methode entfernt hat, sogar noch ene Emotionalisierung durch mitleiderregende Opfer vornimmt, aber bei der das Thema doch geblieben ist.”

Ja, ja, ja. Genau so sehe ich das auch. Vor allem diese Schlachtplatten und rätselhaften Serienmorde, die dann irgendwelche durchgeknallten Superbösen begangen haben. Wenn ich mir die Neuerscheinungen der nächsten Monaten ansehe, bleibt der Boom in diese Richtung aber ungebrochen. Ich persönlich kann es nicht mehr lesen. Diese vielen Baukasten-Krimis, ich will nicht mehr. Ich will überrascht werden – aber nicht durch möglichst viele Tabubrüche. Sondern durch originelle Zugänge und lebensechte Charaktere (darunter verstehe ich nicht nur alkoholkranke Ermittler – sondern vor allem Figuren wie Monika Geiers Bettina Boll oder Chastity Riley von Simone Buchholz, wunderbar!). Was bedeutet Gewalt und wie wirkt sie nach ihrem Ausbruch weiter? Was geschieht mit betroffenen Familien und Freunden?

“Der Mord ist ein Trauma, das kein noch so genialer Ermittler mit seiner triumphalen Spurenanalyse wegmeistern kann”, schreibt Beck. Die Tat kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Whydunnit statt Whodunnit also – klingt gut!

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Der Polar Verlag lebt weiter

(c) Polar

“Schön, dass du da warst, Polar Verlag – deine Bücher bleiben ohnehin bestehen”, habe ich Anfang Oktober hier geschrieben. Damals war bekannt geworden, dass der Verlag in die Insolvenz geschlittert ist. Wunderbar, dass nun nicht nur die Bücher bleiben, sondern auch der Verlag. Er ist laut “Börsenblatt” gerettet.

Spannend auch: Das Projekt “Deutscher Polar” wird vorangetrieben. Mit zwei Titeln will man bei der Leipziger Buchmesse im März 2018 an den Start gehen (ich hoffe, dass auch Roland Sprangers bereits angekündigter Krimi “Tiefenscharf” darunter ist) und sogar ein “Deutscher Polar Preis” wird angedacht.

Auswirken wird sich das im Programm. Von den künftig acht pro Jahr erscheinenden Titel sollen vier von internationalen Autoren und vier von deutschsprachigen Autoren stammen.

Na dann wünsche ich dem Team rund um Wolfgang Franßen viel Glück! Es bleibt spannend. Gut so.

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Das Ende des Polar Verlags – und was es bedeutet

(c) Polar Verlag

Erst wenn manche Dinge nicht mehr da sind, merkt man, wie sehr man sie geschätzt hat. Für wie selbstverständlich man sie genommen hat. Das ist nun auch beim Polar Verlag, der Insolvenz angemeldet hat, der Fall. Die umstrittene Crowdfunding-Aktion, über die etwa Martin Compart kritisch schreibt, hat also auch nicht gefruchtet. Schade, dieser Verlag war innerhalb von vier Jahren zu einem Fixpunkt für Krimileser geworden, die nicht nur Mainstream wollen. Dass das finanziell schwer zu stemmen ist, hat ja zuletzt auch die sehr kurze Existenz des ambitionierten Metrolit-Verlags gezeigt. Aber man muss wohl auch als Leser akzeptieren, dass das Bestehen reiner, sehr spezieller Krimi-Verlage neben den global tätigen Branchenriesen kaum möglich ist. Offenbar gibt es den Markt dafür einfach nicht, so ehrlich muss man wohl sein.

Das ist traurig, aber passionierte Krimileser haben ohnehin ein geschärftes Auge für Realität. So funktioniert die Welt nun mal, auch wenn es einem nicht passt. Kein Grund zum Jammern. Denn es gibt sie sehr wohl noch, die Klein(st)verlage – etwa Ariadne, Pulp Master und Pendragon – die seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten, außergewöhnliche Stücke (Kriminal-)Literatur publizieren.

Was kann man also als Leser tun?

Erstens findet sich gute Crime Fiction zum Glück natürlich nicht nur in diesen Kleinverlagen. Auch die “bösen” globalen Verlage, die ihr Geld oft mit anderen populären Büchern machen, haben sehr gute Crime Fiction in ihrem Programm.

(c) Polar

Zweitens: Amerikaner, Briten und Australier können die meisten Leser ohnehin problemlos im Original lesen. Und ja, das kann auch das Gute an dieser Pleite sein: Nehmen wir doch wieder mehr Bücher im Original zur Hand. Ich denke da gleich einmal an Bill Beverly (“Dodgers”) und Reed Farrel Coleman.

Drittens blendet das zwar einen großen Teil der Welt aus – dafür gibt es dann aber etwa den Unionsverlag, der sich guter Kriminalliteratur auf ungewöhnlichen Schauplätzen angenommen hat. Gary Victor aus Haiti wiederum wird vom kleinen Litradukt-Verlag herausgegeben. Qualität findet doch oft ihren Platz. Es besteht also durchaus Hoffnung, dass Vielfalt bestehen bleibt. Und sehr gute französische Krimis sind momentan – hoffentlich ist das nicht nur dem Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse geschuldet – auch auf dem Markt.

Der Polar Verlag hat es für Crime Fiction Fans sehr gemütlich gemacht. Da wusste man, dass jede Neuerscheinung potenziell von Interesse sein wird. Dieser Luxus fällt nun wieder weg. Schön, dass du da warst, Polar Verlag – deine Bücher bleiben ohnehin bestehen. Aber wir Crime Fiction-Leser lassen uns das Lesen jetzt nicht verderben.

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