Category Archives: Krim(i)skrams

Wie lange dürfen Titel von Kriminalromanen sein?

(c) Profile Books

Kriminalromane haben meist kurze Titel. Oft bestehen sie nur aus einem Wort, sehr oft aus zwei bis drei Wörtern. Sehr oft stecken Signalworte wie Tod, Blut, Mädchen und Kind darin. Lange Titel sind hingegen nahezu ein Tabu. Schade eigentlich, denn einer meiner Lieblingsautoren hat damit keine Berühungsängste – auch wenn er damit gegen den Willen seines Verlages und gegen jegliche Vermarktungslogik handelt. Adrian McKintys Sean-Duffy-Romane tragen im Original Titel wie “Police at the Station and they don’t look friendly” (finde ich übrigens sehr genial), “In the Morning I’ll be gone” oder “I Hear the Sirens in the Street”.

Es mag aber auch zum Teil McKintys Erfolg erklären. Er bricht mit Normen, wie er vor einiger Zeit auch einmal in seinem Blog erzählt hat:

I usually have long titles. I almost always begin my books slowly with description and with weather rather than action (in strict contradiction of the rules for writers laid down by Elmore Leonard and Stephen King).

(c) Suhrkamp Nova

Dadurch hat sich der Nordire unverwechselbar gemacht. Er könne gut damit leben, dass man seine Bücher eben nicht schnell am Wühltisch am Flughafen kaufe. Leider hat McKintys deutscher Verlag die Buchtitel natürlich gekürzt und aus den oben genannten Titeln – in der gleichen Reihenfolge – “Dirty Cops” (uff!), “Die verlorenen Schwestern” und “Die Sirenen von Belfast” (fast schon lang und inhaltlich immerhin passend) gemacht.

(c) Heyne

Da lobe ich mir auch einen aktuellen, zugegebenermaßen kryptischen Krimititel wie “Die Nacht ist unser Haus” (ja, schon ein bissl seltsam und unverständlich) der britischen Autorin Jules Grant. Hinter diesem sperrigen Titel mit dennoch coolem Cover verbirgt sich ein außergewöhnlicher Kriminalroman über eine lesbische Girlgang in Manchester. Gratulation, Heyne, für den Mut – obwohl ich mir sicher bin, dass das den Verkaufszahlen nicht sonderlich förderlich sein wird. Im Original lautet der Titel übrigens “We go around in the night and are consumed by fire”. Da wirken sogar McKintys Titel im Vergleich knackig und kurz 😉

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Deutscher Krimipreis 2019 – und wie Männer über Literatur von Frauen schreiben

(c) Suhrkamp Nova

Simone Buchholz hat mit “Mexikoring” den Deutschen Krimipreis gewonnen. Gratulation! Auch ich hatte das Buch ganz weit vorn in der Liste meiner liebsten Kriminalromane 2018. Zuerst hatte ich Probleme, zu ihrem Stil Zugang zu finden. Da passt auch gut dazu, was die Autorin im “Zeit”-Interview anlässlich ihres Erfolges sagt: “Wenn man will, dass die Leute einem zuhören, muss man so schreiben, dass sie beim Lesen stolpern.” Ja genau, so ging es mir am Anfang. Ich bin gestolpert. “Es spielt mir aber auch in die Hände, dass ich eine merkwürdige Hauptfigur habe, mit einem eher komplizierten Zugang zu Gefühlen.” Und noch einmal: ganz genau! Längst bin ich schwer begeistert und freue mich echt auf jede Neuerscheinung.

Interessant ist das Interview mit Buchholz auch deshalb, weil sie offen thematisiert, auf welche unterschiedliche Art über Literatur von Frauen und Männern gesprochen wird. Ihre Bitte: “Ach Jungs, achtet doch auf die Feinheiten! Beziehungsweise die Grobheiten.” Als Beispiel nennt sie, dass man ihr Buch als “lichte Unterhaltung” bezeichnet, während beim männlichen Preisträger von “existenzialistischer Literatur” die Rede ist. Darüber sollte jeder einmal einem Moment (oder besser noch länger) nachdenken. Ich tue das jedenfalls.

Darum schreibe ich diesmal einfach auch nur über die zwei Preisträgerinnen – die ausgezeichneten Krimiautoren werden das aushalten.

(c) Ariadne

“Es muss nicht immer ein schockierender Tabubruch sein, um zu fesseln. Manchmal reicht ein klarer Blick auf die Realität – und der von Denise Mina ist gestochen scharf”, habe ich über Denise Minas “Blut Salz Wasser” geschrieben. Soviel auch zu dem Klischee, dass nur Männer realistische Kriminalromane schreiben können. Jurorin Sonja Hartl sieht das im “Deutschlandfunk” ganz ähnlich: Sie sieht im Preis für Mina “eine längst überfällige Anerkennung von einer wirklich großartigen Schriftstellerin, die seit Jahren sozialkritische, spannende, unglaublich präzise beobachtete Krimis schreibt.”

Die Preisträger im Überblick:

Kategorie national

  1. Simone Buchholz: “Mexikoring”
  2. Matthias Wittekindt: “Tankstelle von Courcelles”
  3. Max Annas: “Finsterwalde”

Kategorie international

  1. Hideo Yokoyama: “64”
  2. Tom Franklin: “Krumme Type, krumme Type”
  3. Denise Mina: “Blut Salz Wasser”

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Sechs Jahre crimenoir!

Sechs Jahre betreibe ich nun meinen Krimi-Blog schon. Und ich muss zugeben, ich bin ein wenig schreibmüde geworden. Weiterhin ist die Kriminalliteratur genau mein Genre. Daran hat sich nichts verändert. Aber die Muse, diese zu reflektieren, ist mir in den letzten Monaten spürbar abhanden gekommen. Auch einigen anderen Krimibloggern scheint es leider ähnlich zu gehen. Einige Blogs melden sich nur mehr sporadisch zu Wort. Die Gründe kann ich mir denken.

Ohne mir nun deshalb einen Neujahrsvorsatz aufzuzwingen habe ich allerdings das Gefühl, dass sich diese Blogger-Müdigkeit bei mir in nächster Zeit wieder legen könnte.

Das liegt auch an so tollen Blogs wie Krimiscout.de, den ich erst jetzt so richtig entdeckt habe. Ja, freie Tag sind halt etwas Feines! Bloß war mir zuletzt kaum Zeit geblieben, die vielen tollen Texte der Blogger-Kollegen zu lesen. Auch das hervorragende Crimemag hält leuchtturmartig seine Stellung und lässt mich manchmal zweifeln, ob meine Stimme überhaupt noch nötig ist. Denn dort wird so umfangreich und so viel ausführlicher als bei mir über gute Kriminalliteratur geschrieben. Eigentlich ist da schon fast alles gesagt.

Aber eben nur fast alles: Denn wenn es Aidan Truhens “Fuck You Very Much” – für mich der mit Abstand katastrophalste Krimi des Jahres – tatsächlich auf Platz vier der Jahresbestenliste des Crimemag 2018 schafft, sehe ich mich gezwungen, auch weiterhin meinen eigenen Senf abzugeben 😉

Also auf ins neue Krimijahr.

Und hier auch gleich jene fünf Kriminalromane, denen ich am meisten entgegenfiebere:

  • Attica Locke: “Bluebird, Bluebird”
  • James Sallis: “Willnot”
  • Don Winslow: “Jahre des Jägers”
  • Lou Berney: “Destination Dallas”
  • Adrian McKinty: “Cold Water”

Diese Liste sagt jetzt zwar etwas anderes aus (vier Männer, nur Attica Locke ist eine Frau), aber ein Grund, warum mir Kriminalliteratur momentan so viel Spaß macht, liegt sehr maßgeblich daran, dass ich immer mehr Genre-Autorinnen für mich entdecke. Keine Ahnung, warum ich so lange dafür gebraucht habe. Vermutlich habe ich jahrelang die falschen, vorhersagbaren, mainstreamigen Autorinnen probiert und falsche Vorurteile aufgebaut. Man darf eben nie aufhören sich selbst und seine Lesegewohnheiten zu hinterfragen! Um hier nur kurz Werbung zu machen: Anne Goldmann und Simone Buchholz (aber auch Gudrun Lerchbaum) etwa haben unverwechselbare Erzählerinnnen-Stimmen. Genauso Denise Mina und Candice Fox.

Auch 2019 wird in diesem Sinne gut: Ellen Dunnes “Schwarze Seele” erscheint schon in wenigen Tagen, Sara Grans “Das Ende der Lügen” im Februar und Melissa Scrivner Loves “Lola” im März. Im Mai kommt dann endlich auch “Der dunkle Bote” von Alex Beer auf den Markt. Zudem hoffe ich auf Neues von Monika Geier.

Eine Hoffnung habe ich auch noch: Dass André Pilz (zuletzt “Der anatolische Panther”) demnächst wieder mit einem außergewöhnlichen Kriminalroman aufwartet.

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Meine Lieblingskrimis des Jahres 2018

Bislang habe ich mich immer in das Korsett der besten 10 Krimis des Jahres gepresst. Das ist einerseits gut, weil man die besten Bücher herausdestilliert. Gleichzeitig ist es jedes Jahr eine Qual, darum lege ich diesmal vier weitere Bücher drauf. Und dabei sind hervorragende Bücher wie Mick Herrons Spionageroman “Slow Horses” nicht einmal dabei! Hier also meine 14 Lieblingskrimis des Jahres.

(c) Heyne

Platz 14: Susanne Saygin – “Feinde”

Fünf Jahre lang hat Susanne Saygin für ihr Krimi-Debüt recherchiert. Das merkt man auf jeder Seite. Die Autorin mit deutsch-türkischen Wurzeln lässt in “Feinde” den Polizisten Can, der von ständigen Migräne-Attacken gequält wird, und seine lesbische Chefin Simone in einem Doppelmord im Roma-Milieu ermitteln. Die beiden stoßen auf eine Mauer des Schweigens.

Sehr authentisch erzählt Saygin davon, wie die triste Realität für Minderheiten in Deutschland aussieht: Arbeitsstrich, Prostitution, Migration, prekäre Wohnsituation. Man kann ihr dabei aber auch nicht “politische Korrektheit” vorwerfen. Sie beschreibt die Dinge, wie sie wohl sind.

Erzählerisch gibt es allerdings gerade gegen Ende hin einige Schwächen. Cans Migräne spielt plötzlich keine Rolle mehr, seine Reise in den Osten Europas wirkt irgendwie abgekoppelt vom restlichen Roman, seine Chefin Simone verschwindet sang- und klanglos aus der Handlung und der Schluss – naja. Dennoch hat mich dieses Buch beim Lesen sehr beeindruckt.

(c) Atrium

Platz 13: Hideo Yokoyama – “64”

Jeder, der diesen Blog regelmäßig liest, weiß, wie sehr ich Kriminalromane lese, deren Würze in der Kürze liegt. Nun ja, dieser ausgezeichnete japanische Thriller (das Etikett passt eigentlich nicht, dazu liest sich dieses Buch zu langsam – es ist viel mehr als das!) hat nahezu 800 Seiten. Man muss halt wissen, wann man gegen seine Vorlieben verstößt.

Mikami ist Pressedirektor eines kleinen japanischen Polizeireviers. Als wäre sein Leben nicht ohnehin schon in einem unerträglichen Ausnahmezustand, gerät die geordnete Welt auch beruflich plötzlich zu einem unübersichtlichen Schlachtfeld mit vielen Nebenfronten. Der Presseclub, die Vereinigung lokaler Medien, macht Druck, weil sich Mikamis Pressestelle weigert, die Identität einer schwangeren Frau bekannt zu geben, die einen alten Mann mit dem Auto niedergefahren hat.

Behutsam und sehr präzise erzählt Hideo Yokoyama in “64” vom Polizisten Mikami und dessen Lavieren durch das private und berufliche Minenfeld. Jedes eigene Wort will genau überlegt sein, jedes Wort der Gegenspieler richtig gedeutet werden – alles, ob ausgesprochen oder nicht, landet auf einer fein austarierten Waagschale. Hinter der Mauer von Höflichkeit bleibt viel verborgen. Das fesselt zunehmend.

(c) Droemer

Platz 12: Wolfram Fleischhauer – “Das Meer”

Auch Wolfram Fleischhauers Roman “Das Meer” ist mehr als nur ein Thriller. Ausnahmsweise kann man hier den Klappentext des Buches bedenkenlos zitieren – “Das Meer: Ursprung allen Lebens. Der Mensch: Ursprung aller Zerstörung.” Aus vielen Blickwinkeln erzählt der Autor eine spannende Geschichte über den globalen Fischfang und eine Lebensmittelindustrie, die Tiere nur noch als Biomasse begreift.

Urteile überlässt Fleischhauer dankenswerterweise aber dem Leser. Das ist nicht unbedingt ideale Lektüre für den Strand, weil sie wütend macht – aber absolut empfehlenswert.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 11: Adrian McKinty – “Dirty Cops”

“Dirty Cops” ist bereits der sechste Kriminalroman rund um den katholischen Polizisten Sean Duffy, der sich im Nordirland der 1980er Jahre behaupten muss. Obwohl sich der Autor diesmal mit Bezügen zu real existierenden Personen bzw. zu fiktiven Ereignissen mit realen Personen (der niemals stattgefundene Auftritt Muhammed Alis in “Rain Dogs”) zurückhält, hat sein Buch wieder vieles zu bieten.

McKintys Mix zwischen überzeugender Krimihandlung, unvergleichlichem Setting, feiner Charakterzeichnung, subtilem Humor und dem Spiel mit Genre-Konventionen sucht seinesgleichen. McKinty schreibt klassische Krimis, die dann doch ganz etwas Neues sind. Sie sind stets ausgeklügelt, wirken aber nicht konstruiert.

“Cold Water”, Band 7 der Serie, erscheint übrigens im Juni 2019.

(c) Unionsverlag

Platz 10: Garry Disher – “Leiser Tod”

Der australische Krimiautor Garry Disher gehört zu den Besten seines Fachs, was er mit “Leiser Tod” eindrucksvoll bestätigt. Ich liebe seine Figur des Berufsverbechers Wyatt (“Dirty Old Town”), aber auch mit seinem Stand-alone “Bitter Wash Road” wusste Disher zuletzt zu überzeugen.

Diesmal muss sich sein Ermittler, Hal Challis, mit einem heiklen Fall herumschlagen: Ein Vergewaltiger in Polizeiuniform sorgt im australischen Buschland für Schrecken.

Disher begnügt sich nicht mit der Polizistensicht, er lässt den Leser die Welt auch durch die Augen einer Profi-Einbrecherin sehen. Beide Erzählstränge lesen sich spannend und glaubwürdig, aber vor allem wie Disher diese verknüpft und auflöst, ist einfach große Klasse.

(c) Ullstein

Platz 9: Jordan Harper – “Die Rache der Polly McClusky”

Dem erfolgreichen Drehbuchautor Jordan Harper ist mit “Die Rache der Polly McClusky” ein überzeugendes Debüt gelungen: Die 11-jährige Polly McClusky und ihren Stoffbären, die beiden vergisst man auch nach der Lektüre nicht.

Es gibt Szenen, in denen Nate seine Tochter in die Geheimnisse der Anwendung von überlebenswichtiger Gewalt einführt. Das ist schon ungewöhnlich und erinnert teilweise an den Film “Leon, der Profi”, in dem Natalie Portman als Mathilda in die Kunst des Tötens eingewiesen wird. Jordan Harper trifft aus meiner Sicht aber immer den Ton. Es ist nicht unheikel, derartige Szenen zu schreiben, doch der Autor tut das mit feinem Gespür für seine Charaktere. Sie sind schräg, aber nicht zu schräg. Es ist nachvollziehbar, dass Polly, die mit Brutalität und Gewalt konfrontiert wird, nicht wie ein braves, liebes Mädchen auf die Situation reagiert.

(c) Pendragon

Platz 8: Wallace Stroby – “Fast ein guter Plan”

Wallace Stroby wird von Buch zu Buch ( Teil 1: “Kalter Schuss ins Herz”, Teil 2: “Geld ist nicht genug”) besser, seine angenehm unheroische Hauptfigur erhält immer mehr Konturen. Er erzählt zurückhaltend und unglaublich puristisch von einer Frau, die sich im beinharten Milieu der männerdominierten Unterwelt ständig neu beweisen muss.

Auch wenn ich mich wiederhole, aber Crissa ist eine Seelenverwandte von Richard Starks Antihelden Parker und Garry Dishers Berufsverbrecher Wyatt. Diese drei Figuren gehören definitiv zu meinen liebsten des Genres. Das Feine aber ist, dass Crissa nicht nur irgendein billiger Abklatsch ist.

(c) Ariadne

Platz 7: Anne Goldmann – “Das größere Verbrechen”

Anne Goldmann hat sich mit ihren bisherigen Kriminalromanen (vor allem “Lichtschacht”, “Triangel”) einen tollen Ruf erarbeitet. Es war also schwer an der Zeit, diese österreichische Autorin endlich kennenzulernen. Und eines vorweg: Sie versteht ihr Handwerk perfekt und präsentiert eine fein konstruierte Geschichte mit glaubwürdigen Wendungen.

Im Zentrum der Handlung stehen drei – Theres, Ana und eine Frau Sudic – vom Leben gebeutelte Frauen. Sie werden von den Geistern ihrer Vergangenheit verfolgt. Mitleid ist aber nicht angebracht, nichts läge der Autorin ferner. Sie porträtiert sie als starke Persönlichkeiten, die gelernt haben, ihre Päckchen zu schultern.

“Sachte verstärkt sie den Druck, bis schon die Bewältigung des Alltags zum Action-Szenario gerät”, schreibt ihre Herausgeberin Else Laudan. Tatsächlich hat sich die Beschreibung von alltäglichen Dingen noch selten so spannend gelesen. Und das vor allem deswegen, weil die von ihr erschaffenen Figuren wie ganz normale Menschen agieren.

(c) KiWi

Platz 6: Tom Hillenbrand – “Hologrammatica”

Wir schreiben das Jahr 2088: Galahad Singh arbeitet als Quästor, eine Art Privatdetektiv der Zukunft, in London. Neuartige Technologien wie Holonets und Mind Uploading machen es den Menschen einfacher denn je, die eigene Identität zu wechseln und zu verschwinden.

Überraschenderweise spielt Privatsphäre in dieser neuen Welt, in der das beliebteste Migrationsziel der Welt Sibirien heißt (in Westeuropa ist es bereits unglaublich heiß und kaum lebenswert), wieder eine größere Rolle. Daten werden nur sehr kurzzeitig gespeichert, was Singhs Job nicht gerade erleichtert. Dazu kommt: Kaum etwas ist so, wie es erscheint. Mithilfe von Holonets machen sich die Menschen die Welt schöner, als sie tatsächlich ist. Gebäude erstrahlen in einem Glanz, den es gar nicht gibt, und sogar Menschen können sich durch Holo-Masken aufhübschen.

Bei all der modernen Technologie bleiben die Fragen immer dieselben: In wen verliebe ich mich da eigentlich? Wie sieht der Menschen unter seinem Holo-Make-up aus? Ist er ein Mann oder eine Frau? Schwarz oder weiß? Das führt zurück zu der Frage nach Identität: Wer bin ich? Wer bist du? Und was macht es mit uns, wenn wir anders sind, als uns alle wahrnehmen? “Hologrammatica” ist eigentlich ein Muss.

(c) Suhrkamp Nova

Platz 5: Simone Buchholz – “Mexikoring”

Simone Buchholz sticht durch ihre eigenwillige Erzählerinnenstimme momentan in der Krimi-Szene hervor wie kaum eine andere. Obwohl: Auch Anne Goldmann (siehe oben) und Gudrun Lerchbaum könnte man hier nennen! So gesehen sind es vor allem die “Crime Ladys”, die das oft sehr konventionelle Genre am besten durchschütteln.

Diesmal brennen in Hamburg Autos. Man beginnt sich daran zu gewöhnen, doch dann sitzt in einem dieser Autos ein Mann: Nouri Saroukhan, Angehöriger eines gefürchteten Clans. Sein Tod interessiert die ermittelnde Staatsanwältin Chastity Riley mehr als dessen Familie.

Mein Fazit: Man muss sich auf diese Autorin einlassen. Nach “Blaue Nacht” war ich noch skeptisch, “Beton Rouge” fand ich schon großartig – und “Mexikoring” fasziniert erneut.

(c) Tropen

Platz 4: James Rayburn – “Fake”

“Fake” ist für mich die positive Überraschung des Krimijahres. Eigentlich hatte ich mir nur einen soliden, wendungsreichen Politthriller erhofft, aber dieses Buch von James Rayburn, übrigens ein Pseudonym des Autors Roger Smith, ist mehr.

Bei einem Drohnenangriff in Syrien kommt nicht nur das eigentliche Ziel ums Leben, sondern auch eine amerikanische Geisel. Doch um den Friedensprozess im Nahen Osten nicht zu gefährden, soll Catherine Finch weiter am Leben erhalten werden.

Der Titel des Buches ist Programm. Hier wird etwas vorgetäuscht, aber schon bald wird klar, dass Wahrheit und Legende zunehmend verschwimmen. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. “Fake” ist eine sehr zeitgemäße Geschichte, die auf vielen Ebenen zu überzeugen weiß.

(c) Rowohlt Polaris

Platz 3: Ryan Gattis – “Safe”

Ricky Mendoza, Spitzname Ghost, hat den Weg aus dem Ghetto geschafft und verdingt sich als Safeknacker für die Drogenbehörde DEA. Jahrelang hat er diesen Job erledigt und ist dabei anständig geblieben. Doch dann beschließt er, Geld aus einem dieser Safes abzuzweigen – allerdings nicht in die eigene Tasche. Fortan hat er Gangmitglied Rudy Reyes, Straßenname Glasses, an seinen Fersen.

Es mag Thriller auf dem Cover stehen, dieses Etikett wird “Safe” aber nicht gerecht. Denn Gattis erzählt aus der Perspektive zweier Männer, die einander durchaus ähnlich sind, eine sentimentale, aber niemals pathetische Geschichte über zwei (und eigentlich noch viel mehr) Leben unter widrigen Umständen. Der Autor überzeugt, weil er keine Ghettotristesse serviert, sondern Realismus mit fast märchenhaften Elementen, Kapitalismuskritik und einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte (zu der er vor Kapitel 1 auch gleich noch den passenden Mixtape-Soundtrack liefert) verbindet. Gattis anerkennt Genregrenzen nur, um sie zu verschieben. Ihm ist damit wohl der herzzerreißendste Kriminalroman des Jahres gelungen.

(c) Diogenes

Platz 2: Bill Beverly – “Dodgers”

Wie der große Mark Twain schickt auch Bill Beverly in “Dodgers” seine Hauptfigur auf eine ungewöhnliche Reise durch Amerika. Der 15-jährige East kennt nichts von der Welt – nur sein Drogenviertel The Boxes in Los Angeles. Als er einen Auftrag versaut, muss er Buße tun – indem er einen Mordauftrag ausführt. Dafür muss er die gewohnte Umgebung verlassen und beginnt mit drei Kumpanen eine Fahrt, die ihr Leben verändern wird.

Der Autor überzeugt durch seine unaufgeregte und unsentimentale Erzählweise. Ganz wunderbar die Idee, dass East ausgerechnet in das rückständige Ohio reisen muss, um die große Welt zu verstehen. Während Twains Figur Huck Finn am Ende in Richtung Westen aufbricht, zieht es East namensgerecht in den Osten.

Nicht umsonst hat Beverly für sein Buch übrigens auch den “Mark Twain American Voice in Literatue”-Award erhalten.

(c) Suhrkamp

Platz 1: André Georgi – “Die letzte Terroristin”

Ein Krimi über die RAF? Interessiert das überhaupt noch irgendjemanden? Das habe ich mir zuerst auch gedacht. Aber wer so denkt, der sollte unbedingt “Die letzte Terroristin” lesen – und die misslungene ZDF-Verfilmung “Der Mordanschlag” ignorieren (inhaltlich hält sich der TV-Zweiteiler zwar sehr an das Buch, kommt aber furchtbar platt rüber).

Mit seinem Krimidebüt “Tribunal” war “Tatort”-Drehbuchautor André Georgi 2015 in Ansätzen außergewöhnlich, diesmal kann der Autor das Niveau über die volle Länge halten. Er erzählt eine spannende Geschichte, hat aber darüber hinaus ein wunderbares Auge für all die kleinen Dinge, die das Menschsein ausmachen. Großartig.

 

 

 

 

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Rest in Peace, Philip Kerr

Ich bin immer noch ein wenig geschockt: Philip Kerr ist tot. Der britische Krimiautor wirkte bei seiner Lesung im Zuge der Wiener Kriminacht 2015 so lebendig und lebenslustig, dass es schwer fällt zu akzeptieren, dass Kerr keine weiteren Krimis mehr schreiben wird.

Obwohl Kerr angeblich kurz vor seinem Tod noch Band 14 seiner Bernie-Gunther-Serie fertiggestellt hat. Auf Deutsch erscheint im April übrigens “Kalter Frieden“, der elfte Band der Reihe – man wird also wohl auch nach dem Tod des Autors noch längere Zeit Neues von Kerr lesen können.

Kerrs Präsentation in Wien hat nachhaltig Eindruck bei mir hinterlassen, deswegen will ich diese hier noch einmal kurz zusammenfassen. Kerr stellte damals seinen ersten Fußball-Thriller “Der Wintertransfer” rund um Co-Trainer Scott Manson vor. Der Fußball- und Arsenal-Fan erklärte, dass er die Arbeit an seinem Buch genossen habe. Gelte es bei seinen historischen Krimis, chronologische Fehler sowie solche bei Straßennamen etc. zu vermeiden, sei es sehr angenehm gewesen, endlich einmal wieder über etwas in Zeiten von Twitter und Facebook zu schreiben.

Kerr vermisste in Europa gute Sportbücher – damit meinte er keine Sachbücher, sondern Romane. Es sei bezeichnend, dass eine der besten Sportpassagen ausgerechnet Ian Fleming in “Goldfinger” geschrieben habe: 60 Seiten über ein Golfduell zwischen James Bond und Goldfinger. Es gebe so viele furchtbare Sportbücher, nahezu jeder Fußballer habe eines geschrieben. Er wisse, wovon er spreche, denn er habe sie alle gelesen.

Die Recherche im Fußball-Bereich sei einfach gewesen. Es gebe viele gute journalistische Texte. Man müsse nicht stundenlang Fußballer interviewen. Es sei überhaupt ein Irrglaube, die größtmögliche Authentizität dadurch zu erzeugen, dass man die involvierten Persönlichkeiten interviewe. Er erinnere sich an ein Gespräch mit einem der größten Autoren von Kriminalromanen überhaupt: Elmore Leonard. “Dutch (so lautete Leonards Spitzname), du bist doch sicher mit einer Menge Cops und Kriminellen abgehangen”, habe er ihn gefragt. “Nein”, habe dieser geantwortet. Er habe fast all seine Informationen aus dem TV, vorwiegend der “Jerry Springer Show”.

Mit kleinen Geschichten die große Geschichte begreifbar machen

Aber auch für seine historischen Krimis sitze er nicht stundenlang in der Bibliothek und in den Archiven. Er gehe vielmehr zu den Orten und versuche, eine Vision zu erhalten – ein wenig wie ein “Method Actor”. Er liebe es bei seinen Recherchetätigkeiten, die “Gaps” der Geschichte zu finden. Kleine Geschichten, die die große Geschichte erst begreifbar machen. Er führte als Beispiel an, dass die Menschen, die etwa in Obersalzberg lebten, alle Hitler hassten, weil ihre Höfe und Villen von Martin Bormann enteignet wurden.

Eine Aufgabe seiner Romane sei es auch, die Briten von ihrem hohen Ross der moralischen Unfehlbarkeit zu holen. Das britische Empire basiere auf vielen Holocausts – das erzähle er auch immer wieder in Vorträgen. Man müsse sich nur ansehen, was die Briten in den 1850er Jahren in Indien angerichtet haben: 50.000-60.000 Inder seien massakriert worden. Keine große Zivilisation in der Geschichte sei sauber geblieben. Er habe über 30 Jahren über die SS und die Verbrechen der Nazis geschrieben, da sei das Schreiben eines Fußball-Krimi nun eine echte Befreiung gewesen. Das Schreiben generell sei für ihn so etwas wie eine Sucht. Er erfinde Geschichten und erschaffe sein Leben lang Figuren – das sei fast schon krankhaft, wie er zugeben müsse. Zu seiner Schreibweise erklärte er, dass er all jenen Autoren misstraue, die jedes Kapitel ihrer Bücher strikt durchgeplant haben.

Ich selbst werde dem Autor Respekt zollen, indem ich mich in nächster Zeit intensiv mit seiner Bernie-Gunther-Serie auseinandersetzen werde. Rest in Peace, Philip Kerr.

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Wenn der Fußballklub-Präsident mit der Waffe auf den Platz stürmt

(c) Tropen

Es sind unvorstellbare Dinge, die sich da momentan auf griechischen Fußballplätzen abspielen. “Präsident stürmt mit Revolver auf das Fußballfeld”, schreibt etwa “Die Presse”. Zuerst wurde das Spiel zwischen Paok Saloniki und AEK Athen abgebrochen, dann der ganze Ligabetrieb eingestellt.

Tja, hätte ich nicht vor eineinhalb Jahren Philip Kerrs “Die Hand Gottes” gelesen, hätte ich mir wahrscheinlich mehr gewundert, aber so war mir bereits bekannt, dass es im griechischen Fußball anders zugeht.

“Verglichen mit Silvertown Dock und dem Karaiskakis-Stadion war das Apostolos-Nikolaidis eine Dritte-Welt-Ruine”, schrieb Kerr in seinem Roman zwar nicht über das Paok-Stadion, aber jenes vom Rivalen Panathinaikos. “Kein Wunder, dass die Olympiakos hassen”, sagt daraufhin eine Figur der Romans.

Kerr arbeitet diese Fangruppen-Feindschaften in Griechenland gut heraus, gegen die etwa das Wiener Derby Austria-Rapid “wie ein Kindergeburtstag” anmutet.

“Panathinaikos und Olympiakos – das sind Erzfeinde, wie Sie wissen. Seit dem Peloponnesischen Krieg 400 vor Christus hat sich da zwischen Athen und Piräus nichts gändert”, heißt es an einer anderen Stelle von “Die Hand Gottes”.

Und da sage noch einer, Kriminalromane würden nicht die Welt beschreiben …

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Fünf Jahre crimenoir!

Fünf Jahre schreibe ich nun hier schon meine Gedanken über Kriminalliteratur nieder. Die Intervalle der Beiträge sind mit der Zeit größer geworden, aber ich habe beschlossen, dass das gut so ist. Bloggen soll Spaß machen.

Rückblickend muss ich sagen, dass das Krimijahr 2017 ein sehr gutes war, obwohl ich mir bis Mitte des Jahres nicht ganz so sicher war. Ein Hauptgrund: Tolle Krimis von Autorinnen. Dazu muss ich bekennen: Ich habe sehr lange vor allem Krimis von Autoren gelesen, bis ich mich irgendwann gefragt habe, woran das liegen mag. Vermutlich habe ich zu Beginn meiner Lesekarriere einfach die falschen “Frauenkrimis” (heute bin ich übrigens der Überzeugung, dass es sowas eigentlich gar nicht gibt – es gibt nur gute und schlechte Krimis) gelesen und dann fälschlicherweise die Finger davon gelassen. Aber wenn ich nun an die 2017 erschienenen und gelesenen Bücher von Monika Geier, Zoë Beck, Simone Buchholz, Clementine Skorpil und Alex Beer zurückdenke ( und hier sind nur die deutschsprachigen Autorinnen genannt), dann muss ich zugeben, dass das ein Fehler war. Diese abgebrühte männliche Sicht (ja, auch das ist sehr simpel verallgemeinernd) auf die Dinge ist manchmal auch ziemlich ermüdend.

Das Schöne: Ich fühle mich weiterhin als Suchender. Ich bin fasziniert davon, wie unterschiedlich all die Krimiautoren die Welt da draußen wahrnehmen. Auch alte, hundertmal erzählte Geschichten können durch neue Perspektiven ganz neu erscheinen. “Bios” von Daniel Suarez und “Fever” von Deon Meyer entführten mich wiederum in die Zukunft oder in postapokalyptische Welten. Die bereits erwähnte Alex Beer (“Der zweite Reiter”) nahm mich ebenso auf eine Zeitreise in die Vergangenheit mit wie Clementine Skorpil.

Ich hoffe auch, dass die Publikation von Gerald Seymours “Vagabond” keine Eintagsfliege bleiben wird. Dieser britische Autor politischer Thriller MUSS einfach weiter übersetzt werden.

Und auch 2018 wird ein gutes Jahr mit außergewöhnlichen Kriminalromanen werden, da bin ich mir sicher. Ich denke dabei – wahllos, wie sie mir gerade einfallen – etwa an folgende Bücher:

  • “Safe” von Ryan Gattis
  • “Dirty Cops” von Adrian McKinty
  • “Hologrammatica” von Tom Hillenbrand
  • “Die rote Frau” von Alex Beer
  • “Blut Salz Wasser” von Denise Mina

Und wenn ich allein die drei Frühjahrs-Neuerscheinungen des liebeskind-Verlags hernehmen, läuft mir das Wasser im Mund zusammen:

  • “Red Grass River” von James Carlos Blake
  • “Speicher 13” von Jon McGregor
  • “Der Wachmann” von Peter Terrin

Außerdem lebt der Polar-Verlag weiter und auch hier kündigen sich spannende Neuerscheinungen an, ebenso wie beim Kleinst-Verlag Pulp Master. Pendragon kümmert sich ohnehin um die Pflege wichtiger Krimiautoren und wartet auch mit neuen Stimmen auf. Der Alexander Berlin Verlag soll hier auch noch erwähnt werden.

Krimijahr 2018, lass uns beginnen 😉

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