Monthly Archives: June 2013

Die besten Krimi-Cover im Juni

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Aus dem Urlaub im sonnigen Sardinien zurück, wende ich mich krimitechnisch gleich einem weniger wettertechnisch verwöhnten Land zu: Nordirland. “Der katholische Bulle” (Suhrkamp nova) von Adrian McKinty ist für mich das Krimi-Cover des Monats Juni. Das Cover nimmt mich gleich emotional auf die Reise mit. Wie hier schon erwähnt ist das Buch für mich auch eines der absoluten Lese-Highlights dieses Jahres. Ich vertraue da einfach auf das Können des Autors, der mich bisher nicht enttäuscht hat.

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Auf Platz zwei landet “Ein seltsamer Ort zum Sterben” (Rowohlt Polaris) von Derek B. Miller. Ich habe das Buch im Urlaub ausgelesen und war ziemlich angetan. Mehr dazu hier in Kürze. Und das Cover ist wirklich toll gestaltet, zumal das Titelild mehr oder weniger die ganze Geschichte zusammenfasst. Wer das Buch gelesen hat, wird alle wichtigen Zutaten des Krimis erkennen: Das rote Haus in der Ferne stellt den Zielort der beiden Hauptdarsteller im Vordergrund dar. Sogar der ungewöhnliche Kopfschmuck des Jungen (Leser wissen Bescheid) taucht auf. Ein ausgesprochenes Lob an die Verantwortlichen!

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Platz drei geht an “Gluthitze” (Suhrkamp) von Joe R. Lansdale. Der Verlag beschreibt das Buch folgendermaßen: “Camp Rapture, eine verlorene und verlogene Kleinstadt mitten in Texas, liegt unter einer Hitzeglocke, als ein abgehalfterter Reporter in seine Heimat zurückkehrt und eine Story wittert.” Das Taschenbuch-Cover, das sich vom Hardcover (Achtung: unter dem Titel “Gauklersommer”!) übrigens deutlich unterscheidet, bringt das gut rüber. Allein beim Ansehen wird mir heiß…

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Crimenoir macht zwei Wochen Pause

(c) Tropen

(c) Tropen

Und ab geht es in den Süden. Wer wissen will, wo es hingeht, den verweise ich auf meine folgende Kurzkritik von Massimo Carlottos “Tödlicher Staub” vor einem Jahr: Sardinien steht für traumhafte Buchten, die den Vergleich mit Stränden in der Karibik nicht scheuen müssen. Die Insel beherbergt aber auch, wiewohl die wenigsten das wissen, den größten Nato-Übungsplatz Europas. Als eine Tierärztin mysteriöse Missbildungen bei Schafen untersucht, scheint der Zusammenhang mit Waffentests offensichtlich. Doch schon bald ist sie in Gefahr, denn auch im Paradies gibt es skrupellose Schurken. Der Autor legt einen Augen öffnenden Krimi vor. Als Urlaubslektüre nur bedingt zu empfehlen – denn die Hintergründe der Geschichte sind wahr.

Bis zum Juli werde ich dann wohl einige Krimis mehr gelesen haben. Was habe ich mit: “Ein seltsamer Ort zum Sterben” von Derek Miller, “Leichendieb” von Patricia Melo, “Der Flüchtling” vom oben erwähnten Massimo Carlotto und noch einiges mehr.

Bis dann, euer crimenoir-Writer!

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Sam Millar: Die Bestien von Belfast

(c) Atrium

(c) Atrium

Das Leben des irischen Autors Sam Millar gibt selbst genug Stoff für einen harten Krimi her: Er war in den 1990er-Jahren in den USA an einem der spektakulärsten Raubüberfalle auf ein Depot mit Geldtransportern beteiligt, wanderte in den Knast und wurde von dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton begnadigt (mehr dazu…).  So gesehen ist es schade, dass nicht seine Autobiografie “On The Brinks” als erstes Buch auf Deutsch erschienen ist. Andererseits macht es auch nicht so viel, denn “Die Bestien von Belfast” ist ein vielversprechender Roman-Auftakt.

Überstehen muss man allerdings die ersten zehn Seiten, die wie aus einem Horrorroman wirken. Schon die ersten beiden Sätze deuten an, dass hier nicht nur das fiktive Opfer nicht verschont wird, sondern auch der Leser einen guten Magen braucht:

“Die zierliche Frau lag ausgestreckt, leblos und unbemerkt im üppigen Gras. Obwohl sie kaum noch atmete, versuchte sie, die Augen zu öffnen, doch die blutverkrusteten Lider gehorchten ihr nicht.”

Davon darf man sich nicht abschrecken lassen, auch wenn es schwer fällt und ich jeden verstehe, der das Buch weglegt. Ich hatte auch die Befürchtung, dass es sich hier um billigen Voyeurismus und Gewaltverherrlichung handelt. Grenzwertig ist das allemal (der Originaltitel “Bloodstorm” spricht für sich), diese brutalen Szenen sind aber durchaus notwendig, um das spätere Handeln einer wichtigen Akteurin zu verstehen.

Fest steht, dass Millar über eine Welt schreibt, von der man hofft, dass es sie so nicht gibt. Es ist eine brutale, vulgäre, zynische Welt, in der aber auch viel Platz für schwarzen Humor ist. Erträglich macht diese Welt erst Privatdetektiv Karl Kane, um den sich alles dreht. Selbst ziemlich verkorkst, ist er gleichzeitig ein unbeugsamer Charakter in einem äußerst korrupten Umfeld. Der Autor verwendet immer wieder Rückblenden, schließlich holt auch Kane die eigene Vergangenheit ein. Und man erkennt, aus welchem Eck der begnadigte Kriminelle Millar kommt: Polizisten sind in “Die Bestien von Belfast” alles – nur nicht die Guten. Das muss manchem Gesetzeshüter wie Hohn erscheinen.

Bei Millar weiß man, warum es das Subgenre Hardboiled gibt. Das ist nichts für Zartbesaitete. Millar hat ein wildes Buch geschrieben, das stellenweise ausufert und abstößt, aber im Verlauf der Geschichte immer mehr fesselt und fasziniert. “Die Bestien von Belfast” ist ein 286-seitiger Höllentrip, bei dem man zwischendurch froh ist, das Buch zur Seite legen zu können.

Sam Millar: “Die Bestien von Belfast”, übersetzt von Joachim Körber, Atrium Verlag, 286 Seiten.

7 von 10 Punkten

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Sara Gran: Das Ende der Welt / Stadt der Toten

(c) Droemer

(c) Droemer

Sara Grans Krimis sind bestimmt nicht jedermanns Geschmack. Die meisten werden sie entweder lieben oder hassen. Ich habe mich noch nicht entschieden – und ich will auch erklären warum. Es liegt vor allem daran, dass ich den zweiten Teil der Claire DeWitt-Saga, “Das Ende der Welt”, vor dem ersten Teil, “Die Stadt der Toten”, gelesen habe. Ich bin mit einem Gefühl der Enttäuschung zurückgeblieben. Das sollte tatsächlich die hochgelobte Sara Gran sein? Ich entschloss mich daher, auch den Auftakt der Serie zu lesen.

Das war eine gute Entscheidung, die mich mit der Autorin versöhnt hat. Denn in “Die Stadt der Toten” spielt Gran ihr Können aus. Eigentlicher Hauptdarsteller ist für mich die von Hurrikan Katrina verwüstete und schwer gezeichnete Stadt New Orleans. Die offenen Wunden und schlecht verheilten Narben der Stadt korrespondieren auch mit dem Innenleben der Detektivin Claire DeWitt. Der zweite Teil spielt in San Francisco und in dieser Stadt wirkt DeWitt eher wie ein Fremdkörper.

(c) Droemer

(c) Droemer

Aber auch inhaltlich erzählt Gran in “Die Stadt der Toten” eine faszinierende Geschichte – mit Humor und einer Detektivin die abseits aller Normen agiert und denkt. Das macht wirklich Spaß. Die Krimihandlung steht zwar nicht im Vordergrund, ist aber von Belang. Das ist im zweiten Teil nicht so. Da geht es eigentlich nur um DeWitts Innenleben. Die Krimihandlung driftet irgendwann vollkommen ab. Ich verstehe das zwar nun, da ich den ersten Teil auch kenne, besser. Aber eigentlich ist “Das Ende der Welt” nur ein Zwischenspiel. Vermutlich wäre es am besten die laut Autorin geplanten vier Teile irgendwann in einem Stück zu lesen. Da stört es dann auch nicht, dass sich die Figur DeWitt hemmungslos dem Kokainkonsum hingibt, um gegen die Geister der Vergangenheit und der Gegenwart anzukommen.

Mit der unkonventionellen Detektivin DeWitt hat Gran einen durchaus charmanten Charakter geschaffen, der mich im zweiten Teil aber eher genervt hat. Trotzdem will ich wissen, wie es mit der Heldin weitergeht und wie und ob sich die durch die zwei Teile ziehenden offenen Handlungsstränge auflösen. Oder ist es so, wie es in Teil eins einmal heißt:

“Die Rätsel enden nie.”

Diesen Verdacht werde ich nicht ganz los. Ich vergebe daher folgende Punkte:

Sara Gran: “Die Stadt der Toten”, übersetzt von Eva Bonné, Droemer, 361 Seiten.

8 von 10 Punkten

Sara Gran: “Das Ende der Welt”, übersetzt von Eva Bonné, Droemer, 367 Seiten.

4 von 10 Punkten

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KrimiZeit-Bestenliste Juni – Ein Abgleich

(c) Tropen

(c) Tropen

Die KrimiZeit-Bestenliste bleibt auch im Juni fest in Frauenhand. Sara Gran muss zwar mit “Das Ende der Welt” die Spitzenposition abgeben und rangiert diesmal auf Platz 5. Dafür ist die Brasilianerin Parícia Melo mit “Leichendieb” von 0 auf Platz 1 eingestiegen. Das freut mich um so mehr, da ich das Buch bereits bei mir im Regal stehen habe. Eigentlich wollte ich es erst im August – kurz vor dem Brasilien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse – lesen. Nun muss ich mir überlegen, ob ich es noch so lange aushalte. Mit Sara Grans Buch werde ich mich übrigens in meinem nächsten Beitrag beschäftigen. Dann werde ich auch schildern, warum ich “Das Ende der Welt” eher zwiespältig beurteile.

Mit Giancarlo de Cataldo (“Der König von Rom”) und Cathi Unsworth (“Opfer”) finden sich zwei weitere Autoren auf der Liste, deren Krimis ich bereits gelesen habe. Beide sind übrigens bereits zum dritten Mal auf der Liste – Hut ab. Dass es Mark Petersons “Flesh & Blood” (Platz 9) ebenfalls in das Ranking geschafft habe, finde ich auch gut. Steht ebenfalls schon seit Wochen im Regal und wartet darauf, gelesen zu werden.

Ein Grund, warum ich die KrimiZeit-Bestenliste mag, ist dass ich dadurch immer wieder Bücher entdecke, auf die ich sonst nicht gestoßen wäre. Da durchforstet man ohnehin Internet und Verlagsvorschauen in schon fast unerträglichem Ausmaß und dennoch schaffen es manche Bücher nicht auf meinen Radar. Diesmal ist das bei Giampaolo Simis “Vater. Mörder. Kind” (Platz 7) der Fall. Ich hatte echt noch nie von dem Buch gehört. Der italienische Autor wirft einen intimen Blick hinter die bürgerliche Fassade und schildert den Kampf eines Vaters um seine Tochter. Klingt spannend.

Die Liste im Überblick:

  1. Patrícia Melo: “Leichendieb”
  2. Robert Hültner: “Am Ende des Tages”
  3. Olen Steinhauer: “Die Spinne”
  4. Daniel Suarez: “Kill Decision”
  5. Sara Gran: “Das Ende der Welt”
  6. Giancarlo de Cataldo: “Der König von Rom”
  7. Giampaolo Simi: “Vater. Mörder. Kind”
  8. Matthias Wittekindt: “Marmormänner”
  9. Mark Peterson: “Flesh & Blood”
  10. Cathi Unsworth: “Opfer”

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (VI)

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Der Juni wartet mit hochklassigen Krimis in Hülle und Fülle auf. Der Wermutstropfen: Ich werde nicht alle lesen können. Den Anfang macht jedenfalls “Ein seltsamer Ort zu sterben” von Derek Miller, der ab 1. Juni erhätlich ist. Der 82-jährige Sheldon Horowitz steht im Zentrum der Geschichte. Er ist aus den USA zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er trauert um seine verstorbene Frau und den in Vietnam gefallenen Sohn, sein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Da befindet er sich auf einmal mit einem Kind auf der Flucht. Er weiß nur eines: Er muss das Kind beschützen. Klingt vielversprechend und steht weit oben auf meiner Leseliste.

(c) Heyne

(c) Heyne

Am 10. Juni erscheint dann “Der letzte Wille” von Denise Mina. Das Buch wurde von Conny Lösch übersetzt, was mich ehrlich gesagt erst auf die Autorin aufmerksam gemacht hat – denn ich habe bislang noch kein von Lösch übersetztes Spannungsbuch (Howard Linskey: “Crime Machine”, Ian Rankin: “Mädchengrab”, Don Winslow: “Zeit des Zorns” & “Kings of Cool”, Frank Bill: “Cold Hard Love”) gelesen, dass nicht auf irgendeine Art und Weise außergewöhnlich war. Zudem mag ich Krimis, die in Glasgow spielen. Und dieses Buch beginnt nicht einmal mit einem Wetterbericht!

(c) Argument Verlag

(c) Argument Verlag

An den Start geht auch die Französin Dominique Manotti mit “Zügellos” (17. Juni). Diesmal zeigt die Ausnahme-Autorin den Zusammenhang zwischen Drogenhandel und Immobilienspekulation auf. Und wieder einmal dürfte sie einen Finger auf die offene Wunde Korruption, also kriminelle Verbindungen zwischen Politk und Wirtschaft, legen.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Auch in Simon Mocklers “Das Midas-Kartell” (17. Juni) geht es um dubiose Finanzgeschäfte. Der Verlagstext dazu: Während der Überprüfung einer angesehenen Londoner Bank kommt Daniel Wiseman dubiosen Geldtransaktionen auf die Spur. Als der Mitarbeiter einer Wirtschaftskanzlei die Wahrheit ans Licht bringen will, wird er gefeuert. In Zeiten, in denen Geldwäsche und Steuerflucht die Schlagzeilen dominieren, vielleicht genau das Richtige. Nur die Aufmachung lässt allzu Reißerisches befürchten.

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Am meisten gespannt bin ich allerdings auf Adrian McKintys “Der katholische Bulle” (17. Juni), den Auftakt zu seiner Serie rund um Detective Sergeant Sean Duffy. Seit seiner “Dead”-Trilogie und “Ein letzter Job” steht der Autor bei mir ganz hoch in der Gunst. Und wer McKintys Meinung über “15 Dinge, die nichts in einem Krimi verloren haben” wissen will: Hier geht es zu meinem entsprechenden Beitrag.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Von meinem absoluten Lieblingsautor Don Winslow erscheint ein älteres Werk wieder auf Deutsch (erstmals 1997 mit dem Titel Manhattan Blues auf Deutsch publiziert). “Manhattan” (17. Juni) erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1958 rund um JFK, CIA und Intrigen. Vor 15 Jahren kannte den Autor im deutschen Sprachraum kaum jemand. Mal sehen, wie sein Buch in der zweiten Runde ankommt.

(c) liebeskind

(c) liebeskind

Und dann wäre da noch Donald Ray Pollock, von dem nach dem gefeierten “Das Handwerk des Teufels” nun “Knockemstiff” (24. Juni) erscheint. Das Buch ist Pollocks eigentlicher Debütroman, weil sich der deutsche Verlag nicht an die Reihenfolge gehalten hat. Für mich ist diese Crime-Saga absolute Pflicht. Das vielklingende “Knockemstiff” ist übrigens ein 400-Seelen-Kaff in Ohio. Ich habe das Buch seit heute und mir haben die ersten zwei Sätze gereicht, um meine Neugier deutlich zu steigern:

“Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte.”

(c) Luchterhand

(c) Luchterhand

Ähnlich knochenhart dürfte es in Benjamin Percys “Wölfe der Nacht” (24. Juni) zugehen. Der Verlagstext verrät dabei, dass es hier Existenziell zugeht: Die Natur überlässt den modernen Zeiten ihr Terrain nicht kampflos. Und die grausamste Wildnis lauert im Menschen selbst. Na mal schauen: Das klingt, als würden Daniel Woodrell und der oben erwähnte Pollock grüßen lassen.

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Paolo Roversi: Milano Criminale

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Nach Giancarlo de Cataldos Gangsterepos “Romanzo Criminale” legt nun eine weiterer italienischer Autor eine Chronik des Verbrechens vor. Paolo Roversi hat mit “Milano Criminale” für Mailand das getan, was de Cataldo für Rom getan hat. Als Ausgangspunkt wählt er den 27. Februar 1958. An diesem Tag überfielen Bewaffnete auf offener Straße einen Geldtransporter. Unter den Schaulustigen befanden sich auch zwei gegensätzliche Jungen: Roberto und Antonio. Der Tag verändert auch ihr Leben: der eine wird Verbrecher, der andere Polizist. Und ihre Wege werden sich kreuzen.

Das ist eine wirklich feine Ausgangsposition. Doch Roversi wollte mehr. Er gibt sich nicht mit dem Porträt dieser beiden widersprüchlichen Männer zufrieden, sondern will der Verbrecherwelt der Stadt ein literarisches Monument setzen. Gerade zu Beginn seines Romans tauchen fast auf jeder Seite neue Charaktere auf – so als hätte Roversi Angst gehabt, irgendeinen Verbrecher der damaligen Zeit nicht zu erwähnen. Immer wieder erliegt Roversi auch dem Charme der ausgefuchsten Verbrecher, diese werden stellenweise ziemlich unverblümt romantisiert. Man hat da schon manchmal den Eindruck, dass seine Sympathien den genialen Bankräubern gelten und nicht den verbissenen Polizisten, wie auch folgendes Zitat zeigt:

“Wir haben eine Mission. Wir sind keine x-beliebigen Kriminellen, sondern tapfere Krieger, die mit der Pistole im Anschlag die Revolution vorantreiben! Wir sind keine Verbrecherbande, sondern ein Partisanenkommando, das gegen die bestehende Macht kämpft: die Finanzmacht!”

Dennoch liest sich das mitunter wirklich faszinierend, auch wenn Roversi eben immer wieder den Faden verliert. Erst ab der Hälfte des Buches konzentriert er sich wieder stärker auf die Feindschaft von Roberto und Antonio sowie die privaten Probleme und Sorgen der Gegenspieler. Trotz all dieser Schwächen habe ich “Milano Criminale” gern gelesen. Denn Roversi entführt auch in eine vergangene Zeit, in der Verbrecher tatsächlich noch als eine Art Widerstandskämpfer empfunden wurden. Und wer hat schon Mitleid mit einer Bank?

Interessant finde ich auch, dass Roversi auf Seite 169 auf einen Mailänder Autor Bezug nimmt, der den Grand prix de littérature policière, den renommierten Preis für Kriminalliteratur erhalten hat. Denn wenn er über diesen schreibt, ist es fast so, als würde er darüber schreiben, was er mit “Milano Criminale” erreichen wollte: “Die Romane dieses Schriftstellers sind nicht nur kongeniale Krimis, sondern ein kostbares Abbild einer Epoche, das getreue und authentische Zeugnis der zu Ende gehenden sechziger Jahre, das mitleidlose Porträt eines kurzatmigen Landes, durch das ein böser Wind weht. Kurz gesagt, ein ganz anderes Bild als jenes, das die Zeitungen gern von den Jahren vermitteln, die die Jahre des Wirtschaftsbooms genannt werden.”

Das Buch endet jedenfalls so, dass mit einem weiteren Teil stark zu rechnen ist. Und ich muss sagen, ich wäre wieder dabei. Denn irgendwie hat es Roversi geschafft, mich zu packen. Manchen Autoren verzeiht man eben auch ihre Schwächen.

Paolo Roversi: “Milano Criminale”, übersetzt von Esther Hansen, Ullstein, 461 Seiten.

6 von 10 Punkten

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