Monthly Archives: December 2018

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist

(c) Ariadne

Vor zwei Jahren hat die österreichische Autorin Gudrun Lerchbaum mit ihrem dystopischen Krimidebüt “Lügenland” für Aufsehen gesorgt. Sie porträtierte Österreich darin als einen Überwachungsstaat in der nahen Zukunft. Das kam mir damals nicht ganz nachvollziehbar, weil übertrieben, vor. Auch in ihrem neuen Buch “Wo Rauch ist” spitzt sich die Lage angesichts eines Rechtsrucks im Land zu. Ich muss zugeben, dass ich mir beim Lesen gedacht habe, dass Lerchbaums Buch dieses politische Setting eigentlich gar nicht benötigt. Doch dann habe ich auf dem Blog der Autorin einen Beitrag gefunden, der mich sehr nachdenklich macht.

Sie schreibt darin über einen ängstlichen Rezensenten eines österreichischen Mediums. Dieser sähe “ob der allzu regierungskritischen Haltung des Buches unter den derzeitigen Umständen keine Chance das (in der Redaktionskonferenz?) durchzubringen”. Um sich nicht “in die Nesseln zu setzen”, verzichte er also auf die Rezension. Feedback wollte er aber doch geben: “Wunderbare Charakterzeichnung, sensibles Eintauchen in die Gefühlswelt einer chronisch Kranken. (…) Hätte das Drama ohne Seitenhiebe auf die aktuelle Politik nicht womöglich sogar zeitlosere Kraft erlangt?”

Wow. Das hat es in sich. Das sagt dann doch einiges über das veränderte Klima in diesem Land aus. Wenn sich Rezensenten eines Kriminalromans fürchten müssen und daher vorauseilend auf eine Besprechung verzichten… Vielleicht bin ich naiver, als ich dachte.

Es wäre ein Fehler, dieses Buch nicht vielen Lesern zu empfehlen. Jeder soll sich selbst ein Bild machen, das ist wohl jedem zumutbar. Und ja, man muss die Sichtweise der Autorin nicht teilen. Wenn man über diese Dinge aber nicht mehr schreiben kann, dann muss man es wirklich mit der Angst zu tun bekommen.

Ganz unabhängig von der politischen Komponente überzeugt dieses Buch – und das kommt leider zu kurz – durch seine literarische Qualität: Lerchbaum hat einprägsame, sehr echte Figuren erschaffen: Die an Multipler Sklerose erkrankte, aber niemals bemitleidenswerte Olga ermittelt mit einem Begräbnisredner und einer verurteilten Mörderin im Todesfall ihres Exmannes, eines türkischstämmigen Journalisten. Das kann schon was, da beugt sich die Autorin keinem Mainstream. Sie biedert sich dem Leser nicht an. Manchmal ist das auch sperrig – wie angenehm in diesem großteils glattgebügelten Krimi-Einheitsbrei.

Ariadne-Herausgeberin Else Laudan formuliert das so: “So ist dieser Roman nicht nur ein lebhafter, charmanter Wiener Krimi um Politik, Dünkel und Vorurteil, sondern auch ein Mosaikstein im Ringen um Erzählhoheit und um ein plurales, vielfältiges, inklusives Welt- und Menschenbild in unserer Kultur. Mehr davon!”

7 von 10 Punkten

Gudrun Lerchbaum: “Wo Rauch ist”, Ariadne Verlag, 285 Seiten.

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Patrícia Melo: Der Nachbar

(c) Tropen Verlag

Warum aus dem Gebot “Liebe deinen Nächsten” im Alten Testament ein “Liebe deine Feinde” im Neuen Testament wurde? Die brasilianische Krimiautorin Patrícia Melo (für “Leichendieb” erhielt sie 2014 den Deutschen Krimipreis) gibt darauf in ihrem Buch “Der Nachbar” eine klare Antwort: “Weil seit biblischen Zeiten der Nächste, der Nachbar gleichbedeutend ist mit dem Feind.”

Damit ist eigentlich auch schon gesagt, worum es sich in dem 159 Seiten dünnen Buch handelt. Die Handlungen der Hauptfigur, eines Lehrers, der sich von seinem Nachbarn gestört fühlt und daher zu drastischen Maßnahmen greift, sind nicht immer ganz nachvollziehbar. Gerade das macht das Buch aber auch so verstörend. Man sollte wirklich bedenken, wie man mit Nachbarn umgeht. Man weiß schließlich nie, welch Monster da in dem Kerl/der Frau neben dir schlummert.

Die Autorin ist sicher nicht jedermanns Sache. Denn dieser Hauptfigur, die viele unsympathische und gruselige Seiten hat, kann man nicht wirklich trauen. Was ist der Erzähler: Ein Gequälter oder einfach nur ein Durchgeknallter?

Ein störender Nachbar, eine verstörende Hauptfigur – so könnte man es ganz gut zusammenfassen.

7 von 10 Punkten

Patrícia Melo: “Der Nachbar”, übersetzt von Barbara Mesquita, Tropen Verlag, 159 Seiten.

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Krimi-Bestenliste November und Dezember: Ein Abgleich

(c) Diogenes

Wieder einmal muss ich die Krimi-Bestenliste im Doppelpack präsentieren, weil mein Blog-Rhythmus in den letzten Monaten ziemlich durcheinander geraten ist. 2019 soll da wieder mehr Linie reinkommen!

Naja, egal, Hauptsache es gibt gute Kriminalromane. Und die gibt es tatsächlich. Sowohl Mick Herrons “Slow Horses”, Bill Beverlys “Dodgers” und “Safe” von Ryan Gattis kann ich jedem als ideale Weihnachtslektüre empfehlen (ich hoffe, meine Texte dazu auch noch vor Weihnachten hier abzuliefern).

Sehr beachtenswert: Auf der Dezember-Liste befinden sich acht Kriminalromane von Autorinnen. Gelesen habe ich davon Patrícia Melos “Der Nachbar” (wieder einmal eine verstörende Lektüre) und Anne Goldmanns “Das größere Verbrechen” (wow, echt tolle Dialoge!) lese ich im Moment. Susanne Saygins “Feinde” und “Mexikoring” von Simone Buchholz will ich heuer noch unbedingt lesen.

Mein Kritikpunkt: Dass Bill Beverly nach nur einem Monat wieder aus der Liste fällt, ist angesicht der Qualität dieses Buches ein wenig unbegreiflich.

Die Liste im Dezember:

1. Sara Paretsky: Kritische Masse (-)
2. Louise Penny: Hinter den drei Kiefern (3)
3. Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin (2)
4. Mick Herron: Slow Horses (1)
5. Patrícia Melo: Der Nachbar (-)
6. Anne Goldmann: Das größere Verbrechen (-)
7. Simone Buchholz: Mexikoring (4)
8. Carol O’Connell: Blind Sight (-)
9. Christoph Peters: Das Jahr der Katze (9)
10. Mechtild Borrmann: Grenzgänger (-)

Die Liste im November:

1. Mick Herron: Slow Horses (2)
2. Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin (-)
3. Louise Penny: Hinter den drei Kiefern (-)
4. Simone Buchholz: Mexikoring (5)
5. Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type (1)
6. Jérôme Leroy: Die Verdunkelten (7)
7. Bill Beverley: Dodgers (-)
8. Ryan Gattis: Safe (8)
9. Christoph Peters: Das Jahr der Katze (-)
10. Susanne Saygin: Feinde (-)

 

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Daniel Suarez: Bios

(c) Rororo

Stell dir vor, du bist ein Interpol-Agent, der gegen Genkriminalität ankämpft, und eines Tages erwachst du im Körper deines Feindes: Du siehst aus wie er, du hast seine DNA. Aus dieser gruseligen Idee hat Daniel Suarez einen fesselnden Zukunftsthriller gemacht, der den Leser zweifeln lässt, ob er das Jahr 2045 erleben will. Denn das Schlimmste an “Bios” ist, dass alles so furchtbar plausibel klingt. Designerbabys erscheinen als Problem vergangener Tage. Da sieht man auch großzügig über manche erzählerische Schwäche hinweg – zu faszinierend ist die Welt, die Suarez erschafft.

Und damit unterscheidet sich sein aktuelles Buch aus meiner Sicht deutlich von “Daemon” und “Darknet”, die ich vor Jahren gelesen habe. Auch diese beiden Bücher waren thematisch äußerst interessant, doch erst mit “Bios” ist es Suarez gelungen, eine passable Erzählung zu konstruieren. So war das Buch auch eine der großen positiven Überraschungen des Vorjahres für mich.

7 von 10 Punkten

Daniel Suarez: “Bios”, übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann, Rowohlt-Verlag, 541 Seiten.

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