Monthly Archives: December 2019

Clementine Skorpil: Max Leitner, Ausbrecherkönig

(c) Edition Raetia

Clementine Skorpil kann also nicht nur historische China-Krimis (“Gefallene Blüten”, “Guter Mohn, du schenkst mir Träume”,  Kurztext zu “Langer Marsch”), sondern auch zeitgenössischen Südtirol-True-Crime-Krimi. So könnte man es nach der Lektüre von “Max Leitner, Ausbrecherkönig” formulieren. Vor allem zeigt das Buch aber, wie man Dichtung und Wahrheit perfekt miteinander verbinden kann.

“Max ist nicht tot, aber auch nicht lebendig. Es ist schlimmer als tot sein. Er sitzt im Gefängnis. Lebendig begraben.”

In sein Schicksal gefügt hat sich der erwähnte Max aber nie. Fünfmal ist der mittlerweile 61-jährige Südtiroler aus Gefängnissen ausgebrochen, genauso oft wurde er wieder geschnappt. Fast sein halbes Leben hat er hinter Gittern verbracht. Leitner selbst sieht sich bis heute als ein Justizopfer. Er werde wie ein wildes Tier gejagt, „zu Tode gehetzt“, sagte er 2011 auf der Flucht in einem aufsehenerregenden Video. „Ich habe zwar Banken und Geldtransporter überfallen, jedoch nie einem Menschen ein Haar gekrümmt.“

Der Mythos des Ausbrecherkönigs – Skorpil erliegt ihm nicht, auch weil sie aus zwei Perspektiven erzählt. Sie stellt Max einen fiktiven Antagonisten, den italienischen Staatsanwalt Fabio Pagano, der sich Leitner an die Fersen heftet, gegenüber. Das Buch hat mich dadurch an Paolo Roversis Kriminalromane “Milano Criminale” und “Schwarze Sonne über Mailand” erinnert.

“Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet”

Es ist aber genau diese literarische Freiheit, die den Roman von den unzähligen Das-wahre-Leben-Büchern unterscheidet. Vieles ist erfunden. „Dennoch folgt dieser Roman Max Leitners Spuren, und viele der unglaublichsten Episoden haben sich tatsächlich zugetragen“, schreibt die Autorin im Nachwort. Gemeint sind damit etwa die unvorstellbaren Szenen in der Hecke und der Hundehütte, die über die Lektüre hinaus nachwirken.

Tatsächlich sind es vor allem die im Buch geschilderten schier unglaublichen Katz-und-Maus-Situationen zwischen Leitner und der ihn verfolgenden Polizei, die zeigen, über welch unbändigen Willen dieser widerspenstige Geist in aussichtslosester Lage verfügte. Es ist eine der großen Stärken der Autorin, dass man sich während der Lektüre oft fragt, was denn nun vom Erzählten wirklich geschehen ist – und was nicht.

Ganz nebenbei gewährt Skorpil einen Einblick in das österreichische und italienische Justiz- sowie Gefängniswesen. Bei seiner ersten Verhaftung in Österreich wird Max von der Polizei angeschossen. Als er sich wundert, warum er noch lebt, erklärt ihm ein Polizist, dass Warn- und Streifschüsse sowie Schüsse, „um den Täter unschädlich zu machen, also Knie, Hand et cetera“, zulässig seien. „Aber wenn einer ex geht bei einer Schießerei, hast du nur Scherereien.“ „Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet“, will Max wissen. „Könnte man so sagen“, antwortet der Polizist todernst.

Porträt eines Unbeugsamen

Das Buch liest sich auch als eine Reise durch die Zeit: Anfang der 1990er-Jahre, als Max erstmals verhaftet wird, haben Computer, Internet und Handys noch nicht bis in die verstaubtesten Schreibstuben der Behörden und komplett in den Alltag Einzug gehalten. Skorpil hat zudem ein gutes Gefühl für die kleinen Momente. Die Insassen des Gefängnisses in Stein etwa findet Max widerlich. „Einer hat Prostituierte stranguliert. Aber nein, der wurde vor zwei Jahren entlassen, weil er so schön Gedichte geschrieben hat.“ Gemeint ist Frauenmörder Jack Unterweger.

Herausgekommen ist ein Buch, das Max Leitner nicht als von der Staatsmacht verfolgten Helden verklärt, wie er sich das wohl selbst wünschen würde. Es wurde vielmehr die außergewöhnliche Geschichte eines Unbeugsamen mit all seinen Licht- und Schattenseiten.

9 von 10 Punkten

Clementine Skorpil: “Max Leitner, Ausbrecherkönig”, Edition Raetia, 312 Seiten.

Der Transparenz zuliebe will ich darauf hinweisen, dass Clementine Skorpil und ich den selben Arbeitgeber haben (ohne allerdings zusammenzuarbeiten). Die Qualität ihrer Bücher spricht aber für sich.

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Frederick Forsyth: Der Fuchs

(c) C. Bertelsmann

Mit einem Schakal hat alles begonnen und mit einem Fuchs könnte alles enden. Als Jugendlicher haben mich Frederick Forsyths multiperspektivische Politthriller “Die Faust Gottes” und “Das schwarze Manifest” nachhaltig beeindruckt – ebenso wie die Verfilmung von Forsyths Debütroman “Der Schakal” (natürlich das Original aus dem Jahr 1973 mit Edward Fox als Schakal). Nun ist also “Der Fuchs” erschienen, angeblich das letzte Buch von des mittlerweile 81-jährigen Autors (seinen Vorgänger-Thriller “Die Todesliste” habe ich hier vor sechs Jahren besprochen).

Ganz anders als bei dem anderen Altmeister des politischen Thrillers, John le Carré (siehe letzter Beitrag “Federball”), sind bei Forsyth die Rollen stets ganz klar verteilt. Die Briten und ihr amerikanischer Verbündeter sind die Guten – Nordkorea, Iran und Russland sind die Bösen.

Worum es diesmal geht? Als ein junger britischer Hacker, der einsiedlerisch im Dachzimmer seines Wohnhauses haust, im Alleingang in die sichersten Computersysteme der USA eindringt, erkennen die westlichen Geheimdienste rasch sein wahres Potenzial. Das unbedarfte Genie wird zur perfekten Waffe umfunktioniert, um die Schurkenstaaten das Fürchten zu lehren. Wie gewohnt beschreibt Forsyth minutiös militärische Kommandoaktionen und die Zusammenarbeit von Geheimdiensten. Seine Sympathie gilt den unsichtbaren, aber stets patriotischen Geheimdienstmitarbeitern und Soldaten.

Forsyth ist kein Zweifler

Sehr fesselnd beschreibt der 81-jährige Autor außenpolitische Hintergründe und Zusammenhänge. Wie hängen Irans und Nordkoreas Bestrebungen zur Erreichung der Atombombe und die Giftattentate auf russische Verräter zusammen? Forsyth hat nichts verlernt, gebannt rast man durch die Seiten. Eines ist aber klar: Zweifelnde Zwischentöne sind nicht so sein Ding.

7 von 10 Punkten

Frederick Forsyth: “Der Fuchs”, übersetzt von Rainer Schmidt, C. Bertelsmann, 320 Seiten.

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