Monthly Archives: April 2013

J. R. Moehringer: Knapp am Herz vorbei

(c) S. Fischer

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Willie Sutton (1901-1980) war einer der beliebtesten Bankräuber aller Zeiten. Er galt als eine Art Gentleman-Verbrecher, der dutzende Banken ausraubte, dabei keinen einzigen Schuss abfeuerte und mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbrachte. J.R. Moehringer hat sich dieser faszinierenden Legende gewidmet und mit “Knapp am Herz vorbei” vorbei ein außergewöhnliches Porträt geschrieben, das aber auch reine Fiktion sein könnte. Das gibt Moehringer in einer Anmerkung auch zu: “Dieses Buch ist meine Vermutung. Und zugleich mein Wunsch.” Fakten und Fiktion sind nicht voneinander zu trennen.

Aber wohl auch das macht den Reiz dieser einfühlsamen Geschichte aus. Letztlich ist es nicht so wichtig, ob all das so passiert ist oder nicht – Moehringer hat etwas geschafft, das nur selten gelingt. Er hat nicht nur einen spannenden Roman geschrieben, sondern ein Stück große Literatur. “Knapp am Herz vorbei” ist ein Stück großer Erzählkunst. Daher sei es Moehringer auch verziehen, das er dem Mythos des Bankräubers phasenweise selbst erliegt. Doch er schreckt nicht davor zurück, das in einer Szene zu thematisieren: “Du hast gesagt, du hättest nie jemanden verletzt, worauf du sehr stolz bist, aber sieh dir die Leute an, die dir über den Weg gelaufen sind. Wie ist es ihnen ergangen? Sie sind im Gefängnis, blind oder tot.” Und: “Ein sympathischer Verbrecher kann tödlicher sein als ein zähnefletschender Axtmörder, weil die Leute nicht die nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen.”

“Der ganze F.-Scott-Fitzgerald-Schwachsinn”

Willie Sutton muss vor dem Hintergrund seiner Zeit verstanden werden: Der 1920er- und 1930er-Jahre, also den Jahren vor und während der Großen Depression – obwohl diese gar nicht so leicht zu trennen sein dürften, wie es einmal heißt: “Alle glauben, dass die zwanziger Jahre golden waren. Dass die Leute über Nacht reich wurden, der ganze F.-Scott-Fitzgerald-Schwachsinn, aber lasst euch von Willie sagen, das Jahrzehnt hat mit einer Depression angefangen und mit einer Depression aufgehört, und dazwischen gab es viele nervenaufreibende Tage.”

Suttons Motivation beschreibt Moehringer einmal so: “Ich wusste, dass es falsch war. Aber es war auch falsch, dass ich hungrig war.” Wie dem auch sei – der Autor hat ein Buch voll einprägsamer Charaktere und lebenskluger Zitate rund um “Willie The Actor” geschrieben. Diese Spitznamen erhielt er, weil er sich bei seinen Überfällen mit Vorliebe verkleidete. “Der Spiegel” beschrieb den Bankräuber bereits 1952 als “Asphalt-Robin-Hood”. Denn die eigentlichen Bösen hat Moehringer längst ausgemacht, wie er in einem Interview mit dem Fischer-Verlag zugibt: “Ich arbeitete gerade an einem anderen Projekt, als mich 2008 der Höhepunkt der Bankenkrise so unglaublich wütend auf die Banker machte, die Riesensummen kassierten, aber das Geld anderer zum Fenster hinauswarfen. Für mich sind Banker die Architekten der Apokalypse. Nur einer konnte meine Wut auf die Banken übertreffen: ein Bankräuber.”

Das Willie-Sutton-Gesetz

Der echte Willie Sutton wurde übrigens auch als Ausbrecher-König bekannt. Ihm gelang mehrmals die Flucht aus dem Gefängnis – einmal budelte er sogar mit Komplizen einen 30 Meter langen Tunnel. Ein Spruch wird ihm hartnäckig zugeordnet: “Weil dort das Geld ist”, soll er begründet haben, warum er Banken überfallen habe. In seinen Memoiren wies er das aber zurück. Dies sei wohl die Erfindung irgendeines Journalisten gewesen. Warum er Banken ausgeraubt habe? Die Antwort passt nicht ganz in das idealsierte Bild von Sutton: “Weil ich es genossen habe. Ich habe es geliebt.”

Dennoch wird auf Management-Schulen aufgrund des falschen Zitats bis heute die sogenannte Willie-Sutton-Regel gelehrt: Diese beinhaltet die Maxime, dass es absolut logisch sei, sich auf die Bereiche zu konzentrieren, die den größten Profit abwerfen. Manager sollen der Regel zufolge ihre Bemühungen auf jene Aktivitäten lenken, die den größten Ertrag bringen.

Wenn sich schon alles darum dreht, diesmal ein kurzes monetäres Fazit: Jede Seite dieses Buches ist ihr Geld wert.

J.R. Moehringer: “Knapp am Herz vorbei”, übersetzt von Brigitte Jakobeit, S. Fischer, 444 Seiten.

9 von 10 Punkten

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Die besten Krimi-Cover im April

(c) rororo

(c) rororo

Daniel Suarez gilt seit seinen Romanen “Daemon” und “Darknet” als Meister des Technothrillers. Er versteht es, faszinierende Zukunftsszenarien zu schaffen, die nachdenklich machen. Seine Umsetzung hat mir aber gar nicht zugesagt, zu tief greift Suarez in den Effekte-Topf. Vor allem bei “Darknet” hat er meiner Meinung nach maßlos überzogen. Er offenbarte sich darin als alles andere als ein Meister der Charakter-Zeichnung. Auch ideenreiche Plots sind nicht sein Ding. Als Erzähler vermochte er mich daher nicht zu überzeugen. Deshalb werde ich auch von seinem neuen Buch “Kill Decision” (rororo) die Finger lassen, obwohl mich das Cover sehr anspricht. In meinem allmonatlichen Cover-Ranking kommen die Ameisen aber dennoch auf Platz eins. Denn das Cover vermittelt die Botschaft des Buches gekonnt: Es geht um Schwarmintelligenz (wie sie bei dem Ameisen existiert) und die Gefahren einer immer technologisierteren Welt (schön durch die wie eine Roboter-Armee anmutenden Ameisen symbolisiert).

Von seinen handwerklichen und stilistischen Schwächen abgesehen, faszinieren die Werke von Suarez durchaus, weil die geschilderten Szenarien erschreckend nah an der Realität liegen. Daher rührt wohl auch die Begeisterung der FAZ für Suarez. In der Zeitung wurden schon die ersten beiden Bücher gelobt. Über “Kill Decision” schrieb das Blatt: “Die eigentlich revolutionäre – und gegenwärtig noch spekulative – Anwendung jener hochentwickelten chemorezeptiven Sensorik, die „Kill Decision“ schildert, ist nicht die besagte Spürhundfunktion, sondern eine neuartige Sorte des Informationsaustauschs der autonomen Drohnen untereinander. Wie Ameisen ihr kollektiv paralleles Handeln per Pheromonsignalnetzwerk abstimmen, so verständigen sich die Mechamonster bei Suarez auf Duftbasis, weshalb sich ihre Choreographien auch nicht mehr so leicht, wie bei ihren älteren, radiogelenkten Cousinen, die zum Beispiel Libyens Gaddafi den Garaus gemacht haben, mit Störsendern durcheinanderbringen lassen. Etwa die Hälfte der in Kampfeinsätze geschickten Drohnen geht, so erfahren wir nebenbei, im Augenblick per Abschuss oder Absturz verloren. Das sind Verlustraten, die man sich mit Menschen schon der Mediensituation wegen lieber nicht leistet.

(rororo)

(rororo)

Persönlich mehr erwarte ich mir von Mark Petersons “Flesh and Blood” (rororo), das ich im April auf Rang zwei reihe. Mir gefällt das Cover einfach. Ich erwarte mir einen harten, atmosphärisch dichten Krimi, der im Seeort Brighton spielt. Glaubt man der Krimi-Kolumne “Killer & Co.” der Stuttgarter Zeitung, so hat das Buch alles, was ich bei Suarez vermisse: “Was Petersons Thriller ausmacht, ist sein Blick auf die Menschen.” Und es heißt auch: “Was macht einen wirklich guten Thriller aus? Spannung? Härte? Vielleicht ein bisschen Sex? Gewiss, das alles sollte drin sein. Zur richtigen Mischung kann aber auch gehören, dass der Autor sich für seine Personen interessiert und ihre Biografien in die Handlung einbettet.” Ich bin gespannt, das Buch steht schon in meinem Regal!

(c) Fischer Taschenbuch

(c) Fischer Taschenbuch

Auf Platz drei landet “Fürchtet euch” von Wiley Cash. Hier gefällt mir der Widerspruch zwischen dem idyllischen Bild und dem Titeltext sehr gut. Die Geschichte spielt in einem kleinen Ort in den Bergen North Carolinas, wo während eines Gottesdienstes der 13-jährige Christopher stirbt. “Und niemand aus der Gemeinde will sich zum Tod des Jungen äußern”, steht am Rückentext. Nur sein jüngerer Bruder Jess weiß von dem dunklen Geheimnis. Wüsste ich das nicht, das Cover könnte mir das alles erzählen: Da ist die Idylle auf den ersten Blick, die Bedrohung schwingt aber bereits mit. Man spürt, hier ist irgendwas nicht in Ordnung. Da ist die Kirche im Hintergrund, in der etwas passiert ist. Der Bub im Vordergrund weiß etwas. Toll gemacht, finde ich.

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Kevin Wignall: Das Flüstern des Todes

(c) Heyne

(c) Heyne

Der Brite Kevin Wignall macht es den Lesern leicht, seine Bücher nicht zu mögen: Seine Helden sind skrupellose Auftragskiller. Das war bereits im 2010 auf Deutsch erschienenen “Die letzte Wahrheit” (damit war Wignall übrigens für Edgar- und Barry Award nominiert) und im 2012 publizierten “Zurück bleibt der Tod” so. Und auch das Anfang April veröffentlichte “Das Flüstern des Todes” macht keine Ausnahme. Darin rettet Killer Lucas der jungen Ella Hatto das Leben. Zwei andere Auftragsmörder wollten sie auf einem Italien-Trip töten. Zeitgleich werden die Eltern und der Bruder von Hatto tatsächlich ermordet. Lucas wird in der Folge zum Beschützer des Mädchens und ihres Freundes.

Wer sich nun aber eine 08/15-Geschichte erwartet, irrt. Wignall versucht sich an einem Psychogramm eines Mörders, den existentielle Fragen plagen. Gibt es für Kerle wie Lucas, die dutzende Leben auf dem Gewissen haben, noch einen Weg zurück in ein normales Leben? Kann man sich tatsächlich ändern? Wignall macht es dem Leser dabei nicht einfach, Sympathien für Lucas zu empfinden. Er porträtiert ihn als in sich gekehrten einsamen Mann der Gewalt, der mit der Gesellschaft nichts anfangen kann. Typische Attribute für Wignall-Hauptfiguren. Sein reduzierter, knapper Erzähl-Stil ist passend, blumige Ausschmückungen würden kitischig wirken. “Das Flüstern des Todes” soll übrigens von Regisseur Philipp Noyce (zuletzt “Salt” und “Rabbit Proof Fence”) mit Sam Worthington (“Zorn der Titanen”) verfilmt werden, wie “Variety” berichtet.

(c) Heyne

(c) Heyne

Zwei Sätze aus “Die letzte Wahrheit” bringen Wignalls Bücher ganz gut auf den Punkt: “Er konnte nicht behaupten, sein Gewissen wiederentdeckt oder mitleidvolles Einfühlungsvermögen gewonnen zu haben. Geheilt war er nicht, aber das Zusammentreffen mit Anneke hatte ihn ausreichend aufgerüttelt, um plötzlich zu erkennen, dass mit ihm etwas nicht stimmte, dass ein gesunder Mensch nicht so lebte und solche Dinge tat, ohne Gewissensbisse zu verspüren.” Bei Wignalls Hauptfiguren, den Auftragsmördern, erwacht das Gewissen nur mühsam aus dem Tiefschlaf. Einfühlungsvermögen ist für sie ein Fremdwort. Aber irgendwann erkennen sie, das es nicht normal ist, was sie tun.

Ich verstehe, dass damit viele Leser – die Amazon-Kritiken weisen darauf eindeutig hin – ein Problem haben. Wie will man sich in gewissenlose Mörder einfühlen? Auch ich hatte damit meine Probleme. Doch leider gibt es solche Typen da draußen überall auf der Welt. Mehr Probleme hatte ich in diesem Fall aber mit der unglaubwürdigen Entwicklung des Charakters von Ella, ohne Lese-Interessierten hier mehr verraten zu wollen.

Auf zwei Aspekte will ich noch hinweisen:

  • Die Cover-Gestaltung sowie die Wahl des Titels und Rückentexts würde ich schlichtweg als misslungen bezeichnen. “Das Flüstern des Todes” ist so etwas von nichtssagend und das Messer am Cover lässt einen der unsäglichen Serienkiller-Thriller erwarten. Das Messer wurde wohl auch nur gewählt, um das Jeffery-Deaver-Zitat “Hart, packend und scharf wie eine Rasierklinge” auf dem Cover zu rechtfertigen. Obwohl das Bild dann immer noch hinkt, weil es ein Messer und keine Rasierklinge ist… Und wenn ich schon den Rückentext “Wenn die Angst dich packt …” lese – da stellen sich echt alle Nackenhaare auf. Geht’s noch platter?
  • (c) Heyne

    (c) Heyne

    Interessierte sollten zudem einen Blick auf Kevin Wignalls Homepage werfen. Dort findet sich unter anderem ein Beitrag zu seiner ungewöhnlichen Veröffentlichungsgeschichte. Sein Buch “Dark Flag” etwa wurde in Großbritannien nicht publiziert und fand über den Umweg Finnland den Weg nach Deutschland, wo es als “Zurück bleibt der Tod” veröffentlicht wurde. Der Autor dazu: “People ask why I’m not published in Britain even though I’m able to embark on successful tours of the likes of Finland and Germany.  Or they ask why some of my books are available in the USA but not all.  They’re asking me questions I cannot answer.”

Fazit: Auch ich bin ein wenig gespalten, was Kevin Wignall betrifft. Aber eines gefällt mir: Er ordnet sich keiner Krimi-Mode unter und biedert sich dem Leser nicht an.

6 von 10 Punkten

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Marathon-Krimis

(c) Gmeiner

(c) Gmeiner

Mit Marathon-Krimis meine ich in diesem Fall keine tausendseitigen Krimi-Wälzer, sondern Krimis, in denen es um den Lauf-Marathon geht, also die Absolvierung von 42,195 km im Laufschritt. Gestern fand in Wien die 30. Ausgabe des “Vienna City Marathons” statt. Ich bin dabei meinen insgesamt vierten Halbmarathon gelaufen. Aber das nur am Rande. Im Zuge der Vorbereitungen habe ich auch wieder einmal einen Thriller aus meinem Bücherregal gezogen, der einen geplanten Terroranschlag beim Londoner Marathon als Ausgangssituation nimmt: “Der Marathon-Killer” von Jon Stock. Die Amazon-Kritiken dazu sind eher vernichtend. Mir hat der Thriller vor zwei Jahren, als ich ihn gelesen habe, aber eigentlich ganz gut gefallen – möglicherweise auch deshalb, weil man also Krimileser und Lauffan kaum gut kombiniertes Lesefutter findet.

Zumindest der erste Satz des Thrillers drückt genau das aus, was ich gestern im Startbereich empfunden habe: “Es war ein klarer Morgen in Blackheath und sehr heiß, viel zu heiß für zweiundvierzig Kilometer.” Für mich halt umgelegt auf 21 Kilometer. Das Buch selbst bot für mich über 400 Seiten Spannung, wobei es sich eigentlich um einen soliden und fesselnden Geheimdienst-Thriller handelt, wie der englische Originaltitel “Dead Spy Running” klar macht. Das Unglaubwürdigste ist leider wirklich der unrealistische Einstieg mit der Marathon-Szene.

Davon abgesehen ist für alle Wien-, Krimi- und Marathonfans aber im Februar ein passendes Buch erschienen: “Marathonduell” von Sabina Naber. Ich selbst habe das Buch noch nicht gelesen, verweise aber an dieser Stelle auf die Rezension von Ingeborg Sperl im “Standard”. “Die geografischen Fixpunkte des Marathonlaufs sorgen für eine unaufdringliche Wien-Atmosphäre”, schreibt sie. Neugierig macht mich auch ihre Conclusio: “Dass Naber die Gedanken und Aggressionen unterschiedlicher Läufer während des Marathons einbaut, hält die Spannung aufrecht – und bestätigt die Vorstellung des Nichtläufers, dass da eine ganz schöne Portion Masochismus dahintersteckt.”

“Läufer werden mit den Marathonepisoden ihre Freude haben”, urteilte übrigens auch “Die Presse am Sonntag” vor einer Woche in einer Kurzkritik.

Erwähnen will ich hier auch die beiden Bücher “Trans-Amerika” und “Finish” von Tom McNab, der selbst Spitzensportler war. Das sind zwar keine klassischen Krimis, als Spannungsliteratur würde ich die Bücher aber auf alle Fälle bezeichnen. Nie zuvor habe ich Laufen so spannend empfunden…

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Giancarlo De Cataldo: Der König von Rom

(c) Folio

(c) Folio

Ich habe das Pferd von hinten aufgezäumt: Mittlerweile ist der vierte Krimi von Giancarlo De Cataldo erschienen und ich habe erst jetzt zugegriffen. Was sich als gar nicht so schlecht erwiesen hat, denn “Der König von Rom” ist die Vorgeschichte zu seinem Meisterwerk “Romanzo Criminale”. Auf gerade einmal 159 Seiten – und diese sind durch 28 Kapitel und mehrere weiße Seiten gestreckt – erzählt der Autor die Geschichte von Libanese, der am Beginn seiner kriminellen Karriere steht. Und es hat funktioniert: Die Lust auf mehr ist da. “Romanzo” steht deshalb schon in meinem Bücherregal und ich kokettiere mit dem Gedanken, mir die italienische TV-Serie mit gleichnamigem Titel ebenfalls zuzulegen.

Hätte ich De Cataldos Hauptwerk sowie seine zwei Nachfolger bereits gelesen, würde ich “Der König von Rom” aber wohl in einem anderen Licht sehen. Denn dann wäre das dünne Büchlein wohl nicht viel mehr als nettes Beiwerk, das vor allem durch den erklärenden Begleittext (zur Entstehung der Werke) des Autors in Zusammenarbeit mit Tobias Gohlis aufgewertet wird – und das Buch um 15 Seiten verlängert. Mit 19,90 Euro hat das im Folio-Verlag erschienene Buch auch einen durchaus stolzen Preis.

Bereits auf der zweiten Seite bringt De Cataldo die Geschichte auf den Punkt: “Libanese war fünfundzwanzig Jahre alt, er trug einen Kampfnamen, den bislang nur wenige, zu wenige, kannten, und er hatte eine fixe Idee. Er wollte König von Rom werden.” Spannend ist vor allem die Wahl, vor der Libano steht: Erliegt er tatsächlich der Romantik des Gangstertums? Oder wird er den Ausweg wählen und sich für ein bürgerliches Leben an der Seite von Giada, an die er sein Herz verloren hat, entscheiden?

Zur Hintergrund-Information: De Cataldo war Richter in Rom, ehe er beschloss aus Prozessakten Romane über Aufstieg und Fall der berüchtigten Magliana-Bande zu machen. De Cataldos Stil ist daher dokumentarisch, was seiner Geschichte Authenzität verleiht. Er erzählt trocken und verweigert effektheischende Action. “Noch am selben Abend entführten Libanese, Scrocchia, Dandi und Bufalo den Commendatore”, heißt es da einmal – viel minimalistischer geht es kaum. Das erinnert phasenweise an James Sallis (“Driver”, “Driver 2”). Manchmal wird man das Gefühl nicht los, in trockenen Akten zu lesen – Leben einhauchen muss diesen Szenen erst der Leser selbst. Das macht aber auch den Reiz derartig reduzierter Prosa aus.

De Cataldo hat insgesamt vier Kriminalromane geschrieben, die ins Deutsche übersetzt wurden:

  • “Romanzo Criminale” (2010), 575 Seiten: Zeitraum 1977-1992
  • “Schmutzige Hände” (2011), 376 Seiten: 1992-1994
  • “Zeit der Wut” (2012), 248 Seiten: nach 9/11
  • “Der König von Rom” (2013), 174 Seiten: 1976-1977

Mein Urteil: Gut, aber nicht überragend, daher 6 von 10 Punkten

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Tipp: 10 Krimis für Einsteiger

(c) Diogenes

(c) Diogenes

Ich muss zugeben, ich habe ein Faible für Listen. Und eine solche ist mir auf Kirkus Reviews untergekommen: “First Offenses: Getting started on a Life of Crime (Fiction)”. Lapidar gesagt: 10 Bücher für Krimi-Einsteiger. Erstellt hat die Liste nicht irgendjemand, sondern J. Kingston Pierce, der so etwas wie ein US-Krimipapst ist. Sein Blog The Rap Sheet ist jedem Krimifan ans Herz zu legen.

Aber gleich ab zur Liste, die auch eine Art Zeitreise durch die Geschichte des Krimi-Genres darstellt.

“Der Hund von Baskerville” (1902) von Sir Arthur Conan Doyle muss wohl niemandem vorgestellt werden. Wer noch nie etwas von Sherlock Holmes gehört hat, kann ruhigen Gewissens mit diesem Band beginnen.

“Der Malteser Falke” (1930) von Dashiell Hammett ist ebenfalls ein Klassiker. Die meisten werden aber vor allem die Verfilmung mit Humphrey Bogart kennen. Mir selbst steht der Lesegenuß noch bevor.

“Die Tote im Götakanal” (1965) von Maj Sjöwall und Per Wahlöö stammt aus einer Zeit, als es noch nicht hip war, nordische Krimis zu lesen. Es ist der erste Band der zehnteiligen Serie des Schriftsteller-Ehepaars um den schwedischen Kommissar Martin Beck.

“Der Untergrundmann” (1971) von Ross MacDonald ist ein Spätwerk des Autors, der in einem Atemzug mit Dashiell Hammett und Raymond Chandler genannt wird. Der Privatdetektiv Lew Archer, der auch in “Der Untergrundmann” ermittelt, machte ihn berühmt. “Die Zeit” schreibt über MacDonald: Die intelligente Konstruktion, die Kunst der Charakterisierung und die verbale Treffsicherheit sorgen immer wieder dafür, dass man Ross Macdonald treu bleibt.

“Die Freunde von Eddie Coyle” (1972) von George V. Higgins ist das Meisterwerk eines im deutschsprachigen Raum vergessenen Krimiautors. Es war sein Erstling. Erst durch die Verfilmung von “Cogan’s Trade” (sein drittes Buch) mit Brad Pitt in der Hauptrolle (“Killing Them Softly”) ist der bereits verstorbene Autor kürzlich wieder in Erinnerung gebracht worden. Higgins Markenzeichen: Seine Bücher sind wahre Dialog-Orgien – Elmore Leonard nennt ihn daher sein großes Vorbild. Und auch Krimi-Shootingstar Don Winslow zählt “Die Freunde von Eddie Coyle” zu den besten fünf Krimis aller Zeiten.

“Die Schandmaske” (1994) brachte der Britin Minette Walters den begehrte Gold Dagger Award ein.

“In einem heißen Sommer” (1999) ist Teil der beliebten Serie von Peter Robinsons rund um Inspector Alan Banks.

“Treue Genossen” (2004) von Martin Cruz Smith lässt den legendären Ermittler Arkadi Renko in Tschernobyl ermitteln. Weltruhm erlangte der Autor mit dem verfilmten “Gorki Park” (1981).

“Bruno, Chef de Police” (2009) des gebürtigen Schotten Martin Walker ist der Auftakt der Serie rund um den Polizisten und Hobbykoch Bruno Courrèges, der im französischen Périgord ermittelt. Mittlerweile sind fünf Bände auf Deutsch erschienen, weitere befinden sich aufgrund des großen Erfolgs in Vorbereitung.

“The Gods of Gotham” (2012) von Lyndsay Faye ist bislang nicht auf Deutsch erschienen. Die Handlung spielt im New York des Jahrs 1845. Das Buch ist für den Edgar Award 2013 nominiert.

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Liad Shoham: Tag der Vergeltung

(c) Dumont

(c) Dumont

“Tag der Vergeltung” von Liad Shoham ist ein erstklassiger Thriller aus Israel. Er seziert darin das israelische Justizsystem anhand eines Vergewaltigungsfalls gekonnt. Wer jetzt aber einen typischen Gerichtssaal-Thriller á la Grisham erwartet, wird enttäuscht – zum Glück. Denn was in der US-Spannungsliteratur oft allzu routiniert abgehandelt wird, nimmt Shoham als Ausgangsbasis für “eine Anklageschrift gegen das Justizsystem in Israel” (so wird die israelische Zeitung “Haaretz” am Buchrücken zitiert). Er schlachtet die Vergewaltigung nicht voyeuristisch aus, sondern zeigt, wie das Opfer nach der schrecklichen Tat in der Folge immer wieder  – diesmal aber nicht sexuell – missbraucht wird.

Spätestens seit der dritten Staffel der HBO-TV-Serie “The Wire” weiß man, dass es der Polizei nicht unbedingt um die Aufklärung von Fällen geht, sondern um die Erfüllung von bestimmten Quoten. Dieses Gefühl wird man in “Tag der Vergeltung” niemals los. Es geht um vieles, aber nicht um die Interessen des Opfers: Da spielen Polizisten, Staatsanwälte, Journalisten, Mafia und Richter ihre Machtspielchen. Der Tatverdächtige wird so schon bald zum größten Sympathieträger der Geschichte. Und ein unmoderner, ins Alter gekommener Polizist zu seiner größten Hoffnung.

Shoham erzählt seine Geschichte aus vielen unterschiedlichen Perspektiven: des Opfers, des mutmaßlichen Täters, des ermittelnden Polizisten, eines Journalisten, eines Mafia-Soldaten und Vertretern der Justiz. Sie alle unterliegen Zwängen, irgendwie versteht man all ihre Handlungsweisen, die sich mitunter nahezu aufdrängen. Zunehmend kommen beim Lesen Zweifel auf, ob man wirklich immer in seinem Leben eine Wahl hat. Manchmal ist es so, als wären die Figuren in einem riesigen Spinnennetz gefangen.

Shoham überzeugt durch seine präzise Charakterzeichnung. Seine Figuren sind ebenso authentisch wie die Handlung glaubwürdig ist. Das könnte alles so stattgefunden haben. Der Autor scheut dramatische Action, die Spannung entsteht aus den Charakteren heraus, die er mit viel Empathie beschreibt. Sein Buch kann durchaus als Plädoyer für Menschlichkeit verstanden werden – egal wie aussichtslos der Kampf gegen die Unbarmherzigkeit des Systems auch erscheinen mag. Bleibt zu hoffen, dass “Tag der Vergeltung” nicht das letzte Buch Shohams ist, das ins Deutsche übersetzt wird.

Liad Shoham: “Tag der Vergeltung”, übersetzt von Ulrike Harnisch, Dumont, 351 Seiten.

7 von 10 Punkten

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