Monthly Archives: May 2016

Misha Glenny: Der König der Favelas

(c) Tropen

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Misha Glenny sind mit seinem fesselnden Gangsterporträt “Der König der Favelas” zwei Dinge gelungen: Einerseits stellt er den brasilianischen Drogenboss, Antônio Francisco Bonfim Lopes, kurz Nem, erschreckend sympathisch dar. Andererseits macht er bewusst, dass nicht nur Mexiko Schauplatz des Krieges gegen Drogen ist.

Glenny gelang mit  “McMafia” bereits 2008 ein Aufsehen erregender Bestseller, der die Schattenseite der Globalisierung thematisierte. Nun lenkt er den Blick hin zu einer hierzulande nahezu unbekannten Front: Jedes zehnte Mordopfer der Welt ist Brasilianer, zitiert er gleich zu Beginn. Jeder zweite Mord hat mit dem Krieg gegen Drogen zu tun.

Glenny gewährt einen faszinierenden Einblick in das Armenviertel Rocinha der Millionenstadt Rio de Janeiro. Detailliert schildert er die lokale Bedeutung der Drogenbosse für die Bewohner des Armenviertels und zeigt, welche Folgen es hat, wenn unfähige Herrscher an der Macht sind. Die Regentschaft von Nem beschreibt er als kurze Phase der Stabilität: Der Drogenboss wird zum Beschützer der Favela – in Zeiten, in denen die Bevölkerung jedes Vertrauen in Polizei und Staat verloren hat.

Die Sympathie, die der Autor dem Verbrecher entgegenbringt, mag vielleicht befremdlich wirken, macht das Phänomen aber besser begreifbar, als würde er die bösen Drogendealer verdammen.

7 von 10 Punkten

Misha Glenny: “Der König der Favelas”, übersetzt von Dieter Fuchs, Tropen-Verlag, 409 Seiten.

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Graham Greene: Der dritte Mann

(c) Zsolnay

(c) Zsolnay

Der große Graham Greene – ich konnte bislang zu ihm keinen Zugang finden. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren drei oder vier seiner Romane mit hohen Erwartungen zu lesen begonnen, bei keinem davon habe ich es aber bis zum Ende geschafft. Nun habe ich diesen Fluch endlich brechen können, mit seinem vielleicht größten Klassiker “Der dritte Mann”, an dem ich ebenfalls einmal zuvor nach nur wenigen Seiten gescheitert war.

Mein Verhältnis zu Greene bleibt aber auch nach der Lektüre des von Nikolaus Stingl neu übersetzten Buches zwiespältig. Das mag daran liegen, dass “Der dritte Mann” sicher nicht Greenes bestes Buch ist, wie schon im Vorwort des Autors klar wird: Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden.”

Ich glaube jeder, der den Film gesehen hat, wird dem zustimmen. Es ist diese unglaubliche Präsenz – bzw. eigentlich Nicht-Präsenz – von Orson Welles, der die Figur des Schiebers Harry Lime spielt. Einige der besten Szenen wurden übrigens eingespielt, weil Welles wochenlang nicht am Drehort erschien (offenbar um seine Gage hochzutreiben). Die Filmcrew improvisierte und schuf einige der heute so weltbekannten Szenen des flüchtenden, aber nicht zu sehenden Harry Lime. Aber auch einige der besten Dialoge des endlich aufgetauchten Schauspielers waren von diesem improvisiert und tauchen daher im Buch gar nicht auf. Das gibt Greene ebenfalls im Vorwort zu: “Der Film ist sogar besser als die Erzählung, weil es sich in diesem Fall um die Endfassung der Erzählung handelt.” Nicht ganz uneitel meint er auch: “Der Leser wird viele Unterschiede zwischen der Erzählung und dem Film bemerken, und er sollte sich nicht vorstellen, diese Veränderungen wären einem unwilligen Autor aufgezwungen worden: Höchstwahrscheinlich wurden sie von ihm selbst vorgeschlagen.”

Ungewöhnlich ist auf alle Fälle die etwas sperrige Erzählweise. Denn Erzähler des Romans ist eigentlich der britische Offizier Calloway, der aber große Teile der Geschichte von Harry Limes Freund Rollo Martins erzählen lässt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, warum mir Greenes Stil generell nicht zusagt. Nur so viel: Ich verliere bei ihm relativ oft den Faden, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich Seiten zurücklese, um nicht die Orientierung zu verlieren. Ich schweife bei der Lektüre auch recht leicht ab, ich bin nicht gefesselt. Greene gelingt es nicht, mich in seine Geschichten hineinzuziehen. Er hält mich nicht bei der Stange. Ich fühle mich seltsam distanziert, mir kommen seine Charaktere kaum nahe. Darüber hinaus finde ich ihn auch sprachlich nicht außergewöhnlich.

Meine ernsthafte Bitte daher: Sagt mir, warum mögt ihr Graham Greene, was gefällt euch an ihm? Was macht ihn einzigartig bzw. lesenswert? Was begreife ich bei ihm nicht? Oder geht es euch auch so?

Graham Greene: “Der dritte Mann”, übersetzt von Nikolaus Stingl, 160 Seiten, Zsolnay Verlag.

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KrimiZeit-Bestenliste im Mai: Ein Abgleich

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Was lerne ich von der aktuellen KrimiZeit-Bestenliste? Simone Buchholz, die Erstplatzierte, ist mir unbekannt. Das wird sich nun aber bald ändern. “Blaue Nacht” klingt vielversprechend. Das könnte eine schräge Mischung ganz nach meinem Geschmack sein.

“Bitter Wash Road”, “Porkchoppers” und “Die Toten schauen zu” habe ich gelesen. Immerhin drei von zehn – und alle drei sind wirklich sehr gut. Gerald Kershs Buch ist nur im weitesten Sinn ein Kriminalroman, aber auf alle Fälle außergewöhnliche Literatur, die ich nur jedem ans Herz legen kann. Dieser Roman über Dudicka (gemeint ist das reale Lidice, das die Nationalsozialisten vernichteten) bleibt lange haften.

“The Big O” habe ich zu lesen begonnen, aber irgendwie hat sich das zunächst witzige und sprühende Buch ein wenig totgelaufen, sodass ich bis jetzt den Lesefaden nicht wieder aufgenommen habe. Declan Burke und ich haben noch nicht wirklich zusammengefunden. Ähnlich geht es mir übrigens mit Dominique Manotti, der französischen Crime-Grande-Dame. Vielleicht klappt es mit “Schwarzes Gold” endlich.

Urbain Waites “Wüste der Toten” steht bei mir immer noch ungelesen im Regal, daher werde ich vorerst bei “Keine Zeit für Gnade” nicht zuschlagen.

James Lee Burkes Robicheaux-Krimi “Mississippi Jam” werde ich ebenfalls auslassen, aber dafür seinen vor Kurzem erschienenen Krimi “Fremdes Land” lesen.

Die Liste im Überblick:

1 (-) Simone Buchholz: Blaue Nacht
2 (2) Andreas Pflüger: Endgültig
3 (1) Garry Disher: Bitter Wash Road
4 (4) Ahmed Mourad: Vertigo
5 (3) Ross Thomas: Porkchoppers
6 (10) James Lee Burke: Mississippi Jam
7 (-) Urban Waite: Keine Zeit für Gnade
8 (8) Declan Burke: The Big O
9 (-) Dominique Manotti: Schwarzes Gold
10 (-) Gerald Kersh: Die Toten schauen zu

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Ken Bruen: Kaliber

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

Beinahe hätte ich einen der besten Krimis des Jahres 2015 verpasst. Ken Bruens “Kaliber” ist vor allem eine Hommage – eine Hommage an den Krimiklassiker “Der Mörder in mir” von Jim Thompson, aber auch an das Krimigenre an sich. Den ersten drei Kapiteln ist jeweils ein Zitat aus “Der Mörder in mir” vorangestellt, im ersten Kapitel selbst verbeugt sich ein durchgeknallter Killer vor dem klassischen Stück Hard-boiled Noir aus der Feder von Thompson.

Für Fans des gepflegten Kriminalromans ist dieser 180 Seiten dünne wahnwitzige Trip eigentlich Pflicht. So etwas habe ich noch nicht gelesen. Ich musste mir auch die Frage stellen, ob sich der große Don Winslow nicht für seine beiden Meisterwerke “Zeit des Zorns” und “King of Cool” wesentlich von Bruen inspirieren hat lassen. Dieser geniale stakkatoartige Stil, da gibt es schon große Ähnlichkeiten. Winslow selbst führt ja auch Bruens “Jack Taylor fliegt raus” immer wieder in seiner persönlichen Top-5-Krimi-Liste an. Und bereits in diesem 2001 erschienen Buch taucht dieser markante Stil, den Winslow zugegebenermaßen auf die Spitze getrieben hat, auf.

Aber ganz egal, dieses sich nicht um irgendwelche Konventionen und Geschmäcker scherende Büchlein beschert großes Lesevergnügen. Es ist zum Niederknien komisch und schräg, gleichzeitig wunderbar gesellschaftskritisch und durch diese wilde Mischung schlicht genial.

Der irische Autor zeigt sich also von seiner bitterbösen Seite. Moral ist ein Fremdwort für nahezu alle Figuren dieses Romans, vor allem aber für Polizisten. Da ist es mehr als bezeichnend, dass ausgerechnet ein Serienkiller unsympathischen Menschen, die ihm begegnen, eine letale Lektion Manieren erteilt, um in Südlondon eine “kleine Insel der Höflichkeit” zu schaffen. “Kaliber” hat definitiv das Zeug, dereinst selbst als Krimiklassiker eingestuft zu werden.

10 von 10 Punkten

Ken Bruen: “Kaliber”, übersetzt von Karen Witthuhn, Polar, 183 Seiten.

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Krimis, die man 2016 lesen sollte (IV)

(c) Festa

(c) Festa

Spät aber doch wird Stephen Hunter nun also doch ins Deutsche übersetzt. “Einsame Jäger” (seit 26. April im Handel) ist eines der besten aus seiner Reihe um den Scharfschützen Bob Lee Swagger. Vor einigen Jahren hatte ich eine intensive Hunter-Phase, musste ihn damals aber großteils im Original lesen. Nun sage ich Danke beim Festa-Verlag, ich habe ganz fest vor, “Einsame Jäger” zu lesen.

Der Verlag schreibt: Als in den Bergen von Idaho ein Mann erschossen und die Frau, die ihn begleitet, tödlich verwundet wird, holt den Kriegsveteranen Bob Lee Swagger seine Vergangenheit ein. Denn der Schütze schien es in Wahrheit auf ihn abgesehen zu haben. Die Suche nach einer Erklärung konfrontiert ihn mit schmerzhaften Erinnerungen an seine Einsätze in Vietnam.

Steckt der geheimnisvolle Russe Solaratov dahinter, der schon damals Jagd auf ihn machte? Welche Rolle spielen seine eigene Frau Julie und ihr Ex-Verlobter Donny, für dessen Tod an der Front sich Bob persönlich verantwortlich fühlt?

fuechsinKen Bruen hat mich mit seinem im Vorjahr bei Polar erschienenen schmalen Krimi “Kaliber” richtig umgehauen, ähnliches erwarte ich mir nun von “Füchsin” (1. April). Bruen muss man einfach gelesen haben, das ist schräg und genial.

Angie, kaltschnäuzig und herzlos, manipuliert sie Männer wie Frauen, um sie für ihre Pläne einzusetzen. Auch wenn die erste Bombe im Paradise Cinema nicht explodiert, hält sie die Southeast London Police Squad um Detective Sergeant Brand mit weiteren Bombenankündigungen und Erpressungen in Atem. Als sinnlichste, verrückteste Serienmörderin überhaupt terrorisiert sie die Straßen Londons. Ist unberechenbar, wild, wütend. Ganz wie Detective Sergeant Brand, der für seine knochenbrecherischen Methoden berüchtigt ist und sich wenig um politische Korrektheit schert. So entwickelt sich ein Drama voller schwarzem Humor. Bruen spinnt eine schnelle, scharf geschliffene Geschichte voller respektloser Schurken auf beiden Seiten des Gesetzes.

(c) Blessing

(c) Blessing

Olen Steinhauer ist ein Garant, wenn es um anspruchsvolle Spionagethriller geht. Wenn diese dann wie “Der Anruf” (11. April) noch dazu zu großen Teilen in meiner Heimatstadt Wien spielen, ist das eigentlich eine Pflichtlektüre.

Flughafen Wien, 2006: Auf dem Rollfeld steht ein Airbus mit einhundertzwanzig Passagieren an Bord, den Terroristen in ihre Gewalt gebracht haben. Die CIA vor Ort hat die Chance, die Geiselnahme zu beenden und Blutvergießen zu verhindern. Doch ihr Plan wird verraten – alle Passagiere kommen ums Leben. Der entscheidende Anruf kam aus dem Quartier der CIA.

Kalifornien, 2012: CIA-Agent Henry Pelham ist nervös. Nach Jahren wird er seine Kollegin Celia Favreau wiedersehen, mit der er in Wien eine kurze Beziehung hatte. Zusammen versuchten sie in jener Nacht fieberhaft, das Leben der Passagiere zu retten. Nun hat die interne Ermittlung der CIA den Fall neu aufgerollt. In einem Restaurant treffen sich Henry und Celia. Was als Gespräch unter ehemals Vertrauten beginnt, entwickelt sich zu einem packenden wechselseitigen Verhör, das schließlich die Wahrheit über den Verrat von Wien ans Licht bringt.

killinggamesRoger Hobbs hat 2013 mit “Ghostman” ein vielversprechendes Debüt vorgelegt. Er konnte damit sogar den begehrten Steel Dagger für den besten Thriller gewinnen. Ich habe damals geschrieben: “Dem Autor ist ein rasanter, wendungsreicher Thriller gelungen, der Lust auf mehr macht. Ich freue  mich auf eine Fortsetzung.” Tja, und da ist sie nun mit “Killing Games” (18. April).

Jack weiß, wie man Spuren verwischt, Menschen verschwinden lässt und sich selbst fast unsichtbar macht. Er ist ein Ghostman und dazu noch ein sehr guter. Nur einmal in seinem Leben hat er einen Coup vermasselt. Seitdem hat er seine damalige Mentorin Angela nicht mehr gesehen. Als sie ihn jetzt um Hilfe bittet, zögert er keine Sekunde. Es geht um einen missglückten Überfall, bei dem Angelas Leute wohl mehr entwendet haben als nur Edelsteine. Angela hat sich damit Feinde in gefährlichen Kreisen gemacht, die jetzt hinter der Beute her sind, und über Leichen gehen. Jack ist Angela noch etwas schuldig. Damals hat sie sein Leben gerettet. Jetzt ist es an ihm, sich zu revanchieren …

(c) Heyne

(c) Heyne

Michael Koryta ist der einzige Unbekannte auf dieser Liste. “Die mir den Tod wünschen” (11. April) klingt aber sehr vielversprechend.

An einem stürmischen Tag wird der vierzehnjährige Jace Zeuge eines brutalen Mordes. Jace kann entkommen – doch er weiß, dass die Verbrecher ihn gesehen haben. Die Blackwell-Brüder, ein psychopathisches Killer-Duo, wollen seinen Tod. Jace kann niemandem mehr vertrauen. Unter neuer Identität soll er in Montana Zuflucht finden. Ethan Serbin, ein erfahrener Überlebensspezialist, steht ihm in der gnadenlosen Bergwelt zur Seite. Derweil bahnen sich die beiden Killer ihren blutigen Weg und kreisen ihre Opfer immer weiter ein. Für Ethan und Jace beginnt ein furioser Höllenritt …

 

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