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Von Raymond Chandler, Dashiell Hammet, Eric Ambler und Co.

Ross Thomas: Porkchoppers

(c) Alexander Verlag Berlin

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Ross Thomas hat “Porkchoppers” bereits vor über 40 Jahren, im Jahr 1972, geschrieben. Ein Jahr später erschien das Buch unter dem Titel “Wahlparole: Mord” auf Deutsch. Die Ullstein-Ausgabe umfasste 132 Seiten, wurde also im Vergleich zu den 246 Seiten des Originals erheblich verschlankt – in den 1970er Jahren war das offenbar nicht unüblich. Ich würde das als grobe Misshandlung des Buch von Thomas bezeichnen. Umso erfreulicher, dass nun endlich eine dem Werk entsprechende Übersetzung in voller Länge vorliegt. Vielen Dank, Alexander Verlag Berlin! Und Danke auch dem Übersetzer Jochen Stremmel.

Ich habe “Wahlparole: Mord” vor vielen Jahren selbst gelesen. Und ich war damals enttäuscht, habe in der Folge die Finger von dem Autor gelassen, habe ihn für mich abgehakt. Damals wusste ich nicht von dieser Vorgehensweise der Verlage. Unglaublich, dass man so etwas guten Gewissens machen konnte. Denn ein derart verstümmeltes Buch kann niemals jene Wucht entfalten, die “Porkchoppers” stellenweise entwickelt. Es liest sich ein wenig wie ein frühes “House of Cards” – nicht auf Ebene der US-Präsidentschaft, aber eben auf Gewerkschaftsebene.

Das Buch, sein zehntes, ist übrigens das erste, das Thomas nicht aus der Ich-Perspektiver erzählt, wie im Nachwort erklärt wird. Man kann beim Lesen gut erkennen, wie sehr der Autor das genossen hat, kann er sich doch selbstaufgelegter Schranken entledigen. Immer wieder ist es ein Genuß, zu lesen, was der eine über den anderen denkt. Und der andere über den einen. Der Gewerkschaftswahlkampf wird so aus allen möglichen Blickwinkeln beleuchtet. Es ist eine kleine Studie der erlaubten und nichterlaubten miesen Tricks, der sichtbaren und unsichtbaren Geldgeber im Hintergrund – nur eben in unterhaltsamer Romanform. Lesenswert und zeitlos.

8 von 10 Punkten

Ross Thomas: “Porkchoppers”, übersetzt von Jochen Stremmel, 309 Seiten, Alexander Berlin Verlag.

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Graham Greene: Der dritte Mann

(c) Zsolnay

(c) Zsolnay

Der große Graham Greene – ich konnte bislang zu ihm keinen Zugang finden. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren drei oder vier seiner Romane mit hohen Erwartungen zu lesen begonnen, bei keinem davon habe ich es aber bis zum Ende geschafft. Nun habe ich diesen Fluch endlich brechen können, mit seinem vielleicht größten Klassiker “Der dritte Mann”, an dem ich ebenfalls einmal zuvor nach nur wenigen Seiten gescheitert war.

Mein Verhältnis zu Greene bleibt aber auch nach der Lektüre des von Nikolaus Stingl neu übersetzten Buches zwiespältig. Das mag daran liegen, dass “Der dritte Mann” sicher nicht Greenes bestes Buch ist, wie schon im Vorwort des Autors klar wird: Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden.”

Ich glaube jeder, der den Film gesehen hat, wird dem zustimmen. Es ist diese unglaubliche Präsenz – bzw. eigentlich Nicht-Präsenz – von Orson Welles, der die Figur des Schiebers Harry Lime spielt. Einige der besten Szenen wurden übrigens eingespielt, weil Welles wochenlang nicht am Drehort erschien (offenbar um seine Gage hochzutreiben). Die Filmcrew improvisierte und schuf einige der heute so weltbekannten Szenen des flüchtenden, aber nicht zu sehenden Harry Lime. Aber auch einige der besten Dialoge des endlich aufgetauchten Schauspielers waren von diesem improvisiert und tauchen daher im Buch gar nicht auf. Das gibt Greene ebenfalls im Vorwort zu: “Der Film ist sogar besser als die Erzählung, weil es sich in diesem Fall um die Endfassung der Erzählung handelt.” Nicht ganz uneitel meint er auch: “Der Leser wird viele Unterschiede zwischen der Erzählung und dem Film bemerken, und er sollte sich nicht vorstellen, diese Veränderungen wären einem unwilligen Autor aufgezwungen worden: Höchstwahrscheinlich wurden sie von ihm selbst vorgeschlagen.”

Ungewöhnlich ist auf alle Fälle die etwas sperrige Erzählweise. Denn Erzähler des Romans ist eigentlich der britische Offizier Calloway, der aber große Teile der Geschichte von Harry Limes Freund Rollo Martins erzählen lässt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, warum mir Greenes Stil generell nicht zusagt. Nur so viel: Ich verliere bei ihm relativ oft den Faden, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich Seiten zurücklese, um nicht die Orientierung zu verlieren. Ich schweife bei der Lektüre auch recht leicht ab, ich bin nicht gefesselt. Greene gelingt es nicht, mich in seine Geschichten hineinzuziehen. Er hält mich nicht bei der Stange. Ich fühle mich seltsam distanziert, mir kommen seine Charaktere kaum nahe. Darüber hinaus finde ich ihn auch sprachlich nicht außergewöhnlich.

Meine ernsthafte Bitte daher: Sagt mir, warum mögt ihr Graham Greene, was gefällt euch an ihm? Was macht ihn einzigartig bzw. lesenswert? Was begreife ich bei ihm nicht? Oder geht es euch auch so?

Graham Greene: “Der dritte Mann”, übersetzt von Nikolaus Stingl, 160 Seiten, Zsolnay Verlag.

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Newton Thornburg: Cutter und Bone

(c) Polar

(c) Polar

“Cutter und Bone” fällt in die Kategorie “Vergessene Krimiklassiker”. Das Buch von US-Autor Newton Thornburg ist im Original 1976 erschienen und wurde bereits einmal ins Deutsche übersetzt. Allerdings in einer gekürzten Version. Doch nun macht es der hier schon viel gelobte Polar Verlag möglich, das einzigartige Werk erstmals in all seinen Facetten genießen zu können. Dank einer ungekürzten Neuübersetzung.

Eines ist garantiert: Das titelgebende Duo Alex Cutter, der einäugige und einarmige Vietnamveteran, sowie Richard Bone, der Frauenheld und ausgestiegene Exmanager, bleiben haften. Das verdankt sich vor allem Thornburgs Stil: Er paart beißenden Humor mit böser Gesellschaftskritik und feinen Dialogen.

“Ich habe mir gerade die Pulsader aufgeschnitten.” – “Mach ein Pflaster drauf”, sagte Bone.

Die beiden Männer schlagen sich mehr schlecht als rechts durchs Leben. Als Bone schließlich Zeuge der Beseitigung einer Leiche wird, stehen die nahezu mittellosen Außenseiter vor der Wahl: zur Polizei gehen oder eine Erpressung wagen? Was folgt, entspricht nicht den Genre-Gepflogenheiten. Mit anderen Worten, hier haben wir ein Buch, das in keine Schublade passt. Gut so!

Das ist kein klassischer “Road-Movie”, kein klassischer Hardboiled, kein klassischer Noir – das ist einfach Thornburg. Thomas Wörtche beschreibt das im Vorwort folgendermaßen: “Cutter und Bone ist ein Solitär, ein Roman, der zwar ‘Maßstäbe’ setzt, wie man ein Thema künstlerisch und intellektuell angeht, die aber für andere Romane, würde man sie abstrahieren und zur Formel gerinnen lassen, nutzlos wären.” Der Roman sei auch schwer zu klonen, da liege der entscheidende Unterschied zu Raymond Chandler und Ross Macdonald.

Was ich besonders genossen haben: Im Gegensatz zu vielen modernen US-Kriminalromanen, denen man einfach anmerkt, dass ihre Autoren durch Creative-Writing-Schulen gegangen sind, liest sich “Cutter und Bone” so erfrischend abseits jeder Art von Formelhaftigkeit. Und sein Buch liest sich auch 40 Jahre nach Entstehen zeitlos, obwohl es auch viel über das Amerika Ende der 1970er Jahre erzählt.

“Das Leben war hässlich und brutal, man lebte es allein, und jede Art von Liebe oder Schönheit, die man währenddessen fand, war rein zufällig und selten von Dauer.”

Die Lektüre dieses Kriminalromans ist auf vielen Ebenen (angenehm) verstörend. Falsch wäre es auch “Cutter und Bone” als Hohelied auf Verlierer zu kategorisieren. Ja, es geht um Menschen am Rande der Gesellschaft – aber eigentlich doch auch um alle Menschen. Um schwer begreifliche Dinge. Wie zum Beispiel um einen perfekten Liebesakt, nach dem letztlich doch alles kaputt und unperfekt ist – und gleichzeitig hat niemand Schuld daran:

“Es war einfach das Leben, mehr nicht, das Unvermögen der Menschen, das zu tun, was sie wollten, und das zu bekommen, was sie wollten. Irgendetwas kam immer dazwischen, irgendein Bedürfnis oder Umstand oder eine Verpflichtung, irgendein erschwerender Faktor, der Arm und Reich gleichermaßen an der Erfüllung hinderte.”

8 von 10 Punkten

Newton Thornburg: “Cutter und Bone”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 367 Seiten.

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Richard Stark: The Hunter

(c) Zsolnay

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Parker ist eine der skrupellosesten Figuren der Kriminalliteratur. 1962 hat ihn Donald Westlake, der auch als Richard Stark schrieb, erschaffen. “The Hunter” war der erste von mehr als 20 Krimis rund um Parker. 1967 wurde “The Hunter” mit Lee Marvin in der Hauptrolle verfilmt, 1999 mit Mel Gibson (wenn auch die Filmfiguren nicht Parker hießen). Zuletzt mimte 2013 Jason Statham Parker im gleichnamigen Film, der allerdings auf Starks Krimi “Irgendwann gibt jeder auf” basiert.

Bei der Lektüre musste ich immer wieder an Garry Dishers Figur Wyatt, der ebenfalls der Vorname fehlt, denken. Wyatt könnte Parkers kleiner australischer Bruder sein. Parker und Wyatt sind Profi-Verbrecher in einer Welt voller Amateure und Stümper. Im letzten Wyatt-Krimi “Dirty Old Town” nimmt Disher sogar ganz offen Bezug darauf: Da spielt eine Lydia Stark eine wichtige Rolle, einmal nimmt Wyatt die Identität eines Mannes mit dem Namen Parker an und dann gibt es da den Westlake-Gebäudekomplex.

(c) dtv

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Das Faszinierendste an Parker ist: Er ist ein skrupelloser Verbrecher, kein klischeebeladener Gentleman-Ganove. Er ist brutal und tötet, wann immer nötig. In “The Hunter” geht er ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen. Auch über die einer unschuldigen Frau, die Opfer seiner Gewalt wird. Parker will ihren Tod zwar nicht (“Ihr Tod war vollkommen unnötig”) und ist wütend darüber, dass er sie versehentlich getötet hat. Gewissensbisse hat er deswegen aber keine.

In den folgenden Büchern der Serie ist er da schon zurückhaltender. Kann man mit Parker sympathisieren? Nein. Aber das ist gar nicht nötig. Wer sonst sollte sich einem Verbrechersyndikat so kaltblütig und gleichzeitig überlegt gegenüberstellen wie Parker? “Helden von diesem Kaliber werden heute gar nicht mehr hergestellt”, schreibt dazu Hans-Jörg Wangner in der Krimi-Kolumne Killer & Co..

Schon der erste Satz in “The Hunter” ist legendär:

“Als ein junger Kerl mit gesunder Gesichtsfarbe in einem Chevy ihm eine Mitfahrgelegenheit anbot, sagte Parker ihm, er solle sich verpissen. (When a fresh-faced guy in a Chevy offered him a lift, Parker told him to go to hell.)”

Eine bemerkenswerte Szene ist auch folgende: “Sein Körper war hart, langgliedrig und von Narben bedeckt. Nach dem Bad setzte er sich nackt auf das Bett, trank langsam den Wodka direkt aus der Flasche und grinste die gegenüberliegende Wand an. Als die Flasche leer war, warf er sie in den Papierkorb und schlief ein.”

Sie gewährt laut Philipp L’Heritier (fm4)“eine einzige Sekunde lang Einsicht in das Innenleben Parkers, meist bleibt er einzig Oberfläche, Klotz, dem auch nicht der Weg der Rache Genugtuung zu bereiten scheint.”

(c) IDW

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Es ist also die Geschichte eines Rachefeldzugs, den Parker aber so abgestumpft und gleichgültig abspult, dass einem der Atem stockt. Denn Parker wurde reingelegt, von seinem Komplizen und seiner Ex-Frau. Das ist für mich vielleicht auch die größte Schwachstelle des Buchs. Das fand ich nicht ganz glaubwürdig, wie Lynn (ja, sie war bedroht – aber trotzdem) da einfach die Seiten wechselt.

Viel besser fand ich hingegen, dass sich am Ende zeigt, dass auch Parker nur ein Verbrecher ist, dem Fehler unterlaufen – so viel also zum coolen Profi.

Wer Parker und “The Hunter” mag, sollte sich unbedingt auch die feine Graphic Novel von Darwyn Cooke zulegen, die es übrigens auch auf Deutsch gibt. Ich habe sie mir aber im Original gegönnt.

Ach ja, ein völlig nutzloses, aber interessantes Detail noch: Die ersten acht und letzten acht Parker-Krimis beginnen alle mit When….

8 von 10 Punkten

Richard Stark: “The Hunter”, übersetzt von Nikolaus Stingl, 191 Seiten, Zsolnay Verlag.

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Zurück zu meinen Suspense-Wurzeln (I): Stephen Hunter

(c) Festa

(c) Festa

Alf Mayers Beiträge im crimemag sind meist absolute Highlights. Der vielwissende Mayer schreibt über Spannungsliteratur in einer Art und Weise, die mir das Wasser im Mund zusammenrinnen lässt. Er widmet sich da schon mal Phänomenen wie der Kulturgeschichte des Scharfschützen (begonnen hatte er mit einer dreiteiligen Serie über den politisch unkorrekten Thrillerautor Stephen Hunter – Teil 1, Teil 2, Teil 3 – aus der dann acht Teile wurden) oder der Militarisierung der amerikanischen Polizei (hier). Wo kann man so etwas sonst noch lesen? Er ordnet ein und erklärt Zusammenhänge. Kriminalliteratur ist bei Mayer kein singuläres Phänomen, das man wie üblich von Neuerscheinung zu Neuerscheinung beschreibt, sondern eine kleine Wissenschaft mit eigener Geschichte.

Und Mayer führt mich, wie ich zunehmend verwundert feststellen muss, immer wieder zu meinen eigenen Suspense-Fiction-Wurzeln zurück. Mit Stephen Hunter begann ich vor vielen Jahren Thriller auch regelmäßig im Original zu lesen. Ohne Hunter hätte ich also wohl auch Don Winslows “Power of the Dog” nie im Original gelesen – und das wäre im Bereich der Spannungsliteratur fast so wie nach Amerika zu reisen und New York nicht gesehen zu haben. Hierzulande ist Hunter eigentlich nur wegen einem Buch bekannt: “Im Fadenkreuz der Angst” (im Original “Point of Impact”), besser bekannt als Vorlage des Hollywood-Films “Shooter” mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle des Scharfschützen Bob Lee Swagger. “Lange vor Lee Child und dessen Jack Reacher hat er den knarzigen, aus der Zeit gefallenen Ex-Soldaten und Niemals-Zivilisten als Thriller-Protagonisten etabliert”, schreibt Mayer dazu. Dieses Buch habe ich ebenso wie das blutgetränkte White-Trash-Drama “Die Gejagten” auf Deutsch gelesen.

Im Original gelesen habe ich hingegen das 2.Weltkriegs-Scharfschützendrama “The Master Sniper”, “The Second Saladin” sowie den Bob-Lee-Swagger-Thriller “Black Light” (im Dezember ist das Buch unter dem Titel “Nachtsicht” im Festa-Verlag auf Deutsch erschienen). Bob Lee Swagger spielt in einigen der wichtigsten Hunter-Romane die Hauptrolle, in anderen wiederum dessen Vater Earl, der selbst Scharfschütze war. Wer sich jetzt wundert: Ja, die Swaggers sind „natural-born people oft he gun“, wie es im Bob-Lee-Swagger-Roman “I, sniper” heißt. Und ja: Stephen Hunter ist ein absoluter Waffennarr, der das Recht auf Tragen von Waffen vehement verteidigt. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Wer Amerika besser verstehen will, sollte unbedingt einen dieser präzisen und waffenstrotzenden Hunter-Thriller lesen.

Zumal sie nicht einfach nur hirnlose Waffenorgien-Phantasien sind. Hunter ist laut Mayer “ein Master des Pulp, des keinen Blutspritzer scheuenden Thrillers. Keine Dumpfbacke, kein Flachschreiber a la Clancy oder (inzwischen) Forsyth, von Brad Thor, Dale Brown und unzähligen Holzschnitzern mehr zu schweigen, sondern ein Autor intelligenter, komplexer, moralisch fordernder (morally challenged, könnte man sagen) und begeisternder Spannungsliteratur feinster Sorte.”

Jetzt ist dieser Text zu Stephen Hunter umfassender geworden als gedacht. Denn eigentlich wollte ich über einen ganz anderen Autor schreiben, dem sich Mayer gewidmet hat und der in meiner Suspense-Leser-Werdung eine vielleicht noch wichtigere Rolle spielt: Gerald Seymour. Dazu in Kürze mehr.

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Robert Bloch: Psycho

(c) rororo

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Jeder kennt den Hitchcock-Filmklassiker “Psycho” und hat das Bild von Anthony Perkins als Motelbesitzer Norman Bates vor sich. Aber mal ehrlich: Wer hat das Buch von Robert Bloch gelesen, auf dem der Film basiert? Wohl kaum jemand.

Das Buch ist 1959 erschienen und wurde nur kurz darauf von Hitchcock verfilmt. Die Lektüre über 50 Jahren nach dem erstmaligen Erscheinen war ein interessantes Erlebnis. “Psycho”, das Buch, liest sich zeitlos. Der Bau der Autobahn spielt eine wichtige Rolle: Denn seitdem verirrt sich kaum mehr jemand in Bates Motel. Spannend ist auch, dass sich Norman Bates im Buch als ziemlich konträr zur Filmfigur entpuppt: “Der Lampenschein fiel auf sein rundliches Gesicht, spiegelte sich in seiner randlosen Brille und hob, als er sich wieder über sein Buch beugte, die rosafarbene Kopfhaut unter dem sich lichtenden sandfarbenen Haar hervor.”

Das Buch (nicht einmal 200 Seiten) hat man in einem Rutsch ausgelesen. Es liest sich spannend und psychologisch stimmig – aber gäbe es den Film nicht, man würde es nicht unbedingt in Erinnerung behalten. Erst Hitchcock machte “Psycho” mit seiner Duschszene unvergesslich und haltbar für die Ewigkeit. Dennoch: Ohne das Buch hätte es den Film nie gegeben.

Umso interessanter ist die Nachbemerkung des Autors, in der er den Drehbuchautor Joseph Stefano attackiert. Stefano habe “Psycho” als Originaldrehbuch bezeichnet, “obwohl er lediglich das Werk eines anderen adaptiert hat”. In diesen wenigen Seiten des Nachworts werden die Verletzungen spürbar, die die fehlende Anerkennung dem Autor zugefügt haben. Mit Hitchcock selbst hatte der 1994 verstorbene Bloch aber kein Problem: “Hitchcocks Film hebt zu Recht und mit Bravour das visuelle Element hervor. Mein Medium betonte das Verbale, um sein Ziel zu erreichen: die Leser mit harmlosem Schrecken zu unterhalten.”

Bloch wehrt sich auch vehement dagegen, mit “Psycho” Autoren und Filmemacher dazu inspiriert zu haben, “möglichst brutal und pornographisch über Opfer herzufallen”. Er glaubt nicht, dass sein Buch in irgendeiner Weise dazu beigetragen hat, das Ausmaß an Gewalt zu vergrößern.

Damit hat er meiner Meinung nach auch recht. Genauso wie mit folgendem Satz: “Wenn den Roman irgendetwas auszeichnet, dann die Tatsache, dass ich die Verbrecher – im Unterschied zu den meisten Genreautoren – nicht in verrufenen Vierteln angesiedelt habe, sondern in der unmittelbaren Nachbarschaft der Leser.”

Mein Fazit: “Pyscho” muss man nicht unbedingt gelesen haben. Aber es zeigt eine der bekanntesten Figuren der Filmgeschichte von einer teils bislang unbekannten Seite.

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C.S. Forester: Gnadenlose Gier

(c) dtv premium

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Im Vorjahr ist der seit Jahrzehnten verschollene Kriminalroman “Tödliche Ohnmacht” des Briten C.S. Forester (1935 verfasst, aber damals nie publiziert) erstmals auf Deutsch erschienen. Über Foresters Wirken und Bedeutung hat Tobias Gohlis damals geschrieben: Man stelle sich vor, Miss Marple oder Harriet Vane, Lord Peter Wimseys Gattin, redeten von Verhütungsmitteln. Shocking! Die Leserinnen von Agatha Christie und Dorothy Sayers ließen die Teetassen fallen. (…) Hätte sich 1926 sein Krimidebüt Payment Deferred (“Zahlungsaufschub”) durchgesetzt, und nicht Agatha Christies im selben Jahr erschienener Rätselkrimi The Murder of Roger Ackroyd (“Alibia”), wäre die Geschichte der Kriminalliteratur anders verlaufen.” Über “Tödliche Ohnmacht” urteilte er damals: “Tödliche Ohnmacht könnte von einer klarsichtigen, wütenden Feministin geschrieben sein.”

Ich habe Forester nun aber mit seinem bereits 1930 erschienenen Buch “Plain Murder”, das als “Gnadenlose Gier” neu übersetzt wurde, kennengelernt. Man kann übrigens von der ersten vollständigen Übersetzung reden, denn die erste deutsche Übersetzung (Titel: “Ein glatter Mord”) aus dem Jahr 1964 hat dem damaligen Trend entsprechend das Originalwerk offenbar ziemlich kannibalisiert. Überrascht und überzeugt hat mich bei der Lektüre vor allem, mit welchem psychologischen Scharfsinn Forester schreibt – vor allem wenn man das Buch im Kontext seiner Zeit betrachtet. “Gnadenlose Gier” ist über weite Strecken das überzeugende Porträt von Charlie Morris, der vom verzweifelten, um seinen Job bangenden Mann zum eiskalten Mörder wird. Besonders faszinierend ist auch der Einblick in die Werbebranche, den Forester bietet. Viel hat sich da in den vergangenen 84 Jahren nicht verändert, musste ich mir immer wieder denken.

Ein “antisemitischer Krimi”?

Umso überraschter war ich, als ich in der “Welt” lesen musste, dass der dtv Verlag mit “Gnadenlose Gier” angeblich einen antisemitischen Krimi veröffentlicht hat. Habe ich ein anderes Buch gelesen? Wieland Freund macht das in seinem Artikel vor allem an folgendem Zitat fest: “Die markante hakenförmige Nase verriet einen jüdischen Einschlag in seiner Ahnenreihe – von dem Morris wusste –, und die Andeutung bestätigte sich in dem olivfarbenen Ton seiner Wangen.” Kurz darauf ist auch von “wulstigen Lippen” die Rede. 250 Seiten lang verfolge Forester seine Figur Morris “mit Hass und Ekel”.

Allerdings muss man hier betonen, dass Morris in dieser Szene vor dem Spiegel steht und sich selbst betrachtet. Und letztlich ist er mit seinem Aussehen gar nicht so unzufrieden: “Nun ja, er hätte besser aussehen können, so wie auch seine berufliche Laufbahn hätte brillanter verlaufen können, doch in beiden Fällen war das Ergebnis etwas, worauf er stolz sein konnte.” Bis auf diese eine Szene konnte ich zudem keine Szene finden, die man antisemitisch deuten könnte. Auch konnte ich nicht den Eindruck gewinnen, dass Forester seine Figur mit Hass und Ekel betrachtet. So gesehen müsste man auch John Buchans Krimi-Meisterwerk “Die neununddreißig Stufen” als antisemitisch einstufen, da gibt es ähnliche Passagen.

Ich würde daher viel eher Gohlis Interpretation zustimmen, die er in seinem Recoil-Blog darlegt: “Sinnvoll lässt sich das nur so verstehen, dass Morris seine Physis akzeptiert und einsetzt, um den sozialen Makel niedriger Bildung und möglicher Diskriminierung durch übersteigertes Selbstbewusstsein und die Selbstermächtigung zum Herrn über Leben und Tod zu kompensieren. (…) Forester geht es nicht um Zuordnungen von Rasse, Aussehen und Verhalten, sondern um eine Phänotypologie des Mörders.” Denn Morris ist nicht “gnadenlos gierig”, weil er Jude ist – dieser Eindruck entsteht auf keiner Seite. Ein 250-seitiges Buch wegen drei aus dem Kontext gerissenen Zeilen als “gnadenlos antisemitisch” zu bezeichnen, finde ich dann doch ein wenig seltsam.

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