Monthly Archives: January 2021

Candice Fox: Dark

(c) Suhrkamp

Candice Fox und ich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Als 2016 der massiv gehypte erste Teil der “Hades”-Trilogie erschien, war ich ziemlich enttäuscht: “Für Fans wilder Serienkiller- oder Horror-Thriller ist das wohl das gefundene Lesevergnügen – und vermutlich wird sogar ein Hollywood-Vielteiler daraus. Aber für mich ist das Kapitel erledigt.”

Und tatsächlich habe ich um die Teile zwei und drei einen großen Bogen gemacht. Aber als dann “Crimson Lake”, der Auftakt zu ihrer nächsten Serie, erschien, gab ich der australischen Autorin noch einmal eine Chance. Zum Glück. Denn da erst wurde mir klar, wie gut diese exzentrische Schreiberin wirklich ist. Erbarmungslos schräg und unkonventionell.

Candice Fox ist nicht die feinfühligste Krimiautorin. Sie steht für abgründig, plakativ und schrill. Wer es realistisch mag, sollte die Finger von ihr lassen. Wenn eine verurteilte Mörderin, die einst als Kinderärztin ein vorbildliches Leben geführt hat, mit jener Polizistin (die von ihren Kollegen gemobbt wird, weil sie eine Villa erbt) gemeinsame Sache macht, die sie einst verhaftet hat, dann klingt das nicht gerade wie aus dem Leben gegriffen.

Das vermisste Mädchen, um deren Suche es eigentlich geht, gerät auch rasch in den Hintergrund. Man sollte sich davon aber nicht abschrecken lassen und auch nicht davon, dass die Australierin den Schauplatz ihrer Geschichte erstmals in die USA verlegt hat. Denn eines kann sie perfekt: spannend unterhalten.

Das beweist sie bereits mit dem ersten Satz: “Ich blickte direkt in die Mündung einer Waffe.” Danach geht es rasant weiter. Man muss nicht alles hinterfragen, was da passiert, sondern sollte sich einfach wohlwollend durch die Geschichte treiben lassen. Das Erzähltalent der Autorin ist unbestreitbar. Da ist nichts verkopft, amüsante Dialoge sind Programm. Und zwischendurch hat sogar eine kleine Maus ihren großen Auftritt.

Auffällig auch: Wie schon in Zoë Becks “Paradise City” spielen Männer hier nur Nebenrollen. Während einem die Mörderin, die Diebin, die Gangsterchefin und die Polizistin ans Herz wachsen, sind Männer hier meist einfach nur Grobiane und Unsympathler. Das ungewöhnliche, selbst anpackende Frauen-Quartett braucht keine heldenhaften Männer.

Kein Wunder also, dass es Fox mit ihrem Buch auch auf Platz 1 der aktuellen Krimi-Bestenliste geschafft hat. Dieser Autorin ist nichts heilig, schon gar nicht irgendwelche Genrekonventionen – und das ist gut so.

8 von 10 Punkten

Candice Fox: “Dark”, übersetzt von Andrea O’Brien, Suhrkamp Verlag, 395 Seiten.

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Lang lebe die Krimi-Bestenliste!

Seit April 2005 gibt es die Krimi-Bestenliste, die zu Beginn bei der “Welt”, dann bei der “Zeit” und die letzten Jahre bei der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” beheimatet war. Sie hat mich also mein ganzes Bloggerleben lang begleitet. Und sie war immer ein Fixpunkt für mich. Manchmal habe ich ihr regelrecht entgegen gefiebert: Wie sehr würde die aktuelle Liste mit meinen eigenen Lesegewohnheiten übereinstimmen?

Mitunter habe ich es bedauert, dass ich nicht alle auf der Liste empfohlenen Bücher lesen konnte. Sie war für ein zwangfreies Krimibloggen also nicht immer hilfreich. Sie hat ordentlich Druck ausgeübt. So viele Krimis, die es noch zu lesen gäbe – bloß dass man niemals alle schaffen würde. Der monatliche Abgleich ist zu einem Ritual geworden: Wieviele der Bücher habe ich schon gelesen? Welche davon werde ich noch lesen? Und im besten Fall, die Adelung sozusagen: War ich bei meiner Lektüre gar der Liste voraus?

Nun hat sich aber auch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” von diesem Projekt verabschiedet. Als Partner ist leider nur der Deutschlandfunk Kultur übrig geblieben. Das ist natürlich schade, aber ich hoffe Krimikritiker Tobias Gohlis und sein lesemotiviertes Team lassen sich nicht davon zurückhalten, den Lesern weiterhin ein Leuchtturm im Dschungel der Krimi-Neuerscheinungen (ich weiß, dieses Bild ist schief, aber ich lasse es dennoch hier hängen!) zu sein.

Denn in den Untiefen des Regio- und Psychothriller-Ozeans gehen die Krimiperlen (dieses Bild ist jetzt ein wenig besser) leicht verloren. Die Krimi-Bestenliste ist da ein geeigneter Kompass, um die edlen Krimi-Gustostücke zu heben (so, jetzt höre ich auch schon wieder mit dieser Metaphern-Orgie auf, versprochen!).

Im Ernst: Wie oft habe ich geglaubt, alle Neuerscheinungen bestens im Blick zu haben. Ständig doktore ich an meinen analogen Zetteln herum, erweitere und ergänze. Tja, und dann erscheint die Krimi-Besteliste und dann kann ich gleich wieder etwas hinzufügen, meine Lesepläne über den Haufen werfen. Weil da dieses eine Buch (manchmal sind es aber auch zwei, drei oder vier Krimis) Buch lockt. Rasch wird neu gekauft, bereits Gekauftes ins Regal gestellt.

Wie bei allem, das man schätzt, war ich nicht immer nur begeistert. Manchmal erschien mir die Liste zu einseitig. Zu sehr und zu erzwungen auf politische Relevanz ausgerichtet, zu wenig auf klassische Krimis fokussiert. Warum fand sich etwa ein außergewöhnlicher Krimiautor wie Adrian McKinty nur selten und unprominent auf der Liste? Vermutlich ist aber auch die eigene Wahrnehmung sehr selektiv.

Gleichzeitig macht das diese Liste aber auch aus, dass sie das Genre nicht eng fasst, sondern sehr breit auslegt. Dadurch stößt man eben auf neue Bücher, die einen anderen Blick auf das Genre ermöglichen. Mein anfängliches, fast schon zwanghaftes Bemühen um möglichst große Übereinstimmung ist der Dankbarkeit gewichen, einen verlässlichen Hinweisgeber für tolle Bücher an meiner Seite zu wissen.

So verbleibe ich mit dem frommen Wunsch: Möge die Krimi-Bestenliste lange weiterleben!

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Acht Jahre crimenoir – ein Fazit

Wäre diese Pandemie nicht gewesen, wäre mein Krimi-Blog im Vorjahr wohl ziemlich unauffällig entschlummert. Doch nun bin ich immer noch da. Ein guter Zeitpunkt, einmal darüber nachzudenken, was sich in den vergangenen acht Jahren verändert hat.

Die Krimiblogger sind in dieser Zeitspanne nicht gerade mehr geworden, eher im Gegenteil. Immer wieder entdecke ich zwar auf den ersten Blick vielversprechende Seiten, die visuell meinen Blog um Längen ausstechen. Doch meist endet es mit einer Enttäuschung: inhaltlich setzt sich kaum jemand mit dem Genre auseinander oder versucht Autoren und Strömungen einzuordnen. Bis eben auf jene Blogs, die mich ohnehin schon seit Jahren begleiten.

Die erste, euphorische Phase hielt zwei, drei Jahre an. Da gab es eine echte Community, dann habe ich mich aber auch selbst zunehmend ausgeklinkt, war zunehmend froh, Zeit für neue Beiträge zu finden. Das bis dahin tägliche Absurfen der gleichgesinnten Seiten wurde weniger. Dennoch war es schön, immer wieder die anderen Crime-Blogs zu besuchen.

Dann verschwanden der Reihe nach meine ersten Blog-Fixsterne und mir wurde erstmals so richtig bewusst, dass Blogs durchaus auch nur kurz- bis mittelfristige Projekte sein können. Die Motivation litt zunehmend – und ja, da gibt es natürlich noch ein anderes Leben, das geführt werden will. Wenn ich schon ständig zwischen den Buchdeckeln verschwinde, dann will ich nicht auch noch stundenlang vor dem Computer abhängen, um darüber zu schreiben.

Herausgestellt hat sich auch, dass ich eine gewisse Vorliebe für kurze, prägnante Beiträge entwickelt habe. Manche werden meine Bloggestaltung lieblos finden, ich würde sie wohlwollend oldschool und bewusst minimalistisch nennen: Es geht um das Buch, und sonst nichts. Das hat natürlich einerseits mit der fehlenden Zeit zu tun, aber auch damit, dass ich die Dinge gern auf den Punkt bringe und versuche, den Kern des jeweiligen Kriminalromans zu finden. Zumindest so wie ich ihn sehe. Ebenso verhält es sich mit der Länge der Krimis, die ich bevorzugt lese. Durfte es vor einigen Jahren nie unter 400 Seiten sein, ist es im Moment eher umgekehrt. Ich bewundere die Minimalisten des Genres, die es verstehen, auf wenigen Seiten Inhalte durchaus episch zu erzählen. James Sallis sei hier namentlich erwähnt. Don Winslow, einer meiner Lieblingsautoren, macht es mir da allerdings von Jahr zu Jahr schwerer 😉

Was sich in all den acht Jahren aber nicht verändert hat, ist meine Liebe zur Kriminalliteratur. Ich bin immer noch neugierig auf neue Stimmen, aber genauso fasziniert alte Meister zu entdecken. Für letztere bleibt aus beruflichen Gründen allerdings viel zu wenig Zeit. Zu Weihnachten habe ich allerdings Ian Rankins “Das Souvenir des Mörders” gelesen, nachdem ich auf der Crimealley darauf gestoßen bin. Was für ein großartiger Autor, den ich bislang noch gar nicht so richtig kennengelernt (bloß Band 18 “Mädchengrab”) hatte. Mehr dazu hier in Kürze.

Was sich aber verändert hat: Ich lese viel mehr weibliche Autorinnen als noch vor einigen Jahren. Ich habe noch einmal nachgezählt. Tatsächlich habe ich 2020 hier 13 Kriminalromane von Autorinnen und von 14 Autoren besprochen. Wenn ich das im Vorjahr gelesene, aber erst vor wenige Tagen hier besprochene “Marseille.73” von Dominique Manotti hinzuschummle, hätte ich sogar einen Gleichstand erzielt. Ich könnte hier endlos tolle, weibliche Stimmen aufzählen. Stattdessen eine Empfehlung: Man kann jeden Kriminalroman des Ariadne-Verlags blind zur Hand nehmen. Da wird unglaublich gute, garantiert weibliche Kriminalliteratur geboten. Nein: Extrem gute.

Wenn ich schon dabei bin, muss ich wieder einmal die tapferen Kleinverlage Polar, Pendragon und Pulp Master hier erwähnen. Sie brauchen gerade in diesen Zeiten jede mögliche Unterstützung!

Zum Abschluss kann ich hier nur sagen, dass mir das Bloggen wieder mehr Spaß macht, seitdem ich mich nicht einer gewissen Regelmäßigkeit unterwerfe. Also schaut doch einfach immer wieder mal vorbei, auch wenn manchmal eine gewisse Zeit zwischen den Beiträgen vergeht. Ich würde mich freuen.

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Dominique Manotti: Marseille.73

(c) Ariadne Kriminalroman

Ich muss zugeben, ich habe gebraucht, um mit Dominique Manottis Stil zurecht zu kommen. Ich habe bereits zwei ihrer Bücher (leider weiß ich nicht mehr, welche) abgebrochen, weil ich den richtigen Zugang nicht finden konnte. Es mag an dem breit aufgestellten “Personal” liegen oder den vielen unbekannten Organisationen mit diversen sich nicht im Hirn verankern wollenden Abkürzungen – man behält nicht immer leicht die Übersicht. Vielleicht waren es aber auch bloß die falschen Bücher zum falschen Zeitpunkt. So etwas gibt es ja manchmal, wie sicher alle Vielleser wissen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es erneut versucht habe. Denn Manotti ist eine großartige Autorin.

In “Marseille.73” begibt sich die französische Großmeisterin des politischen Kriminalroman zurück ins Jahr 1973. Die französische Regierung hat soeben beschlossen, Migranten – vor allem jene aus Algerien – stärker zu kontrollieren. Von einem Tag auf den anderen werden sie zu “sans-papiers”, also illegal im Land befindlichen Personen. Bereits im Prolog wird klar, dass das Thema, über das die Französin eigentlich schreibt, auch heute noch Gültigkeit hat: “Etwas Folgenschweres ist im Entstehen begriffen, und es trägt einen Namen: Rassismus.” Und sie schreibt auch darüber, wie schwer es für Polizisten sein kann, zu ermitteln, wenn das System kein Interesse am Tod eines Einzelnen – weil unbedeutend – hat.

Manotti nimmt sich sehr stark vermeintlich männlicher Themen an: Kriminalität und Korruption. Sie widerlegt damit – ebenso wie Denise Mina – eindrucksvoll eines der geläufigsten Vorurteile, wenn es um die Unterscheidung von Kriminalliteratur männlicher Autoren und weiblicher Autorinnen geht, wie kürzlich Sonja Hartl in einem Beitrag im Online-Literaturmagazin “Culturmag” offengelegt hat: “Frauen schreiben populäre Kriminalromane, Männer relevante.”

9 von 10 Punkten

Dominique Manotti: “Marseille.73”, übersetzt von Iris Konopik, Argument Verlag mit Ariadne, 380 Seiten.

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