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Ryan Gattis: Das System

(c) Rowohlt Hundert Augen

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich einen Autor nach nur zwei erschienenen Büchern zu einem meiner Lieblingsautoren zähle. Bei Ryan Gattis ist das aber der Fall. Sowohl “In den Straßen die Wut” als auch sein Nachfolger “Safe” haben mich perfekt auf Lesereise mitgenommen. Und gleich vorweg: Auch bei seinem neuesten Buch “Das System” war das nicht anders. Auf diesen Autor ist Verlass.

Spielt “In den Straßen die Wut” direkt zur Zeit der Unruhen im April 1993 in Los Angeles nach den Vorfällen rund um die Misshandlung von Rodney King durch Polizisten, handelt das aktuelle Buch von Geschehnissen im Dezember 1993. Im Zentrum der Handlung steht “Dreamer”, der unschuldig im Gefängnis landet, weil er eines Mordversuchs bezichtigt wird. Wie schon in seinen beiden Büchern davor erzählt Gattis aus multiperspektivischer Sicht: neben jener von Dreamer aus jener der Ex-Freundin, seines vermeintlich besten Freundes Wizard, des Anwalts, der Staatsanwältin, eines Polizisten, eines Junkies und jenes Bewährungshelfers, aufgrund dessen Falschaussage Dreamer im Gefängnis sitzt. Diese Art der Erzählweise hat sich der Autor zu einer Art Markenzeichen gemacht.

Das erbarmungslose Gefängnissystem der USA

Anschaulich schreibt Gattis vor allem über eines: Das titelgebende “System” – das erbarmunglose Gefängnissystem in den USA. In den 1990er Jahren beginnt sich die Macht der Gangs von der Straße in die Haftanstalten zu verlegen. Dort wird bestimmt, was zu geschehen hat. Als Dreamer ins Gefängnis wandert, hat er – will er überleben – keine andere Wahl, als die Regeln dieses Systems zu akzeptieren. Er muss seine Rolle einnehmen, ob er will oder nicht. Er muss sich unterordnen und auch Gewalt anwenden. Anderenfalls wird er tot sein, ehe vor Gericht seine Unschuld bewiesen werden kann. Sein knasterfahrener Kumpel Wizard steht ihm zur Seite, und dennoch wird Dreamer erkennen müssen, dass sich der Begriff Freund im Gefängnis relativiert. Wenn er Schwächen zeigt oder sich auf die falsche Seite stellt, kann ihm auch der beste Freund nichts helfen. Nicht zufällig ist einem der Kapitel ein Zitat von Charles Bukowski vorangestellt: “Wenn du wissen willst, wer deine Freunde sind, dann lass dich einbuchten.”

Dreamer reift hinter Gittern zu einem jungen Mann heran, der schnell lernen muss, wie hart die Realität aussehen kann. Als Individuum wirst du im Gefängnis ausgelöscht, du bist Teil deiner Gang. Etwas anderes gibt es nicht. Gewalt ist nicht nur eine Option, sondern Überlebensbedingung. Er erkennt dabei, was wichtig ist, was zählt. Dennoch stellt sich ihm die Frage: Wird er so lange überleben können, bis er wieder selbstbestimmt darüber entscheiden kann, was er mit seinem restlichen Leben macht? Wird er seine zweite Chance überhaupt erhalten?

Gattis neigt dabei niemals zu Sentimentalitäten, sein Buch will auch keine beherzte Anklageschrift gegen das Gefängnissystem sein. Durch seine Perspektivenwechsel will er nicht die eine Wahrheit erzählen, sondern zeigen, aus wie vielen unterschiedlichen Puzzleteilen die Wahrheit besteht. Er seziert das “System” messerscharf und offenbart es als das, was es ist: Ein unbarmherziges, ungerechtes System zur Aufbewahrung schuldiger, aber oft auch unschuldiger Menschen. Oder, wie es an einer Stelle des Buches heißt: “Zellen sind einfach große Schließfächer, bloß für Menschen.”

9 von 10 Punkten

Ryan Gattis: “Das System”, übersetzt von Ingo Herzke und Michael Kellner, Rowohlt Hundert Augen, 542 Seiten.

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John Ball: In the Heat of the Night

(c) Penguin

Das erste Mal schreibe ich in diesem Blog einen Beitrag über einen Kriminalroman, den ich im englischen Original gelesen habe. Zu verdanken habe ich das Stefan Heidsiek, der vor Kurzem in der crimealley über die deutschsprachige Ausgabe von “In der Hitze der Nacht” geschrieben hat. Nachdem er mich so neugierig gemacht hatte und ich nicht auf die Zusendung eines antiquarischen Exemplars warten wollte, habe ich zur Originalausgabe als E-Book gegriffen.

Tatsächlich muss man “In the Heat of the Night” als Klassiker der modernen Kriminalliteratur einordnen. Das 1965 geschrieben Buch erlangte vor allem durch seine Verfilmung (fünf Oscars) weltweite Bekanntheit. “Sie nennen mich Mister Tibbs!” liegt laut American Film Institute auf Platz 16 der wichtigsten Filmzitate, der Film selbst auf Rang 75 der besten Filme aller Zeiten. Ball, der Erfinder des schwarzen Polizisten Virgil Tibbs (im Film dargestellt von Sidney Poitier – natürlich erhielt damals Rod Steiger den Oscar als bester Hauptdarsteller und nicht Poitier, aber das ist eine andere Geschichte) ist im deutschsprachigen Raum aber längst in Vergessenheit geraten. Seine Bücher werden schon seit vielen Jahren nicht neu aufgelegt. Leider, kann man nur sagen.

Worum es geht? In dem Südstaaten-Kaff Wells wird ein Toter aufgefunden. Der Mann ist nicht ganz unprominent, sollte er doch ein ökonomisch einträgliches Musikfestival in den Ort bringen. Zudem war er gut vernetzt zu wichtigen Männern der Stadt. Als zufällig Virgil Tibbs, ein erfahrener Mordermittler mit schwarzer Hautfarbe aus Kalifornien, auftaucht, sieht sich der lokale Polizeichef Gillespie, ein ehemaliger Gefängniswärter gezwungen, auf dessen Hilfe zurückzugreifen. Sehr widerwillig natürlich, weil gewisse wichtige Männer der Stadt das so wollen. Aber er erkennt rasch den Vorteil der Situation: sollte der Schwarze die Ermittlungen unter seiner Führung erfolgreich voranbringen, dann kann Gillespie das als seinen Erfolg verbuchen. Sollte er scheitern, dann könnte man Tibbs das Versagen anlasten. Eine win-win-Situation also für den Polizeichef.

Tibbs ist jedenfalls der einzige Profi, wenn es um Mordermittlungen geht. Die lokalen Polizisten sind ahnungslose Stümper. Doch auch Tibbs, der stets Selbstbewusste und Allwissende, befindet sich auf einer falschen Spur, verdächtigt den Falschen. Sowohl Polizist Sam Wood als auch sein Chef Gillespie halten zu Beginn der Geschichte nicht viel von Schwarzen im allgemeinen und Tibbs im speziellen. Sie sind tief im Süden der USA verwurzelt und sozialisiert. Doch mit Fortlauf der Ermittlungen wächst ihr Respekt für den fähigen Mann aus Kalifornien.

Die Krimihandlung mit genretypischen Wendungen ist schlüssig. Autor Ball braucht nicht viele Worte, um die Situation eindrucksvoll darzustellen. Auf nicht einmal 180 Seiten erzählt er von alltäglichem Rassismus und Vorurteilen, aber auch von Menschen, die bereit sind, über ihren Schatten zu springen.

Einiges wirkt ein wenig altbacken aus heutiger Sicht, vor allem die zart angedeutete Romanze zwischen dem Polizisten Sam Wood und der Tochter des Opfers. Die Szene in der Zelle – das wirkt ein wenig deplatziert in diesem Roman, wurde vom Autor aber wohl auch gewählt, um die Anspannung kurzzeitig zu lösen. Alles in allem hat Ball aber einen klassischen Krimi im besten Sinne geschrieben, der durch seine schnörkellose Art besticht und sich auch 55 Jahre nach seinem Entstehen sehr gut liest.

9 von 10 Punkten

John Ball: In the Heat of the Night, Penguin Verlag, 176 Seiten.

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Mike Knowles: Tin Men

(c) Polar Verlag

Am Beginn von “Tin Men” steht der bestialische Mord an einer Polizistin. Das geht auch an hartgesottenen Kollegen wie Os nicht spurlos vorbei. “Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatten ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet”. Os, ein Polizist, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, soll gemeinsam mit zwei ebenfalls wenig vertrauenserweckenden Polizisten Teil eines Ermittlertrios sein: Cop zwei, Woody, hat ein Drogenproblem und Außenseiter Dennis, Cop drei, sucht bei transsexuellen Prostituierten Trost.

Oft ist es so, dass die Männer in Uniform mehr gegeneinander als miteinander kämpfen. Wenig verwunderlich eigentlich, dass am Ende dieses Dramas eine weitere furchtbare Tat stehen wird, die sogar die Lösung des Falls in den Schatten stellt.

Mike Knowles hat definitiv ein “Police Procedural” der anderen Art geschrieben. Der Autor überzeugt dabei in vielen Belangen. Die Handlung ist schlüssig, die Charaktere sind gut gezeichnet. Und auch die Aufschlüsselung des Falls finde ich ausgesprochen gelungen (ich hatte angesichts des furchtbaren Verbrechens zu Beginn schon das Schlimmste befürchtet). Für mich auch erkenntnisreich: Die Geschichte spielt in der kanadische Großstadt Hamilton (rund 500.000 Einwohner) in der Provinz Ontario. Ich hatte von dieser Stadt noch niemals gehört, und stellte mir zu Beginn der Lektüre fälschlicherweise eine verschlafene Kleinstadt vor.

Nach Éric Plamondons “Taqawan” bin ich nun in kürzester Zeit erneut von einem kanadischen Kriminalroman vollends überzeugt worden. Ich hoffe sehr, dass sich der Polar-Verlag nun auch der sechsteiligen Serie des Autors um den Killer Wilson annehmen wird, die im Nachwort des Romans erwähnt wird. Denn hier ist wirklich ein Könner am Werk.

9 von 10 Punkten

Mike Knowles: “Tin Men”, übersetzt von Karen Witthuhn, Polar Verlag, 337 Seiten, 14,60 Euro

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Dominique Manotti: Marseille.73

(c) Ariadne Kriminalroman

Ich muss zugeben, ich habe gebraucht, um mit Dominique Manottis Stil zurecht zu kommen. Ich habe bereits zwei ihrer Bücher (leider weiß ich nicht mehr, welche) abgebrochen, weil ich den richtigen Zugang nicht finden konnte. Es mag an dem breit aufgestellten “Personal” liegen oder den vielen unbekannten Organisationen mit diversen sich nicht im Hirn verankern wollenden Abkürzungen – man behält nicht immer leicht die Übersicht. Vielleicht waren es aber auch bloß die falschen Bücher zum falschen Zeitpunkt. So etwas gibt es ja manchmal, wie sicher alle Vielleser wissen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es erneut versucht habe. Denn Manotti ist eine großartige Autorin.

In “Marseille.73” begibt sich die französische Großmeisterin des politischen Kriminalroman zurück ins Jahr 1973. Die französische Regierung hat soeben beschlossen, Migranten – vor allem jene aus Algerien – stärker zu kontrollieren. Von einem Tag auf den anderen werden sie zu “sans-papiers”, also illegal im Land befindlichen Personen. Bereits im Prolog wird klar, dass das Thema, über das die Französin eigentlich schreibt, auch heute noch Gültigkeit hat: “Etwas Folgenschweres ist im Entstehen begriffen, und es trägt einen Namen: Rassismus.” Und sie schreibt auch darüber, wie schwer es für Polizisten sein kann, zu ermitteln, wenn das System kein Interesse am Tod eines Einzelnen – weil unbedeutend – hat.

Manotti nimmt sich sehr stark vermeintlich männlicher Themen an: Kriminalität und Korruption. Sie widerlegt damit – ebenso wie Denise Mina – eindrucksvoll eines der geläufigsten Vorurteile, wenn es um die Unterscheidung von Kriminalliteratur männlicher Autoren und weiblicher Autorinnen geht, wie kürzlich Sonja Hartl in einem Beitrag im Online-Literaturmagazin “Culturmag” offengelegt hat: “Frauen schreiben populäre Kriminalromane, Männer relevante.”

9 von 10 Punkten

Dominique Manotti: “Marseille.73”, übersetzt von Iris Konopik, Argument Verlag mit Ariadne, 380 Seiten.

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Denise Mina: Götter und Tiere

(c) Ariadne Kriminalroman

Die Ariadne-Kriminalromane sind seit vielen Jahren Garant für hochqualitative Genre-Kost geworden. Unglaublich, wie ein kleiner Verlag mit seinen weiblichen Autorinnen derart beständig für Unruhe im vorwiegend männlichen Betrieb der zünftigen Kriminalliteratur sorgt.

Erschienen im Vorjahr die faszinierenden Bücher neuer oder zu Unrecht nahezu unbekannter Autorinnen wie Hannelore Cayre (“Die Alte”), Tawni O’Dell (“Wenn Engel brennen”) und Sarah Schulman (“Trüb”), sind in den vergangenen Wochen die Bücher zweier etablierten Größen des “dunkel-realistischen Genres”, wie es der Verlag nennt, herausgekommen. Auf Dominique Manotti werde ich im nächsten Beitrag eingehen, hier will ich mich mit Denise Mina, der “Queen of Tartan Noir”, beschäftigen.

Die Schottin Denise Mina lässt erneut die Polizistin Alex Morrow Licht in die Schattenseiten von Glasgow bringen. “Götter und Tiere” ist der chronologischen Reihenfolge nach der dritte von fünf Morrow-Romanen (ich habe “Das Vergessen” – Teil 4 – und “Blut Salz Wasser” – Teil 5 – gelesen) , der die Serie nun endlich komplettiert. Dem Lesegenuss tut das unregelmäßige Erscheinen der Teile aber keinen Abbruch.

Als bei einem Raubüberfall in einer Postfiliale ein älterer Mann erschossen wird, ist nichts so klar, wie es im ersten Moment erscheint. Martin Pavel, der den Enkelsohn des Getöteten, der ihm bis dahin unbekannt war, beschützt, verhält sich seltsam. Zudem hat der Student das titelgebende Zitat “Gods and Beasts” auf seinem Hals tätowiert. Dieses stammt von Aristoteles und meint jene Lebewesen, “die nicht in Gemeinschaft leben oder ihrer bedürfen”.

Aber auch das Verhalten des alten Mannes in den letzten Minuten seines Lebens ist eigenartig. Parallel dazu erzählt die Schottin die Geschichte des politischen Auf- und Abstiegs des Gewerkschafters Kenny Gallagher, dessen Weste alles andere als sauber ist.

Laudan bringt es im Vorwort auf den Punkt: “Das ist clevere und scharf sozialkritische zeitgenössische Kriminalliteratur, die mit klassischen Mustern des Genres spielt, dem Publikum viel zutraut und auch viel zumutet.” Minas Blick für die Details des Zwischenmenschlichen ist gestochen scharf, ihre Figuren mit all ihren inneren Widersprüchen faszinieren.

Lebensnah, ein oft strapazierter Begriff, fällt einem dazu ein. Er passt perfekt. Denn Mina geht es nicht um den wohligen Schauer beim Lösen eines Rätselkrimis. Sie will genau hinsehen, Geschehnisse sezieren und Bruchlinien in der Gesellschaft erkennbar machen. Und das tut sie auf bestechende Art und Weise.

9 von 10 Punkten

Denise Mina: “Götter und Tiere”, übersetzt von Karen Gerwig, Argument Verlag mit Ariadne, 360 Seiten.

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Adrian McKinty: Alter Hund, neue Tricks

(c) Suhrkamp Nova

Mit dem Thriller “The Chain” gelang dem Nordiren Adrian McKinty im Vorjahr der größte Erfolg seiner Schriftstellerkarriere – paradoxerweise mit seinem schwächsten Buch. Wer wissen will, was der Autor tatsächlich drauf hat, muss allerdings seine Sean-Duffy-Reihe lesen.

Band acht, “Alter Hund, neue Tricks”, überzeugt erneut in allen Belangen. Duffy, nur mehr Teilzeitpolizist, zweifelt an der Version eines aus dem Ruder gelaufenen Autodiebstahls. McKinty punktet mit Duffys inneren Monologen, popkulturellen Referenzen und Verweisen auf eigene Werke.

Angeblich soll nach Band neun mit Sean Duffy Schluss sein. Doch die Hoffnung bleibt bestehen: Möge dieser Ermittler niemals in Pension gehen!

Die Sean-Duffy-Romane in der richtigen Reihenfolge:

“Der katholische Bulle”

“Die Sirenen von Belfast”

“Die verlorenen Schwestern”

“Gun Street Girl” (mein persönlicher Favorit)

“Rain Dogs”

“Dirty Cops”

“Cold Water”

9 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Alter Hund, neue Tricks”, übersetzt von Peter Torberg, Suhrkamp Nova, 368 Seiten.

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Zoë Beck: Paradise City

(c) Suhrkamp


Bislang hat sich Zoë Beck vor allem einen Namen als Autorin ausgezeichneter Kriminalromane gemacht. Technik spielte dabei in ihren zeit- und sozialkritischen Thrillern immer eine wichtige Rolle. In “Die Lieferantin” ging es um Drogenhandel per Drohne und in “Brixton Hill” um ein Luxus-Hochhaus, in dem der Strom ausfällt. Mit “Paradise City” macht die in Berlin lebende Deutsche so gesehen nun eigentlich nur einen weiteren logischen Schritt.

Das Buch spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Algorithmen – und nicht die Politik – über viele Bereiche des Lebens entscheiden. Deutschland, das von Seuchen und Umweltkatastrophen heimgesucht wurde, befindet sich endlich wieder im Aufschwung. Der Regierungssitz wurde nach Frankfurt verlegt, Berlin dient nur mehr als Kulisse für Touristen. Es scheint eine schöne neue Welt zu sein, die hier entstanden ist. Bloß sollte man keinen zweiten Blick darauf werfen.

Bürgerrechte? Kein Interesse

Die Demokratie, wie wir sie kennen, hat in der jahrzehntelangen Krisenzeit massiv gelitten. Für Bürgerrechte scheint sich niemand mehr zu interessieren. Staatliche Nachrichtenagenturen beherrschen die Medienlandschaft. Unabhängiger Journalismus, dessen Hauptrolle mittlerweile darin besteht, Fake News aufzudecken und den Wahrheitsgehalt der staatlichen Quellen zu hinterfragen, wird von allen Seiten in Verruf gebracht. An investigativen Journalismus ist kaum mehr zu denken. Ohnehin glaubt niemand mehr an die Existenz einer objektiven Wahrheit: “Der Mensch glaubt sowieso nur, was er glauben will”, heißt es an einer Stelle. Das Gesundheitssystem basiert auf schwer nachvollziehbaren Entscheidungen, die eine Software trifft; auf Datenschutz beharrt nur, wer etwas zu verbergen hat. Wer sogenannte Videoblocker verwendet, um die automatische Gesichtserkennung zu verhindern, macht sich verdächtig.

Liina ist Rechercheurin bei Gallus, einem der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenportale. Als sie in die Provinz geschickt wird, um den ungewöhnlichen Fall einer angeblichen Schakal-Attacke zu untersuchen, fühlt sie sich von ihrem Chef ausgebootet. Als dieser kurz darauf bei einem seltsamen Unfall beinahe stirbt, wird Liina aber langsam klar, dass es bei all dem um viel mehr gehen dürfte – und dass auch sie selbst, die vor Jahren eine lebenswichtige Organtransplantation erhalten hat, dabei eine wichtige Rolle spielt.

Die vielseitige Autorin, die auch Bücher von Genre-Größen wie Gerald Seymour und Denise Mina übersetzt hat, als Synchron-Regisseurin sowie als Verlegerin (CulturBooks) tätig ist, hat in “Paradise City” nicht bloß die Handlung in die Zukunft verlegt. Ihr dystopischer Roman lässt sich in keine Schublade stecken. Es mag zwar Thriller auf dem Cover stehen, doch das Buch ist viel mehr als bloße Spannungsliteratur. Es macht nachdenklich und hinterlässt Spuren, Liinas Leidensweg berührt. Becks Stärke liegt darin, diesen nicht voyeuristisch auszuschlachten, sondern Stück für Stück ihre Figur begreifbar zu machen. Puzzleteil für Puzzleteil wird die Persönlichkeit offenbart – inklusive all der Rätsel, die jedem Individuum anhaften, wie gut man es auch zu kennen glaubt.

Apokalypse ohne Helden

Ebenso wie ihrem Kriminalschriftsteller-Kollegen Tom Hillenbrand (“Drohnenland”, “Hologrammatica”, “Qube”) gelingt es Beck perfekt, einen faszinierenden Blick in eine mögliche Zukunft zu werfen. Und ihre Botschaft ist klar: So düster und maschinengetrieben die Welt dann auch sein mag, letztlich zählt doch vor allem die Menschlichkeit.

Auffällig ist, dass neben Liina nahezu alle relevanten Charaktere der fesselnden Geschichte Frauen sind – Beck steht damit im besten Sinne in der Tradition der großartigen Margaret Atwood. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der wichtigste Mann, Liinas Chef, bezeichnenderweise zum Opfer wird. Zoë Beck bestätigt eindrucksvoll: Apokalyptische Szenarien kommen auch ganz gut ohne einsame, schweigsame Cowboys aus.

9 von 10 Punkten

Zoë Beck: “Paradise City”, Suhrkamp Verlag, 281 Seiten.

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Wallace Stroby: Zum Greifen nah

(c) Pendragon Verlag

Mit der Berufsverbrecherin Crissa Stone (“Kalter Schuss ins Herz”, “Fast ein guter Plan”, “Geld ist nicht genug”, “Der Teufel will mehr”) hat US-Krimiautor Wallace Stroby eine Kultfigur erschaffen – ein weibliches Pendant zu zwei echten kriminellen Serien-Größen des Genres: Parker (von Richard Stark) und Wyatt (von Garry Disher).

Noch vor seiner vierteiligen Crissa-Stone-Serie schrieb Stroby aber bereits ein Buch rund um eine weitere starke Frau, die Polizistin Sara Cross. Mit “Zum Greifen nah” liegt der gepflegte Noir nun erstmals auf Deutsch vor. Cross gerät in ein Dilemma, als sie an der Notwehr-Version eines Kollegen (noch dazu ihr Ex-Freund) zu zweifeln beginnt. Eine knifflige Situation, fesselnd zu lesen.

Das Buch ist mehr als nur eine Fingerübung für die spätere Crissa-Stone-Serie. Glaubwürdig schildert Stroby die Zwickmühle, in der Sara steckt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrem manipulativen Ex-Freund, ihrem Vorgesetzten und ihrer Rolle als Mutter eines Sohnes, den sie beschützen will. Jede dieser drei Saras hat eine andere Loyalität. Schon bald ist ihr klar, dass die Suche nach der Wahrheit gefährlich ist. Wie kann sie das Richtige tun?

Fazit: Stroby hat es drauf, egal ob er aus Polizisten- oder Verbrechersicht erzählt. Bleibt zu hoffen, dass der Pendragon-Verlag diesem Autor treu bleibt und uns in den nächsten Jahren noch mehr Stoff liefert.

Wallace Stroby: “Zum Greifen nah”, übersetzt von Bernd Gockel, Pendragon Verlag, 357 Seiten.

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Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

(c) Blumenbar

Oyinkan Braithwaites erstes – drei Zeilen umfassendes Kapitel – von “Meine Schwester, die Serienmörderin” wird sich wohl in Zukunft in zahlreichen Lehrbüchern darüber finden, wie man einen (Kriminal-)Roman perfekt beginnen kann: “Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.” Damit ist die Ausgangssituation klar. Ayoola, Koredes Schwester hat nicht erst einmal gemordet.

Worum es geht? Ayoola ist eine unglaublich schöne Frau, der die Männerwelt zu Füßen liegt. Oder um es in den Worten ihrer Schwester Korede, der Erzählerin, zu sagen: “Sie hat den Körper einer Musikvideo-Sexbombe, einer sündhaften Frau, eines Sukkubus. Er straft ihr engelsgleiches Gesicht Lügen.”

Bloß hat diese Sexbombe eine schlechte Angewohnheit – sie tötet ihre Männer. Wie gut, dass es da ihre Schwester gibt: Die Krankenschwester weiß, wie man Blutspuren und Leichen entfernt. Als sich Tade, ein Arzt in jenem Krankenhaus, in dem Korede arbeitet, auf Anhieb in die bildhübsche Schwester verliebt, wird die Loyalität der Aufräumerin und Aufwischerin auf eine Probe gestellt. Denn sie selbst ist in Tade verliebt.

“Er will bloß ein hübsches Gesicht”

Korede ist überzeugt, dass Tade anders ist. Liebenswürdig und einfühlsam, ein Mann der Kindern gern ein Lied vorsingt. Ayoola sieht das nüchterner: “Er ist nicht tiefgründig. Er will bloß ein hübsches Gesicht. Mehr wollen sie alle nicht.” Wer wird recht haben? Vor allem muss sich Korede aber eine andere Frage stellen: Wie lange will ich meiner mordenden Schwester helfen?

Die nigerianisch-britische Autorin Oyinkan Braithwaite hat eine erfrischende Mischung aus fesselndem Thriller und seziermesserscharfem Gesellschaftsporträt geschrieben. Während sich der Leser auf der einen Seite gut unterhält, bringt sie diesem die patriachalisch geprägte Gesellschaft Nigerias näher. Sie zeigt, wie sich zwei Frauen – auf ihre eigene Art und Weise – gegen diese von Männern dominierte Welt zur Wehr setzen. Nach und nach wird durch Rückblenden in die Kindheit der beiden ihr Handeln erklär- und verstehbar.

Der Autorin ist alles in allem ein beeindruckendes Debüt gelungen. Mit ihrem Buch schaffte es die 32-Jährige auf die Longlist des renommierten “Booker Prize”, zudem wurde es von der “Los Angeles Times” als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Nicht zu unrecht, denn auch mit ihren letzten Sätzen, die bewusst nicht verraten werden sollen, schafft Braithwaite – wie schon beim Einstieg – die perfekte Klammer für diesen außergewöhnlichen Roman.

9 von 10 Punkten

Oyinkan Braithwaite: “Meine Schwester, die Serienmörderin”, übersetzt von Yasemin Dinçer, Blumenbar Verlag, 240 Seiten.

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Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

(c) Ariadne

Dove Carnahan, vor Kurzem 50 Jahre alt geworden, ist Polizeichefin von Buchanan, einem Ort mitten in einer vom exzessiven Kohleabbau zerstörten Landschaft. Als eines Tages die Leiche eines Mädchens in einer glühenden Erdspalte gefunden wird, ist es mit der Beschaulichkeit – in diesem Fall ohnehin eher Trägheit statt Gemütlichkeit – rasch vorbei.

Verwüstet sind hier vor allem die Menschen: Sie sind feindselig, verhärmt und wortkarg. Doch Autorin Tawni O’Dell porträtiert ihre gewöhnungsbedürftigen, oft unsympathischen Figuren ausgewogen. Auch wie sich Frauen in dieser unfreundlichen Welt durchschlagen müssen, wird glaubwürdig thematisiert. “Wenn Engel brennen” überrascht bei allem Realismus allerdings auch mit trockenem Humor und unverhofftem Optimismus.

“Wer auf faszinierende Charaktere steht, wird bei Tawni O’Dell grandios bedient”, schreibt Herausgeberin Else Laudan im Vorwort. Ganz genau.

9 von 10 Punkten

Tawni O’Dell: “Wenn Engel brennen”, übersetzt von Daisy Dunkel, Ariadne Verlag, 352 Seiten.

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