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Mike Knowles: Tin Men

(c) Polar Verlag

Am Beginn von “Tin Men” steht der bestialische Mord an einer Polizistin. Das geht auch an hartgesottenen Kollegen wie Os nicht spurlos vorbei. “Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatten ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet”. Os, ein Polizist, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, soll gemeinsam mit zwei ebenfalls wenig vertrauenserweckenden Polizisten Teil eines Ermittlertrios sein: Cop zwei, Woody, hat ein Drogenproblem und Außenseiter Dennis, Cop drei, sucht bei transsexuellen Prostituierten Trost.

Oft ist es so, dass die Männer in Uniform mehr gegeneinander als miteinander kämpfen. Wenig verwunderlich eigentlich, dass am Ende dieses Dramas eine weitere furchtbare Tat stehen wird, die sogar die Lösung des Falls in den Schatten stellt.

Mike Knowles hat definitiv ein “Police Procedural” der anderen Art geschrieben. Der Autor überzeugt dabei in vielen Belangen. Die Handlung ist schlüssig, die Charaktere sind gut gezeichnet. Und auch die Aufschlüsselung des Falls finde ich ausgesprochen gelungen (ich hatte angesichts des furchtbaren Verbrechens zu Beginn schon das Schlimmste befürchtet). Für mich auch erkenntnisreich: Die Geschichte spielt in der kanadische Großstadt Hamilton (rund 500.000 Einwohner) in der Provinz Ontario. Ich hatte von dieser Stadt noch niemals gehört, und stellte mir zu Beginn der Lektüre fälschlicherweise eine verschlafene Kleinstadt vor.

Nach Éric Plamondons “Taqawan” bin ich nun in kürzester Zeit erneut von einem kanadischen Kriminalroman vollends überzeugt worden. Ich hoffe sehr, dass sich der Polar-Verlag nun auch der sechsteiligen Serie des Autors um den Killer Wilson annehmen wird, die im Nachwort des Romans erwähnt wird. Denn hier ist wirklich ein Könner am Werk.

9 von 10 Punkten

Mike Knowles: “Tin Men”, übersetzt von Karen Witthuhn, Polar Verlag, 337 Seiten, 14,60 Euro

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Dominique Manotti: Marseille.73

(c) Ariadne Kriminalroman

Ich muss zugeben, ich habe gebraucht, um mit Dominique Manottis Stil zurecht zu kommen. Ich habe bereits zwei ihrer Bücher (leider weiß ich nicht mehr, welche) abgebrochen, weil ich den richtigen Zugang nicht finden konnte. Es mag an dem breit aufgestellten “Personal” liegen oder den vielen unbekannten Organisationen mit diversen sich nicht im Hirn verankern wollenden Abkürzungen – man behält nicht immer leicht die Übersicht. Vielleicht waren es aber auch bloß die falschen Bücher zum falschen Zeitpunkt. So etwas gibt es ja manchmal, wie sicher alle Vielleser wissen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es erneut versucht habe. Denn Manotti ist eine großartige Autorin.

In “Marseille.73” begibt sich die französische Großmeisterin des politischen Kriminalroman zurück ins Jahr 1973. Die französische Regierung hat soeben beschlossen, Migranten – vor allem jene aus Algerien – stärker zu kontrollieren. Von einem Tag auf den anderen werden sie zu “sans-papiers”, also illegal im Land befindlichen Personen. Bereits im Prolog wird klar, dass das Thema, über das die Französin eigentlich schreibt, auch heute noch Gültigkeit hat: “Etwas Folgenschweres ist im Entstehen begriffen, und es trägt einen Namen: Rassismus.” Und sie schreibt auch darüber, wie schwer es für Polizisten sein kann, zu ermitteln, wenn das System kein Interesse am Tod eines Einzelnen – weil unbedeutend – hat.

Manotti nimmt sich sehr stark vermeintlich männlicher Themen an: Kriminalität und Korruption. Sie widerlegt damit – ebenso wie Denise Mina – eindrucksvoll eines der geläufigsten Vorurteile, wenn es um die Unterscheidung von Kriminalliteratur männlicher Autoren und weiblicher Autorinnen geht, wie kürzlich Sonja Hartl in einem Beitrag im Online-Literaturmagazin “Culturmag” offengelegt hat: “Frauen schreiben populäre Kriminalromane, Männer relevante.”

9 von 10 Punkten

Dominique Manotti: “Marseille.73”, übersetzt von Iris Konopik, Argument Verlag mit Ariadne, 380 Seiten.

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Denise Mina: Götter und Tiere

(c) Ariadne Kriminalroman

Die Ariadne-Kriminalromane sind seit vielen Jahren Garant für hochqualitative Genre-Kost geworden. Unglaublich, wie ein kleiner Verlag mit seinen weiblichen Autorinnen derart beständig für Unruhe im vorwiegend männlichen Betrieb der zünftigen Kriminalliteratur sorgt.

Erschienen im Vorjahr die faszinierenden Bücher neuer oder zu Unrecht nahezu unbekannter Autorinnen wie Hannelore Cayre (“Die Alte”), Tawni O’Dell (“Wenn Engel brennen”) und Sarah Schulman (“Trüb”), sind in den vergangenen Wochen die Bücher zweier etablierten Größen des “dunkel-realistischen Genres”, wie es der Verlag nennt, herausgekommen. Auf Dominique Manotti werde ich im nächsten Beitrag eingehen, hier will ich mich mit Denise Mina, der “Queen of Tartan Noir”, beschäftigen.

Die Schottin Denise Mina lässt erneut die Polizistin Alex Morrow Licht in die Schattenseiten von Glasgow bringen. “Götter und Tiere” ist der chronologischen Reihenfolge nach der dritte von fünf Morrow-Romanen (ich habe “Das Vergessen” – Teil 4 – und “Blut Salz Wasser” – Teil 5 – gelesen) , der die Serie nun endlich komplettiert. Dem Lesegenuss tut das unregelmäßige Erscheinen der Teile aber keinen Abbruch.

Als bei einem Raubüberfall in einer Postfiliale ein älterer Mann erschossen wird, ist nichts so klar, wie es im ersten Moment erscheint. Martin Pavel, der den Enkelsohn des Getöteten, der ihm bis dahin unbekannt war, beschützt, verhält sich seltsam. Zudem hat der Student das titelgebende Zitat “Gods and Beasts” auf seinem Hals tätowiert. Dieses stammt von Aristoteles und meint jene Lebewesen, “die nicht in Gemeinschaft leben oder ihrer bedürfen”.

Aber auch das Verhalten des alten Mannes in den letzten Minuten seines Lebens ist eigenartig. Parallel dazu erzählt die Schottin die Geschichte des politischen Auf- und Abstiegs des Gewerkschafters Kenny Gallagher, dessen Weste alles andere als sauber ist.

Laudan bringt es im Vorwort auf den Punkt: “Das ist clevere und scharf sozialkritische zeitgenössische Kriminalliteratur, die mit klassischen Mustern des Genres spielt, dem Publikum viel zutraut und auch viel zumutet.” Minas Blick für die Details des Zwischenmenschlichen ist gestochen scharf, ihre Figuren mit all ihren inneren Widersprüchen faszinieren.

Lebensnah, ein oft strapazierter Begriff, fällt einem dazu ein. Er passt perfekt. Denn Mina geht es nicht um den wohligen Schauer beim Lösen eines Rätselkrimis. Sie will genau hinsehen, Geschehnisse sezieren und Bruchlinien in der Gesellschaft erkennbar machen. Und das tut sie auf bestechende Art und Weise.

9 von 10 Punkten

Denise Mina: “Götter und Tiere”, übersetzt von Karen Gerwig, Argument Verlag mit Ariadne, 360 Seiten.

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Adrian McKinty: Alter Hund, neue Tricks

(c) Suhrkamp Nova

Mit dem Thriller “The Chain” gelang dem Nordiren Adrian McKinty im Vorjahr der größte Erfolg seiner Schriftstellerkarriere – paradoxerweise mit seinem schwächsten Buch. Wer wissen will, was der Autor tatsächlich drauf hat, muss allerdings seine Sean-Duffy-Reihe lesen.

Band acht, “Alter Hund, neue Tricks”, überzeugt erneut in allen Belangen. Duffy, nur mehr Teilzeitpolizist, zweifelt an der Version eines aus dem Ruder gelaufenen Autodiebstahls. McKinty punktet mit Duffys inneren Monologen, popkulturellen Referenzen und Verweisen auf eigene Werke.

Angeblich soll nach Band neun mit Sean Duffy Schluss sein. Doch die Hoffnung bleibt bestehen: Möge dieser Ermittler niemals in Pension gehen!

Die Sean-Duffy-Romane in der richtigen Reihenfolge:

“Der katholische Bulle”

“Die Sirenen von Belfast”

“Die verlorenen Schwestern”

“Gun Street Girl” (mein persönlicher Favorit)

“Rain Dogs”

“Dirty Cops”

“Cold Water”

9 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Alter Hund, neue Tricks”, übersetzt von Peter Torberg, Suhrkamp Nova, 368 Seiten.

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Zoë Beck: Paradise City

(c) Suhrkamp


Bislang hat sich Zoë Beck vor allem einen Namen als Autorin ausgezeichneter Kriminalromane gemacht. Technik spielte dabei in ihren zeit- und sozialkritischen Thrillern immer eine wichtige Rolle. In “Die Lieferantin” ging es um Drogenhandel per Drohne und in “Brixton Hill” um ein Luxus-Hochhaus, in dem der Strom ausfällt. Mit “Paradise City” macht die in Berlin lebende Deutsche so gesehen nun eigentlich nur einen weiteren logischen Schritt.

Das Buch spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Algorithmen – und nicht die Politik – über viele Bereiche des Lebens entscheiden. Deutschland, das von Seuchen und Umweltkatastrophen heimgesucht wurde, befindet sich endlich wieder im Aufschwung. Der Regierungssitz wurde nach Frankfurt verlegt, Berlin dient nur mehr als Kulisse für Touristen. Es scheint eine schöne neue Welt zu sein, die hier entstanden ist. Bloß sollte man keinen zweiten Blick darauf werfen.

Bürgerrechte? Kein Interesse

Die Demokratie, wie wir sie kennen, hat in der jahrzehntelangen Krisenzeit massiv gelitten. Für Bürgerrechte scheint sich niemand mehr zu interessieren. Staatliche Nachrichtenagenturen beherrschen die Medienlandschaft. Unabhängiger Journalismus, dessen Hauptrolle mittlerweile darin besteht, Fake News aufzudecken und den Wahrheitsgehalt der staatlichen Quellen zu hinterfragen, wird von allen Seiten in Verruf gebracht. An investigativen Journalismus ist kaum mehr zu denken. Ohnehin glaubt niemand mehr an die Existenz einer objektiven Wahrheit: “Der Mensch glaubt sowieso nur, was er glauben will”, heißt es an einer Stelle. Das Gesundheitssystem basiert auf schwer nachvollziehbaren Entscheidungen, die eine Software trifft; auf Datenschutz beharrt nur, wer etwas zu verbergen hat. Wer sogenannte Videoblocker verwendet, um die automatische Gesichtserkennung zu verhindern, macht sich verdächtig.

Liina ist Rechercheurin bei Gallus, einem der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenportale. Als sie in die Provinz geschickt wird, um den ungewöhnlichen Fall einer angeblichen Schakal-Attacke zu untersuchen, fühlt sie sich von ihrem Chef ausgebootet. Als dieser kurz darauf bei einem seltsamen Unfall beinahe stirbt, wird Liina aber langsam klar, dass es bei all dem um viel mehr gehen dürfte – und dass auch sie selbst, die vor Jahren eine lebenswichtige Organtransplantation erhalten hat, dabei eine wichtige Rolle spielt.

Die vielseitige Autorin, die auch Bücher von Genre-Größen wie Gerald Seymour und Denise Mina übersetzt hat, als Synchron-Regisseurin sowie als Verlegerin (CulturBooks) tätig ist, hat in “Paradise City” nicht bloß die Handlung in die Zukunft verlegt. Ihr dystopischer Roman lässt sich in keine Schublade stecken. Es mag zwar Thriller auf dem Cover stehen, doch das Buch ist viel mehr als bloße Spannungsliteratur. Es macht nachdenklich und hinterlässt Spuren, Liinas Leidensweg berührt. Becks Stärke liegt darin, diesen nicht voyeuristisch auszuschlachten, sondern Stück für Stück ihre Figur begreifbar zu machen. Puzzleteil für Puzzleteil wird die Persönlichkeit offenbart – inklusive all der Rätsel, die jedem Individuum anhaften, wie gut man es auch zu kennen glaubt.

Apokalypse ohne Helden

Ebenso wie ihrem Kriminalschriftsteller-Kollegen Tom Hillenbrand (“Drohnenland”, “Hologrammatica”, “Qube”) gelingt es Beck perfekt, einen faszinierenden Blick in eine mögliche Zukunft zu werfen. Und ihre Botschaft ist klar: So düster und maschinengetrieben die Welt dann auch sein mag, letztlich zählt doch vor allem die Menschlichkeit.

Auffällig ist, dass neben Liina nahezu alle relevanten Charaktere der fesselnden Geschichte Frauen sind – Beck steht damit im besten Sinne in der Tradition der großartigen Margaret Atwood. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der wichtigste Mann, Liinas Chef, bezeichnenderweise zum Opfer wird. Zoë Beck bestätigt eindrucksvoll: Apokalyptische Szenarien kommen auch ganz gut ohne einsame, schweigsame Cowboys aus.

9 von 10 Punkten

Zoë Beck: “Paradise City”, Suhrkamp Verlag, 281 Seiten.

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Wallace Stroby: Zum Greifen nah

(c) Pendragon Verlag

Mit der Berufsverbrecherin Crissa Stone (“Kalter Schuss ins Herz”, “Fast ein guter Plan”, “Geld ist nicht genug”, “Der Teufel will mehr”) hat US-Krimiautor Wallace Stroby eine Kultfigur erschaffen – ein weibliches Pendant zu zwei echten kriminellen Serien-Größen des Genres: Parker (von Richard Stark) und Wyatt (von Garry Disher).

Noch vor seiner vierteiligen Crissa-Stone-Serie schrieb Stroby aber bereits ein Buch rund um eine weitere starke Frau, die Polizistin Sara Cross. Mit “Zum Greifen nah” liegt der gepflegte Noir nun erstmals auf Deutsch vor. Cross gerät in ein Dilemma, als sie an der Notwehr-Version eines Kollegen (noch dazu ihr Ex-Freund) zu zweifeln beginnt. Eine knifflige Situation, fesselnd zu lesen.

Das Buch ist mehr als nur eine Fingerübung für die spätere Crissa-Stone-Serie. Glaubwürdig schildert Stroby die Zwickmühle, in der Sara steckt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrem manipulativen Ex-Freund, ihrem Vorgesetzten und ihrer Rolle als Mutter eines Sohnes, den sie beschützen will. Jede dieser drei Saras hat eine andere Loyalität. Schon bald ist ihr klar, dass die Suche nach der Wahrheit gefährlich ist. Wie kann sie das Richtige tun?

Fazit: Stroby hat es drauf, egal ob er aus Polizisten- oder Verbrechersicht erzählt. Bleibt zu hoffen, dass der Pendragon-Verlag diesem Autor treu bleibt und uns in den nächsten Jahren noch mehr Stoff liefert.

Wallace Stroby: “Zum Greifen nah”, übersetzt von Bernd Gockel, Pendragon Verlag, 357 Seiten.

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Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

(c) Blumenbar

Oyinkan Braithwaites erstes – drei Zeilen umfassendes Kapitel – von “Meine Schwester, die Serienmörderin” wird sich wohl in Zukunft in zahlreichen Lehrbüchern darüber finden, wie man einen (Kriminal-)Roman perfekt beginnen kann: “Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.” Damit ist die Ausgangssituation klar. Ayoola, Koredes Schwester hat nicht erst einmal gemordet.

Worum es geht? Ayoola ist eine unglaublich schöne Frau, der die Männerwelt zu Füßen liegt. Oder um es in den Worten ihrer Schwester Korede, der Erzählerin, zu sagen: “Sie hat den Körper einer Musikvideo-Sexbombe, einer sündhaften Frau, eines Sukkubus. Er straft ihr engelsgleiches Gesicht Lügen.”

Bloß hat diese Sexbombe eine schlechte Angewohnheit – sie tötet ihre Männer. Wie gut, dass es da ihre Schwester gibt: Die Krankenschwester weiß, wie man Blutspuren und Leichen entfernt. Als sich Tade, ein Arzt in jenem Krankenhaus, in dem Korede arbeitet, auf Anhieb in die bildhübsche Schwester verliebt, wird die Loyalität der Aufräumerin und Aufwischerin auf eine Probe gestellt. Denn sie selbst ist in Tade verliebt.

“Er will bloß ein hübsches Gesicht”

Korede ist überzeugt, dass Tade anders ist. Liebenswürdig und einfühlsam, ein Mann der Kindern gern ein Lied vorsingt. Ayoola sieht das nüchterner: “Er ist nicht tiefgründig. Er will bloß ein hübsches Gesicht. Mehr wollen sie alle nicht.” Wer wird recht haben? Vor allem muss sich Korede aber eine andere Frage stellen: Wie lange will ich meiner mordenden Schwester helfen?

Die nigerianisch-britische Autorin Oyinkan Braithwaite hat eine erfrischende Mischung aus fesselndem Thriller und seziermesserscharfem Gesellschaftsporträt geschrieben. Während sich der Leser auf der einen Seite gut unterhält, bringt sie diesem die patriachalisch geprägte Gesellschaft Nigerias näher. Sie zeigt, wie sich zwei Frauen – auf ihre eigene Art und Weise – gegen diese von Männern dominierte Welt zur Wehr setzen. Nach und nach wird durch Rückblenden in die Kindheit der beiden ihr Handeln erklär- und verstehbar.

Der Autorin ist alles in allem ein beeindruckendes Debüt gelungen. Mit ihrem Buch schaffte es die 32-Jährige auf die Longlist des renommierten “Booker Prize”, zudem wurde es von der “Los Angeles Times” als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Nicht zu unrecht, denn auch mit ihren letzten Sätzen, die bewusst nicht verraten werden sollen, schafft Braithwaite – wie schon beim Einstieg – die perfekte Klammer für diesen außergewöhnlichen Roman.

9 von 10 Punkten

Oyinkan Braithwaite: “Meine Schwester, die Serienmörderin”, übersetzt von Yasemin Dinçer, Blumenbar Verlag, 240 Seiten.

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Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

(c) Ariadne

Dove Carnahan, vor Kurzem 50 Jahre alt geworden, ist Polizeichefin von Buchanan, einem Ort mitten in einer vom exzessiven Kohleabbau zerstörten Landschaft. Als eines Tages die Leiche eines Mädchens in einer glühenden Erdspalte gefunden wird, ist es mit der Beschaulichkeit – in diesem Fall ohnehin eher Trägheit statt Gemütlichkeit – rasch vorbei.

Verwüstet sind hier vor allem die Menschen: Sie sind feindselig, verhärmt und wortkarg. Doch Autorin Tawni O’Dell porträtiert ihre gewöhnungsbedürftigen, oft unsympathischen Figuren ausgewogen. Auch wie sich Frauen in dieser unfreundlichen Welt durchschlagen müssen, wird glaubwürdig thematisiert. “Wenn Engel brennen” überrascht bei allem Realismus allerdings auch mit trockenem Humor und unverhofftem Optimismus.

“Wer auf faszinierende Charaktere steht, wird bei Tawni O’Dell grandios bedient”, schreibt Herausgeberin Else Laudan im Vorwort. Ganz genau.

9 von 10 Punkten

Tawni O’Dell: “Wenn Engel brennen”, übersetzt von Daisy Dunkel, Ariadne Verlag, 352 Seiten.

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Clementine Skorpil: Max Leitner, Ausbrecherkönig

(c) Edition Raetia

Clementine Skorpil kann also nicht nur historische China-Krimis (“Gefallene Blüten”, “Guter Mohn, du schenkst mir Träume”,  Kurztext zu “Langer Marsch”), sondern auch zeitgenössischen Südtirol-True-Crime-Krimi. So könnte man es nach der Lektüre von “Max Leitner, Ausbrecherkönig” formulieren. Vor allem zeigt das Buch aber, wie man Dichtung und Wahrheit perfekt miteinander verbinden kann.

“Max ist nicht tot, aber auch nicht lebendig. Es ist schlimmer als tot sein. Er sitzt im Gefängnis. Lebendig begraben.”

In sein Schicksal gefügt hat sich der erwähnte Max aber nie. Fünfmal ist der mittlerweile 61-jährige Südtiroler aus Gefängnissen ausgebrochen, genauso oft wurde er wieder geschnappt. Fast sein halbes Leben hat er hinter Gittern verbracht. Leitner selbst sieht sich bis heute als ein Justizopfer. Er werde wie ein wildes Tier gejagt, „zu Tode gehetzt“, sagte er 2011 auf der Flucht in einem aufsehenerregenden Video. „Ich habe zwar Banken und Geldtransporter überfallen, jedoch nie einem Menschen ein Haar gekrümmt.“

Der Mythos des Ausbrecherkönigs – Skorpil erliegt ihm nicht, auch weil sie aus zwei Perspektiven erzählt. Sie stellt Max einen fiktiven Antagonisten, den italienischen Staatsanwalt Fabio Pagano, der sich Leitner an die Fersen heftet, gegenüber. Das Buch hat mich dadurch an Paolo Roversis Kriminalromane “Milano Criminale” und “Schwarze Sonne über Mailand” erinnert.

“Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet”

Es ist aber genau diese literarische Freiheit, die den Roman von den unzähligen Das-wahre-Leben-Büchern unterscheidet. Vieles ist erfunden. „Dennoch folgt dieser Roman Max Leitners Spuren, und viele der unglaublichsten Episoden haben sich tatsächlich zugetragen“, schreibt die Autorin im Nachwort. Gemeint sind damit etwa die unvorstellbaren Szenen in der Hecke und der Hundehütte, die über die Lektüre hinaus nachwirken.

Tatsächlich sind es vor allem die im Buch geschilderten schier unglaublichen Katz-und-Maus-Situationen zwischen Leitner und der ihn verfolgenden Polizei, die zeigen, über welch unbändigen Willen dieser widerspenstige Geist in aussichtslosester Lage verfügte. Es ist eine der großen Stärken der Autorin, dass man sich während der Lektüre oft fragt, was denn nun vom Erzählten wirklich geschehen ist – und was nicht.

Ganz nebenbei gewährt Skorpil einen Einblick in das österreichische und italienische Justiz- sowie Gefängniswesen. Bei seiner ersten Verhaftung in Österreich wird Max von der Polizei angeschossen. Als er sich wundert, warum er noch lebt, erklärt ihm ein Polizist, dass Warn- und Streifschüsse sowie Schüsse, „um den Täter unschädlich zu machen, also Knie, Hand et cetera“, zulässig seien. „Aber wenn einer ex geht bei einer Schießerei, hast du nur Scherereien.“ „Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet“, will Max wissen. „Könnte man so sagen“, antwortet der Polizist todernst.

Porträt eines Unbeugsamen

Das Buch liest sich auch als eine Reise durch die Zeit: Anfang der 1990er-Jahre, als Max erstmals verhaftet wird, haben Computer, Internet und Handys noch nicht bis in die verstaubtesten Schreibstuben der Behörden und komplett in den Alltag Einzug gehalten. Skorpil hat zudem ein gutes Gefühl für die kleinen Momente. Die Insassen des Gefängnisses in Stein etwa findet Max widerlich. „Einer hat Prostituierte stranguliert. Aber nein, der wurde vor zwei Jahren entlassen, weil er so schön Gedichte geschrieben hat.“ Gemeint ist Frauenmörder Jack Unterweger.

Herausgekommen ist ein Buch, das Max Leitner nicht als von der Staatsmacht verfolgten Helden verklärt, wie er sich das wohl selbst wünschen würde. Es wurde vielmehr die außergewöhnliche Geschichte eines Unbeugsamen mit all seinen Licht- und Schattenseiten.

9 von 10 Punkten

Clementine Skorpil: “Max Leitner, Ausbrecherkönig”, Edition Raetia, 312 Seiten.

Der Transparenz zuliebe will ich darauf hinweisen, dass Clementine Skorpil und ich den selben Arbeitgeber haben (ohne allerdings zusammenzuarbeiten). Die Qualität ihrer Bücher spricht aber für sich.

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Adrian McKinty: Cold Water

(c) Suhrkamp Nova

Meine Blog-Pause wurde zu einer richtig ausgiebigen Sommerpause. So war das nicht geplant, aber jetzt bin ich mit meinem momentan liebsten Krimiautor wieder zurück.

Eigentlich geht der “katholische Bulle” Sean Duffy in “Cold Water” in die wohlverdiente Altersteilzeit. Mit Frau und Kind zieht er im Jahr 1990 aus dem politisch gebeutelten Nordirland nach Schottland, um nur mehr sieben Tage im Monat für die Polizei im nordirischen Carrickfergus zu arbeiten. Bevor er abtritt, hat Duffy allerdings noch einen letzten Fall zu bearbeiten: Kein anderer Polizist interessiert sich für die verschwundene 15-jährige Kat McAtamney, eine Angehörige der fahrenden Volksgruppe der Tinker. Doch der zwischen Schottland und Nordirland per Fähre pendelnde Duffy lässt nicht locker. Er verbeißt sich in den Fall – zu Recht, denn schon bald deutet alles auf Mord hin.

“Cold Water” ist bereits der siebente Band der Duffy-Reihe, allerdings steht zu befürchten, dass es der endgültige Abschluss der Serie ist. Zwar hat der Autor in seinem Blog grundsätzlich zwei abschließende Duffy-Romane angekündigt, laut Tobias Gohlis könnte die Duffy-Serie aber ein vorzeitiges Ende gefunden haben. Das habe nichts mit inhaltlichen Problemen zu tun, sondern mit der ökonomischen Misere des Autors. Trotz zahlreicher Auszeichungen und der Veröffentlichung in vielen Sprachen konnte McKinty von den Buchverkäufen offenbar seine Familie nicht ernähren. Das wäre natürlich extrem schade.

Allerdings wäre “Cold Water” auch ein würdiger Abschluss: Der Polizist hätte ein letztes Mal einen Blick unter sein Auto geworfen, um zu kontrollieren, ob sich darunter ein Sprengsatz befindet – in jedem einzelnen der Bücher lässt der Autor seine Hauptfigur diese simple Handlung vollziehen und beschreibt damit präzise die paranoide Stimmung eines ganzen Landes – und wäre in den schottischen Sonnenuntergang geschritten. Es wäre nahezu alles über die turbulenten 1980er-Jahre in Nordirland erzählt.

(c) Knaur

Dennoch darf man hoffen. Denn der weltweite Bestseller “The Chain”, der McKinty angeblich eine siebenstellige Summe in die Kasse gespielt hat, könnte es vielleicht doch ermöglichen, dass der Autor seine Duffy-Serie wie ursprünglich geplant mit zwei weiteren Büchern zu Ende bringen kann.

Und ja, ich lese “The Chain” (soeben auf Deutsch erschienen) gerade und werde hier in Kürze berichten, ob dieses Buch nur ein kommerzieller, oder vielleicht doch – bei McKinty wäre es ja eigentlich zu erwarten – auch inhaltlich ein Erfolg ist.

9 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Cold Water”, übersetzt von Peter Torberg, Suhrkamp Nova, 378 Seiten.

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