Ian Rankin: Mädchengrab

(c) Manhattan

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17 John-Rebus-Romane hat der Schotte Ian Rankin geschrieben und sich damit Kultstatus erarbeitet. Der Autor musste seine Figur aber erst nach fünfjähriger Pause wiederauferstehen lassen und den 18. Band seiner Reihe schreiben, ehe ich es nun geschafft habe, mit “Mädchengrab” meine Rankin-Rebus-Premiere zu feiern. Und ich muss zugeben: Ich bin begeistert. Das Buch mag sich zwar nicht genial auflösen, aber ich habe selten ein derart atmosphärisch dichtes Werk gelesen, das auch mit gekonnter Charakterzeichnung auftrumpft. Rankin ist weit weg von der schwedischen Krimi-Tristesse, mit der ich persönlich meine Probleme habe. Da schwingt auch immer wieder feiner Humor einer Art durch, wie ihn wohl wirklich nur Briten haben.

Ein kurzer Exkurs: Besonders hervorheben will ich hier auch die Übersetzerin Conny Lösch, die bereits einige Werke von Don Winslow, aber auch “Crime Machine” von Howard Linskey übersetzt hat. Ich würde sogar sagen: Ein Buch, das Lösch übersetzt hat, kann man eigentlich blind kaufen. Ich habe noch keines gelesen, das nicht gut war. Ich werde daher demnächst hier auch mal einen Beitrag über die Bedeutung von Übersetzern am Beispiel Lösch schreiben.

Nun aber zurück zu Rankin und Rebus. Das Buch ist dem 2011 verstorbenen Folk-Sänger Jackie Leven, einem guten Freund Rankins, gewidmet. Das spiegelt sich auch im Originaltitel “Standing in Another Man’s Grave”, eine Anspielung an einen Levin-Songtitel, wieder. Wenn Rebus am Beginn des Buches am Rand eines Grabes steht, ist das ein wenig wohl auch eine literarische Verbeugung Rankins vor seinem singenden Freund. Übrigens wird sich auch der Titel von Rebus-Roman Nummer 19 – der im November 2013 auf Englisch erscheint – auf einen Song von Levin beziehen: “Saints of the Shadow Bible”.

Zur Handlung: Der ehemalige Detective Inspector John Rebus ist in Rente gegangen. In einer “Cold Case”-Abteilung der Polizei geht er aber ungelösten Fällen nach. So stößt er auch auf den Fall vier verschwundener Mädchen. Im Zuge der Ermittlungen hat Rebus auch mit seiner ehemaligen Kollegin Siobhan Clarke zu tun, die ihm hilft, obwohl sich das für ihre Karriere eher als hinderlich erweist. Ein großer Teil des Charmes des Buches wurzelt in der spannungsgeladenen Beziehung zwischen Rebus und Clarke – Rankin-Fans wissen sicher viel mehr über die Entwicklung und die Geschichte der beiden. Man kann das aber auch ganz gut lesen, ohne die Vorgeschichte zu wissen.

Rankin hat zudem den internen Ermittler Malcolm Fox, der korrupten Polizisten das Handwerk legt, in die Handlung von “Mädchengrab” eingebaut. Nachdem Rankin Rebus in Rente geschickt hatte, erschuf er mit Fox eine neue Figur. Nun führt er diese beiden zusammen. Fox bleibt aber ziemlich farblos, die Sympathien liegen ganz eindeutig bei Rebus.

Rankin hat mit “Mädchengrab” einen packenden Krimi mit viel Lokalkolorit, dichter Atmosphäre und glaubwürdigen Charakteren geschrieben. Das Buch mag zwar nicht sein Meisterwerk sein, aber aus der Krimi-Publikationsflut strahlt es immer noch wie ein Leuchtturm hervor. Für mich steht fest: Das war sicher nicht mein letzter Rankin-Roman und auch nicht mein letzter Rebus-Roman. Da ich Rankin aber noch von anderen Seiten kennenlernen will, habe ich mir “Bis aufs Blut” (geschrieben als Jack Harvey) bestellt. In dem Buch steht ein Killer im Zentrum der Geschichte.

Einziger Kritikpunkt: Das Cover mit dem toten Vogel steht in keinem Zusammenhang mit dem Buch. Ich zitiere dazu aus der Rezension der Krimibuchhandlung Hammett, die es auf den Punkt bringt: “Wieder ein toter kleiner Vogel auf weißem Grund, natürlich noch mit ein paar Blutstropfen drapiert. Warum nur? Warum sind die Covergestalter seit Jahren nur so von diesen Tieren besessen?”

Ian Rankin: “Mädchengrab”, übersetzt von Conny Lösch, Manhattan, 507 Seiten.

8 von 10 Punkten

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