Monthly Archives: July 2013

Gianrico Carofiglio: In der Brandung

(c) Goldmann

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Mein erster Tipp: Nicht Klappen- und Rückentext lesen. Denn da erfährt man schon einen Großteil der Geschichte, die Carofiglio behutsam entwickelt. Da macht sich meine Angewohnheit bezahlt, Verlagstexte lange vor dem Kauf zu lesen. Ich entscheide mich bereits dann, ob mich das Buch interessiert. Wenn ja, habe ich die genauen Details bis zum Lesen meist vergessen.

Worum geht es also? Polizist Roberto Marías geht jeden Montag und Donnerstag zu seinem Psychiater. Fest steht nur, er übt seinen Beruf momentan nicht aus und hat mit den Geistern der Vergangenheit zu kämpfen. Carofiglio nimmt sich für seine Geschichte Zeit. Er erzählt ohne jede Hektik vom Innenleben des Polizisten, der langsam wieder ins normale Leben zurückzufinden versucht.

“Ich rede wie in einem schlechten Film.” (Roberto)

“Das gefällt mir, ich sehe fast nur schlechte Filme.” (Emma)

Genau genommen hat Carofiglio keinen Krimi geschrieben, sondern ein einfühlsames Porträt. Dennoch ist bei mir der Funken nie so richtig übergesprungen. Vielleicht auch weil die Patient-Psychiater-Beziehung einen wesentlichen Teil des Buches einnimmt, gleichzeitig dieser Psychologie-Strang aber ein wenig oberflächlich bleibt. “In der Brandung” ist ein netter Roman für den lauen Sommerabend oder den Urlaub, mehr aber aus meiner Sicht leider auch nicht. Die Dialoge kamen mir manchmal konstruiert und platt vor. Roberto sagt etwa zu Emma, der weiblichen Hauptperson: “Mein Leben ist immer noch ein Chaos, ich versuche, die Trümmer der Vergangenheit hinter mir zu lassen”. Wer spricht wirklich so? Das klingt wie aus einem schlechten Film. Dadurch wirkt alles ein wenig gekünstelt und nicht immer authentisch.

Als ihn der Psychiater gleich zu Beginn des Buches fragt, ob es ihm als Polizist Spaß gemacht habe, jemanden festzunehmen, antwortet Roberto ausschweifend: “So ausgedrückt klingt es tatsächlich nicht schön. Aber es ist wahr. Der echte Bulle – das sind nicht alle Carabinieri, und auch nicht alle Polizisten – lebt für die Festnahme. (…) Wer seinen Beruf liebt, will auch ein Resultat sehen. Und das Resultat unserer Arbeit, da braucht man sich nichts vorzumachen, ist es nun einmal, jemanden hinter Gitter zu bringen.”

Ein klares Ja oder Nein würde glaubwürdiger klingen. Auch die Erklärung “Der echte Bulle lebt für die Festnahme” wäre durchaus authentisch. Durch den – meiner Meinung nach völlig unnötigen – Einschub “das sind nicht alle Carabinieri, und auch nicht alle Polizisten” wird das zunichte gemacht. Das wirkt so, als würde sich der Autor in alle Richtungen absichern wollen.

Fazit: Robertos Schicksal ist mir leider nicht wirklich nahe gegangen, ich blieb während des Lesens immer distanziert zu seinem Charakter. Wer leichtgängige, ruhige Krimis sucht, könnte aber gut bedient werden.

5 von 10 Punkten

Gianrico Carofiglio: “In der Brandung”, übersetzt von Viktoria von Schirach, Goldmann, 285 Seiten.

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Hitzerekorde: Krimi-Tipps zum Abkühlen

(c) Kindler

(c) Kindler

Die brütende Hitze ist kaum auszuhalten. Was kann man da als Leser tun? Zum Beispiel die Schwerpunktausgabe “Meer” der “Presse am Sonntag” lesen. Das birgt aber die Gefahr, dass die Sehnsucht danach zu groß wird. Um bei Krimis zu bleiben, gibt es noch eine Möglichkeit: Entweder man liest etwas nach dem Motto “Im Eis” (zum Abkühlen) oder “Glutzhitze” (denn es geht immer noch schlimmer!). Zufällig gibt es zwei ausgezeichnete Kriminalromane, die genau diese Titel tragen. Ich will sie hier kurz empfehlen, vielleicht ist ja jemandem gerade danach.

“Im Eis” von Melanie McGrath spielt nur ein paar hundert Kilometer unter dem Nordpol. Hauptfigur ist Edie Kiglatuk, Inuk-Frau und Arktis-Jägerin. Der Sunday Telegraph schrieb über das Buch: “Edie ist eine geniale und sehr originelle Figur. Aber die eigentliche Heldin dieses Romans ist die Arktis selbst.” Klingt angesichts der hohen Temperaturen vielversprechend. Und ich will auch noch den ersten Satz als Appetitanreger vorstellen: “Während sie einen Brocken vom Eisberg schmolz, um Tee zu kochen, grübelte Edie Kiglatuk darüber nach, weshalb diese Jagdexpedition so vollkommen erfolglos verlief.” Da fühlt man sich gleich abgekühlt.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

“Gluthitze” von Joe R. Lansdale wiederum führt an einen Ort, an dem es noch viel heißer ist als momentan in Mitteleuropa: Camp Rapture, eine Kleinstadt mitten in Texas. Die Stadt liegt, wie der Titel schon verrät, unter einer Hitzeglocke. Bereits auf Seite eins ist zu lesen: “Der Sonnenschein ergoss sich wie geplatzter Eidotter über Bürgersteige und Gärten, wo er mit seiner heißen Pracht das Gras beinahe wegzubrennen schien. Alles wirkte warm und frisch, selbst die Häuser im ärmeren Teil der Stadt, deren uralter, weißer Außenanstrich sich schälte wie bei einem Sonnenbrand. “ Und da will noch wer jammern?

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Warum ich “Ein deutscher Sommer” nicht lesen werde

(c) Aufbau Verlag

(c) Aufbau Verlag

Immer wieder passiert es mir beim Lesen von ersten Seiten oder Textauszügen, dass ich weiß: Dieses Buch will ich nicht lesen. Soeben war das der Fall. Ich werde “Ein deutscher Sommer” von Peter Henning nicht lesen. Leider, eigentlich hätten alle Zutaten gepasst. Denn Henning schreibt über die Ereignisse des Gladbeck-Geiseldramas vor 25 Jahren. Ich habe diese damals im Alter von 14 Jahren im Fernsehen mitverfolgt. Mein Interesse war also geweckt, als ich kürzlich bei “freitag.de” auf den entsprechenden Buchtipp gestoßen bin.

Doch dann habe ich im Internet einen Textauszug gelesen. Und ein einziger Satz hat ausgereicht, um mein Interesse abrupt zu stillen: Beschrieben wird eine Szene, in der einer der beiden Bankräuber und späteren Geiselnehmer ein Polizeiauto vorbeifahren sieht. “Das Adrenalin, das der Anblick des grün-weiß-lackierten Fahrzeugs in ihm freigesetzt hatte, raste in Millisekunden durch die labyrinthischen Windungen seines Innern und krachte wie ein abgeschossene Flipperkugel, die über Rollovers und durch In- und Out-Lanes jagte, so lange und ruhelos und mit einer solchen Heftigkeit wieder und wieder gegen seine körpereigenen Bumper und Zielscheiben, dass er, der in Tausenden von Spielstunden gestählte Flipperkönig von Gladbeck-Ellenhorst, einen Moment lang glaubte, einen Tilt verursachen und aufstecken zu müssen, um nicht komplett zu überdrehen.”

Das mag literarisch sein, glaubwürdig ist das für mich aber nicht. Angesichts der heiklen Rolle der Medien gerade bei diesem Fall finde ich solche Sätze einfach nicht passend. Nach all dem Lob, das ich über das Buch gefunden habe, bin ich aber froh, eine Rezension entdeckt zu haben, die mir aus der Seele spricht: “Will man dem, der so schreibt, abnehmen, dass er sein Thema ernst nimmt, dass er auf Augenhöhe mit dem Gegenstand operiert?”, fragt Paul Jandl in der “Welt”-Kritik. Ich würde sagen: Nein. Aber letztlich ist das Geschmackssache.

Wer trotzdem mehr über die Geschehnisse von damals wissen will, der kann jedenfals auf “freitag.de” weiterschmökern – dort sind viele brauchbare Informationen und Links gesammelt.

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Patrícia Melo: Leichendieb

(c) Tropen

(c) Tropen

Patrícia Melo hat im Juni und Juli die KrimiZeit-Bestenliste angeführt. Durchaus zu recht, wie ich finde. In meiner ausführlichen Rezension in der “Presse am Sonntag” habe ich auch begründet, warum ich das finde. Nur kurz: Es ist unglaublich, wie viele wahnwitzige Wendungen die Autorin in die Geschichte packt. Zudem entlarvt Melo nicht nur den Erzähler als scheinheiligen Heuchler, sondern kritisiert gleichzeitig auch das flächendeckende korrupte System, das sich in Brasilien ausgebreitet hat. Dieses macht nicht einmal halt vor den Toten. Denn Korruption kennt keine Pietät.

“Eine Leiche ist wie die Black Box eines Flugzeugs. Alles ist in diesem Stück Fleisch aufgezeichnet, du musst dich nur hinsetzen und zuhören können. Dem Verstorbenen. Die Toten sagen die Wahrheit.”

Zur Geschichte: Es ist ein weiter Weg, bis der namenlose Ich-Erzähler zum titelgebenden “Leichendieb” wird. Es beginnt damit, dass er einen Piloten aus einem abgestürzten Flugzeug retten will. Ab dann trifft er aber mit absoluter Sicherheit eine Fehlentscheidung nach der anderen, die aus einem gescheiterten Manager schließlich einen Kriminellen macht.

Besonders interessant fand ich einen Aspekt des Buches. An einer Stelle lässt die Autorin Sulamita, die Freundin des Erzählers, den Vergleich mit Robert L. Stevensons Geschichte “Der Leichenräuber” ziehen. Diese sei eine “abstoßende Geschichte von Menschen ohne jede Moral” gewesen, “die Bettler erstickten und deren Leichen anschließend an Universitäten verkauften”. Aber hinter diesen Taten hätte zumindest ein edles Motiv gestanden: Die Wissenschaft und der Fortschritt.

In diesem Zusammenhang bin ich auf Thomas Wörtches ausgezeichneten Text bei culturmag.de gestoßen. Ich will seine Interpretation hier kurz zitieren, weil ich sie ausgezeichnet finde: “Patrícia Melo inszeniert dieses bewusste Gegenstück zu Robert Louis Stevensons „The Body Snatcher“ als Parcours der allerniedersten Instinkte. Der Leichenraub, der bei Stevenson wenigstens dadurch legitimiert wurde, an den Leichen medizinische Experimente zu Nutz und Frommen der Menschheit durchzuführen, ist bei Melo nur noch Ausdruck von Niedertracht und Indolenz. Und diese Niedertracht ist so peinlich abgefuckt, so selbstgerecht, so voller Rechtfertigungsrhetorik und alibihaftem Selbstekel, dass sie jeder tragischen Größe entbehrt und menschliche Verkommenheit in ihrer ganzen giftig-schwarzen Lächerlichkeit erscheinen lässt.”

7 von 10 Punkten

Patrícia Melo: “Leichendieb”, übersetzt von Barbara Mesquita, Tropen, 203 Seiten.

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Dagger Awards 2013: Eine Nachbetrachtung

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Es gibt meiner Meinung nach zwei herausragende Preise für außergewöhnliche Kriminalliteratur. Im Mai habe ich an dieser Stelle über die Gewinner der “Edgar Awards” geschrieben. Und nun sind am Montagabend die ersten “Dagger Award”-Gewinner bekanntgegeben worden. Den “International Award” teilten sich Fred Vargas (“Die Nacht des Zorns”) und Pierre Lemaitre (“Ich will dich sterben sehen”). Es ist das erste Mal in der Geschichte des Preises, dass es zu einer solchen Teilung kommt. Andrew Taylor hat – zum bereits dritten Mal nach 2001 und 2003 – mit “The Scent of Death” den “Historical Dagger” gewonnen. Der “Diamond Dagger” ging übrigens an Lee Child.

Für mich besonders interessant sind aber immer die Long Lists in den Kategorien “Steel” (Thriller) und “John Creasy” (Newcomer).

Auf der “Steel Dagger”-Longlist finden sich sieben Bücher:

Roger Hobbs for Ghostman (Transworld)
Liz Jensen for The Uninvited (Bloomsbury)
Malcolm Mackay for The Necessary Death of Lewis Winter (Pan Macmillan)
Stuart Neville for Ratlines (Random House)
Mark Oldfield for The Sentinel (Head of Zeus)
Andrew Williams for The Poison Tide (John Murray)
Robert Wilson for Capital Punishment (Orion)

Mein persönlicher Favorit “Ghostman” von Roger Hobbs erscheint übrigens am 22. Juli und befindet sich schon seit längerem auf meiner Leseliste. Liz Jensens Buch ist am 1. Juni unter dem Titel “Die da kommen” erschienen. Robert Wilsons Buch wird unter dem Titel “Stirb für mich” am 19. August in die Buchläden kommen. Von Stuart Neville erscheint am 9. September zwar mit “Racheengel” ebenfalls ein neues Buch – die Vorlage ist aber “Stolen Souls” und nicht “Ratlines”. Von den restlichen Autoren gibt es leider noch keine Erscheinungstermine für deutschsprachige Ausgaben. Bei Malcolm Mackay überlege ich aber bereits seit längerem einfach zum Original zu greifen. Die Nominierung könnte mich jetzt endgültig dazu motivieren.

Auf der “John Creasy”-Longlist finden sich acht Bücher:

Roger Hobbs for Ghostman (Doubleday)
Hanna Jameson for Something You Are (Head of Zeus)
Malcolm Mackay for The Necessary Death of Lewis Winter (Mantle)
Becky Masterman for Rage Against the Dying (Orion)
Derek B Miller for Norwegian by Night (Faber and Faber)
Thomas Mogford for Shadow of the Rock (Bloomsbury)
Michael Russell for The City Of Shadows (Avon)
M D Villiers for City of Blood (Harvill Secker)

Hobbs und Mackay sind also doppelt nominiert – eine echte Ehre für Newcomer. Zu meiner ziemlich frischen Rezension von “Ein seltsamer Ort zum Sterben” von Derek B. Miller (im Juni erschienen) geht es hier. Hanna Jamesons Buch ist bereits im Februar unter dem Titel “Kalter Schmerz” erschienen. Becky Mastermans nominiertes Buch ist im April unter dem Titel “Der stille Sammler” in die Buchläden gelangt. Die Bücher der weiteren Talente sind noch nicht übersetzt worden und meines Wissens auch noch nicht zur Publikation vorgesehen.

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (VII)

(c) Blanvalet

(c) Blanvalet

Nachdem der Juni für mich ein absoluter Wonnemonat war, ist meine Juli-Liste, was Krimi-Neuerscheinungen betrifft, eher kurz. Mein erster Tipp bezieht sich auf ein Buch, von dem ich mir jetzt eigentlich nicht so viel erwarte, dass aber aufgrund seiner Entstehungsgeschichte sehr interessant ist: “Letzte Ruhe” (15. Juli). Geschrieben wurde dieser Krimi von 26 Autoren, darunter Jeffery Deaver, Kathy Reichs und T. Jefferson Parker. Im Vorwort wirbt David Baldacci: “Dieser Roman ist eine echte Besonderheit, weil Krimiautoren oft in sich gekehrte, paranoide und höchst unfreundliche Zeitgenossen sind, wenn es um ihre Arbeit geht.” Hier haben sie sich aber zusammengeschlossen.

Baldacci verweist auch darauf, dass die Geschichte mit einem Paukenschlag beginnt. Ich habe mir daher mal die ersten Zeilen durchgelesen und das klingt schon ziemlich gekonnt spannungserzeugend: “Es gibt immer diesen einen Fall. Diesen einen, der einem nachts den Schlaf raubt. Diesen einen Täter, der davongekommen ist.” Ja, da will man natürlich mehr wissen. Die Qualität der Autoren lässt auf alle Fälle hoffen. Ideal für den Strand!

(c) Goldmann

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Mich persönlich interessiert aber mehr Alice LaPlantes “Ich darf nicht vergessen” (15. Juli). Worum es geht? Ich will diesmal einfach den Verlagstext zitieren, weil der es gut auf den Punkt bringt: Amanda O‘Toole ist ermordet worden. Von ihrer rechten Hand wurden vier Finger fein säuberlich abgetrennt. Für ihre beste Freundin, die Chirurgin Jennifer White, wäre diese Art von Operation ein Kinderspiel. Aber Jennifer leidet an Demenz und weiß nicht mehr, was in der Nacht passierte, als Amanda starb. Immer öfter fehlen Jennifer die Erinnerungen, und immer öfter kann sie nicht einmal mehr sagen, wer sie selbst ist oder wem sie vertrauen kann. Sie will nicht vergessen, aber sollte sie es vielleicht besser?

Das klingt nach einem außergewöhnlichen Krimi. Mal sehen, ob LaPlante den hohen Erwartungen gerecht werden kann.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Buchtipp Nummer drei ist Walter Mosleys “Manhattan Fever” (15. Juli). Ich muss leider zugeben: Mosley ist – obwohl er den Klassiker “Teufel in Blau” geschrieben hat – ein blinder Fleck bei mir. Ich habe von ihm bislang nichts gelesen und angesichts der sich auftürmenden Krimis habe ich die Befürchtung, dass auch diesmal nichts daraus wird. Und vielleicht sollte ich die Leonid-McGill-Reihe auch von vorne starten und nicht mittendrin…

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Derek B. Miller: Ein seltsamer Ort zum Sterben

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Nachdem ich das Cover hier zuletzt bereits gelobt habe, will ich mich nun dem ganzen Buch widmen. Interessant ist schon einmal der ungewöhnliche Weg der Publikation. “Ein seltsamer Ort zum Sterben” erschien zuerst in Norwegen (die Handlung spielt ja auch dort), obwohl es auf Englisch geschrieben wurde. Der Roman wurde von US-Autor Derek B. Miller mehrmals modifiziert. Die englischsprachige Veröffentlichung, nach der auch die deutsche Ausgabe übersetzt wurde, betrachtet er aber als die definitive.

Zum Inhalt: Nach dem Tod seiner Frau ist der 82-jährige Sheldon Horowitz zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er verlässt kaum sein Zimmer und hat viel zu viel Zeit nachzudenken – auch über seinen zu früh gestorbenen Sohn, der als Soldat in Vietnam fiel. Erst als plötzlich eine bedrohte Frau mit ihrem Kind vor seiner Tür steht, erwacht er aus seiner Lethargie. Kurz darauf ist die Frau tot und der alte Mann befindet sich mit dem Buben auf der Flucht. Sein Leben hat wieder einen Sinn: Er muss dieses Kind retten.

Miller hat ein Roadmovie der anderen Art geschrieben. An manchen Stellen wirkt das wie eine Hommage an Mark Twains “Huckleberry Finn”. Unwillkürlich kam mir dabei auch immer wieder Joe R. Lansdales “Dunkle Gewässer” in Erinnerung. Während dieser aber eine blutdurchtränkte Version abgeliefert hat, kann man Millers Interpretation als eine stille bezeichnen. Der Autor schreibt einfühlsam und mit Humor. Eine Stelle im Buch fand ich zum Beispiel sehr witzig: Miller lässt einen der Bösen Hollywood-Filme aufzählen, in denen die Figuren in der Dusche sterben – “aber nie im Schrank”. Dort hat er sich nämlich versteckt. Kurz darauf vergeht ihm aber die Selbstgefälligkeit, denn er war doch nicht so schlau, wie er dachte.

Miller nimmt sich Zeit für die unzähligen Erinnerungen, die Sheldon immer wieder heimsuchen. Sheldon lebt in seiner eigenen Welt, in der Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt. Nicht immer ist klar, was Sheldon wirklich erlebt hat und was sich durch seine Erinnerungen verzerrt hat. Seine verstorbene Frau hat ihn deshalb unter Demenzverdacht gestellt. Folgt man als Leser Sheldons Gedanken, macht das aber einen anderen Eindruck: Es ist so, als würde sich angesichts des nahenden Lebensendes alles Erlebte zu einem Ganzen zusammenfügen. Eigentlich eine tröstliche Vorstellung.

Miller hat neben dem Thema Sterblichkeit aber noch viele andere interessante Aspekte in seine ungewöhnliche Geschichte eingewoben: So kann man “Ein seltsamer Ort zum Sterben” auch als eine Art Anti-Kriegsroman lesen (vor allem die Passagen, die sich mit Sheldons Sohn aber auch seinen eigenen Kriegserfahrungen im Koreakrieg befassen; aber auch die Bösen sind vom Jugoslawien-Krieg traumatisiert bzw. geprägt) und erfährt viel über Norwegen, ein Land fast ohne Juden. Das tut er auf angenehm unaufdringliche Weise, das hemmt aber dennoch manchmal – vor allem zu Beginn – den Lesefluss. Ist man aber erst einmal mit den beiden ungleichen Flüchtigen unterwegs, wird man endgültig in die Geschichte hineingezogen.

7 von 10 Punkten

Derek B. Miller: “Ein seltsamer Ort zum Sterben”, übersetzt von Olaf Roth, Rowohlt Polaris, 416 Seiten.

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