Patrícia Melo: Leichendieb

(c) Tropen

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Patrícia Melo hat im Juni und Juli die KrimiZeit-Bestenliste angeführt. Durchaus zu recht, wie ich finde. In meiner ausführlichen Rezension in der “Presse am Sonntag” habe ich auch begründet, warum ich das finde. Nur kurz: Es ist unglaublich, wie viele wahnwitzige Wendungen die Autorin in die Geschichte packt. Zudem entlarvt Melo nicht nur den Erzähler als scheinheiligen Heuchler, sondern kritisiert gleichzeitig auch das flächendeckende korrupte System, das sich in Brasilien ausgebreitet hat. Dieses macht nicht einmal halt vor den Toten. Denn Korruption kennt keine Pietät.

“Eine Leiche ist wie die Black Box eines Flugzeugs. Alles ist in diesem Stück Fleisch aufgezeichnet, du musst dich nur hinsetzen und zuhören können. Dem Verstorbenen. Die Toten sagen die Wahrheit.”

Zur Geschichte: Es ist ein weiter Weg, bis der namenlose Ich-Erzähler zum titelgebenden “Leichendieb” wird. Es beginnt damit, dass er einen Piloten aus einem abgestürzten Flugzeug retten will. Ab dann trifft er aber mit absoluter Sicherheit eine Fehlentscheidung nach der anderen, die aus einem gescheiterten Manager schließlich einen Kriminellen macht.

Besonders interessant fand ich einen Aspekt des Buches. An einer Stelle lässt die Autorin Sulamita, die Freundin des Erzählers, den Vergleich mit Robert L. Stevensons Geschichte “Der Leichenräuber” ziehen. Diese sei eine “abstoßende Geschichte von Menschen ohne jede Moral” gewesen, “die Bettler erstickten und deren Leichen anschließend an Universitäten verkauften”. Aber hinter diesen Taten hätte zumindest ein edles Motiv gestanden: Die Wissenschaft und der Fortschritt.

In diesem Zusammenhang bin ich auf Thomas Wörtches ausgezeichneten Text bei culturmag.de gestoßen. Ich will seine Interpretation hier kurz zitieren, weil ich sie ausgezeichnet finde: “Patrícia Melo inszeniert dieses bewusste Gegenstück zu Robert Louis Stevensons „The Body Snatcher“ als Parcours der allerniedersten Instinkte. Der Leichenraub, der bei Stevenson wenigstens dadurch legitimiert wurde, an den Leichen medizinische Experimente zu Nutz und Frommen der Menschheit durchzuführen, ist bei Melo nur noch Ausdruck von Niedertracht und Indolenz. Und diese Niedertracht ist so peinlich abgefuckt, so selbstgerecht, so voller Rechtfertigungsrhetorik und alibihaftem Selbstekel, dass sie jeder tragischen Größe entbehrt und menschliche Verkommenheit in ihrer ganzen giftig-schwarzen Lächerlichkeit erscheinen lässt.”

7 von 10 Punkten

Patrícia Melo: “Leichendieb”, übersetzt von Barbara Mesquita, Tropen, 203 Seiten.

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