Monthly Archives: September 2015

Gary Victor: Soro

(c) litradukt

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Gerade erst haben wir uns an die tragischen Ereignisse in New Orleans zehn Jahre nach Hurrikan Katrina erinnert, bei der rund 3000 Menschen ums Leben kamen. James Lee Burkes “Sturm über New Orleans” habe ich hier erst kürzlich empfohlen. Eine andere, noch schlimmere Katastrophe ist hingegen längst in Vergessenheit geraten. Das Erdbeben von Haiti im Jahr 2010, bei dem mehr als 300.000 Menschen getötet wurden. Auf nur 144 Seiten bringt uns Gary Victor in seinem Krimi “Soro” auf eindringliche Weise näher, wie es damals in der Hauptstadt Port au Prince zugegangen sein muss. Allein der Geruch in der Stadt muss furchtbar gewesen sein: “Einige Bürger schmierten sich bereits Zahnpasta unter die Nase, wenn sie auf die Straße gingen, andere hielten sich ein alkoholgetränktes Tuch vor.”

Victor zeigt, dass es bei allem Elend immer wieder Profiteure gibt – eine weitere Parallele zu Burkes Roman. “Das Erdbeben konnte alles verdecken. Und es würde sicher eine Menge Dinge verbergen. Es würde auch einen perfekten Vorwand abgeben, um unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe wahre Vermögen einzusammeln.” Oder auch, um einen perfekten Mord zu planen?

Denn Victor Soro gewährt nicht nur einen seltenen Einblick in Alltag und Seele Haitis, sondern hat auch einen soliden und spannenden Kriminalroman geschrieben, der mit überzeugenden Wendungen aufzuwarten weiß. Inspektor Dieuswalwe Azemar ist ein vom Zuckerrohrschnaps Soro abhängiger, ausgemergelter und wenig vertrauenserweckender Ermittler. Aber er ist eigenwillig und unkorrumpierbar. Azemar erhält von seinem Chef, Kommissar Solon, den Auftrag, im Todesfall von dessen Frau zu ermitteln. Solons Frau kam während des Erdbebens bei einem wilden Liebesakt in einem Hotel ums Leben. Azemar soll nun den Unbekannten finden, mit dem die Frau fremdging. Bloß: Er selbst ist dieser Mann.

Man sieht also: Victor hat hier einige interessante Zutaten zu einer außergewöhnlichen Krimi-Melange zusammengefügt. Von dem Label “Voodoo”-Krimi sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen. Hier geht es nicht wirklich mit übersinnlichen Dingen zu – was in dem Buch passiert, ist allzu irdisch. Der Voodoo-Glaube wird da gern schon einmal instrumentalisiert, um Menschen auf die falsche Fährte zu locken. Fazit: Victors Reise an einen Ort, den man sonst kaum je kennenlernen könnte, ist jede Seite lesenswert. Vor allem das Ende überzeugt.

Was andere schrieben:

“Krekeler killt”: “Es ist ein klarsichtiger Rausch, den Gary Victor da auf engstem und ziemlich eng bedrucktem Raum mit ziemlich stocknüchterner Sprache auserzählt. Von Freundschaft und Verzweiflung handelt die kriminalistische Kapitalnovelle natürlich. Von einem Land, das sich wie Gottes Prügelknabe vorkommen muss.”

“Dunkle Felle”: “Haiti, Voodoo-Krimi, Kleinverlag, „dürres“ Büchlein – nicht abschrecken lassen, denn „Soro“ ist einfach grandios und muss gelesen werden. Eine absolute Kauf- und Leseempfehlung!”

7 von 10 Punkten

Gary Victor: “Soro”, übersetzt von Peter Trier, 144 Seiten, litradukt Verlag.

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Bernhard Aichner: Totenhaus

(c) btb

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“Totenfrau” war zweifellos einer der besten Thriller des Jahres 2014. Der Österreicher Bernhard Aichner bewies damals eindrucksvoll, wie man seinen Bucherfolg kalkulieren kann: Immerhin 100.000 Exemplare hat er verkauft. Mit der Bestatterin Brünhilde Blum, die zum Racheengel wird, erschuf er eine unvergessliche (Anti-)Heldin.

Nun hat Aichner mit “Totenhaus” nachgelegt. Und wieder beweist er, dass das Backen von kleinen Brötchen so gar nicht seines ist. Er fühlt sich nicht im kuscheligen Regionalkrimi zu Hause. Sein Terrain ist der global funktionierende Thriller. Ich bin schon sehr gespannt, ob Aichner nicht ein Wegbereiter für Krimis aus Österreich sein wird. Das Label des skandinavischen Krimis nutzt sich gerade ein wenig ab, vielleicht öffnet sich da schon bald eine Nische für Crime Fiction mit dem Label “Made in Austria”.

Der heimliche Hauptdarsteller ist diesmal ohnehin ein leer stehendes, hunderte Zimmer umfassendes Hotel im Schwarzwald. “Shining” von Stephen King lässt grüßen! Statt einer Rachegeschichte serviert der Autor diesmal einen Psychothriller. Blum muss diesmal untertauchen, nachdem in einem ihrer Särge zwei Leichen auftauchen. Sie befindet sich fortan auf der Flucht. Dass Aichner keine Skrupel hat, maßlos zu übertreiben und der Plot teilweise schon arg konstruiert ist, mindert dennoch den Lesespaß nur geringfügig. Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, funktionieren seine Krimis wunderbar. Das ist Eskapismus in reinster Ausprägung. Ich mag seinen minimalistischen, kühlen Stil. Er hat seinen ganz eigenen Ton gefunden. Da muss er sich auf vor all den namhaften angloamerikanischen Genre-Spezialisten nicht verstecken. Wer allerdings Realismus erwartet, sollte lieber die Finger von Aichners ausgeklügelten Adrenalin-Trips lassen.

Im Vergleich zum Vorgänger fällt “Totenhaus” ein wenig ab, doch die Neugier überwiegt. Ich bin wirklich gespannt: Wie wird Aichner die Trilogie beenden?

Vorbild Sylvester Stallone

In einem “profil”-Artikel bin ich auf eine persönliche Parallele gestoßen: “In der Schule in Sillian wird Aichner oft verprügelt. Er tapeziert sich sein Jugendzimmer mit Sylvester Stallone aus. Underdog-Geschichten interessieren ihn”, steht da zu lesen. Nun wurde ich während der Schulzeit zwar nicht verprügelt, aber heute würde man dazu wohl gemobbt sagen. Auch in meinem Jugendzimmer hing ein Stallone-Poster, Underdog-Geschichten liebe ich seitdem ebenfalls.

Mir gefällt, dass Aichner aus einer nicht einfachen Zeit kreative Kraft geschöpft hat. Laut “Niederösterreicherin” hat er sich in der Folge nämlich Stallone als Vorbild genommen: “Er hatte 1976 das Drehbuch für „Rocky“ geschrieben und große Produktionsfirmen wollten es ihm abkaufen. Aber Stallone hat darauf bestanden, die Hauptrolle zu spielen. Sie boten ihm Unsummen, aber er hat Nein gesagt. Nicht ohne mich. Ich bin zwar nur Bodybuilder und war Darsteller in einem Softporno, aber ich will die Hauptrolle in meinem Film spielen. Dieser Mann hatte also einen Traum. Und egal, was er später für Mist gemacht hat, er glaubte an seinen Traum. Und er wurde belohnt dafür. (…) Im Film wie in der Wirklichkeit war er ein Underdog, der ganz nach oben kam. Dafür habe ich ihn bewundert, das hat mich immer angespornt. Das wollte ich auch.” Tja, es geht eben nichts über Underdog-Geschichten!

7 von 10 Punkten

Bernhard Aichner: “Totenhaus”, 416 Seiten, btb Verlag.

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Lee Child: Der Anhalter

(c) Blanvalet

(c) Blanvalet

Jack Reacher ist wieder – oder besser: noch immer – unterwegs. Sein letztes Abenteuer ist ihm noch im Gesicht anzusehen, weswegen er auch Schwierigkeiten hat, als Anhalter mitgenommen zu werden. Apropos mitnehmen: Mit “Der Anhalter” ist es Autor Lee Child gelungen, mich endlich auf den Jack-Reacher-Lesezug aufspringen zu lassen. Vor rund 15 Jahren war ich von diesem nach der damals enttäuschenden Lektüre von “Sein wahres Gesicht” nach nur einem Stopp gleich wieder abgesprungen. Ein Fehler, wie ich heute erkennen muss. Ich habe daher auch gleich im Urlaub “Way Out” gelesen, das mir noch besser gefallen hat.

Mit dem Einzelgänger Jack Reacher, einem ehemaligen Militärpolizisten, hat Child eine der spannendesten Figuren des modernen Thrillers erfunden. Reacher ist ein Kämpfer für Gerechtigkeit, um jeden Preis. Gesetze gelten für ihn nicht, er lebt nach seinem eigenen Kodex. Er ist nur mit den Sachen unterwegs, die er am Körper trägt. Er hilft Unterdrückten, egal wie aussichtslos die Lage auch sein mag. Und er hat kein Problem, die Bösewichte zu töten.

Die Spannung in “Der Anhalter” entsteht durch die kammerspielartige Situation in jenem Auto, dessen Insassen ihn mitnehmen. Im Auto sitzen zwei Männer und eine Frau. Reacher vermutet in ihnen Arbeitskollegen, doch schon bald wird sich zeigen, dass hier gar nichts ist, wie es scheint. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse und Reacher steckt tief in einer Geschichte, die weit größere Dimensionen annimmt, als man zunächst vermuten möchte.

Child erzählt mit trockenem Humor und klarer, schnörkelloser Sprache. Er schweift nicht aus, sondern treibt seine Geschichten zielgerichtet voran. Fasziniert folgt man der außergewöhnlichen Beobachtungsgabe und weiteren Fähigkeiten Reachers (In “Way Out” schafft es Reacher, jederzeit ohne Uhr die genaue Uhrzeit anzusagen). “Ich bin einfach nur ein Kerl” sagt der fast zwei Meter große Hüne einmal. Dabei ist Reacher alles andere, wie er gerade im vorliegenden Buch beweist. Seinen Ein-Mann-Armee-Auftritt im alten Raketensilo am Schluss des Buches hätte sich Child aus meiner Sicht allerdings sparen können. Thomas Wörtche sieht das aber z.b. in seiner Leichenberg-Kolumne anders: “Die Mechanik des üblichen Shootouts, diesmal in einem alten, verrotteten Raketensilo aus dem Kalten Krieg, die Child nicht mehr besonders zu interessieren scheint, wird kreativ von der Szenerie und der kalten, kristallinen Atmosphäre überlagert.”

Dennoch, ich muss zugeben, Child hat mich voll erwischt. Klar, sehr realistisch ist das alles nicht, aber das macht nichts. Ich werde Jack Reacher bald wieder ein Stück seines endlosen Weges durch Amerika begleiten. Bleibt mir nur die Frage an alle Reacher-Fans: Welchen Teil sollte ich unbedingt lesen?

7 von 10 Punkten

Lee Child: “Der Anhalter”, übersetzt von Wulf Bergner, 445 Seiten, Blanvalet.

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Newton Thornburg: Cutter und Bone

(c) Polar

(c) Polar

“Cutter und Bone” fällt in die Kategorie “Vergessene Krimiklassiker”. Das Buch von US-Autor Newton Thornburg ist im Original 1976 erschienen und wurde bereits einmal ins Deutsche übersetzt. Allerdings in einer gekürzten Version. Doch nun macht es der hier schon viel gelobte Polar Verlag möglich, das einzigartige Werk erstmals in all seinen Facetten genießen zu können. Dank einer ungekürzten Neuübersetzung.

Eines ist garantiert: Das titelgebende Duo Alex Cutter, der einäugige und einarmige Vietnamveteran, sowie Richard Bone, der Frauenheld und ausgestiegene Exmanager, bleiben haften. Das verdankt sich vor allem Thornburgs Stil: Er paart beißenden Humor mit böser Gesellschaftskritik und feinen Dialogen.

“Ich habe mir gerade die Pulsader aufgeschnitten.” – “Mach ein Pflaster drauf”, sagte Bone.

Die beiden Männer schlagen sich mehr schlecht als rechts durchs Leben. Als Bone schließlich Zeuge der Beseitigung einer Leiche wird, stehen die nahezu mittellosen Außenseiter vor der Wahl: zur Polizei gehen oder eine Erpressung wagen? Was folgt, entspricht nicht den Genre-Gepflogenheiten. Mit anderen Worten, hier haben wir ein Buch, das in keine Schublade passt. Gut so!

Das ist kein klassischer “Road-Movie”, kein klassischer Hardboiled, kein klassischer Noir – das ist einfach Thornburg. Thomas Wörtche beschreibt das im Vorwort folgendermaßen: “Cutter und Bone ist ein Solitär, ein Roman, der zwar ‘Maßstäbe’ setzt, wie man ein Thema künstlerisch und intellektuell angeht, die aber für andere Romane, würde man sie abstrahieren und zur Formel gerinnen lassen, nutzlos wären.” Der Roman sei auch schwer zu klonen, da liege der entscheidende Unterschied zu Raymond Chandler und Ross Macdonald.

Was ich besonders genossen haben: Im Gegensatz zu vielen modernen US-Kriminalromanen, denen man einfach anmerkt, dass ihre Autoren durch Creative-Writing-Schulen gegangen sind, liest sich “Cutter und Bone” so erfrischend abseits jeder Art von Formelhaftigkeit. Und sein Buch liest sich auch 40 Jahre nach Entstehen zeitlos, obwohl es auch viel über das Amerika Ende der 1970er Jahre erzählt.

“Das Leben war hässlich und brutal, man lebte es allein, und jede Art von Liebe oder Schönheit, die man währenddessen fand, war rein zufällig und selten von Dauer.”

Die Lektüre dieses Kriminalromans ist auf vielen Ebenen (angenehm) verstörend. Falsch wäre es auch “Cutter und Bone” als Hohelied auf Verlierer zu kategorisieren. Ja, es geht um Menschen am Rande der Gesellschaft – aber eigentlich doch auch um alle Menschen. Um schwer begreifliche Dinge. Wie zum Beispiel um einen perfekten Liebesakt, nach dem letztlich doch alles kaputt und unperfekt ist – und gleichzeitig hat niemand Schuld daran:

“Es war einfach das Leben, mehr nicht, das Unvermögen der Menschen, das zu tun, was sie wollten, und das zu bekommen, was sie wollten. Irgendetwas kam immer dazwischen, irgendein Bedürfnis oder Umstand oder eine Verpflichtung, irgendein erschwerender Faktor, der Arm und Reich gleichermaßen an der Erfüllung hinderte.”

8 von 10 Punkten

Newton Thornburg: “Cutter und Bone”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 367 Seiten.

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Jax Miller: Freedom’s Child

(c) rowohlt polaris

(c) rowohlt polaris

Müsste ich Jax Millers Debütroman “Freedom’s Child” in einem Wort zusammenfassen, würde ich folgendes sagen: Unausgegoren. Teilweise habe ich mich gefragt, ob hier überhaupt ein Lektor drübergelesen hat. Da gibt es einerseits echt feine Passagen – mich persönlich hat etwa der Ausflug der (Anti-)Heldin Freedom Oliver ins Indianergebiet am stärksten beeindruckt. Doch da gibt es andererseits auch viele Unstimmigkeiten.

Zum Inhalt: Freedom Oliver befindet sich im Zeugenschutzprogramm, nachdem sie vor vielen Jahren ihren Mann, noch dazu einen Polizisten, erschossen hat und ihren Schwager ans Messer geliefert hat. Nun wird dieser, Matthew Delaney, aus dem Gefängnis entlassen. Und er und seine Familie haben nur ein Ziel: Freedom Oliver zu töten. Freedom wiederum bricht ihr bisheriges Leben ab, um sich auf die Suche nach ihren beiden mittlerweile erwachsenen Kindern zu machen, die sie in Gefahr befürchtet.

Klingt jetzt nicht ganz neu, aber durchaus vielversprechend. Das erste, was nervt sind die Kapitelanfänge, die meist mit dem Satz “Mein Name ist Freedom” beginnen. Wirklich Sinn macht das nicht. Dann werden die rachsüchtigen Delaneys als die superbösen, vollkommen abstoßenden Primitivlinge beschrieben – das war mir eindeutig zu viel des Guten bzw. in diesem Fall Bösen. Gleichzeitig bricht dieser Delaney-Strang dann aber irgendwann komplett weg und es geht plötzlich nur mehr um eine böse Sekte. Schwarz-weiß ist leider irgendwie Millers Ding. Der einzige Charakter, der nicht eindimensional bleibt, ist der der alkoholsüchtigen Freedom.

Auffällig ist auch die rüde Sprache. Ich habe kein Problem mit Kraftausdrücken, auch am laufenden Band. Aber hier werde ich das Gefühl nicht los, Miller will damit bloß provozieren, Aufmerksamkeit schaffen. Durch die etwas abstruse Handlung gelingt ihr das nicht, also versucht sie es auf anderen Wegen. Bloß wirkt das aufgesetzt, nicht wirklich authentisch.

Ein wenig Licht bringt für mich Marcus Müntefering in die Sache. Er erklärt in seiner wohlwollenden Kritik bei Spiegel Online, wie Miller zum Schreiben kam: “Wie ihre Heldin hat auch Jax Miller ihr Leben lange nicht in den Griff bekommen: die Highschool abgebrochen, Alkohol, Drogen, Obdachlosigkeit. Und wie Freedom brauchte auch Miller einen entscheidenden Anstoß, um einen Neustart zu schaffen. In ihrem Fall war es ein Psychologe, der sie zum Schreiben überredete. Er erkannte und förderte Millers enormes Gespür für Sprache, für bittere Ironie und One-Liner, die pointensicher ins Ziel treffen.”

Schreiben als Therapie also. Naja, ich finde man merkt das leider zwischen den Zeilen. Aber eben nicht so, dass es sich glaubwürdig zusammenfügt. Für mich wirkt es wie ein Stückwerk. In Ansätzen gut, teilweise sehr gut – aber als Gesamtwerkt nur Mittelmaß. Und leider auch ärgerlich, weil handwerklich schwach. Nun kann man sagen, das ist nur ein Debütroman, das muss sich noch einschleifen, hier ist ein großes Talent am Werk. Bloß: Ich kann es nicht erkennen.

Ich empfinde es eigentlich genau so, wie es Sonja auf zeilenkino beschreibt: “Immer mehr Wendungen und neue Schichten sorgen zwar für Kurzweil, aber sie können kaum davon ablenken, dass sich die Traumatisierung der Protagonistin beständig im gleichen rotzigen Verhalten und Sprüchen widerspiegelt. Außerdem sind es letztlich zu viele Haken und Plots, zu ausführliche Charakterisierungen und zu gewolltes Provozieren. Zumal alles zu einem durch und durch konservativen Ende führt, an dem so viel zu gut ausgeht, dass es schmerzt.”

4 von 10 Punkten

Jax Miller: “Freedom’s Child”, übersetzt von Jan Schönherr, 363 Seiten, Rowohlt Polaris.

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KrimiZeit-Bestenliste September: Ein Abgleich

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Noch nie zuvor habe ich so viele Bücher der KrimiZeit-Bestenliste gelesen, wie das bei der aktuellen September-Ausgabe der Fall ist. Sieben von zehn. Wow. Wenig überraschend hat es dabei Friedrich Ani mit “Der namenlose Tag” auf Platz eins geschafft. Für mich ist der Jakob-Franck-Krimi die Erstbegegnung mit diesem hochgepriesenen Autor. Ich habe jetzt gerade einmal ein Viertel absolviert, und ich muss sagen, ich genieße es bislang.

Dror Mishanis “Die Möglichkeit eines Verbrechens” habe ich am Wochenende fertiggelesen. Interessanterweise finde ich, dass sich Mishani und Ani im Stil durchaus ähneln – naja der israelische Autor hat ja auch das “Ani” im Namen 😉 Wer weiß, ob da nicht ein und der selbe Mann dahintersteckt?! Beide sind ruhige und bedächtige Erzähler, das gefällt mir gerade in dieser schnellen, hektischen Zeit. Das liest sich angenehm.

“Cutter und Bone” von Newton Thornburg hat schon etliche Jahre am Buckel, das merkt man diesem vergessenen Krimiklassiker aber nicht an. Er liest sich zeitlos, mehr dazu hier in Kürze.

Über Merle Krögers “Havarie” muss man mittlerweile glaube ich nichts mehr sagen. Wer sich ernsthaft mit der Flüchtlingsproblematik in Europa auseinandersetzt, wird an der Lektüre dieses Buches nicht vorbeikommen.

Petros Markaris “Zurück auf Start” hat mich nicht überzeugt. Das ist leider irgendwie doch immer wieder das Gleiche. Natürlich ist es dennoch lesenswert, vor allem um die Lage in Griechenland besser verstehen zu können – aber Markaris nutzt sich zumindest bei ab.

William Shaws “Kings of London” hingegen hat mich wie schon das Debüt “Abbey Road Murder Song” begeistert. Shaw trifft bei mir einen bestimmten Nerv. Ich folge seinen Geschichten mit großem Respekt. Seine Sympathie für die Figuren, seine feine Charakterzeichnung, das historische Setting, die Dialoge. Ziemlich perfekt. Und das charmante Ermittlerpaar nutzt sich nicht ab.

“Freedom’s Child” von Jax Miller wird hochgelobt und gehypt. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen – ich finde das Buch ziemlich unausgegoren, fast so, als wäre kein Lektor drübergegangen. Aber auch dazu bald in Kürze mehr.

Michael Robothams “Um Leben und Tod” hatte ich eigentlich nicht auf meiner Liste. Irgendwie ist mir dieser Autor bisher vollkommen durchgerutscht. Der Rückentext klingt aber ansprechend, eigentlich könnte das gut passen – wenn da nicht so viele andere Krimis warten würden…

Die Liste im Überblick:

1 (3) Friedrich Ani: Der namenlose Tag
2 (10) Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens
3 (2) Newton Thornburg: Cutter und Bone
4 (-) Andreas Kollender: Kolbe
5 (1) Merle Kröger: Havarie
6 (5) Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman
7 (9) Petros Markaris: Zurück auf Start
8 (-) William Shaw: Kings of London
9 (-) Jax Miller: Freedom’s Child
10 (-) Michael Robotham: Um Leben und Tod

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James Lee Burke: Sturm über New Orleans

sturmueberneworleansVor zehn Jahren zog Hurrikan Katrina über die US-Stadt New Orleans. “Was damals in New Orleans geschah, das war nicht nur eine Naturkatastrophe, das war das größte Versagen einer Regierung, der denkbar größte Verrat an der eigenen Bevölkerung. Es war ein Verbrechen. Eine nationale Schande. Eine Wunde, die in den Geschichtsbüchern auf immer festgehalten bleiben wird”, schreibt James Lee Burke im Vorwort seines im Original bereits 2007 erschienenen Krimis “Sturm über New Orleans”. “Manche sagen, dies sei mein politischstes Buch. Sicher ist es mein wütendstes.”

Ich habe kürzlich in der “Presse am Sonntag” unter dem Titel “New Orleans, Ort nationaler Schande” ausführlich über Burkes Buch geschrieben, hier ein Auszug:

Man spürt auf jeder Seite Burkes Sympathie für die Schwachen der Gesellschaft, die Außenseiter, die Ausgestoßenen. Der Autor glaubt fest daran, dass man selbst in der aussichtslosesten Situation noch die Möglichkeit hat, sich zu ändern. Man hat immer die Wahl. “Sturm über New Orleans” mag nicht Burkes stärkstes Buch der Robicheaux-Serie sein, doch auch hier offenbart sich der Autor als feinfühliger, präziser Erzähler – Wut hin oder her. Burke hat es nicht nötig, den Schrecken von Katrina explizit und voyeuristisch auszuschlachten. Er schafft es mit simplen Sätzen, den Horror begreifbar zu machen: “Falls sich jemandem die Gelegenheit bietet, den Mitschnitt eines Handynotrufs von einem dieser Dachböden zu hören, sollte er so schnell wie möglich weggehen, es sei denn, er will mit Stimmen leben, die ihn den Rest seiner Tage im Schlaf heimsuchen.”

“Polizisten aus New Orleans fuhren mit den Autos der Cadillac-Niederlassung davon.”

“Aber meiner Ansicht nach steht unwiderruflich fest, dass wir mitangesehen haben, wie eine amerikanische Stadt an der Südküste der Vereinigten Staaten zu einem zweiten Bagdad wurde”, sinniert Robicheaux im Epilog.

Burke ist übrigens nicht der einzige US-Krimiautor, der sich der geschundenen Stadt literarisch gewidmet hat. Hervorzuheben sind hier Sara Grans “Stadt der Toten”, Kenneth Abels “Die Flut” und Joy Castros “Tödlicher Sumpf” sowie Dave Eggers “Zeitoun”, obwohl es sich bei Letztem eigentlich um keinen Krimi handelt. Wer sich für New Orleans nach Katrina interessiert, wird auch an der TV-Serie “Treme” nicht herumkommen. Regisseur Andrew Dominik wiederum verlegte 2012 bei der Verfilmung von George V. Higgins Krimiklassiker “Killing Them Softly” (mit Brad Pitt in der Hauptrolle) die Handlung einfach von Boston nach New Orleans. Dominik dachte zuerst eigentlich an die brachliegende Autostadt Detroit, ehe er sich für New Orleans, das im Film mancherorts an Bürgerkriegsgegenden erinnert, entschied.

9 von 10 Punkten

James Lee Burke: “Sturm über New Orleans”, übersetzt von Georg Schmidt, 576 Seiten, Pendragon Verlag.

 

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