Lee Child: Der Anhalter

(c) Blanvalet

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Jack Reacher ist wieder – oder besser: noch immer – unterwegs. Sein letztes Abenteuer ist ihm noch im Gesicht anzusehen, weswegen er auch Schwierigkeiten hat, als Anhalter mitgenommen zu werden. Apropos mitnehmen: Mit “Der Anhalter” ist es Autor Lee Child gelungen, mich endlich auf den Jack-Reacher-Lesezug aufspringen zu lassen. Vor rund 15 Jahren war ich von diesem nach der damals enttäuschenden Lektüre von “Sein wahres Gesicht” nach nur einem Stopp gleich wieder abgesprungen. Ein Fehler, wie ich heute erkennen muss. Ich habe daher auch gleich im Urlaub “Way Out” gelesen, das mir noch besser gefallen hat.

Mit dem Einzelgänger Jack Reacher, einem ehemaligen Militärpolizisten, hat Child eine der spannendesten Figuren des modernen Thrillers erfunden. Reacher ist ein Kämpfer für Gerechtigkeit, um jeden Preis. Gesetze gelten für ihn nicht, er lebt nach seinem eigenen Kodex. Er ist nur mit den Sachen unterwegs, die er am Körper trägt. Er hilft Unterdrückten, egal wie aussichtslos die Lage auch sein mag. Und er hat kein Problem, die Bösewichte zu töten.

Die Spannung in “Der Anhalter” entsteht durch die kammerspielartige Situation in jenem Auto, dessen Insassen ihn mitnehmen. Im Auto sitzen zwei Männer und eine Frau. Reacher vermutet in ihnen Arbeitskollegen, doch schon bald wird sich zeigen, dass hier gar nichts ist, wie es scheint. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse und Reacher steckt tief in einer Geschichte, die weit größere Dimensionen annimmt, als man zunächst vermuten möchte.

Child erzählt mit trockenem Humor und klarer, schnörkelloser Sprache. Er schweift nicht aus, sondern treibt seine Geschichten zielgerichtet voran. Fasziniert folgt man der außergewöhnlichen Beobachtungsgabe und weiteren Fähigkeiten Reachers (In “Way Out” schafft es Reacher, jederzeit ohne Uhr die genaue Uhrzeit anzusagen). “Ich bin einfach nur ein Kerl” sagt der fast zwei Meter große Hüne einmal. Dabei ist Reacher alles andere, wie er gerade im vorliegenden Buch beweist. Seinen Ein-Mann-Armee-Auftritt im alten Raketensilo am Schluss des Buches hätte sich Child aus meiner Sicht allerdings sparen können. Thomas Wörtche sieht das aber z.b. in seiner Leichenberg-Kolumne anders: “Die Mechanik des üblichen Shootouts, diesmal in einem alten, verrotteten Raketensilo aus dem Kalten Krieg, die Child nicht mehr besonders zu interessieren scheint, wird kreativ von der Szenerie und der kalten, kristallinen Atmosphäre überlagert.”

Dennoch, ich muss zugeben, Child hat mich voll erwischt. Klar, sehr realistisch ist das alles nicht, aber das macht nichts. Ich werde Jack Reacher bald wieder ein Stück seines endlosen Weges durch Amerika begleiten. Bleibt mir nur die Frage an alle Reacher-Fans: Welchen Teil sollte ich unbedingt lesen?

7 von 10 Punkten

Lee Child: “Der Anhalter”, übersetzt von Wulf Bergner, 445 Seiten, Blanvalet.

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3 Comments

Filed under Rezensionen

3 responses to “Lee Child: Der Anhalter

  1. Sniper ist gut, Gößenwahn ebenfalls, Die Abschussliste spielt zu seiner Miltärzeit und ist auch sehr gut.

  2. Pingback: Vorschau 2016: Teil 8 | Der Schneemann

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