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Newton Thornburg: Cutter und Bone

(c) Polar

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“Cutter und Bone” fällt in die Kategorie “Vergessene Krimiklassiker”. Das Buch von US-Autor Newton Thornburg ist im Original 1976 erschienen und wurde bereits einmal ins Deutsche übersetzt. Allerdings in einer gekürzten Version. Doch nun macht es der hier schon viel gelobte Polar Verlag möglich, das einzigartige Werk erstmals in all seinen Facetten genießen zu können. Dank einer ungekürzten Neuübersetzung.

Eines ist garantiert: Das titelgebende Duo Alex Cutter, der einäugige und einarmige Vietnamveteran, sowie Richard Bone, der Frauenheld und ausgestiegene Exmanager, bleiben haften. Das verdankt sich vor allem Thornburgs Stil: Er paart beißenden Humor mit böser Gesellschaftskritik und feinen Dialogen.

“Ich habe mir gerade die Pulsader aufgeschnitten.” – “Mach ein Pflaster drauf”, sagte Bone.

Die beiden Männer schlagen sich mehr schlecht als rechts durchs Leben. Als Bone schließlich Zeuge der Beseitigung einer Leiche wird, stehen die nahezu mittellosen Außenseiter vor der Wahl: zur Polizei gehen oder eine Erpressung wagen? Was folgt, entspricht nicht den Genre-Gepflogenheiten. Mit anderen Worten, hier haben wir ein Buch, das in keine Schublade passt. Gut so!

Das ist kein klassischer “Road-Movie”, kein klassischer Hardboiled, kein klassischer Noir – das ist einfach Thornburg. Thomas Wörtche beschreibt das im Vorwort folgendermaßen: “Cutter und Bone ist ein Solitär, ein Roman, der zwar ‘Maßstäbe’ setzt, wie man ein Thema künstlerisch und intellektuell angeht, die aber für andere Romane, würde man sie abstrahieren und zur Formel gerinnen lassen, nutzlos wären.” Der Roman sei auch schwer zu klonen, da liege der entscheidende Unterschied zu Raymond Chandler und Ross Macdonald.

Was ich besonders genossen haben: Im Gegensatz zu vielen modernen US-Kriminalromanen, denen man einfach anmerkt, dass ihre Autoren durch Creative-Writing-Schulen gegangen sind, liest sich “Cutter und Bone” so erfrischend abseits jeder Art von Formelhaftigkeit. Und sein Buch liest sich auch 40 Jahre nach Entstehen zeitlos, obwohl es auch viel über das Amerika Ende der 1970er Jahre erzählt.

“Das Leben war hässlich und brutal, man lebte es allein, und jede Art von Liebe oder Schönheit, die man währenddessen fand, war rein zufällig und selten von Dauer.”

Die Lektüre dieses Kriminalromans ist auf vielen Ebenen (angenehm) verstörend. Falsch wäre es auch “Cutter und Bone” als Hohelied auf Verlierer zu kategorisieren. Ja, es geht um Menschen am Rande der Gesellschaft – aber eigentlich doch auch um alle Menschen. Um schwer begreifliche Dinge. Wie zum Beispiel um einen perfekten Liebesakt, nach dem letztlich doch alles kaputt und unperfekt ist – und gleichzeitig hat niemand Schuld daran:

“Es war einfach das Leben, mehr nicht, das Unvermögen der Menschen, das zu tun, was sie wollten, und das zu bekommen, was sie wollten. Irgendetwas kam immer dazwischen, irgendein Bedürfnis oder Umstand oder eine Verpflichtung, irgendein erschwerender Faktor, der Arm und Reich gleichermaßen an der Erfüllung hinderte.”

8 von 10 Punkten

Newton Thornburg: “Cutter und Bone”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 367 Seiten.

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Krimis, die man 2015 lesen sollte (VI)

(c) Polar

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Hiermit hole ich die – aus meiner persönlichen Sicht – interessantesten Krimi-Neuerscheinungen des Monats Juni nach. Ein Buch ragt dabei für mich heraus: Der in Vergessenheit geratene Krimi-Klassiker “Cutter und Bone” von Newton Thornburg. Ich war schon knapp davor, mir die amerikanische Originalversion zu kaufen, ehe ich vor Monaten begeistert erfuhr, dass ausgerechnet der von mir hochgeschätzte Kleinverlag Polar das Buch nach Jahren endlich wieder auf Deutsch – mit einem Vorwort von Thomas Wörtche – herausbringt.

Der Verlag schreibt: Es gibt keine Garantie für Gerechtigkeit. Santa Barbara in den frühen 1970ern. Richard Bone, der seine Frau und seine Kinder verlassen hat, um sich mit dem Verführen reicher Touristinnen durchs Leben zu schlagen, beobachtet eines Nachts, wie eine Leiche in einem Mülleimer entsorgt wird. Als er am nächsten Tag das Foto des Redneck-Millionärs J.J. Wolfe in der Zeitung sieht, glaubt er, den Mörder wiederzuerkennen. An der Seite seines Freundes Cutter, einem zynischen, versehrten Vietnamveteranen, beginnt die Jagd auf einen Mörder, der sie bis in die Ozarks führen wird.

(c) Heyne Hardcore

(c) Heyne Hardcore

Ebenfalls vielversprechend klingt Jim Thompsons “Südlich vom Himmel”. Das Besondere: Diesmal handelt es sich um eine deutsche Erstausgabe – noch dazu mit einem Nachwort von Friedrich Ani. Ich habe vor 15-20 Jahren “Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen” gelesen und war damals, das muss ich zugeben, wenig angetan. Seitdem – damals steckte ich in einer intensiven Thrillerphase –  hat sich mein Leseverhalten aber ziemlich geändert. Ich möchte Thompson daher unbedingt wieder lesen.

Südlich vom Himmel: Für die einen ist das die Hölle, für andere die harten Ölbohrarbeiten unter der Sonne von Texas. So eine Geschichte erzählt der junge Tommy Burwell, der bei einer Ölgesellschaft anheuert. Für Tommy beginnt eine harsche Zeit, denn sein alter Kumpel Four Trey Whitey setzt ihn für Sprengarbeiten ein. In diesem von hemmungsloser Gewalt geprägten Milieu muss Tommy sich seinen Platz erkämpfen. Er lebt ein Leben in Blut, Schweiß und Tränen. Als die Brüder seiner Freundin Carol planen, die Lohnkasse zu rauben, wird es eng für Tommy …

(c) Blanvalet

(c) Blanvalet

Tja, und dann gibt es dann noch so einen Autor, den ich eigentlich schon abgehakt hatte. Lee Child konnte mich vor Jahren mit “Sein wahres Gesicht” ebenfalls nicht überzeugen. “Der Anhalter”, der 17. nun auf deutsch erschienene Band rund um Kultfigur Jack Reacher, hat mich – ich habe das Buch bereits ausgelesen – wider Erwarten voll gepackt. Ich habe gleich darauf im Urlaub noch einen Reacher (“Way Out”, Band 10) gelesen. Interessanterweise schneidet “Der Anhalter” bei den amazon-Bewertungen so schlecht ab wie kein anderer Reacher-Roman. Ich bin also momentan ein wenig verwirrt: Was kann ich von meinen früheren Urteilen halten? Oder war “Sein wahres Gesicht” einfach schlecht? Und warum hat mich ausgerechnet “Der Anhalter” bei all seinen Schwächen dennoch perfekt unterhalten? Aber dazu bald mehr!

Jack Reacher bemühte sich, harmlos auszusehen, was ihm mit seiner großen, massigen Gestalt und der gebrochenen Nase nicht leicht fiel. Umso dankbarer war er, als endlich ein Auto hielt, um ihn mitzunehmen. Die Frau und die beiden Männer im Wagen waren offensichtlich Kollegen, zumindest schloss Reacher das aus ihrer einheitlichen Kleidung. Er wusste nichts von ihrer Verwicklung in den Mord, der nicht weit entfernt verübt worden war. Für die Insassen des Wagens war Reacher nur eine Möglichkeit, die Polizei von sich abzulenken. Sie ahnten nicht, wer bei ihnen im Auto saß. Schließlich sah Reacher aus wie ein harmloser Anhalter …

(c) Droemer

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Und dann muss ich hier auch noch Don Winslows “Das Kartell” erwähnen, das ich ja zuletzt hier besprochen habe. Aber eine Juni-Liste ohne Winslow erscheint mir irgendwie unvollständig.

Sie waren mal beste Freunde. Aber das ist viele Jahre und unzählige Tote her. Der Drogenfahnder Art Keller tritt nun an, um Adán Barrera, dem mächtigen Drogenboss, für immer das Handwerk zu legen. Er begibt sich auf eine atemlose Jagd und in einen entfesselten Krieg, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse schon längst verschwunden sind: Eine wahrhaft erschütternde, genau recherchierte Geschichte über die mexikanisch-amerikanischen Drogenkriege, über Gier und Korruption, Rache und Gerechtigkeit, Heldenmut und Hinterhältigkeit.

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