Gary Victor: Soro

(c) litradukt

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Gerade erst haben wir uns an die tragischen Ereignisse in New Orleans zehn Jahre nach Hurrikan Katrina erinnert, bei der rund 3000 Menschen ums Leben kamen. James Lee Burkes “Sturm über New Orleans” habe ich hier erst kürzlich empfohlen. Eine andere, noch schlimmere Katastrophe ist hingegen längst in Vergessenheit geraten. Das Erdbeben von Haiti im Jahr 2010, bei dem mehr als 300.000 Menschen getötet wurden. Auf nur 144 Seiten bringt uns Gary Victor in seinem Krimi “Soro” auf eindringliche Weise näher, wie es damals in der Hauptstadt Port au Prince zugegangen sein muss. Allein der Geruch in der Stadt muss furchtbar gewesen sein: “Einige Bürger schmierten sich bereits Zahnpasta unter die Nase, wenn sie auf die Straße gingen, andere hielten sich ein alkoholgetränktes Tuch vor.”

Victor zeigt, dass es bei allem Elend immer wieder Profiteure gibt – eine weitere Parallele zu Burkes Roman. “Das Erdbeben konnte alles verdecken. Und es würde sicher eine Menge Dinge verbergen. Es würde auch einen perfekten Vorwand abgeben, um unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe wahre Vermögen einzusammeln.” Oder auch, um einen perfekten Mord zu planen?

Denn Victor Soro gewährt nicht nur einen seltenen Einblick in Alltag und Seele Haitis, sondern hat auch einen soliden und spannenden Kriminalroman geschrieben, der mit überzeugenden Wendungen aufzuwarten weiß. Inspektor Dieuswalwe Azemar ist ein vom Zuckerrohrschnaps Soro abhängiger, ausgemergelter und wenig vertrauenserweckender Ermittler. Aber er ist eigenwillig und unkorrumpierbar. Azemar erhält von seinem Chef, Kommissar Solon, den Auftrag, im Todesfall von dessen Frau zu ermitteln. Solons Frau kam während des Erdbebens bei einem wilden Liebesakt in einem Hotel ums Leben. Azemar soll nun den Unbekannten finden, mit dem die Frau fremdging. Bloß: Er selbst ist dieser Mann.

Man sieht also: Victor hat hier einige interessante Zutaten zu einer außergewöhnlichen Krimi-Melange zusammengefügt. Von dem Label “Voodoo”-Krimi sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen. Hier geht es nicht wirklich mit übersinnlichen Dingen zu – was in dem Buch passiert, ist allzu irdisch. Der Voodoo-Glaube wird da gern schon einmal instrumentalisiert, um Menschen auf die falsche Fährte zu locken. Fazit: Victors Reise an einen Ort, den man sonst kaum je kennenlernen könnte, ist jede Seite lesenswert. Vor allem das Ende überzeugt.

Was andere schrieben:

“Krekeler killt”: “Es ist ein klarsichtiger Rausch, den Gary Victor da auf engstem und ziemlich eng bedrucktem Raum mit ziemlich stocknüchterner Sprache auserzählt. Von Freundschaft und Verzweiflung handelt die kriminalistische Kapitalnovelle natürlich. Von einem Land, das sich wie Gottes Prügelknabe vorkommen muss.”

“Dunkle Felle”: “Haiti, Voodoo-Krimi, Kleinverlag, „dürres“ Büchlein – nicht abschrecken lassen, denn „Soro“ ist einfach grandios und muss gelesen werden. Eine absolute Kauf- und Leseempfehlung!”

7 von 10 Punkten

Gary Victor: “Soro”, übersetzt von Peter Trier, 144 Seiten, litradukt Verlag.

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