James Lee Burke: Sturm über New Orleans

sturmueberneworleansVor zehn Jahren zog Hurrikan Katrina über die US-Stadt New Orleans. “Was damals in New Orleans geschah, das war nicht nur eine Naturkatastrophe, das war das größte Versagen einer Regierung, der denkbar größte Verrat an der eigenen Bevölkerung. Es war ein Verbrechen. Eine nationale Schande. Eine Wunde, die in den Geschichtsbüchern auf immer festgehalten bleiben wird”, schreibt James Lee Burke im Vorwort seines im Original bereits 2007 erschienenen Krimis “Sturm über New Orleans”. “Manche sagen, dies sei mein politischstes Buch. Sicher ist es mein wütendstes.”

Ich habe kürzlich in der “Presse am Sonntag” unter dem Titel “New Orleans, Ort nationaler Schande” ausführlich über Burkes Buch geschrieben, hier ein Auszug:

Man spürt auf jeder Seite Burkes Sympathie für die Schwachen der Gesellschaft, die Außenseiter, die Ausgestoßenen. Der Autor glaubt fest daran, dass man selbst in der aussichtslosesten Situation noch die Möglichkeit hat, sich zu ändern. Man hat immer die Wahl. “Sturm über New Orleans” mag nicht Burkes stärkstes Buch der Robicheaux-Serie sein, doch auch hier offenbart sich der Autor als feinfühliger, präziser Erzähler – Wut hin oder her. Burke hat es nicht nötig, den Schrecken von Katrina explizit und voyeuristisch auszuschlachten. Er schafft es mit simplen Sätzen, den Horror begreifbar zu machen: “Falls sich jemandem die Gelegenheit bietet, den Mitschnitt eines Handynotrufs von einem dieser Dachböden zu hören, sollte er so schnell wie möglich weggehen, es sei denn, er will mit Stimmen leben, die ihn den Rest seiner Tage im Schlaf heimsuchen.”

“Polizisten aus New Orleans fuhren mit den Autos der Cadillac-Niederlassung davon.”

“Aber meiner Ansicht nach steht unwiderruflich fest, dass wir mitangesehen haben, wie eine amerikanische Stadt an der Südküste der Vereinigten Staaten zu einem zweiten Bagdad wurde”, sinniert Robicheaux im Epilog.

Burke ist übrigens nicht der einzige US-Krimiautor, der sich der geschundenen Stadt literarisch gewidmet hat. Hervorzuheben sind hier Sara Grans “Stadt der Toten”, Kenneth Abels “Die Flut” und Joy Castros “Tödlicher Sumpf” sowie Dave Eggers “Zeitoun”, obwohl es sich bei Letztem eigentlich um keinen Krimi handelt. Wer sich für New Orleans nach Katrina interessiert, wird auch an der TV-Serie “Treme” nicht herumkommen. Regisseur Andrew Dominik wiederum verlegte 2012 bei der Verfilmung von George V. Higgins Krimiklassiker “Killing Them Softly” (mit Brad Pitt in der Hauptrolle) die Handlung einfach von Boston nach New Orleans. Dominik dachte zuerst eigentlich an die brachliegende Autostadt Detroit, ehe er sich für New Orleans, das im Film mancherorts an Bürgerkriegsgegenden erinnert, entschied.

9 von 10 Punkten

James Lee Burke: “Sturm über New Orleans”, übersetzt von Georg Schmidt, 576 Seiten, Pendragon Verlag.

 

Advertisements

Leave a comment

Filed under Rezensionen

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s