Bernhard Aichner: Totenhaus

(c) btb

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“Totenfrau” war zweifellos einer der besten Thriller des Jahres 2014. Der Österreicher Bernhard Aichner bewies damals eindrucksvoll, wie man seinen Bucherfolg kalkulieren kann: Immerhin 100.000 Exemplare hat er verkauft. Mit der Bestatterin Brünhilde Blum, die zum Racheengel wird, erschuf er eine unvergessliche (Anti-)Heldin.

Nun hat Aichner mit “Totenhaus” nachgelegt. Und wieder beweist er, dass das Backen von kleinen Brötchen so gar nicht seines ist. Er fühlt sich nicht im kuscheligen Regionalkrimi zu Hause. Sein Terrain ist der global funktionierende Thriller. Ich bin schon sehr gespannt, ob Aichner nicht ein Wegbereiter für Krimis aus Österreich sein wird. Das Label des skandinavischen Krimis nutzt sich gerade ein wenig ab, vielleicht öffnet sich da schon bald eine Nische für Crime Fiction mit dem Label “Made in Austria”.

Der heimliche Hauptdarsteller ist diesmal ohnehin ein leer stehendes, hunderte Zimmer umfassendes Hotel im Schwarzwald. “Shining” von Stephen King lässt grüßen! Statt einer Rachegeschichte serviert der Autor diesmal einen Psychothriller. Blum muss diesmal untertauchen, nachdem in einem ihrer Särge zwei Leichen auftauchen. Sie befindet sich fortan auf der Flucht. Dass Aichner keine Skrupel hat, maßlos zu übertreiben und der Plot teilweise schon arg konstruiert ist, mindert dennoch den Lesespaß nur geringfügig. Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, funktionieren seine Krimis wunderbar. Das ist Eskapismus in reinster Ausprägung. Ich mag seinen minimalistischen, kühlen Stil. Er hat seinen ganz eigenen Ton gefunden. Da muss er sich auf vor all den namhaften angloamerikanischen Genre-Spezialisten nicht verstecken. Wer allerdings Realismus erwartet, sollte lieber die Finger von Aichners ausgeklügelten Adrenalin-Trips lassen.

Im Vergleich zum Vorgänger fällt “Totenhaus” ein wenig ab, doch die Neugier überwiegt. Ich bin wirklich gespannt: Wie wird Aichner die Trilogie beenden?

Vorbild Sylvester Stallone

In einem “profil”-Artikel bin ich auf eine persönliche Parallele gestoßen: “In der Schule in Sillian wird Aichner oft verprügelt. Er tapeziert sich sein Jugendzimmer mit Sylvester Stallone aus. Underdog-Geschichten interessieren ihn”, steht da zu lesen. Nun wurde ich während der Schulzeit zwar nicht verprügelt, aber heute würde man dazu wohl gemobbt sagen. Auch in meinem Jugendzimmer hing ein Stallone-Poster, Underdog-Geschichten liebe ich seitdem ebenfalls.

Mir gefällt, dass Aichner aus einer nicht einfachen Zeit kreative Kraft geschöpft hat. Laut “Niederösterreicherin” hat er sich in der Folge nämlich Stallone als Vorbild genommen: “Er hatte 1976 das Drehbuch für „Rocky“ geschrieben und große Produktionsfirmen wollten es ihm abkaufen. Aber Stallone hat darauf bestanden, die Hauptrolle zu spielen. Sie boten ihm Unsummen, aber er hat Nein gesagt. Nicht ohne mich. Ich bin zwar nur Bodybuilder und war Darsteller in einem Softporno, aber ich will die Hauptrolle in meinem Film spielen. Dieser Mann hatte also einen Traum. Und egal, was er später für Mist gemacht hat, er glaubte an seinen Traum. Und er wurde belohnt dafür. (…) Im Film wie in der Wirklichkeit war er ein Underdog, der ganz nach oben kam. Dafür habe ich ihn bewundert, das hat mich immer angespornt. Das wollte ich auch.” Tja, es geht eben nichts über Underdog-Geschichten!

7 von 10 Punkten

Bernhard Aichner: “Totenhaus”, 416 Seiten, btb Verlag.

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