Monthly Archives: July 2016

Max Annas: Die Mauer

(c) rororo

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Mit seinem Krimidebüt “Die Farm”, das ich leider verpasst habe, hat der deutsche Autor Max Annas im Vorjahr für eine der großen Überraschungen gesorgt. Das Besondere daran: Sein Roman spielte, wie nun auch “Die Mauer”, in Südafrika. Der Autor hat auch einige Zeit in Südafrika gelebt, weiß also, wovon er spricht.

Nach nur zwei Thrillern hat sich Annas jedenfalls mitten in der deutschsprachigen Krimiszene etabliert. Das ist angesichts seiner beiden dünnen, nur jeweils rund 200 Seiten umfassenden Bücher beachtlich, sagt aber viel über seinen Stil aus: Der Handlungsbogen bei “Die Mauer” umfasst gerade einmal drei Stunden. Annas steigt direkt in die Geschichte ein, erzählt ohne Firlefanz und hält das Tempo bis zum Schluss – Sozialkritik inklusive. Und ich habe es hier schön öfter betont: Ich entwickle gerade ein Faible für kurz gehaltene, schnörkellose und prägnante Krimis.

“Die Mauer” führt die aktuelle KrimiZeit-Bestenliste an. Das Buch heimst eine Lobeshymne nach der anderen ein. Anne Kuhlmeyer lobt das Buch im “culturmag”: “Wie schon in seinem preisgekrönten Debüt ‘Die Farm’, dampft der Autor Rassismus, Bosheit, Gier und Gewalt auf wenige Augenblicke in begrenztem Raum ein. Gehetzt und getrieben kann man sich den Wendungen, die oft genug an der Mauer aufprallen, nicht entziehen, und bleibt ohne Aussicht auf Rettung und Befreiung durch einen göttlich geführten Exodus.” Auch Elmar Krekeler schwärmt in seiner “Welt”-Kolumne: “‘Die Mauer’ ist der schlackenloseste Thriller, der zur Zeit zu haben ist. Schnell, hart und gefährlich. Ein Gepard in Buchform.”

Stimmt. Dennoch hat mir irgendetwas gefehlt, um mich restlos zu begeistern. Der Krimi ist flüssig erzählt, immer spannend und auch fein gezeichnete Charaktere. Aber ein wenig hatte ich das Gefühl, nicht wirklich tiefer einzutauchen, nur an der Oberfläche zu bleiben. Die scheinbar sinnlose Explosion von Gewalt gegen Ende der Geschichte mag für Südafrika typisch sein, war für mich aber in dieser Intensität nicht ganz nachvollziehbar. Dramaturgisch ist diese Schlüsselszene aber fein gelöst.

Mir wurde da ein wenig zu viel hineingepackt, hinter diese Mauern dieser Gated Community. Das, was Krekeler ausdrücklich lobt – “Man kann zwei Regalmeter Literatur über Südafrika lesen. Oder zwei Romane von Max Annas. Der Erkenntniseffekt ist ungefähr derselbe. Letzteres geht schneller. Und macht deutlich mehr Spaß” – war mir einfach ein bisschen zu viel. Aber egal, Annas bereichert die deutschsprachige Krimilandschaft auf jeden Fall. Ich bin schon sehr gespannt auf seinen nächsten Krimi.

7 von 10 Punkten

Max Annas: “Die Mauer”, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 223 Seiten, 12,40 Euro

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Candice Fox: Hades

(c) Suhrkamp

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2016 ist bisher ein sehr gutes Krimijahr. Ausnahmen bestätigen die Regel, heißt es. Tja, bei “Hades” handelt es sich für mich um einen solchen Ausreißer.

Dabei ist “Hades” der Auftakt einer hochgelobten Krimitrilogie, die bereits im September mit “Eden” ihre Fortsetzung finden wird. Mit Verwunderung habe ich daher auch zur Kenntnis genommen, dass es das Buch auf Platz sieben der aktuellen KrimiZeit-Bestenliste geschafft hat. Warum nur?

Aber beginnen wir damit, worum es geht: Hades ist ein mächtiger Unterweltboss in Sydney, der vor vielen Jahren zwei Kinder vor dem sicheren Tod gerettet hat. Nun sind die Geschwister erwachsen und versehen ihren Dienst bei der Polizei.

Hier möchte ich gleich einhaken: Wer meint, dass das an den Haaren herbeigezogen klingt, hat recht. Teilweise habe ich fassungslos weitergeblättert, weil ich es gar nicht glauben konnte.

Konkret lässt sich das an drei Punkten festmachen. Die Figuren funktionieren aus meiner Sicht überhaupt nicht. Das sind einfach keine lebensechten Charaktere, ich habe keinen Draht zu ihnen gefunden. Das beginnt schon bei dem unsympathischen Ich-Erzähler Frank, betrifft aber vor allem die drei Hauptfiguren Hades sowie Eden und Eric Archer. Alle drei sind mehr oder weniger Psychopathen. Wenn wenigstens Ironie wie bei Ken Bruen an Bord wäre – aber nein, Fehlanzeige.

Die Handlung ist unglaubwürdig. Zwei wohlbehütete Kinder, die Grausames ansehen müssen und denen Furchtbares angetan wird, geraten in die Obhut des Unterweltbosses von Sydney. Dieser wird dann ihr Lehrer, der diese beiden durch und durch psychisch kranken Kinder in den Dienst der Allgemeinheit zwingt, indem er sie zur Polizei schickt. Puuh, echt jetzt? Klingt ein bissl nach “Departed”.

Gewalt dient der Effekthascherei. Man könnte diese Geschichte auch anders erzählen, aber es geht wohl vor allem darum für Gänsehaut zu sorgen, Tabus zu brechen und Gewalt als Stilmittel einzusetzen. Früher hat mich das nicht so gestört, doch angesichts der Gewalt, die uns nun schon fast tagtäglich heimsucht, habe ich keinen Bedarf an zusätzlichen Gewaltphantasien.

Hier zeigt sich meiner Meinung nach gut, was passiert, wenn der Plot zu absurd ist: Das killt schlicht die Spannung. Irgendwann hat mich das alles nicht mehr interessiert, ich war genervt und ich habe das Buch nur mehr fertiggelesen, in der Hoffnung, ich könnte meine Meinung noch durch irgendeine geniale Wendung ändern.

Vielleicht tue ich dem Buch ja unrecht, aber ich fand einfach keinen Zugang. Zumindest bin ich nicht der einzige, dem es so ergangen ist. “Wortgestalt” spricht mir aus der Seele: “Was mag da wohl kommen, dachte ich mir, so eine schöne Ausgangssituation, es geht um Rache, Vergeltung, Gerechtigkeitsdefinitionen, alles nicht unbekannt, aber voller Optionen! Dabei blieb es dann aber auch. Bei den Optionen. Groß genutzt wurden keine.” Auch der “Schneemann” bricht in keine Begeisterungsstürme aus, ihm gelingt es aber, sich mit dem Buch zu versöhnen.

Ich finde aber, man deutet da einfach zu viel hinein. Ich kann nicht erkennen, dass Fox ein geniales Spiel mit Versatzstücken treibt. Sie nimmt sich mal von da und mal von dort. Ich finde das in diesem konkreten Fall nicht gelungen, es wirkt billig. Aber letztlich ist das ja auch alles legitim. Fox will Bücher verkaufen und das soll sie auch. Nur werde ich zumindest diese Trilogie nicht weiterlesen. Ich finde im Interview, das Alf Mayer mit der Autorin geführt hat, wird ganz gut klar, wie dieses Buch entstanden ist. Da sagt sie: “Ich schrieb, was ich wollte, ob ich nun veröffentlicht würde oder nicht. In dieser Phase trotziger innerer Freiheit entstand ‘Hades’ – und es zu schreiben war ein großer, glorioser Spaß.” Das glaube ich ihr. Nach über 200 Ablehnungen muss das ein erhabenes Gefühl sein, das ich ihr absolut gönne.

Ich bin ohnehin überzeugt, dass diese Trilogie ihre Leser finden wird. Für Fans wilder Serienkiller- oder Horror-Thriller ist das wohl das gefundene Lesevergnügen – und vermutlich wird sogar ein Hollywood-Vielteiler daraus. Aber für mich ist das Kapitel erledigt.

2 von 10 Punkten

Candice Fox: “Hades”, übersetzt von Anke Caroline Burger, Suhrkamp, 343 Seiten, 15,50 Euro.

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Krimis, die man 2016 lesen sollte (VI)

(c) Heyne

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Denise Minas “Das Vergessen” konnte mich im Vorjahr überzeugen. Auch “Die tote Stunde” (seit 13. Juni im Handel), der Mittelteil einer Trilogie, klingt vielversprechend – ich weiß bloß noch nicht, wann ich Zeit dafür haben werde. “Ein Roman, der von seiner dickköpfigen Heldin lebt”, schreibt darüber Marcus Müntefering auf “Spiegel Online”.

Der Verlag schreibt: Als die Journalistin Paddy Meehan einer häuslichen Auseinandersetzung nachgeht, öffnet ihr ein gut gekleideter Mann. Er versichert, dass alles in Ordnung sei. Bevor er die Tür wieder schließt, steckt er Paddy Geld zu. Tatsächlich wurde die Frau gefoltert und starb noch in dieser Nacht. Paddy bleiben nur wenige Tage, um die Wahrheit herauszufinden, bevor die Zeitung von der Bestechung erfährt und die Polizei die Ermittlungen aus ganz eigenen Gründen einstellt. Einzig Paddy lässt der düstere und grausame Fall nicht los, dessen Aufklärung einen Karrieresprung für sie bedeuten könnte – oder aber ihren Tod.

(c) Suhrkamp

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In den 1970er Jahren wurde “Die drei Tage des Condors” mit Robert Redford in der Hauptrolle zu einem Filmerfolg. Der Film basierte auf dem gleichnamigen Buch des Autors James Grady, der nun seinen Condor mit “Die letzten Tage des Condor” (seit 13. Juni) wiederauferstehen lässt und in die Jetztzeit transportiert. Und wieder schwärmt Marcus: “Er schafft es, gleichermaßen old school und absolut auf der Höhe der Zeit zu sein.”

Ronald Malcolm alias Vin alias Condor ist zurück. Der einstige Whistleblower und spätere Top-Agent hatte die letzten Jahre in einem Irrenhaus der CIA verbracht und arbeitet jetzt in der Library of Congress in Washington. Routinemäßig wird er von der inzwischen neu gegründeten Homeland Security überprüft. Als einer deren Agenten tot in Condors Wohnzimmer gefunden wird, scheinen alle Geheimdienste hinter ihm her zu sein. Manche davon so geheim, dass niemand weiß, wer oder was sie überhaupt sind. Washington verwandelt sich in einen kafkaesken Bau, ständig von neuester Technologie überwacht. Nichts ist mehr harmlos, nichts ist unschuldig, nichts durchsichtig. Geschossen wird sofort und ohne Rücksicht auf Verluste. Der Condor und die CIA-Agentin Faye Dozier versuchen sich in Sicherheit zu bringen, aber vor wem eigentlich?

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Auf Paolo Roversis “Schwarze Sonne über Mailand” (seit 17. Juni) bin ich ganz besonders gespannt. 2013 hat mich sein Krimi “Milano Criminale” zwar nicht so ganz begeistert, aber das Buch ist irgendwie haften geblieben – immer wieder muss ich daran denken. Das passiert mir sehr selten. Es kann also nicht so schlecht gewesen sein. Und ich stehe im Moment auch total auf Retro-Krimis dieser Art, die ein Stück in der Vergangenheit spielen.

Im Mailand der 1980er Jahre versuchen drei Gangster, die norditalienische Metropole in ihre Hand zu bekommen: der sizilianische Kleinganove Ebale, genannt Catanese, der als Dealer von endlos gestrecktem Koks anfängt. Faccia d’Angelo, der nach einem Banküberfall zum skrupellosen Bordell- und Glücksspielkönig aufsteigt. Und der blutjunge Roberto, der bei einem Raubüberfall einen Polizeibeamten tötet. Kommissar Antonio Sarti, ein junger Familienvater, setzt alles daran, den dreien das Handwerk zu legen. Und da alle drei Gangster im selben Teich fischen, ist es unausweichlich, dass ihr Aufstieg Rivalität und tödlichen Verrat mit sich bringt.

diegejagtenSeit ich im Vorjahr “Der Anhalter” gelesen habe, bin ich ein großer Fan von Lee Child bzw. seiner Kultfigur Jack Reacher. Seine Thriller mögen literarisch nicht besonders hochwertig sein, doch sie sind schlicht die perfekte Unterhaltung – ideal für den Sommerurlaub. Ein Muss für heiße Tage. Ach ja, und aus “Die Gejagten” (seit 27. Juni) wird im Herbst ein Film mit Tom Cruise: Ich gehöre zwar zu den wenigen, die Cruise durchaus mögen, aber als Jack Reacher ist er einfach eine glatte Fehlbesetzung. Also besser lesen als ins Kino gehen.

Jack Reacher betritt den Stützpunkt seiner ehemaligen Einheit bei der Militärpolizei, und ahnt nicht, was ihm bevorsteht. Er ist nach Virginia gereist, um seine Nachfolgerin Major Susan Turner kennenzulernen. Doch wenig später wird klar, was für ein großer Fehler es war, einen Militärstützpunkt zu betreten. Denn wie jeder ehemalige Soldat der USA ist Reacher Reservist. Prompt erhält er seinen Einberufungsbefehl und wird außerdem des Mordes angeklagt und verhaftet. Reacher gelingt die Flucht aus dem Gefängnis, doch seine wichtigste Frage bleibt zunächst ungeklärt: Wer versucht ihn auf diese Weise kaltzustellen?

 

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Joakim Zanders Thrillerdebüt “Der Schwimmer” war mehr als solide. Nun legt er mit “Der Bruder” (seit 27. Juni) nach. Mal sehen, ob der Schwede sein Niveau halten kann.

Yasmine Ajam ist ihrer Vergangenheit und der rauen Stockholmer Trabantenstadt Bergort entflohen, sie arbeitet als Trendscout in New York. Doch eine alarmierende Nachricht lässt sie nach Jahren zurückkehren: Ihr jüngerer Bruder Fadi wird vermisst, angeblich ist er tot. Und in den Straßen der Vorstadt droht die Gewalt zu eskalieren – Autos brennen, Schlägertrupps sind unterwegs. Hat Fadis Verschwinden damit zu tun? Yasmine gibt die Hoffnung nicht auf, ihren Bruder lebend zu finden. Klara Walldéen forscht in London für eine renommierte Menschenrechtsorganisation. Im Vorfeld einer internationalen Sicherheitskonferenz wird ihr Computer gestohlen, kurz darauf kommt ein Kollege zu Tode. Dass ihre Arbeit brisant ist, weiß Klara. Aber wer könnte bereit sein, dafür töten? Die Spuren führen nach Schweden. In Stockholm begegnen sich die jungen Frauen: Beide auf der Suche nach der Wahrheit. Beide in höchster Gefahr.

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Ross Thomas: Porkchoppers

(c) Alexander Verlag Berlin

(c) Alexander Verlag Berlin

Ross Thomas hat “Porkchoppers” bereits vor über 40 Jahren, im Jahr 1972, geschrieben. Ein Jahr später erschien das Buch unter dem Titel “Wahlparole: Mord” auf Deutsch. Die Ullstein-Ausgabe umfasste 132 Seiten, wurde also im Vergleich zu den 246 Seiten des Originals erheblich verschlankt – in den 1970er Jahren war das offenbar nicht unüblich. Ich würde das als grobe Misshandlung des Buch von Thomas bezeichnen. Umso erfreulicher, dass nun endlich eine dem Werk entsprechende Übersetzung in voller Länge vorliegt. Vielen Dank, Alexander Verlag Berlin! Und Danke auch dem Übersetzer Jochen Stremmel.

Ich habe “Wahlparole: Mord” vor vielen Jahren selbst gelesen. Und ich war damals enttäuscht, habe in der Folge die Finger von dem Autor gelassen, habe ihn für mich abgehakt. Damals wusste ich nicht von dieser Vorgehensweise der Verlage. Unglaublich, dass man so etwas guten Gewissens machen konnte. Denn ein derart verstümmeltes Buch kann niemals jene Wucht entfalten, die “Porkchoppers” stellenweise entwickelt. Es liest sich ein wenig wie ein frühes “House of Cards” – nicht auf Ebene der US-Präsidentschaft, aber eben auf Gewerkschaftsebene.

Das Buch, sein zehntes, ist übrigens das erste, das Thomas nicht aus der Ich-Perspektiver erzählt, wie im Nachwort erklärt wird. Man kann beim Lesen gut erkennen, wie sehr der Autor das genossen hat, kann er sich doch selbstaufgelegter Schranken entledigen. Immer wieder ist es ein Genuß, zu lesen, was der eine über den anderen denkt. Und der andere über den einen. Der Gewerkschaftswahlkampf wird so aus allen möglichen Blickwinkeln beleuchtet. Es ist eine kleine Studie der erlaubten und nichterlaubten miesen Tricks, der sichtbaren und unsichtbaren Geldgeber im Hintergrund – nur eben in unterhaltsamer Romanform. Lesenswert und zeitlos.

8 von 10 Punkten

Ross Thomas: “Porkchoppers”, übersetzt von Jochen Stremmel, 309 Seiten, Alexander Berlin Verlag.

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