Monthly Archives: June 2016

Thomas Reverdy: Die Verflüchtigten

(c) Berlin Verlag

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In “Die Verflüchtigten” kommt zwar ein Privatdetektiv vor, Kriminalroman ist das aber keiner. Vielmehr handelt es sich um ein Buch, das die Gegensätze von Japan und der westlichen Welt herausarbeitet – wieder einmal aus westlicher Sicht, aber auf sehr einfühlsame und respektvolle Weise. Sein “japanischer Roman” sei Zeugnis seiner Begegnungen mit dieser Kultur, “dir mir noch immer in vielerlei Hinsicht fremd ist”, schreibt Reverdy im Nachwort.

Im Zentrum der Geschichte stehen die titelgebenden Verflüchtigten, die sogenannten johatsu. Das sind Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, von einem Tag auf den anderen verschwinden. Sie nehmen keinen Kontakt mehr zu ihren Familien auf, oft auch um sie dadurch zu schützen. Einer von ihnen ist Kaze. Dessen Tochter, die seit Jahren in den USA lebt, kehrt daher in ihre Heimat zurück, mit ihrem Ex-Freund, einem Privatdetektiv. Dieser soll ihr bei der Suche helfen. Tatsächlich macht er aber viele erniedrigende Erfahrungen, kann sich in dem so fremden Land kaum zurechtfinden. “In Japan war man auf einmal Analphabet”, heißt es da. Bis zehn zu zählen ist etwa nicht so leicht, wie man sich das vorstellen mag:

“Die Zahlen – oder vielmehr die entsprechenden Wörter – änderten sich je nachdem, ob es sich um runde oder flache Gegenstände handelte, um Menschen, um Kinder, um kleine oder große, fliegende, kriechende oder schwimmende Tiere, um Maschinen, Röhren oder Quadrate. Das machte ein gut Dutzend Arten, bis zehn zu zählen.”

Reverdy zeigt eindrucksvoll, wer von der Natur- und Atomkatastrophe in Fukushima profitierte. Unter anderem die Mafia, die Yakuza, die nach ersten Gerüchten über Plünderungen und Vergewaltigungen die Ordnung im Katastrophengebiet wieder herstellte. Entsandte die Polizei 30 Beamte, stellte die Yakuza 960 “Männer fürs Grobe” ab: “Die Yakuzu hatte ihre historische Rolle als Schutzmacht der Nation wieder übernommen und ließ sich dafür von den patriotischen Magazinen der extremen Rechten feiern.”

Besonders nach Fukushima verschwinden viele Männer. Die Überlebenden haben alles verloren. Selbst wenn nicht, müssen sie für ihre Häuser, die keinen Wert mehr besitzen, hohe Kredite abzahlen. Um ihre Familien zu entschulden, wählen manche Männer diesen ehrenvollen Weg des Verschwindens. Viele Verflüchtigte müssen sich als Taglöhner im Katastrophengebiet verdingen, um über die Runden zu kommen. “Manche arbeiten auch direkt im Atomkraftwerk, und das für den Stundenlohn einer Teilzeit-Aushilfe bei McDonald’s in Tokio.”

Es ist keine schöne Seite Japans, die Reverdy zeigt. Er tut das aber nicht mit anklagendem Ton. Er zeigt bloß auf, wie wenig wir wissen über Fukushima und was danach passierte. Er zeigt, wie die Menschen dort ums Überleben kämpfen, wenn die Öffentlichkeit sich nicht mehr dafür interessiert. Er schildert aber nicht nur gut recherchierte Fakten, sondern webt in seine Fiktion auch immer wieder kapitelweise Imaginäres ein. Das bremst zwar immer wieder, macht aber Japan besser begreifbar.

Besonders beeindruckt hat mich das Kapitel “Der japanische Ödipus”. Darin erklärt, Reverdy, dass in Japan ein Kind bis zum Alter von sechs oder acht Jahren bei der Mutter schläft:

“Mann und Frau gibt es nicht mehr, die Eltern schlafen nicht mehr im selben Bett. Das Kind verschmilzt körperlich mit der Mutter. Der Vater geht arbeiten und bringt das Geld nach Hause, sonst nichts. Er ist eine Art Fremder, dem man allen Respekt bezeugt. Verstehst du? Das heißt, du musst ihn nicht einmal töten, um mit deiner Mutter zu schlafen.”

Alles in allem ein faszinierendes Buch, das einen faszinierenden Einblick in das Post-Fukushima-Japan bietet. Ein wichtiges Buch auch, damit sich die Geschehnisse von Fukushima und deren Folgen nicht einfach verflüchtigen.

7 von 10 Punkten

Thomas Reverdy: “Die Verflüchtigten”, übersetzt von Brigitte Große, 320 Seiten, Berlin Verlag.

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Krimi-EM: England wird Europameister

(c) Tropen

(c) Tropen

Meine Kollegin Doris Kraus hatte die Idee, anlässlich der Fußball-EM die europäischen Krimi-Auswahlen gegeneinander antreten zu lassen: “Fred gegen die All-Stars aus dem Norden”. Mit anderen Worten, Frankreich hätte mit Fred Vargas an der Spitze gute Chancen auf den Sieg.

Ich habe diese Idee zum Anlass genommen, um eine fiktive Krimi-EM zu veranstalten. Ich habe mir die sechs EM-Gruppen hergenommen und streng objektiv – also nach meinem persönlichen Krimi-Geschmack 😉 – die jeweiligen Gruppenersten- und zweiten aufsteigen lassen, sowie die drei besten Gruppendritten.

Die Achtelfinalpaarungen sehen demnach folgendermaßen aus:

  • Schweiz – Deutschland
  • Spanien – Schweden
  • England -Kroatien
  • Österreich – Italien
  • Nordirland – Portugal
  • Irland – Türkei
  • Frankreich – Ukraine
  • Russland – Island

Der Sieg Deutschlands im Achtelfinale gegen die Schweiz erklärt sich aus einer simplen Tatsache: Die Mannschaft, nicht der Einzelne zählt. Das ist auch der Grund für den nordischen Favoriten-Sieg gegen die Fußball-Macht Spanien. Das Team aus Schweden beherrscht das mörderische Tackling wie keine andere Mannschaft. England, das Mutterland des Fußballs ist auch das Mutterland des klassischen Krimis, das muss auch Kroatien neidlos anerkennen. Für eine der großen Überraschungen des Turniers sorgt das Team aus Österreich, das mit schrägen Einlagen für eine der größten Sensationen dieser EM sorgt. Das “Gurkerl” (vom Tunneln ist hier die Rede ;-)) zwei Minuten vor Schluss wird in die Geschichte eingehen. Nordirlands Ausnahme-Stürmer Adrian McKinty hat einen guten Tag und schießt Portugal mit einem Triple-Pack vom Platz. Irland wiederum hat seinen Aufstieg dem perfekten Doppelpass-Spiel seines genialen Duos Ken Bruen und Gene Kerrigan zu verdanken. Frankreichs Sieg überrascht kaum jemanden, der Sieg Islands durch ein Elfmeter-Tor von Arnaldur Indridason umso mehr.

Die Viertelfinale-Partien lauten daher:

  • Deutschland – Schweden
  • England – Österreich
  • Nordirland – Irland
  • Frankreich – Island

Deutschland hat die Schweden im Griff – das mag auch dem frühen Treffer durch Jan Costin Wagner gelegen haben, dem deutsch-nordischen Experten schlechthin. Österreich, hoch ambitioniert, muss erkennen, dass gegen England mit Howard Linskey, Oliver Harris und vor allem gegen den im Abschluss eiskalten Tom Wood kein Kraut gewachsen ist. Das irische Bruderduell endet mit der nächsten großen Überraschung: Adrian McKinty spielt weiter in Höchstform, er allein fixiert den Sieg Nordirlands. Frankreich ist für Island zu stark, da hilft auch der Führungstreffer durch Indridason nicht.

Die Semifinal-Spiele:

  • Deutschland – England
  • Nordirland – Frankreich

Deutschland scheitert erst im Elfmeterschießen an England. Wieder ist es Wood, der im entscheidenden Moment trifft. Der Mann hat keine Nerven. Nordirland mauert sich nach dem Führungstor durch McKinty kurz vor der Pause eine Halbzeit lang ein. Die hoch favorisierten Franzosen scheitern nach einem unbelohnten Sturmlauf Mal für Mal.

Das Finale:

  • England – Nordirland

Im Finale ist dann für Außenseiter Nordirland nichts zu holen. Der Ball läuft nahezu ungestoppt durch die englischen Reihen. Das Team ist traumhaft eingespielt, auf allen Positionen perfekt besetzt. Dennoch dauert es bis zur 78. Minute ehe Philip Kerr (ja ich weiß, er ist gebürtiger Schotte ;-)) mit einem heftig umstrittenen Schuss endlich für England trifft. Wieder wird, wie einst bei Diego Maradona, von der “Hand Gottes” die Rede sein. McKinty bleibt da nur der schwache Trost, unangefochten Torschützenkönig zu werden.

Entschuldigt bitte diesen ungewöhnlichen Ausflug in die Welt des Kriminalromans, aber mir war einfach gerade danach. Das nennt man dann wohl EM-Fieber…

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Krimis, die man 2016 lesen sollte (V)

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Ich mag australische Krimis, nicht zuletzt wegen Garry Disher. Nun gibt es die Möglichkeit mit Candice Fox eine Krimiautorin kennenzulernen. “Hades” (seit 8. Mai im Handel) soll dabei nur der Auftakt einer Trilogie (“Eden” soll bereits im September erscheinen) sein.

Der Verlag schreibt: Hades ist der ›Herr der Unterwelt‹ von Sydney. Er weiß alles über das Verbrechen in seiner Stadt, denn auf seiner gigantischen Müllhalde entsorgt er gegen Honorar Menschen, die gewaltsam zu Tode gekommen sind. Dieses Schicksal hätten auch beinahe die Kleinkinder Eden und Eric geteilt, die man bei Hades deponiert hat. Aber die beiden leben noch. Sie wachsen bei Hades auf und werden Top-Cops bei der Mordkommission von Sydney. Das ist jedoch nur ihr eines Gesicht, ihr eines Konzept von »Gerechtigkeit«. Denn schließlich hat Hades Eden und Eric erzogen.

(c) Heyne Hardcore

(c) Heyne Hardcore

Nachdem ich den kürzlich erschienenen Dave-Robicheaux-Krimi ausgelassen habe, möchte ich “Fremdes Land” (9. Mai) von James Lee Burke keinesfalls auslassen. Schon allein das historische Setting – das Buch spielt 1934 und in den Jahren danach – macht mich neugierig. Und ehrlich: Was soll bei Burke schon schiefgehen?

Texas im Jahr 1934: Weldon Holland fristet in der ländlichen Ödnis ein perspektivloses Dasein. Einzig das Gangsterpärchen Bonnie und Clyde, das nach einem Bankraub auf dem Grundstück campiert, durchbricht die Monotonie. Zehn Jahre später überlebt Weldon als Leutnant nur knapp die Ardennenoffensive und rettet die jüdische Kriegsgefangene Rosita Lowenstein vor dem Tod. Zurück in Texas steigt er ins boomende Ölgeschäft ein, wo er bald in ein gefährliches Spiel aus Intrigen, Korruption und Machtstreben verwickelt wird.

(c) Manhattan

(c) Manhattan

Auch Ian Rankin ist eine sichere Nummer. “Das Gesetz des Sterbens” (16. Mai) ist bereits Band 20 um Kultermittler John Rebus. Ich habe Rankin und Rebus erst sehr spät mit Band 18, “Mädchengrab”, kennengelernt – und ich war damals wirklich begeistert.

Detective Inspector Siobhan Clarke untersucht den Tod eines Edinburgher Anwalts, der von einem Einbrecher in seiner Wohnung getötet wurde. Doch der Fall wird rätselhaft, als man eine anonyme Botschaft an den Anwalt findet: “Ich bringe dich um für das, was du getan hast.” Dieselbe Botschaft hat auch Edinburghs Unterweltgröße Big Ger Cafferty erhalten, kurz bevor auf ihn geschossen wird. Cafferty bleibt unverletzt, schweigt aber über mögliche Feinde. Schließlich bittet Clarke den kürzlich in den Ruhestand versetzten John Rebus um Hilfe. Er ist der Einzige, mit dem Cafferty zu sprechen bereit ist. Steckt hinter den Taten ein Verbrecherclan aus Glasgow? Dem geht DI Malcolm Fox nach, während Rebus eine andere Spur verfolgt. Die führt ihn in Edinburghs Vergangenheit, zu einem Haus, in dem Schreckliches geschehen ist …

(c) rororo

(c) rororo

Das gefeierte Krimidebüt “Die Farm” von Max Annas hatte ich leider verpasst. Ich habe aber soeben “Die Mauer” (21. Mai) zu lesen begonnen und ich habe schon nach wenigen Seiten das Gefühl, ich werde auch sein Erstlingswerk bald nachholen. Ein Deutscher, der südafrikanische Krimis schreibt – das mag ungewöhnlich sein, doch Annas lebte offenbar viele Jahre in Südafrika.

Moses möchte nur eins: Nach Hause. Raus aus der sengenden Hitze, raus aus dem verlassenen Vorort, in dem gerade sein alter Toyota liegen geblieben ist. Zu Freundin Sandi und einem kühlen Bier. Aber die Straßen sind wie leergefegt, niemand ist in Sicht. Moses hofft, in der nahe gelegenen Gated Community Hilfe zu finden. Dort, in der Welt der Weißen, ist schließlich alles geregelt. Doch: Dort drinnen ist er erst recht ein Außenseiter. Und er begeht einen Fehler …  Zur selben Zeit sind auch Nozipho und Thembi innerhalb der Mauern unterwegs, sie verdienen ihren Unterhalt mit Diebstählen. Was sie nicht wissen: Ausgerechnet in dem Haus, in dem sie Beute zu machen hoffen, wurde gerade erst ein weit größeres Verbrechen verübt.

(c) rororo

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David Ignatius konnte mich mit seinen Spionage-Thrillern “Der Mann, der niemals lebte” und “Der Deal” richtig überzeugen. Nun liegt endlich sein neuestes Werk vor: “Ein neuer Feind” (21. Mai) liegt schon ganz weit oben auf meinem Bücherstapel.

Ein Hackerangriff auf das Herz der amerikanischen Verteidigung: Die CIA. Der neue CIA-Direktor Graham Weber will die Geheimdienstbehörde grundlegend reformieren. Denn sie ist während der Kriege in Nahost, durch Foltervorwürfe und die Snowden-Enthüllungen in Misskredit geraten. Dem universellen Überwachungswahn steht Weber kritisch gegenüber. Da tritt das Worst-Case-Szenario ein: Die CIA wird Opfer eines Hackerangriffs. Ein junger Schweizer will die Behörde warnen. Doch bevor er Angaben zu den Drahtziehern machen kann, ist er tot. Und Weber ahnt, dass es sich bei dem Mörder nur um einen Insider handeln kann. Einen Feind in den eigenen Reihen.

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