Category Archives: Rezensionen

Daumen rauf oder Daumen runter?

Lawrence Osborne: Welch schöne Tiere wir sind

(c) Piper

Naomi ist die Tochter eines wohlhabenden englischen Kunstsammlers, die wie jedes Jahr den Sommer auf der griechischen Insel Hydra verbringt. Der Insel-Idylle, auch Fadesse genannt, kann sie sich erst entziehen, als sie sich mit Sam, einer Amerikanerin, anfreundet. Als die beiden eines Tages beschließen, einem gestrandeten syrischen Flüchtling zu helfen, setzen sie eine fatale Kettenreaktion in Gang.

Der Brite Lawrence Osborne erzählt in “Welch schöne Tiere wird sind” kühl von unbedachten Handlungen, die unvorstellbare Folgen nach sich ziehen. Gesellschaftsstudie und Krimi in einem – perfekt für den Urlaub. Aber halt leider auch nicht mehr. Denn so richtig wollte der Funken bei mir nicht überspringen. Man fühlt sich unweigerlich an Patricia Highsmith und “Der talentierte Mr. Ripley” erinnert, was mich aber eher störte.

Das eigentliche Problem bringt Tobias Gohlis auf den Punkt: “Die Tragödie im Mittelmeer produziert willige Spielzeuge für, so gesehen, läppische Kriminalintrigen.” Es liest sich irgendwie konstruiert, inszeniert: Das Bild der idyllischen Insel, auf der plötzlich ein Flüchtling landet. Das belebt die Phantasien der beiden Mädchen (oder wohl eher des Autors). Es wirkt nicht echt, sondern so, als wäre es ein cooles Setting für eine Geschichte, der es letztlich an Empathie mangelt.

Also wie gesagt, eine ideale Urlaubslektüre, aber allzu viel darüber nachdenken sollte man dann auch wieder nicht.

6 von 10 Punkten

Lawrence Osborne: “Welch schöne Tiere wir sind”, übersetzt von: Stephan Kleiner, Piper, 336 Seiten.

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Adrian McKinty: Cold Water

(c) Suhrkamp Nova

Meine Blog-Pause wurde zu einer richtig ausgiebigen Sommerpause. So war das nicht geplant, aber jetzt bin ich mit meinem momentan liebsten Krimiautor wieder zurück.

Eigentlich geht der “katholische Bulle” Sean Duffy in “Cold Water” in die wohlverdiente Altersteilzeit. Mit Frau und Kind zieht er im Jahr 1990 aus dem politisch gebeutelten Nordirland nach Schottland, um nur mehr sieben Tage im Monat für die Polizei im nordirischen Carrickfergus zu arbeiten. Bevor er abtritt, hat Duffy allerdings noch einen letzten Fall zu bearbeiten: Kein anderer Polizist interessiert sich für die verschwundene 15-jährige Kat McAtamney, eine Angehörige der fahrenden Volksgruppe der Tinker. Doch der zwischen Schottland und Nordirland per Fähre pendelnde Duffy lässt nicht locker. Er verbeißt sich in den Fall – zu Recht, denn schon bald deutet alles auf Mord hin.

“Cold Water” ist bereits der siebente Band der Duffy-Reihe, allerdings steht zu befürchten, dass es der endgültige Abschluss der Serie ist. Zwar hat der Autor in seinem Blog grundsätzlich zwei abschließende Duffy-Romane angekündigt, laut Tobias Gohlis könnte die Duffy-Serie aber ein vorzeitiges Ende gefunden haben. Das habe nichts mit inhaltlichen Problemen zu tun, sondern mit der ökonomischen Misere des Autors. Trotz zahlreicher Auszeichungen und der Veröffentlichung in vielen Sprachen konnte McKinty von den Buchverkäufen offenbar seine Familie nicht ernähren. Das wäre natürlich extrem schade.

Allerdings wäre “Cold Water” auch ein würdiger Abschluss: Der Polizist hätte ein letztes Mal einen Blick unter sein Auto geworfen, um zu kontrollieren, ob sich darunter ein Sprengsatz befindet – in jedem einzelnen der Bücher lässt der Autor seine Hauptfigur diese simple Handlung vollziehen und beschreibt damit präzise die paranoide Stimmung eines ganzen Landes – und wäre in den schottischen Sonnenuntergang geschritten. Es wäre nahezu alles über die turbulenten 1980er-Jahre in Nordirland erzählt.

(c) Knaur

Dennoch darf man hoffen. Denn der weltweite Bestseller “The Chain”, der McKinty angeblich eine siebenstellige Summe in die Kasse gespielt hat, könnte es vielleicht doch ermöglichen, dass der Autor seine Duffy-Serie wie ursprünglich geplant mit zwei weiteren Büchern zu Ende bringen kann.

Und ja, ich lese “The Chain” (soeben auf Deutsch erschienen) gerade und werde hier in Kürze berichten, ob dieses Buch nur ein kommerzieller, oder vielleicht doch – bei McKinty wäre es ja eigentlich zu erwarten – auch inhaltlich ein Erfolg ist.

9 von 10 Punkten

Adrian McKinty: “Cold Water”, übersetzt von Peter Torberg, Suhrkamp Nova, 378 Seiten.

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André Georgi: Die letzte Terroristin

Ein Krimi über die RAF? Interessiert das überhaupt noch irgendjemanden? Das habe ich mir vor der Lektüre gedacht. Wer ebenso denkt und zweifelt, der sollte unbedingt “Die letzte Terroristin” lesen. Es zahlt sich aus.

Bereits 2015 befasste sich “Tatort”-Drehbuchautor André Georgi in seinem Debüt, “Tribunal”, mit einem politischen Thema: Es ging damals um einen serbischen Kriegsverbrecher, dem der Prozess gemacht werden sollte. War sein erstes Buch in Ansätzen außergewöhnlich, kann der Autor das Niveau diesmal über die volle Länge halten.

Er erzählt eine spannende Geschichte, hat aber darüber hinaus ein wunderbares Auge für all die kleinen Dinge, die das Menschsein ausmachen. Großartig.

Die Verfilmung: Besser nicht ansehen

Weniger großartig war allerdings der auf dem Buch basierende ZDF-Zweiteiler “Der Mordanschlag”. Zwar hat Georgi hier offenbar auch das Drehbuch verfasst, aber was im Buch so wunderbar lebendig, so berührend ist – im Fernsehen ist davon leider nichts zu spüren. Das wirkt nur hölzern und kommt gar nicht rüber. Sehr schade. Also Finger weg davon und die Seiten aufgeschlagen!

10 von 10 Punkten

André Georgi: “Die letzte Terroristin”, Suhrkamp Verlag, 362 Seiten.

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Attica Locke: Bluebird, Bluebird

(c) Polar Verlag

“Bluebird, Bluebird” hat im Vorjahr den renommierten “Edgar Award” für den besten Kriminalroman gewonnen und auch den “Steel Dagger Award” für den besten Thriller eingeheimst. Auch auf der Krimi-Bestenliste stand das Buch im Februar und März an der Spitze. Alles nur ein Hype oder eine politisch korrekte Angelegenheit? Keinesfalls. Attica Lockes Kriminalroman ist ein texanischer Heimatroman im besten Sinne. Er macht den alltäglichen Rassismus in den USA spürbar, ohne auf simple politische Botschaften zurückzugreifen.

Schauplatz der Geschichte ist der fiktive texanische Ort Lark, Einwohnerzahl 178. Es ist eine Gegend, in der Cafés noch Namen wie “Kay’s Kountry Kitchen” tragen, eine unverblümte Anspielung an die Initialien des Ku Klux Klan. Das Auftauchen der Leiche eines schwarzen Mannes wird hier eher als Randnotiz wahrgenommen. Als kurz darauf eine junge, weiße Frau aufgefunden wird, sind sich die einheimischen Schwarzen im lokalen Café Geneva’s sicher: “Sie verschwenden keinen Gedanken mehr an den Mann. Nicht, wenn ein weißes Mädchen tot aufgefunden wird.”

Einem ist es nicht egal: Dem schwarzen Texas Ranger Darren Mathews, der rassistische Motive hinter den Taten vermutet und zu ermitteln beginnt, obwohl ihm dazu die Berechtigung fehlt. Er stößt auf eine Mauer des Schweigens, offene Feindseligkeit und allgegenwärtiges Misstrauen – egal welcher Hautfarbe seine Gesprächspartner sind.

Autorin Attica Locke hat aus diesem brisanten Stoff eine einfühlsame und ungeschönte Geschichte gemacht, die auch eine unerwartete Liebeserklärung an Texas ist: Als die urban verwurzelte Witwe des toten Mannes Darren Mathews verständnislos fragt, wie er in diesem Bundesstaat leben könne, antwortet dieser: “Das ist auch mein Grund und Boden, mein Staat, mein Land, und ich laufe nicht davon.”

Locke hat ihren Roman übrigens fertiggestellt, bevor Donald Trump Präsident wurde. Sie beschreibt also Zustände im Obama-Amerika.

9 von 10 Punkten

Attica Locke: “Bluebird, Bluebird”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 329 Seiten.

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James Sallis: Willnot

(c) Liebeskind

Es ist immer wieder eine Freude, wenn einer der besten Kriminalschriftsteller der Welt ein neues Buch herausbringt. US-Autor James Sallis ist ein Meister des Minimalismus. In der Würze liegt die Kürze – wenn jemand diesen Spruch kriminalliterarisch perfekt umzusetzen weiß, dann er. Doch wer diesmal einen kurzen, aber vielschichtigen Kriminalroman erwartet, wird enttäuscht sein.

Zwar wird in der titelgebenden Kleinstadt Willnot eine Grube voller Leichen entdeckt, doch damit enden Handlung und Spannungsbogen eigentlich auch schon wieder. “Willnot” ist vielmehr eine philosophische Betrachtung, ein Porträt einer Kleinstadt in den USA. Es eignet sich als Zitatesammlung besser als Krimi.

Ein Beispiel:

“Was passiert denn so im Herzen Amerikas?” – “Mais. Das gute Leben der Fünfziger. Mit einer gelegentlichen Schulschießerei oder einem schicken Massenmord.”

auch schön, gleich darauf:

“Und einige wirklich feine Menschen.” – “Feine Menschen gibt es überall.” – “Sie wären entsetzt, wenn Sie wüssten, wie lange ich gebraucht habe, um das zu begreifen.”

Das Fazit: gutes Buch ja, Krimi nein. Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass der Autor mit seinem Buch derzeit die genrerelevante Krimi-Bestenliste anführt. Und ich habe normalerweise wirklich kein Problem mit einer großzügigen Auslegung, was ein Kriminalroman ist. Ich habe schon ein bisschen gezweifelt, ob das nur an mir liegt, aber dann bin ich auf Gunnar Wolters  Rezension auf “Kaliber.17” gestoßen. Er sieht das ziemlich ähnlich: “Ich denke, wer von vornherein weiß, dass er hier eher etwas Existentialistisches als einen Thriller zu erwarten hat, kann sich besser auf diesen Roman einlassen.”

Da dies ein Krimiblog ist:

5 von 10 Punkten (als normaler Roman: 8 von 10)

James Sallis: “Willnot”, übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt, Liebeskind, 240 Seiten.

 

 

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Mick Herron: Slow Horses

(c) Diogenes

Sie werden “Slow Horses” genannt, die ausrangierten MI5-Agenten, die im Slough House, einer unscheinbaren Außenstelle des britischen Geheimdienstes in London, ihr Dasein fristen. Hier versammeln sich all die Gescheiterten und Verstoßenen, deren Karrieren mehr als nur einen kleinen Knick erlitten haben. Als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und seine Enthauptung live im Internet übertragen werden soll, wittern die Außenseiter ihre Chance – an ihrer Spitze der uncharismatische, dickbäuchige, aber mit allen Wassern gewaschene Jackson Lamb.

Der britische Autor Mick Herron hat daraus keinen reißerischen Thriller mit vielen skurrilen Charakteren (wie zuletzt Sophie Hénaff in “Kommando Abstellgleis” durchaus gewitzt) gemacht. Im Gegenteil, er nimmt sich viel Zeit, um diese Existenzen und ihren tristen Alltag zu porträtieren. Von Glanz und Glamour keine Spur. Charakterstudie statt kniffliger Spionage. Aber man sollte sich von den ersten 200 Seiten nicht täuschen lassen, denn Herron führt die Leser in die Irre.

Was folgt, ist ein Spionageroman mit vielen Wendungen und noch mehr Charme. Die Uhr tickt. Nicht jeder scheint zu sein, wer er ist. Der Autor lässt die Leser an einem raffinierten Ränkespiel innerhalb des Geheimdienstes teilhaben, bei dem das eigentlich zu befreiende Opfer schon bald zur Nebensache wird. Mit “Slow Horses” beweist Herron eindrucksvoll, dass der klassische Spionageroman lebt – auch ohne technologischen Firlefanz.

Das vorliegende Buch ist übrigens der Auftakt zu einer vielfach ausgezeichneten Serie. Im Herbst soll Teil zwei auf Deutsch erscheinen.

8 von 10 Punkten

Mick Herron: “Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb”, übersetzt von Stefanie Schäfer, Diogenes-Verlag, 472 Seiten.

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Un-Su Kim: Die Plotter

(c) Europaverlag

Der größte – und einzige – Schwachpunkt des Roman “Die Plotter”? Die unpassende Etikettierung als Thriller! Spannung hat das Buch zwar reichlich zu bieten, aber für einen fiebrigen Pageturner ist der Aufbau zu langsam.

Das tut der Begeisterung für diesen Roman aber keinen Abbruch und beginnt schon mit dem Cover, auf dem Blutspritzer stilisiert sind, die sich bis über die Seiten ausbreiten. Neugierige Blicke bei der U-Bahn-Fahrt sind sicher, wie der Selbsttest gezeigt hat. Aber der südkoreanische Autor Un-Su Kim weiß auch innerhalb der Buchdeckel zu überzeugen. Seine Hauptfigur Raeseng wird dem Leser unweigerlich sympathisch, auch wenn er einem unsympathischen Beruf nachgeht: Er ist Auftragsmörder.

(c) Europaverlag

Großgezogen wurde Raeseng von Old Raccoon, der aus seiner Bibliothek heraus eine Art Killerfabrik verwaltet. Jahrzehntelang wurden alle politisch motivierten Morde über diese „Library of Dogs“ abgewickelt. Raeseng ist ein Teil dieser gut funktionierenden Tötungsmaschine, doch irgendwann begeht er den Kardinalfehler aller Killer. Er beginnt, zu fühlen und nachzudenken.

Un-Su Kim hat daraus einen stellenweise fast schon poetischen Roman gemacht, der ganz nebenbei auch die Gesellschaft in Südkorea porträtiert. Der Autor erzeugt durch gekonnt eingestreute, märchenhafte Sequenzen immer wieder schöne Bilder im Kopf des Lesers. Viel mehr kann ein guter (Kriminal-)Roman nicht leisten.

8 von 10 Punkten

Un-Su Kim: Die Plotter, übersetzt von Rainer Schmidt, 360 Seiten, Europaverlag.

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