Category Archives: Rezensionen

Daumen rauf oder Daumen runter?

Robert Pobi: Manhattan Fire

Es ist eigentlich ein unmöglicher Schuss: Mit höchster Präzision tötet ein Scharfschütze mitten in New York City einen FBI-Agenten – noch dazu, während ein Blizzard die Stadt heimsucht. Deshalb wird Lucas Page, brillanter Ballistiker und Ex-Kollege des Toten, herangezogen, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Mit der Figur Lucas Page hat Autor Robert Pobi eine Figur erschaffen, die ein Fixpunkt des Krimigenres werden könnte. Der körperlich Versehrte verfügt über ein unglaubliches Talent räumlicher Wahrnehmung und kann Tatorte “lesen”. Er ist eine Art “Tatortflüsterer”.

Die ungewöhnliche Familiensituation der Hauptfigur verleiht der Lektüre darüber hinaus einen besonderen Reiz. Page und seine Frau kümmern sich um Kinder, die das US-Sozialsystem ausgespuckt hat. Es ist eine sympathisch unperfekte – um nicht zu sagen: chaotische – Familiensituation. Kaum wo werden die Werte der Familie so betont wie in den USA. Da kann man diese Konstellation durchaus als Kritik verstehen.

Besonders spannend fand ich es auch, dass es dem Autor gelungen ist, die USA als tief gespaltenes Land zu porträtieren. Denn “Manhattan Fire” wartet mit einer ordentlichen Portion Medienkritik auf. Sowohl CNN als auch Fox News bekommen ihr Fett ab. Es ist eine mitunter scharfe Abrechnung mit den beiden TV-Giganten. Die Wahrheit findet weder da noch dort, sondern irgendwo in der Mitte statt.

7 von 10 Punkten

Robert Pobi: “Manhattan Fire”, übersetzt von Wolfgang Thon, Aufbau Verlag, 445 Seiten.

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Don Winslow: Broken

(c) HarperCollins

Mit seiner epischen Drogentrilogie (“Tage der Toten”, “Das Kartell”, “Jahre des Jägers”) hat Don Winslow seinen Ruf als einer der besten Thriller-Autoren unserer Zeit gefestigt. Dass er aber nicht nur bis zur Unerträglichkeit realistische Bücher schreiben kann, beweist er eindrucksvoll mit “Broken”: sechs Kurzgeschichten, jeweils um die 80 bis 90 Seiten lang.

Ausgerechnet die erste und titelgebende Geschichte, “Broken”, ist die schwächste. Sie liest sich wie eine Kurzfassung seines Cop-Thrillers “Corruption”. Hier begibt sich der Polizist Jimmy McNabb auf einen gnadenlosen Rachefeldzug. Brutal, so könnte man das Auftaktstück mit einem Wort beschreiben. Davon sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen.

Denn bereits die zweite Geschichte, “Crime 101”, die er Schauspiel-Legende Steve McQueen gewidmet hat, zeigt ihn von einer ganz anderen Seite. Juwelendieb Davis begeht all seine Raubzüge nur auf dem Highway 101 und folgt dabei einem strikten Verbrecher-Kodex. Das liest sich wunderbar altmodisch. Man würde sich hier einen Roman in voller Länge wünschen.

In “San Diego Zoo” zeigt sich Winslow, der die Geschichte seinem Vorbild Elmore Leonard gewidmet hat, von seiner komischen Seite. Der Schimpanse, der mit einem Revolver die Stadt unsicher macht und der junge, beherzte Polizist Chris Shea, der sich deshalb zum Esel macht – das bleibt in Erinnerung.

In “Sunset” wiederum, das Raymond Chandler gewidmet ist, tritt nicht nur eine seiner Kultfiguren, der Kopfgeldjäger Boone Daniels, auf. Er lässt ihn auch mit einer weiteren einprägsamen Charakter seines schreiberischen Universums, dem in die Jahre gekommenen ehemaligen Meisterdetektiv Neal Carey, aufeinanderprallen.

Wirkt die Zusammenführung der beiden Figuren ein wenig erzwungen, so funktioniert dies in “Paradise” umso besser. Ben, Chon und O., bekannt aus den unkonventionellen und sprachlich sprühenden Kriminalromanen “Zeit des Zorns” (verfilmt von Oliver Stone) und “Kings of Cool”, versuchen sich mit ihrem florierenden Marihuana-Business auf Hawaii zu etablieren. Dass auch “Frankie Machine” und “Bobby Z” aus den gleichnamigen Romanen ihre Auftritte haben, macht wirklich Spaß. Das ist eine gelungene Geschichte für Fans.

Zu Höchstform läuft Winslow aber mit seinem Schlussstück “The Last Ride” auf. Bereits der erste Satz packt zu: “Als er das Kind zum ersten Mal sah, war es in einem Käfig.” Die Rede ist zwar von einem “Auffanglager” an der US-mexikanischen Grenze, doch Grenzschützer Cal Strickland findet dafür keine andere Bezeichnung, denn “wenn man einen Haufen Menschen hinter einem Maschendrahtzaun einpfercht, dann ist es ein Käfig.” Man kann die Kurzgeschichte als Anklage gegen die Trump-Regierung begreifen. Und tatsächlich ist der Autor ein lautstarker Kritiker der Trump-Adminstration. Man kann “The Last Ride” aber auch als eine Essenz all dessen lesen, was Winslow je geschrieben hat. Humanität in Zeiten größter Ungerechtigkeit – es ist die zentrale Frage, die den Schriftsteller umtreibt.

Don Winslow: “Broken”, übersetzt von U. Wasel, K. Timmermann, J. Stefanidis, P. Friedrich, K. Fricke, HarperCollins, 512 Seiten.

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Horst Eckert: Im Namen der Lüge

(c) Heyne

Horst Eckerts Kriminalromane sind schon fast ein fixer Bestandteil dieses Blogs. Seit dem Finanzkrisen-Thriller “Schwarzer Schwan” habe ich fast alle seine Bücher gelesen: Sowohl “Schwarzlicht”, den Auftakt zu seiner Vincent-Veih-Reihe, sowie “Wolfsspinne”, den dritten Band aus dieser Reihe; und zuletzt den Stand-alone, “Der Preis des Todes”. Kaum ein deutscher Krimiautor liefert so zuverlässig anspruchsvolle politische Kriminalromane ab.

Nun ist “Im Namen der Lüge” erschienen. Vincent Veih kommt darin erneut vor, doch die eigentliche Hauptfigur ist diesmal Melia Khalid, die das Referat für Linksextremismus beim Inlandsgeheimdienst leitet. Eckert führt die beiden Figuren nur langsam zusammen und lässt sie auch erst mal so richtig aufeinander prallen. Hier der Polizist, der der jungen, ehrgeizigen Geheimdienstlerin misstraut – und natürlich gilt das auch umgekehrt.

Der Autor packt sehr viele Themen in seinen Roman: Links- und Rechtsextremismus, Migration, undemokratische Auswüchse der Geheimdienste und vieles mehr. Das Umfeld der Figur der Melia Khalid ist komplex. Ihr Vater ist ein Spitzenpolitiker mit Geheimdienst-Vergangenheit, die Mutter eine politisch Verfolgte, die einst in Somalia gefoltert wurde. Melia hat wegen ihrer Herkunft also doppelt gegen Vorurteile zu kämpfen. Da ist “die Migrantin”, noch dazu protegiert von ihrem einflussreichen Vater. Umso zielstrebiger und teilweise auch recht empathielos führt sie ihre V-Leute.

Ihre Behörde ist jedenfalls alarmiert, als ein Geheimpapier auftaucht, das die Gründung einer neuen RAF ankündigt. Melia ist eher skeptisch. Handelt es sich gar um eine rechte Verschwörung nach dem “False Flag”-Prinzip? Horst Eckert ist ein Skeptiker, was die Rolle der Geheimdienste in der Demokratie betrifft. Das hat man schon im überzeugenden NSU-Thriller “Wolfsspinne” gemerkt, aber auch “Im Namen der Lüge” ist das spürbar. Im Nachwort schreibt er dazu: “Die Frage, was der Inlandsgeheimdienst wirklich schützt, ist berechtigt. Die Verfassung scheint es nicht zu sein.”

Fast 600 Seiten lang versteht es der Autor zu fesseln. Doch so schlüssig sich der Fall am Ende des Buches lösen mag, seinen realistischen Blick legt Eckert nicht ab. “Alles beim Alten, trotz des Skandals”, heißt es da. “Auch beim Verfassungsschutz ändert sich nichts.” Am Ende stolpern doch immer nur irgendwelche Sündenböcke über die Skandale. Das System ändert sich nicht.

8 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Im Namen der Lüge”, Heyne Verlag, 574 Seiten.

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Laura Lippman: Die Frau im grünen Regenmantel

(c) Kampa Verlag

Die Privatdetektivin Tess Monaghan ist schwanger und darf aufgrund von Komplikationen ihr Bett nicht verlassen. Also sieht sie aus dem Fenster und beobachtet die Spaziergänger im Park. Und da fällt ihr diese Frau im grünen Regenmantel auf, die immer mit ihrem Hund spazieren geht. Doch eines Tages läuft der Hund allein durch den Park. Also beginnt Tess zu ermitteln – aus dem Bett heraus. Was steckt hinter dem Verschwinden der Frau?

Wenn das jetzt an den Filmklassiker “Fenster zum Hof” erinnert. Ja, Autorin Laura Lippman nimmt zu Beginn des zweiten Kapitels bewusst Bezug darauf. Und tatsächlich liest sich “Die Frau im grünen Regenmantel” wie eine moderne Version des Originals. Charmant, mit netten Dialogen und einer gehörigen Prise Zeitkritik – aber auch ein wenig belanglos.

Krimikenner werden den entscheidenden Twist wohl schon lange im Voraus gewusst haben. Für einen grauen verregneten Tag ist das Buch aber die perfekte Lektüre. Dieser grüne Regenmantel – auch der Hund hat übrigens eine grüne Bekleidung – bringt einfach Farbe ins Leben. Einen Preis hätte sich daher jedenfalls das wunderschön gestaltete und auch den Inhalt perfekt treffende Cover verdient. Sehr gut gelungen!

6 von 10 Punkten

Laura Lippman: “Die Frau im grünen Regenmantel”, übersetzt von Sepp Leeb, Kampa Verlag, 189 Seiten.

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Thomas Christos: 1965

(c) Blanvalet

Deutschland, im Jahr 1965. Der junge Polizist Thomas Engel ist ein richtiges Landei, aufgewachsen in einer biederen Idylle. Als er in die Großstadt Düsseldorf kommt, werden ihm die Augen geöffnet. Ein Rolling-Stones-Konzert verändert dann überhaupt seine Sicht auf die Welt. Und als er die minderjährige Peggy kennenlernt, in die er sich verliebt, gerät diese Welt auch noch aus den Fugen.

Ja, ein wenig naiv ist dieser junge Kommissar Engel schon. Manchmal ist das einfach zu viel des Guten. Wenn er plötzlich mit seltsamer Frisur und Kleidung ins Kommissariat kommt, wirkt das ein wenig kindisch. Eine neue Wohnung fällig? Dann ziehen wir einfach zu zweit bei einer Prostituierten ein. Auch seine blauäugige Reise nach Polen (es war die Zeit des Kalten Kriegs) liest sich lieb, aber nicht sehr glaubwürdig.

Dennoch hat Autor Thomas Christos eine Geschichte geschrieben, die ich gern gelesen habe. Und das obwohl da wieder einmal ein Serienmörder vorkommt und die Spur natürlich zurück in die düstere Zeit der 1930er Jahre führt. Christos Stil ist angenehm und lullt einen beim Lesen ein. Das muss man auch erst einmal schaffen. Vielleicht ist man in dieser seltsamen Pandemie-Zeit aber auch einfach dankbar für ein wenig Naivität.

6 von 10 Punkten

Thomas Christos: “1965”, Blanvalet Verlag, 400 Seiten.

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Massimo Carlotto: Blues für sanfte Halunken und alte Huren

Manche Verlage bewerben den banalsten Regionalkrimi als Noir. Wer wirklich wissen will, was zu diesem Genre gehört, kommt allerdings am Italiener Massimo Carlotto nicht vorbei. Sowohl seine Kriminalromane rund um Marco Buratti, den “Detektiv ohne Lizenz”, als auch jene rund um den bösartigen Verbrecher Giorgio Pellegrini (“Am Ende eines öden Tages”) zeigen die Menschen von ihren hässlichsten Seiten. Diesmal lässt der Autor die beiden Figuren aufeinanderprallen.

Verschärfend kommt in diesem Fall hinzu, dass Pellegrini – den Buratti und seine Kollegen verfolgen – als V-Mann mit der Polizei kollaboriert. Und dann gibt es da noch die Dottoressa Marino, die im Innenministerium ihr ganz eigenes Süppchen kocht.

Moral? Fehlanzeige – sowohl diesseits als auch jenseits des Gesetzes. Besonders reizvoll: Wien ist ein Hauptschauplatz dieses abgründigen Werks.

8 von 10 Punkten

Massimo Carlotto: “Blues für sanfte Halunken und alte Huren”, übersetzt von I. Ickler, Folio Verlag, 223 Seiten.

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Carlo Lucarelli: Hundechristus

(c) Folio Verlag

Bologna im Jahr 1943, Italien befindet sich im Krieg. Bei einer Razzia stürzt Commissario De Luca im Dunkeln. Das rettet ihm das Leben, denn ein Querschläger streift ihn am Nacken. “Als er aufstehen wollte, rutschten seine Hände in einer Lache aus klebrigem Zeug aus.” Vermutlich hat er beim Hinfallen einen Topf mit Zuckersirup umgestoßen, sind die ersten Gedanken des Polizisten. Doch kurz darauf wird klar, dass er auf etwas anderes gefallen ist: Eine Leiche – ohne Kopf.

De Luca muss feststellen, dass in Zeiten des Krieges das Interesse an einem Toten mehr oder weniger nicht allzu groß ist. Daran ändert sich auch nichts, als er es schon bald mit vier Leichen zu tun hat. Zumal die Spur zu einer einflussreichen Allianz von Gegnern führt: Schwarzhändlern, der faschistischen Miliz und Kokainhändlern mit Beziehungen zum Adel. Als dann auch noch Benito Mussolini gestürzt wird, besteht plötzlich Hoffnung, dass der Krieg rasch enden könnte. Doch im Endeffekt wird die Lage noch unübersichtlicher.

Was ist der Preis für die Suche nach der Wahrheit?

Der italienische Krimiautor Carlo Lucarelli porträtiert mit seiner Hauptfigur De Luca einen Aufrechten, der sich der Frage stellen muss, welchen Preis er für die Suche nach der Wahrheit zu zahlen bereit ist. Denn eines ist klar: Sauber bleiben kann hier niemand. Lucarelli beleuchtet auch das Privatleben des Polizisten, der in einer Liebesbeziehung steckt. An dieser Nebenfront wird er letztlich ebenfalls vor die Wahl gestellt, was ihm wichtiger ist: Sein Beruf, der ihm alles bedeutet – oder die Liebe.

Der Autor liefert keine einfachen Antworten. Vielmehr zeigt er auf, welch schmerzhaften Entscheidungen De Luca unweigerlich treffen muss. Unbehagen ist das bestimmende Gefühl bei der Lektüre dieses Buches. Man wird es niemals los. Denn wie auch immer sich der Polizist entscheidet, er kann eigentlich nur verlieren. Es bleiben zwei zentrale Fragen: Kann man in einem faschistischen System bis zu einem gewissen Grad auch weiterhin normal und korrekt seine Tätigkeit als Polizist erledigen? Oder ist das nur eine Illusion, die man aufrecht erhalten muss, um nicht verrückt zu werden? Die Antworten muss der Leser selbst finden.

Auf eine andere Frage findet der Leser allerdings eine Antwort: Was zum Teufel ist der titelgebende Hundechristus? Lesen!

Alles in allem werde ich immer mehr zu einem Fan italienischer Kriminalliteratur. Sowohl die Bücher von Massimo Carlotto (“Am Ende eines öden Tages”) als auch Paolo Roversi (“Milano Criminale”, “Schwarze Sonne über Mailand”) wirken bei mir auch Jahre nach der Lektüre immer noch nach.

7 von 10 Punkten

Carlo Lucarelli: “Hundechristus”, übersetzt von Karin Fleischanderl, Folio Verlag, 270 Seiten.

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Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

(c) Blumenbar

Oyinkan Braithwaites erstes – drei Zeilen umfassendes Kapitel – von “Meine Schwester, die Serienmörderin” wird sich wohl in Zukunft in zahlreichen Lehrbüchern darüber finden, wie man einen (Kriminal-)Roman perfekt beginnen kann: “Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.” Damit ist die Ausgangssituation klar. Ayoola, Koredes Schwester hat nicht erst einmal gemordet.

Worum es geht? Ayoola ist eine unglaublich schöne Frau, der die Männerwelt zu Füßen liegt. Oder um es in den Worten ihrer Schwester Korede, der Erzählerin, zu sagen: “Sie hat den Körper einer Musikvideo-Sexbombe, einer sündhaften Frau, eines Sukkubus. Er straft ihr engelsgleiches Gesicht Lügen.”

Bloß hat diese Sexbombe eine schlechte Angewohnheit – sie tötet ihre Männer. Wie gut, dass es da ihre Schwester gibt: Die Krankenschwester weiß, wie man Blutspuren und Leichen entfernt. Als sich Tade, ein Arzt in jenem Krankenhaus, in dem Korede arbeitet, auf Anhieb in die bildhübsche Schwester verliebt, wird die Loyalität der Aufräumerin und Aufwischerin auf eine Probe gestellt. Denn sie selbst ist in Tade verliebt.

“Er will bloß ein hübsches Gesicht”

Korede ist überzeugt, dass Tade anders ist. Liebenswürdig und einfühlsam, ein Mann der Kindern gern ein Lied vorsingt. Ayoola sieht das nüchterner: “Er ist nicht tiefgründig. Er will bloß ein hübsches Gesicht. Mehr wollen sie alle nicht.” Wer wird recht haben? Vor allem muss sich Korede aber eine andere Frage stellen: Wie lange will ich meiner mordenden Schwester helfen?

Die nigerianisch-britische Autorin Oyinkan Braithwaite hat eine erfrischende Mischung aus fesselndem Thriller und seziermesserscharfem Gesellschaftsporträt geschrieben. Während sich der Leser auf der einen Seite gut unterhält, bringt sie diesem die patriachalisch geprägte Gesellschaft Nigerias näher. Sie zeigt, wie sich zwei Frauen – auf ihre eigene Art und Weise – gegen diese von Männern dominierte Welt zur Wehr setzen. Nach und nach wird durch Rückblenden in die Kindheit der beiden ihr Handeln erklär- und verstehbar.

Der Autorin ist alles in allem ein beeindruckendes Debüt gelungen. Mit ihrem Buch schaffte es die 32-Jährige auf die Longlist des renommierten “Booker Prize”, zudem wurde es von der “Los Angeles Times” als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Nicht zu unrecht, denn auch mit ihren letzten Sätzen, die bewusst nicht verraten werden sollen, schafft Braithwaite – wie schon beim Einstieg – die perfekte Klammer für diesen außergewöhnlichen Roman.

9 von 10 Punkten

Oyinkan Braithwaite: “Meine Schwester, die Serienmörderin”, übersetzt von Yasemin Dinçer, Blumenbar Verlag.

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Attica Locke: Heaven, My Home

(c) Polar Verlag

Der schwarze Polizist Darren Mathews wurde einst in seinem Heimatstaat Texas Ranger, weil er an Veränderung glaubte: an mehr schwarze Gesetzeshüter, mehr Gerechtigkeit. Bereits im Debütroman “Bluebird, Bluebird” von Autorin Attica Locke war Mathews’ Weltbild ins Wanken geraten, in “Heaven, My Home” ist der Polizist desillusioniert. Dann soll er ausgerechnet den verschwundenen Levi finden, Sohn eines Angehörigen der Arischen Bruderschaft. Mathews ermittelt, gepeinigt von Selbstzweifeln, Eheproblemen und alltäglichem Rassismus.

Entstanden ist ein beeindruckendes Sittenbild des ländlichen Amerika, das zeitlich zwischen der Wahl und Inauguration von US-Präsident Trump spielt – ohne Vorwürfe, aber mit einem sehr genauen Blick verfasst. Denn es ist bereits eine Zeit, die zu absurden Auswüchsen führt. So ist Mathews Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund überzeugt, dass er, wenn er einen Schwarzen eines Hassverbrechens überführt, das künftige Justizministerium gewogen stimmen kann und den Beweis führen kann, dass das FBI ausgewogen ermittelt.

Empfehlenswert ist es auch das Nachwort “Das Ende der Versöhnung” von Sonja Hartl zu lesen. Sie schreibt darin vom Konzept der Vergebung, das bis in die Zeit der Sklaverei zurückreicht. Mit Vergebung sei aus Sicht der Schwarzen Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft. Doch wohin habe dieses Konstrukt geführt, fragt sich Hartl: “Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus.” Um es in den Worten von Darren Mathews zu sagen: Was mache die Vergebung aus ihnen: Heilige oder Handlanger?

“Heaven, My Home” ist keine Anklage, aber ein Buch, das neben allen seinen Spannungselementen nachdenklich macht.

8 von 10 Punkten

Attica Locke: “Heaven, My Home”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 322 Seiten.

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Jeanine Cummins: American Dirt

(c) Rororo

Eigentlich war alles gut, als Jeanine Cummins’ Buch “American Dirt” Anfang des Jahres in den USA erschien. Thrillerautor Don Winslow verglich ihr Buch mit John Steinbecks “Früchte des Zorns”, Horror-Großmeister Stephen King war ebenfalls voll des Lobes, und TV-Ikone Oprah Winfrey empfahl es in ihrem einflussreichen “Book Club”. Doch dann schrieben 142 mexikanische Autorinnen und Autoren einen offenen Brief an Winfrey, in dem sie baten, diese Empfehlung rückgängig zu machen. Der Vorwurf: Das Buch sei großteils ausbeuterisch, zu vereinfachend und von einer schlecht informierten Autorin geschrieben. Es verirre sich in Trauma-Fetischismus und der Sensationalisierung von Migration und mexikanischer Lebenskultur. Die Stimmung kippte, eine geplante Lesereise musste abgesagt werden. Doch das eigentliche Problem war ein anderes: Darf eine Weiße über Latinos schreiben?

Natürlich darf sie das. Tatsächlich berührt die fiktive Geschichte der 2600 Meilen langen Flucht der mexikanischen Buchladenbesitzerin Lydia. Gleich zu Beginn wird fast ihre gesamte Familie, insgesamt 16 Menschen, von Killern eines Drogenkartells brutal ermordet. Bloß sie und ihr achtjähriger Sohn Luca überleben das Gemetzel. Lydia, Frau eines Journalisten, der ein kritisches Porträt über einen Drogenboss verfasst hat, zögert nicht und packt zwei Rucksäcke. Es gibt nur eine Chance: die Flucht nach Norden, in die USA.

Die Fahrt auf “La Bestia”

Der Vorwurf, dass die Autorin in den Traumata ihrer Figuren bade, mutet meiner Ansicht nach angesichts der geschilderten Geschehnisse ein wenig seltsam an. Würde die von der Situation überforderte Mutter zwischendurch nicht immer wieder wanken und verzweifeln, hätte man Cummins vermutlich fehlender Empathie bezichtigt. Einzig die in Rückblicken erzählte platonische Romanze zwischen Lydia und dem diabolischen Drogenboss “La Lechuza” ist entbehrlich. Umso eindringlicher schildert die Autorin die furchteinflößende Reise der Migranten auf “La Bestia”, den Zügen, die aus dem Süden in Richtung USA fahren (das hat übrigens der oben erwähnte Don Winslow in seinem Buch “Jahre des Jägers” auch schon eindrucksvoll getan). Wer beim Erklimmen einen falschen Schritt macht oder auf den monströsen Zügen einschläft, riskiert Amputation oder Schlimmeres.

Man spürt, dass Cummins ihren Figuren gerecht werden will. An billigem Sensationalismus orientierte Autoren hätten die erschütternden Vergewaltigungsszenen viel plakativer gestaltet. Der Spagat mag nicht immer gelingen, letztlich aber macht die Schriftstellerin die ausweglose Situation der Migranten begreifbar.

Natürlich haben auch schon viele Latino-Autorinnen und -autoren vor ihr darüber geschrieben und hätten größere Aufmerksamkeit verdient. Ad hoc fällt mir dazu etwa Antonio Ortuños “Die Verbrannten” ein. Auch verstehe ich, dass sich manche über die nicht gerade mexikanisch klingenden Namen der beiden Hauptfiguren Lydia und Luca wundern. Und auch PR-Maßnahmen bei Lesungen (bevor diese gestoppt wurden), wo Teile eines Stacheldrahts neben die Bücher drapiert wurden, mögen geschmacklos sein. Das macht dieses über vier Jahre akribisch recherchierte Buch aber nicht automatisch schlecht.

Der Fluch des losen Nachworts

Ein Hauptteil der Kritik ist ohnehin auf das Nachwort der Autorin zurückzuführen. Darin schreibt Cummins zwar, dass sie abgestoßen sei von der Art, wie Latino-Migranten im öffentlichen Diskurs dargestellt werden. Aber sie formuliert eben auch Sätze wie diese: “Im schlimmsten Fall nehmen wir sie als Mob wahr, als Invasion von Kriminellen, die unsere Mittel aufsaugen wollen, und im besten Fall als eine Art hilflose, verarmte, gesichtslose braune Masse, die auf unserer Türschwelle um Hilfe schreit. Wir sehen sie selten als Mitmenschen”. Wen meint sie bloß mit “wir” im geschilderten “besten Fall”?

Cummins – übrigens mit einem ehemaligen Illegalen verheiratet, ihre Großmutter stammt aus Puerto Rico – schreibt darüber hinaus selbstkritisch von ihren Zweifeln, ob sie als Nicht-Mexikanerin und Nicht-Migrantin ein derartiges Buch schreiben dürfe. Doch erneut sorgt eine Formulierung für Empörung: “Ich wünschte mir, dass jemand es schreiben würde, der etwas brauner ist als ich.” Es sind Worte, die sie selbst mittlerweile bereut.

Aber am besten macht man sich selbst ein Bild von ihrem Roman – und liest ihn.

8 von 10 Punkten

Jeanine Cummins: “American Dirt”, übersetzt von Katharina Naumann, rororo, 556 Seiten.

 

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