Category Archives: Rezensionen

Daumen rauf oder Daumen runter?

Tom Hillenbrand: Hologrammatica

(c) KiWi

2014 betrat Tom Hillenbrand mit seinem Future-Noir-Thriller “Drohnenland”, der ein vollkommen überwachtes Europa porträtiert, für deutschsprachige Krimiautoren Neuland. Dafür hat er auch umgehend den Glauser-Preis für den besten Kriminalroman abgestaubt. Mit “Hologrammatica” geht er nun noch einen Schritt weiter. Wir schreiben das Jahr 2088: Galahad Singh arbeitet als Quästor, eine Art Privatdetektiv der Zukunft, in London. Neuartige Technologien wie Holonets und Mind Uploading machen es den Menschen einfacher denn je, die eigene Identität zu wechseln und zu verschwinden.

Überraschenderweise spielt Privatsphäre in dieser neuen Welt, in der das beliebteste Migrationsziel der Welt Sibirien heißt (in Westeuropa ist es bereits unglaublich heiß und kaum lebenswert), wieder eine größere Rolle. Daten werden nur sehr kurzzeitig gespeichert, was Singhs Job nicht gerade erleichtert. Das hat einen Grund: Als Mitte des 21. Jahrhunderts künstliche Intelligenz verheerenden Schaden anrichtete, beschloss die Menschheit, vorübergehend weltweit den Stecker zu ziehen.

Es ist faszinierend, in diese Holo-Welt einzutauchen. Kaum etwas ist so, wie es erscheint. Mithilfe von Holonets machen sich die Menschen die Welt schöner, als sie tatsächlich ist. Gebäude erstrahlen in einem Glanz, den es gar nicht gibt, und sogar Menschen können sich durch Holo-Masken aufhübschen. Brillen sind dafür nicht nötig, da hochauflösende Hologramme vom bloßen Auge wahrgenommen werden. Mit Stripperbrillen ist es allerdings möglich, Teile des Holonets auszublenden – je nach Lizenz kann man also mehr oder weniger Realität sehen.

Faszinierend ist auch: Bei all der modernen Technologie bleiben die Fragen immer dieselben: In wen verliebe ich mich da eigentlich? Wie sieht der Menschen unter seinem Holo-Make-up aus? Ist er ein Mann oder eine Frau? Schwarz oder weiß? Das führt zurück zu der Frage nach Identität: Wer bin ich? Wer bist du? Und was macht es mit uns, wenn wir anders sind, als uns alle wahrnehmen? Ob im 17. (in dieser Zeit spielt sein historischer Kriminalroman “Der Kaffeedieb”) oder im 21. Jahrhundert – Hillenbrands feines Gespür für die Menschen (das er übrigens auch mit seinen kulinarischen Xavier-Kieffer-Krimis beweist) macht seine Krimis groß.

Der vielseitige Hillenbrand ist der Zeitreisende unter den Krimiautoren. Möge er noch viele Bücher schreiben!

9 von 10 Punkten

Tom Hillenbrand: “Hologrammatica”, KiWi Verlag, 559 Seiten.

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Lee Child: Im Visier

(c) Blanvalet

“Im Visier” ist Jack Reachers 19. Abenteuer. Ich liebe die Figur von Lee Child einfach, daran kann auch dieser eher mittelmäßige Band nichts ändern. Diesmal verlässt der ehemalige Militärpolizist sogar sein gewohntes Terrain, die US-Bundesstaaten des Mittleren Westen, um sich einem Scharfschützen in Europa entgegenzustellen. Überraschenderweise dauert es rund 100 Seiten, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt. Sehr ungewöhnlich für einen Reacher-Roman. Zwischen den Seiten 100 bis 300 spielt der Autor dann auch gekonnt alle seine Stärken aus. Nette Wendungen, Reachers untrüglicher Instinkt und sein typisches Wissen über alles Mögliche.

Dann verflacht die Geschichte leider wieder. Bei einem Scharfschützen als Gegenspieler hätte ich mir einen besseren Showdown erwartet, stattdessen wird es zunehmend unlogisch. Auffallend waren diesmal auch die vielen Fehler, die das Lektorat übersehen hat. Selten entdeckt man so viele Fehler. Dennoch freue ich mich schon auf den nächsten Reacher im nächsten Sommer – noch.

5 von 10 Punkten

Lee Child: “Im Visier”, übersetzt von Wulf Bergner, Blanvalet, 414 Seiten.

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Bill Clinton/James Patterson: The President is Missing

(c) Droemer

Wer sich mit “The President is Missing” einen spannenden Politthriller erhofft, der wird nicht enttäuscht sein. Tiefere Einblicke in das Leben im Weißen Haus oder die politischen Entscheidungsprozesse darf man sich allerdings nicht erwarten. Das dürfte auch daran liegen, dass jene Passagen, in denen der ehemalige Präsident Bill Clinton in die Tasten klopfen durfte, wohl eher überschaubar sind. Der Hauptteil geht zweifellos auf das Konto von James Patterson und seinem mehrköpfigen Schreibteam – denn normalerweise schreibt der Bestsellergarant schon längst nicht mehr selbst.

Clinton trug vermutlich maßgeblich zu den ersten beiden und dem letzten Kapitel bei. Am Anfang muss sich der fiktive Präsident Duncan einem Sonderausschuss des Repräsentantenhauses stellen, um ein Amtsenthebungsverfahren abzuwenden. Da konnte der Ex-Präsident, gegen den nach seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky 1998 ein entsprechendes Verfahren eingeleitet wurde, auf eigene bittere Erfahrungen zurückgreifen. Der Stachel dürfte immer noch tief sitzen, denn zu Beginn wird das Bild einer moralisch verrotteten Politikerkaste in der Hauptstadt Washington, D.C., gezeichnet: „Die Haie ziehen ihre Kreise, riechen Blut“, heißt es im zweiten Satz des Buches. Die TV-Serie „House of Cards“ lässt grüßen.

Am Schluss des Buches wiederum darf der Präsident eine flammende und patriotische „Schulterschluss-über-alle-Parteigrenzen-hinweg“-Rede halten. Es ist ein kaum getarntes Gegenstatement zur Politik des real amtierenden US-Präsidenten Donald Trump: „Die gegenwärtige Abwärtsspirale hin zu kleinlichen Fehden, voreiliger Polarisierung und wutschäumender Feindseligkeit kann unsere Demokratie auf Dauer nicht überleben.“

Handwerklich gibt es an dem Buch wenig auszusetzen. Patterson hat einen soliden Politthriller mit brisantem Bedrohungsszenario konstruiert: Was passiert, wenn die USA ohne Strom dastehen? „Die Vereinigten Staaten von Amerika werden zum größten Dritte-Welt-Land der Erde“, heißt es. Alle Spannung erzeugenden Zutaten sind angerichtet: Cliffhanger, rasante Action-Szenen, Schusswechsel, überraschende Wendungen (wobei der Verräter in den eigenen Reihen nach dem Agatha-Christie-Prinzip ziemlich früh erraten werden kann), ein kniffliges (allerdings ein wenig unschlüssig geratenes) Passworträtsel und ein nervenaufreibender Countdown. Der fiktive Präsident Duncan, natürlich ein sympathischer Kerl, weist zahlreiche Parallelen zu Clinton auf. Bloß Sex fehlt – auf Hillarys Drängen hin?

Das Buch liest sich zügig, ist aber nach der Lektüre genauso schnell wieder vergessen.

5 von 10 Punkten

Bill Clinton/James Patterson: “The President ist Missing”, übersetzt von Anke Kreutzer und Eberhard Kreutzer, Droemer, 480 Seiten.

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Aidan Truhen: Fuck You Very Much

(c) Suhrkamp

Das ist sie also, meine kriminalliterarische Enttäuschung des bisherigen Jahres: Aidan Truhens “Fuck You Very Much”. Und ich komme schön langsam zur Erkenntnis, dass es meist diese supercoolen, superlustigen, supergenregrenzenbrechenden Nonsense-Krimis sind, mit denen ich beim Lesen am meisten Probleme habe.

Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Das Cover war das erste Warnsignal. Truhens Selbstbeschreibung (“Ich bin ein schrecklicher Mensch”) das zweite. Das ist ja so abgefahren schräg und cool. Puuh, ich glaube, ich bin einfach zu alt für diesen Scheiß. Das ist alles so gewollt, dabei ist alles nur absurd, belanglos, charmebefreit, dümmlich, eklig, fucking-boring und geschmacklos. Ich mag nicht darüber urteilen, ob Truhen, ein schrecklicher Mensch ist, sein Buch ist es aus meiner Sicht jedenfalls.

Warum es geht? “Jack Price ist Drogengroßhändler, aber nicht irgendeiner, sondern der beste: clever, cool und smart”, heißt es auf der Buchrückseite. Auf ihn sind sieben Killer angesetzt, die superbösen “Seven Demons”. Warnsignal drei also.  Warum die Killer auf ihn angesetzt sind? Das sollte man gar nicht erst hinterfragen, Sinn ergibt in diesem Buch ohnehin nichts. Ich habe nichts Lebensechtes darin gefunden. Die teils seltsamen Gewaltfantasien haben mich nur gelangweilt. Klar, dass Price, kein sonderlicher Sympathierträger sein kann. Aber das ist nicht das Problem. Es ist einfach alles viel zu viel. Selten war ich beim Lesen so genervt.

Seitenlanges Geschwafel über Herrenwaxing, ein Attentat mit dem Kopf eines Toten, ständige Versicherungen, was für ein böser Kerl dieser Jack Price ist usw. usw. Oder um bei Truhens Sprach zu bleiben: “Peng, peng, peng, bumm, peng, peng, oh Scheiße KAWUMMS KAWUMMS KAWUMMS ZAFISCH BOINK BOINK RAPLATZ”. Die armen Übersetzer…

Warum sich dieser Krimi nun schon zum dritten Mal in Folge auf der Krimi-Bestenliste findet, ist mir ein Rätsel. Es wird wohl mit dem erwähnten supergenregrenzenbrechenden Aspekt zu tun haben. Vermutlich liegt mein Problem mit dem Buch aber einfach daran, dass ich ein wirklich humorloser Kerl bin…

1 von 10 Punkten

Aidan Truhen: “Fuck You Very Much”, übersetzt von Sven Koch und Andrea Stumpf, Suhrkamp, 350 Seiten.

 

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Alex Beer: Die rote Frau

(c) Limes Verlag

Alex Beer hat mit “Der zweite Reiter” einen der besten Kriminalromane abgeliefert, die ich im Vorjahr gelesen habe. Ihr Polizeiagent August Emmerich ist bei mir haften geblieben. Groß war daher die Freude, so schnell einen zweiten Teil lesen zu können.

“Die rote Frau” ist sehr penibel recherchiert. Das merkt man auf jeder Seite. Das verkommene und arme Wien aus dem Jahr 1920 wird lebendig, angreifbar. Emmerich, mittlerweile wohnhaft im Männerheim in der Meldemannstraße (ja, hier wohnte auch Adolf Hitler), muss sich diesmal im wahrsten Sinn des Wortes durch die Wiener Unterwelt boxen – und das auf durchaus amüsante Weise. Ein Stadtrat wurde ermordet und ein Täter allzu leicht gefunden. Emmerich, der sich beruflich auf einem Abstellgleis befindet, hat aber seine Zweifel.

Überhaupt: Dieses Ermittler-Gespann aus Emmerich und seinem Assistenten Ferdinand Winter wächst einem zunehmend ans Herz. Von den beiden will man einfach mehr lesen.

Fasziniert hat mich, wie gekonnt die gebürtige Vorarlbergerin den Wiener Schmäh und vor allem den Wiener Grant zu Leben erweckt. Viele alte, fast schon ausgestorbene Ausdrücke tauchen da auf. Wie angenehm. Das liest sich authentisch, obwohl es manchmal fast eine Spur zu viel wird. Wie das Nicht-Wiener empfinden, würde mich auch interessieren: Ist das reizvoll oder steigt man da irgendwann einfach aus?

Wenn sich die “Wertlosen” aus der Meldemannstraße gegen die “Wohltäter” der Gesellschaft verbünden, ist das natürlich sympathisch. Aber das Ende des Buches war für mich dann doch ein wenig zu konstruiert und die Gut-und-Böse-Rollen letztlich zu klar verteilt. Da hätte ich es gern eine Spur abgründiger. Dennoch bin ich schon sehr gespannt auf den dritten Teil, der in den nächsten Monaten erscheinen soll.

7 von 10 Punkten

Alex Beer: “Die rote Frau”, 416 Seiten, Limes Verlag.

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James Carlos Blake: Red Grass River

(c) liebeskind

“Falls sich der Teufel je einen Garten angelegt hat, dann die Everglades.” Mit diesem Satz beginnt James Carlos Blakes Gangster-Epos “Red Grass River”. “Es heißt, dass es kaum einen anderen Ort gibt, an dem man weiter schauen und dabei weniger sehen kann.” Diese menschenfeindliche Umgebung ist das ideale Rückzugsgebiet für Alkoholschmuggler und Bankräuber John Ashley, der in den 1910er- und 1920er-Jahren zu einer Outlawlegende wurde – noch ehe Bonnie und Clyde oder John Dillinger für Schlagzeilen sorgten.

Der Autor ist Spezialist für die gewalttätigen Aspekte der US-Geschichte. “Red Grass River” ist sein mittlerweile drittes Buch, das mit zwei Jahrzehnten Verspätung auf Deutsch übersetzt wurde. “Das Böse im Blut” widmete sich dem mexikanisch-amerikanischen Krieg in den 1840er-Jahren, die darin beschriebene Grenzregion glich damals dem Vorhof zur Hölle. In “Pistolero” wiederum versuchte Blake, die Wildwestlegende John Wesley Hardin zu entschlüsseln.

Sein nun vorliegendes Porträt der berüchtigten Ashley-Gang setzt sich erneut mit Männern auseinander, die – diesmal in den Sümpfen Floridas, einem für seine Gesetzlosigkeit berüchtigten Ort – ihre eigenen Regeln aufstellen. Es ist das Revier der sogenannten Crackers, die sich mit dem Fallenstellen und dem Verkauf von Tierfellen sowie dem Schnapsbrennen und Schmuggeln tagtäglich durch ihr großteils karges Leben kämpfen. Auch deshalb werden die anfangs durchaus respektierten, später aber eher gefürchteten Brüder und ihre kriminellen Kumpane zu Legenden.

Der Autor spielt gekonnt mit dem Mythos, mit der Legende. Nur schwer ist zu erkennen, was wahr ist – und was erdichtet. Blake macht das durch den sogenannten Liars Club deutlich – eine Gruppe alter Männer, die immer wieder Geschehnisse kommentiert sowie Gerüchte aufkocht und alternative Versionen einwirft.

Das wäre schön und gut, funktioniert aber aus einem Grund nur bedingt. Zu offenkundig sind seine Sympathien für die Ashleys. Gegenspieler Sheriff Bobby Baker ist der eigentlich verkommene Charakter, dem Blake aber zu wenig literarischen Spielraum gewährt. Er bleibt im Vergleich zu dem überlebensgroßen John Ashley eindimensional. Die erbitterte Fehde der beiden Männer wird so nur bedingt spürbar.

Auch das Gangsterleben liest sich mitunter etwas klischeehaft. John Ashley frönt einem sexuell ausschweifenden Lebensstil. Hemmungslos gibt er sich abwechselnd (teilweise auch gleichzeitig) einer blinden Hure und seiner Komplizin, Laura Upthegrove, der „Queen of the Everglades“, hin. Beim Liebesspiel ist er so laut, dass er sich in die Sümpfe zurückziehen muss, um seine Familie nicht zu belästigen.

Blake hätte noch mehr erreichen können. Sein Buch ist zeitweise zu chronikal und fädelt blutige Schlägereien und Überfälle aller Art nacheinander auf. Das hat mich stark an Don Winslows “Das Kartell” und Paolo Roversis Mailand-Krimis “Milano Criminale” und  “Schwarze Sonne über Mailand” erinnert.

Was Blake aber wunderbar gelingt, sind die kleinen historischen Szenen, die den Alltag von damals vermitteln. Das zeigt sich etwa, wenn Blake über die Straßendecke von Miami schreibt, die aus pulverisiertem Kalkstein bestand, „der im Sommer so stark reflektierte, dass man zu erblinden fürchtete“. Also belegte man die Straßen mit Holzblöcken. Doch als dann der Regen kam, begannen diese aufzuquellen, „und als es dann weiterregnete, sprangen die Blöcke – peng! peng! peng! – aus der Straßendecke hoch, dass es knallte wie Pistolenschüsse […], zischten in alle möglichen Richtungen, prallten von Fassaden ab, schlugen Fenster ein“.

Diese falschen Pistolenschüsse hallen mehr nach als die echten in Blakes Roman.

7 von 10 Punkten

James Carlos Blake: “Red Grass River”, übersetzt von Stefan Lux, liebeskind, 528 Seiten.

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Hideo Yokoyama: 64

(c) Atrium

Normalerweise lese ich nur sehr selten Kriminalromane, die mehr als 400 Seiten umfassen. Lieber tauche ich zweimal in neue Welten ein als 800-Seiten-Wälzer zu lesen. Aber man muss auch Ausnahmen machen. Das 768 Seiten dicke “64” ist eine solche und es war absolut gut, dieses Buch gelesen zu haben. Und das obwohl dieser außergewöhnliche Krimi alles andere als ein Pageturner ist. Ganz im Gegenteil: Hier wird sehr behutsam und langsam erzählt. Das Etikett “Thriller” ist also nicht optimal. Alles andere aber schon.

Die Spannung entsteht anders: Behutsam erzählt Hideo Yokoyama vom Polizisten Mikami und dessen Lavieren durch das private und berufliche Minenfeld. Jedes eigene Wort will genau überlegt sein, jedes Wort der Gegenspieler richtig gedeutet werden – alles, ob ausgesprochen oder nicht, landet auf einer fein austarierten Waagschale. Hinter der Mauer von Höflichkeit bleibt viel verborgen. Das fesselt zunehmend.

Nüchtern beschreibt der Autor das moderne Japan. Es ist eine faszinierende Reise in eine fremde Welt, auf die er seine Leser mitnimmt. Gleich zu Beginn steht Mikami nach vierstündiger Anreise mit seiner Frau Minako im Leichenschauhaus vor einem toten Mädchen. Seine Tochter Ayumi ist vor drei Monaten spurlos verschwunden. Es ist nicht sein Kind, das da unter dem Laken liegt, aber die quälende Ungewissheit bleibt weiterhin sein erbarmungsloser Begleiter.

Mikami ist Pressedirektor eines kleinen japanischen Polizeireviers. Als wäre sein Leben nicht ohnehin schon in einem unerträglichen Ausnahmezustand, gerät die geordnete Welt auch beruflich plötzlich zu einem unübersichtlichen Schlachtfeld mit vielen Nebenfronten. Der Presseclub, die Vereinigung lokaler Medien, macht Druck, weil sich Mikamis Pressestelle weigert, die Identität einer schwangeren Frau bekannt zu geben, die einen alten Mann mit dem Auto niedergefahren hat.

Zu allem Überfluss kündigt sich auch noch der Generalinspekteur der Nationalen Polizeibehörde an, der einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt plant. Der niemals gelöste Entführungsfall mit dem Aktenzeichen „64“ war einst eine bittere Schmach: Nach der erfolgten Lösegeldübergabe konnte das entführte Mädchen nur noch tot aufgefunden werden. Vor dem Haus des Vaters des Opfers will der wichtige Mann aus Tokio 14 Jahre nach der Tat verkünden, dass der Fall neu aufgerollt wird. Mikami fällt die undankbare Aufgabe zu, den gebrochenen Vater von diesem PR-Spektakel zu überzeugen.

Für mich sehr fesselnd war der beinharte Machtkampf zwischen dem Kriminaluntersuchungsamt KUA (für das Mikami die meiste Zeit seines Polizistenlebens arbeitete) und der Polizeiverwaltung (für die Mikami aktuell tätig ist). Wie so oft in Kriminalromanen steht dabei Mikami als einziger verbliebener Mitspieler, der noch über so etwas wie einen moralischen Kompass verfügt (ähnlich wie Remi Parrot in “Treibjagd”), zwischen allen Fronten. Mikami will einfach das Richtige tun. Für ihn ist Amamiya, der Vater des entführten und getöteten Kindes, als Mensch wichtig – nicht, um seine Karriere voranzutreiben. Er will die Wahrheit wissen, während andere ihre Ränkespiele treiben und bloß um ihre Positionen besorgt sind.

9 von 10 Punkten

Hideo Yokoyama: “64”, übersetzt von Sabine Roth und Nikolaus Stingl, 768 Seiten, Atrium Verlag.

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