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Das Ende des Polar Verlags – und was es bedeutet

(c) Polar Verlag

Erst wenn manche Dinge nicht mehr da sind, merkt man, wie sehr man sie geschätzt hat. Für wie selbstverständlich man sie genommen hat. Das ist nun auch beim Polar Verlag, der Insolvenz angemeldet hat, der Fall. Die umstrittene Crowdfunding-Aktion, über die etwa Martin Compart kritisch schreibt, hat also auch nicht gefruchtet. Schade, dieser Verlag war innerhalb von vier Jahren zu einem Fixpunkt für Krimileser geworden, die nicht nur Mainstream wollen. Dass das finanziell schwer zu stemmen ist, hat ja zuletzt auch die sehr kurze Existenz des ambitionierten Metrolit-Verlags gezeigt. Aber man muss wohl auch als Leser akzeptieren, dass das Bestehen reiner, sehr spezieller Krimi-Verlage neben den global tätigen Branchenriesen kaum möglich ist. Offenbar gibt es den Markt dafür einfach nicht, so ehrlich muss man wohl sein.

Das ist traurig, aber passionierte Krimileser haben ohnehin ein geschärftes Auge für Realität. So funktioniert die Welt nun mal, auch wenn es einem nicht passt. Kein Grund zum Jammern. Denn es gibt sie sehr wohl noch, die Klein(st)verlage – etwa Ariadne, Pulp Master und Pendragon – die seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten, außergewöhnliche Stücke (Kriminal-)Literatur publizieren.

Was kann man also als Leser tun?

Erstens findet sich gute Crime Fiction zum Glück natürlich nicht nur in diesen Kleinverlagen. Auch die “bösen” globalen Verlage, die ihr Geld oft mit anderen populären Büchern machen, haben sehr gute Crime Fiction in ihrem Programm.

(c) Polar

Zweitens: Amerikaner, Briten und Australier können die meisten Leser ohnehin problemlos im Original lesen. Und ja, das kann auch das Gute an dieser Pleite sein: Nehmen wir doch wieder mehr Bücher im Original zur Hand. Ich denke da gleich einmal an Bill Beverly (“Dodgers”) und Reed Farrel Coleman.

Drittens blendet das zwar einen großen Teil der Welt aus – dafür gibt es dann aber etwa den Unionsverlag, der sich guter Kriminalliteratur auf ungewöhnlichen Schauplätzen angenommen hat. Gary Victor aus Haiti wiederum wird vom kleinen Litradukt-Verlag herausgegeben. Qualität findet doch oft ihren Platz. Es besteht also durchaus Hoffnung, dass Vielfalt bestehen bleibt. Und sehr gute französische Krimis sind momentan – hoffentlich ist das nicht nur dem Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse geschuldet – auch auf dem Markt.

Der Polar Verlag hat es für Crime Fiction Fans sehr gemütlich gemacht. Da wusste man, dass jede Neuerscheinung potenziell von Interesse sein wird. Dieser Luxus fällt nun wieder weg. Schön, dass du da warst, Polar Verlag – deine Bücher bleiben ohnehin bestehen. Aber wir Crime Fiction-Leser lassen uns das Lesen jetzt nicht verderben.

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Newton Thornburg: Cutter und Bone

(c) Polar

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“Cutter und Bone” fällt in die Kategorie “Vergessene Krimiklassiker”. Das Buch von US-Autor Newton Thornburg ist im Original 1976 erschienen und wurde bereits einmal ins Deutsche übersetzt. Allerdings in einer gekürzten Version. Doch nun macht es der hier schon viel gelobte Polar Verlag möglich, das einzigartige Werk erstmals in all seinen Facetten genießen zu können. Dank einer ungekürzten Neuübersetzung.

Eines ist garantiert: Das titelgebende Duo Alex Cutter, der einäugige und einarmige Vietnamveteran, sowie Richard Bone, der Frauenheld und ausgestiegene Exmanager, bleiben haften. Das verdankt sich vor allem Thornburgs Stil: Er paart beißenden Humor mit böser Gesellschaftskritik und feinen Dialogen.

“Ich habe mir gerade die Pulsader aufgeschnitten.” – “Mach ein Pflaster drauf”, sagte Bone.

Die beiden Männer schlagen sich mehr schlecht als rechts durchs Leben. Als Bone schließlich Zeuge der Beseitigung einer Leiche wird, stehen die nahezu mittellosen Außenseiter vor der Wahl: zur Polizei gehen oder eine Erpressung wagen? Was folgt, entspricht nicht den Genre-Gepflogenheiten. Mit anderen Worten, hier haben wir ein Buch, das in keine Schublade passt. Gut so!

Das ist kein klassischer “Road-Movie”, kein klassischer Hardboiled, kein klassischer Noir – das ist einfach Thornburg. Thomas Wörtche beschreibt das im Vorwort folgendermaßen: “Cutter und Bone ist ein Solitär, ein Roman, der zwar ‘Maßstäbe’ setzt, wie man ein Thema künstlerisch und intellektuell angeht, die aber für andere Romane, würde man sie abstrahieren und zur Formel gerinnen lassen, nutzlos wären.” Der Roman sei auch schwer zu klonen, da liege der entscheidende Unterschied zu Raymond Chandler und Ross Macdonald.

Was ich besonders genossen haben: Im Gegensatz zu vielen modernen US-Kriminalromanen, denen man einfach anmerkt, dass ihre Autoren durch Creative-Writing-Schulen gegangen sind, liest sich “Cutter und Bone” so erfrischend abseits jeder Art von Formelhaftigkeit. Und sein Buch liest sich auch 40 Jahre nach Entstehen zeitlos, obwohl es auch viel über das Amerika Ende der 1970er Jahre erzählt.

“Das Leben war hässlich und brutal, man lebte es allein, und jede Art von Liebe oder Schönheit, die man währenddessen fand, war rein zufällig und selten von Dauer.”

Die Lektüre dieses Kriminalromans ist auf vielen Ebenen (angenehm) verstörend. Falsch wäre es auch “Cutter und Bone” als Hohelied auf Verlierer zu kategorisieren. Ja, es geht um Menschen am Rande der Gesellschaft – aber eigentlich doch auch um alle Menschen. Um schwer begreifliche Dinge. Wie zum Beispiel um einen perfekten Liebesakt, nach dem letztlich doch alles kaputt und unperfekt ist – und gleichzeitig hat niemand Schuld daran:

“Es war einfach das Leben, mehr nicht, das Unvermögen der Menschen, das zu tun, was sie wollten, und das zu bekommen, was sie wollten. Irgendetwas kam immer dazwischen, irgendein Bedürfnis oder Umstand oder eine Verpflichtung, irgendein erschwerender Faktor, der Arm und Reich gleichermaßen an der Erfüllung hinderte.”

8 von 10 Punkten

Newton Thornburg: “Cutter und Bone”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 367 Seiten.

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Ben Atkins: Stadt der Ertrinkenden

(c) Polar Verlag

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Alf Mayer schwärmt auf crimemag von Ben Atkins Debütroman “Stadt der Ertrinkenden” ebenso wie Nicole auf mycrimetime. “Willkommen am Tresen des Noir”, formuliert es Alf Mayer wunderschön, aber das ist genau der Punkt, wo es bei mir ein wenig hakt. Für mich ist “Stadt der Ertrinkenden” ein gelungener, stimmungsvoller Krimi. Doch aus meiner Sicht ist das Buch, das in der Prohibitionszeit der USA spielt, kein Noir – zumindest seine Hauptfigur nicht. Dazu ist mir Ich-Erzähler Fontana zu wenig gebrochen, zu korrekt, zu brav, zu anständig.

Vor allem Fontanas Weigerung, Waffen zu tragen und zu verwenden, kam mir ein wenig an den Haaren herbeigezogen vor. “Sie hielten mich für schrullig, weil ich keine Kanonen mochte. Sie waren naiv. Zu dumm, um den Frevel des Tötens wirklich zu erfassen”, sinniert Fontana einmal. “Ein vorzeitiger Tod ist, mehr als alles andere, ein unwiderruflicher Verlust von Möglichkeit.” Grundsätzlich finde ich das schon in Ordnung, einen gewaltfreien Weg in einer gewalttätigen Welt gehen zu wollen. Aber sogar bewusst in lebensbedrohliche Situationen nicht einmal ein Messer (das aus praktischen Gründen benötigt wird – mehr will ich nicht verraten) mitzunehmen, grenzt dann schon eher an Dummheit. Ich weiß nicht, ob so hehre Gedanken (Der Tod als unwiderruflicher Verlust von Möglichkeit) in einer gefährlichen Situation, in der man sterben könnte, nicht ein unleistbarer Luxus ist. Besser ich lebe und der andere verliert seine Möglichkeit unwiderruflich.

Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Mir hat “Stadt der Ertrinkenden” wirklich gut gefallen. Da ist eine neue Stimme, noch dazu aus Neuseeland. Und Atkins schreibt großteils so, als wäre er in den USA aufgewachsen und keine 20 Jahre alt. Wobei ich glaube, die Anhäufung seiner sentimentalen Formulierungen, die gegen Ende hin stark zunimmt, ist schon auch auf sein junges Alter zurückzuführen. “Wenn ein Menschenleben endet, bevor es sollte, ist das ein Verlust für die Gegenwart und für jeden einzelnen Tag, der noch kommt” – ja eh, aber was will er damit eigentlich genau sagen? Ich hatte beim Lesen das Gefühl, wäre Atkins ein paar Jahre älter, wäre sein Buch kompromissloser, weniger moralisierend und noch düsterer geworden. Vielleicht hat ihm da doch ein wenig der Mut gefehlt – was ich ihm allerdings gar nicht vorwerfen will. Denn Atkins schreibt sehr erfrischend.

“Für Geld machen Menschen dumme Sachen. Sie und ich sind Belege dafür.”

Wohl wahr. Atmende, nervöse Belege.

Da gibt es auch diese wunderbar minimalistischen Beschreibungen: “Ich hatte Schiss unter meinem schwarzen Anzug, hinter meinem ausdruckslosen Gesicht.” Oder: “Die Frau an der Kasse trug fünfzig Jahre Enttäuschung im Gesicht und darüber ein halbes Pfund billiges Make-Up.” Diese Vergleiche: “Lebe nach den Regeln, und du wirst für den Rest deines Lebens ein Opfer sein.” Diese kleinen Wahrheiten: “Komisch, dass wir hungrigen Vögeln eher Brot gaben als hungrigen Menschen.”

Außergewöhnlich an “Stadt der Ertrinkenden” ist auch, dass die Handlung in einer einzigen Nacht spielt. Ich würde dieses Buch jedem empfehlen. Bloß bin ich nicht sooo begeistert. Der Vergleich mit Dashiell Hammett ist unnötig und verfrüht, aber wenn Atkins dadurch Leser gewinnt, ist es mir auch recht. Gratulation jedenfalls an den Polar Verlag, der hier wieder einmal ein feines Händchen bewiesen hat. Aus diesem Verlagshaus kommt Qualität, das steht fest.

7 von 10 Punkten

Ben Atkins: “Stadt der Ertrinkenden”, übersetzt von Laudan Szelinski, 230, Seiten, Polar Verlag.

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11 Wege, zu guten Krimis zu kommen (III): Klein, aber fein

Klein, aber fein – gemeint sind jene Klein- und Kleinstverlage, die abseits riesiger globalisierter Verlagshäuser für das kämpfen, was ihnen ein Anliegen ist: außergewöhnliche Kriminalliteratur abseits des Mainstreams.

Pulp Master

(c) pulp master

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“Als Label für Entdeckungen hat Pulp Master fulminante Bedeutung”, werden Arte-TV/Krimiwelt-Bestenliste auf der Pulp Master-Homepage zitiert. Normalerweise soll man solchen Bewerbungen ja misstrauen, doch in diesem Fall stimmt das. Ich habe hier etwa Rick DeMarinis, Garry Disher und Jim Nisbet entdeckt. Der wirklich sehr unregelmäßige Publikationsrythmus – Bücher werden meist erst Monate nach dem angekündigten Veröffentlichungsdatum publiziert (maximal zwei pro Jahr) – macht mir diesen Verlag erst so richtig sympathisch. In dieser perfekt durchgeplanten, selbstzufriedenen und korrekten Literaturwelt ist Pulp Master ein Paradoxon, ein Fehler im System, ein heiliger Störenfried. Wer Crime Fiction, Pulp Thriller und Noir sucht, sollte sich hier unbedingt seine Finger schmutzig machen.

Mit Beginn 2015 ist “Killer” von Dave Zeltserman erschienen. Marcus von Krimi-Welt hat das Buch bereits gelesen: Killer von Dave Zeltserman ist das, was man gemeinhin einen kleinen, schmutzigen Krimi nennt. Und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint.”

Ariadne Kriminalroman

(c) Argument Verlag

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Crime-Ladies first! Dass Krimis auch Frauensache sind, zeigt der Ariadne Kriminalroman seit 25 Jahren. Zuletzt erschien bei Ariadne der wohl ungewöhnlichste Krimi des Jahres 2014: “Lady Bag” von Liza Cody. Neben ihr schreiben hier die Französin Dominique Manotti und die Österreicherinnen Anne Goldmann und Clementine Skorpil. “Krimis sind für uns eine Widerstandskultur. Das muss man natürlich nicht genauso sehen, man kann auch einfach die spannenden Romane genießen, die wir bei Ariadne verlegen”, sagt Else Laudan.

Die gute Nachricht für das Jahr 2015: Codys Eva-Wylie-Trilogie (“Was sie nicht umbringt”, “Eva sieht rot”, “Eva langt zu” erscheint im April.

Polar Verlag

(c) Polar

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Der Polar Verlag grenzt sich vom klassischen “Whodunit” ab, mit dem ich persönlich große Probleme habe. Vor allem mit dieser Cozy-Crime-Schiene, wo in landschaftlicher Idylle gesittet gemordet, zwischendurch gekocht und irgendwann per Kreuzworträtsel der Mörder gefunden wird: “Der Polar erzählt von den Umständen eines Verbrechens, nicht vom bloßen Töten als Blutorgie. Der Polar ist und bleibt die Literatur der Krise.” Dem Verlag geht es um “Plots, die messerscharf die Gesellschaft analysieren. Aufbegehren. Unruhe stiften. (…) Wir suchen den Widerspruch.”

2015 stehen wirklich spannende Neuerscheinungen auf dem Programm: “Dead Money” von Ray Banks (Jänner 2015), “Stadt der Ertrinkenden” von Ben Atkins (Februar 2015), “Paris, die Nacht” von Jérémie Guez (März 2015), “Kaliber” von Ken Bruen (April 2015) sowie “Cutter und Bone” (ein in Vergessenheit vergessenes Meisterwerk) von Newton Thornburg (Juni 2015)

Außerdem bietet der Verlag seit Kurzem das Gratis-Online-Magazin polar-noir an. Empfehlen will ich in diesem Zusammenhang Sonja Hartls (zeilenkino) Interview mit Dennis Lehane. Auf die Frage, was er unter Noir verstehe, antwortet Lehane: “Die Tragödie der Arbeiterklasse. In einer klassischen Tragödie fällt der Held vom Gipfel eines Berges. Im Noir, fällt er von der Bordsteinkante.” Das ist eine wirklich schöne Definition.

Metrolit, liebeskind und Tropen

Nach dem Erfolg von Nic Pizzolattos “Galveston” sollen auch im Metrolit-Verlag künftig regelmäßig Noir-Romane erscheinen. Im März erscheint als erster Schritt in diese Richtung “Florida Forever” von Harry Crews. Auch bei den Verlagen liebeskind (demnächst erscheinen Pete Dexters “Unter Brüdern” und “Graben” von Cynan Jones) und Tropen bei Klett-Cotta (“Dunkle Stadt Bohane” von Kevin Barry) suche ich gerne nach außergewöhnlichen Krimis.

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Was ist Noir? (II)

(c) Screenshot von polar-noir.de

(c) Screenshot von polar-noir.de

Es ist noch nicht lange her, dass ich hier gefragt habe: Was ist Noir? Eine klare, eindeutige Antwort darauf konnte ich nicht finden – was mich aber nicht sonderlich gestört hat.

Hätte ich damals gewusst, dass Sonja von zeilenkino sich mit dieser Frage ebenfalls – wesentlich umfangreicher und tiefgehender – beschäftigt, hätte ich mir die Mühe ja fast sparen können. Denn sie wirkt am Online-Projekt polar-noir.de mit, das sich künftig jeden dritten Montag im Monat verlagsübergreifend und unabhängig dem Noir widmen will. Das Ziel der Plattform wird im Editorial erklärt: “Sie wird keine weitere Rezensionsplattform sein, sondern Entwicklungen nach- und aufspüren. In Essays werden Werke und Begriffe diskutiert, Zusammenhänge und Themen beleuchtet, Thesen aufgestellt und debattiert.”

In einem sehr lesenswerten Essay führt Sonja dann in die Welt des Noir ein. Auch bei ihr wird klar, dass es keine einfache Noir-Definition gibt: “In der Schwierigkeit einer klaren Erklärung liegt indes auch ein Großteil der Faszination für Noir begründet.” Ja, das finde ich auch.

Gut gefällt mir ihr Schluss:

“Wichtig bleibt dabei nur eines: Nur weil es in einem Buch regnet, keine Helden und kein Happy End gibt, ist es noch lange nicht ein Noir.”

Kriminalliteratur als Gegengeschichte

Nicht zu verwechseln mit polar-noir.de ist in diesem Zusammenhang übrigens das ebenfalls einmal monatlich erscheinende Krimi-Journal “Polar Gazette” (hinter beiden Projekten steckt der Polar Verlag). Dort habe ich übrigens auch Gedanken von Else Laudan gefunden, die ich hier ebenfalls erwähnen will:

“In der Fiktion der Kriminal- und Verbrechensliteratur formiert sich (…) eine Gegengeschichte. Und in ihren erfundenen Plots steckt viel weniger Illusion als in der kolportierten Geschichtsschreibung wie auch Berichterstattung.”

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