Derek B. Miller: Ein seltsamer Ort zum Sterben

(c) Rowohlt Polaris

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Nachdem ich das Cover hier zuletzt bereits gelobt habe, will ich mich nun dem ganzen Buch widmen. Interessant ist schon einmal der ungewöhnliche Weg der Publikation. “Ein seltsamer Ort zum Sterben” erschien zuerst in Norwegen (die Handlung spielt ja auch dort), obwohl es auf Englisch geschrieben wurde. Der Roman wurde von US-Autor Derek B. Miller mehrmals modifiziert. Die englischsprachige Veröffentlichung, nach der auch die deutsche Ausgabe übersetzt wurde, betrachtet er aber als die definitive.

Zum Inhalt: Nach dem Tod seiner Frau ist der 82-jährige Sheldon Horowitz zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. Er verlässt kaum sein Zimmer und hat viel zu viel Zeit nachzudenken – auch über seinen zu früh gestorbenen Sohn, der als Soldat in Vietnam fiel. Erst als plötzlich eine bedrohte Frau mit ihrem Kind vor seiner Tür steht, erwacht er aus seiner Lethargie. Kurz darauf ist die Frau tot und der alte Mann befindet sich mit dem Buben auf der Flucht. Sein Leben hat wieder einen Sinn: Er muss dieses Kind retten.

Miller hat ein Roadmovie der anderen Art geschrieben. An manchen Stellen wirkt das wie eine Hommage an Mark Twains “Huckleberry Finn”. Unwillkürlich kam mir dabei auch immer wieder Joe R. Lansdales “Dunkle Gewässer” in Erinnerung. Während dieser aber eine blutdurchtränkte Version abgeliefert hat, kann man Millers Interpretation als eine stille bezeichnen. Der Autor schreibt einfühlsam und mit Humor. Eine Stelle im Buch fand ich zum Beispiel sehr witzig: Miller lässt einen der Bösen Hollywood-Filme aufzählen, in denen die Figuren in der Dusche sterben – “aber nie im Schrank”. Dort hat er sich nämlich versteckt. Kurz darauf vergeht ihm aber die Selbstgefälligkeit, denn er war doch nicht so schlau, wie er dachte.

Miller nimmt sich Zeit für die unzähligen Erinnerungen, die Sheldon immer wieder heimsuchen. Sheldon lebt in seiner eigenen Welt, in der Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt. Nicht immer ist klar, was Sheldon wirklich erlebt hat und was sich durch seine Erinnerungen verzerrt hat. Seine verstorbene Frau hat ihn deshalb unter Demenzverdacht gestellt. Folgt man als Leser Sheldons Gedanken, macht das aber einen anderen Eindruck: Es ist so, als würde sich angesichts des nahenden Lebensendes alles Erlebte zu einem Ganzen zusammenfügen. Eigentlich eine tröstliche Vorstellung.

Miller hat neben dem Thema Sterblichkeit aber noch viele andere interessante Aspekte in seine ungewöhnliche Geschichte eingewoben: So kann man “Ein seltsamer Ort zum Sterben” auch als eine Art Anti-Kriegsroman lesen (vor allem die Passagen, die sich mit Sheldons Sohn aber auch seinen eigenen Kriegserfahrungen im Koreakrieg befassen; aber auch die Bösen sind vom Jugoslawien-Krieg traumatisiert bzw. geprägt) und erfährt viel über Norwegen, ein Land fast ohne Juden. Das tut er auf angenehm unaufdringliche Weise, das hemmt aber dennoch manchmal – vor allem zu Beginn – den Lesefluss. Ist man aber erst einmal mit den beiden ungleichen Flüchtigen unterwegs, wird man endgültig in die Geschichte hineingezogen.

7 von 10 Punkten

Derek B. Miller: “Ein seltsamer Ort zum Sterben”, übersetzt von Olaf Roth, Rowohlt Polaris, 416 Seiten.

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