Tag Archives: Thomas Wörtche

Wo sind die Gangster?

Gangster gehören zum Kriminalroman einfach dazu. Oder etwas nicht? Aber warum verhält es sich bei deutschsprachigen Kriminalromanen ganz anders? Thomas Wörtche ging Anfang des Jahres in der “Polar Gazette” der Frage nach, warum der Gangster hier vollkommen abwesend ist. Er fragt sich, ob da etwa die Angst vorherrscht, “dass die Welt da draußen ein bisschen anders tickt als im gemütlichen Serialkiller-Schlachthaus und in Psychopathen-Fantasien”. Ich glaube, damit trifft er es ganz gut auf den Punkt. Zudem will das deutschsprachige Fernseh-, Kino- und Lesepublikum offenbar weiter auf der richtigen Seite stehen: auf der des Gesetzes, des Anwalts, der Polizei. Und im Idealfall steht am Ende die Auflösung.

Doch es sind gerade jene Romane, die aus der Perspektive des Verbrechers erzählt werden, die mich in letzter Zeit am nachhaltigsten beeindruckt haben: Dennis Lehanes “In der Nacht” und “Am Ende einer Welt”,  Howard Linskeys Trilogie (“Crime Machine”, “Gangland” und “Killer Instinct”), Dave Zeltsermans “Killer”, die Krimiklassiker “Die Freunde von Eddie Coyle” und “Ich töte lieber sanft” von George V. Higgins, Massimo Carlottos außergewöhnliches Gangster-Porträt “Am Ende eines öden Tages” sowie mein Lieblingskrimi des Vorjahres, “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis. All diese Autoren zwingen uns Leser, die Wohlfühlzonen zu verlassen.

Zumindest ein Lebenszeichen gab es im Vorjahr: André Pilz mit “Der anatolische Panther”. Seine Geschichten drehen sich generell um Randgruppen: Skinheads, Drogendealer oder wie im erwähnten Buch um türkischstämmige Kleinkriminelle. Auch TV-Serien wie “Tempel” und die für das Frühjahr angekündigte Mini-Serie “4 Blocks” geben Anlass zur Hoffnung, aber vermutlich werden Gangsterdramen weiterhin Nischenprodukte bleiben.

Letztlich stellen sich auch viele spannende – teilweise sehr grundlegende – Fragen: Was ist ein Gangster überhaupt? Wie definiert er sich? Haftet dem Begriff nicht auch etwas Glamourhaftes, Überhöhendes, Romantisches an? Oder sollte man eher von Berufsverbrechern oder Kriminellen sprechen? Müssen Gangster organisiert sein oder nicht?

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KrimiZeit-Bestenliste März: Ein Abgleich

(c) Kunstmann

(c) Kunstmann

Diesmal beginnt mein Abgleich mit einer dreifachen Gratulation: Sowohl Sonja Hartl, Marcus Müntefering als auch Frank Rumpel sind neu in die KrimiZeit-Jury aufgerückt (Thomas Wörtche hingegen ist ausgeschieden, auch unvorstellbar!). Alle drei sind auch wichtige Krimi-Blogger, die ständig auf der Suche nach guter Krimikost abseits ausgetretener Pfade sind. Ich hätte nicht gedacht, dass man die KrimiZeit noch aufwerten könnte, doch genau das ist hier passiert. Fein!

Aber nun zur Sache, der aktuellen KrimiZeit-Bestenliste. Mit “Die Suche nach Tony Veitch” ist ein Buch von Null auf Platz eins eingestiegen, dass auch für mich zum absoluten Pflichtprogramm gehört. McIlvanneys “Laidlaw” habe ich auf Platz drei der besten Krimis des Jahres 2014 gewählt. Ich freue mich schon auf dieses Buch.

Auch auf den Plätzen zwei bis vier sind Neueinsteiger gelandet. “Prime Cut” befindet sich – jetzt erst recht – fix auf meiner Leseliste, “Bad Cop” werde ich wohl auslassen, und über den feinen Pulp-Krimi “Killer” werde ich in meinem nächsten Beitrag schreiben.

Norbert Horsts “Mädchenware” – meine erste Begegnung übrigens mit dem Autor – habe ich vor Kurzem beendet. Das Buch hat seinen Platz in der KrimiZeit zweifellos verdient, dazu auch bald mehr. “The Drop” hat es ja ebenfalls in meine persönliche Jahresbestenliste geschafft.

Wen habe ich vermisst? Ben Atkins mit “Stadt der Ertrinkenden”, aber vielleicht ist es dafür einen Monat zu früh …

Die Liste im Überblick:

1 (-) William McIlvanney: Die Suche nach Tony Veitch
2 (-) Alan Carter: Prime Cut
3 (-) Mike Nicol: Bad Cop
4 (-) Dave Zeltserman: Killer
5 (6) Norbert Horst: Mädchenware
6 (3) Dennis Lehane: The Drop – Bargeld
7 (4) Tana French: Geheimer Ort
8 (8) Tony Parsons: Dein finsteres Herz
9 (-) Zoë Beck: Schwarzblende
10 (2) Jesper Stein: Weißglut

 

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“Nur ein Krimi …”

Ich will hier wieder einmal ein wenig nachdenken über jenes Genre, das ich liebe. Vor kurzem bin ich bei culturmag auf Zoë Becks Beitrag “… nur ein Krimi?” gestoßen. Sie hat ein Problem damit, dass Iris Radisch in einem Interview sagt, man müsse die Latte bei Sibylle Lewitscharoffs “Killmousky” etwas niedriger hängen, da es sich nur um einen Krimi handele. Ich habe dieses Problem auch, weil man immer noch manchmal als Crime-Fiction-Fan das Gefühl hat, als Groschenhefte- oder 08/15-Whodunnit-Leser abgetan zu werden.

Ich will daher Beck hier zitieren, weil sie mir aus der Seele spricht: “Der Krimi also. Ein putziges Ding, eine Entspannungsübung für den Hochliteraten (m/w). Nach schwergewichtigen Themen kann man beim Krimi endlich mal ein bisschen locker werden. Wüsste der Hochliterat (oder der dazu gehörige Kritiker (m/w)) um die Bandbreite innerhalb der Genres, gäbe es solche Interviews wie das mit Radisch nicht. Dann wäre klar, dass es mindestens ebenso viele grandiose Meisterwerke von Weltrang im Krimigenre gibt, wie es Schund, Unfug und Banalitätenschwurbel in der nichtgenrekategorisierten Literatur gibt.”

Und: “Texte kann man daraufhin lesen, ob sie gut gemacht sind. Figurenzeichnung, Dialoge, Spannungsaufbau, Sprache etc. Ich möchte deshalb die von Radisch tiefer gehängte Latte bitte gern abschrauben und Texte von egal wem danach beurteilen bzw. beurteilt wissen, ob sie gut sind oder nicht – egal welches Etikett sie haben.”

Das ist meiner Meinung nach genau der Punkt: Texte sind gut oder schlecht, egal welches Etikett sie haben.

Auf krimi-couch.de habe ich dazu passend ein Interview mit Thomas Wörtche wiederentdeckt, der ebenfalls weise Worte sagt: “Ich bin fest der Meinung, wer nur von Krimis was versteht, versteht auch von Krimis nichts.”

Wörtche, gern als deutscher Krimikritiker Nummer eins bezeichnet, meint zu seinem ihm aufgedrängten Status kritisch: “Das Etikett bekommt man, wenn man lange genug dabei ist und hin und wieder ein paar schlaue Dinge an möglichst prominente Stelle geschrieben hat. Das wiederum ist gar nicht so schwer, weil sehr vieles, was man sonst über Kriminalliteratur et al an prominenter Stelle lesen muss, von herzlicher Ahnungslosigkeit ist. Vermutlich habe ich »Krimis« (und Verwandtes) einfach ein bisschen ernster genommen und das auch formulieren können. Dabei war ich nicht der erste und nicht der einzige. Und Krimi ist nur eine Variante von erzählender Literatur, die ich spannend finde.”

Tja, ich selbst bin ja gerade auf so einem dystopischen Lese-Trip: Zuerst habe ich “Spademan” und “2/14” gelesen, dann “Mirage” und zuletzt den Werwolf-Roman “Roter Mond”. Sind das für irgendwelche selbsternannten Krimi-Puristen überhaupt Genre-Werke? Mir ist das eigentlich egal. Es sind teilweise exzellente (“2/14”, “Roter Mond”), teilweise eher banale (“Spademan”, “Mirage”) Spannungsromane. Und das bringt mich zu einem wesentlichen Punkt: Für mich muss ein gutes Buch spannend sein. Deshalb muss es aber nicht zwingend ein Thriller oder Krimi sein. Mark Twains “Huckleberry Finn” ist etwa so ein Buch, das bei vielen noch dazu den Makel eines “Kinderbuches” hat.

Ich wiederhole mich daher: Genre hin, Etikettierung her – Bücher sind gut oder schlecht (oder irgendwas dazwischen) – und natürlich oft auch nur Geschmackssache.

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Warum ich Krimis lese

In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich mich über Krimi-Klischees im österreichischen TV aufgeregt. Gleichzeitig hat mich das angeregt, darüber nachzudenken, warum ich gern Romane aus dem Krimi/Thriller-Genre lese. Und dabei ist mir auch der interessante Text der ORF-Kulturredakteurin Clarissa Stadler in der “Presse am Sonntag” untergekommen: “Die ewig gleichen Rituale der Ermittler”. Das für mich Faszinierende: Ihre Gründe Krimis zu lesen, stehen ziemlich im Widerspruch zu meinen.

Ich habe vier Zitaten ihres Textes herausgegriffen, um das zu veranschaulichen:

  • “Unser liebstes Mysterium ist das Verbrechen, unsere größte Erlösung dessen Aufklärung.”

Ich fühle mich nicht durch die Aufklärung von Verbrechen erlöst. Ich habe auch erhebliche Probleme mit dem immer wiederkehrenden Schema, den stereotypen Ermittlungsritualen. Ich will mich nicht vertraut fühlen, wohl fühlen, weil ich weiß, was der Kommissar als nächstes sagen wird. Ich will überrascht werden, auch formal!

  • “Neu ist ja nicht der Mord, der wurde nicht weniger blutrünstig schon im griechischen Drama abgehandelt. Neu ist die Kriminologie, die Spurensuche, das Fährtenlesen, die Indizienkette, das forensische Prinzip. Neu ist die Sicherheit, die sich nach dem Aha-Effekt einstellt, mit der Gewissheit, dass eine Ordnung wiederhergestellt ist.”

Ich teile nicht die Sehnsucht nach der Wiederherstellung der Ordnung. Thomas Wörtche schreibt dazu in seinem genialen Nachwort von Nathan Larsons “2/14” (das ich hier in Kürze besprechen werde): “Und das beweist aufs Vergnüglichste, dass es nicht die Aufklärbarkeit der Welt oder gar die Aufklärung undurchsichtiger Verhältnisse ist, die Spannungsliteratur wirklich spannend macht, sondern Erzählungen vom Chaos, der Kontingenz, vom Hyperrealen und durch und durch Enigmatischen.” Jetzt muss ich schon zugeben, dass ich etwa bei Jerome Charyn selbst damit Probleme hatte, wie ich auch hier beschrieben habe. Dennoch will ich vor allem Spannungsliteratur lesen, die nicht in 08/15- oder Kochbuch-Krimi-Kategorien zu packen ist. Nathan Larson etwa schreibt laut Wörtche “ein Hybrid, irgendetwas zwischen Science-Fiction und Privatdetektivroman und Politthriller mit leichter Tendenz zum Ego-Shooter”. Das macht wirklich Spaß, wobei es nicht darum geht, möglichst zwanghaft alle Genregrenze zu durchbrechen. Aber dieses enge Verständnis von Kriminalliteratur, in der es nur um die Aufklärung von Fällen und die Wiederherstellung von Ordnung geht, stört mich persönlich.

  • “Die Welt ist rätselhaft. Jemand soll bitte das Rätsel lösen. Für diesen Job gibt es gut ausgebildetes Personal. Die Kommissare.”

Es gibt so viel gute “Crime Fiction”, die zum Glück ohne ermittelnde Kommissare (aber auch ohne Hobby-Kommissare wie Nonnen und Dorfpfarrer) auskommt. Mir fallen da spontan Daniel Woodrell (ja, da würden jetzt viele sagen: “Aber das ist ja Literatur”), David Peace (“GB84”) und natürlich Don Winslow ein. Für gute Spannungsliteratur braucht man weder Kommissar noch Detektiv. Siehe: Howard Linskeys “Crime Machine” oder Tom Eppersons “Hyänen”. Diese Autoren sind so widersprüchlich, und doch schreiben sie alle drei Crime Fiction, die sich vor allem durch eines auszeichnet: Es ist einfach gute Literatur.

  • “Der Krimi ist ein dermaßen erfolgreiches Produkt, weil er ein fantastisches Vehikel für so ziemlich alles ist, was sich in der Gesellschaft verändert.”

“Der Krimi ist ein Produkt” – das würde man über “hohe Literatur” niemals sagen. Diese klare Trennung zwischen Literatur und Krimi bleibt also weiterhin aufrecht. Mit anderen Worten: Ein Krimi funktioniert also in seinen eingelernten Strukturen und ist leicht konsumierbar. Wenn man leicht konsumierbar mit gut lesbar gleichsetzt, will ich da nicht einmal widersprechen. Das macht ja auch Spaß. Man will spannende Bücher verschlingen. Aber “Crime Fiction” hat eben so viel mehr zu bieten. Wer James Sallis’ “Driver” oder Bücher von Daniel Woodrell und Donald Ray Pollock gelesen hat, weiß was ich meine.

Zum Schluss will ich den 1995 verstorbenen französischen Noir-Autor Jean-Patrick Manchette zitieren, weil er gut auf den Punkt bringt, warum ich Kriminal- und Spannungsliteratur lese: “Ein guter Roman noir ist ein Sozialroman, ein sozialkritischer Roman, der die Geschichte eines Verbrechens als vordergründige Handlung nimmt.”

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