Johanna Sinisalo: Finnisches Feuer

(c) Tropen

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Heuer gibt es einen Finnland-Schwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse. Wer mehr über finnische Krimis wissen will, kann sich bei Nicoles Blog mycrimetime umsehen, dort wird seit Tagen jeden Tag ein finnischer Krimi besprochen (auch im Blog zeilenkino findet ihr momentan übrigens viel rund um den finnischen Krimi – vor allem interessante Interviews). So richtig zufrieden ist Nicole bislang aber nicht. Das passt auch zu meinem Beitrag. Denn “Finnisches Feuer” hat zwar eine gute Idee und beginnt wirklich interessant, umso länger ich gelesen habe, desto mehr war es mir allerdings egal, wie die Geschichte nun ausgehen würde.

Zugegeben, “Finnisches Feuer” ist kein klassischer Krimi. Eigentlich ist es überhaupt keinem Genre klar zuzuordnen, was mich ja prinzipiell nie stört – im Gegenteil. Denn Die Geschichte spielt in einem Finnland in der nahen Zukunft. Allerdings in einem Finnland, das sich bereits seit Jahrzehnten anders entwickelt hat. Dort herrscht eine Art Allgemeinwohl-Diktatur. Frauen haben nichts zu sagen und dienen vor allem zur Fortpflanzung. Die erwünschte Frau ist eine sogenannte “Eloi” – hier greift Sinisalo auf H.G. Wells Roman “Die Zeitmaschine” zurück. Im von Sinisalo erfundenen “Wörterbuch der finnischen Gegenwartssprache” steht über “Elois”: “Bezieht sich auf eine Unterart des weiblichen Geschlechts, die auf dem Paarungsmarkt aktiv ist und sich in jeder Hinsicht für die Mehrung des Wohlbefindens des männlichen Geschlechts einsetzt.” In einem Auszug aus der “kurzen Geschichte der Domestizierung der Frauen” steht überhaupt: “Die Ehe und der von ihr bewirkte natürliche, für das geistige Wohlbefinden des Mannes wichtige Dominanzstatus sowie das regelmäßige Sexualleben, das der Bund der Ehe mit sich bringt, sind Grundrechte (…).”

Zwar ist es teilweise faszinierend zu lesen, wie Hauptfigur Vanna in diesem frauenfeindlichen Umfeld überlebt. Denn Vanna passt nicht in diese Welt, ganz im Gegensatz zu ihrer verschwundenen Schwester Manna. Sinisalo schildert Vannas Suche nach ihrer Schwester und offenbart langsam ein düsteres Geheimnis. Gefesselt hat mich die Geschichte aber nicht.

Irgendwie ist ihr Buch trotz des außergewöhnlichen Settings ziemlich konventionell geraten. Es ist kein klarer erzählerischer Faden zu erkennen, zu sehr werden dann plötzlich die Chilischoten (siehe Cover) zum eigentlichen Hauptdarsteller. Die in den Einschüben (Wörterbuch etc.) radikal und repressiv geschilderte Welt wird nicht wirklich greifbar. Angst, Wut und Hilflosigkeit, die Widerständler in einem solchen Regime haben müssen, werden nicht spürbar. Die Kulturgeschichte von Chili sowie die Schilderung von intensiven Chili-Trips ist zwar interessant, aber nicht so scharf, wie es der Verlag auf dem Rückentext des Buches verspricht. Mildes Chili sozusagen.

Wer H.G. Wells mag, wird es wohl spannend finden, ein Buch seiner finnischen Erbin zu lesen. Mir hat etwas Würze gefehlt.

Marten Hahn vom Deutschlandradio hat Sinisalo hingegen überzeugt: “Entstanden ist ein unterhaltsamer, feministischer und politischer Roman im Finnish-Weird-Stil.”

5 von 10 Punkten

Johanna Sinisalo: “Finnisches Feuer”, übersetzt von Stefan Moster, 318 Seiten, Tropen Verlag.

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