Tag Archives: The Drop

Dennis Lehane: The Drop. Bargeld

(c) Diogenes

(c) Diogenes

Der Bostoner Dennis Lehane ist nicht nur einer der wichtigsten Krimiautoren der Gegenwart, er ist auch der Krimiautor mit dem Hollywood-Abo. Seine Bücher “Gone, baby, gone”, “Shutter Island” und “Mystic River” wurden erfolgreich und von namhaften US-Regisseuren verfilmt. Nun hat es ein weiteres seiner Bücher, “The Drop. Bargeld” geschafft, verfilmt zu werden – mit Tom Hardy, Noomi Rapace und dem verstorbenen James Gandolfini in seiner letzten großen Rolle.

Die Entstehungsgeschichte des Romans ist dabei einigermaßen kurios. Zuerst schrieb Lehane einen nie veröffentlichten Roman. Eine Figur daraus tauchte Jahre später in einer Kurzgeschichte auf, aus der er ein Drehbuch machte, um dieses dann wiederum zu einem Roman zu formen. Beim Lesen merkt man das nicht. Geboten wird die übliche hohe Qualität made by Dennis Lehane. Einziger Abschlag: Er tut dies auf weniger Seiten als üblich. Gerade einmal 224 Seiten hat das Kleinkriminellendrama.

Lehane ist für mich einer der ganz großen Erzähler, nicht nur des Genres, sondern überhaupt. Da stellt sich mir schon die Frage: Warum nur sind viele US-Autoren so begnadete Erzähler? Stehen sie tatsächlich alle in der Tradition von Mark Twain? Bei Joe R. Lansdale, über dessen Buch “Das Dickicht” ich hier zuletzt geschrieben habe, ist das ja zweifellos der Fall. Es macht einfach großen Spaß, sich so bedingungslos auf Lesereise begeben zu können.

“Das Schlimme im Menschen ist ganz alltäglich. Das Beste ist ein weit selteneres Ding.”

Es sind Sätze wie “Sie saß mit erloschenem Gesicht an einem unter das Fenster gequetschten Tisch”, die Lehane einfach so aus dem Schreiber-Ärmel schüttelt. Da entstehen sofort Bilder. Das hat Stil und große Klasse. Ich habe hier ja vor einem Jahr über Lehanes Meisterwerk “In der Nacht” geschwärmt, darum will ich hier diesmal noch ein paar andere Stimmen sprechen lassen:

“Der Schneemann” hält mit Lob nicht zurück: “Das authentische Milieu und die komplexen Charakterzeichnungen, die unerwarteten Wendungen und die liebevolle Hommage an eine Bostoner Legende machen es zwar zu einem sehr guten Krimi, aber erst das, was zwischen den Zeilen passiert, machen es zu dem, was es ist: Einem der besten Romane der letzten Jahre.”

Marcus bezeichnet auf “Krimi-Welt” “The Drop” als “ein kleines, feines Meisterwerk”, das “durchaus als Lehanes Hommage an Bostons größten Krimiautor George V. Higgins (“The Friends of Eddie Coyle”) verstanden werden” kann.

Und auch Micha ist auf seinem Blog “Was soll ich lesen?” recht begeistert: “Ein Gefühl während des Lesens, als würden meine Unterarme an einer klebrigen, dunkelbraunen Holztheke in einem dunklen Pub festkleben und Unterhaltung von Anfang bis zum Ende”, fasst er seine Eindrücke zusammen.

Einziger Kritikpunkt, wie es auch “Der Schneemann” schreibt: Der Hund hätte nicht sein müssen – zumindest nicht in dieser Ausführlichkeit. Aber das ist letztlich Geschmacksache.

9 von 10 Punkten

Dennis Lehane: “The Drop. Bargeld”, übersetzt von Steffen Jacobs, 223 Seiten, Diogenes Verlag.

Advertisements

3 Comments

Filed under Rezensionen

Krimis, die man 2014 lesen sollte (X)

(c) Droemer

(c) Droemer

Seit 1. Oktober ist Don Winslows neuer Thriller “Missing New York” erhältlich. Rein inhaltlich klingt das nicht wirklich nach Winslow: Als ein siebenjähriges Mädchen spurlos verschwindet, gibt nur Polizist Frank Decker nicht auf. Er gibt viel auf, um die Suche nach Hailey, dem Mädchen, fortzusetzen. Ein interessantes Detail: Das Buch ist wie der umstrittene Vorgänger “Vergeltung” bislang nicht in den USA erschienen. Das ist wirklich ungewöhnlich. Ob das für oder gegen das Buch spricht, werde ich hier demnächst zu erklären versuchen.

(c) Rütten & Loening

(c) Rütten & Loening

Sehr gespannt bin ich auf Stuart Nevilles “Der vierte Mann”. Das Buch ist seit 6. Oktober im Handel erhältlich. Nachdem ich die Jack-Lennon-Reihe (“Die Schatten von Belfast”, “Blutige Fehde”, “Racheengel”) verpasst habe, werde ich die Gelegenheit nutzen, um den Schotten endlich kennenzulernen. Sein 1963 angesiedelter Krimi, in dessen Zentrum in Irland untergetauchte Nazis stehen, war 2013 für den begehrten “Steel Dagger” nominiert und steht 2014 in der Short-List bei den Barry Awards in der Kategorie Thriller. Mit anderen Worten: Ein Muss.

(c) Heyne

(c) Heyne

Apropos Muss. “Ruhet in Frieden” (seit 13. Oktober im Handel) von Lawrence Block gehört auch in diese Kategorie. Wie am Cover gut erkennbar, wurde das Buch verfilmt und kommt mit Liam Neeson in der Hauptrolle Anfang November ins Kino. Es dürfte sich um einen harten Unterwelt-Krimi handeln, das müsste also eigentlich gut passen. Block ist einer meiner immer weniger werdenden blinden Krimiflecken. Blocks Serie um Matthew Scudder soll eine seiner besten sein. Von Block wurde in den vergangenen Jahren nur wenig ins Deutsche übersetzt. Bleibt zu hoffen, dass sich das nun ändert und nicht bloß eine Eintagsfliege ist.

(c) Heyne

(c) Heyne

Ebenfalls seit 13. Oktober ist Denise Minas Krimi “Das Vergessen” in den Regalen zu finden. Sie wurde bereits mit Dagger Award und Barry Award ausgezeichnet. Die Ausgangssituation klingt vielversprechend: “Ein unmöglicher Mord. Ein wohlhabender Pakistaner wurde getötet. Am Tatort die Fingerabdrücke des Straftäters Michael Brown. Doch der sitzt im Gefängnis. Alex Morrow beginnt zu ermitteln…”, heißt es im Verlagstext. Neugierig macht mich auch folgendes Zitat der Autorin: “Ich bin Feministin und schreibe feministische Bücher. Ich sehe mich weniger in der Krimitradition als in der von feministischen Autorinnen.”

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Seit 20. Oktober ist die von Thrillermeister David Baldacci herausgegebene Krimi-Anthologie “Face Off” erhältlich. Das besondere daran: Namhafte – und in diesem Fall ist das kein leeres Versprechen irgendeiner PR-Abteilung des Verlags – Krimiautoren haben sich paarweise zusammengetan, um ihre bekanntesten Ermittler gemeinsam auf die Leser loszulassen. So führt laut Verlag ein Mordgeständnis Ian Rankins John Rebus in den englischen Süden zu Peter James’ Roy Grace, Lee Childs Jack Reacher trifft in einer Bostoner Bar auf Joseph Finders Nick Heller, und Michael Connellys Harry Bosch bringt ein alter Fall zu Dennis Lehanes Patrick Kenzie. Eine geniale Idee für Liebhaber des Genres!

(c) Heyne Hardcore

(c) Heyne Hardcore

Und hier habe ich gleich eine weitere Chance, eine Krimilücke zu schließen. Altmeister James Lee Burkes “Regengötter” (seit 20. Oktober im Handel) könnte perfekt im mein aktuelles Lese-Beuteschema passen. Der Verlagstext klingt jedenfalls danach: “Ich bin hinter der alten Kirche in Chapala Crossing und habe gerade neun Leichen gefunden, die hier begraben wurden. Alles Frauen. Benachrichtigen Sie bitte das FBI und rufen Sie auch die Kollegen vom Brewster County und vom Terrell County an. Die sollen Unterstützung schicken.” Sheri Hackberry Holland steht vor einem Rätsel, wer hinter dem Massenmord im Niemandsland nahe der mexikanischen Grenze steckt. Und er legt sich mit dem organisierten Verbrechen an, das keine Gefangenen macht. Das klingt so stark nach Don Winslow (“Tage der Toten”) und Robert Crais (“Straße des Todes”), dass ich davon meine Finger nicht lassen kann.

(c) Diogenes

(c) Diogenes

Bleibt nur noch Dennis Lehanes “The Drop”, das am 29. Oktober erscheint. Es handelt sich dabei um die Romanvorlage zum Film mit Tom Hardy und dem verstorbenen James Gandolfini in seiner letzten großen Rolle. Lehane hat mich zuletzt mit “In der Nacht” mehr als überzeugt. Die Kleingangster-Geschichte “The Drop” klingt ebenfalls sehr interessant. Ich bin begeistert, binnen kurzer Zeit mit “Ruhet in Frieden” und “The Drop” zwei Krimis lesen zu können, deren Verfilmungen ich mir dann gleich im Kino ansehen kann (oder mache ich es doch umgekehrt?). Das kommt wirklich nicht oft vor.

6 Comments

Filed under Krimis, die man lesen sollte