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James Lee Burke: Regengötter

(c) Heyne Hardcore

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“Regengötter” von James Lee Burke war der wohl wichtigste Krimi 2014 (er hat deshalb auch die Jahresliste der KrimiZeit gewonnen und zuletzt den Deutschen Krimipreis in der Kategorie international abgeräumt). Für mich war dieses feine Stück Crime Fiction zwar nicht das allerbeste des Jahres (Platz vier), aber für die Wiederentdeckung dieses im deutschsprachigen Raum schwer unterschätzten Autors war das Buch immens wichtig. Zuletzt war von Burke 2002 ein neues Buch erschienen.

Nun steht eigentlich einer Burke-Renaissance nichts mehr im Wege. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen der Heyne-Hardcore-Reihe das angesichts der vielen hymnischen Kritiken auch so sehen – zwei weitere Romane um Sheriff Hackberry Holland hat Burke geschrieben: einen kurz nach “Rain Gods”, das im Original 2009 erschienen ist, und einen bereits 1971, was die ganze Angelegenheit auch nicht gerade unspannend macht.

Einen wichtigen Beitrag in dieser Richtung leistet jedenfalls der Pendragon-Verlag, der im März “Sturm über New Orleans” aus Burkes Dave-Robicheaux-Reihe auf den Markt bringt. Aus dieser Reihe wurden immerhin elf Bände ins Deutsche übersetzt, ehe man damit 2002 abrupt aufhörte. Der nun bald vorliegende Robicheaux-Krimi ist schon allein deshalb besonders interessant, weil das Setting im von Hurrikan Katrina gebeutelten New Orleans spielt.

Nun aber zurück zu “Regengötter”. Es wurde ja schon so viel Gutes darüber geschrieben, dass es schwerfällt dem noch neue Nuancen hinzuzufügen. Nur kurz zur Geschichte: Hinter einer verlassenen Kirche in Texas findet der in die Jahre gekommene Sheriff Hackberry Holland die Leichname von neun Frauen – illegalen Migrantinnen. Sie wurden offenbar hektisch vergraben, denn die Erde wurde nur notdürftig mit dem Bulldozer plattgewalzt. Einige der Frauen dürften sogar noch gelebt haben, als sie begraben wurden.

Der abgebrühte Killer wird von Frauen verprügelt

Burke erzählt “eine zeitlose Geschichte über Menschen, die üble Taten begehen, Schuld auf sich laden und trotzdem versuchen, Mensch zu bleiben. Die einen stehen auf der Seite des Gesetzes, die anderen sind Verbrecher. Doch Burke vermeidet simples Schwarz-Weiß. Selten zuvor war Grau so schön.” Das habe ich in meiner Rezension in der “Presse am Sonntag” geschrieben. Und: “Die idyllischen Landschaftsbilder stehen im unbarmherzigen Kontrast zu jener physischen und psychischen Gewalt, die sich die Menschen ständig gegenseitig zufügen.”

Faszinierend ist auch wie schnell sich geschlossene Bündnisse zwischen den Kriminellen auflösen, wieder umkehren und wieder komplett neu strukturieren. Und das ständig. Jeder ist sich selbst der nächste, letztlich geht es auch um nicht weniger als das pure Überleben. Ganovenehre? Das ist wohl einer der großen Mythen der Kriminalliteratur. Der psychopathische Killer Preacher sticht da teilweise als moralischer Fels aus der verlogenen Masse überlebenswilliger Krimineller heraus. Er ist zweifellos die faszinierendste Figur im Burke-Kosmos: “Preacher zeigt sich gnädig, wo andere Mörder ihren Job einfach verrichtet hätten, dann aber wieder gnadenlos, wenn man nicht mehr damit rechnet. Und wohl noch nie zuvor hat sich ein abgebrühter Killer so oft von Frauen verprügeln lassen.”

Zum Schluss noch mein Lieblingszitat: In einer Szene erklärt Preacher, warum er seine Hauptmahlzeit erst am Abend zu sich nimmt, und auch da nur einen halben Teller:

„Ein Pferd hat den Magen immer nur bis zur Hälfte gefüllt. Somit hat es genug Energie, um sich gegen seine Feinde zu wehren oder zu fliehen, und wird gleichzeitig nicht schwerfällig durch einen vollen Bauch.“

Und hier ein paar andere Meinungen:

 “Burkes Amerika ist eine ausgebrannte Tankstelle”, schreibt “Der Schneemann”.

“Krimi Lese” urteilt: “Das alles ist ganz großes Kino.”

Micha fasst es auch schön zusammen: “Die Mörder sind wie das gesamte Buch: unvorhersehbar. Und skrupellos. Alle sind nur auf den eigenen Vorteil aus.”

Die volle Punkteanzahl vergebe ich deshalb nicht, weil es mir dann doch ein paar Leichen zu viel waren (das müsste man fast mal nachrechnen). Ob man dann tatsächlich in dieser Quantität in Texas morden kann, ohne dass es für größeres Aufsehen sorgt? Hoffentlich nicht!

9 von 10 Punkten

James Lee Burke: “Regengötter”, übersetzt von Daniel Müller, 672 Seiten, Heyne Hardcore.

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KrimiZeit-Bestenliste im Jänner: Ein Abgleich

(c) Heyne Hardcore

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Die KrimiZeit-Bestenliste vom Jänner erinnert mich daran, dass ich James Lee Burkes “Regengötter” und Kim Zupans “Die rechte Hand des Teufels” hier noch nicht besprochen habe. Ich habe beide Bücher Ende Dezember gelesen, bin aber bisher einfach nicht dazu gekommen, meine Leseeindrücke niederzuschreiben. “Regengötter” habe ich zumindest auf Platz vier meiner persönlichen Jahresbestenliste 2014 gereiht. Zupan ist daran vorbeigeschrammt, nachdem ich ihn lange fix darin gewähnt habe, mich das Buch gegen Ende hin aber doch nicht so ganz überzeugt hat.

Denise Minas “Das Vergessen” lese ich gerade. Ich habe dann also tatsächlich in Kürze die aktuellen Top-3 der KrimiZeit gelesen – ich glaube, das habe ich noch nie geschafft. Mina, die ich bislang nicht kannte, überzeugt mich bisher. Mir gefällt ihr Stil, die Geschichte ist interessant – ich glaube, sie fällt genau in mein schottisches Lese-Beuteschema.

Über Doblers “Ein Bulle im Zug” habe ich hier ja schon geschrieben: “Er ist ein Meister der kleinen Szenen”. Andrew Browns “Trost” habe ich leider nicht gelesen, der Autor hat mich aber bei seiner Lesung in Wien sehr überzeugt.

“London Underground” von Oliver Harris würde mich auch sehr reizen, aber ich fürchte das Buch muss erst einmal warten. Das Harris-Debüt “London Killing” fand ich in Ansätzen gelungen, gegen Ende hin war es mir aber zu banal. Eigentlich würde ich dem Autor daher gern noch eine Chance geben, auch weil das Buch zu großen Teilen im Untergrund von London spielt – ein Londoner Dritter Mann also 🙂

Und von Nathan Larsons “2/14” (ebenfalls Top-10 in meiner Jahresliste 2014) war ich begeistert, zu “Boogie Man” bin ich aber auch noch nicht gekommen. Das Buch taucht aber zum Beispiel bei Krimi-Welt unter den Top-Büchern 2014 auf.

Die Liste im Überblick:

1 (1) James Lee Burke: Regengötter
2 (-) Denise Mina: Das Vergessen
3 (3) Kim Zupan: Die rechte Hand des Teufels
4 (2) Max Annas: Die Farm
5 (8) Volker Kutscher: Märzgefallene
6 (4) Franz Dobler: Ein Bulle im Zug
7 (10) Andrew Brown: Trost
8 (7) Oliver Harris: London Underground
9 (6) Jo Nesbo: Der Sohn
10 (-) Nathan Larson: Boogie Man

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Krimis, die man 2014 lesen sollte (X)

(c) Droemer

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Seit 1. Oktober ist Don Winslows neuer Thriller “Missing New York” erhältlich. Rein inhaltlich klingt das nicht wirklich nach Winslow: Als ein siebenjähriges Mädchen spurlos verschwindet, gibt nur Polizist Frank Decker nicht auf. Er gibt viel auf, um die Suche nach Hailey, dem Mädchen, fortzusetzen. Ein interessantes Detail: Das Buch ist wie der umstrittene Vorgänger “Vergeltung” bislang nicht in den USA erschienen. Das ist wirklich ungewöhnlich. Ob das für oder gegen das Buch spricht, werde ich hier demnächst zu erklären versuchen.

(c) Rütten & Loening

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Sehr gespannt bin ich auf Stuart Nevilles “Der vierte Mann”. Das Buch ist seit 6. Oktober im Handel erhältlich. Nachdem ich die Jack-Lennon-Reihe (“Die Schatten von Belfast”, “Blutige Fehde”, “Racheengel”) verpasst habe, werde ich die Gelegenheit nutzen, um den Schotten endlich kennenzulernen. Sein 1963 angesiedelter Krimi, in dessen Zentrum in Irland untergetauchte Nazis stehen, war 2013 für den begehrten “Steel Dagger” nominiert und steht 2014 in der Short-List bei den Barry Awards in der Kategorie Thriller. Mit anderen Worten: Ein Muss.

(c) Heyne

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Apropos Muss. “Ruhet in Frieden” (seit 13. Oktober im Handel) von Lawrence Block gehört auch in diese Kategorie. Wie am Cover gut erkennbar, wurde das Buch verfilmt und kommt mit Liam Neeson in der Hauptrolle Anfang November ins Kino. Es dürfte sich um einen harten Unterwelt-Krimi handeln, das müsste also eigentlich gut passen. Block ist einer meiner immer weniger werdenden blinden Krimiflecken. Blocks Serie um Matthew Scudder soll eine seiner besten sein. Von Block wurde in den vergangenen Jahren nur wenig ins Deutsche übersetzt. Bleibt zu hoffen, dass sich das nun ändert und nicht bloß eine Eintagsfliege ist.

(c) Heyne

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Ebenfalls seit 13. Oktober ist Denise Minas Krimi “Das Vergessen” in den Regalen zu finden. Sie wurde bereits mit Dagger Award und Barry Award ausgezeichnet. Die Ausgangssituation klingt vielversprechend: “Ein unmöglicher Mord. Ein wohlhabender Pakistaner wurde getötet. Am Tatort die Fingerabdrücke des Straftäters Michael Brown. Doch der sitzt im Gefängnis. Alex Morrow beginnt zu ermitteln…”, heißt es im Verlagstext. Neugierig macht mich auch folgendes Zitat der Autorin: “Ich bin Feministin und schreibe feministische Bücher. Ich sehe mich weniger in der Krimitradition als in der von feministischen Autorinnen.”

(c) Goldmann

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Seit 20. Oktober ist die von Thrillermeister David Baldacci herausgegebene Krimi-Anthologie “Face Off” erhältlich. Das besondere daran: Namhafte – und in diesem Fall ist das kein leeres Versprechen irgendeiner PR-Abteilung des Verlags – Krimiautoren haben sich paarweise zusammengetan, um ihre bekanntesten Ermittler gemeinsam auf die Leser loszulassen. So führt laut Verlag ein Mordgeständnis Ian Rankins John Rebus in den englischen Süden zu Peter James’ Roy Grace, Lee Childs Jack Reacher trifft in einer Bostoner Bar auf Joseph Finders Nick Heller, und Michael Connellys Harry Bosch bringt ein alter Fall zu Dennis Lehanes Patrick Kenzie. Eine geniale Idee für Liebhaber des Genres!

(c) Heyne Hardcore

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Und hier habe ich gleich eine weitere Chance, eine Krimilücke zu schließen. Altmeister James Lee Burkes “Regengötter” (seit 20. Oktober im Handel) könnte perfekt im mein aktuelles Lese-Beuteschema passen. Der Verlagstext klingt jedenfalls danach: “Ich bin hinter der alten Kirche in Chapala Crossing und habe gerade neun Leichen gefunden, die hier begraben wurden. Alles Frauen. Benachrichtigen Sie bitte das FBI und rufen Sie auch die Kollegen vom Brewster County und vom Terrell County an. Die sollen Unterstützung schicken.” Sheri Hackberry Holland steht vor einem Rätsel, wer hinter dem Massenmord im Niemandsland nahe der mexikanischen Grenze steckt. Und er legt sich mit dem organisierten Verbrechen an, das keine Gefangenen macht. Das klingt so stark nach Don Winslow (“Tage der Toten”) und Robert Crais (“Straße des Todes”), dass ich davon meine Finger nicht lassen kann.

(c) Diogenes

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Bleibt nur noch Dennis Lehanes “The Drop”, das am 29. Oktober erscheint. Es handelt sich dabei um die Romanvorlage zum Film mit Tom Hardy und dem verstorbenen James Gandolfini in seiner letzten großen Rolle. Lehane hat mich zuletzt mit “In der Nacht” mehr als überzeugt. Die Kleingangster-Geschichte “The Drop” klingt ebenfalls sehr interessant. Ich bin begeistert, binnen kurzer Zeit mit “Ruhet in Frieden” und “The Drop” zwei Krimis lesen zu können, deren Verfilmungen ich mir dann gleich im Kino ansehen kann (oder mache ich es doch umgekehrt?). Das kommt wirklich nicht oft vor.

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