“Schwarzlicht” von Horst Eckert kommt im Herbst

Twitter ist schon toll: Da entdecke ich einen neuen Follower (@Kriminalinski) und erfahre dort, dass im Herbst der Roman des deutschen Krimiautors Horst Eckert auf den Markt kommt. “Schwarzlicht” soll er heißen. Eckert hat 2011 mit “Der Schwarze Schwan” einen der besten Krimis geschrieben, die sich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise befassen (zu meiner Kurzkritik von damals). Ich habe Eckert damals auch per E-Mail kurz interviewt, für alle die es interessiert. Nur hier ein kurzes Zitat von damals: “Ein guter Krimi unterhält nicht nur spannend, sondern führt auch in die Abgründe der menschlichen Seele und die verborgenen Ecken der Gesellschaft.”

(c) Grafit

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Und auf der eben entdeckten Blog-Seite kriminalinski sagt er: “Für mich ist – im Unterschied zu vielen Kollegen – Mord keine lustige Unterhaltung, sondern ein Beweis dafür, dass das Böse in uns steckt. Beim Schreiben möchte ich anhand meiner Figuren erforschen, wie wir Menschen ticken, was extreme Situationen aus uns machen können und wie wir uns darin verhalten.” Ich finde das wichtig und nicht selbstverständlich, denn allzu oft geht es im Krimi-Genre einfach um “lustiges” Morden, das so blutig wie möglich sein soll, nur um Grenzen auszureizen.

Seine kurze Beschreibung, worum es in “Schwarzlicht” gehen soll, klingt schon mal vielversprechend: “In ‘Schwarzlicht’ ist das Mordopfer ein Ministerpräsident und trägt Züge von Uwe Barschel oder Christian Wulff.” Ich bin wirklich gespannt auf das neue Buch dieses Krimi-Ausnahmetalents.

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15 Dinge, die nichts in einem Krimi verloren haben

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Ich mag den irischen Autor Adrian McKinty, seit ich sein Buch “Der sichere Tod”, den Auftakt zu seiner sogenannten Dead-Trilogie, gelesen habe. Mit “Ein letzter Job” hat er mich voriges Jahr auch nicht enttäuscht. Er zählt zu jenen wenigen Krimiautoren, auf deren Neuerscheinungen ich wirklich schon warte. Und bald ist es so weit: Im Juni kommt “Der katholische Bulle”, Auftakt zu seiner Serie rund um Detective Sergeant Sean Duffy in die Buchgeschäfte.

Unabhängig davon schreibt McKinty einen der interessantesten Blogs, der von einem Krimiautor verfasst wird. Unter dem Motto “The Psychopathology of Everyday Life” lässt er seinen Gedanken freien Lauf – auch zu seinem Genre. Und da hat er nun in seinem aktuellen Beitrag wieder einmal ins Schwarze getroffen: Er zählt darin 15 Dinge auf, der er am liebsten aus der zeitgenössischen Kriminalliteratur verbannen würde:

1. Clever serial killers
2. Stupid serial killers
3. Child Murderers
4. Serial Rapists
5. Everything from Scandinavia
6. Torture Porn
7. Working class stereotypes
8. Architects
9. Gallery owners
10. Books with recipes
11. Detectives baffled by basic scientific facts/mathematics
12. Detectives who solve crimes with magic or fairy dust (Lizbeth Sallander, the BBC’s Sherlock etc.)
13. Detectives who solve crimes with cats
14. Cops who haven’t heard of Ernest Hemingway or other basic elements of contemporary culture (this is an extension of #7 above).
15. Super villains.

Vor allem bei den Punkten 1 bis 4, 6 und 15 spricht er mir total aus der Seele. Wenn ich Serienmörder höre, schrillen bei mir die Alarmglocken. Das war wohl auch ein Grund, warum es so lange gedauert hat, bis ich das erste Buch von Ian Rankin gelesen habe. Aber Rankin schreibt auch keine klassischen Serienmörder-Krimis, wie auch meine Besprechung von “Mädchengrab” zeigt. Mit dem ausgezeichneten “Das Schweigen der Lämmer” von Thomas Harris habe ich jedenfalls meinen persönlichen Serienmörder-Bedarf gedeckt. Zu Punkt 5: Irische und schottische Krimis ziehe ich Schweden-Krimis vor, mit denen ich noch nicht so richtig warm geworden bin – aber das ist halt Geschmackssache. Und diese Super-Bösen (Punkt 15) halte ich auch gar nicht aus. Das hat mir zuletzt auch das sonst ziemlich geniale “Das eiserne Haus” von John Hart ein wenig vermiest…

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Ian Rankin: Mädchengrab

(c) Manhattan

(c) Manhattan

17 John-Rebus-Romane hat der Schotte Ian Rankin geschrieben und sich damit Kultstatus erarbeitet. Der Autor musste seine Figur aber erst nach fünfjähriger Pause wiederauferstehen lassen und den 18. Band seiner Reihe schreiben, ehe ich es nun geschafft habe, mit “Mädchengrab” meine Rankin-Rebus-Premiere zu feiern. Und ich muss zugeben: Ich bin begeistert. Das Buch mag sich zwar nicht genial auflösen, aber ich habe selten ein derart atmosphärisch dichtes Werk gelesen, das auch mit gekonnter Charakterzeichnung auftrumpft. Rankin ist weit weg von der schwedischen Krimi-Tristesse, mit der ich persönlich meine Probleme habe. Da schwingt auch immer wieder feiner Humor einer Art durch, wie ihn wohl wirklich nur Briten haben.

Ein kurzer Exkurs: Besonders hervorheben will ich hier auch die Übersetzerin Conny Lösch, die bereits einige Werke von Don Winslow, aber auch “Crime Machine” von Howard Linskey übersetzt hat. Ich würde sogar sagen: Ein Buch, das Lösch übersetzt hat, kann man eigentlich blind kaufen. Ich habe noch keines gelesen, das nicht gut war. Ich werde daher demnächst hier auch mal einen Beitrag über die Bedeutung von Übersetzern am Beispiel Lösch schreiben.

Nun aber zurück zu Rankin und Rebus. Das Buch ist dem 2011 verstorbenen Folk-Sänger Jackie Leven, einem guten Freund Rankins, gewidmet. Das spiegelt sich auch im Originaltitel “Standing in Another Man’s Grave”, eine Anspielung an einen Levin-Songtitel, wieder. Wenn Rebus am Beginn des Buches am Rand eines Grabes steht, ist das ein wenig wohl auch eine literarische Verbeugung Rankins vor seinem singenden Freund. Übrigens wird sich auch der Titel von Rebus-Roman Nummer 19 – der im November 2013 auf Englisch erscheint – auf einen Song von Levin beziehen: “Saints of the Shadow Bible”.

Zur Handlung: Der ehemalige Detective Inspector John Rebus ist in Rente gegangen. In einer “Cold Case”-Abteilung der Polizei geht er aber ungelösten Fällen nach. So stößt er auch auf den Fall vier verschwundener Mädchen. Im Zuge der Ermittlungen hat Rebus auch mit seiner ehemaligen Kollegin Siobhan Clarke zu tun, die ihm hilft, obwohl sich das für ihre Karriere eher als hinderlich erweist. Ein großer Teil des Charmes des Buches wurzelt in der spannungsgeladenen Beziehung zwischen Rebus und Clarke – Rankin-Fans wissen sicher viel mehr über die Entwicklung und die Geschichte der beiden. Man kann das aber auch ganz gut lesen, ohne die Vorgeschichte zu wissen.

Rankin hat zudem den internen Ermittler Malcolm Fox, der korrupten Polizisten das Handwerk legt, in die Handlung von “Mädchengrab” eingebaut. Nachdem Rankin Rebus in Rente geschickt hatte, erschuf er mit Fox eine neue Figur. Nun führt er diese beiden zusammen. Fox bleibt aber ziemlich farblos, die Sympathien liegen ganz eindeutig bei Rebus.

Rankin hat mit “Mädchengrab” einen packenden Krimi mit viel Lokalkolorit, dichter Atmosphäre und glaubwürdigen Charakteren geschrieben. Das Buch mag zwar nicht sein Meisterwerk sein, aber aus der Krimi-Publikationsflut strahlt es immer noch wie ein Leuchtturm hervor. Für mich steht fest: Das war sicher nicht mein letzter Rankin-Roman und auch nicht mein letzter Rebus-Roman. Da ich Rankin aber noch von anderen Seiten kennenlernen will, habe ich mir “Bis aufs Blut” (geschrieben als Jack Harvey) bestellt. In dem Buch steht ein Killer im Zentrum der Geschichte.

Einziger Kritikpunkt: Das Cover mit dem toten Vogel steht in keinem Zusammenhang mit dem Buch. Ich zitiere dazu aus der Rezension der Krimibuchhandlung Hammett, die es auf den Punkt bringt: “Wieder ein toter kleiner Vogel auf weißem Grund, natürlich noch mit ein paar Blutstropfen drapiert. Warum nur? Warum sind die Covergestalter seit Jahren nur so von diesen Tieren besessen?”

Ian Rankin: “Mädchengrab”, übersetzt von Conny Lösch, Manhattan, 507 Seiten.

8 von 10 Punkten

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Krimis, die man 2013 lesen sollte (V)

(c) Heyne

(c) Heyne

Der Mai ist auch aus Krimi-Sicht ein Wonnemonat: In den nächsten Tagen erscheinen einige der Bücher, die für mich zu den Highlights des Jahres zählen. Mal schauen, ob sie die hohen Erwartungen erfüllen. Den Beginn macht Warren Ellis mit “Gun Machine” (13. Mai). Warren Ellis ist eigentlich ein hervorragender Graphic Novelist, der auch Romane schreibt. Der Verlag preist das Buch folgendermaßen: Detective Tallow muss mitansehen, wie sein Partner von einem Irren niedergeschossen wird, woraufhin er zufällig ein verrammeltes Apartment entdeckt, das bis zur Decke mit Waffen vollgestopft ist. Jede einzelne davon hat einen Menschen getötet hat – und keiner dieser Morde wurde je aufgeklärt. Hunderte Fälle, die bereits bei den Akten lagen, müssen somit neu aufgerollt werden … Das klingt nach einem wahren Höllentrip voll schwarzem Humor und viel Action. Das kann aber auch gewaltig in die Hose gehen. Der erste Satz scheint jedenfalls vielversprechend: “Wenn man sich die Aufnahme des Notrufs anhörte, konnte man den Eindruck bekommen, die Tatsache, dass der Mann vor ihrer Apartmenttür nackt war, bereitete Mrs. Stegman mehr Sorgen als die großen Schrotflinte in seiner Hand.” Für mich eine der spannendsten Neuerscheinungen dieses Jahres.

(c) Dumont

(c) Dumont

Einer meiner Lieblingsautoren legt dann am 21. Mai nach: “Stiller Zorn” von James Sallis ist der Auftakt der Lew-Griffin-Serie, die angesichts seiner Erfolge (“Driver”, “Driver 2″) bei Dumont wiederaufgelegt wird. Das Werk aus dem Jahr 1992 erschien bereits 1999 unter dem Titel “Die langbeinige Fliege”. Sallis hat zwischen 1992 und 2001 insgesamt sechs Teile rund um den schwarzen Privatdetektiv Lew Griffin geschrieben, von denen aber nur die ersten beiden auf Deutsch erschienen sind. Vielleicht werden ja nun alle sechs Bänder veröffentlicht – hoffen kann man zumindest.

(c) C. Bertelsmann

(c) C. Bertelsmann

Ende Mai erscheint dann “Das Fest der Schlange” (28. Mai) von Stephen Dobyns. Der Autor feiert im deutschsprachigen Raum damit eine Art Wiederauferstehung. Von Dobyns war zuletzt “Der Junge im Pool” (1998) auf Deutsch erschienen. Dobyns gilt als Meister des intelligenten Psychothrillers. Zum Inhalt schreibt der Verlag: Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht in der kleinen Stadt Brewster in Rhode Island: Auf der Säuglingsstation ist ein Baby verschwunden, und im Bettchen liegt eine Schlange. Dann wird ein Toter gefunden, ermordet und grausam skalpiert. Und wo kommen die Kojoten her, die nachts durch die Stadt streifen? Haben die seltsamen Hippies etwas damit zu tun? Betreiben sie einen Hexen- und Satanskult? Als auch noch eine Katze erhängt aufgefunden wird, gerät ganz Brewster in Panik. Kein Wunder, dass Stephen King dieses Buch empfiehlt.

(c) Goldmann

(c) Goldmann

Ebenfalls im Mai geht Michael Robothams “Bis du stirbst”  (20. Mai) ins Rennen. Ich habe von dem Autor bisher nichts gelesen, aber über ihn werden wahre Lobeshymnen – vor allem über sein letztes Werk “Der Insider” verfasst. Das aktuelle Buch scheint eine gute Möglichkeit, den Autor kennenzulernen.

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Dennis Lehane gewinnt Edgar Award

(c) Harper

(c) Harper

Bereits im Jänner habe ich an dieser Stelle von den Nominierungen für den diesjährigen Edgar Award berichtet. Nun steht der Sieger in der Hauptkategorie fest: Dennis Lehane. Es hätte wohl kaum einen – ohne die anderen Spannungsautoren herabsetzen zu wollen – würdigeren Preisträger geben können. Verwunderlich ist eigentlich nur, dass es erst sein erster Edgar ist. Für “Gone, Baby, Gone” und “Mystic River” erhielt er zwar den ebenfalls begehrten Barry Award, aber erst mit seinem neuesten Werk “Live by Night” gelang ihm der Erfolg.

Drei seiner Bücher wurden übrigens erfolgreich verfilmt: “Gone, Baby Gone” (Regie: Ben Affleck, Hauptrolle: Casey Affleck), “Mystic River” (Regie: Clint Eastwood, Hauptrolle: Sean Penn) und “Shutter Island” (Regie: Martin Sorcese, Hauptrolle: Leonardo DiCaprio). Zudem schrieb Lehane drei Drehbücher für die US-TV-Serie “The Wire” (wofür er zweimal mit einem Edgar in der Kategorie “Best Television Feature/Mini-Series Teleplay” belohnt wurde). Der diesjährige Oscar-Gewinner Ben Affleck (“Argo”), der wie ja oben erwähnt bereits ein Lehane-Buch verfilmt hat, hat übrigens im Jänner bekanntgegeben, dass “Live by Night” sein nächstes Filmprojekt sein wird (mehr dazu…). Da darf man schon gespannt sein.

“Live by Night” spielt im Boston der 1920er Jahre, also mitten in der Prohibitionszeit. Nach seinem hochgelobten Krimi-Epos “Im Aufruhr jener Tage”, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs spielt, begibt sich der Autor also erneut auf eine Zeitreise. Der Verlag schreibt über das Buch: “Boston, 1926. The 20s are roaring. Liquor is flowing, bullets are flying, and one man sets out to make his mark on the world. Prohibition has given rise to an endless network of underground distilleries, speakeasies, gangsters, and corrupt cops. Joe Coughlin, the youngest son of a prominent Boston police captain, has long since turned his back on his strict and proper upbringing. Now having graduated from a childhood of petty theft to a career in the pay of the city’s most fearsome mobsters, Joe enjoys the spoils, thrills, and notoriety of being an outlaw. But life on the dark side carries a heavy price.”

Wer mehr darüber wissen will, wie Lehane so tickt, dem sei folgendes “New York Times”-Interview nahezulegen. Zur Autoren-Homepage geht es hier.

Und: Chris Pavone wurde für sein Erstlingswerk “The Expats” (“Die Frau, die niemand kannte”) ausgezeichnet.

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KrimiZeit-Bestenliste Mai – Ein Abgleich

(c) Droemer

(c) Droemer

Ein guter Monat beginnt mit der KrimiZeit-Bestenliste. Seit Donnerstag ist das aktuelle Genre-Ranking verfügbar. Dass Sara Gran im Mai mit “Das Ende der Welt” den Sprung an die Spitze geschafft hat, ist nicht wirklich überraschend. Nach dem Einstieg auf Platz 3 im April war das fast schon erwartbar. Zudem lässt sich auf dem Buchrücken nachlesen, dass die KrimiZeit-Jury-Mitglieder Tobias Gohlis und Thomas Wörtche vom Vorgänger “Die Stadt der Toten” begeistert waren. Ein Heimspiel sozusagen. Die Autorin hat übrigens auch den Deutschen Krimipreis 2013 gewonnen. Ich werde hier in Kürze meine Eindrücke niederschreiben. Ich habe gerade Seite 300 absolviert und nähere mich dem Ende. Mehr sei vorerst nicht verraten.

Auf Rang 2 vorgerückt ist der Italiener Giancarlo de Cataldo mit “Der König von Rom”, seiner Vorgeschichte zu “Romanzo Criminale” (zu meiner Kritik). Auf den Plätzen 3 bis 5 tummeln sich dann drei Neueinsteiger, von denen ich Olen Steinhauer hervorheben will. “Die Spinne” ist sein dritter Milo-Weaver-Roman, der damit das Geheimdienst-Genre kräftig belebt. Ich habe den Weaver-Auftakt “Der Tourist” gelesen, der Nachfolger “Last Exit” steht bereits in meinem Regal. Eine gute Wahl würde ich sagen, zumal Steinhauer im deutschsprachigen Raum bislang wohl nur als Geheimtipp gehandelt wird.

Auf Platz 6 folgt schließlich Elmore Leonard mit “Raylan” (zu meiner Kritik). Ehre, wem Ehre gebührt. Leonard ist damit bereits zum dritten Mal vertreten – ebenso wie Joe R. Lansdale mit “Dunkle Gewässer”, der nach seinem April-Sieg auf Rang 8 abgerutscht ist. Meine Kritik zu Lansdales bluttriefender Huckleberry-Finn-Interpretation gibt es hier demnächst zu lesen. Auf Platz 7 dazwischengeschummelt hat sich Neueinsteiger Daniel Suarez mit “Kill Decision”, dessen Cover ich zum besten des Monats April gewählt habe. Von dem Buch werde ich nach meinen Erfahrungen mit den Vorgängern “Daemon” und “Darknet” aber die Finger lassen. Suarez behandelt zwar äußerst brennende und spannende Themen, kann aber meiner Meinung nach einfach nicht erzählen.

Auf Cathi Unsworths “Opfer”, das von Rang 6 auf 9 abgerutscht ist, freue ich mich schon. Gleich nach Ende der Gran-Lektüre rückt Unsworth nach. Ich bin schon auf den Vergleich zu Gran gespannt, werden die beiden doch momentan als die weiblichen Innovatorinnen des Krimi-Genres gepriesen. Und mit Ian Rankins “Mädchengrab” hat es ein wahrer Krimi-Veteran gerade noch ins Ranking geschafft. Es war mein erster Rebus (und Rankins Rebus Nummer 18). Aber so viel steht fest: Es war sicher nicht mein letzter. Ich werde nun vielleicht einfach von vorn beginnen. Auch dazu in Kürze mehr…

Die Liste im Überblick:

  1. Sara Gran: “Das Ende der Welt”
  2. Giancarlo de Cataldo: “Der König von Rom”
  3. Robert Hültner: “Am Ende des Tages”
  4. Olen Steinhauer: “Die Spinne”
  5. Matthias Wittekindt: “Marmormänner”
  6. Elmore Leonard: “Raylan”
  7. Daniel Suarez: “Kill Decision”
  8. Joe R. Lansdale: “Dunkle Gewässer”
  9. Cathi Unsworth: “Opfer”
  10. Ian Rankin: “Mädchengrab”

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J. R. Moehringer: Knapp am Herz vorbei

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Willie Sutton (1901-1980) war einer der beliebtesten Bankräuber aller Zeiten. Er galt als eine Art Gentleman-Verbrecher, der dutzende Banken ausraubte, dabei keinen einzigen Schuss abfeuerte und mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbrachte. J.R. Moehringer hat sich dieser faszinierenden Legende gewidmet und mit “Knapp am Herz vorbei” vorbei ein außergewöhnliches Porträt geschrieben, das aber auch reine Fiktion sein könnte. Das gibt Moehringer in einer Anmerkung auch zu: “Dieses Buch ist meine Vermutung. Und zugleich mein Wunsch.” Fakten und Fiktion sind nicht voneinander zu trennen.

Aber wohl auch das macht den Reiz dieser einfühlsamen Geschichte aus. Letztlich ist es nicht so wichtig, ob all das so passiert ist oder nicht – Moehringer hat etwas geschafft, das nur selten gelingt. Er hat nicht nur einen spannenden Roman geschrieben, sondern ein Stück große Literatur. “Knapp am Herz vorbei” ist ein Stück großer Erzählkunst. Daher sei es Moehringer auch verziehen, das er dem Mythos des Bankräubers phasenweise selbst erliegt. Doch er schreckt nicht davor zurück, das in einer Szene zu thematisieren: “Du hast gesagt, du hättest nie jemanden verletzt, worauf du sehr stolz bist, aber sieh dir die Leute an, die dir über den Weg gelaufen sind. Wie ist es ihnen ergangen? Sie sind im Gefängnis, blind oder tot.” Und: “Ein sympathischer Verbrecher kann tödlicher sein als ein zähnefletschender Axtmörder, weil die Leute nicht die nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen.”

“Der ganze F.-Scott-Fitzgerald-Schwachsinn”

Willie Sutton muss vor dem Hintergrund seiner Zeit verstanden werden: Der 1920er- und 1930er-Jahre, also den Jahren vor und während der Großen Depression – obwohl diese gar nicht so leicht zu trennen sein dürften, wie es einmal heißt: “Alle glauben, dass die zwanziger Jahre golden waren. Dass die Leute über Nacht reich wurden, der ganze F.-Scott-Fitzgerald-Schwachsinn, aber lasst euch von Willie sagen, das Jahrzehnt hat mit einer Depression angefangen und mit einer Depression aufgehört, und dazwischen gab es viele nervenaufreibende Tage.”

Suttons Motivation beschreibt Moehringer einmal so: “Ich wusste, dass es falsch war. Aber es war auch falsch, dass ich hungrig war.” Wie dem auch sei – der Autor hat ein Buch voll einprägsamer Charaktere und lebenskluger Zitate rund um “Willie The Actor” geschrieben. Diese Spitznamen erhielt er, weil er sich bei seinen Überfällen mit Vorliebe verkleidete. “Der Spiegel” beschrieb den Bankräuber bereits 1952 als “Asphalt-Robin-Hood”. Denn die eigentlichen Bösen hat Moehringer längst ausgemacht, wie er in einem Interview mit dem Fischer-Verlag zugibt: “Ich arbeitete gerade an einem anderen Projekt, als mich 2008 der Höhepunkt der Bankenkrise so unglaublich wütend auf die Banker machte, die Riesensummen kassierten, aber das Geld anderer zum Fenster hinauswarfen. Für mich sind Banker die Architekten der Apokalypse. Nur einer konnte meine Wut auf die Banken übertreffen: ein Bankräuber.”

Das Willie-Sutton-Gesetz

Der echte Willie Sutton wurde übrigens auch als Ausbrecher-König bekannt. Ihm gelang mehrmals die Flucht aus dem Gefängnis – einmal budelte er sogar mit Komplizen einen 30 Meter langen Tunnel. Ein Spruch wird ihm hartnäckig zugeordnet: “Weil dort das Geld ist”, soll er begründet haben, warum er Banken überfallen habe. In seinen Memoiren wies er das aber zurück. Dies sei wohl die Erfindung irgendeines Journalisten gewesen. Warum er Banken ausgeraubt habe? Die Antwort passt nicht ganz in das idealsierte Bild von Sutton: “Weil ich es genossen habe. Ich habe es geliebt.”

Dennoch wird auf Management-Schulen aufgrund des falschen Zitats bis heute die sogenannte Willie-Sutton-Regel gelehrt: Diese beinhaltet die Maxime, dass es absolut logisch sei, sich auf die Bereiche zu konzentrieren, die den größten Profit abwerfen. Manager sollen der Regel zufolge ihre Bemühungen auf jene Aktivitäten lenken, die den größten Ertrag bringen.

Wenn sich schon alles darum dreht, diesmal ein kurzes monetäres Fazit: Jede Seite dieses Buches ist ihr Geld wert.

J.R. Moehringer: “Knapp am Herz vorbei”, übersetzt von Brigitte Jakobeit, S. Fischer, 444 Seiten.

9 von 10 Punkten

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