Die zehn besten Krimis des Jahres 2015

Das alte Jahr ist vorbei und ich freue mich auf all die Krimineuerscheinungen des neuen Jahres. Ich will aber kurz zurückblicken: 2015 war ein spannendes Jahr, das tolle Kriminalliteratur hervorgebracht hat. Wieder durfte ich neue Autoren entdecken und altbekannte Meister genießen. Die Flop-Quote von zwei Büchern (“Trigger Mortis”, “Freedom’s Child”) war bei rund 40 gelesenen Krimis eher gering. Nicht in meine Top-10 hat es zwar Lee Child geschafft, dessen Jack-Reacher-Reihe habe ich jedoch begeistert für mich entdeckt. Nun aber los:

(c) Tropen Verlag

(c) Tropen Verlag

Platz 10: “Der Wintertransfer”

Das hat mich vielleicht am meisten überrascht. Ein Fußballkrimi hat es in meine Liste geschafft. Ich habe es zwar noch immer nicht geschafft, Philip Kerrs historische Bernie-Gunther-Reihe kennenzulernen, dafür hat mich dieser bissige und bitterböse Krimi am falschen Fuß erwischt und schwindling gespielt. Kerr prangert die Kommerzialisierung des Sports an, ist dabei aber so erfrischend unterhaltsam. Moralischen Zeigefinger erspart er sich auch.

Kerr beweist sich damit zweifellos als einer der vielseitigsten (man darf hier nicht vergessen, seine Wissenschaftsthriller “Das Wittgensteinprogramm” und “Game over” zu erwähnen) Autoren des Genres. Er schreibt zwar in Serie, aber in verschiedenen Sub-Genres, Hut ab.

Die frohe Botschaft: Kerr geht in die Verlängerung: Teil zwei der Serie rund um Trainer und Ermittler Scott Manson, “Die Hand Gottes”, wird im März 2016 erscheinen. Ich bin dann wieder im Stadion mit dabei!

(c) Heyne Hardcore

(c) Heyne Hardcore

Platz 9: “Feindesland”

Noch so eine Überraschung. Adam Sternberghs “Spademan” war 2014 für mich eine der großen Enttäuschungen. Doch irgendwie schaffte es “Feindesland” auf meinen Bücherstapel und ich begann das Buch eigentlich eher widerwillig zu lesen, weil gerade nichts anderes da war. Wie in seinem Debüt fesselte mich die Geschichte rasch, doch bei “Spademan” war zur Halbzeit irgendwie die Luft raus: Das viele unnötige Blutvergießen. Nur ein futuristisches Setting reichte da nicht aus, mir war das zu glatt. Zu konventionell und pseudomoralisch.

Das düstere Setting dieses “Future Noir”-Romans fasziniert: Immer noch fliehen die Menschen New Yorks angesichts des allgegenwärtigen Terrors aus der Realität und klinken sich, in Betten liegend, in die sogenannte Limnosphäre ein.

Auch für Fans dieses Future-Genres gibt es gute Nachrichten. 2016 werden Nathans Larsons Trilogie-Abschluss “Zero One Dewey” oder Bruce McCabes “unfehlbar” erscheinen.

(c) Löcker

(c) Löcker

Platz 8: “Guter Mohn, du schenkst mir Träume”

Das ist der aus meiner Sicht beste österreichische Krimi des Vorjahrs (ich habe aber Thomas Raabs “Still” nicht gelesen!). Vor allem zeigt das Buch auch, wie beeindruckend vielseitig die österreichische Krimilandschaft geworden ist.

Selten bin ich so begeistert in eine mir fremde Welt abgetaucht. In diesem Fall in das Shanghai der 1920er Jahre. China hat mich bislang nicht so wirklich interessiert, doch Skorpil ist es gelungen, dass sich das geändert hat. Es ist faszinierend, Dinge, die heute selbstverständlich sind, aus der Sicht einer alten Chinesin oder eines ungebildeten, deshalb aber noch lang nicht dummen chinesischen Jugendlichen von damals wahrzunehmen.

Skorpil versteht es, charmante, lebensechte Dialoge und Szenen zu entwerfen. Sie erzählt ohne Hast, es dauert daher ein bisschen, bis sich der Sog ihrer Geschichten so richtig entfalten kann. Gleichzeitig sind ihre Bücher kleine Zeitreisen, die auch von dem Spannungsfeld Kommunismus vs. Kapitalismus leben.

(c) suhrkamp nova

(c) suhrkamp nova

Platz 7: “Die verlorenen Schwestern”

Adrian McKinty ist einer meiner Lieblingsautoren. Auch 2015 konnte er mich mit Teil drei seiner Serie rund um den katholischen Ermittler Sean Duffy begeistern.

Diesmal greift McKinty, der sich der Krimitraditionen bewusst ist, auf ein klassisches Stilelement des Kriminalromans zurück: Das Rätsel des verschlossenen Raums (in der Tradition von Edgar Allan Poe – “Der Doppelmord in der Rue Morgue”). Denn eine Frau ist in einem geschlossenen Lokal ums Leben gekommen. Eigentlich kann es nur ein Unfall gewesen sein – oder doch nicht? Duffy muss dieses Rätsel lösen, ehe sich seine Informantin bereit erklärt, den Aufenthalt eines flüchtigen IRA-Terroristen zu verraten.

Ich habe übrigens soeben begonnen, “Gun Street Girl”, Teil vier der Serie, zu lesen. Viele Krimiblogger haben dieses Buch in ihre Jahresliste aufgenommen. Vielleicht ist “Die verlorenen Schwestern” also nur ein Platzhalter für eine noch bessere Platzierung 😉

(c) Kunstmann

(c) Kunstmann

Platz 6: “Die Verbrannten”

Antonio Ortuños Buch ist einer der wichtigsten Kriminalromane des Vorjahres. Er befasst sich mit der Flüchtlingsproblematik und schildert das Schicksal von Zentralamerikanern, die im Transitland Mexiko stranden. Ja, nicht nur in Europa gibt es ein Flüchtlingsproblem, wie man leider allzu leicht vergisst. Immer wieder stellt der Autor die an Tragik kaum zu übertreffenden Geschehnissen den kalten, floskelhaften und nichtssagenden Presseaussendungen der zuständigen Behörde für Migration gegenüber.

Das Buch des Mexikaners tut weh – im besten Sinne. Teilweise ist es nur sehr schwer erträglich. All diese furchtbaren Dinge, die auf nicht einmal 250 Seiten geschehen, lassen den Leser nur schwer los. Schonungslos öffnet uns Ortuño die Augen und zwingt uns, hinzusehen.

Nur ein Buch hat mich 2015 mehr verstört: Seamus Symths “Spielarten der Rache”. Die Rezensionen zu den beiden Büchern folgen in Kürze.

sturmueberneworleansPlatz 5: “Sturm über New Orleans”

In fast allen Krimi-Jahresbestenliste taucht James Lee Burke auf. Allerdings mit “Glut und Asche”, der Fortsetzung von “Regengötter”. Allein aufgrund des Umfangs des Buches habe ich dieses aber im Vorjahr nicht gelesen. Zudem war ich mir nicht sicher, ob ich mir ein zweites Mal die Figur des faszinierenden, aber furchtbaren Killers Preacher zumuten will.

Auf meine Bestenliste hat es Burke dennoch geschafft. “Sturm über New Orleans” hat mir auch endlich Einblick in die Welt des legendären Ermittlers Dave Robicheaux geöffnet. Burkes Krimi verleiht all den stummen Opfern der hausgemachten Flutkatastrophe vor zehn Jahren eine Stimme. Er macht begreifbar, wie Moral und Anstand auch in der Stunde größten Elends überleben können – oder eben nicht.

Und auch hier gibt es gute Nachrichten im Doppelpack. Im Februar erscheint im Pendragon Verlag der Robicheaux-Krimi “Mississippi Jam”. Im Mai wird dann “Fremdes Land” bei Heyne Hardcore erscheinen, dieser Krimi spielt im Texas des Jahres 1934.

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Platz 4: “Havarie”

Die KrimiZeit-Jury hat dieses Buch auf Platz eins der Jahresbestenliste gewählt. Viele meinen, dass es sich bei Merle Krögers “Havarie” eigentlich gar nicht um einen Kriminalroman handelt. Mag sein, na und? Gut ist ihr Buch – und das zählt.

Kröger befasst sich mit dem Flüchtlingsdrama vor Europas Küsten, die zu einem Burggraben der Festung Europas geworden sind. Kröger erzählt schonungslos, aber niemals anklagend über die tagtäglichen Dramen im Mittelmeer. Sie gibt den Menschen auf den dünnen Schlauchbooten Namen sowie Vergangenheit und macht damit ihre Geschichten begreifbar. Kröger beschränkt sich aber nicht auf die Menschen im Schlauchboot, sondern erzählt auch von Menschen auf einem Frachter, einem Rettungsschiff sowie einem Kreuzfahrtschiff – aus insgesamt elf Perspektiven. Es ist ein mosaikhafter und fesselnder Roman, der nicht kaltlässt.

Ortuño und Kröger zeigen also, wozu moderne Kriminalliteratur fähig ist. Das Genre ist schon lange nicht mehr trivial, sondern moralisch, wie diese beiden Bücher beweisen. Moralisch, aber ohne erhobenen Zeigefinger, muss man noch ergänzen.

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

Platz 3: “Kings of London”

William Shaw hat sich mit nur zwei Büchern in mein Herz geschrieben. Seine Charaktere sind so authentisch und lebensecht wie kaum bei jemand anderem. “Kings of London” ist der zweite Teil einer Trilogie, hat aber keine der allbekannten Mittelteilschwächen.

Mit Cathal Breen und Helen Tozer hat Shaw eines der charmantesten Ermittlerpaare der modernen Kriminalliteratur erschaffen. Der Autor geht sehr einfühlsam mit all seinen Figuren um – sie sind bis zur letzten Randfigur extrem differenziert und glaubwürdig gezeichnet. Zwischendurch verliert Shaw die Ermittlungen auch ein wenig aus dem Auge. Er lässt vor allem Breen, der nach dem Tod seines Vater nur schwer zurecht kommt, alle möglichen privaten Erfahrungen machen. Das schmälert den Lesegenuss aber nicht, im Gegenteil. Seine feine Art der Beschreibung, sein ganz feiner Humor geben dem Buch die richtige Würze. “Kings of London” ist so auch ein gelungener Gesellschaftsroman.

“History of Murder”, Teil 3 der Serie, erscheint im August 2016.

(c) Diogenes

(c) Diogenes

Platz 2: “Am Ende einer Welt”

Dennis Lehane ist auch einer meiner absoluten Lieblingsautoren. Bereits “In der Nacht” landete auf Platz zwei meiner Jahresbestenliste 2013. Nun schafft er es also wieder auf den zweiten Platz. Man kann “Am Ende einer Welt” vielleicht vorwerfen, eine Art Klon des Vorgängers zu sein, aber das stört mich nicht. Ich mag einfach dieses altmodische Gangster-Genre.

Spielte der Vorgänger während der Prohibitionszeit in ihren Endzügen, hat der US-Autor die Handlung nun ins Jahr 1943 verlegt. Mafioso Jack Coughlin hat sich nach dem tragischen Tod seiner Frau aus der ersten Reihe der Mafia zurückgezogen, zieht aber immer noch im Hintergrund die Fäden. Dennoch scheint ihm jemand nach dem Leben zu trachten. Lehane beweist sich damit erneut als Meister des historischen Gangsterkrimis.

Ich mag einfach Erzähler wie Lehane, die es schaffen, eine Geschichte schnörkellos ohne großes Tam-Tam und falschen Zauber von A nach B zu bringen. Manchmal liegt in diesem auf den ersten Blick simplen Können die größte Meisterschaft.

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Platz 1: “Die Unantastbaren”

“The Wire”- Miterfinder Richard Price ist es tatsächlich gelungen: Das von mir zuletzt gelesene Buch 2015 war tatsächlich mein persönliches Highlight. Ich tue mir noch ein bisschen schwer, das in konkrete Worte zu fassen. Ich brauche fast noch ein wenig Abstand.

Aber nur so viel: Im Zentrum seines aus Polizistensicht geschilderten Buchs stehen die Themen Anständigkeit, Loyalität und Freundschaft angesichts des Versagens von Gerechtigkeit. Die zentrale Frage: Wie weit bin ich bereit zu gehen, wenn Mörder weiterhin ihr Unwesen treiben können, weil sie dem juristischen System ausgekommen sind? Price hat daraus einen fesselnden Kriminalroman gemacht. Großartig. Er erzählt viel über das Menschsein an sich. Auch er braucht kein Blendwerk, keine Effekthascherei. Er bleibt ganz dicht bei seinen Charakteren, seiner Geschichte. Wer so erzählen kann, solche Dialoge formulieren kann, der hat unnötigen Firlefanz nicht nötig.

Fest steht auch: Ich muss möglichst rasch eines seiner alten Bücher lesen. “Cash” oder “Clockers”

 

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8 Comments

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8 responses to “Die zehn besten Krimis des Jahres 2015

  1. Auch bei dir eine schöne Zusammenstellung. “Die Unantastbaren” werde ich wohl mal nachholen müssen. Insgesamt war unsere Leseliste aber durchaus ähnlich, immerhin fünf von zehn habe ich auch gelesen.

  2. “Die Unantastbaren” wird gleich bei uns im Radio vorgestellt (WDR2) 🙂
    Ich habe mir gestern voller Vorfreude “Cash” bestellt.

  3. Kann Dir “Clockers” nur empfehlen. Das ist quasi die Blaupause für “The Wire” und ein Buch, das echt an die Nieren geht.

  4. Eine sehr schöne Liste, vor allem mal ein paar Titel, die noch nicht so häufig genannt wurden.

  5. Deinen 1. und 2. Platz habe ich sogar schon hier liegen! Freue mich umso mehr auf “Die Unantastbaren” und “Am Ende einer Welt”.
    “Kings of London” sollte ich mir wohl auch noch vormerken, ebenso wie die McKinty Bücher.

    Ganz tolle Toplist! Schönes, neues Lesejahr dir!

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