Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders

Der Schotte Ian Rankin ist einer der besten Kriminalschriftsteller der Gegenwart. “Das Souvenir des Mörders” ist der achte Teil seiner Serie rund um Kult-Ermittler John Rebus. Und dennoch ist es nicht irgendein Teil, sondern vermutlich jener, der eine Art Initialzündung war, was seine Breitenwirksamkeit anbelangt. Bis zu diesem Buch war er einfach ein guter Krimiautor, einer von vielen. Doch mit diesem Buch erreichte Rankin ein anderes, höheres Level. Nicht zufällig hat das 1997 erschienene “Black and Blue” (Originaltitel) auch einen Platz in dem Kompendium “Books to die for”, in dem namhafte Krimiautoren ihre Lieblingskrimis empfehlen, gefunden.

Wie ich auf das Buch gestoßen bin? Ein Beitrag auf der crimealley hat mich neugierig gemacht: “Die Art und Weise wie der Schriftsteller die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verknüpft und entwickelt, das Blickfeld seines Ermittlers erweitert, macht deutlich, dass die Lehrzeit endgültig abgeschlossen und der Ton für künftige Romane gefunden ist.” Wer mehr über “Das Souvenir des Mörders” wissen will, sollte einfach Stefans Beitrag lesen – nirgendwo werdet ihr besser und umfassender informiert als an dieser Stelle.

Nichtsdestotrotz will ich meine persönlichen Eindrücke hier kurz wiedergeben. Beim Lesen fiel mir ein anderer genialer Autor ein: Jo Nesbø (wobei mir auch Michael Connellys Harry Bosch und James Lee Burkes Dave Robicheaux in den Sinn kamen). Dessen Kriminalroman “Der Erlöser” hat einen ähnlich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das sind wirklich in Worte gegossene Kunstwerke, mit starken Charakteren, eingebettet in überzeugende soziale Umfelder. Und ich habe beide Bücher geliebt, obwohl eine Krimi-Zutat darin vorkommt, die für mich oft ein Grund ist, die Finger davon zu lassen: Serienmörder (in Rankins Buch genau genommen sogar zwei!). Da schrillen bei mir normalerweise immer die Alarmglocken.

Gut-Böse-Schemata, die simple Suche nach einem Täter und am Ende des Rätsels Lösung: Das wird man in “Das Souvenir des Mörders” vergebens suchen. Politik, Polizei, Journalismus, Großkonzerne und Organisierte Kriminalität: Hier bestehen Abhängigkeiten und unerwartete Seilschaften. Sehr beeindruckt haben mich die Porträts der schottischen Städte Aberdeen, Glasgow und Edinburgh. Fesselnd waren auch die Szenen auf der Ölplattform in der rauen Nordsee.

John Rebus ist in gewisser Weise auch ein Seelenverwandter von Sean Duffy, der Hauptfigur der Kriminalromane von Adrian McKinty. Beide Männer sind Raubeine mit einer sentimentalen Ader. Vor allem eines eint sie: Sie sehen auch dann noch hin, wenn es niemanden mehr interessiert und ihrer Karriere abträglich ist. Sie sind auf der Suche nach der Wahrheit und haben einen fast schon zwanghaften Sinn für Gerechtigkeit.

>>> Zu meiner Besprechung von “Mädchengrab” (John Rebus, Band 18)

10 von 10 Punkten

Ian Rankin: “Das Souvenir des Mörders”, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, Goldmann Verlag, 614 Seiten.

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Doug Johnstone: Der Bruch

(c) Polar Verlag

Der 17-jährige Tyler versucht anständig zu bleiben, ein guter Mensch zu sein. Das sagt sich leichter als es ist, denn der Jugendliche lebt in einem herabgekommenen Viertel in der schottischen Stadt Edinburgh und wird von seinem sadistischen Bruder Barry gezwungen, gemeinsam mit Schwester Kelly in fremde Häuser einzubrechen. Von der Mutter ist keine Hilfe zu erwarten, sie hängt an der Nadel und wandelt von Überdosis zu Überdosis.

Tylers Rettungsanker ist seine kleine Schwester Bean, um die er sich liebevoll kümmert. So gut er kann, versucht er für das Kind die Realität auszublenden, um dem Mädchen eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Mit ihr sitzt er abends auf dem Dach des Greendykes House, einem von zwei verbliebenen Hochhäusern (umgeben von Brachland und einer riesigen Baustelle), und erzählt ihr Geschichten, in denen sie eine Superheldin ist.

Als Barry bei einem Einbruch eine Frau niedersticht und lebensgefährlich verletzt, laufen die Dinge endgültig aus dem Ruder: Bei dem Opfer handelt es sich um niemand geringeren als die Frau des gefürchteten Gangsterbosses Deke Holt, der auf Rache gegen die unbekannten Täter schwört.

Tyler nimmt sein Schicksal an, so bitter es auch sein mag. Die gut gemeinten Aufmunterungen von Lehrerinnen und Polizistinnen ob seiner familiären Situation erträgt er kaum: “Er hatte dieses Mitgefühl so unendlich satt.” Für Selbstmitleid ist ohnehin kein Platz. Er kennt kein anderes Leben. Wie sehr seine Mutter auch gesunken sein mag, sie ist seine Mutter. Genauso verhält es sich mit seinem Bruder, von dem er verachtet wird. So sehr Tyler den tyrannischen Bruder auch hassen mag, verraten würde er ihn nie. Seine Familie kann man sich nicht aussuchen.

Als Lichtblick in seinem verkorksten Leben entpuppt sich schließlich Flick, ein Mädchen aus gutem Hause, das Tyler zufällig kennenlernt. Ihre beiden Leben könnten unterschiedlicher nicht sein, dennoch sind sich die beiden durch ihre gesammelten Erfahrungen ähnlicher als man vermuten könnte. Das zart aufkeimende Gefühl der Hoffnung wird aber schon bald abrupt durch die absolute Auswegslosigkeit der Situation, in der er sich befindet, abgewürgt.

Empathie, nicht Gefühlsduselei, ist es, was “Der Bruch” ausmacht. Dadurch berüht der Autor, der die Geschichte eines Jugendlichen erzählt, der versucht, sich selbst zu finden und treu zu bleiben. Ich habe mich beim Lesen an Bill Beverlys “Dodgers” (Platz zwei meiner Lieblingskrimis 2018; ich habe gerade entsetzt festgestellt, dass ich das Buch hier nie extra besprochen habe – das muss ich bald nachholen!) und Steve Hamiltons “Der Mann aus dem Safe” erinnert gefühlt, die zu jenen Kriminalromanen zählen, die bei mir lange nachgewirkt haben. Auch in den beiden erwähnten Büchern stehen jeweils ein 15-jähriger und ein 17-Jähriger im Zentrum der Geschichte.

Was mir auch gut gefallen hat: Immer wieder stöpselt Tyler die Kopfhörer ein und taucht in seine eigene Welt ab. Er hört Boards of Canada, Jon Hopkins, Four Tet und Hannah Peel – alles Künstler, die mir bis zur Lektüre nichts gesagt haben, deren Musik ich über Spotify aber beim Lesen gehört habe. Großteils blubbernde Elektronik, passend minimalistisch zur verwahrlosten Gegend. Johnstone hat also den Soundtrack zu diesem Buch gleich mitgeliefert.

“Eine schonungslose, aber sympathische Darstellung von Edinburghs ignorierter Unterschicht, mit großartigen Charakteren”. So beschreibt der schottische Krimi-Großmeister Ian Rankin das Buch. Treffender kann man es nicht formulieren. Oder vielleicht doch: Der schottische Autor Doug Johnstone hat einen Kriminalroman geschrieben, wie man ihn nur alle paar Jahre liest.

10 von 10 Punkten

Doug Johnstone: “Der Bruch”, übersetzt von Jürgen Bürger, Polar Verlag, 308 Seiten.

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Mike Knowles: Tin Men

(c) Polar Verlag

Am Beginn von “Tin Men” steht der bestialische Mord an einer Polizistin. Das geht auch an hartgesottenen Kollegen wie Os nicht spurlos vorbei. “Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatten ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet”. Os, ein Polizist, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, soll gemeinsam mit zwei ebenfalls wenig vertrauenserweckenden Polizisten Teil eines Ermittlertrios sein: Cop zwei, Woody, hat ein Drogenproblem und Außenseiter Dennis, Cop drei, sucht bei transsexuellen Prostituierten Trost.

Oft ist es so, dass die Männer in Uniform mehr gegeneinander als miteinander kämpfen. Wenig verwunderlich eigentlich, dass am Ende dieses Dramas eine weitere furchtbare Tat stehen wird, die sogar die Lösung des Falls in den Schatten stellt.

Mike Knowles hat definitiv ein “Police Procedural” der anderen Art geschrieben. Der Autor überzeugt dabei in vielen Belangen. Die Handlung ist schlüssig, die Charaktere sind gut gezeichnet. Und auch die Aufschlüsselung des Falls finde ich ausgesprochen gelungen (ich hatte angesichts des furchtbaren Verbrechens zu Beginn schon das Schlimmste befürchtet). Für mich auch erkenntnisreich: Die Geschichte spielt in der kanadische Großstadt Hamilton (rund 500.000 Einwohner) in der Provinz Ontario. Ich hatte von dieser Stadt noch niemals gehört, und stellte mir zu Beginn der Lektüre fälschlicherweise eine verschlafene Kleinstadt vor.

Nach Éric Plamondons “Taqawan” bin ich nun in kürzester Zeit erneut von einem kanadischen Kriminalroman vollends überzeugt worden. Ich hoffe sehr, dass sich der Polar-Verlag nun auch der sechsteiligen Serie des Autors um den Killer Wilson annehmen wird, die im Nachwort des Romans erwähnt wird. Denn hier ist wirklich ein Könner am Werk.

9 von 10 Punkten

Mike Knowles: “Tin Men”, übersetzt von Karen Witthuhn, Polar Verlag, 337 Seiten, 14,60 Euro

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Meine Lieblingskrimis 2020

Die Zeit der Jahresrückblicke ist eigentlich schon vorbei, aber ich wollte mich nicht unter Stress setzen und habe mir deshalb Zeit gelassen. 2020 war vielleicht nicht das beste Krimijahr, aber schlecht war es auch nicht.

Ich will allerdings nicht lange herumreden und einfach beginnen. Diesmal habe ich zwölf Kriminalromane ausgewählt, sechs haben Männer geschrieben, sechs Frauen verfasst.

Platz 12 – Steph Cha: “Brandsätze”

(c) Atrium Verlag

In Steph Chas “Brandsätze” geht es um Rassismus und Diskriminierung in den USA. Wie komplex und verworren die Situation tatsächlich oft ist, macht die Autorin am Schicksal zweier Familien klar. Da ist einerseits Shawn Matthews, dessen Schwester Ava im Jahr 1991 von einer koreanischen Ladenbesitzerin erschossen wurde. Und andererseits Grace Park, die Tochter der Täterin von damals, die ungestraft davon kam.

Schuld, Reue, Rache und Vergebung – darum dreht sich der mitreißende Roman der US-Autorin mit koreanischen Wurzeln. Cha interessiert sich für Opfer und Täter. Sie zeigt auf, wie leicht man von dem einen zum anderen werden kann, wie verschwimmend die Grenzen zwischen richtig und falsch sein können.

Platz 11 – Jeannine Cummins: “American Dirt”

(c) Rororo

Jeannine Cummins “American Dirt” hat im Vorjahr für einiges Aufsehen gesorgt. Vor allem ihr Nachwort löste eine Welle der Kritik aus. Meiner Meinung nach nur begrenzt berechtigt. Denn tatsächlich berührt die fiktive Geschichte der 2600 Meilen langen Flucht der mexikanischen Buchladenbesitzerin Lydia.

Gleich zu Beginn wird fast ihre gesamte Familie, insgesamt 16 Menschen, von Killern eines Drogenkartells brutal ermordet. Bloß sie und ihr achtjähriger Sohn Luca überleben das Gemetzel. Lydia, Frau eines Journalisten, der ein kritisches Porträt über einen Drogenboss verfasst hat, zögert nicht und packt zwei Rucksäcke. Es gibt nur eine Chance: die Flucht nach Norden, in die USA.

Platz 10 – Frank Göhre: “Verdammte Liebe Amsterdam”

(c) Culturbooks

“Verdammte Liebe Amsterdam” ist ein beeindruckendes Krimi-Destillat, das im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht. Der deutsche Krimi-Veteran Frank Göhre befreit sich von jeglichem Wörterballast und bleibt immer am Punkt.

Er treibt seine Geschichte voran, die Köster zur soeben zur Polizistenwitwe gewordenen Martina, deren neuem Freund Klaus – noch dazu einem Kollegen des Verstorbenen – und deren verschwundener Tochter Suse führt. Hat der Tod seines Bruder mit dem Verschwinden des 15-jährigen Mädchens zu tun? Und wo ist das Mädchen jetzt?

Platz 9 – Don Winslow: “Broken”

(c) Harper Collins

Mit seiner epischen Drogentrilogie (“Tage der Toten”, “Das Kartell”, “Jahre des Jägers”) hat Don Winslow seinen Ruf als einer der besten Thriller-Autoren unserer Zeit gefestigt. Dass er aber nicht nur bis zur Unerträglichkeit realistische Bücher schreiben kann, beweist er eindrucksvoll mit “Broken”: sechs Kurzgeschichten, jeweils um die 80 bis 90 Seiten lang.

Ausgerechnet die erste und titelgebende Geschichte, “Broken”, ist die schwächste. Was dann folgt, macht aber echt Spaß. Zu Höchstform läuft Winslow mit seinem Schlussstück “The Last Ride” auf. Bereits der erste Satz packt zu: “Als er das Kind zum ersten Mal sah, war es in einem Käfig.”

Platz 8 – Dominique Manotti: “Marseille.73”

(c) Ariadne Kriminalroman

In “Marseille.73” begibt sich die französische Großmeisterin des politischen Kriminalroman zurück ins Jahr 1973. Die französische Regierung hat soeben beschlossen, Migranten – vor allem jene aus Algerien – stärker zu kontrollieren. Sie schreibt darüber, wie schwer es für Polizisten sein kann, zu ermitteln, wenn das System kein Interesse am Tod eines Einzelnen – weil unbedeutend – hat.

Manotti nimmt sich sehr stark vermeintlich männlicher Themen an: Kriminalität und Korruption. Sie widerlegt damit das geläufige Vorurteil, wenn es um die Unterscheidung von Kriminalliteratur männlicher Autoren und weiblicher Autorinnen geht: “Frauen schreiben populäre Kriminalromane, Männer relevante.”

Platz 7 – Denise Mina: “Götter und Tiere”

(c) Ariadne Kriminalroman

Die Schottin Denise Mina lässt in “Götter und Tiere” erneut die Polizistin Alex Morrow Licht in die Schattenseiten von Glasgow bringen. Als bei einem Raubüberfall in einer Postfiliale ein älterer Mann erschossen wird, ist nichts so klar, wie es im ersten Moment erscheint.

Neben der Krimihandlung erzählt die Autorin die Geschichte des politischen Auf- und Abstiegs des Gewerkschafters Kenny Gallagher, dessen Weste alles andere als sauber ist. Mina will genau hinsehen, Geschehnisse sezieren und Bruchlinien in der Gesellschaft erkennbar machen. Und das tut sie auf bestechende Art und Weise.

Platz 6 – Mike Knowles: “Tin Men”

Am Beginn von “Tin Men” steht der bestialische Mord an einer Polizistin. Das geht auch an hartgesottenen Kollegen wie Os nicht spurlos vorbei. “Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatten ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet”. Os, ein Polizist, der zu gewalttätigen Ausbrüchen neigt, soll gemeinsam mit zwei ebenfalls wenig vertrauenserweckenden Polizisten Teil eines Ermittlertrios sein: Cop zwei, Woody, hat ein Drogenproblem und Außenseiter Dennis, Cop drei, sucht bei transsexuellen Prostituierten Trost.

Oft ist es so, dass die Männer in Uniform mehr gegeneinander als miteinander kämpfen. Knowles hat ein “Police Procedural” der anderen Art geschrieben.

Platz 5 – Garry Disher: “Hope Hill Drive”

Garry Disher ist eigentlich ein Fixstarter auf meiner jährlichen Liste.

Der Polizist Paul Hirschhausen fristet in der Kleinstadt Tiverton ein beschauliches Dasein. Garry Dishers Kriminalroman “Hope Hill Drive” nimmt nur langsam Fahrt auf, so als hätte er sich an die Umgebung seiner Hauptfigur angepasst. Denn viel scheint im australischen Outback nicht zu passieren. Doch spätestens als ein Massaker an Pferden die Einwohner erschüttert, wird klar, dass auch das Nirgendwo kein idyllischer Ort ist. Der Autor beweist, dass es keine mit Action vollgepackte Handlung braucht, um Spannung zu erzeugen. Diese entsteht subtil, durch alltägliche Schilderungen und das Zusammenspiel der Charaktere.

Platz 4 – Oyinkan Braithwaite: “Meine Schwester, die Serienmörderin”

(c) Blumenbar

Oyinkan Braithwaites erstes – drei Zeilen umfassendes Kapitel – von “Meine Schwester, die Serienmörderin” wird sich wohl in Zukunft in zahlreichen Lehrbüchern darüber finden, wie man einen (Kriminal-)Roman perfekt beginnen kann: “Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören.”

Die nigerianisch-britische Autorin hat eine erfrischende Mischung aus fesselndem Thriller und seziermesserscharfem Gesellschaftsporträt geschrieben. Während sich der Leser auf der einen Seite gut unterhält, bringt sie diesem die patriachalisch geprägte Gesellschaft Nigerias näher. Sie zeigt, wie sich zwei Frauen – auf ihre eigene Art und Weise – gegen diese von Männern dominierte Welt zur Wehr setzen.

Platz 3 – Zoë Beck: “Paradise City”

(c) Suhrkamp

“Paradise City” spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Algorithmen – und nicht die Politik – über viele Bereiche des Lebens entscheiden. Deutschland, das von Seuchen und Umweltkatastrophen heimgesucht wurde, befindet sich endlich wieder im Aufschwung. Der Regierungssitz wurde nach Frankfurt verlegt, Berlin dient nur mehr als Kulisse für Touristen. Es scheint eine schöne neue Welt zu sein, die hier entstanden ist. Bloß sollte man keinen zweiten Blick darauf werfen.

Es mag zwar Thriller auf dem Cover stehen, doch das Buch ist viel mehr als bloße Spannungsliteratur. Es macht nachdenklich und hinterlässt Spuren, Hauptfigur Liinas Leidensweg berührt.

Platz 2 – Adrian McKinty: Alter Hund, neue Tricks

“Alter Hund, neue Tricks”, Band acht der Sean-Duffy-Serie, überzeugt erneut in allen Belangen. Duffy, nur mehr Teilzeitpolizist, zweifelt an der Version eines aus dem Ruder gelaufenen Autodiebstahls. McKinty punktet mit Duffys inneren Monologen, popkulturellen Referenzen und Verweisen auf eigene Werke.

Angeblich soll nach Band neun mit Sean Duffy Schluss sein. Doch die Hoffnung bleibt bestehen: Möge dieser Ermittler niemals in Pension gehen!

Platz 1 – Wallace Stroby: “Zum Greifen nah”

Auf Platz eins ist diesmal ein Buch gelandet, das eine klassische Kriminalgeschichte erzählt. Wallace Stroby bricht damit keine Genregrenzen, setzt keine neuen Maßstäbe und erfindet auch nichts neu. Aber es ist ihm gelungen, innerhalb des Genres eine Geschichte zu erzählen, die mich 2020 so gut auf Lesereise mitgenommen hat wie kein anderes Buch.

Noch vor seiner großartigen vierteiligen Crissa-Stone-Serie (“Kalter Schuss ins Herz”, “Fast ein guter Plan”, “Geld ist nicht genug”, “Der Teufel will mehr”) hat Stroby dieses Buch rund um eine weitere starke Frau, die Polizistin Sara Cross, geschrieben. Mit “Zum Greifen nah” liegt der gepflegte Noir nun erstmals auf Deutsch vor. Cross gerät in ein Dilemma, als sie an der Notwehr-Version eines Kollegen (noch dazu ihr Ex-Freund) zu zweifeln beginnt. Eine knifflige Situation, fesselnd zu lesen.

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Candice Fox: Dark

(c) Suhrkamp

Candice Fox und ich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Als 2016 der massiv gehypte erste Teil der “Hades”-Trilogie erschien, war ich ziemlich enttäuscht: “Für Fans wilder Serienkiller- oder Horror-Thriller ist das wohl das gefundene Lesevergnügen – und vermutlich wird sogar ein Hollywood-Vielteiler daraus. Aber für mich ist das Kapitel erledigt.”

Und tatsächlich habe ich um die Teile zwei und drei einen großen Bogen gemacht. Aber als dann “Crimson Lake”, der Auftakt zu ihrer nächsten Serie, erschien, gab ich der australischen Autorin noch einmal eine Chance. Zum Glück. Denn da erst wurde mir klar, wie gut diese exzentrische Schreiberin wirklich ist. Erbarmungslos schräg und unkonventionell.

Candice Fox ist nicht die feinfühligste Krimiautorin. Sie steht für abgründig, plakativ und schrill. Wer es realistisch mag, sollte die Finger von ihr lassen. Wenn eine verurteilte Mörderin, die einst als Kinderärztin ein vorbildliches Leben geführt hat, mit jener Polizistin (die von ihren Kollegen gemobbt wird, weil sie eine Villa erbt) gemeinsame Sache macht, die sie einst verhaftet hat, dann klingt das nicht gerade wie aus dem Leben gegriffen.

Das vermisste Mädchen, um deren Suche es eigentlich geht, gerät auch rasch in den Hintergrund. Man sollte sich davon aber nicht abschrecken lassen und auch nicht davon, dass die Australierin den Schauplatz ihrer Geschichte erstmals in die USA verlegt hat. Denn eines kann sie perfekt: spannend unterhalten.

Das beweist sie bereits mit dem ersten Satz: “Ich blickte direkt in die Mündung einer Waffe.” Danach geht es rasant weiter. Man muss nicht alles hinterfragen, was da passiert, sondern sollte sich einfach wohlwollend durch die Geschichte treiben lassen. Das Erzähltalent der Autorin ist unbestreitbar. Da ist nichts verkopft, amüsante Dialoge sind Programm. Und zwischendurch hat sogar eine kleine Maus ihren großen Auftritt.

Auffällig auch: Wie schon in Zoë Becks “Paradise City” spielen Männer hier nur Nebenrollen. Während einem die Mörderin, die Diebin, die Gangsterchefin und die Polizistin ans Herz wachsen, sind Männer hier meist einfach nur Grobiane und Unsympathler. Das ungewöhnliche, selbst anpackende Frauen-Quartett braucht keine heldenhaften Männer.

Kein Wunder also, dass es Fox mit ihrem Buch auch auf Platz 1 der aktuellen Krimi-Bestenliste geschafft hat. Dieser Autorin ist nichts heilig, schon gar nicht irgendwelche Genrekonventionen – und das ist gut so.

8 von 10 Punkten

Candice Fox: “Dark”, übersetzt von Andrea O’Brien, Suhrkamp Verlag, 395 Seiten.

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Lang lebe die Krimi-Bestenliste!

Seit April 2005 gibt es die Krimi-Bestenliste, die zu Beginn bei der “Welt”, dann bei der “Zeit” und die letzten Jahre bei der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” beheimatet war. Sie hat mich also mein ganzes Bloggerleben lang begleitet. Und sie war immer ein Fixpunkt für mich. Manchmal habe ich ihr regelrecht entgegen gefiebert: Wie sehr würde die aktuelle Liste mit meinen eigenen Lesegewohnheiten übereinstimmen?

Mitunter habe ich es bedauert, dass ich nicht alle auf der Liste empfohlenen Bücher lesen konnte. Sie war für ein zwangfreies Krimibloggen also nicht immer hilfreich. Sie hat ordentlich Druck ausgeübt. So viele Krimis, die es noch zu lesen gäbe – bloß dass man niemals alle schaffen würde. Der monatliche Abgleich ist zu einem Ritual geworden: Wieviele der Bücher habe ich schon gelesen? Welche davon werde ich noch lesen? Und im besten Fall, die Adelung sozusagen: War ich bei meiner Lektüre gar der Liste voraus?

Nun hat sich aber auch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” von diesem Projekt verabschiedet. Als Partner ist leider nur der Deutschlandfunk Kultur übrig geblieben. Das ist natürlich schade, aber ich hoffe Krimikritiker Tobias Gohlis und sein lesemotiviertes Team lassen sich nicht davon zurückhalten, den Lesern weiterhin ein Leuchtturm im Dschungel der Krimi-Neuerscheinungen (ich weiß, dieses Bild ist schief, aber ich lasse es dennoch hier hängen!) zu sein.

Denn in den Untiefen des Regio- und Psychothriller-Ozeans gehen die Krimiperlen (dieses Bild ist jetzt ein wenig besser) leicht verloren. Die Krimi-Bestenliste ist da ein geeigneter Kompass, um die edlen Krimi-Gustostücke zu heben (so, jetzt höre ich auch schon wieder mit dieser Metaphern-Orgie auf, versprochen!).

Im Ernst: Wie oft habe ich geglaubt, alle Neuerscheinungen bestens im Blick zu haben. Ständig doktore ich an meinen analogen Zetteln herum, erweitere und ergänze. Tja, und dann erscheint die Krimi-Besteliste und dann kann ich gleich wieder etwas hinzufügen, meine Lesepläne über den Haufen werfen. Weil da dieses eine Buch (manchmal sind es aber auch zwei, drei oder vier Krimis) Buch lockt. Rasch wird neu gekauft, bereits Gekauftes ins Regal gestellt.

Wie bei allem, das man schätzt, war ich nicht immer nur begeistert. Manchmal erschien mir die Liste zu einseitig. Zu sehr und zu erzwungen auf politische Relevanz ausgerichtet, zu wenig auf klassische Krimis fokussiert. Warum fand sich etwa ein außergewöhnlicher Krimiautor wie Adrian McKinty nur selten und unprominent auf der Liste? Vermutlich ist aber auch die eigene Wahrnehmung sehr selektiv.

Gleichzeitig macht das diese Liste aber auch aus, dass sie das Genre nicht eng fasst, sondern sehr breit auslegt. Dadurch stößt man eben auf neue Bücher, die einen anderen Blick auf das Genre ermöglichen. Mein anfängliches, fast schon zwanghaftes Bemühen um möglichst große Übereinstimmung ist der Dankbarkeit gewichen, einen verlässlichen Hinweisgeber für tolle Bücher an meiner Seite zu wissen.

So verbleibe ich mit dem frommen Wunsch: Möge die Krimi-Bestenliste lange weiterleben!

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Acht Jahre crimenoir – ein Fazit

Wäre diese Pandemie nicht gewesen, wäre mein Krimi-Blog im Vorjahr wohl ziemlich unauffällig entschlummert. Doch nun bin ich immer noch da. Ein guter Zeitpunkt, einmal darüber nachzudenken, was sich in den vergangenen acht Jahren verändert hat.

Die Krimiblogger sind in dieser Zeitspanne nicht gerade mehr geworden, eher im Gegenteil. Immer wieder entdecke ich zwar auf den ersten Blick vielversprechende Seiten, die visuell meinen Blog um Längen ausstechen. Doch meist endet es mit einer Enttäuschung: inhaltlich setzt sich kaum jemand mit dem Genre auseinander oder versucht Autoren und Strömungen einzuordnen. Bis eben auf jene Blogs, die mich ohnehin schon seit Jahren begleiten.

Die erste, euphorische Phase hielt zwei, drei Jahre an. Da gab es eine echte Community, dann habe ich mich aber auch selbst zunehmend ausgeklinkt, war zunehmend froh, Zeit für neue Beiträge zu finden. Das bis dahin tägliche Absurfen der gleichgesinnten Seiten wurde weniger. Dennoch war es schön, immer wieder die anderen Crime-Blogs zu besuchen.

Dann verschwanden der Reihe nach meine ersten Blog-Fixsterne und mir wurde erstmals so richtig bewusst, dass Blogs durchaus auch nur kurz- bis mittelfristige Projekte sein können. Die Motivation litt zunehmend – und ja, da gibt es natürlich noch ein anderes Leben, das geführt werden will. Wenn ich schon ständig zwischen den Buchdeckeln verschwinde, dann will ich nicht auch noch stundenlang vor dem Computer abhängen, um darüber zu schreiben.

Herausgestellt hat sich auch, dass ich eine gewisse Vorliebe für kurze, prägnante Beiträge entwickelt habe. Manche werden meine Bloggestaltung lieblos finden, ich würde sie wohlwollend oldschool und bewusst minimalistisch nennen: Es geht um das Buch, und sonst nichts. Das hat natürlich einerseits mit der fehlenden Zeit zu tun, aber auch damit, dass ich die Dinge gern auf den Punkt bringe und versuche, den Kern des jeweiligen Kriminalromans zu finden. Zumindest so wie ich ihn sehe. Ebenso verhält es sich mit der Länge der Krimis, die ich bevorzugt lese. Durfte es vor einigen Jahren nie unter 400 Seiten sein, ist es im Moment eher umgekehrt. Ich bewundere die Minimalisten des Genres, die es verstehen, auf wenigen Seiten Inhalte durchaus episch zu erzählen. James Sallis sei hier namentlich erwähnt. Don Winslow, einer meiner Lieblingsautoren, macht es mir da allerdings von Jahr zu Jahr schwerer 😉

Was sich in all den acht Jahren aber nicht verändert hat, ist meine Liebe zur Kriminalliteratur. Ich bin immer noch neugierig auf neue Stimmen, aber genauso fasziniert alte Meister zu entdecken. Für letztere bleibt aus beruflichen Gründen allerdings viel zu wenig Zeit. Zu Weihnachten habe ich allerdings Ian Rankins “Das Souvenir des Mörders” gelesen, nachdem ich auf der Crimealley darauf gestoßen bin. Was für ein großartiger Autor, den ich bislang noch gar nicht so richtig kennengelernt (bloß Band 18 “Mädchengrab”) hatte. Mehr dazu hier in Kürze.

Was sich aber verändert hat: Ich lese viel mehr weibliche Autorinnen als noch vor einigen Jahren. Ich habe noch einmal nachgezählt. Tatsächlich habe ich 2020 hier 13 Kriminalromane von Autorinnen und von 14 Autoren besprochen. Wenn ich das im Vorjahr gelesene, aber erst vor wenige Tagen hier besprochene “Marseille.73” von Dominique Manotti hinzuschummle, hätte ich sogar einen Gleichstand erzielt. Ich könnte hier endlos tolle, weibliche Stimmen aufzählen. Stattdessen eine Empfehlung: Man kann jeden Kriminalroman des Ariadne-Verlags blind zur Hand nehmen. Da wird unglaublich gute, garantiert weibliche Kriminalliteratur geboten. Nein: Extrem gute.

Wenn ich schon dabei bin, muss ich wieder einmal die tapferen Kleinverlage Polar, Pendragon und Pulp Master hier erwähnen. Sie brauchen gerade in diesen Zeiten jede mögliche Unterstützung!

Zum Abschluss kann ich hier nur sagen, dass mir das Bloggen wieder mehr Spaß macht, seitdem ich mich nicht einer gewissen Regelmäßigkeit unterwerfe. Also schaut doch einfach immer wieder mal vorbei, auch wenn manchmal eine gewisse Zeit zwischen den Beiträgen vergeht. Ich würde mich freuen.

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Dominique Manotti: Marseille.73

(c) Ariadne Kriminalroman

Ich muss zugeben, ich habe gebraucht, um mit Dominique Manottis Stil zurecht zu kommen. Ich habe bereits zwei ihrer Bücher (leider weiß ich nicht mehr, welche) abgebrochen, weil ich den richtigen Zugang nicht finden konnte. Es mag an dem breit aufgestellten “Personal” liegen oder den vielen unbekannten Organisationen mit diversen sich nicht im Hirn verankern wollenden Abkürzungen – man behält nicht immer leicht die Übersicht. Vielleicht waren es aber auch bloß die falschen Bücher zum falschen Zeitpunkt. So etwas gibt es ja manchmal, wie sicher alle Vielleser wissen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es erneut versucht habe. Denn Manotti ist eine großartige Autorin.

In “Marseille.73” begibt sich die französische Großmeisterin des politischen Kriminalroman zurück ins Jahr 1973. Die französische Regierung hat soeben beschlossen, Migranten – vor allem jene aus Algerien – stärker zu kontrollieren. Von einem Tag auf den anderen werden sie zu “sans-papiers”, also illegal im Land befindlichen Personen. Bereits im Prolog wird klar, dass das Thema, über das die Französin eigentlich schreibt, auch heute noch Gültigkeit hat: “Etwas Folgenschweres ist im Entstehen begriffen, und es trägt einen Namen: Rassismus.” Und sie schreibt auch darüber, wie schwer es für Polizisten sein kann, zu ermitteln, wenn das System kein Interesse am Tod eines Einzelnen – weil unbedeutend – hat.

Manotti nimmt sich sehr stark vermeintlich männlicher Themen an: Kriminalität und Korruption. Sie widerlegt damit – ebenso wie Denise Mina – eindrucksvoll eines der geläufigsten Vorurteile, wenn es um die Unterscheidung von Kriminalliteratur männlicher Autoren und weiblicher Autorinnen geht, wie kürzlich Sonja Hartl in einem Beitrag im Online-Literaturmagazin “Culturmag” offengelegt hat: “Frauen schreiben populäre Kriminalromane, Männer relevante.”

9 von 10 Punkten

Dominique Manotti: “Marseille.73”, übersetzt von Iris Konopik, Argument Verlag mit Ariadne, 380 Seiten.

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Denise Mina: Götter und Tiere

(c) Ariadne Kriminalroman

Die Ariadne-Kriminalromane sind seit vielen Jahren Garant für hochqualitative Genre-Kost geworden. Unglaublich, wie ein kleiner Verlag mit seinen weiblichen Autorinnen derart beständig für Unruhe im vorwiegend männlichen Betrieb der zünftigen Kriminalliteratur sorgt.

Erschienen im Vorjahr die faszinierenden Bücher neuer oder zu Unrecht nahezu unbekannter Autorinnen wie Hannelore Cayre (“Die Alte”), Tawni O’Dell (“Wenn Engel brennen”) und Sarah Schulman (“Trüb”), sind in den vergangenen Wochen die Bücher zweier etablierten Größen des “dunkel-realistischen Genres”, wie es der Verlag nennt, herausgekommen. Auf Dominique Manotti werde ich im nächsten Beitrag eingehen, hier will ich mich mit Denise Mina, der “Queen of Tartan Noir”, beschäftigen.

Die Schottin Denise Mina lässt erneut die Polizistin Alex Morrow Licht in die Schattenseiten von Glasgow bringen. “Götter und Tiere” ist der chronologischen Reihenfolge nach der dritte von fünf Morrow-Romanen (ich habe “Das Vergessen” – Teil 4 – und “Blut Salz Wasser” – Teil 5 – gelesen) , der die Serie nun endlich komplettiert. Dem Lesegenuss tut das unregelmäßige Erscheinen der Teile aber keinen Abbruch.

Als bei einem Raubüberfall in einer Postfiliale ein älterer Mann erschossen wird, ist nichts so klar, wie es im ersten Moment erscheint. Martin Pavel, der den Enkelsohn des Getöteten, der ihm bis dahin unbekannt war, beschützt, verhält sich seltsam. Zudem hat der Student das titelgebende Zitat “Gods and Beasts” auf seinem Hals tätowiert. Dieses stammt von Aristoteles und meint jene Lebewesen, “die nicht in Gemeinschaft leben oder ihrer bedürfen”.

Aber auch das Verhalten des alten Mannes in den letzten Minuten seines Lebens ist eigenartig. Parallel dazu erzählt die Schottin die Geschichte des politischen Auf- und Abstiegs des Gewerkschafters Kenny Gallagher, dessen Weste alles andere als sauber ist.

Laudan bringt es im Vorwort auf den Punkt: “Das ist clevere und scharf sozialkritische zeitgenössische Kriminalliteratur, die mit klassischen Mustern des Genres spielt, dem Publikum viel zutraut und auch viel zumutet.” Minas Blick für die Details des Zwischenmenschlichen ist gestochen scharf, ihre Figuren mit all ihren inneren Widersprüchen faszinieren.

Lebensnah, ein oft strapazierter Begriff, fällt einem dazu ein. Er passt perfekt. Denn Mina geht es nicht um den wohligen Schauer beim Lösen eines Rätselkrimis. Sie will genau hinsehen, Geschehnisse sezieren und Bruchlinien in der Gesellschaft erkennbar machen. Und das tut sie auf bestechende Art und Weise.

9 von 10 Punkten

Denise Mina: “Götter und Tiere”, übersetzt von Karen Gerwig, Argument Verlag mit Ariadne, 360 Seiten.

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Rest in Peace, John le Carré

John le Carré und ich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Vermutlich überhaupt keine Liebe. Aber großer Respekt ist geblieben, vor diesem Ausnahmekönner, der den Spionageroman im Handumdrehen in die Weltliteratur gehoben hat und nun gestorben ist.

Ich habe schon vor sehr langer Zeit sein wohl bekanntestes Buch, das ihm damals den Durchbruch verschaffte, gelesen: “Der Spion, der aus der Kälte kam”. Für viele ist das der besten Spionageroman, der jemals geschrieben wurde. Auf mich hat das Buch allerdings keinen bleibenden und nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Wenn ich an Spionageromane denke, dich mich beeindruckt haben, denke ich sofort an den zweiten Altmeister des politischen Spannungsromans: Frederick Forsyth. “Die Faust Gottes” und “Das Schwarze Manifest” haben mich echt gefesselt. Auch diverse Romane von Jack Higgins habe ich als Teenager verschlungen. Der im deutschsprachigen Raum vollkommen in Vergessenheit geratene Gerald Seymour hat mich so richtig begeistert und berührt. Und später waren es dann Daniel Silva und David Ignatius.

Mit le Carrés Romanen wurde ich lange hingegen nie so richtig warm. Mir war das zu langsam, zu verkopft, zu kompliziert. Was auch immer. Ähnlich geht es mir übrigens mit Graham Greene. Er ist einer jener Autoren, die man eigentlich mögen sollte. Aber ich kann mit ihm bis heute nicht viel anfangen.

Dann habe ich irgendwann “Absolute Freunde” gelesen. Das hat mich auch nicht zu einem Fan gemacht, aber phasenweise hat mich das so richtig gepackt. Tja, und dann habe ich voriges Jahr “Federspiel” gelesen. Mit diesem Spätwerk hat mich der weise alte Mann dann endgültig auf die Reise mitgenommen.

Ich habe noch einmal nachgelesen, was mich damals so begeistert hat: “Sein Interesse gilt ohnehin den kleinen Rädchen im Spionagegetriebe, den offenkundigen Verlierern, die ihr Gewissen bewahrt haben – was wohl auch ein Hauptgrund für ihren beruflichen Abstieg ist.” Da steckt doch eine gute Portion Noir drin.

Als Leser bildet man sich ja ständig weiter. Was man früher mochte, mag man oft gar nicht mehr – und umgekehrt. Und irgendwann werde ich vermutlich auch noch seine Klassiker “Die Libelle” und “Der ewige Gärtner” lesen.

PS: Sehr zu empfehlen ist der TV-Mehrteiler “Der Nachtmanager”.

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