Attica Locke: Heaven, My Home

(c) Polar Verlag

Der schwarze Polizist Darren Mathews wurde einst in seinem Heimatstaat Texas Ranger, weil er an Veränderung glaubte: an mehr schwarze Gesetzeshüter, mehr Gerechtigkeit. Bereits im Debütroman “Bluebird, Bluebird” von Autorin Attica Locke war Mathews’ Weltbild ins Wanken geraten, in “Heaven, My Home” ist der Polizist desillusioniert. Dann soll er ausgerechnet den verschwundenen Levi finden, Sohn eines Angehörigen der Arischen Bruderschaft. Mathews ermittelt, gepeinigt von Selbstzweifeln, Eheproblemen und alltäglichem Rassismus.

Entstanden ist ein beeindruckendes Sittenbild des ländlichen Amerika, das zeitlich zwischen der Wahl und Inauguration von US-Präsident Trump spielt – ohne Vorwürfe, aber mit einem sehr genauen Blick verfasst. Denn es ist bereits eine Zeit, die zu absurden Auswüchsen führt. So ist Mathews Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund überzeugt, dass er, wenn er einen Schwarzen eines Hassverbrechens überführt, das künftige Justizministerium gewogen stimmen kann und den Beweis führen kann, dass das FBI ausgewogen ermittelt.

Empfehlenswert ist es auch das Nachwort “Das Ende der Versöhnung” von Sonja Hartl zu lesen. Sie schreibt darin vom Konzept der Vergebung, das bis in die Zeit der Sklaverei zurückreicht. Mit Vergebung sei aus Sicht der Schwarzen Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft. Doch wohin habe dieses Konstrukt geführt, fragt sich Hartl: “Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus.” Um es in den Worten von Darren Mathews zu sagen: Was mache die Vergebung aus ihnen: Heilige oder Handlanger?

“Heaven, My Home” ist keine Anklage, aber ein Buch, das neben allen seinen Spannungselementen nachdenklich macht.

8 von 10 Punkten

Attica Locke: “Heaven, My Home”, übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag, 322 Seiten.

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Jeanine Cummins: American Dirt

(c) Rororo

Eigentlich war alles gut, als Jeanine Cummins’ Buch “American Dirt” Anfang des Jahres in den USA erschien. Thrillerautor Don Winslow verglich ihr Buch mit John Steinbecks “Früchte des Zorns”, Horror-Großmeister Stephen King war ebenfalls voll des Lobes, und TV-Ikone Oprah Winfrey empfahl es in ihrem einflussreichen “Book Club”. Doch dann schrieben 142 mexikanische Autorinnen und Autoren einen offenen Brief an Winfrey, in dem sie baten, diese Empfehlung rückgängig zu machen. Der Vorwurf: Das Buch sei großteils ausbeuterisch, zu vereinfachend und von einer schlecht informierten Autorin geschrieben. Es verirre sich in Trauma-Fetischismus und der Sensationalisierung von Migration und mexikanischer Lebenskultur. Die Stimmung kippte, eine geplante Lesereise musste abgesagt werden. Doch das eigentliche Problem war ein anderes: Darf eine Weiße über Latinos schreiben?

Natürlich darf sie das. Tatsächlich berührt die fiktive Geschichte der 2600 Meilen langen Flucht der mexikanischen Buchladenbesitzerin Lydia. Gleich zu Beginn wird fast ihre gesamte Familie, insgesamt 16 Menschen, von Killern eines Drogenkartells brutal ermordet. Bloß sie und ihr achtjähriger Sohn Luca überleben das Gemetzel. Lydia, Frau eines Journalisten, der ein kritisches Porträt über einen Drogenboss verfasst hat, zögert nicht und packt zwei Rucksäcke. Es gibt nur eine Chance: die Flucht nach Norden, in die USA.

Die Fahrt auf “La Bestia”

Der Vorwurf, dass die Autorin in den Traumata ihrer Figuren bade, mutet meiner Ansicht nach angesichts der geschilderten Geschehnisse ein wenig seltsam an. Würde die von der Situation überforderte Mutter zwischendurch nicht immer wieder wanken und verzweifeln, hätte man Cummins vermutlich fehlender Empathie bezichtigt. Einzig die in Rückblicken erzählte platonische Romanze zwischen Lydia und dem diabolischen Drogenboss “La Lechuza” ist entbehrlich. Umso eindringlicher schildert die Autorin die furchteinflößende Reise der Migranten auf “La Bestia”, den Zügen, die aus dem Süden in Richtung USA fahren (das hat übrigens der oben erwähnte Don Winslow in seinem Buch “Jahre des Jägers” auch schon eindrucksvoll getan). Wer beim Erklimmen einen falschen Schritt macht oder auf den monströsen Zügen einschläft, riskiert Amputation oder Schlimmeres.

Man spürt, dass Cummins ihren Figuren gerecht werden will. An billigem Sensationalismus orientierte Autoren hätten die erschütternden Vergewaltigungsszenen viel plakativer gestaltet. Der Spagat mag nicht immer gelingen, letztlich aber macht die Schriftstellerin die ausweglose Situation der Migranten begreifbar.

Natürlich haben auch schon viele Latino-Autorinnen und -autoren vor ihr darüber geschrieben und hätten größere Aufmerksamkeit verdient. Ad hoc fällt mir dazu etwa Antonio Ortuños “Die Verbrannten” ein. Auch verstehe ich, dass sich manche über die nicht gerade mexikanisch klingenden Namen der beiden Hauptfiguren Lydia und Luca wundern. Und auch PR-Maßnahmen bei Lesungen (bevor diese gestoppt wurden), wo Teile eines Stacheldrahts neben die Bücher drapiert wurden, mögen geschmacklos sein. Das macht dieses über vier Jahre akribisch recherchierte Buch aber nicht automatisch schlecht.

Der Fluch des losen Nachworts

Ein Hauptteil der Kritik ist ohnehin auf das Nachwort der Autorin zurückzuführen. Darin schreibt Cummins zwar, dass sie abgestoßen sei von der Art, wie Latino-Migranten im öffentlichen Diskurs dargestellt werden. Aber sie formuliert eben auch Sätze wie diese: “Im schlimmsten Fall nehmen wir sie als Mob wahr, als Invasion von Kriminellen, die unsere Mittel aufsaugen wollen, und im besten Fall als eine Art hilflose, verarmte, gesichtslose braune Masse, die auf unserer Türschwelle um Hilfe schreit. Wir sehen sie selten als Mitmenschen”. Wen meint sie bloß mit “wir” im geschilderten “besten Fall”?

Cummins – übrigens mit einem ehemaligen Illegalen verheiratet, ihre Großmutter stammt aus Puerto Rico – schreibt darüber hinaus selbstkritisch von ihren Zweifeln, ob sie als Nicht-Mexikanerin und Nicht-Migrantin ein derartiges Buch schreiben dürfe. Doch erneut sorgt eine Formulierung für Empörung: “Ich wünschte mir, dass jemand es schreiben würde, der etwas brauner ist als ich.” Es sind Worte, die sie selbst mittlerweile bereut.

Aber am besten macht man sich selbst ein Bild von ihrem Roman – und liest ihn.

8 von 10 Punkten

Jeanine Cummins: “American Dirt”, übersetzt von Katharina Naumann, rororo, 556 Seiten.

 

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Melba Escobar: Die Kosmetikerin

(c) Heyne

“Maniküre. Massage. Mord” – das steht auf der Rückseite des Kriminalromans “Die Kosmetikerin” von Melba Escobar und lässt das Schlimmste befürchten. Doch weit gefehlt!

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die gefragte Kosmetikerin Karen, deren Leben sich mit jenem ihrer Kundinnen auf unterschiedlichste Weise verknüpft. Eine davon wird tot aufgefunden. Statt eines Psychothrillers nach gängigem Muster hat die Kolumbianerin Escobar allerdings einen Noir ganz ohne Narco-Machos geschrieben – fast ausnahmslos mit weiblichen Charakteren.

Aus mehreren Sichtweisen und manchmal etwas unübersichtlich erzählt, vermag das Buch dennoch zu fesseln.

Ach ja, ein außerordentlich gelungenes Cover übrigens, das aus all den immer gleich aussehenden Krimis heraussticht – ganz ohne Krähen, Messer oder stilisierte Blumen.

7 von 1o Punkten

Melba Escobar: “Die Kosmetikerin”, übersetzt von Sybille Martin, Heyne Verlag, 320 Seiten.

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Sarah Schulman: Trüb

(c) Ariadne Verlag

“Alle waren komplett verwirrt, denn der Präsident war ein Irrer.” Mit diesem wuchtigen Satz beginnt Sarah Schulmans außergewöhnlicher Kriminalroman “Trüb”, der in einem unter US-Präsident Donald Trump aus den Fugen geratenen New York City spielt.

Aber keine Angst, die Autorin ergötzt sich nicht an billigem Präsidenten-Bashing, vielmehr porträtiert sie Maggie Terry, eine Ex-Polizistin, deren Alkohol- und Drogensucht ihre eigene kleine Welt erschüttert hat. “Ihr inneres Chaos spiegelt auf tragikomische Weise das ihrer Stadt”, formuliert es Schulmans deutsche Herausgeberin und Übersetzerin Else Laudan. Und das der USA, könnte man hinzufügen.

Terry ist seit über einem Jahr clean, als sie zu Beginn des Buchs einen neuen Job als Privatdetektivin antritt. Jeder Tag ist eine Qual, verzweifelt taumelt sie durch ihr Leben. In der Mittagspause, vor und nach der Arbeit schleppt sie sich zu “Narcotics Anonymous”-Meetings, um den nie verschwindenden Verlockungen der Sucht zu widerstehen. Das Verständnis ihres ermittelnden Partners (sowie des gesamten Teams) für diese abgewrackte Kollegin ist enden wollend. Wie soll man mit dieser Frau zusammenarbeiten, Fälle lösen?

Man will dieser Maggie aufmunternd auf die Schulter klopfen, um im nächsten Moment an ihr zu verzweifeln. Selten war Trostlosigkeit so hoffnungsvoll, und auch Komik und Ernst sind in diesem Roman eineiige Zwillinge.

Das Buch ist intim, fesselnd, komisch, traurig, aufwühlend – kurz: grandios.

Ich weiß, ich habe gerade erst die Höchstnote an ein Buch aus dem Ariadne Verlag vergeben, aber:

10 von 10 Punkten

Sarah Schulman: “Trüb”, übersetzt von Else Laudan, Ariadne Verlag, 269 Seiten.

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Hannelore Cayre: Die Alte

(c) Ariadne Verlag

Die Mittfünfzigerin Patience Portefeux hört als Dolmetscherin tagtäglich für die französische Kriminalpolizei Telefonate ab, um diese zu übersetzen. Sie kommt damit kaum über die Runden, muss sie doch die im Altersheim im Sterben liegende Mutter mitfinanzieren.

Da erfährt sie eines Tages aufgrund eines abgehörten Telefonats von Dingen, die ihre Geldsorgen mit einem Schlag beseitigen könnten. Sie lässt diese Chance nicht ungenützt verstreichen, gerät aber in einen Strudel unabsehbarer Folgen, die sie selbst bald in Gefahr bringen. “Die Alte” erinnert ein wenig an “The Wire” und “Breaking Bad”, allerdings hat Autorin Hannelore Cayre etwas ganz Eigenständiges geschaffen, mit dem man möglicherweise in Zukunft andere Kriminalromane wird vergleichen können.

Begeistert hat mich auch der Wien-Bezug ihrer Hauptfigur sowie deren kleine neurologische Absonderlichkeit. Denn Patience Portefeuxs Gehirn verbindet mehrere Sinne: “Bei mir sind Farben und Formen mit Geschmack oder mit Empfindungen wie Behagen oder Sattheit gekoppelt”. Sie “sammelt” daher Feuerwerke, wann immer sie welche sehen kann, denn diese lösen in ihr ein Gefühl der Erfüllung aus: “Wie ein Orgasmus.”

Ich will hier abschließend kurz den Rückentext zitierten, weil er das Buch meiner Meinung nach perfekt auf den Punkt trifft. “Ein rotziger, amoralischer Roman, der eine schwarze Tragödie sein könnte, wäre er nicht eine krachend realistische Komödie”, schreibt “Lire”. Eine realistische Komödie!

10 von 10 Punkten

Hannelore Cayre: “Die Alte”, übersetzt von Iris Konopik, Ariadne Verlag, 203 Seiten.

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Tawni O’Dell: Wenn Engel brennen

(c) Ariadne

Dove Carnahan, vor Kurzem 50 Jahre alt geworden, ist Polizeichefin von Buchanan, einem Ort mitten in einer vom exzessiven Kohleabbau zerstörten Landschaft. Als eines Tages die Leiche eines Mädchens in einer glühenden Erdspalte gefunden wird, ist es mit der Beschaulichkeit – in diesem Fall ohnehin eher Trägheit statt Gemütlichkeit – rasch vorbei.

Verwüstet sind hier vor allem die Menschen: Sie sind feindselig, verhärmt und wortkarg. Doch Autorin Tawni O’Dell porträtiert ihre gewöhnungsbedürftigen, oft unsympathischen Figuren ausgewogen. Auch wie sich Frauen in dieser unfreundlichen Welt durchschlagen müssen, wird glaubwürdig thematisiert. “Wenn Engel brennen” überrascht bei allem Realismus allerdings auch mit trockenem Humor und unverhofftem Optimismus.

“Wer auf faszinierende Charaktere steht, wird bei Tawni O’Dell grandios bedient”, schreibt Herausgeberin Else Laudan im Vorwort. Ganz genau.

9 von 10 Punkten

Tawni O’Dell: “Wenn Engel brennen”, übersetzt von Daisy Dunkel, Ariadne Verlag, 352 Seiten.

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Johannes Groschupf: Berlin Prepper

(c) Suhrkamp

Gewappnet für die Katastrophe: “Berlin Prepper” ist einer jener Kriminalromane, die es sich gerade jetzt zu lesen lohnt. All die Menschen, die Klopapier horten, hat man belacht. Doch wenn man “Prepper” besser verstehen will, lohnt die Lektüre durchaus.

Worum es geht? Walter Noack ist in einer Berliner Zeitungsredaktion für das Löschen von Hasspostings zuständig. Noack ist darüber hinaus auch einer der erwähnten “Prepper”: Er wappnet sich für Katastrophen jeglicher Art, seine Wohnung gleicht einem Lager von Ravioli-Konservendosen. Als er von Unbekannten niedergeschlagen wird, gerät sein Leben aus den Fugen.

Autor Johannes Groschupf porträtiert Berlin in seinem Thriller als durch Fremdenfeindlichkeit geprägte Stadt. Beklemmend und düster, aber die eindimensionale Darstellung des Wandels normaler Personen zu hasserfüllten Menschenverächtern hat mich enttäuscht. Auch die Darstellung des Putztrupps für Online-Hasskommentare, für den Noack arbeitet, konnte ich – ich habe selbst Erfahrungen damit – nicht so ganz nachvollziehen. Mir war das ab einem gewissen Zeitpunkt zu plakativ und klischeehaft.

6 von 10 Punkten

Johannes Groschupf: “Berlin Prepper”, Suhrkamp Verlag, 237 Seiten.

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Crime Fiction beats Corona Reality

(c) Blanvalet

Dieser Blog ist in den vergangenen Monaten langsam entschlummert. Mein letzter Beitrag ist drei Monate her. In Zeiten wie diesen – ja, wie oft hört man diese Phrase “in diesen Tagen” 😉 – muss man aber jede Art von Beitrag leisten, um der Virus-Tristesse entgegenzuarbeiten. Mit anderen Worten Widerstand leisten! Also werde ich hier ab sofort wieder meine Krimi-Tipps präsentieren. Ganz nach dem Motto: Crime Fiction beats Corona Reality.

Im Gegensatz zur Vergangenheit werde ich hier aber nur mehr jene Kriminalromane besprechen, die mich wirklich begeistert haben bzw. die aus meiner Sicht für das Genre von Bedeutung sind. Denn: Für schlechte Bücher ist gerade in Zeiten wie diesen keine Zeit 😉

Beginnen will ich mit einem Buch, das mir viel Spaß gemacht hat: mit dem Thriller “Parceval. Auf der Flucht”. Ralf Parceval hat in Afghanistan aus Rache 15 Menschen getötet und gilt als Mörder. Im ersten Band von Chris Landows (das ist übrigens das Pseudonym eines deutschen Bestsellerautors – wer bloß dahinter stecken mag?) Reihe gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis. Im zweiten Teil lebt er – gesucht von der Polizei und selbst auf der Suche nach seiner verschwundenen Schwester – unauffällig als U-Boot im Land. Als er Zeuge eines Anschlags wird, handelt er dennoch, um Unschuldige zu retten. Landow hat eine Figur erschaffen, die Kultpotenzial besitzt. Ein deutscher Jack Reacher sozusagen. Zwar ist vieles überzeichnet und unrealistisch – aber das ist ideal, um ein paar Stunden aus der Realität zu flüchten.

7 von 10 Punkten

Chris Landow: “Parceval. Auf der Flucht”, Blanvalet Verlag, 411 Seiten, 10,30 Euro

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Der Deutsche Krimipreis: Eine ambivalente Angelegenheit

Die Deutschen Krimipreise 2019 sind vergeben worden. Ein wenig seltsam, denn eigentlich ist das schon zu Beginn des Vorjahres geschehen. Vermutlich handelt es sich eigentlich um die Krimipreise des Jahres 2020. Oder man hat beschlossen, die Preise ab sofort erst Ende des jeweiligen Krimijahres vergeben. Klar erkennen lässt sich das auf der offiziellen Webseite leider nicht – eine kurze Anmerkung wäre hilfreich gewesen.

Aber egal. Kommen wir zu den Preisträgern.

Kategorie National

Johannes Groschupf hat mit “Berlin Prepper” in der Kategorie “National” Platz eins belegt. Das ist wenig überraschend. Die Platzierungen auf der Krimibestenliste und viele begeisterte, hymnische Rezensionen lassen den dünnen Kriminalroman als logischen Sieger erscheinen. Meine Begeisterung hielt sich allerdings ein wenig in Grenzen. Zwar nahm mich das Buch zu Beginn perfekt auf die Reise mit. Die Prepper-Szene war mir bis dahin unbekannt und auch die düstere Atmosphäre fand ich stimmig. Alles in allem erschien mir aber vor allem der Wandel normaler Menschen zu hasserfüllten Menschenverächtern zu eindimensional und nicht nachvollziehbar.

Platz zwei belegt Regina Nösslers “Die Putzhilfe” und ist eines jenes Bücher, das ich bedauere, 2019 nicht gelesen zu haben. Das klingt wirklich nach einer außergewöhnlichen Lektüre. Auf Platz drei folgt Max Annas mit “Morduntersuchungskommission”. Über sein neues Buch, das offenbar Auftakt einer Serie ist, kann ich nichts sagen. Seine Vorgänger “Illegal” und “Die Mauer” haben mich jedenfalls nicht überzeugt.

Kategorie International

Wunderbar finde ich hingegen die Wahl der Französin Hannelore Cayre auf Platz eins in der Kategorie “International”. Ich war hin und weg von ihrem dünnen Kriminalroman “Die Alte” – ein wahrlich außergewöhnliches Büchlein. Bitte lernt Madame Portefeux doch einfach kennen und lest das Buch! Einfach Wunderbar.

Der Israeli Dror Mishanis “Drei” hat es auf Platz zwei geschafft. Ich habe einst sein erstes auf deutsch verlegtes Buch “Die Möglichkeit eines Verbrechens” gelesen und habe keinen Zweifel, dass Mishani erneut außergewöhnliche Qualität liefert. Dasselbe traue ich mir ungelesen auch von Denise Minas “Klare Sache” zu behaupten. Die Autorin hat mich mehrfach (“Blut Salz Wasser”, “Das Vergessen”) überzeugt.

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Clementine Skorpil: Max Leitner, Ausbrecherkönig

(c) Edition Raetia

Clementine Skorpil kann also nicht nur historische China-Krimis (“Gefallene Blüten”, “Guter Mohn, du schenkst mir Träume”,  Kurztext zu “Langer Marsch”), sondern auch zeitgenössischen Südtirol-True-Crime-Krimi. So könnte man es nach der Lektüre von “Max Leitner, Ausbrecherkönig” formulieren. Vor allem zeigt das Buch aber, wie man Dichtung und Wahrheit perfekt miteinander verbinden kann.

“Max ist nicht tot, aber auch nicht lebendig. Es ist schlimmer als tot sein. Er sitzt im Gefängnis. Lebendig begraben.”

In sein Schicksal gefügt hat sich der erwähnte Max aber nie. Fünfmal ist der mittlerweile 61-jährige Südtiroler aus Gefängnissen ausgebrochen, genauso oft wurde er wieder geschnappt. Fast sein halbes Leben hat er hinter Gittern verbracht. Leitner selbst sieht sich bis heute als ein Justizopfer. Er werde wie ein wildes Tier gejagt, „zu Tode gehetzt“, sagte er 2011 auf der Flucht in einem aufsehenerregenden Video. „Ich habe zwar Banken und Geldtransporter überfallen, jedoch nie einem Menschen ein Haar gekrümmt.“

Der Mythos des Ausbrecherkönigs – Skorpil erliegt ihm nicht, auch weil sie aus zwei Perspektiven erzählt. Sie stellt Max einen fiktiven Antagonisten, den italienischen Staatsanwalt Fabio Pagano, der sich Leitner an die Fersen heftet, gegenüber. Das Buch hat mich dadurch an Paolo Roversis Kriminalromane “Milano Criminale” und “Schwarze Sonne über Mailand” erinnert.

“Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet”

Es ist aber genau diese literarische Freiheit, die den Roman von den unzähligen Das-wahre-Leben-Büchern unterscheidet. Vieles ist erfunden. „Dennoch folgt dieser Roman Max Leitners Spuren, und viele der unglaublichsten Episoden haben sich tatsächlich zugetragen“, schreibt die Autorin im Nachwort. Gemeint sind damit etwa die unvorstellbaren Szenen in der Hecke und der Hundehütte, die über die Lektüre hinaus nachwirken.

Tatsächlich sind es vor allem die im Buch geschilderten schier unglaublichen Katz-und-Maus-Situationen zwischen Leitner und der ihn verfolgenden Polizei, die zeigen, über welch unbändigen Willen dieser widerspenstige Geist in aussichtslosester Lage verfügte. Es ist eine der großen Stärken der Autorin, dass man sich während der Lektüre oft fragt, was denn nun vom Erzählten wirklich geschehen ist – und was nicht.

Ganz nebenbei gewährt Skorpil einen Einblick in das österreichische und italienische Justiz- sowie Gefängniswesen. Bei seiner ersten Verhaftung in Österreich wird Max von der Polizei angeschossen. Als er sich wundert, warum er noch lebt, erklärt ihm ein Polizist, dass Warn- und Streifschüsse sowie Schüsse, „um den Täter unschädlich zu machen, also Knie, Hand et cetera“, zulässig seien. „Aber wenn einer ex geht bei einer Schießerei, hast du nur Scherereien.“ „Dann hat mir also ein Formular das Leben gerettet“, will Max wissen. „Könnte man so sagen“, antwortet der Polizist todernst.

Porträt eines Unbeugsamen

Das Buch liest sich auch als eine Reise durch die Zeit: Anfang der 1990er-Jahre, als Max erstmals verhaftet wird, haben Computer, Internet und Handys noch nicht bis in die verstaubtesten Schreibstuben der Behörden und komplett in den Alltag Einzug gehalten. Skorpil hat zudem ein gutes Gefühl für die kleinen Momente. Die Insassen des Gefängnisses in Stein etwa findet Max widerlich. „Einer hat Prostituierte stranguliert. Aber nein, der wurde vor zwei Jahren entlassen, weil er so schön Gedichte geschrieben hat.“ Gemeint ist Frauenmörder Jack Unterweger.

Herausgekommen ist ein Buch, das Max Leitner nicht als von der Staatsmacht verfolgten Helden verklärt, wie er sich das wohl selbst wünschen würde. Es wurde vielmehr die außergewöhnliche Geschichte eines Unbeugsamen mit all seinen Licht- und Schattenseiten.

9 von 10 Punkten

Clementine Skorpil: “Max Leitner, Ausbrecherkönig”, Edition Raetia, 312 Seiten.

Der Transparenz zuliebe will ich darauf hinweisen, dass Clementine Skorpil und ich den selben Arbeitgeber haben (ohne allerdings zusammenzuarbeiten). Die Qualität ihrer Bücher spricht aber für sich.

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