Krimi-Bestenliste April: Ein Abgleich

(c) Atrium

Wieder hat sich einiges getan auf der Krimi-Bestenliste. Hideo Yokoyama hat mit “64” Platz eins erobert. An diesem japanischen, epischen Polizeiroman dürfte heuer kein Weg vorbeiführen. Auch wenn das Buch 750 Seiten dick ist.

Aber auch die Plätze zwei bis vier sind eigentlich durchgehend Pflicht-Krimis. Disher, Stroby, Hillenbrand. Das macht Spaß, weil die Qualität einfach immer stimmt.

Carlo Boninis “ACAB” interessiert mich auch sehr, ebenso wie Roland Sprangers “Tiefenscharf”. Beachtlich hier auch, dass zwei Titel des kleinen Polar Verlags (“Tiefenscharf”, “Gravesend”) in der Liste vertreten sind.

Sarah Schmidts “Seht, was ich getan habe” hätte ich ehrlich gesagt schon allein wegen des Covers ignoriert, zwischen den Buchdeckeln dürfte sich aber eine vielversprechende Lektüre verstecken.

Die Liste im Überblick:

1. Hideo Yokoyama: 64 (2)
2. Garry Disher: Leiser Tod (1)
3. Wallace Stroby: Fast ein guter Plan (5)
4. Tom Hillenbrand: Hologrammatica (10)
5. Carlo Bonini: ACAB. All Cops Are Bastards (-)
6. Katja Bohnet: Kerkerkind (-)
7. Roland Spranger: Tiefenscharf (-)
8. Declan Burke: Eight Ball Boogie (-)
9. Sarah Schmidt: Seht, was ich getan habe (-)
10. William Boyle: Gravesend (4)

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Andreas Pittler: Die Spur der Ikonen

(c) Gmeiner

Der Österreicher Andreas Pittler ist zweifellos einer der Vielschreiber der deutschsprachigen Krimizunft. Der Historiker hat sich vor allem mit seiner zeithistorischen Bronstein-Serie, die in Wien spielt, einen Namen gemacht. Aber damit nicht genug: 2016 ist dann sein umfassender historischer Roman “Der göttliche Plan” erschienen, Anfang 2017 “Wiener Kreuzweg”, der Auftakt seines Triptychons, und im März 2017 “Die Spur der Ikonen”. Im April erscheint nun “Wiener Auferstehung”, Teil zwei des Triptychons.

Ich befasse mich hier kurz mit “Die Spur der Ikonen”. In diesem Kriminalroman schreibt Pittler einfach die Geschichte Österreichs um: Was wäre geschehen, wenn es die Österreichische Demokratische Republik (ÖDR), nach dem Vorbild der DDR, gegeben hätte? Mit einer Mauer zwischen den Wiener Bezirken Wieden und Margareten!

Es mag nicht gerade ein besonders realistisches Szenario sein, aber Pittler ist nun einmal gelernter Historiker und er hat gut recherchiert. Daher macht dieser dünne Kriminalroman auch ziemlich viel Spaß. Denn Pittler nimmt alles nicht ganz so ernst. Es ist amüsant, wie er reale Personen wie Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer in seine fiktive Welt integriert und gleichzeitig eine solide Krimi-Handlung bietet. Denn seine Geschichte ist alles andere als lächerlich. Er erschafft sympathische Figuren in einer Welt, die es so (zum Glück) nie gegeben hat. Perfekte Unterhaltung für zwischendurch.

6 von 10 Punkten

Andreas Pittler: “Die Spur der Ikonen”, 281 Seiten, Gmeiner.

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Rest in Peace, Philip Kerr

Ich bin immer noch ein wenig geschockt: Philip Kerr ist tot. Der britische Krimiautor wirkte bei seiner Lesung im Zuge der Wiener Kriminacht 2015 so lebendig und lebenslustig, dass es schwer fällt zu akzeptieren, dass Kerr keine weiteren Krimis mehr schreiben wird.

Obwohl Kerr angeblich kurz vor seinem Tod noch Band 14 seiner Bernie-Gunther-Serie fertiggestellt hat. Auf Deutsch erscheint im April übrigens “Kalter Frieden“, der elfte Band der Reihe – man wird also wohl auch nach dem Tod des Autors noch längere Zeit Neues von Kerr lesen können.

Kerrs Präsentation in Wien hat nachhaltig Eindruck bei mir hinterlassen, deswegen will ich diese hier noch einmal kurz zusammenfassen. Kerr stellte damals seinen ersten Fußball-Thriller “Der Wintertransfer” rund um Co-Trainer Scott Manson vor. Der Fußball- und Arsenal-Fan erklärte, dass er die Arbeit an seinem Buch genossen habe. Gelte es bei seinen historischen Krimis, chronologische Fehler sowie solche bei Straßennamen etc. zu vermeiden, sei es sehr angenehm gewesen, endlich einmal wieder über etwas in Zeiten von Twitter und Facebook zu schreiben.

Kerr vermisste in Europa gute Sportbücher – damit meinte er keine Sachbücher, sondern Romane. Es sei bezeichnend, dass eine der besten Sportpassagen ausgerechnet Ian Fleming in “Goldfinger” geschrieben habe: 60 Seiten über ein Golfduell zwischen James Bond und Goldfinger. Es gebe so viele furchtbare Sportbücher, nahezu jeder Fußballer habe eines geschrieben. Er wisse, wovon er spreche, denn er habe sie alle gelesen.

Die Recherche im Fußball-Bereich sei einfach gewesen. Es gebe viele gute journalistische Texte. Man müsse nicht stundenlang Fußballer interviewen. Es sei überhaupt ein Irrglaube, die größtmögliche Authentizität dadurch zu erzeugen, dass man die involvierten Persönlichkeiten interviewe. Er erinnere sich an ein Gespräch mit einem der größten Autoren von Kriminalromanen überhaupt: Elmore Leonard. “Dutch (so lautete Leonards Spitzname), du bist doch sicher mit einer Menge Cops und Kriminellen abgehangen”, habe er ihn gefragt. “Nein”, habe dieser geantwortet. Er habe fast all seine Informationen aus dem TV, vorwiegend der “Jerry Springer Show”.

Mit kleinen Geschichten die große Geschichte begreifbar machen

Aber auch für seine historischen Krimis sitze er nicht stundenlang in der Bibliothek und in den Archiven. Er gehe vielmehr zu den Orten und versuche, eine Vision zu erhalten – ein wenig wie ein “Method Actor”. Er liebe es bei seinen Recherchetätigkeiten, die “Gaps” der Geschichte zu finden. Kleine Geschichten, die die große Geschichte erst begreifbar machen. Er führte als Beispiel an, dass die Menschen, die etwa in Obersalzberg lebten, alle Hitler hassten, weil ihre Höfe und Villen von Martin Bormann enteignet wurden.

Eine Aufgabe seiner Romane sei es auch, die Briten von ihrem hohen Ross der moralischen Unfehlbarkeit zu holen. Das britische Empire basiere auf vielen Holocausts – das erzähle er auch immer wieder in Vorträgen. Man müsse sich nur ansehen, was die Briten in den 1850er Jahren in Indien angerichtet haben: 50.000-60.000 Inder seien massakriert worden. Keine große Zivilisation in der Geschichte sei sauber geblieben. Er habe über 30 Jahren über die SS und die Verbrechen der Nazis geschrieben, da sei das Schreiben eines Fußball-Krimi nun eine echte Befreiung gewesen. Das Schreiben generell sei für ihn so etwas wie eine Sucht. Er erfinde Geschichten und erschaffe sein Leben lang Figuren – das sei fast schon krankhaft, wie er zugeben müsse. Zu seiner Schreibweise erklärte er, dass er all jenen Autoren misstraue, die jedes Kapitel ihrer Bücher strikt durchgeplant haben.

Ich selbst werde dem Autor Respekt zollen, indem ich mich in nächster Zeit intensiv mit seiner Bernie-Gunther-Serie auseinandersetzen werde. Rest in Peace, Philip Kerr.

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Gerald Seymour: Vagabond

(c) Suhrkamp

Gerald Seymour und meine Leidenschaft für Krimis – da gibt es einen engen Zusammenhang. Der britische Thrillerautor hat mich in den 1990er Jahren mit seinen politischen Thrillern – “Aus nächster Nähe”, “Heimkehr in den Tod”, “Gesang im Morgengrauen” (einzig der Guatemala-Krimi “Tod der Schmetterlinge” hat mich nicht so ganz überzeugt) – sehr stark geprägt. Seine Schauplätze waren damals der Iran, Libanon und Südafrika.

Umso schlimmer, dass dieser Autor seit mehr als 15 Jahren nicht mehr ins Deutsche übersetzt wurde. Ich ließ mich davon nicht abhalten und habe “A Line in the Sand” sowie “Holding the Zero” im Original gelesen. Vor allem ersteres Buch ist für mich einer der besten Kriminalromane, die ich je gelesen habe.

Seymour blickt überall dorthin, wo niemand hinsehen will. Dorthin, wo es wehtut. Auf vergessene Krisenherde, die niemanden interessieren, sobald sie aus den Schlagzeilen verschwunden sind. Er steht stets auf der Seite der Menschen, die unter die Räder geraten. Denn im globalen Spiel der Geheimdienste gibt es nur Verlierer. Agenten sind entbehrlich. Verräter werden gebraucht und wieder fallen gelassen. Menschenleben sind egal, zählen nicht. Außer bei Seymour, der all den Vergessenen und Verratenen ein literarisches Denkmal setzt.

Seine Figuren haben oft Schuld auf sich geladen. Sie haben mit dieser Last zu leben. Sie sind keine guten, aber auch keine schlechten Menschen. Zermahlen, missbraucht und ausgespruckt von Behörden und Geheimdiensten.

Bei “Vagabond” lässt der Autor einen ehemaligen britischen Agenten für eine Mission zurückkehren. Ganz im Vorbeigehen erzählt Seymour dabei den Nordirland-Konflikt, der bis heute tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hat – besser als unzählige Sachbücher zusammen. Man weiß eigentlich von Beginn an, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird, für keinen der Beteiligten. Wer überlebt, wird tiefe seelische Schäden davontragen. Dennoch sind Seymours Bücher nicht trostlos, sondern zutiefst humanistisch.

Es bleibt zu hoffen, dass der Suhrkamp-Verlag den Mut besitzt, nun endlich zahlreiche Bücher des Autors zu übersetzen. Sie sind es definitiv wert.

9 von 10 Punkten

Gerald Seymour: “Vagabond”, übersetzt von Zoë Beck und Andrea O’Brien, Suhrkamp, 498 Seiten.

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Wenn der Fußballklub-Präsident mit der Waffe auf den Platz stürmt

(c) Tropen

Es sind unvorstellbare Dinge, die sich da momentan auf griechischen Fußballplätzen abspielen. “Präsident stürmt mit Revolver auf das Fußballfeld”, schreibt etwa “Die Presse”. Zuerst wurde das Spiel zwischen Paok Saloniki und AEK Athen abgebrochen, dann der ganze Ligabetrieb eingestellt.

Tja, hätte ich nicht vor eineinhalb Jahren Philip Kerrs “Die Hand Gottes” gelesen, hätte ich mir wahrscheinlich mehr gewundert, aber so war mir bereits bekannt, dass es im griechischen Fußball anders zugeht.

“Verglichen mit Silvertown Dock und dem Karaiskakis-Stadion war das Apostolos-Nikolaidis eine Dritte-Welt-Ruine”, schrieb Kerr in seinem Roman zwar nicht über das Paok-Stadion, aber jenes vom Rivalen Panathinaikos. “Kein Wunder, dass die Olympiakos hassen”, sagt daraufhin eine Figur der Romans.

Kerr arbeitet diese Fangruppen-Feindschaften in Griechenland gut heraus, gegen die etwa das Wiener Derby Austria-Rapid “wie ein Kindergeburtstag” anmutet.

“Panathinaikos und Olympiakos – das sind Erzfeinde, wie Sie wissen. Seit dem Peloponnesischen Krieg 400 vor Christus hat sich da zwischen Athen und Piräus nichts gändert”, heißt es an einer anderen Stelle von “Die Hand Gottes”.

Und da sage noch einer, Kriminalromane würden nicht die Welt beschreiben …

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Uwe Laub: Sturm

(c) Heyne

Uwe Laubs “Sturm” ist ein klassischer Wissenschaftsthriller – mit seinen typischen Vor- und Nachteilen. Der Pluspunkt: Man lernt erschreckend viel darüber, wie sehr das Wetter heute schon manipuliert werden kann – vor allem, wie sehr das Wetter tatsächlich bereits manipuliert wird. In gewisser Weise ist es also ein augenöffnendes Buch.

Der Minuspunkt: Andererseits schwächelt auch “Sturm”, wenn es um Charakterzeichnung und überzeugenden Plot geht. Zwar nicht ganz so schlimm, ich habe das schon viel platter gelesen. Irgendwann geht der Geschichte aber einfach die Luft aus. Man hat erfahren, was man erfahren muss – das Ende ist bereits absehbar. Sehr hollywoodesk. Eigentlich schade.

5 von 10 Punkten

Uwe Laub: “Sturm”, Heyne, 399 Seiten.

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Krimi-Bestenliste März: Ein Abgleich

(c) Unionsverlag

Wow. Die Krimibestenliste März hat es in sich. Wer sich bisher nicht mit Kriminalliteratur auseinandergesetzt hat, könnte sich diese Liste hernehmen und von oben bis unten durchlesen. Sie deckt einfach perfekt das Genre ab und zeigt, wozu heute anspruchsvolle Kriminalliteratur fähig ist.

Da findet sich mit “Leiser Tod” auf Platz ein eher klassischer Polizisten-Krimi aus Australien. Doch klassisch heißt hier sicher nicht klischeehaft, wie jeder weiß, der Garry Disher schon mal gelesen hat. Auch “Die schwere Hand”, “Gravesend” und “Fast ein guter Plan” könnte man eher als old school bezeichnen. Hideo Yokoyamas “64” dürfte eines der großen Highlights des Jahres werden, da werde ich sogar meine Abneigung gegen dicke Wälzer beiseiteschieben.

“Die letzten Meter bis zum Friedhof” wiederum zeigt, dass es ruhig auch witzig zugehen darf, ebenso dürfte es bei “Der Klügere lädt nach” (übrigens ein genialer Titel!) der Fall sein.

Roger Smiths “Mann am Boden” verspricht wiederum einiges an Härte und Tom Hillenbrands “Hologrammatica” eifert hoffentlich dem außergewöhnlichen Vorgänger “Drohnenland” nach.

Anders gesagt: Ich bin wirklich begeistert, fühle mich in “meinem” Genre gerade pudelwohl und freue mich auf spannende Lektüre!

Die Liste im Überblick:

1. Garry Disher: Leiser Tod (-)
2. Hideo Yokoyama: 64 (-)
3. Dror Mishani: Die schwere Hand (5)
4. William Boyle: Gravesend (6)
5. Wallace Stroby: Fast ein guter Plan (-)
6. Antti Tuomainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof (10)
7. Mike Nicol: Korrupt (2)
8. Castle Freeman: Der Klügere lädt nach (-)
9. Roger Smith: Mann am Boden (-)
10. Tom Hillenbrand: Hologrammatica (-)

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