Wo sind die Gangster?

Gangster gehören zum Kriminalroman einfach dazu. Oder etwas nicht? Aber warum verhält es sich bei deutschsprachigen Kriminalromanen ganz anders? Thomas Wörtche ging Anfang des Jahres in der “Polar Gazette” der Frage nach, warum der Gangster hier vollkommen abwesend ist. Er fragt sich, ob da etwa die Angst vorherrscht, “dass die Welt da draußen ein bisschen anders tickt als im gemütlichen Serialkiller-Schlachthaus und in Psychopathen-Fantasien”. Ich glaube, damit trifft er es ganz gut auf den Punkt. Zudem will das deutschsprachige Fernseh-, Kino- und Lesepublikum offenbar weiter auf der richtigen Seite stehen: auf der des Gesetzes, des Anwalts, der Polizei. Und im Idealfall steht am Ende die Auflösung.

Doch es sind gerade jene Romane, die aus der Perspektive des Verbrechers erzählt werden, die mich in letzter Zeit am nachhaltigsten beeindruckt haben: Dennis Lehanes “In der Nacht” und “Am Ende einer Welt”,  Howard Linskeys Trilogie (“Crime Machine”, “Gangland” und “Killer Instinct”), Dave Zeltsermans “Killer”, die Krimiklassiker “Die Freunde von Eddie Coyle” und “Ich töte lieber sanft” von George V. Higgins, Massimo Carlottos außergewöhnliches Gangster-Porträt “Am Ende eines öden Tages” sowie mein Lieblingskrimi des Vorjahres, “In den Straßen die Wut” von Ryan Gattis. All diese Autoren zwingen uns Leser, die Wohlfühlzonen zu verlassen.

Zumindest ein Lebenszeichen gab es im Vorjahr: André Pilz mit “Der anatolische Panther”. Seine Geschichten drehen sich generell um Randgruppen: Skinheads, Drogendealer oder wie im erwähnten Buch um türkischstämmige Kleinkriminelle. Auch TV-Serien wie “Tempel” und die für das Frühjahr angekündigte Mini-Serie “4 Blocks” geben Anlass zur Hoffnung, aber vermutlich werden Gangsterdramen weiterhin Nischenprodukte bleiben.

Letztlich stellen sich auch viele spannende – teilweise sehr grundlegende – Fragen: Was ist ein Gangster überhaupt? Wie definiert er sich? Haftet dem Begriff nicht auch etwas Glamourhaftes, Überhöhendes, Romantisches an? Oder sollte man eher von Berufsverbrechern oder Kriminellen sprechen? Müssen Gangster organisiert sein oder nicht?

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Horst Eckert: Wolfsspinne

(c) Wunderlich

(c) Wunderlich

Horst Eckert hat mich einst mit “Schwarzer Schwan” schwer überzeugt, ich halte das für einen der besten Thriller über die internationale Finanzkrise. “Schwarzlicht”, seinen Auftakt der Serie rund um Ermittler Vincent Veih, fand ich solide, aber so ganz überzeugt war ich damals nicht. Aber zumindest schrieb ich: “Mit Ermittler Vincent Veih hat Eckert eine interessante Figur erschaffen, die wohl auch eine Serie tragen könnte.”

Tja, und mit “Wolfsspinne” zeigt Eckert wieder, was er kann – und wie. Kaum ein anderer deutschsprachiger Autor versteht es so gut, klassische Polizeikrimis mit zeitgenössischen, brisanten Themen zu verknüpfen. Eckert hat nun eine beängstigende, weil realistische Interpretation der Geschehnisse rund um den Tod von zwei NSU-Mitgliedern geschrieben, die Zweifel an der offiziellen Version nährt.

“Zugleich surrten die Aktenvernichter in den Verfassungsschutzämtern von Dresden, Hannover und Magdeburg, München und Düsseldorf. Auch einige Polizeidienststellen löschten fleißig. In Thüringen verschwanden Ermittlungsakten zum sogenannten Heimatschutz, in Berlin gingen Berichte von V-Leuten verloren, und beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden lösten sich die jüngsten Telefondaten von Liese Schittko in Wohlgefallen auf.”

Vor allem aber erschafft er Figuren, die einem nicht gleichgültig bleiben. Diesmal ist es vor allem der verdeckte Ermittler Ronny, dessen Leidensfähigkeit mehr als nur auf die Probe gestellt wird. Eckert porträtiert diesen Menschen, der sich eigentlich ständig in Ausnahmesituationen befindet, mit sehr viel Sympathie, ohne ihn allerdings hochzustilisieren.

Überhaupt ist er ein Meister darin, mehrere Erzählstränge zu verweben, um diese dann auch am Ende perfekt wieder zu entwirren. Ich mag diese Erzählart besonders. Aber nicht viele – vor allem deutschsprachige – Autoren beherrschen das so gut wie Eckert. Ich will gar nicht viele weitere Worte verlieren. Ich ziehe meinen Hut und freue mich auf den nächsten Vincent-Veih-Roman.

9 von 10 Punkten

Horst Eckert: “Wolfsspinne”, 489 Seiten, Wunderlich Verlag.

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Max Annas: Illegal

(c) Rowohlt

Schon “Die Mauer” von Max Annas konnte mich  nicht so richtig überzeugen. Mir hatte der Autor da einfach zu viel hineingepackt. Und das ist nun bei “Illegal” wieder der Fall. Für viele mag dieser Roman der passende Krimialroman unserer Zeit sein. “Ein Porträt unserer Gesellschaft”, wie der Verlag schreibt. Denn es geht um den Ghanesen Kodjo, der seit Jahren in Deutschland lebt – illegal. Als er dann einen Mord beobachten muss – “Das Fenster zum Hof” lässt grüßen – gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Aus dem Unsichtbaren wird ein Gejagter. Nicht nur die Polizei ist hinter ihm her, auch die Häscher des wahren Täters. Müsste man das Buch in vier Worten zusammenfassen: Flüchtling auf der Flucht. Oder: Kodjo hetzt durch Berlin.

Doch meiner Meinung nach will Annas zu viel. Zwar umschifft er gekonnt gängige Klischees. Kodjo ist etwa nicht der typische Illegale. Er stammt aus wohlhabendem Hause und hat erst später seinen Aufenthaltsstatus verloren. Auch dass in jenem Lokal, in dem Kodjo illegal arbeitet, der Song “7 Seconds” bei der Musikanlage als Code verwendet wird, wenn Behördenvertreter auftauchen, damit er sich rasch verstecken kann, wirkt nachvollziebar. Und ja, er kann erzählen und er peitscht seine Geschichte rasant voran.

Doch einiges in dem Buch war für mich nicht stimmig. Es beginnt mit der ersten Szene bei der roten Ampel. Für mich benehmen sich Kodjo und sein Begleiter Saif viel zu auffällig. Als Illegale müssten sie doch geschult darin sein, wie man sich unauffällig durch die Stadt bewegt. Elmar Krekeler lobt aber etwa in seiner Kritik “Stell dir vor, du bist illegal und schwarz” gerade diese Szene. Zu den Unstimmigkeiten zählt für mich aber auch die oben erwähnte “Fenster zum Hof”-Szene, die mir beim Lesen ein wenig unrealistisch und uninspiriert erschien. Immer wieder lässt Annas auch Szenen einfließen, die klar machen sollen, dass Kodjo in dieser Geschichte der Gute ist und viele der Legalen gar nicht so gute Menschen sind. Das sind einfach ein paar dieser Szenen zu viel (z. B. Seite 145: “Es ist Gas … Sie meinen die Gaskammer.”). Man würde es auch so verstehen. Doch Sozialkritik ist dem Autor wichtig, er will mehr als nur einen Kriminalroman schreiben. Das liest sich dann manchmal erzwungen.

Und irgendwann habe ich dann bei dieser endlosen Verfolgungsjagd – übrigens nicht der ersten und auch nicht der zweiten – am Ende des Buches auch abgeschaltet. Wie gesagt, mir war das zu viel. Schnell kann so etwas ins Künstliche kippen, ein wenig wie bei “Lola rennt”. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist natürlich nicht klamaukhaft und überhöht wie bei “Lola rennt”, aber ich war mehr ermüdet als gefesselt.

Alles in allem ist “Illegal” ein solider Thriller, der sich meiner Meinung nach aber nicht so sehr von anderen Kriminalromanen abhebt, wie das die meisten Kritiker sehen.

5 von 10 Punkten

Max Annas: “Illegal”, 236 Seiten, Rowohlt Verlag.

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Krimi-Bestenliste April: Ein Abgleich

(c) Nautilus

Nachdem mich die Krimi-Bestenliste im März ein wenig skeptisch werden ließ, beruhigt mich der April wieder einigermaßen. Hier sind also doch noch Genre-Krimis zu Hause. Besonders freut mich dabei der Einzug von Wallace Stroby (Platz zwei) und Reginald Hill (Platz fünf). Stroby ist ohnehin Pflicht für mich.

Fein finde ich es auch, dass Marlon James hier Platz findet, obwohl das meinem Wunsch nach klassicher Krimikost widersprechen mag. Aber wie gesagt: Ich mag ja grundsätzlich Kriminalliteratur, die Genregrenzen auslotet. Bloß die März-Liste war mir in ihrer Gesamtheit einfach zu weit weg vom Genre. “Eine kurze Geschichte von sieben Morden” ist bloß sooo lang (864 Seiten), ich weiß nicht, ob ich da nicht lieber zwei, drei andere Krimis lese (Stroby und Hill etwa).

Oder auch die neue Nummer eins, “Der Block” – das klingt schon sehr interessant: “Rechtsradikalismus authentique”, schreibt die Bestenlisten-Jury.

Wie auch immer: Der Frühling ist Krimi-Zeit (wie der Sommer, Herbst und Winter übrigens auch ;-)).

Die Liste im Überblick:
1. Jérôme Leroy – Der Block (4)
2. Wallace Stroby – Geld ist nicht genug (-)
3. Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden (-)
4. Jerome Charyn – Winterwarnung (2)
5. Reginald Hill – Die letzte Stunde naht (-)
6. Graeme Macrae Burnet – Sein blutiges Projekt (3)
7. Peter May – Moorbruch (9)
8. Max Annas – Illegal (7)
9. Kanae Minato – Geständnisse (-)
10. Denis Johnson – Die lachenden Ungeheuer (1)

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Krimis, die man 2017 lesen sollte (III)

(c) Droemer

“Das zweite Leben des Nick Mason” ist wahrscheinlich der Krimi, auf den ich mich heuer am meisten (naja, da gibt es noch “Rain Dogs” von Adrian McKinty, den ich genußvoll vor mir herschiebe) freue. Zu selten kommt neue Lesekost von Steve Hamilton in die heimischen Regale.

Der Verlag schreibt: In dem packenden Auftakt seiner Serie mit dem “Hitman wider Willen” Nick Mason hat der vielfach ausgezeichnete US-Erfolgsautor Steve Hamilton einen unvergesslichen, höchst originellen Gangster-Thriller geschaffen.

Nick Mason, der Held des Thrillers, war immer ein sauberer Gangster – soweit das in seinem Gewerbe möglich ist. Bis einer seiner Kumpels einen verdeckten Ermittler erschoss. Nick hielt sich an den Ehrenkodex, verriet seinen Komplizen nicht und ging in den Bau. Totschlag, Mindeststrafe: 25 Jahre. Im Gefängnis wird Darius Cole, der Pate von Chicago, auf ihn aufmerksam und macht ihm ein verlockendes Angebot: Nick soll Coles Mann für besondere Aufgaben werden, sein Ausputzer – und dafür wird er ihn raushauen. Und so ist Nick nach fünf Jahren wieder draußen. Eigentlich könnte er jetzt sein Leben in Freiheit genießen. Wenn da nicht dieses Handy wäre, das man ihm bei der Rückkehr nach Chicago überreicht hat. Wann wird es das erste Mal klingeln?

(c) Polar Verlag

Der Polar-Verlag erwacht aus dem Winterschlaf. Sehr gut. Es gibt wieder etwas Neues zu entdecken. “Libreville” von Janis Otsiemi entführt die Leser in das afrikanische Land Ghana. Eigentlich ein Muss.

Ein Jahr vor den Wahlen wird Roger Missang, Journalist der Èchos du sud am Strand von Libreville nahe dem Palast des Präsidenten der Republik mit durchschossener Kehle aufgefunden. Er hat kritisch über die Ermordung von Pacel Kurka, dem Sicherheitschef der gabunischen Verteidigung, berichtet. Wegen seiner kritischen Untersuchungen über die heimlichen wirtschaftlichen Beziehungen in Ghana war er den Mächtigen des Landes ein Dorn im Auge. Er prangerte hemmungslos die Korruption an. Für die Presse ist sein Tod offensichtlich ein politischer Mord. Louis Boukinda und Hervé Envame, zwei Polizisten, die ohne die bei uns übliche DNA-Analyse und Forensik auskommen müssen, werden mit den Ermittlungen beauftragt. Sie sind auf Zeugenaussagen und Informanten angewiesen. Die technische Ausrüstung ihrer Einheit beschränkt sich auf eine Schreibmaschine aus der de-Gaulle-Zeit.

(c) Goldmann

Auch wenn ich “Ein kalter Ort zum Sterben” von Ian Rankin vermutlich nicht schaffen werde, so muss der 21. Band seiner Rebus-Reihe hier erwähnt werden. Schief gehen kann da nichts.

Bei einem romantischen Dinner im Caledonian Hotel erinnert sich Rebus an einen Mord, der fast vierzig Jahre zuvor dort stattgefunden hat: Eine junge lebenslustige Bankiersgattin wollte in dem Luxushotel einen Liebhaber empfangen – am nächsten Morgen wurde sie tot aufgefunden. Die Verdächtigen kamen aus den besten Kreisen, der Täter wurde nie gefasst. Ein Skandal, der Rebus nicht loslässt. Während er sich in den alten Akten vergräbt, gerät das kriminelle Machtgefüge in Edinburgh gefährlich ins Wanken: Darryl Christie, einer der Hauptakteure, wird überfallen und halb totgeschlagen; eine Ermittlung wegen Geldwäsche bringt ihn zusätzlich in Bedrängnis. Es sieht so aus, als würde Ex-Gangsterboss Big “Ger” Cafferty im Hintergrund die Fäden ziehen. Eine Entwicklung, die Rebus gar nicht recht sein kann. Zumal die erste Leiche im tödlichen Revierkampf von Schottlands Unterwelt nicht lange auf sich warten lässt …

(c) Litradukt

Noch ein außergewöhnlicher Krimischauplatz. Gary Victors “Soro” war einer der wichtigsten Krimis des Jahres 2015. Nun liegt mit “Suff und Sühne” ein neuer Band rund um den haitianischen Inspektor Dieuswalwe Azémar vor.

Inspektor Dieuswalwe Azémar hat keine Wahl: Will er nicht aus dem Polizeidienst entlassen werden, muss er sich der Entziehungskur unterziehen, die sein neuer Vorgesetzter ihm verordnet hat. Sie wird zu einem Gang durch die Hölle. Ausgerechnet in diesem geschwächten Zustand wird er in ein Komplott hineingezogen, das sein Leben und das seiner Tochter bedroht. Die Spuren führen zum UN-Militärkontingent in Haiti. Was steckt hinter dem angeblichen Selbstmord eines Generals? Warum wurde der Sohn einer einflussreichen Unternehmerfamilie entführt? Welche Rolle spielt der Bandenchef mit dem seltsamen Namen Raskolnikow bei alldem? Als der Inspektor begreift, wie alles zusammenhängt, ist er ein weiteres Mal auf seine Beretta und seine Reflexe angewiesen.

(c) Ariadne Kriminalliteratur

Sehr vielversprechend klingt “Nach der Schlacht” der vietnamesischen Autorin Le Minh Khue. Das Buch besteht aus zwei Geschichten. Der Argument Verlag mit seiner Ariadne Kriminalliteratur ist ein Garant für ansprechende Spannungslektüre.

Lakonisch, mit kühlem Galgenhumor und durchaus noir: Le Minh Khue verfasst düstere Sittenbilder aus Vergangenheit und Gegenwart Vietnams. Eine durch Eifersucht gespaltene Familie, zwei Brüder kämpfen im Krieg auf gegnerischen Seiten. Folter, Blut und Bomben prägen ihr Leben. Lässt sich diese Kluft je überbrücken? “Stürmische Zeiten” spannt den Bogen vom Kriegsgeschehen bis sechs Jahre danach, als die Untersuchung eines Massenmords das Bild verschiebt.
In “Eine kleine Tragödie” führt Reporterin Thao ein spartanisches Leben, sie bewundert ihre mondäne Cousine, die heiraten will. Plötzlich aber bricht die soziale Fassade auseinander. Denn Krieg und Landreform werfen ihre Schatten bis in die Gegenwart …

(c) Pendragon Verlag

Es ist ein guter Monat für die ambitionierten Kleinverlage. Wie Polar, Litradukt und Argument kämpft auch der Pendragon Verlag darum, Lesern Kriminalliteratur abseits des Mainstreams zu präsentieren. Auch hier gilt es eine neue Stimme zu entdecken. Willi Achtens “Nichts bleibt” spricht mich inhaltlich sehr an.

Franz Mathys ist Kriegsfotograf. Eines seiner Fotos wurde mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Doch er hat tiefe Zweifel und Schuldgefühle, denn er profitiert von dem Leid anderer. Mathys spürt, dass sein Leben ihm mehr und mehr entgleitet. Er zieht sich auf einen abgeschiedenen Hof im Wald zurück. Lebt dort mit seinem Vater und seinem Sohn, kommt zur Ruhe und verliebt sich. Doch die Idylle trügt. Eines Nachts schlagen zwei Männer seinen Vater brutal nieder und er muss schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Mathys will die Täter finden. Der immer stärker werdende Wunsch nach Rache und die Suche nach den Männern entfremden ihn von den Menschen, die er liebt. Wird er nun alles verlieren?  In einem zerklüfteten Tal in den Alpen trifft er eine einsame Entscheidung, die sein Leben kosten kann.

(c) Pendragon

Und gleich noch einmal Pendragon. “Geld ist nicht genug”. “Kalter Schuss ins Herz” war schon ein überzeugender Auftakt seiner Serie um die Berufsverbrecherin Crissa Stone. Stroby schreibt in der Tradition von Richard Stark (Parker) und Garry Disher (Wyatt). Aber da ist noch Luft nach oben. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes gespannt.

Metallteile und Plastik schlittern über den Asphalt. Volltreffer. Crissa Stone hebelt den Geldautomaten mit der Schaufel eines Frontladers aus der Verankerung und balanciert die Beute auf die Ladefläche ihres Pick-ups. Sie liebt saubere Lösungen. Crissa hat das System des Bankraubs perfektioniert, aber ihre Partner verlieren die Nerven. Gangster, die sich gegenseitig umbringen wie unprofessionell. Zum Glück wartet schon ein neuer Job: Ein verstorbener Mafiaboss soll die Millionen eines Raubs jahrelang versteckt haben. Leider ist Crissa nicht die Einzige, die es auf das Geld abgesehen hat. Sie gerät zwischen die Fronten und muss fliehen: Vor dem Gesetz und einer Mafia-Gang aus New York.

(c) Limes Verlag

Zum Schluss geht es in meine Heimatstadt Wien – allerdings zurück in die Zeit kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die gebürtige Vorarlbergerin Alex Beer hat mit “Der zweite Reiter” den Auftakt zu einer Serie rund um den Ermittler August Emmerich geschrieben. Ich stecke schon mitten in der Lektüre und bin ziemlich begeistert.

Wien, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs: Der Glanz der ehemaligen Weltmetropole ist Vergangenheit, die Stadt versinkt in Hunger und Elend. Polizeiagent August Emmerich, den ein Granatsplitter zum Invaliden gemacht hat, entdeckt die Leiche eines angeblichen Selbstmörders. Als erfahrener Ermittler traut er der Sache nicht über den Weg. Da er keine Beweise vorlegen kann und sein Vorgesetzter nicht an einen Mord glaubt, stellen er und sein junger Assistent selbst Nachforschungen an. Eine packende Jagd durch ein düsteres, von Nachkriegswehen geplagtes Wien beginnt, und bald schwebt Emmerich selbst in tödlicher Gefahr...

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Krimi-Bestenliste im März: Ein Abgleich

(c) Rowohlt

Die neue Krimi-Bestenliste hat mich auf den ersten Blick diesmal ein wenig enttäuscht. Was sich da finden lässt, fällt großteils nur bei sehr großzügiger Auslegung in die Kategorie Krimi. Damit habe ich grundsätzlich kein Problem, denn ich bin ein Suchender, der gern abseits der ausgetretenen Krimipfade wandelt. Und natürlich gibt mir die Liste auch diesmal Hilfe. Auf “Sein blutiges Projekt” oder “Der Block” wäre ich sonst wohl nie gestoßen.

Aber ein wenig beschleicht mich die Befürchtung, dass ein Krimi künftig möglichst wenig Krimi sein soll, um es auf die Liste zu schaffen. Das fände ich schade. Ein guter Krimi ohne eindeutige politische Botschaften oder literarische Ansprüche? Das scheint es momentan offenbar nicht zu geben, zumindest wenn man der Krimi-Bestenliste glaubt. Ich vermute, dass jedes Buch auf der Liste einzeln betrachtet durchaus herausragend ist, aber kurzzeitig habe ich mir schon gedacht: Wo bin ich hier jetzt eigentlich gelandet?

Offenbar bin ich doch ein konservativerer Krimileser, als ich bisher dachte. Klassische Krimis sind diesmal in der Minderzahl, darum will ich extra darauf hinweisen: “Gefrorener Schrei”, “Sea Detective – Ein Grab in den Wellen”, “Die Straße ins Dunkel” und “Moorbruch”. Das letztgenannte Buch habe ich schon gelesen und kann es jedem ans Herz legen.

Die Liste im Überblick:

1. Denis Johnson: Die lachenden Ungeheuer (-)
2. Jerome Charyn: Winterwarnung (2)
3. Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt (-)
4. Jérôme Leroy: Der Block (-)
5. Tana French: Gefrorener Schrei (1)
6. Mark Douglas-Home: Sea Detective – Ein Grab in den Wellen (9)
7. Max Annas: Illegal (-)
8. Paul Mendelson: Die Straße ins Dunkel (3)
9. Peter May: Moorbruch (-)
10. Federico Axat: Mysterium (-)

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Massimo Carlotto: Am Ende eines öden Tages

(c) Tropen Verlag

(c) Tropen Verlag

Giorgio Pellegrini ist ein echtes Prachtexemplar von einem Widerling. Er gehört zu jenen Menschen, denen man im Leben niemals begegnen sollte. Der italienische Ex-Terrorist ist berechnend, böse, brutal, unsympathisch, unmoralisch, kaltherzig – um nur ein paar seiner negativen Eigenschaften zu nennen. Wie soll man einen Mörder, Erpresser und Vergewaltiger auch sonst bezeichnen? Dennoch ist es Massimo Carlotto mit “Am Ende eines öden Tages” im dritten Anlauf endlich gelungen, mich zu überzeugen – diesmal aber so richtig.

Der Sardinien-Krimi “Tödlicher Staub” hat mich 2013 inhaltlich zwar angesprochen, aber handwerklich nicht überzeugt. Irgendwie war das unrund zu lesen. Auch sein autobiografischer Krimi “Der Flüchtling” hat mich nicht wirklich begeistert, irgendwie kam mir Carlottos Schicksal nicht so richtig nahe, zu sprunghaft, zu selbstverliebt war mir das.

Doch mit “Am Ende eines öden Tages” spielt Carlotto seine Qualitäten voll aus. Man muss seine Hauptfigur Pellegrini nicht mögen – das fällt auch denkbar schwer – um zu erkennen, dass der Autor einen selten authentischen Einblick in die düstere Welt eines Berufskriminellen gewährt, der seine Wurzeln auch dann nicht verleugnen kann, als er endlich ein “bürgerliches” Leben führt. “Verbrechen war meine Wissenschaft und Töten meine Kunst”, sagt Pellegrini. Dabei tötet er nicht einmal so oft, wie dieses Zitat vermuten lässt. Aber er hat auch kein Problem damit, es gehört einfach dazu, fühlt sich sogar gut an. Genauso wie seine erniedrigenden und sadistischen Spielchen mit Frauen – egal ob Ehefrau oder Geliebte.

Spannend wie ein Krimi ist auch die Entstehungsgeschichte des Romans, der eigentlich aus zwei Romanen mit einem neu geschriebenen Mittelstück besteht, wie Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung schreibt: “Der erste Teil wurde in Deutschland bereits 2007 unter dem Titel “Arrivederci amore, ciao” veröffentlicht. Der zweite Teil erschien 2011 in Italien unter dem Titel “Alla fine di un giorno noioso”, also unter dem, den nun das Gesamtkonvolut auf Deutsch trägt. Nur für die deutsche Fassung hat Carlotto auch noch ein Scharnierstück eingefügt, es heißt “Einige Monate später” und bildet eine Überleitung zwischen den Teilen.”

Zum ersten Mal liest sich Carlotto aus meiner Sicht flüssig. Nur zu Beginn des dritten Teils des Buches merkt man kurz, dass es sich hier eigentlich um ein eigenständiges Buch handelt, weil hier in kurzen Passagen Wiederholungen aus dem ersten Teil stattfinden. Das hat mich ein wenig verwirrt, bis ich um die Entstehung erfahren habe.

Das Erschreckendste: Es macht sogar Spaß, die Welt aus den Augen dieses verachtenswerten Bastards zu sehen. Wie er seine nicht minder skrupellosen Gegner provoziert und reinlegt, ist faszinierend. Da wartet Carlotto stellenweise sogar mit unerwartetem und sehr subtilem Humor auf und präsentiert sich von einer Seite, die mir bisher fremd war. Abstoßend und anziehend zugleich porträtiert er Pellegrini, ohne diesen eiskalten Kerl hochzustilisieren. Das hat schon Klasse. Darüber hinaus zeichnet er ganz nebenbei auch noch ein wenig schmeichelhaftes Sittenbild eines durch und durch korrupten Landes. Sauber zu bleiben, scheint hier nicht einmal eine Option zu sein.

Buchkultur hat das Buch übrigens auf Platz fünf der besten Krimis der Saison gewählt.

Dem Tropen-Verlag gratuliere ich an dieser Stelle zudem zu dem vermutlich coolsten und stilvollsten Krimi-Cover des vergangenen Jahres.

9 von 10 Punkten

Massimo Carlotto: “Am Ende eines öden Tages”, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Katharina Schmidt und Barbara Neeb, Tropen Verlag, 381 Seiten.

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