Un-Su Kim: Die Plotter

(c) Europaverlag

Der größte – und einzige – Schwachpunkt des Roman “Die Plotter”? Die unpassende Etikettierung als Thriller! Spannung hat das Buch zwar reichlich zu bieten, aber für einen fiebrigen Pageturner ist der Aufbau zu langsam.

Das tut der Begeisterung für diesen Roman aber keinen Abbruch und beginnt schon mit dem Cover, auf dem Blutspritzer stilisiert sind, die sich bis über die Seiten ausbreiten. Neugierige Blicke bei der U-Bahn-Fahrt sind sicher, wie der Selbsttest gezeigt hat. Aber der südkoreanische Autor Un-Su Kim weiß auch innerhalb der Buchdeckel zu überzeugen. Seine Hauptfigur Raeseng wird dem Leser unweigerlich sympathisch, auch wenn er einem unsympathischen Beruf nachgeht: Er ist Auftragsmörder.

(c) Europaverlag

Großgezogen wurde Raeseng von Old Raccoon, der aus seiner Bibliothek heraus eine Art Killerfabrik verwaltet. Jahrzehntelang wurden alle politisch motivierten Morde über diese „Library of Dogs“ abgewickelt. Raeseng ist ein Teil dieser gut funktionierenden Tötungsmaschine, doch irgendwann begeht er den Kardinalfehler aller Killer. Er beginnt, zu fühlen und nachzudenken.

Un-Su Kim hat daraus einen stellenweise fast schon poetischen Roman gemacht, der ganz nebenbei auch die Gesellschaft in Südkorea porträtiert. Der Autor erzeugt durch gekonnt eingestreute, märchenhafte Sequenzen immer wieder schöne Bilder im Kopf des Lesers. Viel mehr kann ein guter (Kriminal-)Roman nicht leisten.

8 von 10 Punkten

Un-Su Kim: Die Plotter, übersetzt von Rainer Schmidt, 360 Seiten, Europaverlag.

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Krimi-Bestenliste im März: Ein Abgleich

(c) Polar Verlag

Die Krimi-Bestenliste im März zeigt wieder einmal die Vielseitigkeit des Genres – sorry, falls ich das schon öfters geschrieben habe, aber es ist nun mal so. Dass Attica Locke mit ihrem mit Krimipreisen überhäuften “Bluebird, Bluebird” die Top-Position verteidigen konnte, ist gerechtfertigt. Ich stecke mitten in der Lektüre (ja,  immer noch – ich musste Don Winslows “Jahre des Jägers” einschieben), aber ich bin echt begeistert.

Ganz bald von mir gelesen wird auch “Willnot” von James Sallis. Kaum jemand kann auf wenigen Seiten so viel erzählen, wie dieser Autor – hier seien “Driver” und Driver 2″ (beide Bücher habe ich gelesen, bevor ich diesen Blog begonnen habe) erwähnt und empfohlen.

Auch von Gary Victors Qualitäten (“Soro”) konnte ich mich in der Vergangenheit schon überzeugen. “Im Namen des Katers” reizt mich daher ebenso wie Lucia Puenzos “Die man nicht sieht” – Straßenkinder als Profi-Einbrecher, das klingt gut.

Sara Gran geht auch endlich mal wieder an den Start. Über ihre ersten beiden Claire DeWitt-Krimis “Das Ende der Welt” und “Die Stadt der Toten” habe ich hier geschrieben. Während mich das eine Buch begeistert hat, war ich vom anderen eher enttäuscht. Also ist die Spannung wieder groß.

Eher nicht lesen werde ich Heinrich Steinfests “Der schlaflose Cheng”, da mich der Auftakt der Cheng-Reihe einst wenig begeisterte. Und auch Tana Frenchs “Der dunkle Garten” reizt mich nicht besonders, ebenso wie “Der wilde Detektiv” von Jonathan Lethem – da bin ich irgendwie skeptisch.

Alles in allem aber echt eine gute Krimizeit momentan!

Die Liste im Überblick:

1. Attica Locke: Bluebird, Bluebird (1)
2. James Sallis: Willnot (-)
3. Gary Victor: Im Namen des Katers (-)
4. Heinrich Steinfest: Der schlaflose Cheng (-)
5. Lucía Puenzo: Die man nicht sieht (3)
6. Tana French: Der dunkle Garten (2)
7. Sara Gran: Das Ende der Lügen (-)
8. Leonardo Padura: Die Durchlässigkeit der Zeit (-)
9. Jeong Yu-Jeong: Der gute Sohn (-)
10. Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv (8)

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Don Winslow: Jahre des Jägers

(c) Droemer Verlag

Mit “Tage der Toten” hat Don Winslow Anfang der 2000er-Jahre neue Maßstäbe im Krimi-Genre gesetzt. Realismus pur, bis an die Schmerzgrenze – und darüber hinaus. Durch seine Erzählweise aus vielen Perspektiven machte er den globalen Drogenkrieg am Beispiel Mexikos begreifbar, vom kleinsten Rädchen im Getriebe bis zum einflussreichen Drogenboss, vom Fahnder bis zum Killer. Besser als jedes Sachbuch legte Winslow die Mechanismen und Logiken des Drogenkrieges offen und überzeugte darüber hinaus durch präzise Charakterstudien sowie einen ausgeklügelten Plot bis zur letzten Wendung.

In “Das Kartell”, dem im Jahr 2015 erschienenen zweiten Teil seiner rund 2500 Seiten umfassenden Drogen-Trilogie, litt die Geschichte, weil er versuchte, jedem einzelnen Opfer der brutalen Exzesse in Mexiko gerecht zu werden. Phasenweise las sich das Buch wie eine Chronik all der Grauslichkeiten des Drogenkriegs. Ein sehr ehrbares, literarisch aber etwas enttäuschendes Unterfangen.

Nun erzählt der Winslow im abschließenden Teil erneut von den mächtigen mexikanischen Drogenkartellen, deren Aufstieg seiner Meinung nach aber erst die USA ermöglicht haben. “Welcher Schmerz sitzt so tief im Herzen der amerikanischen Gesellschaft, dass wir zu Drogen greifen, um ihn zu lindern?”, fragt der legendäre Drogenfahnder Art Keller, der in “Jahre des Jägers” zum Chef der Drogenbehörde DEA aufsteigen wird. Winslow hasst die Scheinheiligkeit, wenn von einem „mexikanischen Drogenproblem“ die Rede ist. “Wir alle sind das Kartell”, heißt es. Der Krieg gegen die mexikanischen Bosse ist, obwohl Keller die Spitze der Karriereleiter erreicht hat, nicht leichter geworden. Ganz im Gegenteil, nun führt er auch Krieg gegen die eigene Regierung. “Aber eigentlich ist beides dasselbe.”

Meiner Meinung nach ist es Winslow gelungen, zur Qualität seines Meisterwerks “Tage der Toten” zurückzukehren. Wenn man die unnötigen Actionszenen am Anfang und Ende des fast 1000-seitigen Buches weglässt, dann überzeugt Winslow in allen Belangen. Er erzählt vom Kampf der US-Drogenfahnder gegen die mexikanischen Kartelle, obwohl die Feinde oft im eigenen Land zu sitzen scheinen: an den politischen und finanziellen Machthebeln im Weißen Haus und an der Wall Street.

Seitenhiebe auf US-Präsident Trump

Winslows Stärke ist es, aus den vielen kleinen und schnell vergessenen Meldungen, die man aus den Nachrichten kennt, ein hoch empathisches Werk (im Gegensatz zu “Das Kartell”), ein wahres gesellschaftliches Panorama zu machen. Es ist ein wenig schmeichelhaftes Porträt der von einer Opioid- und Heroin-Epidemie heimgesuchten USA. Er zeigt, wie das Leben eines kleinen Flüchtlingsbuben aus Guatemala, der illegal in die USA gelangt, mit jenem einer Heroinsüchtigen aus dem US-Mittelstand und dem eines New Yorker Undercover-Polizisten zusammenhängt. Gekonnt lässt er die drei Figuren dann auch kurz vor Schluss aufeinanderprallen.

Kontroversiell ist es sicher, dass Winslow sich in “Jahre des Jägers” so politisch wie nie zuvor zeigt. Dass er ein Verfechter einer Legalisierung der Drogen ist, weiß man schon länger – damit würde den Kartellen ihr Geschäftsmodell entzogen. Doch nun lässt er seine Figur Keller einen offenen Feldzug gegen den fiktiven US-Präsidentschaftskandidaten John Dennison, unschwer als Donald Trump erkennbar, führen. Das wird sicher nicht jeder mögen.

Ich habe mich auch lange gefragt, ob ich das gut finde. Denn es ist mehr als offensichtlich, dass Winslow ein massives Problem mit Trump hat. Das kann jeder auf Twitter nachlesen, dort attackiert der Autor täglich den realen Präsidenten. Ich sehe diesen Trend, dass Krimiautoren offen politisch schreiben, an sich ziemlich ambivalent. Natürlich können und sollen Krimiautoren politische Menschen sein und auf üble gesellschaftliche und politische Zustände aufmachen. Aber wenn die Vermittlung politischer Botschaften zunehmend wichtiger wird als der Kriminalroman selbst, dann habe ich ein Problem damit. Hier hat es mich aber nicht gestört, weil Winslow einfach wieder sehr lebensnah von den Drogen und ihren vielseitigen Auswirkungen auf die Gesellschaft erzählt. Natürlich macht sich Winslow mit seinen Trump-Seitenhieben angreifbar. Das kann seinem Buch schaden und von dessen eigentlichen Qualitäten ablenken. Aber die von ihm geschilderten Verflechtungen von schmutizgem Geld mit Politik und Finanzwelt sind ja andererseits nicht sehr weit hergeholt.

9 von 10 Punkten

Don Winslow: “Jahre des Jägers”, übersetzt von Conny Lösch, 991 Seiten, Droemer Verlag.

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Garry Disher: Leiser Tod

(c) Unionsverlag

Der australische Krimiautor Garry Disher gehört zu den Besten seines Fachs, was er mit “Leiser Tod” eindrucksvoll bestätigt. Diesmal muss sich sein Ermittler Hal Challis mit einem heiklen Fall herumschlagen: Ein Vergewaltiger in Polizeiuniform sorgt im australischen Buschland für Schrecken. Doch der Autor begnügt sich nicht mit der Polizistensicht, er lässt den Leser die Welt auch durch die Augen einer Profi-Einbrecherin sehen. Da musste ich unweigerlich an Crissa Stone von Wallace Stroby denken. Und ich muss zugeben: Ich mag diese Sicht aus der Blickweise der Verbrecher mehr als die Polizistensicht.

Beide Erzählstränge lesen sich spannend und glaubwürdig, aber vor allem wie Disher diese verknüpft und auflöst, ist einfach große Klasse. Dieses Buch, das siebente der Hal-Challis-Reihe, ist ähnlich überzeugend wie sein Stand-alone “Bitter Wash Road”.

9 von 10 Punkten

Garry Disher: “Leiser Tod”, übersetzt von Peter Torberg, Unionsverlag, 347 Seiten.

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Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

(c) Pendragon

“Kalter Schuss ins Herz” war der vielversprechende Auftakt zu der Serie um die Berufsverbrecherin Crissa Stone. Zuletzt habe ich hier den dritten Teil, “Fast ein guter Plan”, besprochen. Im Zuge dessen ist mir aufgefallen, dass ich den Teil dazwischen, “Geld ist nicht genug” zwar schon längst gelesen habe, hier aber offenbar nie besprochen habe. Was ist da nur wieder schiefgelaufen?

Naja, egal. Ich finde jedenfalls, dass sich die Serie wunderbar weiterentwickelt hat. Im Idealfall liest man die Serie natürlich in der richtigen Reihenfolge, man findet sich aber in den einzelnen Kriminalromanen auch so problemlos zu recht. In “Geld ist nicht genug” greift der Autor sogar auf einen realen Fall zurück – den sogenannten Lufthansa-Raub im Jahr 1978, den größten Bargeldraub der US-Kriminalgeschichte. Das gibt der Geschichte natürlich einen besonderen Reiz. Obwohl sich der Autor tief im Genre bewegt, gewinnt er diesem stets neue Facetten ab.

7 von 10 Punkten

Wallace Stroby: “Geld ist nicht genug”, übersetzt von Alf Mayer, Pendragon, 334 Seiten.

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Wallace Stroby: Fast ein guter Plan

(c) Pendragon

Bereits zum dritten Mal lässt Autor Wallace Stroby die professionelle Räuberin Crissa Stone ihren kriminellen Tätigkeiten nachgehen – und wieder einmal geht alles schief: Drogendealer in Detroit werden zwar erfolgreich ausgeraubt, doch ein Mitglied von Crissas vierköpfigem Team ist gierig – beim Aufteilen des Geldes tappt sie in eine Falle. Ganovenehre? Gibt es nicht.

Stroby wird von Buch zu Buch ( Teil 1: Kalter Schuss ins Herz”, Teil 2: “Geld ist nicht genug”) besser, seine angenehm unheroische Hauptfigur erhält immer mehr Konturen. Er erzählt zurückhaltend und unglaublich puristisch von einer Frau, die sich im beinharten Milieu der männerdominierten Unterwelt ständig neu beweisen muss.

Auch wenn ich mich wiederhole, aber Crissa ist eine Seelenverwandte von Richard Starks Antihelden Parker und Garry Dishers Berufsverbrecher Wyatt. Diese drei Figuren gehören definitiv zu meinen liebsten des Genres. Das Feine aber ist, dass Crissa nicht nur irgendein billiger Abklatsch ist.

Schade eigentlich, dass die Serie mit “Der Teufel will mehr”, dem vierten Band und seit ein paar Tagen im Handel, ein Ende findet.

8 von 10 Punkten

Wallace Stroby: “Fast ein guter Plan”, übersetzt von Alf Mayer, Pendragon Verlag, 312 Seiten.

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Krimi-Bestenliste im Februar: Ein Abgleich

(c) Polar Verlag

Ich habe es mir fast gedacht und auch erhofft. Attica Locke ist mit “Bluebird, Bluebird” gleich auf Platz eins der aktuellen Krimi-Bestenliste der FAZ eingestiegen. Ich habe die Lektüre zwar gerade erst begonnen, aber so viel steht schon fest: Hier hat der Polar Verlag einen guten Griff getan. Locke hat übrigens für ihr Buch sowohl den renommierten Edgar Award Winner 2018 als auch den Ian Fleming Steel Dagger 2018 erhalten, das spricht für sich.

Gelesen habe ich von der Liste Patrícia Melos “Der Nachbar” und Un-Su Kims “Die Plotter” (hier demnächst mehr darüber)- beides überzeugende Kriminalromane, die aus der Masse der Neuerscheinungen herausstechen.

Auf meiner Leseliste befindet sich Michael Farris Smiths “Desparation Road”. Lucía Puenzos “Die man nicht sieht” werde ich  nach der Bestenlisten-Empfehlung auch dazu nehmen (klingt echt gut), stattdessen aber Tomás Bárbulos “Versammlung der Toten” (die bisherigen Rezensionen sind eher verhalten) vermutlich eher nicht lesen.

Die Liste im Überblick:

1. Attica Locke: Bluebird, Bluebird (-)
2. Tana French: Der dunkle Garten (6)
3. Lucía Puenzo: Die man nicht sieht (-)
4. Sara Paretsky: Kritische Masse (1)
5. Un-Su Kim: Die Plotter (2)
6. Tomás Bárbulo: Versammlung der Toten (-)
7. Patrícia Melo: Der Nachbar (3)
8. Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv (-)
9. Tito Topin: Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter (-)
10. Michael Farris Smith: Desperation Road (-)

 

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