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Antonio Ortuño: Die Verbrannten

(c) Kunstmann

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Angesichts der Flüchtlingsproblematik, mit der Europa konfrontiert ist, vergisst man gern, dass dieses Thema kein rein europäisches ist. Antonio Ortuño schildert mit “Die Verbrannten” die Lage von zentralamerikanischen Flüchtlingen, die – auf dem Weg in die USA – im Transitland Mexiko gestrandet sind.

“Du wirst von den Schleppern ausgeraubt werden, die dich im Zug über die Grenze bringen. Deiner Frau sollte man ein empfängnisverhütendes Mittel spritzen, bevor sie in den Zug steigt, denn es ist wahrscheinlicher, dass sie vergewaltigt wird, als dass sie etwas Vernünftiges zu Essen bekommt.”

Zur Handlung: Als in einer Notunterkunft für Flüchtlinge Feuer gelegt wird und mehr als 40 Menschen sterben, schickt die Nationalkommission für Migration ihre Beamtin “La Negra” vor Ort. Schon bald muss sie, die noch nicht abgestumpft ist, erkennen, dass Menschlichkeit angesichts all des Elends ein kaum mehr vorzufindendes Gut ist. Ein Klima der Angst herrscht vor.

Gekonnt stellt Ortuño die kalten, floskelhaften und nichtssagenden Presseaussendungen der Behörde, die vorrangig um ihr Image kämpft, den an Tragik kaum zu überbietenden Ereignissen gegenüber. Es sind immer wieder die gleichen Textbausteine, die uns im Verlauf des Buches begegnen:

“Ebenfalls betont diese Kommission ihre ausdauernde Pflicht, die Menschenrechte eines jeden Menschen zu schützen und zu bewahren, insbeesondere die der Familien, die mexikanischen Boden durchqueren, und zwar unabhängig von ihrem Migrationsstatus.”

Bla, bla, bla. Die Realität sieht komplett anders aus. Kriminelle Banden arbeiten mit der Polizei und hochrangigen Mitarbeitern der Kommission zusammen. Ein paar Leichen von Flüchtlingen sind da gerade einmal lästig – vor allem in einem Land, in dem ständig Massengräber mit Opfern des Drogenkrieges gefunden werden. Flüchtlinge sind eine Ware, jeder versucht Profit aus diesen beständigen Menschenströmen zu schlagen. Tatsächlich ist der Menschenhandel mittlerweile angeblich sogar lukrativer als der Drogenhandel.

Ortuño zwingt den Leser hinzusehen, auch wenn der schon längst nicht mehr hinsehen will. Die Wut des Autors angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage ist auf jeder Seite des Buches spürbar. Schonungslos konfrontiert er den Leser mit unangenehmen Wahrheiten. “Die Verbrannten” tut weh – im besten Sinne. Literatur muss das manchmal machen.

“Alles ist schlecht ausgegangen. Ein perfektes Ergebnis.”

8 von 10 Punkten

Antonio Ortuño: “Die Verbrannten”, übersetzt von Nora Haller, 208 Seiten, Verlag Antje Kunstmann.

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Don Winslow: Das Kartell

(c) Droemer

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US-Autor Don Winslow hat einen grundlegenden Fehler gemacht: Er hat die perfekte Crime Novel “Tage der Toten” geschrieben. Damit hat er die Messlatte sehr, sehr hoch gelegt. Vergleicht man nun die Fortsetzung “Das Kartell” mit dem Vorgänger, kann man daher ernüchtert sein. Da fehlt die Raffinesse, die Eleganz, die Präzision. “Tage der Toten” überzeugte durch seine vielen Figuren und Nebenhandlungen. Da waren auch dieser Killer Sean Callan, der aussteigen will und die “heilige” Prostituierte Nora Hayden, die Pater Parada abgöttisch liebt. Da waren zwar einerseits brutale Szenen, die beim Lesen wehtaten, aber auch stille Momente, schöne Bilder.

Bei “Das Kartell” ist davon nicht viel geblieben. Es ist das gnadenlose Duell zweier Männer – des Drogenfahnders Art Keller und des Drogenbosses Adan Barrera. Es ist zudem die Stunde der Zetas, des wohl brutalsten Kartells des mexikanischen Drogenkriegs. Dessen Motto: Plata o plomo. Silber oder Blei – entweder du lässt dich bestechen, oder du (und oft deine Familie) stirb(s)t. Es ist ein hyperrealistisches Buch, das offenbar jedem einzelnen Toten des jahrelangen Drogenkriegs gerecht werden will (denn teilweise reiht sich tatsächlich fast jedes einzelne Gemetzel an das nächste). Ich verstehe daher die Kritik von Alf Mayer, der auf culturmag meint, dass Winslow die mexikanische Wirklichkeit meist nur nacherzähle und sie nicht zu etwas verdichte, “das man Literatur nennen könnte.” Und: “Es fehlen Eleganz, Besonderheit, Risiko, Temperament – und am schlimmsten, wirkliche Empathie für all das Leid, auch wenn sie behauptet wird. Winslow will cool sein, das ist sein Hauptaugenmerk. Hier ist das öfter ziemlich obszön.”

„Mexiko, das Land der Pyramiden und Paläste, der Wüsten und Dschungel, der Berge und Strände, Märkte und Gärten, Boulevards und Gassen, Plazas und Patios ist jetzt nur noch ein Schlachthof. Und wozu das Ganze? Damit sich die Amis mit Drogen vollpumpen können.“

Ich stimme ihm zu, dass Winslow tatsächlich eine Chronologie des Grauens geschrieben hat. Es ist großteils eine Nacherzählung. Aber eine Nacherzählung, die mich schockiert und gefesselt hat. Und ja, nach der weiß ich wievielten Folterszene hat auch bei mir eine Abstumpfung eingesetzt. Irgendwann habe auch ich angesichts all dieser unvorstellbaren, scheinbar sinnlosen Gewalt resigniert. Aber ist nicht genau das auch der Grund, warum hierzulande und in den USA fast jedem egal ist, was da in Mexiko passiert? Es scheint so unverständlich, so unbegreifbar, was da passiert. Wenn man da wieder von 40 kopflosen Leichen hört, interessiert das einfach niemanden mehr. Meiner Meinung nach macht Winslow diese Mechanismen mit seinem Buch begreifbar.

Ich glaube auch nicht, dass Winslow cool sein will. Mayer kritisiert, dass Winslows typischer Stil der kurzen Sätze in “Das Kartell” zu einem Bleigewicht werde: “Man stelle sich vor, die „Buddenbrooks“ oder „Krieg und Frieden“ oder „Der große Gatsby“ wären weitgehend in Hauptsätzen und mit Einzeilern erzählt. Zunehmend ertappte ich mich beim Lesen, wie ich mich Fantasien hingab, nun spaßeshalber die Winslow-Versionen großer Romane zu schreiben. Alles auf Steichholzlänge zu stutzen und damit dennoch die hohen Töne zu pfeifen versuchen. „Hundert Tage Einsamkeit in hundert Sätzen“, „Moby Dick für Dummies“, „Karl Marx für Anfänger“. Mit Pathos auf Pulp-Niveau. Kitsch und Klischees freigebig aus dem großen Streuer.” Dass sein Buch mit “Krieg und Frieden” verglichen wird, dafür kann Winslow nichts. Verlage neigen nun leider zu Superlativen. Dass diese kurzen Sätze kraftmeierisch daherkommen, finde ich nicht. Ich fände es im Gegenteil teilweise unpassend, das Grauen unnötig auszuschmücken.

„Amerikaner kiffen, schnupfen, spritzen, was das Zeug hält – Marihuana, Kokain, Heroin, Crystal Meth –, und haben dann den Nerv, auf den Süden zu zeigen und mit erhobenem Zeigefinger auf das ,mexikanische Drogenproblem‘ und die mexikanische Korruption zu verweisen.“

Auch fehlende Empathie wird Winslow vorgeworfen. Kaum eine Figur entwickle eine eigene Stimme, meint auch Sonja Hartl auf zeilenkino. Ja das stimmt. Das hat auch mir manchmal gefehlt. Allerdings hätte ich es angesichts all des Leids auch unpassend gefunden, auf die Gefühlsdrüse zu drücken. Zudem macht Winslow sehr wohl typisch mexikanische Schicksale deutlich, er nimmt sich dafür auch viele Seiten Zeit. Das bremst zwar die Handlung, hilft aber zu verstehen, was da in Mexiko passiert. Ob es nun der engagierte mexikanische Journalist ist oder jener Jugendliche, der zum brutalen Zetas-Killer wird.

Die Figur des fiktiven Drogenboss Adan Barrera ist übrigens sehr stark an den realen Drogenboss Joaquin “El Chapo” Guzman angelegt. Zu Beginn von “Das Kartell” gelingt Barrera die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis (Guzman war das 2001 gelungen). Vor wenigen Tagen ist es Guzman erneut gelungen, aus einem bis dahin ausbruchssicheren Gefängnis auszubrechen (mehr dazu auch hier: “Ein Loch in den Grundfesten Mexikos”). Das ist ohne Hilfe korrupter Beamter oder Politiker eigentlich undenkbar, wie jeder weiß, der “Das Kartell” gelesen hat.

Dankbar bin ich Alf Mayer aber für seine wertvollen Hinweise, was weiterführende Literatur betrifft. Er erwähnt Charles Bowden, Elmer Mendoza, James Carlos Blake, Sam Hawken und Johann Haris (von den beiden letztgenannten erscheinen demnächst Bücher auf Deutsch). Ich werde mich da auf alle Fälle weiter vertiefen.

Für alle Interessierten könnten auch diese Filme interessant sein:

“The House I live in” – Amerikas längster Krieg (habe ich leider zuletzt auf arte verpasst)

Die Dokumentation “Cartel Land”

Der Film “El Sicario” von “Prisoners”-Regisseur Denis Villeneuve (demnächst im Kino)

7 von 10 Punkten

Don Winslow: Das Kartell, übersetzt von Chris Hirte, 832 Seiten, Droemer.

http://www.newyorker.com/magazine/2015/07/06/the-system-books-laura-miller

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Robert Crais: Straße des Todes

(c) Heyne

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Robert Crais war bislang ein blinder Fleck auf meiner Krimilandkarte. Ich hatte schon oft von dem Ermittler-Duo Joe Pike und Elvis gehört, war aber nie dazu gekommen, etwas von Crais zu lesen. “Straße des Todes” war nun also mein Crais-Debüt. Und ich bin gespalten.

Crais schreibt locker, spannend und auch mit Humor. Seine Figuren funktionieren ebenfalls perfekt. Dazu hat er ein brisantes Thema gewählt: Crais macht auf das Phänomen der bajadores, der Entführungen entlang der US-mexikanischen Grenze aufmerksam. Tatsächlich werden entlang der Fluchtrouten aus dem Süden immer häufiger Migranten gekidnappt und von deren Familien Geld erpresst. Mittlerweile ist Mexiko weltweit das Land mit den meisten Entführungen. Solange gezahlt wird, bleiben die Angehörigen am Leben, fließt kein Geld mehr, werden diese getötet.

Crais macht die Skrupellosigkeit der Kriminellen auch in deren Verwendung der Sprache deutlich. Die Migranten werden von ihren Entführern schlicht als pollos, also Hühner, bezeichnet. Für sie sind das keine Menschen, sondern ein Stück Ware, ein Geschäftsmodell. Wenn sie ausgedient haben, dreht man ihnen einfach den Hals um.

Und dennoch: Da war auch wieder dieses typische Thriller-Problem. Mir wurde zumindest bewusst, warum ich verstärkt Kriminalliteratur lese, die nicht nur von der reinen Spannung lebt. Pageturner haben schon etwas für sich (ich habe sie ja auch jahrelang bevorzugt gelesen und habe nun wohl irgendeine Grenze erreicht), hinterlassen mich aber oft mit einem leeren Gefühl. Und das war eben auch bei “Straße des Todes” so. Während des Lesens war alles wunderbar, ein simples Ende hat dann meinen positiven Gesamteindruck aber einigermaßen getrübt und letztlich war das Buch auch wieder schnell vergessen. Kein Abgang, würde der Weintrinker wohl sagen.

Etwas hat mir aber sehr gefallen. In einem CNN-Interview hat Crais erklärt, warum er für seine Bücher nie die Filmrechte verkauft hat. “Ich mache mir Sorgen, dass eine Verfilmung einen Keil zwischen meine Leser und mich treiben könnte. (…) Elvis und Joe werden in unseren Köpfen lebendig. Trotzdem hat jeder seine ganz eigene Vorstellung von den beiden. Ein Film würde das natürlich zerstören. Das ist es ja, was ich an Büchern so liebe: Alle lesen den gleichen Text, und doch sieht jeder andere Bilder.” Schön und treffend formuliert! Gerade in Zeiten, in denen das Geld regiert: Hut ab.

6 von 10 Punkten

Robert Crais: “Straße des Todes”, übersetzt von Jürgen Bürger, 412 Seiten, Heyne.

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