Meine Lieblingskrimis 2016

Ich finde es interessant, wie unterschiedlich auch wir Krimi-Blogger unsere persönlichen Jahres-Bestenlisten angehen: Ich lasse da immer nur alle in diesem Jahr neu erschienenen Krimis einfließen, Der Schneemann wiederum lässt keine Bücher zu, die im Original vor mehr als zehn Jahren erschienen sind. Bei meiner Liste hilft mir das in drei Fällen (Massimo Carlotto, Lawrence Block und Gerald Kersh), die ich problemlos in die Liste mitaufnehmen kann. Zwei andere Bücher, die mich heuer sehr beeindruckt haben, müsste ich eigentlich nachträglich auf die Liste von 2015 hinzufügen, weil sie eben 2015 erschienen sind. Stattdessen werde ich sie aber hier noch einmal kurz erwähnen:

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

“Gun Street Girl” ist meiner Meinung nach sogar der beste Teil der bisher nicht gerade schwachen Serie rund um den katholischen Bullen Sean Duffy. McKinty schreibt nicht einfach nur sehr gut, sondern nahezu perfekt. Nichts kommt zu kurz: das Rätselhafte, die Ermittlerarbeit, starke Charaktere, Handlung, Humor und vor allem das zeithistorische Setting. Eine Jahres-Bestenliste ohne Adrian McKinty, das darf zudem eigentlich nicht sein 😉 Und das Beste: Im Februar erscheint der nächste Teil, “Rain Dogs”, endlich auf Deutsch.

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

Auch Ken Bruens Meisterwerk “Kaliber” ist bereits 2015 erschienen, ich habe es aber erst 2016 gelesen. Das Buch ist vor allem eine Hommage – eine Hommage an den Krimiklassiker “Der Mörder in mir” von Jim Thompson, aber auch an das Krimigenre an sich. Den ersten drei Kapiteln ist jeweils ein Zitat aus “Der Mörder in mir” vorangestellt, im ersten Kapitel selbst verbeugt sich ein durchgeknallter Killer vor dem klassischen Stück Hard-boiled Noir aus der Feder von Thompson.

Aber jetzt ab zu meiner Top-10-Liste:

(c) Deuticke

(c) Deuticke

Platz 10: Die erstaunlichste Leistung des Autors Iain Levison ist es, dass sein futuristisch klingendes Gedankenlese-Szenario ausgezeichnet in das Gewand eines klassischen Kriminalromans passt. Schon bald wird dem Polizisten Snowe in “Gedankenjäger” klar, dass seine neuen plötzlich auftretenden Gedankenlese-Fähigkeiten nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch sind. Auch dem verurteilten und in der Todeszelle sitzenden Mörder Brooks Denny eröffnen sich mit seinen plötzlich auftretenden Fähigkeiten neue Möglichkeiten. Die beiden geben ein äußerst ungewöhnliches Paar ab, dass erst durch das Schicksal zusammengeschweißt wird. Das ist manchmal Slapstick pur und ernsthaft zugleich.

(c) Tropen Verlag

(c) Tropen Verlag

Platz 9: Massimo Carlotto war für mich bisher eher eine Enttäuschung. Sowohl der Sardinien-Krimi “Tödlicher Staub” als auch sein autobiografischer Krimi “Der Flüchtling” konnten mich nicht so richtig begeistert. “Am Ende eines öden Tages” hat mich nun aber ziemlich umgehauen. Man muss seine Hauptfigur Pellegrini nicht mögen – das fällt auch denkbar schwer – um zu erkennen, dass der Autor einen selten authentischen Einblick in die düstere Welt eines Berufskriminellen gewährt, der seine Wurzeln auch dann nicht verleugnen kann, als er endlich ein “bürgerliches” Leben führt. Mehr dazu hier in Kürze.

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Platz 8: Malla Nunn nimmt den Leser auf eine packende Zeitreise in das Südafrika des Jahres 1953 mit, als die Apartheid noch jung war. Detective Sergeant Emmanuel Cooper wandelt dabei selbst ständig auf Messers Schneide, weil er ein “unreines” Verhältnis bzw. Kind hat. Gleichzeitig muss er in einem Fall ermitteln, in dem schon bald klar ist, dass der verdächtige schwarze Jugendliche nicht der Täter sein kann. Doch wie dessen Unschuld beweisen, wenn der korrupte Polizeiapparat gegen dich arbeitet? Nunns Kriminalromane sind vor allem fesselnde Geschichtsstunden.

(c) Eigenverlag

(c) Eigenverlag

Platz 7: Dass Lawrence Blocks erster Matthew-Scudder-Krimi “Die Sünden der Väter” in meiner Liste überhaupt auftauchen kann, ist ja selbst fast so spannend wie ein Krimi. Denn was tut ein Krimiautor, wenn er nicht mehr übersetzt wird? Er bringt sein Buch einfach selbst heraus. Block hat sich mit dem Übersetzer Stefan Mommertz zusammengetan und das Buch nun selbst als E-Book und Paperback herausgebracht. Geplant ist, die 17 Bände umfassende Scudder-Reihe erstmals vollständig auf Deutsch herauszubringen. Block sind bei diesem außergewöhnlichen Akt der literarischen Selbstverteidigung viele Leser zu wünschen. Teil zwei gibt es übrigens schon! . Scudder ist Ex-Cop und Alkoholiker, der aber einen nüchternen Blick auf die Welt behalten hat. Sein moralischer Kompass funktioniert bestens und ist wichtiger als das Geld von Auftraggebern. Deshalb muss man diesen außergewöhnlichen Kerl einfach lieben.

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Platz 6: Liza Codys “Miss Terry” habe ich erst am Neujahrstag fertiggelesen und sie hat wieder einmal ein tolles Buch abgeliefert. Die titelgebende “Miss Terry” heißt eigentlich Nita Tehri, aber ihr Nachname wird meist falsch ausgesprochen. Nita ist eine beliebte Lehrerin, deren Leben vollkommen aus den Fugen gerät, als ein totes Baby mit dunkler Hautfarbe in einem Container vor ihrem Haus gefunden wird. Ab sofort sieht sich Nita mit Beschuldigungen und Verdächtigungen konfrontiert. Lizy Cody hat einen einfühlsamen Krimi über Rassismus und Vorurteile geschrieben, ohne dabei je anklagend zu werden. Dennoch ist dieses Buch zutiefst optimistisch – eine wahre Kunst angesichts der drückenden Thematik.

(c) Wunderlich

(c) Wunderlich

Platz 5: Horst Eckert hat mich einst mit “Schwarzer Schwan” schwer überzeugt, ich halte das für einen der besten Thriller über die internationale Finanzkrise. Kaum ein anderer deutschsprachiger Autor versteht es so gut, klassische Polizeikrimis mit zeitgenössischen, brisanten Themen zu verknüpfen. Eckert hat nun mit “Wolfsspinne” eine beängstigende, weil realistische Interpretation der Geschehnisse rund um den Tod von zwei NSU-Mitgliedern geschrieben, die Zweifel an der offiziellen Version nährt.

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Platz 4: Mit dem knallharten Berufsverbrecher Wyatt hat Garry Disher einen australischen Cousin von Richard Starks Kultfigur Parker erfunden. Nun hat der Autor die Seiten gewechselt und erzählt in “Bitter Wash Road” langsam, aber niemals langweilig vom Schicksal des ins Hinterland abgeschobenen Polizisten Hirsch. Disher erzählt still und einfühlsam, er erschafft echte Menschen, die wie echte Menschen handeln und denken. Ein staubtrockener Krimi aus Down Under.

(c) Haymon

(c) Haymon

Platz 3: Für mich die vielleicht die größte Überraschung und gleichzeitig niederschmetternde Erkenntnis: Warum ist André Pilz nicht viel bekannter? Er ist bestimmt einer der meistunterschätzten Autoren von Spannungsliteratur. Vermutlich hat es damit zu tun, dass seine Geschichten von Skinheads, Drogendealern und wie nun in Der anatolische Panther” von vorbestraften, türkischstämmigen Kleinkriminellen handeln. “Terror-Tarik” wird mir aus vielen unterschiedlichen Gründen länger in Erinnerung bleiben.

(c) pulp master

(c) pulp master

Platz 2: Gerald Kershs “Die Toten schauen zu” ist genau genommen wohl kein Krimi, aber von einem Kleinstverlag herausgegeben, der sich darauf spezialisiert hat, mit viel Akribie Krimi-Perlen zu bergen. Und unglaublich gute Literatur! Als die Nazi-Größe Reinhard Heydrich nach einem Attentat im Juni 1942 stirbt, werden Vergeltungsmaßnahmen beschlossen. Das kleine tschechische Dorf Lidice wird dem Erdboden gleichgemacht, alle männlichen Einwohner werden getötet. Nur wenige Monate später schreibt der Brite Gerald Kersh über das Schicksal des fiktiven Dorfs Dudicka, deutlich als Lidice erkennbar. Er schreibt dabei über Menschen, die in Ausnahmesituationen sekundenschnell Entscheidungen unglaublichen Ausmaßes treffen müssen. Wer bleibt sich treu, wer wird zum Verräter? Und was macht das mit den Menschen?

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Platz 1: Der Rowohlt-Verlag preist seinen Thriller “In den Straßen die Wut” als einen “Roman wie ein Tarantino-Film” an. Superlative sind zwar angebracht, mit diesem Label tut man dem Buch allerdings keinen Gefallen. Denn hier wird weder hochästhetisch kübelweise Blut vergossen noch wird ein cooler Spruch nach dem anderen serviert. Im Gegenteil, Gattis glänzt mit purem Realismus. Das Besondere an dem Buch: Insgesamt kommen 17 Ich-Erzähler zum Einsatz – immer einer nach dem anderen. Durch diesen Wechsel der Perspektive entsteht ein unglaubliches Panorama. Und wenn der erste Ich-Erzähler bereits nach zwölf Seiten das Zeitliche segnet, ist spätestens ab diesem Moment klar, dass hier alles geschehen kann. Besser kann Kriminalliteratur eigentlich kaum sein.

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12 Comments

Filed under Krim(i)skrams

12 responses to “Meine Lieblingskrimis 2016

  1. Garry Disher fand ich auch klasse!

  2. Von Lawrence Block gibt es sogar schon den dritten Teil der Scudder-Reihe. 😉

  3. Pingback: Die Besten und Schönsten 2016 | SchöneSeiten

  4. Ich habe nur die Top 3 plus “Miss Terry” gelesen, den Disher hebe ich mir noch auf. Der Mann ist ja eine Bank was gute Krimis angeht, da mach ich mir keine Sorgen. Carlotto steht schon ewig auf der Wunschliste, der muss jetzt auch bald mal her.

  5. Vielen Dank! Erst gestern habe ich einen deutschsprachigen Newsletter über unser Programm zur Veröffentlichung von Matthew Scudder auf Deutsch gesendet. # 3 Mitten im Tod ist gerade veröffentlicht worden, und mehr kommen. Hier ist ein Link zum Newsletter: http://hosted-p0.vresp.com/214607/94f3312b8e/ARCHIVE Für ein kostenloses Abonnement senden Sie einfach eine E-Mail mit der Überschrift Newsletter-DE an lawbloc@gmail.com (Und bitte verzeihen Sie meinem armen Deutschen, geliefert von Google Übersetzung!)

  6. Wie sehr habe ich mich auf deine Top10 gefreut 🙂 Im letzten Jahr bin ich ein bisschen von Krimis weggedriftet, sodass ich mir fast alle Werke aus deinen Top10 aufschreiben werde.

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