Don Winslow: Das Kartell

(c) Droemer

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US-Autor Don Winslow hat einen grundlegenden Fehler gemacht: Er hat die perfekte Crime Novel “Tage der Toten” geschrieben. Damit hat er die Messlatte sehr, sehr hoch gelegt. Vergleicht man nun die Fortsetzung “Das Kartell” mit dem Vorgänger, kann man daher ernüchtert sein. Da fehlt die Raffinesse, die Eleganz, die Präzision. “Tage der Toten” überzeugte durch seine vielen Figuren und Nebenhandlungen. Da waren auch dieser Killer Sean Callan, der aussteigen will und die “heilige” Prostituierte Nora Hayden, die Pater Parada abgöttisch liebt. Da waren zwar einerseits brutale Szenen, die beim Lesen wehtaten, aber auch stille Momente, schöne Bilder.

Bei “Das Kartell” ist davon nicht viel geblieben. Es ist das gnadenlose Duell zweier Männer – des Drogenfahnders Art Keller und des Drogenbosses Adan Barrera. Es ist zudem die Stunde der Zetas, des wohl brutalsten Kartells des mexikanischen Drogenkriegs. Dessen Motto: Plata o plomo. Silber oder Blei – entweder du lässt dich bestechen, oder du (und oft deine Familie) stirb(s)t. Es ist ein hyperrealistisches Buch, das offenbar jedem einzelnen Toten des jahrelangen Drogenkriegs gerecht werden will (denn teilweise reiht sich tatsächlich fast jedes einzelne Gemetzel an das nächste). Ich verstehe daher die Kritik von Alf Mayer, der auf culturmag meint, dass Winslow die mexikanische Wirklichkeit meist nur nacherzähle und sie nicht zu etwas verdichte, “das man Literatur nennen könnte.” Und: “Es fehlen Eleganz, Besonderheit, Risiko, Temperament – und am schlimmsten, wirkliche Empathie für all das Leid, auch wenn sie behauptet wird. Winslow will cool sein, das ist sein Hauptaugenmerk. Hier ist das öfter ziemlich obszön.”

„Mexiko, das Land der Pyramiden und Paläste, der Wüsten und Dschungel, der Berge und Strände, Märkte und Gärten, Boulevards und Gassen, Plazas und Patios ist jetzt nur noch ein Schlachthof. Und wozu das Ganze? Damit sich die Amis mit Drogen vollpumpen können.“

Ich stimme ihm zu, dass Winslow tatsächlich eine Chronologie des Grauens geschrieben hat. Es ist großteils eine Nacherzählung. Aber eine Nacherzählung, die mich schockiert und gefesselt hat. Und ja, nach der weiß ich wievielten Folterszene hat auch bei mir eine Abstumpfung eingesetzt. Irgendwann habe auch ich angesichts all dieser unvorstellbaren, scheinbar sinnlosen Gewalt resigniert. Aber ist nicht genau das auch der Grund, warum hierzulande und in den USA fast jedem egal ist, was da in Mexiko passiert? Es scheint so unverständlich, so unbegreifbar, was da passiert. Wenn man da wieder von 40 kopflosen Leichen hört, interessiert das einfach niemanden mehr. Meiner Meinung nach macht Winslow diese Mechanismen mit seinem Buch begreifbar.

Ich glaube auch nicht, dass Winslow cool sein will. Mayer kritisiert, dass Winslows typischer Stil der kurzen Sätze in “Das Kartell” zu einem Bleigewicht werde: “Man stelle sich vor, die „Buddenbrooks“ oder „Krieg und Frieden“ oder „Der große Gatsby“ wären weitgehend in Hauptsätzen und mit Einzeilern erzählt. Zunehmend ertappte ich mich beim Lesen, wie ich mich Fantasien hingab, nun spaßeshalber die Winslow-Versionen großer Romane zu schreiben. Alles auf Steichholzlänge zu stutzen und damit dennoch die hohen Töne zu pfeifen versuchen. „Hundert Tage Einsamkeit in hundert Sätzen“, „Moby Dick für Dummies“, „Karl Marx für Anfänger“. Mit Pathos auf Pulp-Niveau. Kitsch und Klischees freigebig aus dem großen Streuer.” Dass sein Buch mit “Krieg und Frieden” verglichen wird, dafür kann Winslow nichts. Verlage neigen nun leider zu Superlativen. Dass diese kurzen Sätze kraftmeierisch daherkommen, finde ich nicht. Ich fände es im Gegenteil teilweise unpassend, das Grauen unnötig auszuschmücken.

„Amerikaner kiffen, schnupfen, spritzen, was das Zeug hält – Marihuana, Kokain, Heroin, Crystal Meth –, und haben dann den Nerv, auf den Süden zu zeigen und mit erhobenem Zeigefinger auf das ,mexikanische Drogenproblem‘ und die mexikanische Korruption zu verweisen.“

Auch fehlende Empathie wird Winslow vorgeworfen. Kaum eine Figur entwickle eine eigene Stimme, meint auch Sonja Hartl auf zeilenkino. Ja das stimmt. Das hat auch mir manchmal gefehlt. Allerdings hätte ich es angesichts all des Leids auch unpassend gefunden, auf die Gefühlsdrüse zu drücken. Zudem macht Winslow sehr wohl typisch mexikanische Schicksale deutlich, er nimmt sich dafür auch viele Seiten Zeit. Das bremst zwar die Handlung, hilft aber zu verstehen, was da in Mexiko passiert. Ob es nun der engagierte mexikanische Journalist ist oder jener Jugendliche, der zum brutalen Zetas-Killer wird.

Die Figur des fiktiven Drogenboss Adan Barrera ist übrigens sehr stark an den realen Drogenboss Joaquin “El Chapo” Guzman angelegt. Zu Beginn von “Das Kartell” gelingt Barrera die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis (Guzman war das 2001 gelungen). Vor wenigen Tagen ist es Guzman erneut gelungen, aus einem bis dahin ausbruchssicheren Gefängnis auszubrechen (mehr dazu auch hier: “Ein Loch in den Grundfesten Mexikos”). Das ist ohne Hilfe korrupter Beamter oder Politiker eigentlich undenkbar, wie jeder weiß, der “Das Kartell” gelesen hat.

Dankbar bin ich Alf Mayer aber für seine wertvollen Hinweise, was weiterführende Literatur betrifft. Er erwähnt Charles Bowden, Elmer Mendoza, James Carlos Blake, Sam Hawken und Johann Haris (von den beiden letztgenannten erscheinen demnächst Bücher auf Deutsch). Ich werde mich da auf alle Fälle weiter vertiefen.

Für alle Interessierten könnten auch diese Filme interessant sein:

“The House I live in” – Amerikas längster Krieg (habe ich leider zuletzt auf arte verpasst)

Die Dokumentation “Cartel Land”

Der Film “El Sicario” von “Prisoners”-Regisseur Denis Villeneuve (demnächst im Kino)

7 von 10 Punkten

Don Winslow: Das Kartell, übersetzt von Chris Hirte, 832 Seiten, Droemer.

http://www.newyorker.com/magazine/2015/07/06/the-system-books-laura-miller

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4 Comments

Filed under Rezensionen

4 responses to “Don Winslow: Das Kartell

  1. Der beste Tipp von Alf Mayer bleibt aber Robeto Bolano. Der größte Schriftsteller Lateinamerikas meiner Meinung nach.

  2. Ich habe mich jetzt dazu entschlossen, “Das Kartell” zurückstellen. “Tage der Toten” ist einer meiner Lieblingsromane. Ich befürchte, da kann er nur verlieren. Deine Besprechung gefällt mir aber durch die Einbettung der Gegenmeinungen und der Filme sehr.

  3. Zu Sam Hawken: Wirklich nur eine Kurzrezi (ursprünglich nicht für den Blog gedacht), aber vielleicht trotzdem ein Eindruck: https://zeilentiger.wordpress.com/2013/07/18/sam-hawken-die-toten-frauen-von-juarez/

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