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Dagger Award 2016 für Don Winslow

(c) Droemer

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Endlich hat Don Winslow seinen ersten Dagger Award gewonnen, der spätestens seit dem grandiosen “Power of the Dog” fällig war. Gratulation! Eigentlich unglaublich, dass er bis jetzt keinen Dagger einheimsen konnte.

Mit “Das Kartell” konnte er die Jury in der Kategorie “Bester Thriller” (“Ian Fleming Steel Dagger”) nun jedenfalls überzeugen. Trotz seiner zuletzt schwankenden Form (mehr dazu hier) ist dieser Preis absolut gerechtfertigt. Winslow fühlt sich jedenfalls geehrt:

 

Dass Adrian McKinty in dieser Kategorie mit “Rain Dogs” leer ausgeht, lässt sich vor allem dadurch verschmerzen, weil sein Buch im Jänner auf Deutsch erscheinen wird.

Wer ist Bill Beverly?

In der Hauptkategorie (“Gold Dagger”), hat Bill Beverly (“Dodgers”), von dem bislang nichts übersetzt wurde, gewonnen. Beverly hat auch in der Kategorie “New Blood Dagger” für den besten Newcomer gewonnen und wird relativ euphorisch mit Richard Price, Denis Johnson und J.D. Salinger verglichen. Inhaltlich geht es laut Verlag darum: It is the story of a young LA gang member named East, who is sent by his uncle along with some other teenage boys—including East’s hothead younger brother—to kill a key witness hiding out in Wisconsin. The journey takes East out of a city he’s never left and into an America that is entirely alien to him, ultimately forcing him to grapple with his place in the world and decide what kind of man he wants to become.

Den “CWA International Dagger” konnte übrigens Pierre Lemaitre, der bereits 2013 und 2015 erfolgreich war, mit “Wir sehen uns dort oben” gewinnen. Meine Kollegin Doris Kraus hat in der “Presse” darüber folgendes geschrieben:

“Pierre Lemaitre hat mit „Wir sehen uns dort oben“ einen wunderbar vielschichtigen Roman abgeliefert. Einerseits merkt man dem Buch die bisherige literarische Erfahrung des Autors als Krimischriftsteller an. Lemaitre steigert die Spannung sukzessive und schafft es, den Leser immer wieder zu überraschen. Gleichzeitig aber hat er ein fantastisches Gesellschaftsporträt Frankreichs zwischen den Weltkriegen geschrieben. Lemaitres ganze Sympathie gilt dem kleinen Mann, als dessen Archetyp Albert durch die Geschichte stolpert, aber dennoch wild entschlossen, am Ende das Richtige zu tun.”

 

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Don Winslows “Das Kartell” soll verfilmt werden

(c) Knopf

(c) Knopf

Lange hieß es, Don Winslows “Tage der Toten” solle verfilmt werden. Mittlerweile zweifle ich daran. Dennoch könnte Winslow demnächst zu Hollywood-Ehren kommen. Denn nun brodelt die Gerüchteküche wieder über: Seine Fortsetzung “Das Kartell” (im Original: “The Cartel”) wird als heißer Kandidat für eine Verfilmung gehandelt. Der “Hollywood Reporter” berichtet, dass niemand geringerer als Star-Regisseur Ridley Scott federführend hinter dem Projekt stehen soll. Die Rolle von Drogenfahnder Art Keller soll laut “Deadline” Leonard Di Caprio spielen. Woher das plötzliche Interesse kommt, liegt auf der Hand: Die spektakuläre Flucht des berüchtigten mexikanischen Drogenbosses “El Chapo” Guzman hat weltweit für Schlagzeilen (siehe: “Ein Loch in den Grundfesten Mexikos”, “Wie Drogenboss ‘El Chapo’ die Flucht gelang”) gesorgt.

Nun widmet Winslow in “Das Kartell” seinem fiktiven Drogenboss Adan Barrera, der klar erkennbar an dem realen “El Chapo” angelehnt ist, und dessen Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Buches. Barrera führt im Gefängnis seine Geschäfte weiter, der große Teil des Gefängnispersonals steht auf seiner Seite. Das wird wohl auch beim realen “El Chapo” nicht viel anders gewesen sein. Wer will diesen Mann schon zum Feind haben? Eine Flucht ohne Mithilfe von innen erscheint sehr unwahrscheinlich.

Aber welche Wahl hat man schon als einfacher Gefängniswärter? “Die meisten waren scharf auf das Geld. Leute, die zögerten, bekamen im Gefängnis Besuch von Diego, und er zeigte ihnen Fotos von ihren Frauen und Kindern”, schreibt Winslow auf Seite 41 von “Das Kartell”. “Drei Wachmänner weigerten sich trotzdem, Geld zu nehmen. Diego lobte sie für ihre Integrität. Am nächsten Morgen fand man sie mit durchschnittenen Kehlen.”

Das stimmt mit den Darstellungen in Malcolm Beiths Sachbuch “El Chapo. Die Jagd auf Mexikos mächtigsten Drogenbaron” überein: “Für den seltenen Fall, dass Geld allein nicht ausreichte, einen Wärter oder Mithäftling dazu zu bringen, Chapos Anordnungen zu folgen, wurde mittels Drohungen sichergestellt, dass sie dennoch kollaborierten. Diejenigen, die sich weigerten, für Chapo zu arbeiten, wurden Jaime Leonardo Valencia Fontes gemeldet, einem Häftling, der als Chapos rechte Hand agierte. Valencia ging dann auf den Wärter oder Häftling zu und sagte: ‘Hör mal, es heißt, du bis von uns genervt und weißt unsere Freundschaft nicht zu schätzen. Mach dir keine Sorgen, hier haben wir … ‘ Dann pflegte er ein Notebook oder einen Organizer hervorzuholen und dem Widerspenstigen unter die Nase zu halten. ‘… die Adresse von dir und deiner Familie. Wie du siehst, alles kein Problem.’ Daraufhin spielten fast alle mit.”

Wer nicht so lange warten will, kann schon bald die TV-Serie “Narcos” (auf Netflix) sehen, wie “Der Schneemann” auf seinem Blog schreibt.

 

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Krimis, die man 2015 lesen sollte (VI)

(c) Polar

(c) Polar

Hiermit hole ich die – aus meiner persönlichen Sicht – interessantesten Krimi-Neuerscheinungen des Monats Juni nach. Ein Buch ragt dabei für mich heraus: Der in Vergessenheit geratene Krimi-Klassiker “Cutter und Bone” von Newton Thornburg. Ich war schon knapp davor, mir die amerikanische Originalversion zu kaufen, ehe ich vor Monaten begeistert erfuhr, dass ausgerechnet der von mir hochgeschätzte Kleinverlag Polar das Buch nach Jahren endlich wieder auf Deutsch – mit einem Vorwort von Thomas Wörtche – herausbringt.

Der Verlag schreibt: Es gibt keine Garantie für Gerechtigkeit. Santa Barbara in den frühen 1970ern. Richard Bone, der seine Frau und seine Kinder verlassen hat, um sich mit dem Verführen reicher Touristinnen durchs Leben zu schlagen, beobachtet eines Nachts, wie eine Leiche in einem Mülleimer entsorgt wird. Als er am nächsten Tag das Foto des Redneck-Millionärs J.J. Wolfe in der Zeitung sieht, glaubt er, den Mörder wiederzuerkennen. An der Seite seines Freundes Cutter, einem zynischen, versehrten Vietnamveteranen, beginnt die Jagd auf einen Mörder, der sie bis in die Ozarks führen wird.

(c) Heyne Hardcore

(c) Heyne Hardcore

Ebenfalls vielversprechend klingt Jim Thompsons “Südlich vom Himmel”. Das Besondere: Diesmal handelt es sich um eine deutsche Erstausgabe – noch dazu mit einem Nachwort von Friedrich Ani. Ich habe vor 15-20 Jahren “Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen” gelesen und war damals, das muss ich zugeben, wenig angetan. Seitdem – damals steckte ich in einer intensiven Thrillerphase –  hat sich mein Leseverhalten aber ziemlich geändert. Ich möchte Thompson daher unbedingt wieder lesen.

Südlich vom Himmel: Für die einen ist das die Hölle, für andere die harten Ölbohrarbeiten unter der Sonne von Texas. So eine Geschichte erzählt der junge Tommy Burwell, der bei einer Ölgesellschaft anheuert. Für Tommy beginnt eine harsche Zeit, denn sein alter Kumpel Four Trey Whitey setzt ihn für Sprengarbeiten ein. In diesem von hemmungsloser Gewalt geprägten Milieu muss Tommy sich seinen Platz erkämpfen. Er lebt ein Leben in Blut, Schweiß und Tränen. Als die Brüder seiner Freundin Carol planen, die Lohnkasse zu rauben, wird es eng für Tommy …

(c) Blanvalet

(c) Blanvalet

Tja, und dann gibt es dann noch so einen Autor, den ich eigentlich schon abgehakt hatte. Lee Child konnte mich vor Jahren mit “Sein wahres Gesicht” ebenfalls nicht überzeugen. “Der Anhalter”, der 17. nun auf deutsch erschienene Band rund um Kultfigur Jack Reacher, hat mich – ich habe das Buch bereits ausgelesen – wider Erwarten voll gepackt. Ich habe gleich darauf im Urlaub noch einen Reacher (“Way Out”, Band 10) gelesen. Interessanterweise schneidet “Der Anhalter” bei den amazon-Bewertungen so schlecht ab wie kein anderer Reacher-Roman. Ich bin also momentan ein wenig verwirrt: Was kann ich von meinen früheren Urteilen halten? Oder war “Sein wahres Gesicht” einfach schlecht? Und warum hat mich ausgerechnet “Der Anhalter” bei all seinen Schwächen dennoch perfekt unterhalten? Aber dazu bald mehr!

Jack Reacher bemühte sich, harmlos auszusehen, was ihm mit seiner großen, massigen Gestalt und der gebrochenen Nase nicht leicht fiel. Umso dankbarer war er, als endlich ein Auto hielt, um ihn mitzunehmen. Die Frau und die beiden Männer im Wagen waren offensichtlich Kollegen, zumindest schloss Reacher das aus ihrer einheitlichen Kleidung. Er wusste nichts von ihrer Verwicklung in den Mord, der nicht weit entfernt verübt worden war. Für die Insassen des Wagens war Reacher nur eine Möglichkeit, die Polizei von sich abzulenken. Sie ahnten nicht, wer bei ihnen im Auto saß. Schließlich sah Reacher aus wie ein harmloser Anhalter …

(c) Droemer

(c) Droemer

Und dann muss ich hier auch noch Don Winslows “Das Kartell” erwähnen, das ich ja zuletzt hier besprochen habe. Aber eine Juni-Liste ohne Winslow erscheint mir irgendwie unvollständig.

Sie waren mal beste Freunde. Aber das ist viele Jahre und unzählige Tote her. Der Drogenfahnder Art Keller tritt nun an, um Adán Barrera, dem mächtigen Drogenboss, für immer das Handwerk zu legen. Er begibt sich auf eine atemlose Jagd und in einen entfesselten Krieg, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse schon längst verschwunden sind: Eine wahrhaft erschütternde, genau recherchierte Geschichte über die mexikanisch-amerikanischen Drogenkriege, über Gier und Korruption, Rache und Gerechtigkeit, Heldenmut und Hinterhältigkeit.

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Don Winslow: Das Kartell

(c) Droemer

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US-Autor Don Winslow hat einen grundlegenden Fehler gemacht: Er hat die perfekte Crime Novel “Tage der Toten” geschrieben. Damit hat er die Messlatte sehr, sehr hoch gelegt. Vergleicht man nun die Fortsetzung “Das Kartell” mit dem Vorgänger, kann man daher ernüchtert sein. Da fehlt die Raffinesse, die Eleganz, die Präzision. “Tage der Toten” überzeugte durch seine vielen Figuren und Nebenhandlungen. Da waren auch dieser Killer Sean Callan, der aussteigen will und die “heilige” Prostituierte Nora Hayden, die Pater Parada abgöttisch liebt. Da waren zwar einerseits brutale Szenen, die beim Lesen wehtaten, aber auch stille Momente, schöne Bilder.

Bei “Das Kartell” ist davon nicht viel geblieben. Es ist das gnadenlose Duell zweier Männer – des Drogenfahnders Art Keller und des Drogenbosses Adan Barrera. Es ist zudem die Stunde der Zetas, des wohl brutalsten Kartells des mexikanischen Drogenkriegs. Dessen Motto: Plata o plomo. Silber oder Blei – entweder du lässt dich bestechen, oder du (und oft deine Familie) stirb(s)t. Es ist ein hyperrealistisches Buch, das offenbar jedem einzelnen Toten des jahrelangen Drogenkriegs gerecht werden will (denn teilweise reiht sich tatsächlich fast jedes einzelne Gemetzel an das nächste). Ich verstehe daher die Kritik von Alf Mayer, der auf culturmag meint, dass Winslow die mexikanische Wirklichkeit meist nur nacherzähle und sie nicht zu etwas verdichte, “das man Literatur nennen könnte.” Und: “Es fehlen Eleganz, Besonderheit, Risiko, Temperament – und am schlimmsten, wirkliche Empathie für all das Leid, auch wenn sie behauptet wird. Winslow will cool sein, das ist sein Hauptaugenmerk. Hier ist das öfter ziemlich obszön.”

„Mexiko, das Land der Pyramiden und Paläste, der Wüsten und Dschungel, der Berge und Strände, Märkte und Gärten, Boulevards und Gassen, Plazas und Patios ist jetzt nur noch ein Schlachthof. Und wozu das Ganze? Damit sich die Amis mit Drogen vollpumpen können.“

Ich stimme ihm zu, dass Winslow tatsächlich eine Chronologie des Grauens geschrieben hat. Es ist großteils eine Nacherzählung. Aber eine Nacherzählung, die mich schockiert und gefesselt hat. Und ja, nach der weiß ich wievielten Folterszene hat auch bei mir eine Abstumpfung eingesetzt. Irgendwann habe auch ich angesichts all dieser unvorstellbaren, scheinbar sinnlosen Gewalt resigniert. Aber ist nicht genau das auch der Grund, warum hierzulande und in den USA fast jedem egal ist, was da in Mexiko passiert? Es scheint so unverständlich, so unbegreifbar, was da passiert. Wenn man da wieder von 40 kopflosen Leichen hört, interessiert das einfach niemanden mehr. Meiner Meinung nach macht Winslow diese Mechanismen mit seinem Buch begreifbar.

Ich glaube auch nicht, dass Winslow cool sein will. Mayer kritisiert, dass Winslows typischer Stil der kurzen Sätze in “Das Kartell” zu einem Bleigewicht werde: “Man stelle sich vor, die „Buddenbrooks“ oder „Krieg und Frieden“ oder „Der große Gatsby“ wären weitgehend in Hauptsätzen und mit Einzeilern erzählt. Zunehmend ertappte ich mich beim Lesen, wie ich mich Fantasien hingab, nun spaßeshalber die Winslow-Versionen großer Romane zu schreiben. Alles auf Steichholzlänge zu stutzen und damit dennoch die hohen Töne zu pfeifen versuchen. „Hundert Tage Einsamkeit in hundert Sätzen“, „Moby Dick für Dummies“, „Karl Marx für Anfänger“. Mit Pathos auf Pulp-Niveau. Kitsch und Klischees freigebig aus dem großen Streuer.” Dass sein Buch mit “Krieg und Frieden” verglichen wird, dafür kann Winslow nichts. Verlage neigen nun leider zu Superlativen. Dass diese kurzen Sätze kraftmeierisch daherkommen, finde ich nicht. Ich fände es im Gegenteil teilweise unpassend, das Grauen unnötig auszuschmücken.

„Amerikaner kiffen, schnupfen, spritzen, was das Zeug hält – Marihuana, Kokain, Heroin, Crystal Meth –, und haben dann den Nerv, auf den Süden zu zeigen und mit erhobenem Zeigefinger auf das ,mexikanische Drogenproblem‘ und die mexikanische Korruption zu verweisen.“

Auch fehlende Empathie wird Winslow vorgeworfen. Kaum eine Figur entwickle eine eigene Stimme, meint auch Sonja Hartl auf zeilenkino. Ja das stimmt. Das hat auch mir manchmal gefehlt. Allerdings hätte ich es angesichts all des Leids auch unpassend gefunden, auf die Gefühlsdrüse zu drücken. Zudem macht Winslow sehr wohl typisch mexikanische Schicksale deutlich, er nimmt sich dafür auch viele Seiten Zeit. Das bremst zwar die Handlung, hilft aber zu verstehen, was da in Mexiko passiert. Ob es nun der engagierte mexikanische Journalist ist oder jener Jugendliche, der zum brutalen Zetas-Killer wird.

Die Figur des fiktiven Drogenboss Adan Barrera ist übrigens sehr stark an den realen Drogenboss Joaquin “El Chapo” Guzman angelegt. Zu Beginn von “Das Kartell” gelingt Barrera die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis (Guzman war das 2001 gelungen). Vor wenigen Tagen ist es Guzman erneut gelungen, aus einem bis dahin ausbruchssicheren Gefängnis auszubrechen (mehr dazu auch hier: “Ein Loch in den Grundfesten Mexikos”). Das ist ohne Hilfe korrupter Beamter oder Politiker eigentlich undenkbar, wie jeder weiß, der “Das Kartell” gelesen hat.

Dankbar bin ich Alf Mayer aber für seine wertvollen Hinweise, was weiterführende Literatur betrifft. Er erwähnt Charles Bowden, Elmer Mendoza, James Carlos Blake, Sam Hawken und Johann Haris (von den beiden letztgenannten erscheinen demnächst Bücher auf Deutsch). Ich werde mich da auf alle Fälle weiter vertiefen.

Für alle Interessierten könnten auch diese Filme interessant sein:

“The House I live in” – Amerikas längster Krieg (habe ich leider zuletzt auf arte verpasst)

Die Dokumentation “Cartel Land”

Der Film “El Sicario” von “Prisoners”-Regisseur Denis Villeneuve (demnächst im Kino)

7 von 10 Punkten

Don Winslow: Das Kartell, übersetzt von Chris Hirte, 832 Seiten, Droemer.

http://www.newyorker.com/magazine/2015/07/06/the-system-books-laura-miller

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KrimiZeit-Bestenliste im Juli: Ein Abgleich

(c) Ariadne Kriminalroman

(c) Ariadne Kriminalroman

Urlaubsbedingt war es auf crimenoir in den vergangenen Woche ziemlich still. Das ändert sich nun wieder. Zunächst will ich gleich mal meinen allmonatlichen KrimiZeit-Abgleich nachholen. Über Merle Krögers “Havarie” und Don Winslows “Das Kartell” werde ich hier in Kürze schreiben. Ich finde die hohen Platzierungen beider Bücher gerechtfertigt, obwohl dies bei Winslow einige Krimiexperten durchaus anders sehen.

Vor allem Alf Mayer erklärt auf culturmag in einer Abrechnung sehr ausführlich, warum Winslows 800-Seiten-Epos seiner Meinung nach “im Meer der Fakten Schiffbruch erleidet”: “Die Buchdeckel sind eh nur pro Forma, handelt es sich doch inhaltlich um einen ziemlich geschmacksneutralen, aufgeblähten Guglhupf. Winslows Hefeteig ist die mexikanische Wirklichkeit, monströs genug, aber er erzählt sie meist nur nach, verdichtet sie nicht zu etwas, das man Literatur nennen könnte. Dies in einer Kraftmaxen-Prosa, die stets tut, als hätte sie alles im Griff. Aber es fehlen Eleganz, Besonderheit, Risiko, Temperament – und am schlimmsten, wirkliche Empathie für all das Leid, auch wenn sie behauptet wird. Winslow will cool sein, das ist sein Hauptaugenmerk. Hier ist das öfter ziemlich obszön.”

Auch Sonja Hartl zeigt sich auf zeilenkino wenig begeistert: “Doch obwohl das Buch über 800 Seiten lang ist, entwickelt kaum Figur eine eigene Stimme – eine mögliche Ausnahme ist der Reporter Pablo Mora, dessen Potential Winslow leider nicht ausschöpft –, vielmehr werden Ereignisse und Erlebnisabschnitte abgehandelt. Möglichst schnell, möglichst abgehakt und möglichst didaktisch.”

Die beiden haben mit ihrer Kritik durchaus recht, ich werde aber zu erklären versuchen, warum ich “Das Kartell” und Don Winslow weiterhin für ausgesprochen lesenswert halte.

Zu den weiteren Büchern: Sara Grans “Dope” werde ich wohl auslassen, ich konnte schon die allgemeine Begeisterung über die Claire-DeWitt-Krimis nicht ganz nachvollziehen und ich werde daher von diesem Frühwerk mal die Finger lassen. Ebenso wie von Dominique Manottis “Abpfiff” – auch mit dieser hochgelobten Autorin bin ich noch nicht so ganz warm geworden.

Gary Victors Haiti-Krimi “Soro” will ich hingegen unbedingt lesen. Antonin Varennes “Die sieben Leben des Arthur Bowman” habe ich hier ja schon mal erwähnt, ich werde aber wohl erst das Erscheinen der Taschenbuch-Ausgabe abwarten.

Die Liste im Überblick:

1 (-) Merle Kröger: Havarie
2 (3) Sara Gran: Dope
3 (-) Don Winslow: Das Kartell
4 (2) Dominique Manotti: Abpfiff
5 (5) Gary Victor: Soro
6 (-) Carol O’Connell: Kreidemädchen
7 (-) Roger Smith: Leichtes Opfer
8 (-) Wu Ming: 54
9 (8) James Ellroy: Perfidia
10 (-) Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman

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Der patriotische US-Thriller-Autor: Tom Clancy ist tot (1947-2013)

(c) Heyne

(c) Heyne

Tom Clancy, Meister des Polit- und Techno-Thrillers, ist tot. Seinen ersten großen Erfolg feierte er 1984 mit dem U-Boot-Thriller “Jagd auf Roter Oktober”, der auch mit Sean Connery verfilmt wurde. “Die Stunde der Patrioten” (1987) und “Schattenkrieg” (1989) wurden ebenfalls verfilmt. Ich muss zugeben, dass ich kein besonders großer Clancy-Fan war. Ich habe bereits vor Jahren die Rache-Geschichte “Gnadenlos” und “Schattenkrieg” gelesen. Sein hyper-patriotischer Zug hat mich aber genervt. “Clancy bildete Amerika ab, wie es Amerika und seine Fans mögen, als starke Nation voller Helden wie aus Hollywood-Filmen”, schreibt dazu auch heute “Die Presse”. Zu seinem vorletzten auf Deutsch erschienenen Buch “Gegen alle Feinde” schrieb die Zeitung übrigens 2012 unter dem Titel “Der alte Krieger wird nicht müde”: “Subtilität ist nicht sein Ding. (…) Clancy steht für die USA der Reagans und der Bushs: Es geht um den Kampf für Werte, völlig freie Marktwirtschaft, Familie und christlichen Glauben. Mit Obama, EU und staatlichen Gesundheitssystemen kann er nichts anfangen. Aber Räuberplots kann er sich ausdenken.”

Ich will aber trotzdem hier kurz sein Werk würdigen. Ich habe dazu Hans-Peter Schwarzs Buch “Phantastische Wirklichkeit. Das 20. Jahrhundert im Spiegel des Polit-Thrillers” (DVA Verlag) aus meinem Regal herausgesucht. Schwarz schreibt darin über Eric Ambler, Robert Ludlum (mit dem ich übrigens ebenfalls so meine Probleme habe), Frederick Forsyth, John le Carre, Graham Greene, Ian Fleming und eben Tom Clancy. “Ganz offenkundig steht kein anderer amerikanischer Thriller-Autor dem Pentagon so nahe wie Tom Clancy”, schreibt Schwarz in dem 2006 erschienenen Buch. “Sein Ehrgeiz ist darauf gerichtet, die Totalität moderner Sicherheitspolitik virtuell abzubilden, und dies aus sehr konservativem, patriotischem und unverhohlen militaristischem Blickwinkel.”

(c) DVA

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Clancy betrachtete das imperiale Amerika demnach als eine “ur-demokratische Gesellschaft”. Nachzuvollziehen ist das auch an seiner bekannten Figur Jack Ryan, die es in seinen Büchern vom einfachen CIA-Mitarbeiter bis ins US-Präsidentenamt schafft. Natürlich ist Ryan zudem ein “exzellenter Familienvater”. Schwarz will aber auch erkennen, dass Clancy dem amerikanischen Feminismus demutsvoll huldigt: “Sehr breit und wohlüberlegt werden die Schicksale der Ehegattin Jack Ryans mit seinem Aufstieg verwoben.”

Am Patriotismus gab es jedenfalls niemals Zweifel, wie Schwarz schreibt: “Dank überlegener Waffen, dank ausgezeichneter Berufssoldaten und dank unsentimentaler Anti-Terror-Einheiten, doch ebenso kraft seines demokratischen Glaubens und seines Patriotismus, bleibt Amerika immer siegreich.” Schwarz zufolge trägt Clancys Thriller “Befehl von oben” auch folgende Widmung: “Für Ronald Wilson Reagan, vierzigster Präsident der Vereinigten Staaten: der Mann, der den Krieg gewann.”

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